Frauenblick – Warschau 2

Monika Wrzosek-Müller

Swidermajer – ein Juwel der Umgebung von Warschau

Die Bahnlinie, die schon in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Otwock oder noch weiter fuhr, brachte in der Zwischenkriegszeit alle nach frischer Luft Hungernden in die Sommerfrische. Die Lage an der Weichsel und dem Flüsschen Swider, inmitten von Kiefernwäldern, garantierte gutes, gesundes Klima. So ist es nicht erstaunlich, dass die schönsten und größten Villen, Pensionen und Hotels direkt an der Bahn entstanden. So war das in Falenica, Jozefów, Swider und Otwock.

Der Zeichner und Maler Michal Elwiro Andriolli, derselbe, der die Werke von Mickiewicz und Shakespeare illustriert hatte, entwarf erst einmal für sich selbst eine Holzvilla in der Nähe des Flüsschens Swider, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte. Da die Nachfrage nach dieser Art von Häusern plötzlich stieg, entwarf er viele Pläne für typische Sommerhäuser entlang der Bahnlinie. Jemand sagte, sie seien eine Kreuzung zwischen russischer Datscha und alpiner Schihütte, aber erst der Dichter Konstanty Ildefons Gałczyński gab dem Stil in seinem Gedicht „Der Ausflug nach Swider“ den prägnanten Namen Swidermajer („Diese Villen, wie der Wojewode will, sind im Swidermajer-Stil“; meine Übersetzung). Mich erinnern sie auch sehr an den Gebäudekomplex der Lungenklinik in Beeliz und an die Bäderarchitektur der Ostseeküste, wobei dort eigentlich nur die Veranden in Holzbauweise ausgeführt wurden; es soll sogar eine fabrikmäßige Produktion dieser Art von Häusern in Wolgast gegeben haben; sie wurden Wolgasthäuser genannt. Im Fall von Andriolli wäre eher die Anlehnung an russische Vorbilder denkbar, denn er verbrachte in Russland fünf Jahre der Verbannung wegen der Teilnahme am Januaraufstand 1863.

Den Stil charakterisierte eine leichte Holzkonstruktion und Holzverkleidung, obwohl einige der größeren Objekte doch in solider Ziegelbauweise hochgezogen und nur mit Holz verkleidet wurden. Die auffälligen Stilelemente waren: die vertikal und horizontal verlaufende Holzverkleidung, ein Satteldach, hölzerne, verzierte Fensterläden und die besonders schönen, reich geschmückten Veranden, oft mit Buntglasfenstern. Die Verzierungen an den Giebeln zeigten oft pflanzliche, seltener Tiermotive. Meistens wurden die Häuser nur in den Sommermonaten genutzt und standen im Winter leer. Der größten Popularität erfreuten sie sich nach dem Tod Andriollis, also nach 1893; allein in Otwock gab es um die 500 solcher Objekte. Die Mehrheit der Besitzer solcher Häuser gehörte der jüdischen Mittelklasse (über 50%) aus Warschau an. Schon 1893 entstand in Otwock das erste Sanatorium für die Behandlung von Lungenkrankheiten (Tuberkulose, Asthma etc…). 1923 erhielt Otwock sogar den Status eines Kurbads; es gab ein Casino, viele Cafés und Restaurants. Viele bekannte polnische Persönlichkeiten waren Gäste in den zahlreichen Pensionen, darunter Władysław Reymont, Józef Piłsudski, Henryk Sienkiewicz, Bolesław Prus, Julian Tuwim und Janusz Korczak. Es gehörte zum guten Ton, sich dort zu zeigen, sich am Wochenende zu treffen, mit ganzen Familien, Kindern, Großeltern.

Mein Vater besaß noch in den 80er Jahren zwei Grundstücke in Jozefów, das eine bewaldet und nicht zu bebauen, das andere konnte er irgendwann später als Bauland verkaufen. Wir fuhren in den sechziger und siebziger Jahren oft dorthin, um Verwandte zu besuchen, die in einem halb aus Holz errichteten, halb verputzten Haus wohnten, mit einem riesigen Garten, und ich erinnere mich an einen Opa (meine beiden echten waren im Krieg gefallen), der dort Bienen züchtete. Wir gingen auf den Sandpfaden zum Weichselufer oder, was ich nicht so sehr mochte, zum Swiderufer. Die Holzhäuser sind mir als verfallene, ungepflegte Ungeheuer in Erinnerung geblieben. Da war ihre Glanzzeit eindeutig vorbei.

Nach dem Krieg und dem Verschwinden der Juden wurden die Häuser ihren ursprünglichen Funktionen beraubt. Zwar waren sie als Sommerhäuser entworfen worden, ohne Heizung oder fließendes Wasser, doch wegen der Zerstörung Warschaus bewohnten sie viele obdachlos gewordenen Menschen ganzjährig. Es entstanden Slums, das Wasser im Fluss Swider wurde verunreinigt, oft gab es im Sommer Brände, denen viele der Häuser zum Opfer fielen.

Die Häuser verfielen und verfallen weiter, erst nach der Wende gab es erste Versuche, einige zu restaurieren. Die Kosten für solche Unternehmungen waren und sind horrend, weshalb nur wenige Exemplare wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt werden konnten. Manche waren in Privatbesitz geblieben und wurden auch erhalten, doch die meisten verschwanden. Immer noch kann man die in großen Gärten gelegenen Ruinen finden, doch es werden immer weniger; nur wenige Objekte wurden unter Denkmalschutz gestellt.

Ein schönes Beispiel für die Restaurierung nach fast vollständiger Zerstörung ist die Pension Gurewicz, das größte Holzhausensemble in Polen. Es entstand in mehreren Etappen; seit 1906 wurde bis 1921 immer wieder ein Flügel oder ein Anbau hinzugefügt. Fairerweise muss man sagen, dass es sich um ein eben nur mit Holz verkleidetes Haus handelt. Zuerst war es als Privatvilla der Familie Gurewicz konzipiert, dann wurde es zum Sanatorium für ca. 80 Gäste. Gleich nach dem Krieg beherbergte es ein Militärkrankenhaus und 1948 verkaufte die Familie Gurewicz das Ensemble. Es wurde weiterhin als Krankenhaus genutzt, dann als Medizinisches Lyzeum, irgendwann war es in einem derart schlechten Zustand, dass es mehrere Jahre leer stand. In einem Zustand des völligen Zerfalls übernahm eine Autofirma das Objekt, um darin eine orthopädische Klinik einzurichten. Die Kosten für die Wiederherstellung wurden auf 10 Millionen Euro geschätzt. Von der ursprünglichen Idee, das Haus zu restaurieren, sind die Architekten abgegangen; das Haus wurde zerlegt und wieder neu aufgebaut, getreu nach den Fotos und Zeichnungen, getreu den erhalten gebliebenen Elementen. Es war das einzige Verfahren, um das Ensemble zu retten und ihm zugleich eine neue Funktion zu geben; natürlich stritten die Konservatoren, die Architekten, die Innendesigner, die Eigentümer, die Klinikexperten – und herausgekommen ist ein Kompromiss; so viele Funktionen zusammenzubringen, war eine echte Aufgabe und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen und vielen Leuten gefallen.

Für das normale Publikum sind der großzügig angelegte Garten und ein Restaurant mit einer großen Sommerterrasse zugänglich; alles in einem wunderbar gepflegten Zustand.

Frauenblick – Warschau 1

Monika Wrzosek-Müller

Tu zaszła zmiana – Hier ist eine Veränderung eingetreten

Es hat mich wieder anderswohin verschlagen; zugegeben, es ist meine Heimatstadt Warschau, doch nicht das Viertel, in dem ich früher gewohnt habe. Auch sonst erkenne ich meine Stadt kaum wieder, natürlich gibt es noch den Kulturpalast und die Altstadt und die Wohnblocks und die Busse und Straßenbahnen, doch scheint mir alles sauberer, funktioneller, schneller, moderner. Es gibt viele Elektro-Busse, die ganz leise auf der Straße summen, und die Straßenbahnen sind ganz modern; um den Kulturpalast ist eine Skyline entstanden, die sehr schön mit ihm harmoniert. Lange Jahre war ich in Warschau immer nur mit tausenden von Erledigungen, Telefonaten, Terminen und Treffen beschäftigt, immer gezwungen, in kürzester Zeit ein Maximum an Problem zu lösen, so dass ich das das normale Leben rundherum und die Veränderungen kaum wahrnahm. Natürlich ist die äußere Schicht jetzt menschenfreundlicher, viele alte Gebäude restauriert oder wenigstens neu verputzt, angestrichen; sie sehen frisch, hell und angenehm aus. Die Trottoirs sind begradigt, die Löcher verschwunden, überall stehen Müllkörbe, manche Bushaltestellen sind zum Verlieben, mit schönen hölzernen Bänken und Glashäuschen, und die Busse fahren pünktlich.

Und doch frage ich mich komischerweise immer wieder: ist das jetzt besser, sind die Leute glücklicher, entspannter, freundlicher? Leider fällt die Antwort nicht oft positiv aus, es gibt riesige Unterschiede zwischen den Klassen oder gesellschaftlichen Schichten; das ist überall sichtbar. Und so wird die Wirklichkeit auch ganz verschieden wahrgenommen; an Übertreibungen in beiden Richtungen fehlt es nicht. Und leider verschwindet, die von mir so geliebte Spontanität in den zwischenmenschlichen Beziehungen; man trifft sich viel weniger, vieles ist sehr formell geworden. Bei meiner Yogagruppe reden die jungen Leute überhaupt nicht miteinander, sie sind todernst mit ihren perfekt ausgeführten Asanas beschäftigt. Auf meine Frage, wo hier die Matten seien, gab es keine Antwort, keine einzige, obwohl in der Garderobe sechs junge Frauen saßen und keine von ihnen ein Neuzugang war.

Jetzt versuche ich doch über eine sehr positive und sichtbare Veränderung zu berichten, die mich besonders gefreut hat und neue Ausblicke auf das Warschauer Panorama bietet. Ich meine die Ufergebiete an der Weichsel, sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite. Eine Stadt, die am Fluss gebaut wurde, ist anders; es gibt immer das eine und das andere Ufer, es braucht Brücken, auch wenn man diese Tatsache manchmal fast vergisst, bildet so ein Fluss ein ständig präsentes Element der Stadtlandschaft. Früher, viel früher war der Fluss eine natürliche Barriere, die vor Feinden schützte, der Fluss diente als Transportweg und wunderbare Wasserquelle. Nach der Industrialisierung und vor allem mit dem Erscheinen von Autos als Transportmittel bewegte sich die Bebauung oft vom Flussufer weg. So war das auch in Warschau, obwohl immer wieder versucht wurde, die Weichsel für den Wassersport zu nutzen – es gab sogar eine Weichselflotte – wurden die Ufer vernachlässigt. Niemand wäre in meinen jungen Jahren auf die Idee gekommen, an der Weichsel spazieren zu gehen, schon gar nicht auf dem rechten Weichselufer, das völlig von Gestrüpp überwachsen war, morastig, gefährlich und verschmutzt und auch wirklich unzugänglich. Dann kam die Veränderung; Schon um 2000 entstanden am linken Ufer so prominente Bauten wie das Wissenschaftszentrum Kopernikus, die Universitätsbibliothek, das Museum für Moderne Kunst an der Weichsel, schon von weitem sichtbar. Dazu kam der Ausbau des Fahrrad- und Spazierwegs mit vielen Cafés und Restaurants. Plötzlich war das Ufer sichtbar und die Leute flanierten hier, im Sommer verlagert sich das Nachtleben mit den vielen Bars, Clubs und Events ans Ufer. Später kam dann die Zeit für die rechte Seite: das Nationalstadion wurde erneuert, fast neu gebaut, auch da passierte vieles, doch zum Glück nicht zu viel.

Die Weichsel ist im Stadtgebiet von Warschau 28 km lang, ein ganzes Stück; sie ist wenig reguliert und asymmetrisch, d.h. auf der rechten Seite ganz flach, auf der linken erhöht. Immer schaute man auf das rechte Ufer von oben herab, da gab es die schlechteren Wohnviertel, es war nicht das Zentrum, allenfalls für die Industrie. Doch siehe da, nach 2017, dem „Jahr der Weichsel“, hat sich vieles verändert. Es wurden mehrere großartige Strände am rechten Weichselufer angelegt, mit richtig schönem Sand, im Sommer kursiert auch eine kostenlose Fähre, die beide Uferseiten verbindet. Der naturbelassene Weg nah am Wasser ist inzwischen fast ganze 28 Km lang, hauptsächlich rasen darauf Radfahrer, aber man kann doch auch spazieren gehen. Es gibt Sportklubs mit Rudervereinen und Tennisplätzen, doch alles sehr zurückgezogen; Hauptsache bleibt die Natur mit den vielen Weiden, den Pappeln und den Wiesen, ein riesiges Gebiet mit vielen Vögeln, Bibern und anderen Tierarten. Die letzte Renovierung der Lazienki-Trasse brachte auch wunderbare Fußgänger- und Radfahrbrücken auf beiden Seiten der Trasse, von denen man wirklich atemberaubende Ausblicke auf Warschaus Skyline hat. Langsam entstehen auch in unmittelbarer Nähe neue Apartmenthäuser, die Gegend wird aufgewertet. Über diese Veränderung freue ich mich mächtig und empfehle jedem, der nach Warschau fährt, sich für diesen Weg Zeit zu nehmen.

Frauenblick: Pinien

Monika Wrzosek-Müller

Die italienische Schirmpinie – die Stolze

Die malerischen Landschaften mit abwechselnd gepflanzten Schirmpinien und Zypressen avancierten zu kitschigen Vorstellungen von der Toskana; man findet sie auf Postkarten, Gemälden, Tischdecken, Fresken auch auf T-Shirts. Sie sind auch wunderschön und eigen, nirgendwo sonst findet man diese Anordnung. Das Schwere, Monumentale einer Schirmpinie wird von der Schlankheit und Eleganz der Zypresse ausgewogen, ausbalanciert, es entsteht ein harmonisches Zusammenspiel; dieser Ausgleich, der in der toskanischen Landschaft immer anzutreffen ist, verleiht ihr die Harmonie und Weichheit, die ich so liebe.

Diese wunderschönen, riesigen Schirme, die mir immer als schattenspendende Gewächse in den Sinn kommen, verlangen so wenig von der Natur, halten so viel aus: extreme Dürre, extreme Hitze, extrem schlechte, aber auch gute, nährreiche Böden. Jedes Jahr bewundere ich diese Giganten in der Pineta der Feniglia, der unter Naturschutz stehenden Landzunge zwischen Ansedonia und dem Monte Argentario. Wie überleben sie die Hitze der vier Monate ohne einen Regentropfen, wie die Horden von Radfahrern und auch der Badegäste? Doch nach erstem Regen wacht die Pineta wieder auf, ist grüner als je zuvor und atmet, riecht nach Pinien, nach Harz oder nach Rosmarin, der hier auch in Fülle wächst. Manchmal, wenn ich länger durch die Pineta laufe und mir die Kronengewölbe anschaue, kommen sie mir vor, als ob sie das Vorbild für die gotischen Kathedralen mit ihren gefächerten Gewölben und schlanken Stützen und Säulen wären. Sie sind aber auch nicht aus der Ansicht von Rom und der antiken Ruinen, umgeben von abertausend Touristen, wegzudenken. Angeblich ist bis heute nicht nachgewiesen, ob sie gezüchtet wurden oder immer schon so in der Natur vorkamen. Auf jeden Fall können die Bäume selbst bis zu 250 oder 300 Jahren alt werden.

Fast jeden Morgen laufe ich oder gehe schnell mit meinem Dackel durch die Pineta, entlang der Lagune, oder auf dem Weg näher am Meer, in der Feniglia, dem acht Kilometer langen Pinienwald, auf einer Landzunge. Das ist die Art von Bewegung, die man sich in der Hitze erlauben kann. Die Pinien schließen sich über meinem Kopf zu einem Gewölbe, unten ist es zwar trocken, aber schattig. In diesem Jahr wurde der Weg an der Lagune mit Wasser besprengt, damit nicht so viel Staub durch die Fahrräder der Ausflügler aufgewirbelt wird. Der Boden ist dann angenehm kühl und an den Rändern wachsen ganz schnell, fast im Nu, grüne Pflanzen, Gräser, Blüten an den Sträuchern. Die Schnelligkeit, mit der die Natur sich von der Trockenheit erholt, ist faszinierend; im Haus, im Garten, habe ich tagelang eine Topfpflanze beobachtet, die wirklich von Minute zu Minute wuchs. Als wir ankamen, waren die Blätter ausgetrocknet; nach regelmäßigem Gießen keimten sie dann aus der Erde und wuchsen zu riesigen Blättern, nahmen immer mehr Platz im Topf ein, bis ich fast dachte, dass sie ihn sprengen würden. Dasselbe geschieht in der Pineta, wenn es mal einen Regenguss gibt; da wachen Sträucher und Pflanzen auf, deren Existenz man gar nicht wahrgenommen hat. Oft überlege ich: Wurde die Pineta angelegt oder wuchs sie da schon seit Jahrhunderten von selbst? Die Funde von Ruinen römischer Villen an zwei Stellen in Pineta würden dem widersprechen.

Die Pinien sind wie Skulpturen, ihre Stämme sind kräftig und die Äste irgendwann wie Sprossen eines Schirmes angelegt; sie brauchen ungefähr 50 Jahre, bis sich ein richtiger Schirm gebildet hat. Manchmal ähneln sie einem Riesenpilz, vielleicht ist die Eiche ein Pendant in unseren Breitengraden zu dieser Wucht und Kraft, die sich aus diesen Bäumen entwickelt. Die vertrockneten Äste fallen von selbst ab, es bleibt der immer flachere Schirm oben, er ist wahrscheinlich auch überlebenswichtig für so einen Baum unter diesen klimatischen Bedingungen. Dieses Jahr war ich erschrocken, als ich die alten Pinien an der Straße nach Grosseto total beschnitten fand, sie sahen aus wie nackte, hilflose Wesen, die verletzt worden sind und ums Überleben kämpfen. Je weniger beschattete Stellen sich unten am Boden befinden, desto geringer die Überlebenschancen des Baumes. Irgendwo habe ich gelesen, dass sie in einer Pineta sogar bis zu sechs Monaten die Hitze und Dürre aushalten können. Dann flachen die Schirme noch mehr ab und bilden eine grüne Schicht oben; unten bleibt es trocken aber schattig. Die Schirmpinien wurden Modelle für unzählige Künstler und stehen immer noch stramm und schattenspendend, man möchte sogar sagen „wie gemalt“ da. Schon seit Antike werden sie abgebildet; natürlich finden wir sie bei den impressionistischen Gemälden, aber auch in vielen Zeichnungen, Lithografien, Fotografien, später und früher.

Interessant ist die Affinität der Faschisten zu den Pinien und zur Pineta; Mussolini soll angeordnet haben, überall Pinien zu pflanzen. Es gab regelrechte Programme zur Aufforstung entlang der Küste; die Wäldchen sollten die hinter dem Strand gelegenen Getreidefelder vor der salzigen Meerbrise schützen. Die bekannten faschistischen Musterdörfer wie Sabaudia in Latium, Villagio Resta und Le Cestine in Apulien oder auch Gualdo Tadino in Umbrien wurden mit Pinienwäldern abgegrenzt. Ich erinnere mich an Fotografien in einer Trattoria in Salento, die zeigten, wie Soldaten in den 1920er Jahren die frischen Anpflanzungen von Pinien bewachten. Gerade im Süden des Landes, in Apulien, in Latium, aber auch auf den Inseln, auf Sizilien und auf Sardinien, war dies Teil der der faschistischen Agrarpolitik nach den Kampagnen zur Enteignung des Großgrundbesitzes und zur Steigerung der Getreideproduktion auf bisher ungenutzten Flächen. Es gibt sehr lange Abschnitte an der italienischen Küste, besonders am Ionischen und Tyrrhenischen Meer, die mit Pinienwäldern bewachsen sind. Die Pinie als Symbol muss auch durch ihre Stärke, Anmut und Ausdauer angezogen haben und wurde in der Zeit oft auch in den Ornamenten eingesetzt; man findet sie schon früher im Art Déco-Stil.

Wenn ich an Pinien denke, kommen mir natürlich noch die schmackhaften Pinienkerne (pinoli) in den Sinn. Sie werden viel in der italienischen Küche verarbeitet, vor allem beim Backen; ich denke an die Torta della Nonna. Sie werden aber auch im berühmten pesto genovese, anstelle von Pistazien, verarbeitet; sie garnieren Salate und manche Vorspeisen. Pinienkerne haben einen relativ hohen Fettgehalt und sind sehr nahrhaft. Sie werden manuell geerntet, die Zapfen werden heruntergeschlagen oder man wartet, bis sie von selbst herabfallen. In Italien werden sie in der Winterzeit, zwischen Oktober und März gesammelt, dann fallen aus den Zapfen die harten Samen, deren harte Schale muss man entfernen, um an den cremeweißen Kern zu kommen. Manchmal werden die Samen eingeweicht oder direkt zerstoßen; diese Arbeit ist sehr mühsam und deswegen sind die Pinienkerne sehr teuer. Inzwischen gelangen sie auf unseren Lebensmittelmarkt auch aus Asien.

Frauenblick. Warthe.

Diesmal, statt Stadtspaziergänge, eine magische Fahrt in Brandenburg

Monika Wrzosek-Müller

Warthe, mein Refugium, Einsiedelei und Domizil

Es war ein Dorf, ein Dorf gelegen zwischen uralten Wäldern, Seen, Wiesen und Feldern. Die Hügel wellten sich über den langen Wasserläufen, die hohen Gräser und Getreideähren wiegten sich im Wind. Alles schien in Bewegung und doch in absoluter Ruhe, die nur von Vogelrufen unterbrochen wurde; da waren die Kraniche, die paarweise stolzierten und oft entsetzlich schrien, auch der Kuckuck tickte wie eine Uhr, zählte die Jahre, die uns blieben, oder die Kinder, die geboren werden sollten, oder noch etwas anderes, einsam spazierten die Störche. Manchmal waren die Vogelkonzerte derart laut, dass man ins Häuschen flüchten musste, um sich unterhalten zu können. Doch die Stille täuschte, denn nachts kamen die Biber und bevölkerten die Seeufer scharenweise, die Wälder um die Ufer der Seen; sie suchten nach geeigneten Bäumen, nagten an dicken Stämmen und fällten einen nach dem anderen. Niemand konnte ihre manchmal verheerende Arbeit stoppen; die Erlen und Espen waren erledigt, jetzt kamen auch Buchen dran, nur die Eichen waren ihnen zu hart, oder schmeckten nicht. Es kamen auch Mäuse und manchmal Waschbären und der Volksmund sprach vom Wolf, der sich immer näher an die menschliche Siedlungen heranwagte, den aber niemand richtig gesehen hatte, nur wage Fotos von ihm existierten. Auch Rehe und Wildschweine sah man immer wieder, oder ihre Spuren; von den Hochsitzen an den Feld- oder Waldrändern konnte man sie gut beobachten, auch abschießen, denn Jägerkunst war allgemein verbreitet. Auf den verschlungenen Pfaden konnte man auch Schlangen sichten, sie sonnten sich an den warmen Plätzen und verschwanden geräuschlos, sobald man näherkam. Zum vollständigen Bild gehörten auch Kühe oder besser Rinder; nicht die schwarz-weißen Milchkühe, die wir aus unserer Kindheit kannten, sondern hochgezüchtete, fleischbewusste, hellbeige Tiere, die auf den Wiesen herumstolzierten oder lagen, mit unzähligen Kälbern.

Ein Dorf, auf halbem Weg zwischen dem sehr schönem alten Städtchen Templin und dem riesigen Schloss Boitzenburg gelegen. Der Weg führte immer wieder in die eine oder andere Richtung, an diesen beiden Punkten musste man vorbei. Sie markierten, bestimmten auch das Leben unmittelbar; weiter weg waren Prenzlau, Zehdenick, Lychen oder Feldberg… Immer lange Abschnitte der Landschaft mit Seen, Wäldern, Feldern, Wiesen dazwischen. In Templin hatte man eingekauft, früher vor der Pandemie die Naturtherme besucht, auch manchmal eine Eisdiele oder ein Café aufgesucht. Nach Boitzenburg fuhr man zum Kuchenessen, oder um um das Schloss oder um die Klosterruine zu wandern, immer gab es einen Rundweg; man startete und ging immer weiter, bis man irgendwann zurück am Start war.

Es war und ist ein Straßendorf, langgestreckt, auf beiden Seiten der graden Straße stehen die eher kleinen Häuser, ohne andere Planung, mit einer Kirche, einer Bäckerei, einer Kneipe. Die Häuser sind noch nicht vollständig mit Berlinern bevölkert, doch in der Kneipe versammelten sich oft die Zugezogenen und die Berliner Radler. Die Bäckerei versorgt auch mit Tageszeitungen; ein für sie wichtiges Geheimnis lüfteten sie erst nach drei Jahren Ansässigkeit: es gibt auch Jäger, die sehr gutes Wildfleisch verkaufen, sowie Bauern, die Eier an die Städter direkt abgeben; da lernte man, was ein Grünling ist und wie wirklich gutes Fleisch schmeckt. Umgeben war das Dorf mit mehreren Siedlungen, Wohnstätten mit ein paar einzelnen Häusern, mitten in der Landschaft gelegen: Luisenfelde, Metzelthin, Egarsee, Stabeshöhe, Bröddin. Am großen Warthesee gibt es viele Bungalows und Ferienanlagen, noch aus DDR-Zeiten, mit jeweils separaten Zugängen, Stegen zum See. Überhaupt war und ist der Tourismus doch eine gewisse Einnahmequelle für die Bevölkerung. Noch drei kleinere Seen liegen um das Dorf herum: kleiner Warthesee, Ratenowsee, Poviestsee; es wurde darauf gerudert und geangelt; es gibt auch einen Anglerverein im Dorf, wo man sich die Erlaubnis fürs Angeln holen konnte.

Das Dorf liegt in einem Gebiet, das vor sehr langer Zeit von verschiedenen Stämmen, sowohl germanischen als auch slawischen, bewohnt war, dann später auch Teil des Heiligen Römischen Reiches wurde, als Markgrafschaft Nordmark, schon früh im 12. Jahrhundert bildete die Region einen kleinen Teil der Mark Brandenburg. Das Dorf wurde zum ersten Mal 1295 in Dokumenten erwähnt, es gehörte zu einem Territorium, das vom Kloster Marienpforte verwaltet wurde. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts ging es in den Besitz der Familie von Arnim über, die auf Schloss Boitzenburg lebte und große Ländereien in der Umgebung besaß.

Nach der Wende kam, ein paar Kilometer von Warthe entfernt, Daisy Gräfin von Arnim, die Apfelgräfin, auf das Gut in Lichtenhain zurück und baute das alte Verwalterhaus aus. Es ist ein beliebtes Ausflugsziel, mit einem Café im Garten und Apfelspezialitäten, einem Hofladen mit vielen Apfelprodukten und Mosterei, in der man eigene Äpfel zu Saft verarbeiten lassen kann. Die Wege um das Gutshaus sind mit Apfelbäumen gesäumt und sehen in fast jeder Jahreszeit wunderschön aus.

Die erste Kirche in Warthe wurde höchstwahrscheinlich auf dem Priesterberg errichtet, ungefähr an derselben Stelle wurde später, in den 1840er Jahren, ein Glockenstuhl errichtet, (im Dreißigjährigen Krieg war das Dorf stark verwüstet worden); rundherum existiert ein kleiner Friedhof. Die neue Kirche, (leider ohne Turm) wurde 1825 erbaut, besitzt schöne bunte Glasfenster und eine große Orgel. Neben der Kirche, am Dorfplatz, wurden anlässlich des Sieges im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 vier Eichen gepflanzt, drei davon stehen als uralte, große Bäume immer noch und sind Namensgeber für die Kneipe nebenan. Auf dem Dorfplatz neben den Bäumen, der Kirche, der Kneipe steht noch ein Kriegerdenkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Warther Soldaten und etwas weiter weg auf einer Blumenwiese befindet sich ein altes kleines Häuschen, die ehemalige Dorfschmiede, die 1995 in eine Heimatstube mit einem kleinen Museum und einer Bibliothek ausgebaut wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße steht verlassen die ehemalige Dorfschule (1998 geschlossen) und wartet auf einen Investor; sie könnte in eine schöne Pension umgebaut werden. Die Freiwillige Feuerwehr war schon in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gegründet worden; das Spritzenhaus befindet sich näher am Großen Warthesee und der Dorfbadestelle. Wenn man sich die Statistikzahlen der Bewohner anschaut, bemerkt man, dass die Bevölkerungszahl immer mehr schrumpfte; eine große Auswanderung in die USA gab es schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, doch von den 1875 verzeichneten 619 Einwohnern sind bis heute (2006) 319 übrig geblieben.

Noch eine Tatsache ist erwähnenswert: bis 1945 war Warthe mit einer Bahnstrecke Templin-Fährkrug – Fürstenwerder verbunden, das alte Bahnhofsgebäude steht immer noch, doch der Bahndamm wurde zu einem Fahrradweg umgebaut und erfreut sich großer Beliebtheit. Von öffentlichen Verkehrsmitteln kursiert nur ein Bus nach Templin oder Boitzenburg, doch die Mehrheit der Bewohner bevorzugt das eigene Auto.

Verwaltungstechnisch gehört Warthe seit 1993 dem Landkreis Uckermark zu und seit 2001 zur Gemeinde Boitzenburger Land.

Am schönsten war die Gegend für sie im Herbst; die Laubbäume färbten sich langsam vom satten Grün über mehrere Abstufungen von Gelb über Rot bis zum Braun, bis die Blätter dann langsam, Ende November, ganz verschwanden, was neue Ausblicke ermöglichte. In Sonnenlicht leuchteten die Blätter manchmal golden und die Spinnweben zogen ihre Fäden an den Disteln und hohen Gräsern. Leichte Nebelschwaden zogen über die Feuchtgebiete und Täler, auch manchmal über den See; Pilze konnte man bei etwas Regen und Glück in Unmengen finden; das Land war zum Verlieben still und naturecht.

Frauenblick. Wegfahren.

Monika Wrzosek-Müller

Dass man in der Pandemie irgendwohin fahren, sich bewegen, etwas anderes sehen möchte, ist klar. Das lange Hocken an einem Ort, mit wenigen Menschen rundherum, hat uns alle etwas unbeweglich, mürbe, etwas einsamer, stiller, vielleicht auch nachdenklicher gemacht.

Unsere Einsiedelei in der Uckermark entpuppte sich als eine fantastische Möglichkeit für Abwechslung im Alltag; viel Natur ist unerhört gesund und ökologisch, jedem zu empfehlen. An den Anschlagbrettern in den Dörfern sehen wir immer öfter Anzeigen wie „suche eine Bleibe, ein Häuschen, ein Appartement für eine Familie…“ Es wurde uns auch oft berichtet: jetzt, wegen der Pandemie sei der Ansturm auf unsere Gegend gewaltig; die Berliner zögen aufs Land, nicht in den grünen Speckgürtel, sondern weiter weg und landeten hier in unserem schönen Bundesland. Langsam wird es um unseren See voller, nicht nur wegen der vielen Bieber; es gibt immer mehr Ausflügler, Tages-, Sommertouristen, länger Verbleibende, Wanderer, Radfahrer, Camper. Die Entwicklung konnte man förmlich spüren, schon länger, jedes Jahr wurden es mehr, die hierher kamen. Manche kauften gleich Häuser, bauten sie aus, breiteten sich sichtbar in den Dörfern aus, andere kamen mit dem Zug, mit Sack und Pack, mit Kindern, mit Fahrrädern, wieder andere, so wie wir, pachteten ein Häuschen, um immer wieder herkommen zu können. Lange galt in der Pandemie, wer hier keine fest Bleibe hatte, konnte nicht rausfahren; da fühlten wir uns richtig privilegiert.

Schon der Weg hierher ist ein kleines Abenteuer, wir passieren mehrere Zonen, fahren durch verschiedene Landschaften, verlassen die städtische Umgebung, das Ballungsgebiet; das passiert nicht so einfach und abrupt, es geht eher bedächtig und langsam voran. Man merkt es an der Vegetation, an Art der Bebauung, sogar an den Grüntönen und den Lufttemperaturen. An der Autobahn in Berlin ist das Grün gelblich, mickrig, die Akazien blühen so kräftig, als ob sie das letzte Mal die Möglichkeit dazu hätten, wir fahren langsam, Tempo 60 ist erlaubt. Die Autobahn mäandert durch die Stadtausläufer, wie ein gekräuseltes Band, eingezwängt in die Lärmschutzwälle.

Die nächste Etappe führt schon außerhalb von Berlin, weg von dem ganzen Ballungsgebiet, sozusagen fast im Freien; bei dem sitzenden Bären an der Stadtgrenze geben alle Gas, so als ob sie eilig hätten, zu ihrem jeweiligen Ziel zu kommen. Die Wiesen an den Seiten sind eher ausgetrocknet, die Bäume lassen ihre Äste hängen. Bald passieren wir das Unglücksdorf Nassenheide im Löwenberger Land; der Ort liegt langgestreckt an der Bundesstraße 96, hindurch rollt der ganze Verkehr mit Lastern und PKW; schon seit 1879 ist er auch durch die Eisenbahn mit Berlin verbunden. Ich staune jedes Mal über den sogenannten Waldkindergarten, der zwar seitlich wirklich an einen Wald grenzt, aber auch und sogar vor allem mit der langgestreckten Fassade an die besagte B 96. Hinter Nassenheide, hinter dem Bahnübergang beginnen dann die Ackerflächen; sie liegen alle in der Zehdenick-Spandauer Havelniederung und zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr flach sind und großflächig; schon in früheren Epochen, besonders aber dann in der DDR, wegen der LPGs, wurde auf enorm großen Flächen gewirtschaftet. Hier passieren wir riesige Felder mit Raps oder Mais, je nach Jahreszeit, auch Getreide wird angebaut. Alle diese Felder sind „quadratisch, praktisch und gut“, als Begrenzungen sind riesige, jetzt teils ganz ausgetrocknete Pappeln gesetzt worden, inzwischen überwuchert von Misteln. Für mich ist diese Landschaft eher traurig, doch sie scheint gut zu prosperieren; es gibt viele Pferdeställe, Pferde-Pensionen, auch viele Radfahrer sind auf den seitlich gelegenen Radwegen unterwegs. Dieses Bild begleitet uns mit kleineren Abweichungen bis nach Zehdenick; wir passieren den Ort Neuholland, der von klevisch-niederländischen Zuwanderern gegründet wurde. Sie haben das Sumpfgebiet mit Kanälen durchzogen und so den fruchtbaren Boden nutzbar gemacht. Das sieht man auch heute noch, die Felder sind von Kanälen durchschnitten. Hier wird das Grün saftiger, manchmal, je nach Jahr, gibt es auch Sonnenblumenfelder soweit das Auge reicht. Auf den Wiesen sieht man oft Störche, einzeln auf Nahrungssuche, und im zeitigen Frühjahr Unmengen von Kranichen. Manche Straßenabschnitte sind von alten Linden oder gar Eichen gesäumt, allerdings haben diese während der letzten Dürrejahre auch sehr gelitten. Kurze Abschnitte wurden mit neuen Bäumen bepflanzt, auch mit mir unbekannten Ahornsorten, doch meistens mit Linden, die erstaunlich schnell wachsen. Sie wechseln auch ihr Blätterkleid je nach Jahreszeit, am schönsten sind sie aber doch im Herbst, da können die Baumkronen in der Sonne manchmal richtig in Goldgelb erglühen. Mit jeder Etappe kommen wir tiefer in die Natur und verlassen das städtische Flair. Es fühlt sich wie eine richtige Verwandlung an; die ganze Lebensweise wird umgestellt, die super Einbauküchen und komplizierte Bäder bleiben in Berlin; in der Natur ist man viel weniger anspruchsvoll. Da reicht der simple Holzofen und ganz einfache Einrichtung, sie wird sogar vorgezogen.

Bald sind wir schon in Zehdenick, das Städtchen ist auch mit dem Boot von Berlin aus zu erreichen. In dem Namen Zehdenick höre ich immer das slawische Cedenic, und tatsächlich lese ich, dass es da eine frühslawische Befestigung gegeben hatte. Schon 1281 wurde sie als civitas in den kirchlichen Dokumenten erwähnt. Die wechselvolle Geschichte der Stadt, wie sie von einer Adelsfamilie zur anderen wechselte, kann man eher schwer erkennen. Für mich war interessant, dass sie 1438 von Kurfürst Friedrich I der Familie von Arnim als Lehen gegeben wurde. Später tauschte die Familie sie wiederum gegen den Ort Boitzenburg ein (das Schloss Boitzenburg liegt nicht weit von unserem Ort, also dem Dorf, zu dem wir fahren). Vom alten Glanz zeugen auf jeden Fall die Ruinen des alten Zisterzienserinnenklosters, an denen wir vorbeifahren. Größere Bedeutung errang das Gebiet um Zehdenick, als die Bahnstrecke zwischen Löwenberg und Templin gebaut wurde; 1887 wurden große Tonvorkommen entdeckt, daraufhin entstanden zahlreiche Ziegeleien und in den Ringöfen wurden Ziegeln gebrannt, die per Schiff nach Berlin transportiert wurden. Der Satz „Berlin ist aus dem Kahn erbaut“ kann man dann besser verstehen. Das sind diese kleinen, gelblichen Ziegel, die man z.B. an den Häuschen in Werder sehen kann.

Hinter Zehdenick sind wir schon mitten in der Natur, auch wenn wir entlang der erwähnten Bahnstrecke fahren und manche Dörfer sich für meinen Begriff unvorstellbar in die Länge ziehen. Es wird zunehmend welliger, hügeliger, noch grüner und ursprünglicher. Entlang der Felder gibt es oft einen Streifen mit Wiesenblumen; Mohn, Margeriten oder Kornblumen sind oft dabei. Es gibt auch Felder, die regelrecht bläulich schimmern wegen die vielen Kornblumen. Eine Endmoränenlandschaft mit zahlreichen Seen, Buchenwäldern, hier und da fruchtbaren Böden, mit Findlingen, vielen sumpfigen Wiesen breitet sich vor uns aus. Terra ukera ist nicht das, was man denken würde, nämlich urbares Land, sondern laut Wikipedia wohnte in diesem Gebiet das slawische Volk der Ukranen. Namen, die auf diese Herkunft deuten Unter- und Oberuckersee nahe Prenzlau, der Fluss Uecker und die Stadt Ueckermünde. Das Wort Mark kommt erst viel später und bedeutet Grenzland und so haben wir schon im 15. Jahrhundert den Namen Uckermark. Kurz vor Templin gibt es eine Strecke mit super Radwegen und ordentlich geschnittenen Hecken und Bäumchen; wir fahren an einer erstaunlichen touristischen Erfindung vorbei, nämlich dem „Themenpark“ Eldorado vor Templin, der mehr wie eine Westernkulisse aussieht, am Röddelinsee gelegen. Diese Attraktion wartet an der linken Straßenseite, schon nahe bei dem Städtchens Templin. El Dorado: auf jeden Fall kommt der Name aus dem Spanischen und bedeutet: der Goldene und wurde zuerst für einen Mann, dann für eine Stadt und schließlich für ein Territorium benutzt. Später weitete sich der Begriff auf alles aus, was mit Goldsuche zu tun hatte; was für ein Gold im Templiner Eldorado gesucht wird, habe ich bisher nicht herausgefunden. Noch vor der Stadt gibt es eine Draisine, mit der man zu viert bis nach Fürstenberg gelangen kann, also einsteigen, sich betätigen und völlig CO ² frei losfahren. Natürlich durchziehen das ganze Gebiet diverse Rad- und Wanderwege, man kann stundenlang wandern, ohne einem Menschen zu begegnen. Manchmal ist es fast gruselig, der Wald flüstert rundherum, die Wege führen nach links, rechts, geradeaus und zurück; man steht an einer Kreuzung und weiß nicht weiter. Tief in den Wäldern ist die Stille, die Vollkommenheit der Natur noch präsent.

Danach kommen wir schon in Templin an, wo wir unsere Einkäufe tätigen, und die letzte Etappe führt direkt in die Oase des Grünen, an einen See, groß und tief genug, um schwimmen, angeln und mit dem Ruderboot fahren zu können.

Über das Städtchen Templin und das Dorf Warthe berichte ich ein andermal; erst einmal sind wir angekommen.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Apeirogon von Colum McCann

Vor ungefähr dreißig Jahren waren wir in Israel, eine längere Reise, zu Gast bei Freunden in Jerusalem und mit dem Bus unterwegs, kreuz und quer durch das kleine, sehr interessante Land. Es war die Zeit der ersten Intifada, wir durften hier und da nicht hinfahren, nicht hingehen. Schon damals fiel uns auf, wie stark Israel militarisiert war; auf den Busbahnhöfen standen immer junge Soldaten mit Maschinenpistolen herum, auch in den Bussen wurden wir von ihnen begleitet, sogar am Strand von Eilat lagen neben uns junge Soldatinnen, neben ihnen ihre Gewehre, die länger und größer schienen als sie selbst. Zu der Reisegeschichte gehört auch unser Missgeschick; wir waren in Be´er Scheva in den Bus gestiegen, um nach Jerusalem zu kommen – leider in den falschen Bus. Der fuhr durch Hebron, wo Autoreifen brannten; alle mussten aussteigen dort und das war gar nicht lustig, eher fühlte sich alles sehr gefährlich und bedrohlich an. Ein paar Tage danach wurden wir auf dem Platz vor der al agsa Moschee mit Steinen beworfen (aber sanft, die Steine waren klein), weil wir uns an den Händen hielten. Unvergessen sind uns auch die Verhöre am Flughafen geblieben, als ob wir, die wir unvernünftigerweise mit der TAROM, einer rumänischen Fluglinie (wegen des billigen Preises), von Berlin nach Tel Aviv geflogen waren, irgendwelche Agenten böser Mächte seien. Ja, das Land schien mir schon damals etwas übermilitarisiert aber doch unheimlich anziehend und spannend. In Jerusalem hatte man den Eindruck, dass auf jedem Quadratmeter alle möglichen Kulturen, Religionen, Hautfarben, sprich Menschen lebten. Auf Polnisch konnte man sich fast überall verständigen, auch haben einige alte Damen mit uns Deutsch gesprochen, Englisch war Standard bei den Jüngeren.

Dann las ich 2008 das Buch Das Recht auf Rückkehr von Leon de Winter; es war ein schüchterner Blick in die Zukunft von Israel. Es fielen Sätze wie „Das kleine jüdische Land war zu einem Stadtstaat von der Fläche von Groß-Tel-Aviv plus einem Sandkasten zusammengeschrumpft“ und „Die palästinensischen Araber hatten die Juden mit ihren Gebärmüttern besiegt“; es wurden einfach viel mehr Palästinenser als Juden geboren. Die Aussichten für Israel aber auch für die ganze westliche Welt waren hier eher düster, in Europa, laut de Winter, würde Polen die führende Nation werden, das habe ich mir gemerkt und, dass Israel mit neuen Technologien und technologischen Entwicklungen die arabische Invasion zu stoppen versuchte. Irgendwelche DNA-Analysen erlaubten, jeden sofort zu identifizieren und zu orten, auch wurden die Bürger des kleinen Staates durch Nachverfolgen ihrer Bewegungen (über ihre Smartphones und durch Drohnen) ständig beobachtet und doch ereigneten sich Fälle wie der in dem Roman beschriebene: ein Attentat auf einen jüdischen Checkpoint, begangen von einem Attentäter, der weil er jüdischer Abstammung war, trotz der DNA-Kontrollen, trotz der ganzen Maschinerie der Rüstung und militärischen Kontrolle nicht rechtzeitig identifiziert worden war.

Vor kurzem las ich dann das Buch Apeirogon von Colum McCann (2020 auf Deutsch erschienen), das mich betroffen und nachdenklich machte. Es ist ein sehr artifiziell konzipiertes und kompliziertes Buch; der Schriftsteller schreibt: „Apeirogon ist ein Hybrid-Roman, in dem das meiste erfunden ist, eine Erzählung, die wie jede Erzählung Spekulation, Erinnertes, Tatsachen und Phantasie verwebt“. Die Hauptgeschichte ist eigentlich eher schlicht und beruht auf wahren Begebenheiten; der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wird anhand der Lebensgeschichten zweier Väter dargestellt, die durch widrige Umstände mit dem Tod ihrer Töchter leben mussten. Der Israeli Rami Elhanan verlor seine Tochter Smadar, 13 Jahre alt, durch ein Selbstmordattentat eines Palästinensers, im Jahr 1997. Der Palästinenser Bassam Aramin verlor seine Tochter Abir, gerade 10 Jahre alt, zehn Jahre später durch den Schuss eines israelischen Grenzsoldaten mit einem Gummigeschoß in den Hinterkopf des Mädchens. Die beiden Väter trauerten und trauern, waren voll Hass für die jeweils andere Seite und doch gelang es ihnen ihren Hass und ihre Verzweiflung zu überwinden; sie traten dem parent circle und den combatants for peace, gehen in die Schulen, in verschiedene Organisationen an wirklich unterschiedlichsten Orte, auch in der ganzen Welt, und erzählen ihre Geschichte. Dieses Erzählen wirkt für sie, wie eine Art Therapie, sie werden Freunde und glauben wirklich daran, dass der unmögliche Zustand der Besatzung überwunden werden kann und sie wieder in normalen Verhältnissen leben können. Es ist auch die Geschichte von der Fähigkeit der Menschen zu verzeihen, sich dem anderen zuzuwenden, ihn als Persönlichkeit wahrzunehmen, ihm auch bei schwierigen Situationen beizustehen. Wir erfahren, dass Bassam irgendwann einen Zivilprozess gewinnt, auch dank der ständigen Hilfe von vielen Israelis, nachdem das Militär zuvor versucht hatte, alles zu vertuschen, und er vom israelischen Staat ein hohes Schmerzensgeld bekommt.

Das ist in Kürze die Handlung des Romans; doch er umfasst 1001 kleine oder wirklich kleinste Kapitel, die zunächst von Kapitel 1. bis 500. gehen und dann ab der Mitte des Buches wieder zurück laufen. Die Kapitel betreffen nicht alle, sogar viele gar nicht, die Haupthandlung direkt, sie entstehen, wie mir scheint, durch freie Assoziation; wie Mosaiksteinchen fügen sie sich zusammen, manchmal durch sehr entfernte Beobachtungen, Informationen, Zitate, Beschreibungen.

Warum der Titel Apeirogon? Der Autor schreibt in Kapitel 95: „Apeirogon: eine Figur mit einer zählbar unendlichen Menge von Seiten“. Kap. 94.: „Von griechisch apeiron: das Unbegrenzte, das Unbestimmte“. Weiter in Kap. 93.: „Als Ganzes nähert sich ein Apeirogon der Form eines Kreises an, ein kleines Stück erscheint hingegen, in vergrößerter Ansicht als grade Linie. Man kann innerhalb des ganzen überall hingelangen. Jeder Punkt ist erreichbar. Alles ist möglich, sogar das scheinbar Unmögliche. Gleichwohl ist auf jedem Weg zu einem beliebigen Punkt immer die Form in ihrer Gesamtheit beteiligt, auch die Bereiche, von denen wir noch keine Vorstellung haben“.

So entstehen die Kapitel des Buches, sie wachsen immer weiter. Sie betreffen alle Bereiche des Lebens: Vogelbeobachtungen, Bemerkungen über Peter Brook und seine Theatertruppe, die das Stück Die Konferenz der Vögel aufführte, in dem alle Vögel dieser Welt zusammenkommen, um darüber zu entscheiden, wer ihr König sein soll; über die Vögel als Symbole des Friedens, ihr Tod an der von Israelis errichteten Mauer, die Bemühungen, eben die Vögel zu retten. In Kapitel 16 heißt es im zweiten Teil: „Vögel kommunizieren vor allem akustisch, denn ihre Laute – singen, rufen, pfeifen, piepen, zwitschern, krächzen, klappern, trällern – werden an Orte getragen, die weit außerhalb der Sichtweite liegen.“ Es gibt längere Geschichten über Musik, auch über moderne Musik, über andere Kulturen, über Sprachen und Aussprache, die Geschichte des Hebräischen, über Bibelauslegung (dass Jesus das Kreuz nicht hätte durch die Jerusalemer Altstadt tragen können), über Einstein und Freud und deren Briefwechsel, Beschreibungen der Reisen der Helden, ihrer Familien (z.B. darüber dass Ramis Frau Nurit Peled-Elhanan, eine Friedensaktivistin und Universitätsprofessorin, 2001 den Sacharow-Preis bekommt, gemeinsam mit dem palästinensischen Hochschuldozenten und Schriftsteller Izzat Ghazzawi, der zwei Jahre nach dieser Auszeichnung, „innerlich gebrochen“ stirbt), über Demonstrationen der Friedensaktivisten, die Jerusalemer Stadtgeschichte, Entstehung von Groß-Jerusalem mit den kleinen palästinensischen Dörfern, den Waffenhandel und die Entwicklung von immer intelligenteren und zielgenaueren Waffen, auch eine Geschichte über Michail Timofjewitsch Kalaschnikow, der kurz vor seinem Tod in einem Brief an der Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche schrieb, er wolle wissen, ob er für den Tod so vieler Menschen verantwortlich sei, über die Errichtung der Check-points und deren Ausbau. Über den Mauerbau gibt es interessante Kapitel: Die Mauerarbeiter waren überwiegend Palästinenser. In Kapitel 407 heißt es: “Fünf Jahre lang war auf keiner anderen Baustelle in der Gegend so viel Geld zu verdienen: die Arbeiter nannten sie die Schekelmauer“, über Wasserknappheit usw., usw…

Manchmal gingen mir die freien Assoziationen fast zu weit, z.B. wenn der Autor über die Vorliebe des ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterand für Ortolane, kleine Singvögel, die als Delikatesse gelten, schreibt und darüber, dass er sich noch acht Tage vor seinem Tod solche hatte servieren lassen, über die ganze Prozedur wie man die Vögel mästet, vorbereitet und zubereitet. Ein Satz, den der kranke Mitterand gesagt haben soll, macht aber dann doch den Zusammenhang sichtbar: „Das einzig Interessante ist, zu leben“.

Dennoch erlaubt diese Art, über den Konflikt zu schreiben, der so tief verwurzelt scheint, dass man den Knoten gar nicht, nie und nimmer, lösen kann, ein kleines Fenster zu öffnen, einen fernen Ausblick auf eine hoffnungsvolle Zukunft zu geben, auf ein friedliches Zusammenleben, das für beide Seiten als einziger Ausweg bleibt. In der Mitte des Buches, in Kapitel 1001 erzählt der Autor ein Märchen aus einem anderen Leben: „Vor nicht allzu langer Zeit, in einem nicht allzu fernen Land fuhr Rami Elhanan, Israeli, Jude, Graphikdesigner, verheiratet mit Nurit, […] Vater […] und der verstorbenen Smadar […] zum Kloster Cremisan in der mehrheitlich von Christen bewohnten Stadt Bait Dschala, […] um sich dort mit Bassam Aramin zu treffen, Palästinenser, Muslim, Ex-Häftling, Aktivist, geboren in der Nähe von Hebron […] und Vater der verstorbenen Abir, die als zehnjährige von einem namenlosen israelischen Grenzpolizisten in Ostjerusalem erschossen wurde, knapp zehn Jahre nachdem Ramis Tochter Smadar, zwei Wochen vor ihrem vierzehnten Geburtstag, im Westen der Stadt drei Selbstmordattentätern zum Opfer fiel […], die an einem ganz normalen, nebligen, recht kühlen Tag Ende Oktober von weit her, aus Belfast und Kyushu, Paris und North Carolina, Santiago und Brooklyn, Kopenhagen und Terezin, in das rote Backsteinkloster […] gekommen sind, um Bassams und Ramis Geschichten zu lauschen und darin eine andere Geschichte, ein Lied der Lieder zu finden, in dem sie sich selbst entdecken – du und ich, in der steingefliesten Kapelle, in der wir stundenlang gespannt, hoffnungslos, zuversichtlich, verstört, zynisch, betroffen, schweigend zuhören, während die Erinnerungen über uns hereinstürzen, unsere Synapsen tanzen und wir uns in der vordringenden Dunkelheit all die Geschichten ins Gedächtnis rufen, die noch erzählt werden müssen.“ Dieses Märchen aus 1001 Nacht passiert doch in der Wirklichkeit und das ist die doch sehr hoffnungsvolle Botschaft dieses Buches. Kapitel 25: „Tausendundeine Nacht: eine List, um im Angesichts des Todes zu überleben“.

Damit ist ein Skelett für den Roman beschrieben aber nicht das Buch als solches, denn man findet in den unzähligen Kapiteln viele sehr interessante Informationen. Ein volles, gigantisches Buch, das ich wärmstens empfehle.

 

Verschwindende Frauen (und Männer)

Nachdem ich ein paar Mal über Frauen berichtet habe, die noch vor ein paar Monaten oder ein paar Jahren in unserem Berliner Leben mitgemacht haben und durch den Tod verschwanden, haben wir uns letztens via Zoom getroffen und darüber diskutiert, wie wir, die, die noch leben, gegen diesen unvermeidlichen Gang des Seins und Verschwindens wirken können. Wir hatten ein paar kluge, weiterführende Ideen, die ich hier nach und nach präsentieren werde. Heute erste Kommentare.

Christine Ziegler schrieb mir per Email:

Liebe Ewa,

jetzt weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.

Was tun, um Menschen vor dem Vergessen werden zu bewahren?

Eigentlich kommen wir in unserer Daseinsform plötzlich „auf die Welt“ in der wir vorher schon „irgendwie“ waren. Und wenn wir wieder gehen und sie davon nicht schlechter geworden ist, ist das schon viel. Das Problem sind ja nicht die Bescheidenen, sondern die geltungsbedürftigen Dickärsche. Wie kann es uns gelingen, denen die Luft rauszulassen? Dann käme automatisch mehr Balance in die Sache.

Ich mag das in den Vordergrund schieben eigentlich nicht und denke dann wiederum, dass „sie“ einen dann schon haben, wo sie einen haben wollen. Damit sie ungestört ihr Zerstörungswerk tun können. Zerstörung von Welt, von Potentialen, die andere entwickeln könnten. Bin also gezwungen, mich zu wehren. Meinen Standpunkt zu wahren, mich nicht wegschieben zu lassen.

Dann wieder: die Welt ist voll von Botschaften, niemand kann sie auch nur annähernd verfolgen. Will ich da noch etwas dazutun? Oder ist es schon eine gute Sache, Raum zu schaffen, damit Entwicklungen jenseits des Mainstreams möglich sind? (Fettschrift überall stammt von mir, ebenso wie das Minzegrünschrift – EMS)

Ein Nukleus könnte sein, diesen Abend fortzusetzen. Und zum Einstieg jedes Mal eine so tolle Präsentation wie Karina sie über Maria (Maryla) Gast-Ciechomska gemacht hat. Einerseits ein Gedenken für uns und dann ein entspanntes Brainstorming. Dann eine behutsame Erweiterung um weitere Zuhörerinnen und Beitragende.

Ich habe wieder bemerkt, wie ich selbst das nicht wahrnehmen kann, was ich unbedingt wahrnehmen möchte. Erst heute Nacht habe ich deinen wunderbaren Artikel über Anette gefunden.

Nun gut, ich tröste mich in meiner Blindheit damit, dass ich mit unserem Start in den Alltag der Bloggerinnen mehr als erfüllt war. Auch andere Anforderungen, Aufgaben, Möglichkeiten habe ich einfach zur Seite geschoben, die Nacht zum Tage gemacht und das trotz aller Erschöpfung auch ganz und gar genossen. Doch es zeigt mir auch, dass meine Aufnahmekapazität nur begrenzt ist. Wie hab ich dich gestern bewundert, dass du noch für Magda und mich gesorgt hast (Anm. der Administratorin – EMS – gemeint ist, dass ich während des Zoomgesprächs für Magda kurze Zusammenfassung des auf Deutsch Gesagten im Polnischen schrieb; für Christine – umgekehrt). Und das, wo du doch eine Agenda hattest, die du verfolgen wolltest.

Wie schaffst du das?

Ich bewundere Anias (Anna Krenz) Kreativität! Und wie sie z.B. die Performance am 8. März gerettet hat, obwohl die Technik sie im Stich gelassen hat.

Dein Blog ist schon eine Gedenkhalle, ein Lesesaal. Es ist die Frage, ob es irgendwo noch einen in der „echten“ Welt geben muss. Ein guter Gedanke war die Vernetzung in den Strukturen, die es von feministischer Seite bereits gibt. Andererseits sind wir weiterhin nur wirklich lebendig in der Begegnung „in real life“, jede Video-Konferenz ist nur ein „besser als nichts“.

Liebe Grüße

***

Monika Wrzosek-Müller schrieb ebenfalls per E-Mail:

Ich wachte heute mit einer Idee, vielleich für Anna Krenz, die sich mit dem Schicksal von Irena Bobowska auseinandersetzt, villeicht aber für uns alle, dass die KZ Ravensbrück über riesiege Archive verfügt betreffend Polinnen, die dort inhaftiert wurden, insbesondere deren, die nach dem Warschauer Aufstand dorthin deportiert wurden. Sicher gibt es da mehrere Persönlichkeiten, Frauen die schrieben, die kämpften und über die sie eine Performance machen könnte. Und ich dachte daran, dass man vielleicht doch diese Kriegs-Vergangenheit mit der unseren verbinden soll, weil je tiefer die Wurzel reichen, desto authentischer ist das, was wir über die Gegenwart zu sagen versuchen.

Tibor Jagielski schrieb (auch per E-Mail), dass eine Büchereihe, so wie ich / wir sie gerade gestartet haben, vielleicht am meisten den Sinn hat. Also ein regelmässiges Zoomtreffen, ein Eintrag mit Unterseiten auf der Wikipedia, eine Veranstaltungsreihe in der Regenbogenfabrik (ggf. mit Performances), eine Zusammenarbeit mit dem Frauenarchiv (Frauenarchiven), digitaler Leseraum, Bürcherreihe, realer Lesesaal. Huh! Viel!

Frauenblick: Annette

Monika Wrzosek-Müller

Meine Lektüre: Annette, ein Heldinnenepos.

Unsere Administratorin hat diesen Monat den Frauen gewidmet; ich würde sagen, auch ein Jahr würde nicht reichen, doch begnügen wir uns mit diesem einen Monat.

Ich hätte hier jetzt gerne von weiten, ausgedehnten Reisen geschrieben; von Landschaften, die vom Boden zum Himmel reichen und noch weiter, von Städten voller Wunderwerke, von Ausstellungen, die einen zum Grübeln, Staunen und Begeistern zwingen. Von Menschen, die man dabei trifft und mit denen man sich unterhält; doch stattdessen sitzen wir/ich/sie im lock-down, der jetzt gefühlt Jahre dauert und doch wirklich vieles verhindert. Der einzige Fluchtweg öffnet sich in die Lektüre, ja in die Filme, auch mehr oder weniger erlaubte Treffen mit Freundinnen und Freunden bieten gute Ablenkungsmöglichkeiten.

Und siehe da, ein Buch mit markantem Titel, der überaus gut zu dem März-Vorhaben passt: „Annette, ein Heldinennenepos“ von Anne Weber, ist mir aus dem Bücherturm neben dem Bett aufgefallen, rausgefallen und oder hat auf mich gewartet. Ein kleines rotes Buch, 207 Seiten, hebt es sich von den dicken, opulenten Romanen mit 600 bis 800 Seiten ab; auch der schöne Umschlag sieht einladend aus. Der Titel Epos hat mich ehrlich gesagt am Anfang abgeschreckt; ich dachte schon, wieder irgendwas sehr Intellektuelles und Ausgedachtes, nicht zum Lesen, nicht zum Schmökern, denn Epos erinnert mich/uns an die großen Epen mit Göttern und Helden, mit Pathos und Höherem, Mythos bildend, was wir/ich/sie als Pflichtlektüre in der Schule einmal durchgenommen hat/haben, in Versform, manchmal gar mit Reim, sehr lebensfremd, oder doch -nah, aber irgendwie uralt und angestaubt, eher wie ein hohes Lied, mündlich vorgetragen oder erzählt. Die ersten Seiten gingen auch langsam und schwierig; das Werk erzählt in einem Troubadour-Stil, in Versform vom Leben einer Freiheitskämpferin, einer Oppositionellen, die ihr ganzes Leben dem Dienst an den Menschen, der Gerechtigkeit gewidmet hat, einer, die tatsächlich gelebt hat, von Anne Beaumanoir aus der Bretagne. Meine liebste Bretagne, ausgerechnet stammt die Heldin aus einem Örtchen, dem Fischerdorf Saint-Cast-le-Guildo, in dem wir/ich/sie vor Jahren einen Urlaub machten.

Das junge Mädchen hilft schon mit 16 Jahren, während des Krieges jüdischen Familien einen Unterschlupf zu finden; dafür bekommt sie später in Yad Vashem den Titel einer Gerechten unter den Völkern. Dann kämpft sie in der Résistance, wird zur militanten Kommunistin, will für ihre Ideen auch sterben, macht aber immer weiter, als Kurier, als Kämpferin, wechselt zur gaullistischen Résistance, arbeitet wiederum hart und hilft, wo sie nur kann. Dazwischen beginnt sie ihr Studium der Medizin, das sie nach dem Krieg zu Ende bringt; ein sehr ausgefülltes Leben, ohne Pause, ohne Ruhe, ohne an sich selbst zu denken. Im Krieg stirbt auch ihr erster Mann, auf brutalste Weise ermordet von französischen Bauern, die sich für alles, was ihnen widerfahren ist, an den Partisanen rächen. Sie rennt weiter, so als ob sie nicht anhalten könnte, auch nicht wollte; nach dem Krieg dann in den Süden des Landes, nach Marseille; bald heiratet sie noch einmal, wird Ärztin, Neurologin, Mutter von zwei Söhnen, doch das alles reicht ihr nicht, sie will sich für die Gerechtigkeit weiterhin einsetzten und hilft der Algerischen Befreiungsfront, wird zur sog. Kofferträgerin mit Geld für ihren Kampf, auch zum Kurier, dann wird sie verraten und zu zehn Jahren Haft in Frankreich verurteilt. Dazwischen bekommt sie noch ihr drittes Kind, ein Mädchen. Sie flieht verkleidet über Italien nach Nordafrika, landet in Tunis, wird zur Helferin beim Aufbau des unabhängigen Algerien (arbeitet im Resort Gesundheit) während der Präsidentschaft von Ben Bella. Inzwischen ist sie zum dritten Mal mit einem 12 Jahre jüngeren Algerier verheiratet, sieht auch einmal ihre Kinder auf einer Yacht in Mittelmeer, macht sogar einen Urlaub mit ihnen in Positano.

Bei einem Putschversuch entkommt sie knapp der Verfolgung und landet erst einmal in Rom und dann in Genf, wo sie einige Jahre in einer Klink arbeiten wird, bis das Gerichtsurteil in Frankreich aufgehoben wird. Daraufhin kehrt sie nach Frankreich zurück, um ihr Leben in einem Ort mit dem Namen Dieulefit fortzusetzten; sie besucht auch die Bretagne, wo sie ein kleines Ferienhaus hat. Inzwischen ist sie 96 Jahre alt; ihr Leben hat sie in zwei Bänden Erinnerungen festgehalten.

Die Fotos, die ich von den beiden Frauen (der Autorin und der Heldin) im Internet gesehen habe, zeigen Annette als sehr lebendige, wache Person, fast würde ich sagen, dass die Autorin, obwohl wesentlich jünger, ernsthafter aussieht. Die beiden führen lange Gespräche, mögen sich auch offensichtlich sehr. Die Wahl der literarischen Gattung, des Epos, hat, denke ich, mehrere Gründe und tut der Geschichte sehr gut. Die Autorin distanziert sich von der Heldin und ihrer Heldenhaftigkeit, schafft Raum zum Durchatmen und Innehalten, diesem Zweck dienen auch Ironie und Witz: „Pause…, Pause, Pause“, während die Heldin schon wieder weiter läuft und neue Erlebnisse anhäuft. Das Buch versinkt nicht in der mythologisierten Schwere der Beschreibung der Heldentaten, sondern schwingt mit Leichtigkeit über die Entfernungen und Probleme, die ein solches Leben mit sich bringt, hinweg; es stellt uns aber auch vor die wichtigen Fragen der Zeit: was zählt ein Menschenleben? Was bedeutet in diesem Zusammenhang Menschlichkeit? Was heißt verurteilen, entscheiden und dann mit diesen Entscheidungen leben? Was heißt letztlich ein erfülltes Leben, was gehört dazu?

Auf manche dieser Fragen gibt die Geschichte überaus interessante Antworten.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, nicht umsonst wurde es mit dem Deutschen Buchpreis als bester deutschsprachiger Roman des Jahres 2020 ausgezeichnet.

Frauenblick: Meine Lektüren

Monika Wrzosek-Müller

Es hat sich so ergeben, dass ich über die Jahre viele Bücher von Schriftstellern aus dem ehemaligen Osten (DDR) gelesen habe. Schon vor längerer Zeit lasen wir alle den Roman Turm von Uwe Tellkamp und dann sahen wir uns den Film und verschiedene Versionen und Bearbeitungen für die Bühne in Theatern an (ich: im Hans Otto Theater Potsdam und im Staatsschauspiel Dresden). Das waren die Jahre um 2010; die Stücke und der Film haben dem Text, streckenweise lang und sehr gestreckt, gut getan und ihn im wortwörtlichen Sinne anschaulich gemacht. Trotzdem ist es ein großer Bildungsroman mit vielen Vorbildern, ein Schlüsselroman weit und breit angelegt, so dass, die Wende, die Umstande der friedlichen Revolution für viele nachvollziehbar und klarer wurden.

Dann kam für mich der Roman Kruso von Lutz Seiler, so um 2014, der den Bogen der Geschichte weiter spannte. Doch immer drehte sich die Handlung um die Wende und die Wiedervereinigung, den Sinn und den Preis, die die Gesellschaft der DDR dafür zahlen musste. Schon in diesem Roman (es folgt nämlich das nächste Werk: Stern 111) habe ich mit Begeisterung Seilers Beschreibungen der Zustände kurz vor der Wende gelesen, die in der sprachlichen Korrektheit mit leicht surrealen Zügen dargeboten wurden. Der Schriftsteller schaffte einen Mikrokosmos auf der Insel Hiddensee, in dem er seine Helden agieren ließ. Mir fielen besonders die geografische Genauigkeit der Beschreibungen auf, so dass der Leser die Topografie der Insel Hiddensee vor Augen hatte, die Entfernungen einschätzen, das Gelände, die Natur fast sehen konnte. Hier kamen ebenfalls viele Inszenierungen sowohl in Hans Otto Theater, in Leipzig etc…hinzu, als auch der von derselben Produktionsfirma wie bei Turm gedrehte Film, für den derselbe Autor Thomas Kirchner das Drehbuch geschrieben hat. Mich haben Seilers poetische, eigenwillige Sprache und der Zugang zur Realität sehr fasziniert; seine Welt ist magisch, existiert und spielt nach eigenen Gesetzen.

Erst vor kurzem las ich Romane von Ingo Schulze; ich kämpfte mich durch den von Literaturkritikern als „ultimativen Wenderoman“ verschrienen Werk: Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben und kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze (2005). Chronologisch gesehen war er vor dem Turm erschienen, hat aber damals nicht so viel Aufsehen erregt, auf jeden Fall wurde er nicht verfilmt. Ingo Schulze verarbeitet literarisch seine eigene Biografie, so kommen in dem Werk hauptsächlich die Helden aus dem Milieu der Intellektuellen, Schreibenden, Zeitungsmacher, Kritiker vor. Der Held Enrico Türmer des fast 800 Seiten dicken Romans schreibt Briefe an seine Schwester, Verotschka, einen Jugendfreund, Jo, und seine Geliebte, die bundesdeutsche Fotografin Nicoletta; Ingo Schultze (bemerken wir hier die Anspielung auf Ingo Schulze) gibt sie mit entsprechend übertriebenen und eitlen Anmerkungen heraus und das alles in dem berüchtigten Jahr 1989. Dabei macht sich der Autor über das ganze Milieu der Schreiberlinge, Literaturkritiker, Intellektuellen etwas lustig und verspottet sie. Mir persönlich wäre der Roman um einige Briefe weniger, sprich kürzer, lieber, doch die Fragen: „Auf welche Art und Weise kam der Westen in meinen Kopf? Und was hat er darin angerichtet?“, die sich der Held stellt, bleiben nicht nur auf die Ostdeutschen begrenzt, sondern sie betreffen viele, die nicht hier (im Westen) aufgewachsen sind. Und so, trotz der sanften Langeweile, die sich beim Lesen einstellt, ist es ein wichtiger Roman, der die Wiedervereinigung in Licht und Schatten zeigt, denn am Ende sind die Helden nicht zum Aufbruch bereit, eher stehen sie vor Trümmerhaufen, auch wenn sie dies sich selbst zu verdanken haben. Es gibt wunderbare Sätze über das Verhältnis Ost-West, die ich hier zitieren will: „Die Westsachen waren wie Mondgestein, entweder wurden sie einem geschenkt, oder sie blieben unerreichbar. Mit den Verwandten im Westen war es genauso wie mit dem lieben Gott und dem Herrn Jesus, die hatten einen auch lieb, obwohl man sie gar nicht kannte und nie zu Gesicht bekam.“ Und eine längere Passage, anlässlich der Weihnachtsbesuche der Eltern des Helden: „Im Westen wurden die Straßen unterirdisch beheizt, die Tankstellen schlossen nie, und weil die Leute im Westen gar nicht mehr wußten, was sie noch schöner machen sollten, hackten sie aus lauter Spaß die Straßen wieder auf, die sie gerade erst mit Asphalt überzogen hatten. Über jedem Geschäft, über jeder Tür blinkte Reklame, weshalb die Nächte taghell blieben und von einem Verkehr durchflutet waren wie bei uns nicht einmal nach der Maidemonstration. Trotzdem bekam man im Westen in der Straßenbahn, im Bus oder im Zug immer einen Sitzplatz. Im Westen duftete das Benzin wie Parfüm, und die Bahnhöfe glichen tropischen Gärten, in denen man den reisenden wundervolle Früchte darbot. Im Westen trug man in der Schule lange Haare und Jeans und kaute Kaugummis, mit denen sich kopfgroße Blasen machen ließen. Außerdem lag der Weltmarkt im Westen. Ich wußte nicht, wo genau, auf jeden Fall aber im Westen. Öffnete man denn nicht bei dem O von Ost den Mund wie ein Tölpel? […] Osten klang nach bewölktem Himmel und Omnibus und Baugrube. Westen nach Asphaltstraßen mit gläsernen Tankstellen, nach Terrassen mit Strohhalmgetränken und Musik über einem blauen See. Städte mit Namen wie Cottbus, Leipzig oder Eisenhüttenstadt konnten einfach nicht im Westen liegen. Wie anders klang dagegen Lahr, Karlsruhe, Freiburg oder Garching….“ Ich könnte weiter zitieren, weil diese Spitzfindigkeit und Ironie wunderbar die Lage und Vorstellungen der zwei Welten, die aufeinander prallten, beschreibt.

Von denselben Autor las ich gerade den neuen Roman Die rechtschaffenen Mörder von 2020. Zwar schreibt der Autor im Klappentext der Fischerausgabe, dass es eine Erzählung „über das Lesen und die Leser“ und „eine Liebeserklärung an das Papierbuch“ werden sollte, doch es ist wieder ein Roman über den Übergang, die Wende und das sich Zurechtfinden in der neuen Wirklichkeit. Aber handelt das Buch wirklich davon, ist es nicht eine Entfremdung der Entfremdung, Zweifel über Zweifeln das Thema? Denn der Roman ist in drei Teile geteilt und in jedem dieser Kapitel wird die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Es beginnt wie ein Märchen: „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse […] einen unvergleichlichen Ruf genoss. Nicht nur Einheimische suchten ihn auf…“. Der Roman handelt von einem Antiquar und einem Antiquariat. Der Sohn einer Antiquarin, Norbert Paulini alias „Prinz Vogelfrei“, eröffnet 1977 einen Laden und führt ihn zum Erfolg; mit einem Lesesalon, einem Treffpunkt für alle an Literatur und dergleichen Interessierten, darunter für die vielen Dissidenten, mit Beschaffung von Literatur, die eigentlich in der DDR nicht zu haben war. So wird er zum bekannten, geschätzten Bürger. Dann heiratet er eine eher einfache, doch sehr resolute und gut organisierte Frau, eine Friseurin Namens Viola, mit der er einen Sohn hat. Da kommt schon die Wende und sein Antiquariat geht den Bach runter; die Bücher werden nicht gelesen, man kann alle Werke überall kaufen, auch die schöneren Ausgaben. Die Villa, in der er seinen Laden hat, wird den ehemaligen Eigentümern aus dem Westen zurückgegeben. Es stellt sich heraus, dass seine Frau als IM Berichte über die Treffen im Antiquariat verfasst hat. Er lässt sich scheiden und lebt alleine. Die Jahrhundertflut überschwemmt seinen neuen Laden mit den Büchern, er kann kaum etwas retten und begeht höchstwahrscheinlich Selbstmord, zusammen mit seiner Geliebten. Es gibt auch eine Episode, in der Paulini seinen, in die rechte Szene abgerutschten, Sohn deckt und sich über die Migranten so äußert, dass man ihn selbst in die rechte Szene (Pegida) einordnen könnte. Im dritten Teil des Buches schreibt die Lektorin des Schriftstellers mit Namen Schultze, der die Geschichte erzählen und aufschreiben soll. Sie will die Sache des Selbstmordes aufdecken und es kommt zu besagten Zweifeln und Vermutungen, Verdächtigungen, nichts steht mehr fest, alles unterliegt Veränderungen; je nachdem welche Perspektive eingenommen wird.

In den letzten Tagen las ich auch noch den Roman von Lutz Seiler Der Stern 111. Es ist ein sehr poetischer Roman, man bekommt richtig Lust auf diese vergangene Zeit des Anfangs, nach dem Mauerfall, in der noch alles möglich war. Lutz Seiler verführt mit der Geschichte und mit der Sprache, wir gehen den Weg nach Berlin mit ihm und schauen auf seine Eltern, die sich völlig hilflos und unbedarft auf den Weg in den Westen aufmachen. Die Passagen über das Leben von Carl, dem Hauptheld in Berlin mit seinem Shiguli, im Prenzlauer Berg, in der Rykestraße, in der Assel, der Oranienburgerstraße und am Kollwitzplatz gehören zu den intensivsten, eindrücklichsten und spannendsten für uns Berliner überhaupt. Es gibt angeblich Führungen zu den im Buch genannten Plätzen, es gab sie tatsächlich; so wie in Kruso, ist auch hier die Authentizität der Orte, die genaue Beschreibung der Entfernungen, der Topografie des Stadtteils, der paar Straßen unheimlich. Man kann mit dem Buch, wie mit einem Kompass und Reiseführer um die Ecken gehen und jetzt, leider nicht mehr, die Kneipen, die Cafés, die besetzten Häuser sehen. Die neue Wirklichkeit ist schnell eingerückt und hat diese magischen Orte in touristische Orte verwandelt. Manchmal, ganz selten weht ein Hauch der Melancholie, der Vergangenheit durch die Straßen. Die Sprache des Romans zwingt uns innezuhalten und nachzudenken, wie war das damals für mich, wie habe ich die Zeit erlebt. Sie beschwört auch die Magie dieser Orte; durch das geheimnisvolle und ständige Kommen und Gehen, Verharren, still bleiben, bewegen sich die Personen zwar im Roman, aber nur so als ob sie künstlich verschoben wären, als ob das mit ihnen passieren würde, in der scheinbaren Ruhelosigkeit herrscht eine ausgesprochene Bewegungslosigkeit. Die fotografischen Beschreibungen, fast wie Nahaufnahmen der wenigen Gegenstände und detaillierte Beschreibung jeder einzelnen Sache verleihen diesen Gegenständen etwas Unmittelbares aber zugleich nehmen sie ihnen alle Eindeutigkeit, alles ist irgendwie verschwommen und doch real, das Banale, Gewöhnliche bekommt den Geschmack von etwas Besonderem.

Die Geschichte der Eltern bildet ein Pendant dazu, wir lesen mit Erstaunen über den Mut und die Ausdauer, über die Beharrlichkeit von zwei fünfzigjährigen, absolut sesshaften Thüringern mit zwei Wanderrucksäcken und einem Akkordeon, wie sie sich auf den Weg in den Westen aufmachen und ihre Odyssee erleben. „Sie sind doppelt so alt wie ich, dachte Carl, und haben doppelt so viel Kraft.“ Es ist eine Gegengeschichte zu den Jammerossis, auch wenn auf sie, alles andere als ein Paradies im Westen wartet. Sie landen in den Notaufnahmelagern Gießen, Diez und Gelnhausen, schließlich und letztendlich in den USA, von denen sie schon früher geträumt hatten. Von der Geschichte mit der Faszination für den Rock`n`Roll und für den Sänger Bill Haley scheint Carl nichts zu wissen. Vielleicht ist das auch ein Roman über das Verhältnis zwischen den Eltern und dem Sohn, wie sie zueinander finden, jeder auf sich selbst gestellt und jeder auf eigene spezifische Weise. Sowohl Carl als seine Eltern brauchen offenbar so viel Klärung und Abstand, um sich auf einer anderen Ebene wieder treffen können.

Es ist ein Roman über die Ausnahme- und Zwischenzeit, Grenzöffnung und Wiedervereinigung, eine kurze Zeitspanne und der Hauptheld erkennt, dass sie zu Ende geht: „Schon auf dem Heimweg wusste ich, dass meine Zeit in der Assel abgelaufen war. Plötzlich war diese Einsicht da.“ Auch seine Eltern überlegen, ob sie nicht zurück nach Thüringen gehen sollen. Der Reifungsprozess ist abgeschlossen. Ein sehr schöner Roman.

Was mir bei all diesen Texten auffällt, ist, dass die Wende nur von den Autoren aus der ehemaligen DDR beschrieben wird. Sie erleben sie, kämpfen sich durch, verändern oder kapitulieren, passen sich an oder gehen unter. Von der anderen Seite habe ich keine Stimme gehört, vernommen. So würde ich auch, jetzt den Bogen sehr breit spannend, die Romane von so vielen Schriftstellern mit Migrationshintergrund in Amerika oder Großbritannien platzieren. Sie alle kämpfen um A place for us von Fatima Farheen Mizra, wie der Titel des neuen New York Times Bestsellers heißt. Und so verwundert mich gar nicht, dass ein neuer Roman diesmal von Alexander Osang (in Ostberlin geboren) Fast hell auf mich wartet, denn gesagt ist noch lange nicht alles.

Frauenblick: Auf dem Weg

Monika Wrzosek-Müller

Fast hatte ich den Eindruck, wir wären in Berlin eingeschlossen; der angekündigte Radius von 15 Km für die Bewegungsfreiheit ist alles andere als angenehm. In so einer Situationen sucht man sofort nach Ausgleich; den fand ich in einem kleinen Artikel in der italienischen Zeitung La Repubblica: Ein Weg „Kalabria cost to cost“ ist geboren, 55 Km lang, zwischen Dörfern, Städtchen und Natur. Ein „Cammino“, obwohl nicht als Pilgerweg ausgewiesen und gemeint, aber doch mit einem Pass und Abzeichen für die einzelnen Wegabschnitte versehen. Zehn Gemeinden und zwei Provinzen werden auf dem Wanderweg von Soverato nach Pizzo durchquert. Es kann das ganze Jahr über begangen werden. Zwei Jahre lang wurde an den Markierungen gearbeitet.

Der Weg beginnt an den schönen, weißen Stränden der Costa degli Aranci am Ionischen Meer und führt bis zum malerischen Pizzo, der sich auf der anderen Seite über den goldenen Stränden der Costa degli Dei am Tyrrhenischen Meer erhebt. Man durchquert das bergige Gebiet Kalabriens, geht durch schöne antike Dörfer – Petrizzi, San Vito und Monterosso – an weiten Feldern und Weingärten entlang, durch Olivenheine und Wälder mit Kastanien oder uralten Buchen. Auf dem Weg liegt auch ein herrlicher See (Antigola-See) im Preserre-Gebirge, hoch über dem Meer. Es gibt Ausblicke auf die Küsten beider Meere; die Steigungen sind auch manchmal anspruchsvoll. Das alles weit weg von den Touristenrouten, an ursprünglichen Landschaften vorbei.

Das brauchte ich als Ziel, als Vorgabe, weg von der grauen und wirklich verhängnisvollen Wirklichkeit der Pandemie. Träumen von den Landschaften, die ich so sehr liebe und in denen ich immer aufgehe. Ein Weg als Ziel ist immer hilfreich und zukunftsweisend, man kann ihm auch im Traum folgen, in der Vorstellung, ohne zu gehen. Ein Weg führt immer weiter, deswegen ist vielleicht die Vorstellung von einer Mauer, von Eingrenzung so verstörend und einengend. Jede gebaute Mauer versperrt den Weg, grenzt aus, sie sagt: bis dahin und nicht weiter. Zum Glück sind einige Mauern und Absperrungen gescheitert, gefallen oder aufgebrochen worden; in Amerika wird unter dem neuen Präsidenten die Mauer an der amerikanisch-mexikanischen Grenze nicht weitergebaut und die Berliner Mauer ist schon vor Jahren gefallen. Doch den langen Weg, den die Menschen aus dem Osten gegangen sind, sollte man nicht vergessen.

„Man fährt nicht mit dem eigenen Wagen vor das Tor eines Flüchtlingslagers – es ziemt sich nicht, so hatte Carl seinen Vater verstanden. Das war sein Respekt vor dem Vorgang der Flucht, deren Umstände im Ungewissen lagen. Vor allem aber, so sah es Carl, entsprach es seiner Gutgläubigkeit – einem Vertrauen darauf, dass ein bestimmtes (gutes, richtiges) Verhalten eine bestimmte (gute, richtige) Reaktion hervorrufen würde. Und vielleicht hatte er recht damit. Vielleicht brauchte man diese Formen von Demut und Buße, wenn man ein Flüchtling aus dem Osten war. So ungewöhnlich ihr Schritt, so chaotisch und gewagt das Ganze auch aussah, sie wollten es anständig machen. Sie wollten gute Flüchtlinge sein, was Carl das Herz abschnürte. Arme Eltern. Sie würden es niemals schaffen. Sie waren nicht kaltschnäuzig genug, hatten nicht Ellbogen dafür. Sie waren mit schlimmeren Dingen nicht vertraut, waren zu alt, zerbrechlich, verletzlich und schleppten einen großen schwarzen Kasten durch die Gegend.“ (Lutz Seiler, Stern 111, S.40).

Das Buch kreist um die Zeit der Wiedervereinigung und die Probleme, die sie mit sich bringt. Der Held und seine Eltern gehen scheinbar gegensätzliche Wege und doch landen sie alle im vereinten Deutschland. Es gibt Wege, die man immer nach oben geht, wenn auch unter Mühe, und solche, die mehr gradlinig und horizontal verlaufen, dabei nicht so viel Kraft und Mut erfordern, es existieren auch lauter Abstiege, die brauchen auch viel Durchhaltevermögen. Nicht alle haben die Kraft und nötige Ausdauer, den einen, richtigen Weg zu finden, manchmal reicht schon die Suche danach aus. Meine liebste Tante war dadurch nie ansässig geworden. Sie wohnte mal hier, mal da; niemals lange und niemals kümmerte sie, wie die Wohnung denn aussah, in der sie zufällig lebte. Auf jeden Fall nicht nach dem Prinzip: „May home is my castle“.

Die Anzahl der verschiedenen Pilger-, Wanderwege steigt stetig an; etwas treibt die Menschen an, unterwegs zu sein, sich auf den Weg zu machen, vielleicht unterwegs ganz nebenbei sich selbst zu finden. Ich persönlich bin weiterhin auf dem Weg, auch wenn es häufig Baustellen unterwegs gibt.