Frauenblick. Wegfahren.

Monika Wrzosek-Müller

Dass man in der Pandemie irgendwohin fahren, sich bewegen, etwas anderes sehen möchte, ist klar. Das lange Hocken an einem Ort, mit wenigen Menschen rundherum, hat uns alle etwas unbeweglich, mürbe, etwas einsamer, stiller, vielleicht auch nachdenklicher gemacht.

Unsere Einsiedelei in der Uckermark entpuppte sich als eine fantastische Möglichkeit für Abwechslung im Alltag; viel Natur ist unerhört gesund und ökologisch, jedem zu empfehlen. An den Anschlagbrettern in den Dörfern sehen wir immer öfter Anzeigen wie „suche eine Bleibe, ein Häuschen, ein Appartement für eine Familie…“ Es wurde uns auch oft berichtet: jetzt, wegen der Pandemie sei der Ansturm auf unsere Gegend gewaltig; die Berliner zögen aufs Land, nicht in den grünen Speckgürtel, sondern weiter weg und landeten hier in unserem schönen Bundesland. Langsam wird es um unseren See voller, nicht nur wegen der vielen Bieber; es gibt immer mehr Ausflügler, Tages-, Sommertouristen, länger Verbleibende, Wanderer, Radfahrer, Camper. Die Entwicklung konnte man förmlich spüren, schon länger, jedes Jahr wurden es mehr, die hierher kamen. Manche kauften gleich Häuser, bauten sie aus, breiteten sich sichtbar in den Dörfern aus, andere kamen mit dem Zug, mit Sack und Pack, mit Kindern, mit Fahrrädern, wieder andere, so wie wir, pachteten ein Häuschen, um immer wieder herkommen zu können. Lange galt in der Pandemie, wer hier keine fest Bleibe hatte, konnte nicht rausfahren; da fühlten wir uns richtig privilegiert.

Schon der Weg hierher ist ein kleines Abenteuer, wir passieren mehrere Zonen, fahren durch verschiedene Landschaften, verlassen die städtische Umgebung, das Ballungsgebiet; das passiert nicht so einfach und abrupt, es geht eher bedächtig und langsam voran. Man merkt es an der Vegetation, an Art der Bebauung, sogar an den Grüntönen und den Lufttemperaturen. An der Autobahn in Berlin ist das Grün gelblich, mickrig, die Akazien blühen so kräftig, als ob sie das letzte Mal die Möglichkeit dazu hätten, wir fahren langsam, Tempo 60 ist erlaubt. Die Autobahn mäandert durch die Stadtausläufer, wie ein gekräuseltes Band, eingezwängt in die Lärmschutzwälle.

Die nächste Etappe führt schon außerhalb von Berlin, weg von dem ganzen Ballungsgebiet, sozusagen fast im Freien; bei dem sitzenden Bären an der Stadtgrenze geben alle Gas, so als ob sie eilig hätten, zu ihrem jeweiligen Ziel zu kommen. Die Wiesen an den Seiten sind eher ausgetrocknet, die Bäume lassen ihre Äste hängen. Bald passieren wir das Unglücksdorf Nassenheide im Löwenberger Land; der Ort liegt langgestreckt an der Bundesstraße 96, hindurch rollt der ganze Verkehr mit Lastern und PKW; schon seit 1879 ist er auch durch die Eisenbahn mit Berlin verbunden. Ich staune jedes Mal über den sogenannten Waldkindergarten, der zwar seitlich wirklich an einen Wald grenzt, aber auch und sogar vor allem mit der langgestreckten Fassade an die besagte B 96. Hinter Nassenheide, hinter dem Bahnübergang beginnen dann die Ackerflächen; sie liegen alle in der Zehdenick-Spandauer Havelniederung und zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr flach sind und großflächig; schon in früheren Epochen, besonders aber dann in der DDR, wegen der LPGs, wurde auf enorm großen Flächen gewirtschaftet. Hier passieren wir riesige Felder mit Raps oder Mais, je nach Jahreszeit, auch Getreide wird angebaut. Alle diese Felder sind „quadratisch, praktisch und gut“, als Begrenzungen sind riesige, jetzt teils ganz ausgetrocknete Pappeln gesetzt worden, inzwischen überwuchert von Misteln. Für mich ist diese Landschaft eher traurig, doch sie scheint gut zu prosperieren; es gibt viele Pferdeställe, Pferde-Pensionen, auch viele Radfahrer sind auf den seitlich gelegenen Radwegen unterwegs. Dieses Bild begleitet uns mit kleineren Abweichungen bis nach Zehdenick; wir passieren den Ort Neuholland, der von klevisch-niederländischen Zuwanderern gegründet wurde. Sie haben das Sumpfgebiet mit Kanälen durchzogen und so den fruchtbaren Boden nutzbar gemacht. Das sieht man auch heute noch, die Felder sind von Kanälen durchschnitten. Hier wird das Grün saftiger, manchmal, je nach Jahr, gibt es auch Sonnenblumenfelder soweit das Auge reicht. Auf den Wiesen sieht man oft Störche, einzeln auf Nahrungssuche, und im zeitigen Frühjahr Unmengen von Kranichen. Manche Straßenabschnitte sind von alten Linden oder gar Eichen gesäumt, allerdings haben diese während der letzten Dürrejahre auch sehr gelitten. Kurze Abschnitte wurden mit neuen Bäumen bepflanzt, auch mit mir unbekannten Ahornsorten, doch meistens mit Linden, die erstaunlich schnell wachsen. Sie wechseln auch ihr Blätterkleid je nach Jahreszeit, am schönsten sind sie aber doch im Herbst, da können die Baumkronen in der Sonne manchmal richtig in Goldgelb erglühen. Mit jeder Etappe kommen wir tiefer in die Natur und verlassen das städtische Flair. Es fühlt sich wie eine richtige Verwandlung an; die ganze Lebensweise wird umgestellt, die super Einbauküchen und komplizierte Bäder bleiben in Berlin; in der Natur ist man viel weniger anspruchsvoll. Da reicht der simple Holzofen und ganz einfache Einrichtung, sie wird sogar vorgezogen.

Bald sind wir schon in Zehdenick, das Städtchen ist auch mit dem Boot von Berlin aus zu erreichen. In dem Namen Zehdenick höre ich immer das slawische Cedenic, und tatsächlich lese ich, dass es da eine frühslawische Befestigung gegeben hatte. Schon 1281 wurde sie als civitas in den kirchlichen Dokumenten erwähnt. Die wechselvolle Geschichte der Stadt, wie sie von einer Adelsfamilie zur anderen wechselte, kann man eher schwer erkennen. Für mich war interessant, dass sie 1438 von Kurfürst Friedrich I der Familie von Arnim als Lehen gegeben wurde. Später tauschte die Familie sie wiederum gegen den Ort Boitzenburg ein (das Schloss Boitzenburg liegt nicht weit von unserem Ort, also dem Dorf, zu dem wir fahren). Vom alten Glanz zeugen auf jeden Fall die Ruinen des alten Zisterzienserinnenklosters, an denen wir vorbeifahren. Größere Bedeutung errang das Gebiet um Zehdenick, als die Bahnstrecke zwischen Löwenberg und Templin gebaut wurde; 1887 wurden große Tonvorkommen entdeckt, daraufhin entstanden zahlreiche Ziegeleien und in den Ringöfen wurden Ziegeln gebrannt, die per Schiff nach Berlin transportiert wurden. Der Satz „Berlin ist aus dem Kahn erbaut“ kann man dann besser verstehen. Das sind diese kleinen, gelblichen Ziegel, die man z.B. an den Häuschen in Werder sehen kann.

Hinter Zehdenick sind wir schon mitten in der Natur, auch wenn wir entlang der erwähnten Bahnstrecke fahren und manche Dörfer sich für meinen Begriff unvorstellbar in die Länge ziehen. Es wird zunehmend welliger, hügeliger, noch grüner und ursprünglicher. Entlang der Felder gibt es oft einen Streifen mit Wiesenblumen; Mohn, Margeriten oder Kornblumen sind oft dabei. Es gibt auch Felder, die regelrecht bläulich schimmern wegen die vielen Kornblumen. Eine Endmoränenlandschaft mit zahlreichen Seen, Buchenwäldern, hier und da fruchtbaren Böden, mit Findlingen, vielen sumpfigen Wiesen breitet sich vor uns aus. Terra ukera ist nicht das, was man denken würde, nämlich urbares Land, sondern laut Wikipedia wohnte in diesem Gebiet das slawische Volk der Ukranen. Namen, die auf diese Herkunft deuten Unter- und Oberuckersee nahe Prenzlau, der Fluss Uecker und die Stadt Ueckermünde. Das Wort Mark kommt erst viel später und bedeutet Grenzland und so haben wir schon im 15. Jahrhundert den Namen Uckermark. Kurz vor Templin gibt es eine Strecke mit super Radwegen und ordentlich geschnittenen Hecken und Bäumchen; wir fahren an einer erstaunlichen touristischen Erfindung vorbei, nämlich dem „Themenpark“ Eldorado vor Templin, der mehr wie eine Westernkulisse aussieht, am Röddelinsee gelegen. Diese Attraktion wartet an der linken Straßenseite, schon nahe bei dem Städtchens Templin. El Dorado: auf jeden Fall kommt der Name aus dem Spanischen und bedeutet: der Goldene und wurde zuerst für einen Mann, dann für eine Stadt und schließlich für ein Territorium benutzt. Später weitete sich der Begriff auf alles aus, was mit Goldsuche zu tun hatte; was für ein Gold im Templiner Eldorado gesucht wird, habe ich bisher nicht herausgefunden. Noch vor der Stadt gibt es eine Draisine, mit der man zu viert bis nach Fürstenberg gelangen kann, also einsteigen, sich betätigen und völlig CO ² frei losfahren. Natürlich durchziehen das ganze Gebiet diverse Rad- und Wanderwege, man kann stundenlang wandern, ohne einem Menschen zu begegnen. Manchmal ist es fast gruselig, der Wald flüstert rundherum, die Wege führen nach links, rechts, geradeaus und zurück; man steht an einer Kreuzung und weiß nicht weiter. Tief in den Wäldern ist die Stille, die Vollkommenheit der Natur noch präsent.

Danach kommen wir schon in Templin an, wo wir unsere Einkäufe tätigen, und die letzte Etappe führt direkt in die Oase des Grünen, an einen See, groß und tief genug, um schwimmen, angeln und mit dem Ruderboot fahren zu können.

Über das Städtchen Templin und das Dorf Warthe berichte ich ein andermal; erst einmal sind wir angekommen.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Apeirogon von Colum McCann

Vor ungefähr dreißig Jahren waren wir in Israel, eine längere Reise, zu Gast bei Freunden in Jerusalem und mit dem Bus unterwegs, kreuz und quer durch das kleine, sehr interessante Land. Es war die Zeit der ersten Intifada, wir durften hier und da nicht hinfahren, nicht hingehen. Schon damals fiel uns auf, wie stark Israel militarisiert war; auf den Busbahnhöfen standen immer junge Soldaten mit Maschinenpistolen herum, auch in den Bussen wurden wir von ihnen begleitet, sogar am Strand von Eilat lagen neben uns junge Soldatinnen, neben ihnen ihre Gewehre, die länger und größer schienen als sie selbst. Zu der Reisegeschichte gehört auch unser Missgeschick; wir waren in Be´er Scheva in den Bus gestiegen, um nach Jerusalem zu kommen – leider in den falschen Bus. Der fuhr durch Hebron, wo Autoreifen brannten; alle mussten aussteigen dort und das war gar nicht lustig, eher fühlte sich alles sehr gefährlich und bedrohlich an. Ein paar Tage danach wurden wir auf dem Platz vor der al agsa Moschee mit Steinen beworfen (aber sanft, die Steine waren klein), weil wir uns an den Händen hielten. Unvergessen sind uns auch die Verhöre am Flughafen geblieben, als ob wir, die wir unvernünftigerweise mit der TAROM, einer rumänischen Fluglinie (wegen des billigen Preises), von Berlin nach Tel Aviv geflogen waren, irgendwelche Agenten böser Mächte seien. Ja, das Land schien mir schon damals etwas übermilitarisiert aber doch unheimlich anziehend und spannend. In Jerusalem hatte man den Eindruck, dass auf jedem Quadratmeter alle möglichen Kulturen, Religionen, Hautfarben, sprich Menschen lebten. Auf Polnisch konnte man sich fast überall verständigen, auch haben einige alte Damen mit uns Deutsch gesprochen, Englisch war Standard bei den Jüngeren.

Dann las ich 2008 das Buch Das Recht auf Rückkehr von Leon de Winter; es war ein schüchterner Blick in die Zukunft von Israel. Es fielen Sätze wie „Das kleine jüdische Land war zu einem Stadtstaat von der Fläche von Groß-Tel-Aviv plus einem Sandkasten zusammengeschrumpft“ und „Die palästinensischen Araber hatten die Juden mit ihren Gebärmüttern besiegt“; es wurden einfach viel mehr Palästinenser als Juden geboren. Die Aussichten für Israel aber auch für die ganze westliche Welt waren hier eher düster, in Europa, laut de Winter, würde Polen die führende Nation werden, das habe ich mir gemerkt und, dass Israel mit neuen Technologien und technologischen Entwicklungen die arabische Invasion zu stoppen versuchte. Irgendwelche DNA-Analysen erlaubten, jeden sofort zu identifizieren und zu orten, auch wurden die Bürger des kleinen Staates durch Nachverfolgen ihrer Bewegungen (über ihre Smartphones und durch Drohnen) ständig beobachtet und doch ereigneten sich Fälle wie der in dem Roman beschriebene: ein Attentat auf einen jüdischen Checkpoint, begangen von einem Attentäter, der weil er jüdischer Abstammung war, trotz der DNA-Kontrollen, trotz der ganzen Maschinerie der Rüstung und militärischen Kontrolle nicht rechtzeitig identifiziert worden war.

Vor kurzem las ich dann das Buch Apeirogon von Colum McCann (2020 auf Deutsch erschienen), das mich betroffen und nachdenklich machte. Es ist ein sehr artifiziell konzipiertes und kompliziertes Buch; der Schriftsteller schreibt: „Apeirogon ist ein Hybrid-Roman, in dem das meiste erfunden ist, eine Erzählung, die wie jede Erzählung Spekulation, Erinnertes, Tatsachen und Phantasie verwebt“. Die Hauptgeschichte ist eigentlich eher schlicht und beruht auf wahren Begebenheiten; der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wird anhand der Lebensgeschichten zweier Väter dargestellt, die durch widrige Umstände mit dem Tod ihrer Töchter leben mussten. Der Israeli Rami Elhanan verlor seine Tochter Smadar, 13 Jahre alt, durch ein Selbstmordattentat eines Palästinensers, im Jahr 1997. Der Palästinenser Bassam Aramin verlor seine Tochter Abir, gerade 10 Jahre alt, zehn Jahre später durch den Schuss eines israelischen Grenzsoldaten mit einem Gummigeschoß in den Hinterkopf des Mädchens. Die beiden Väter trauerten und trauern, waren voll Hass für die jeweils andere Seite und doch gelang es ihnen ihren Hass und ihre Verzweiflung zu überwinden; sie traten dem parent circle und den combatants for peace, gehen in die Schulen, in verschiedene Organisationen an wirklich unterschiedlichsten Orte, auch in der ganzen Welt, und erzählen ihre Geschichte. Dieses Erzählen wirkt für sie, wie eine Art Therapie, sie werden Freunde und glauben wirklich daran, dass der unmögliche Zustand der Besatzung überwunden werden kann und sie wieder in normalen Verhältnissen leben können. Es ist auch die Geschichte von der Fähigkeit der Menschen zu verzeihen, sich dem anderen zuzuwenden, ihn als Persönlichkeit wahrzunehmen, ihm auch bei schwierigen Situationen beizustehen. Wir erfahren, dass Bassam irgendwann einen Zivilprozess gewinnt, auch dank der ständigen Hilfe von vielen Israelis, nachdem das Militär zuvor versucht hatte, alles zu vertuschen, und er vom israelischen Staat ein hohes Schmerzensgeld bekommt.

Das ist in Kürze die Handlung des Romans; doch er umfasst 1001 kleine oder wirklich kleinste Kapitel, die zunächst von Kapitel 1. bis 500. gehen und dann ab der Mitte des Buches wieder zurück laufen. Die Kapitel betreffen nicht alle, sogar viele gar nicht, die Haupthandlung direkt, sie entstehen, wie mir scheint, durch freie Assoziation; wie Mosaiksteinchen fügen sie sich zusammen, manchmal durch sehr entfernte Beobachtungen, Informationen, Zitate, Beschreibungen.

Warum der Titel Apeirogon? Der Autor schreibt in Kapitel 95: „Apeirogon: eine Figur mit einer zählbar unendlichen Menge von Seiten“. Kap. 94.: „Von griechisch apeiron: das Unbegrenzte, das Unbestimmte“. Weiter in Kap. 93.: „Als Ganzes nähert sich ein Apeirogon der Form eines Kreises an, ein kleines Stück erscheint hingegen, in vergrößerter Ansicht als grade Linie. Man kann innerhalb des ganzen überall hingelangen. Jeder Punkt ist erreichbar. Alles ist möglich, sogar das scheinbar Unmögliche. Gleichwohl ist auf jedem Weg zu einem beliebigen Punkt immer die Form in ihrer Gesamtheit beteiligt, auch die Bereiche, von denen wir noch keine Vorstellung haben“.

So entstehen die Kapitel des Buches, sie wachsen immer weiter. Sie betreffen alle Bereiche des Lebens: Vogelbeobachtungen, Bemerkungen über Peter Brook und seine Theatertruppe, die das Stück Die Konferenz der Vögel aufführte, in dem alle Vögel dieser Welt zusammenkommen, um darüber zu entscheiden, wer ihr König sein soll; über die Vögel als Symbole des Friedens, ihr Tod an der von Israelis errichteten Mauer, die Bemühungen, eben die Vögel zu retten. In Kapitel 16 heißt es im zweiten Teil: „Vögel kommunizieren vor allem akustisch, denn ihre Laute – singen, rufen, pfeifen, piepen, zwitschern, krächzen, klappern, trällern – werden an Orte getragen, die weit außerhalb der Sichtweite liegen.“ Es gibt längere Geschichten über Musik, auch über moderne Musik, über andere Kulturen, über Sprachen und Aussprache, die Geschichte des Hebräischen, über Bibelauslegung (dass Jesus das Kreuz nicht hätte durch die Jerusalemer Altstadt tragen können), über Einstein und Freud und deren Briefwechsel, Beschreibungen der Reisen der Helden, ihrer Familien (z.B. darüber dass Ramis Frau Nurit Peled-Elhanan, eine Friedensaktivistin und Universitätsprofessorin, 2001 den Sacharow-Preis bekommt, gemeinsam mit dem palästinensischen Hochschuldozenten und Schriftsteller Izzat Ghazzawi, der zwei Jahre nach dieser Auszeichnung, „innerlich gebrochen“ stirbt), über Demonstrationen der Friedensaktivisten, die Jerusalemer Stadtgeschichte, Entstehung von Groß-Jerusalem mit den kleinen palästinensischen Dörfern, den Waffenhandel und die Entwicklung von immer intelligenteren und zielgenaueren Waffen, auch eine Geschichte über Michail Timofjewitsch Kalaschnikow, der kurz vor seinem Tod in einem Brief an der Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche schrieb, er wolle wissen, ob er für den Tod so vieler Menschen verantwortlich sei, über die Errichtung der Check-points und deren Ausbau. Über den Mauerbau gibt es interessante Kapitel: Die Mauerarbeiter waren überwiegend Palästinenser. In Kapitel 407 heißt es: “Fünf Jahre lang war auf keiner anderen Baustelle in der Gegend so viel Geld zu verdienen: die Arbeiter nannten sie die Schekelmauer“, über Wasserknappheit usw., usw…

Manchmal gingen mir die freien Assoziationen fast zu weit, z.B. wenn der Autor über die Vorliebe des ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterand für Ortolane, kleine Singvögel, die als Delikatesse gelten, schreibt und darüber, dass er sich noch acht Tage vor seinem Tod solche hatte servieren lassen, über die ganze Prozedur wie man die Vögel mästet, vorbereitet und zubereitet. Ein Satz, den der kranke Mitterand gesagt haben soll, macht aber dann doch den Zusammenhang sichtbar: „Das einzig Interessante ist, zu leben“.

Dennoch erlaubt diese Art, über den Konflikt zu schreiben, der so tief verwurzelt scheint, dass man den Knoten gar nicht, nie und nimmer, lösen kann, ein kleines Fenster zu öffnen, einen fernen Ausblick auf eine hoffnungsvolle Zukunft zu geben, auf ein friedliches Zusammenleben, das für beide Seiten als einziger Ausweg bleibt. In der Mitte des Buches, in Kapitel 1001 erzählt der Autor ein Märchen aus einem anderen Leben: „Vor nicht allzu langer Zeit, in einem nicht allzu fernen Land fuhr Rami Elhanan, Israeli, Jude, Graphikdesigner, verheiratet mit Nurit, […] Vater […] und der verstorbenen Smadar […] zum Kloster Cremisan in der mehrheitlich von Christen bewohnten Stadt Bait Dschala, […] um sich dort mit Bassam Aramin zu treffen, Palästinenser, Muslim, Ex-Häftling, Aktivist, geboren in der Nähe von Hebron […] und Vater der verstorbenen Abir, die als zehnjährige von einem namenlosen israelischen Grenzpolizisten in Ostjerusalem erschossen wurde, knapp zehn Jahre nachdem Ramis Tochter Smadar, zwei Wochen vor ihrem vierzehnten Geburtstag, im Westen der Stadt drei Selbstmordattentätern zum Opfer fiel […], die an einem ganz normalen, nebligen, recht kühlen Tag Ende Oktober von weit her, aus Belfast und Kyushu, Paris und North Carolina, Santiago und Brooklyn, Kopenhagen und Terezin, in das rote Backsteinkloster […] gekommen sind, um Bassams und Ramis Geschichten zu lauschen und darin eine andere Geschichte, ein Lied der Lieder zu finden, in dem sie sich selbst entdecken – du und ich, in der steingefliesten Kapelle, in der wir stundenlang gespannt, hoffnungslos, zuversichtlich, verstört, zynisch, betroffen, schweigend zuhören, während die Erinnerungen über uns hereinstürzen, unsere Synapsen tanzen und wir uns in der vordringenden Dunkelheit all die Geschichten ins Gedächtnis rufen, die noch erzählt werden müssen.“ Dieses Märchen aus 1001 Nacht passiert doch in der Wirklichkeit und das ist die doch sehr hoffnungsvolle Botschaft dieses Buches. Kapitel 25: „Tausendundeine Nacht: eine List, um im Angesichts des Todes zu überleben“.

Damit ist ein Skelett für den Roman beschrieben aber nicht das Buch als solches, denn man findet in den unzähligen Kapiteln viele sehr interessante Informationen. Ein volles, gigantisches Buch, das ich wärmstens empfehle.

 

Verschwindende Frauen (und Männer)

Nachdem ich ein paar Mal über Frauen berichtet habe, die noch vor ein paar Monaten oder ein paar Jahren in unserem Berliner Leben mitgemacht haben und durch den Tod verschwanden, haben wir uns letztens via Zoom getroffen und darüber diskutiert, wie wir, die, die noch leben, gegen diesen unvermeidlichen Gang des Seins und Verschwindens wirken können. Wir hatten ein paar kluge, weiterführende Ideen, die ich hier nach und nach präsentieren werde. Heute erste Kommentare.

Christine Ziegler schrieb mir per Email:

Liebe Ewa,

jetzt weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.

Was tun, um Menschen vor dem Vergessen werden zu bewahren?

Eigentlich kommen wir in unserer Daseinsform plötzlich „auf die Welt“ in der wir vorher schon „irgendwie“ waren. Und wenn wir wieder gehen und sie davon nicht schlechter geworden ist, ist das schon viel. Das Problem sind ja nicht die Bescheidenen, sondern die geltungsbedürftigen Dickärsche. Wie kann es uns gelingen, denen die Luft rauszulassen? Dann käme automatisch mehr Balance in die Sache.

Ich mag das in den Vordergrund schieben eigentlich nicht und denke dann wiederum, dass „sie“ einen dann schon haben, wo sie einen haben wollen. Damit sie ungestört ihr Zerstörungswerk tun können. Zerstörung von Welt, von Potentialen, die andere entwickeln könnten. Bin also gezwungen, mich zu wehren. Meinen Standpunkt zu wahren, mich nicht wegschieben zu lassen.

Dann wieder: die Welt ist voll von Botschaften, niemand kann sie auch nur annähernd verfolgen. Will ich da noch etwas dazutun? Oder ist es schon eine gute Sache, Raum zu schaffen, damit Entwicklungen jenseits des Mainstreams möglich sind? (Fettschrift überall stammt von mir, ebenso wie das Minzegrünschrift – EMS)

Ein Nukleus könnte sein, diesen Abend fortzusetzen. Und zum Einstieg jedes Mal eine so tolle Präsentation wie Karina sie über Maria (Maryla) Gast-Ciechomska gemacht hat. Einerseits ein Gedenken für uns und dann ein entspanntes Brainstorming. Dann eine behutsame Erweiterung um weitere Zuhörerinnen und Beitragende.

Ich habe wieder bemerkt, wie ich selbst das nicht wahrnehmen kann, was ich unbedingt wahrnehmen möchte. Erst heute Nacht habe ich deinen wunderbaren Artikel über Anette gefunden.

Nun gut, ich tröste mich in meiner Blindheit damit, dass ich mit unserem Start in den Alltag der Bloggerinnen mehr als erfüllt war. Auch andere Anforderungen, Aufgaben, Möglichkeiten habe ich einfach zur Seite geschoben, die Nacht zum Tage gemacht und das trotz aller Erschöpfung auch ganz und gar genossen. Doch es zeigt mir auch, dass meine Aufnahmekapazität nur begrenzt ist. Wie hab ich dich gestern bewundert, dass du noch für Magda und mich gesorgt hast (Anm. der Administratorin – EMS – gemeint ist, dass ich während des Zoomgesprächs für Magda kurze Zusammenfassung des auf Deutsch Gesagten im Polnischen schrieb; für Christine – umgekehrt). Und das, wo du doch eine Agenda hattest, die du verfolgen wolltest.

Wie schaffst du das?

Ich bewundere Anias (Anna Krenz) Kreativität! Und wie sie z.B. die Performance am 8. März gerettet hat, obwohl die Technik sie im Stich gelassen hat.

Dein Blog ist schon eine Gedenkhalle, ein Lesesaal. Es ist die Frage, ob es irgendwo noch einen in der „echten“ Welt geben muss. Ein guter Gedanke war die Vernetzung in den Strukturen, die es von feministischer Seite bereits gibt. Andererseits sind wir weiterhin nur wirklich lebendig in der Begegnung „in real life“, jede Video-Konferenz ist nur ein „besser als nichts“.

Liebe Grüße

***

Monika Wrzosek-Müller schrieb ebenfalls per E-Mail:

Ich wachte heute mit einer Idee, vielleich für Anna Krenz, die sich mit dem Schicksal von Irena Bobowska auseinandersetzt, villeicht aber für uns alle, dass die KZ Ravensbrück über riesiege Archive verfügt betreffend Polinnen, die dort inhaftiert wurden, insbesondere deren, die nach dem Warschauer Aufstand dorthin deportiert wurden. Sicher gibt es da mehrere Persönlichkeiten, Frauen die schrieben, die kämpften und über die sie eine Performance machen könnte. Und ich dachte daran, dass man vielleicht doch diese Kriegs-Vergangenheit mit der unseren verbinden soll, weil je tiefer die Wurzel reichen, desto authentischer ist das, was wir über die Gegenwart zu sagen versuchen.

Tibor Jagielski schrieb (auch per E-Mail), dass eine Büchereihe, so wie ich / wir sie gerade gestartet haben, vielleicht am meisten den Sinn hat. Also ein regelmässiges Zoomtreffen, ein Eintrag mit Unterseiten auf der Wikipedia, eine Veranstaltungsreihe in der Regenbogenfabrik (ggf. mit Performances), eine Zusammenarbeit mit dem Frauenarchiv (Frauenarchiven), digitaler Leseraum, Bürcherreihe, realer Lesesaal. Huh! Viel!

Frauenblick: Annette

Monika Wrzosek-Müller

Meine Lektüre: Annette, ein Heldinnenepos.

Unsere Administratorin hat diesen Monat den Frauen gewidmet; ich würde sagen, auch ein Jahr würde nicht reichen, doch begnügen wir uns mit diesem einen Monat.

Ich hätte hier jetzt gerne von weiten, ausgedehnten Reisen geschrieben; von Landschaften, die vom Boden zum Himmel reichen und noch weiter, von Städten voller Wunderwerke, von Ausstellungen, die einen zum Grübeln, Staunen und Begeistern zwingen. Von Menschen, die man dabei trifft und mit denen man sich unterhält; doch stattdessen sitzen wir/ich/sie im lock-down, der jetzt gefühlt Jahre dauert und doch wirklich vieles verhindert. Der einzige Fluchtweg öffnet sich in die Lektüre, ja in die Filme, auch mehr oder weniger erlaubte Treffen mit Freundinnen und Freunden bieten gute Ablenkungsmöglichkeiten.

Und siehe da, ein Buch mit markantem Titel, der überaus gut zu dem März-Vorhaben passt: „Annette, ein Heldinennenepos“ von Anne Weber, ist mir aus dem Bücherturm neben dem Bett aufgefallen, rausgefallen und oder hat auf mich gewartet. Ein kleines rotes Buch, 207 Seiten, hebt es sich von den dicken, opulenten Romanen mit 600 bis 800 Seiten ab; auch der schöne Umschlag sieht einladend aus. Der Titel Epos hat mich ehrlich gesagt am Anfang abgeschreckt; ich dachte schon, wieder irgendwas sehr Intellektuelles und Ausgedachtes, nicht zum Lesen, nicht zum Schmökern, denn Epos erinnert mich/uns an die großen Epen mit Göttern und Helden, mit Pathos und Höherem, Mythos bildend, was wir/ich/sie als Pflichtlektüre in der Schule einmal durchgenommen hat/haben, in Versform, manchmal gar mit Reim, sehr lebensfremd, oder doch -nah, aber irgendwie uralt und angestaubt, eher wie ein hohes Lied, mündlich vorgetragen oder erzählt. Die ersten Seiten gingen auch langsam und schwierig; das Werk erzählt in einem Troubadour-Stil, in Versform vom Leben einer Freiheitskämpferin, einer Oppositionellen, die ihr ganzes Leben dem Dienst an den Menschen, der Gerechtigkeit gewidmet hat, einer, die tatsächlich gelebt hat, von Anne Beaumanoir aus der Bretagne. Meine liebste Bretagne, ausgerechnet stammt die Heldin aus einem Örtchen, dem Fischerdorf Saint-Cast-le-Guildo, in dem wir/ich/sie vor Jahren einen Urlaub machten.

Das junge Mädchen hilft schon mit 16 Jahren, während des Krieges jüdischen Familien einen Unterschlupf zu finden; dafür bekommt sie später in Yad Vashem den Titel einer Gerechten unter den Völkern. Dann kämpft sie in der Résistance, wird zur militanten Kommunistin, will für ihre Ideen auch sterben, macht aber immer weiter, als Kurier, als Kämpferin, wechselt zur gaullistischen Résistance, arbeitet wiederum hart und hilft, wo sie nur kann. Dazwischen beginnt sie ihr Studium der Medizin, das sie nach dem Krieg zu Ende bringt; ein sehr ausgefülltes Leben, ohne Pause, ohne Ruhe, ohne an sich selbst zu denken. Im Krieg stirbt auch ihr erster Mann, auf brutalste Weise ermordet von französischen Bauern, die sich für alles, was ihnen widerfahren ist, an den Partisanen rächen. Sie rennt weiter, so als ob sie nicht anhalten könnte, auch nicht wollte; nach dem Krieg dann in den Süden des Landes, nach Marseille; bald heiratet sie noch einmal, wird Ärztin, Neurologin, Mutter von zwei Söhnen, doch das alles reicht ihr nicht, sie will sich für die Gerechtigkeit weiterhin einsetzten und hilft der Algerischen Befreiungsfront, wird zur sog. Kofferträgerin mit Geld für ihren Kampf, auch zum Kurier, dann wird sie verraten und zu zehn Jahren Haft in Frankreich verurteilt. Dazwischen bekommt sie noch ihr drittes Kind, ein Mädchen. Sie flieht verkleidet über Italien nach Nordafrika, landet in Tunis, wird zur Helferin beim Aufbau des unabhängigen Algerien (arbeitet im Resort Gesundheit) während der Präsidentschaft von Ben Bella. Inzwischen ist sie zum dritten Mal mit einem 12 Jahre jüngeren Algerier verheiratet, sieht auch einmal ihre Kinder auf einer Yacht in Mittelmeer, macht sogar einen Urlaub mit ihnen in Positano.

Bei einem Putschversuch entkommt sie knapp der Verfolgung und landet erst einmal in Rom und dann in Genf, wo sie einige Jahre in einer Klink arbeiten wird, bis das Gerichtsurteil in Frankreich aufgehoben wird. Daraufhin kehrt sie nach Frankreich zurück, um ihr Leben in einem Ort mit dem Namen Dieulefit fortzusetzten; sie besucht auch die Bretagne, wo sie ein kleines Ferienhaus hat. Inzwischen ist sie 96 Jahre alt; ihr Leben hat sie in zwei Bänden Erinnerungen festgehalten.

Die Fotos, die ich von den beiden Frauen (der Autorin und der Heldin) im Internet gesehen habe, zeigen Annette als sehr lebendige, wache Person, fast würde ich sagen, dass die Autorin, obwohl wesentlich jünger, ernsthafter aussieht. Die beiden führen lange Gespräche, mögen sich auch offensichtlich sehr. Die Wahl der literarischen Gattung, des Epos, hat, denke ich, mehrere Gründe und tut der Geschichte sehr gut. Die Autorin distanziert sich von der Heldin und ihrer Heldenhaftigkeit, schafft Raum zum Durchatmen und Innehalten, diesem Zweck dienen auch Ironie und Witz: „Pause…, Pause, Pause“, während die Heldin schon wieder weiter läuft und neue Erlebnisse anhäuft. Das Buch versinkt nicht in der mythologisierten Schwere der Beschreibung der Heldentaten, sondern schwingt mit Leichtigkeit über die Entfernungen und Probleme, die ein solches Leben mit sich bringt, hinweg; es stellt uns aber auch vor die wichtigen Fragen der Zeit: was zählt ein Menschenleben? Was bedeutet in diesem Zusammenhang Menschlichkeit? Was heißt verurteilen, entscheiden und dann mit diesen Entscheidungen leben? Was heißt letztlich ein erfülltes Leben, was gehört dazu?

Auf manche dieser Fragen gibt die Geschichte überaus interessante Antworten.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, nicht umsonst wurde es mit dem Deutschen Buchpreis als bester deutschsprachiger Roman des Jahres 2020 ausgezeichnet.

Frauenblick: Meine Lektüren

Monika Wrzosek-Müller

Es hat sich so ergeben, dass ich über die Jahre viele Bücher von Schriftstellern aus dem ehemaligen Osten (DDR) gelesen habe. Schon vor längerer Zeit lasen wir alle den Roman Turm von Uwe Tellkamp und dann sahen wir uns den Film und verschiedene Versionen und Bearbeitungen für die Bühne in Theatern an (ich: im Hans Otto Theater Potsdam und im Staatsschauspiel Dresden). Das waren die Jahre um 2010; die Stücke und der Film haben dem Text, streckenweise lang und sehr gestreckt, gut getan und ihn im wortwörtlichen Sinne anschaulich gemacht. Trotzdem ist es ein großer Bildungsroman mit vielen Vorbildern, ein Schlüsselroman weit und breit angelegt, so dass, die Wende, die Umstande der friedlichen Revolution für viele nachvollziehbar und klarer wurden.

Dann kam für mich der Roman Kruso von Lutz Seiler, so um 2014, der den Bogen der Geschichte weiter spannte. Doch immer drehte sich die Handlung um die Wende und die Wiedervereinigung, den Sinn und den Preis, die die Gesellschaft der DDR dafür zahlen musste. Schon in diesem Roman (es folgt nämlich das nächste Werk: Stern 111) habe ich mit Begeisterung Seilers Beschreibungen der Zustände kurz vor der Wende gelesen, die in der sprachlichen Korrektheit mit leicht surrealen Zügen dargeboten wurden. Der Schriftsteller schaffte einen Mikrokosmos auf der Insel Hiddensee, in dem er seine Helden agieren ließ. Mir fielen besonders die geografische Genauigkeit der Beschreibungen auf, so dass der Leser die Topografie der Insel Hiddensee vor Augen hatte, die Entfernungen einschätzen, das Gelände, die Natur fast sehen konnte. Hier kamen ebenfalls viele Inszenierungen sowohl in Hans Otto Theater, in Leipzig etc…hinzu, als auch der von derselben Produktionsfirma wie bei Turm gedrehte Film, für den derselbe Autor Thomas Kirchner das Drehbuch geschrieben hat. Mich haben Seilers poetische, eigenwillige Sprache und der Zugang zur Realität sehr fasziniert; seine Welt ist magisch, existiert und spielt nach eigenen Gesetzen.

Erst vor kurzem las ich Romane von Ingo Schulze; ich kämpfte mich durch den von Literaturkritikern als „ultimativen Wenderoman“ verschrienen Werk: Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben und kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze (2005). Chronologisch gesehen war er vor dem Turm erschienen, hat aber damals nicht so viel Aufsehen erregt, auf jeden Fall wurde er nicht verfilmt. Ingo Schulze verarbeitet literarisch seine eigene Biografie, so kommen in dem Werk hauptsächlich die Helden aus dem Milieu der Intellektuellen, Schreibenden, Zeitungsmacher, Kritiker vor. Der Held Enrico Türmer des fast 800 Seiten dicken Romans schreibt Briefe an seine Schwester, Verotschka, einen Jugendfreund, Jo, und seine Geliebte, die bundesdeutsche Fotografin Nicoletta; Ingo Schultze (bemerken wir hier die Anspielung auf Ingo Schulze) gibt sie mit entsprechend übertriebenen und eitlen Anmerkungen heraus und das alles in dem berüchtigten Jahr 1989. Dabei macht sich der Autor über das ganze Milieu der Schreiberlinge, Literaturkritiker, Intellektuellen etwas lustig und verspottet sie. Mir persönlich wäre der Roman um einige Briefe weniger, sprich kürzer, lieber, doch die Fragen: „Auf welche Art und Weise kam der Westen in meinen Kopf? Und was hat er darin angerichtet?“, die sich der Held stellt, bleiben nicht nur auf die Ostdeutschen begrenzt, sondern sie betreffen viele, die nicht hier (im Westen) aufgewachsen sind. Und so, trotz der sanften Langeweile, die sich beim Lesen einstellt, ist es ein wichtiger Roman, der die Wiedervereinigung in Licht und Schatten zeigt, denn am Ende sind die Helden nicht zum Aufbruch bereit, eher stehen sie vor Trümmerhaufen, auch wenn sie dies sich selbst zu verdanken haben. Es gibt wunderbare Sätze über das Verhältnis Ost-West, die ich hier zitieren will: „Die Westsachen waren wie Mondgestein, entweder wurden sie einem geschenkt, oder sie blieben unerreichbar. Mit den Verwandten im Westen war es genauso wie mit dem lieben Gott und dem Herrn Jesus, die hatten einen auch lieb, obwohl man sie gar nicht kannte und nie zu Gesicht bekam.“ Und eine längere Passage, anlässlich der Weihnachtsbesuche der Eltern des Helden: „Im Westen wurden die Straßen unterirdisch beheizt, die Tankstellen schlossen nie, und weil die Leute im Westen gar nicht mehr wußten, was sie noch schöner machen sollten, hackten sie aus lauter Spaß die Straßen wieder auf, die sie gerade erst mit Asphalt überzogen hatten. Über jedem Geschäft, über jeder Tür blinkte Reklame, weshalb die Nächte taghell blieben und von einem Verkehr durchflutet waren wie bei uns nicht einmal nach der Maidemonstration. Trotzdem bekam man im Westen in der Straßenbahn, im Bus oder im Zug immer einen Sitzplatz. Im Westen duftete das Benzin wie Parfüm, und die Bahnhöfe glichen tropischen Gärten, in denen man den reisenden wundervolle Früchte darbot. Im Westen trug man in der Schule lange Haare und Jeans und kaute Kaugummis, mit denen sich kopfgroße Blasen machen ließen. Außerdem lag der Weltmarkt im Westen. Ich wußte nicht, wo genau, auf jeden Fall aber im Westen. Öffnete man denn nicht bei dem O von Ost den Mund wie ein Tölpel? […] Osten klang nach bewölktem Himmel und Omnibus und Baugrube. Westen nach Asphaltstraßen mit gläsernen Tankstellen, nach Terrassen mit Strohhalmgetränken und Musik über einem blauen See. Städte mit Namen wie Cottbus, Leipzig oder Eisenhüttenstadt konnten einfach nicht im Westen liegen. Wie anders klang dagegen Lahr, Karlsruhe, Freiburg oder Garching….“ Ich könnte weiter zitieren, weil diese Spitzfindigkeit und Ironie wunderbar die Lage und Vorstellungen der zwei Welten, die aufeinander prallten, beschreibt.

Von denselben Autor las ich gerade den neuen Roman Die rechtschaffenen Mörder von 2020. Zwar schreibt der Autor im Klappentext der Fischerausgabe, dass es eine Erzählung „über das Lesen und die Leser“ und „eine Liebeserklärung an das Papierbuch“ werden sollte, doch es ist wieder ein Roman über den Übergang, die Wende und das sich Zurechtfinden in der neuen Wirklichkeit. Aber handelt das Buch wirklich davon, ist es nicht eine Entfremdung der Entfremdung, Zweifel über Zweifeln das Thema? Denn der Roman ist in drei Teile geteilt und in jedem dieser Kapitel wird die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Es beginnt wie ein Märchen: „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse […] einen unvergleichlichen Ruf genoss. Nicht nur Einheimische suchten ihn auf…“. Der Roman handelt von einem Antiquar und einem Antiquariat. Der Sohn einer Antiquarin, Norbert Paulini alias „Prinz Vogelfrei“, eröffnet 1977 einen Laden und führt ihn zum Erfolg; mit einem Lesesalon, einem Treffpunkt für alle an Literatur und dergleichen Interessierten, darunter für die vielen Dissidenten, mit Beschaffung von Literatur, die eigentlich in der DDR nicht zu haben war. So wird er zum bekannten, geschätzten Bürger. Dann heiratet er eine eher einfache, doch sehr resolute und gut organisierte Frau, eine Friseurin Namens Viola, mit der er einen Sohn hat. Da kommt schon die Wende und sein Antiquariat geht den Bach runter; die Bücher werden nicht gelesen, man kann alle Werke überall kaufen, auch die schöneren Ausgaben. Die Villa, in der er seinen Laden hat, wird den ehemaligen Eigentümern aus dem Westen zurückgegeben. Es stellt sich heraus, dass seine Frau als IM Berichte über die Treffen im Antiquariat verfasst hat. Er lässt sich scheiden und lebt alleine. Die Jahrhundertflut überschwemmt seinen neuen Laden mit den Büchern, er kann kaum etwas retten und begeht höchstwahrscheinlich Selbstmord, zusammen mit seiner Geliebten. Es gibt auch eine Episode, in der Paulini seinen, in die rechte Szene abgerutschten, Sohn deckt und sich über die Migranten so äußert, dass man ihn selbst in die rechte Szene (Pegida) einordnen könnte. Im dritten Teil des Buches schreibt die Lektorin des Schriftstellers mit Namen Schultze, der die Geschichte erzählen und aufschreiben soll. Sie will die Sache des Selbstmordes aufdecken und es kommt zu besagten Zweifeln und Vermutungen, Verdächtigungen, nichts steht mehr fest, alles unterliegt Veränderungen; je nachdem welche Perspektive eingenommen wird.

In den letzten Tagen las ich auch noch den Roman von Lutz Seiler Der Stern 111. Es ist ein sehr poetischer Roman, man bekommt richtig Lust auf diese vergangene Zeit des Anfangs, nach dem Mauerfall, in der noch alles möglich war. Lutz Seiler verführt mit der Geschichte und mit der Sprache, wir gehen den Weg nach Berlin mit ihm und schauen auf seine Eltern, die sich völlig hilflos und unbedarft auf den Weg in den Westen aufmachen. Die Passagen über das Leben von Carl, dem Hauptheld in Berlin mit seinem Shiguli, im Prenzlauer Berg, in der Rykestraße, in der Assel, der Oranienburgerstraße und am Kollwitzplatz gehören zu den intensivsten, eindrücklichsten und spannendsten für uns Berliner überhaupt. Es gibt angeblich Führungen zu den im Buch genannten Plätzen, es gab sie tatsächlich; so wie in Kruso, ist auch hier die Authentizität der Orte, die genaue Beschreibung der Entfernungen, der Topografie des Stadtteils, der paar Straßen unheimlich. Man kann mit dem Buch, wie mit einem Kompass und Reiseführer um die Ecken gehen und jetzt, leider nicht mehr, die Kneipen, die Cafés, die besetzten Häuser sehen. Die neue Wirklichkeit ist schnell eingerückt und hat diese magischen Orte in touristische Orte verwandelt. Manchmal, ganz selten weht ein Hauch der Melancholie, der Vergangenheit durch die Straßen. Die Sprache des Romans zwingt uns innezuhalten und nachzudenken, wie war das damals für mich, wie habe ich die Zeit erlebt. Sie beschwört auch die Magie dieser Orte; durch das geheimnisvolle und ständige Kommen und Gehen, Verharren, still bleiben, bewegen sich die Personen zwar im Roman, aber nur so als ob sie künstlich verschoben wären, als ob das mit ihnen passieren würde, in der scheinbaren Ruhelosigkeit herrscht eine ausgesprochene Bewegungslosigkeit. Die fotografischen Beschreibungen, fast wie Nahaufnahmen der wenigen Gegenstände und detaillierte Beschreibung jeder einzelnen Sache verleihen diesen Gegenständen etwas Unmittelbares aber zugleich nehmen sie ihnen alle Eindeutigkeit, alles ist irgendwie verschwommen und doch real, das Banale, Gewöhnliche bekommt den Geschmack von etwas Besonderem.

Die Geschichte der Eltern bildet ein Pendant dazu, wir lesen mit Erstaunen über den Mut und die Ausdauer, über die Beharrlichkeit von zwei fünfzigjährigen, absolut sesshaften Thüringern mit zwei Wanderrucksäcken und einem Akkordeon, wie sie sich auf den Weg in den Westen aufmachen und ihre Odyssee erleben. „Sie sind doppelt so alt wie ich, dachte Carl, und haben doppelt so viel Kraft.“ Es ist eine Gegengeschichte zu den Jammerossis, auch wenn auf sie, alles andere als ein Paradies im Westen wartet. Sie landen in den Notaufnahmelagern Gießen, Diez und Gelnhausen, schließlich und letztendlich in den USA, von denen sie schon früher geträumt hatten. Von der Geschichte mit der Faszination für den Rock`n`Roll und für den Sänger Bill Haley scheint Carl nichts zu wissen. Vielleicht ist das auch ein Roman über das Verhältnis zwischen den Eltern und dem Sohn, wie sie zueinander finden, jeder auf sich selbst gestellt und jeder auf eigene spezifische Weise. Sowohl Carl als seine Eltern brauchen offenbar so viel Klärung und Abstand, um sich auf einer anderen Ebene wieder treffen können.

Es ist ein Roman über die Ausnahme- und Zwischenzeit, Grenzöffnung und Wiedervereinigung, eine kurze Zeitspanne und der Hauptheld erkennt, dass sie zu Ende geht: „Schon auf dem Heimweg wusste ich, dass meine Zeit in der Assel abgelaufen war. Plötzlich war diese Einsicht da.“ Auch seine Eltern überlegen, ob sie nicht zurück nach Thüringen gehen sollen. Der Reifungsprozess ist abgeschlossen. Ein sehr schöner Roman.

Was mir bei all diesen Texten auffällt, ist, dass die Wende nur von den Autoren aus der ehemaligen DDR beschrieben wird. Sie erleben sie, kämpfen sich durch, verändern oder kapitulieren, passen sich an oder gehen unter. Von der anderen Seite habe ich keine Stimme gehört, vernommen. So würde ich auch, jetzt den Bogen sehr breit spannend, die Romane von so vielen Schriftstellern mit Migrationshintergrund in Amerika oder Großbritannien platzieren. Sie alle kämpfen um A place for us von Fatima Farheen Mizra, wie der Titel des neuen New York Times Bestsellers heißt. Und so verwundert mich gar nicht, dass ein neuer Roman diesmal von Alexander Osang (in Ostberlin geboren) Fast hell auf mich wartet, denn gesagt ist noch lange nicht alles.

Frauenblick: Auf dem Weg

Monika Wrzosek-Müller

Fast hatte ich den Eindruck, wir wären in Berlin eingeschlossen; der angekündigte Radius von 15 Km für die Bewegungsfreiheit ist alles andere als angenehm. In so einer Situationen sucht man sofort nach Ausgleich; den fand ich in einem kleinen Artikel in der italienischen Zeitung La Repubblica: Ein Weg „Kalabria cost to cost“ ist geboren, 55 Km lang, zwischen Dörfern, Städtchen und Natur. Ein „Cammino“, obwohl nicht als Pilgerweg ausgewiesen und gemeint, aber doch mit einem Pass und Abzeichen für die einzelnen Wegabschnitte versehen. Zehn Gemeinden und zwei Provinzen werden auf dem Wanderweg von Soverato nach Pizzo durchquert. Es kann das ganze Jahr über begangen werden. Zwei Jahre lang wurde an den Markierungen gearbeitet.

Der Weg beginnt an den schönen, weißen Stränden der Costa degli Aranci am Ionischen Meer und führt bis zum malerischen Pizzo, der sich auf der anderen Seite über den goldenen Stränden der Costa degli Dei am Tyrrhenischen Meer erhebt. Man durchquert das bergige Gebiet Kalabriens, geht durch schöne antike Dörfer – Petrizzi, San Vito und Monterosso – an weiten Feldern und Weingärten entlang, durch Olivenheine und Wälder mit Kastanien oder uralten Buchen. Auf dem Weg liegt auch ein herrlicher See (Antigola-See) im Preserre-Gebirge, hoch über dem Meer. Es gibt Ausblicke auf die Küsten beider Meere; die Steigungen sind auch manchmal anspruchsvoll. Das alles weit weg von den Touristenrouten, an ursprünglichen Landschaften vorbei.

Das brauchte ich als Ziel, als Vorgabe, weg von der grauen und wirklich verhängnisvollen Wirklichkeit der Pandemie. Träumen von den Landschaften, die ich so sehr liebe und in denen ich immer aufgehe. Ein Weg als Ziel ist immer hilfreich und zukunftsweisend, man kann ihm auch im Traum folgen, in der Vorstellung, ohne zu gehen. Ein Weg führt immer weiter, deswegen ist vielleicht die Vorstellung von einer Mauer, von Eingrenzung so verstörend und einengend. Jede gebaute Mauer versperrt den Weg, grenzt aus, sie sagt: bis dahin und nicht weiter. Zum Glück sind einige Mauern und Absperrungen gescheitert, gefallen oder aufgebrochen worden; in Amerika wird unter dem neuen Präsidenten die Mauer an der amerikanisch-mexikanischen Grenze nicht weitergebaut und die Berliner Mauer ist schon vor Jahren gefallen. Doch den langen Weg, den die Menschen aus dem Osten gegangen sind, sollte man nicht vergessen.

„Man fährt nicht mit dem eigenen Wagen vor das Tor eines Flüchtlingslagers – es ziemt sich nicht, so hatte Carl seinen Vater verstanden. Das war sein Respekt vor dem Vorgang der Flucht, deren Umstände im Ungewissen lagen. Vor allem aber, so sah es Carl, entsprach es seiner Gutgläubigkeit – einem Vertrauen darauf, dass ein bestimmtes (gutes, richtiges) Verhalten eine bestimmte (gute, richtige) Reaktion hervorrufen würde. Und vielleicht hatte er recht damit. Vielleicht brauchte man diese Formen von Demut und Buße, wenn man ein Flüchtling aus dem Osten war. So ungewöhnlich ihr Schritt, so chaotisch und gewagt das Ganze auch aussah, sie wollten es anständig machen. Sie wollten gute Flüchtlinge sein, was Carl das Herz abschnürte. Arme Eltern. Sie würden es niemals schaffen. Sie waren nicht kaltschnäuzig genug, hatten nicht Ellbogen dafür. Sie waren mit schlimmeren Dingen nicht vertraut, waren zu alt, zerbrechlich, verletzlich und schleppten einen großen schwarzen Kasten durch die Gegend.“ (Lutz Seiler, Stern 111, S.40).

Das Buch kreist um die Zeit der Wiedervereinigung und die Probleme, die sie mit sich bringt. Der Held und seine Eltern gehen scheinbar gegensätzliche Wege und doch landen sie alle im vereinten Deutschland. Es gibt Wege, die man immer nach oben geht, wenn auch unter Mühe, und solche, die mehr gradlinig und horizontal verlaufen, dabei nicht so viel Kraft und Mut erfordern, es existieren auch lauter Abstiege, die brauchen auch viel Durchhaltevermögen. Nicht alle haben die Kraft und nötige Ausdauer, den einen, richtigen Weg zu finden, manchmal reicht schon die Suche danach aus. Meine liebste Tante war dadurch nie ansässig geworden. Sie wohnte mal hier, mal da; niemals lange und niemals kümmerte sie, wie die Wohnung denn aussah, in der sie zufällig lebte. Auf jeden Fall nicht nach dem Prinzip: „May home is my castle“.

Die Anzahl der verschiedenen Pilger-, Wanderwege steigt stetig an; etwas treibt die Menschen an, unterwegs zu sein, sich auf den Weg zu machen, vielleicht unterwegs ganz nebenbei sich selbst zu finden. Ich persönlich bin weiterhin auf dem Weg, auch wenn es häufig Baustellen unterwegs gibt.

Das verflixte Jahr 2020

Die Fortsetzung dessen, was wir schon vor einer Woche versucht haben, zu rekapitulieren.
Ciąg dalszy tego, co już tydzień temu próbowaliśmy podsumować.

Katarzyna Bogdanowicz

Monika Wrzosek-Müller

Das ungewöhnliche Jahr 2020 hatte in sich; es hat alle überrascht und vor ganz neue Dimensionen gestellt. Für mich persönlich war das ein interessantes Jahr, da wir fünf Monate lang in Prag waren und dort die erste Phase des Lockdowns erlebt haben. Darüber habe ich hier öfters geschrieben.

Wenn ich jetzt länger über das Jahr 2020 nachdenke, bedeutete es für mich erst einmal eine Reduktion; wir/ich haben vieles auf das Wesentliche reduziert: auf die wesentlichen Gefühle, auf die wichtigen Beziehungen… Plötzlich wurde Liebe und Nähe so wichtig. Ich wollte meinen Sohn sehen, nicht nur am Handy hören, dass es ihm gut geht; ich wollte meine Mutter in Polen sehen, obwohl der Zugang zu den Pflegeheimen versperrt war. Ich hörte auf meine Gedanken, bemerkte, mit wieviel Zerstreuung wir leben. Das hat mir die Einsicht gebracht, dass wir viel weniger brauchen, als wir um uns haben. Oder doch anders, wir benötigen andere Dinge, die uns Geld und all der Konsum nicht geben können. Oft habe ich schon gedacht: diese Pandemie besitzt auch eine Kraft, die uns auf uns selbst zurückwirft und verlangt, dass wir mit uns ins Reine kommen, dass wir uns definieren, uns zu etwas eindeutig bekennen. Auf jeden Fall hatten wir genug Zeit, um über vieles nachzudenken, nachzugrübeln und über manches nachzulesen. Ja, das Lesen, gute Lektüre, gute Bücher waren der Gewinn für mich in diesem Jahr. Ich las fast immer parallel zwei, drei Bücher, manchmal kamen auch Zeitungen dazwischen und dann wusste ich nicht mehr, was, wo und wann ich dieses und jenes gelesen hatte. Es fehlte der direkte Austausch darüber, doch es wurde auch genauso tüchtig gemailt und Nachrichten wurden rege ausgetauscht.

Draußen lief natürlich der ganze Horror in den Krankenhäusern, in den Pflegeheimen und manchmal, ganz selten, spürte ich auch die Bedrohung, wenn z.B. in einem Laden („dm“) sich um mich herum zu viele Menschen tummelten und kein Fluchtweg sichtbar war (ich musste noch bezahlen).

Ich konnte die Demonstrationen der Querdenker gegen die Coronamaßnahmen nicht verstehen. All die Verschwörungstheorien waren für mich so unverständlich und abgehoben, dass ich manchmal dachte, die soll Corona treffen, dann würden sie im Nu ganz anders denken, wo bleibt der gesunde Menschenverstand. Wie kann man blind und taub durch die Welt gehen, ohne Rücksicht und Achtsamkeit darauf, was rundherum passiert, mit einer Arroganz gegenüber den Schwächeren. Überhaupt, das Fehlen von gesundem Menschenverstand empfand ich, überraschend, essenziell negativ an der Situation; jeder müsste doch einsehen, dass man während der Pandemie eine Schutzmaske tragen und Abstand halten sollte.

Bewusst wurde mir auch die steigende Macht der Medien, aller Medien. Jeder hörte Radio, sah Nachrichten im Fernsehen oder auf dem Handy und Laptop; manche Medien brachten auch viel Manipulatives und Unwahres, was trotz allem schnell verbreitetet wurde. Manches wurde tausendfach verbreitet, ohne richtige Nachforschungen, ohne Faktenbasis.

Wir versuchen über das Jahr 2020 so zu schreiben, als ob die Sache mit der Pandemie schon zu Ende gegangen sei, ist sie aber nicht. Sie dauert weiterhin und betrifft uns immer stärker und tiefer, mindestens solange wir nicht alle (oder viele) geimpft sind. Ich würde die Rückkehr in die Normalität begrüßen, in eine bewusste, vielleicht etwas umgestaltete, gesündere, aufmerksamere Wirklichkeit. Ich hoffe, dass wir alle von dieser Zeit gelernt haben und mit der Achtsamkeit, die uns dieses Jahr der Stille und des Rückzugs gebracht hat, besser weiterleben werden.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Meine Lektüre

Die Welt und wir selbst geraten gerade immer mehr in Stille, in einen Zustand des ständigen Wartens und sich Ermahnens, in Abgeschiedenheit; wichtiger wird es, zu lesen als Leute zu treffen, wichtiger, in sich zurückzukehren als in Ausstellungen, Konzerte, Theater und Kinos zu gehen. Eigentlich müsste diese Zeit für Menschen, die, wie ich, Yoga praktizieren, eine Quelle der Inspiration sein, doch sie hängt langsam wie eine bleierne Decke über allem und wir versuchen eher schlecht als recht rauszukommen und rauszuschauen. Die einzig wirklich aufmunternde Tätigkeit ist die Lektüre und vielleicht auch der online-Austausch darüber. Die lesenden Madonnen und anderen heiligen Damen des Mittelalters könnten uns hier ein Vorbild sein.

Lange Abende blieb ich an ein Buch gefesselt, auch wegen des Umfangs (es sind beinahe 600 Seiten), aber auch wegen des Themas, mit dem ich seit Jahren schwanger bin. Der Titel klärt vieles: Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine persönliche Geschichte von Philippe Sands. Der Autor, Anwalt und Professor für internationales Recht, lebt in London, ist jüdischer Abstammung und seine Familie stammt aus Lemberg, oder genauer: aus Zółkiew in der Nähe von Lemberg. Er versucht, bei seinen Reisen den Grund für die Odyssee seiner eigenen Familie zu entschlüsseln und den Ausgangspunkt, den Ursprung findet er immer wieder in der Stadt Lemberg.

Vielleicht etwas weitläufig und sehr ambitioniert verbindet er die Geschichte seiner Familie mit der von zwei weltbekannten Juristen: Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin. Da sich das Buch in der Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, dann während und danach, bewegt, bleiben uns die Ereignisse und Persönlichkeiten aus dieser Zeit nicht verborgen. Viele Seiten widmet Sands auch dem „Generalgouverneur“ des besetzten Polen und Reichsminister Hans Frank, auch der ein Jurist. Der Aufbau des Buches ist an einige Achsen gebunden: an eine zeitliche, die chronologische Geschichte der Familie, rückwärts erzählt; an eine geografische, von Zółkiew nach Lemberg, Wien, London, USA und oft zurück nach London, die Schweiz, mit einem starken Focus auf dem Beruf des Juristen. Der Autor begibt sich an diese Orte, führt Gespräche mit den Helden, mit seiner Familie (der Mutter), sichtet Fotos und erhalten gebliebene Dokumente und begleitet manche seiner Personen auch bei wichtigen historischen Ereignissen – dem Nürnberger Prozess.

Hinter allen diesen Aktivitäten, den Reisen, Gesprächen, Interviews und Recherchen in Archiven, steht für mich sein starker Wille und Wunsch, an der Familie wenigstens in minimalem Umfang etwas wiedergutzumachen, sie zu entschädigen, ihr Genugtuung zu leisten; das ist der eigentliche Motor des Buchs und vielleicht spielt auch sein persönlicher Ehrgeiz eine Rolle. Sands liefert Porträts von einigen der Personen, die ich erwähnt habe; im Hinblick auf die Zeit und die Ereignisse, die ihn interessieren, zögert er auch nicht, deren Nachkommen aufzusuchen und anzusprechen, sozusagen einen persönlich Eindruck von ihnen zu bekommen, sich sogar mit ihnen zu befreunden. So entsteht ein sehr lebendiges, persönliches, im historischen Geschehen verwurzeltes Werk, das über vieles Auskunft gibt, was man eigentlich bereits weiß und worüber man doch immer mehr erfahren könnte – über eine Welt, die es tatsächlich nicht mehr gibt.

Natürlich sind die Zeit, die Akteure und eben die Ereignisse, die in dem Buch beschrieben werden, so bedeutend, dass der persönliche Aspekt dahinter manchmal verschwindet und wenig sichtbar wird, doch die treibende Kraft für das ganze Unternehmen bleibt der Wunsch, sich mit der eigenen Geschichte versöhnen zu können.

Ich werde hier nicht das ganze Buch zusammenfassen; erwähnenswert ist, dass Sands als Jurist die Auseinandersetzung um die juristisch neu formulierte Begriffe Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sehr anschaulich darstellt. Der Leser erfährt, wie es dazu kam und wie zwei hervorragende Juristen jüdischer Abstammung diese Begriffe geprägt und erfolgreich dafür gekämpft haben, sie in die Nürnberger Prozesses einzubringen. Wie diese Begriffe dann auch politisiert wurden, aber auch eindringlich, wie wichtig sie für die damalige Zeit und die Entstehung vieler internationaler Organisationen waren.

Für mich persönlich hat das Buch geklärt, was meine Mutter mit ihrem oft wiederholten Satz meinte, dass die juristische Fakultät in Lemberg die beste in ganz Europa gewesen sei. Offensichtlich gab es eine Zeit, in der es wirklich so war…

Frauenblick: Europa in der Coronazeit

Monika Wrzosek-Müller

Wissen wir, was wir mit unserer EU in der Zukunft vorhaben?

Die Coronavirus Pandemie zwingt uns über viele Sachen nachzudenken, über Solidarität, Toleranz, Freiheit, Individuum, Rechte, Pflichten natürlich auch über finanzielle Risiken und Bürden, usw., die sie mit sich bringt. Es herrscht Unsicherheit und ja, doch auch etwas Angst, wie die Zukunft sein wird, danach. Wäre es nicht angebracht, über unsere Vorstellungen, quasi einen neuen Anfang für EU nachzudenken und vielleicht eine Umfrage starten in allen EU Ländern und bei allen Bürgern, mit einem breiten Fragenkatalog, sich vergewissern, was wir eigentlich von diesem doch künstlichen Gebilde wollen, wie wir es weiter entwickeln, lenken sollen.

Als in Polen die oppositionelle Bewegung entstand und daraus dann später auch Solidarność, als unabhängige Gewerkschaft wurde, wusste sie ganz genau, auf welcher Seite sie stand. Es war wie ein Imperativ, mobilisierte alle ihre Kräfte und Gedanken. Sie kämpfte dafür ohne Wenn und Aber, ohne viel zu überlegen, was passiert, wenn…

Die Entwicklung zeigte, dass das auch richtig war; es war der richtige Kampf, der richtige Weg. Natürlich mit vielen Mäandern, doch die Richtung stimmte. Es hat vieles verändert, auf einen guten Weg gebracht.

Lange blieb sie danach unpolitisch, es ging auch eigentlich nicht anders, sie zog nach Deutschland um und bis sie politisch hätte tätig werden können, vergingen Jahre. Die deutsche Staatsangehörigkeit nahm sie erst 2009 an. Eigentlich begleitete sie nur ein politischer Gedanke, dass wir Europäer zusammen kommen sollen, unabhängig von allen regionalen Unterschieden, sich zusammentun und eine bessere Welt vorleben. Vielleicht war das auch die andere Seite ihres Lebens, die Umzüge und Änderungen des Standortes haben sie offen und positiv neugierig für das andere gemacht, aber zugleich auch gezeigt, wie viel man gewinnt, wenn sich die Länder unterstützen und einige Herausforderungen gemeinsam meistern.

Die Gründung der EU am 1. November 1993 empfand sie mehr als richtig, sie war begeistert. Doch schnell kamen die Krisen, die Unterschiede machten sich allzu sehr bemerkbar. Trotzdem wuchs die EU, zu den sechs Gründungsländern kamen weitere hinzu. Immerhin schaffte es die Union, eine einheitliche Währung zu etablieren; der Bewegungsfreiheit innerhalb Europas waren kaum mehr Grenzen gesetzt. 1999 waren elf Staaten in der europäischen Währungsunion verbunden, bis 2015 traten weitere acht Staaten bei. Die Europäische Zentralbank wacht über die Preisstabilität und, mal und mehr mal weniger erfolgreich, über die Haushaltsdisziplin der einzelnen Mitglieder. Die Finanzkrise von 2008 überstand Europa weitgehend unbeschadet, doch es wurde schnell deutlich, dass es sogenannte „bessere und schlechtere“ Länder in Europa gab, und diese Aufteilung wurde eigentlich nicht mehr aufgehoben.

Dann kam 2015 die Flüchtlingskrise und die Spaltung oder das Auseinanderdriften der Staaten war nicht mehr zu übersehen. Europa konnte sich auf keine gemeinsame Vorgehensweise einigen, viele Staaten respektierten die europäischen Institutionen nicht. Die Risse zeigten sich natürlicherweise während der Krisen deutlicher; so ging es mit gemeinsamen Aktionen nach der Flüchtlingskrise immer mehr bergab. Einige der Länder spielten ihre eigene Musik ganz für sich und wurden arrogant und beleidigt, wenn man sie zurechtzuweisen versuchte. Manche Kritik an der Art und Weise, wie die EU funktionierte, war vielleicht auch angebracht, und so trieb die Uneinigkeit in der EU ihr Unwesen.

Das Referendum in Großbritannien von 2016 fiel knapp zugunsten des Austritts aus der EU aus; für den Verbleib hatten immerhin 48,11% der Bürger gestimmt. Trotzdem war es wie eine Ohrfeige für die EU, England entschied sich für den Brexit und der Austritt erfolgte im Januar 2020. Da war aber ganz Europa schon mit einem neuen Problem beschäftigt, mit dem es bis heute kämpft und das es auf seine größte Probe stellt. In März befiel ganz Europa, die ganze Welt die Virus-Pandemie, die sich bis heute weiter ausbreitet und in vielen Ländern riesige Problemen schafft.

Sie hat diese Zeit nicht in Berlin verbracht; während der dunklen winterlichen Monate war sie in der wunderschönen Stadt an der Moldau, in Prag. Sie erlebte dort den totalen lock-down und eine leere Stadt mit geschlossenen Geschäften, Restaurants, Cafés, Bars, Museen, Konzerthäusern, Theatern, Kinos. Praktisch das ganze Leben stand still in dieser sonst so von Touristen überlaufenen Stadt. Sie war angetan, wie diszipliniert und verantwortungsvoll die Tschechen mit den Maßnahmen umgingen und sich ihnen fügten.

Doch eines stach in dieser Zeit für sie ganz deutlich ins Auge: es gab praktisch keine gemeinsame Aktionen seitens der EU. Jeder Staat versuchte schleunigst, für sich eine Strategie zu entwickeln, kapselte sich mehr oder weniger ab; manche schlossen die Grenzen, andere ließen ihren Bürgern mehr Freiheit und wollten die sogenannte Herdenimmunität durch höheres Infektionsaufkommen herstellen, wieder andere waren einfach hilflos gegenüber der sich ausbreitenden Krankheit. Sie wartete vergeblich auf Signale aus Brüssel, einen Weg, einen Vorschlag seitens der europäischen Kommission. Es wäre doch möglich gewesen, einen Rat für die Erarbeitung eines Maßnahmenkatalogs zu bilden und, wenn nicht praktisch, dann doch wenigstens symbolisch, Geschlossenheit zu zeigen. Es war wie ein Schlag, nach dem die Schleier fielen, sah man ganz deutlich: die Länder lebten ihre nationalen Gefühle und Gebärden, ihren Stolz wieder aus; es kam zur Konkurrenz, wer es warum und wie besser machte. Das war ihr unverständlich und schmerzhaft, doch die Meldungen übermittelten eindeutig dieses Bild: jeder Staat agierte für sich allein. Irgendwann erst taten sich die Staatschefs zusammen und finanzielle Hilfe für ganz Europa wurde vereinbart. Das war ein gutes und richtiges Signal.

Doch für sie war der Traum ausgeträumt, die ersten Impulse hatten gezeigt, dass sich spontan alles wieder klar in Richtung Nationalstaat; dieser Reflex steckt weiterhin ganz tief in den Köpfen.

So denke sie, dass die EU nach der Corona-Krise einen neuen Anfang machen muss, etwas mehr Gewicht auf moralische, ethische Probleme legen, sich von bloß finanziellem Kalkül weg bewegen. Vielleicht würde, wiederhole ich noch einmal, eine allgemeine Umfrage helfen, in der Bürger aller EU-Staaten aufgerufen wären, sich über die Zukunft der EU, deren Aufgaben, Ziele, Pflichten auszusprechen. Dann könnte man sie (die Bürger und die Staaten) beim Wort nehmen und mit neuen Schwung die Einigung, den Fortschritt weiter vorantreiben, auch in den Bereichen, wo die Stimme der EU gefehlt hat, und bei allen Unterschieden und Interessengegensätzen zwischen den Länder.

Frauenblick: Im Sumpf

Monika Wrzosek-Müller

Die Coronazeit, die Quarantäne hat uns auf die neuen Fernsehmöglichkeiten aufmerksam gemacht, vor allem in Prag, wo wir von öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nur ARD in unserem Appartement empfangen konnten. So lernten wir Netflix kennen, manchmal auch schätzen, und schauten uns einige Produktionen an, die sonst wahrscheinlich an uns vorbeigegangen wären.

Unter den unendlich langen, in vielen Staffeln und Folgen (ja, man lernte das entsprechende Vokabular dazu kennen) und immer wieder neu gedrehten Filmen stach für mich eine kurze und spannende polnische Serie (mit nur 5 Folgen) heraus. Zugegeben, zuerst haben mich vor allem die Namen auf dem Abspann neugierig gemacht – lauter Söhne bekannter polnischen Film- und Theaterleute: Jan Holoubek, der Sohn vom Gustav Holoubek, und Magda Zawadzka (an die beiden kann sich meine Generation wunderbar erinnern), Kasper Bajon, Sohn von Filip Bajon; als Hauptdarsteller Andrzej Seweryn. Es handelt sich um eine polnische Produktion für Netflix, gedreht 2018, in Deutschland zu sehen erst ab 2020: Rojst, Witaj w polskim bagnie, [Im Sumpf] unter der Regie von Jan Holoubek.

Auch wenn ich sagen würde: der polnische Sumpf war damals vielleicht nicht so sumpfig, ist die Produktion durchaus gelungen. Man fühlt sich richtig in die frühen 80er Jahre versetzt, mit ihrer Tristesse, Hoffnungslosigkeit und Hässlichkeit; fast kam mir der Gedanke, ob es denn wirklich so schrecklich um uns herum war oder ob es um eine gewollte Überhöhung für filmische Zwecke ging, und dann gab ich mir die Antwort selbst; meine fast krankhafte Liebe und Aufmerksamkeit für das Schöne, für die Schönheit stammt wahrscheinlich daher. Im Film spielen brutale menschlichen Beziehungen, wo der Sinn für Wahrheit und moralische Normen und Menschlichkeit längst verschwunden ist (wo war denn die viel beschworene polnische katholische Kirche?) eine große Rolle. Die Natur um die Kleinstadt in Schlesien, wo die Handlung spielt, ist auch morastig und undurchdringlich, zwar nicht sumpfig (wäre noch besser), doch auf jeden Fall geheimnisvoll. Es waren die Jahre der Dunkelheit, des Kriegszustandes, in denen viele Leute aus dem Land emigrierten, fortgingen. Das alles wird fast bis ins Surreale gesteigert, dazu kommt eine Handlung, die sich für einen Krimi vielleicht zu langsam und unspektakulär entwickelt, aber die mit Fetzen der Erzählung aus der Vergangenheit, aus den direkten Nachkriegsjahren durchsetzt ist und dadurch noch geheimnisvoller wirkt. Die Geschichte von den vertriebenen Deutschen, die in einer Nacht und Nebel-Aktion aus den Häusern geholt wurden, in einen Wald, in ein Lager gezwängt und da ihrem Schicksal überlassen, litten, ist vielleicht auch zugespitzt, doch sie macht neugierig. Darüber herrscht natürlich im Film, wie tatsächlich auch in der Nachkriegswirklichkeit, großes Schweigen, nur die Namen, im Film in die Rinde der Bäume eingeritzt, mit den Jahren fast unsichtbar geworden, zeugen von den Ereignissen und das Leuchten über den Feuchtgebieten, im Wald, sendet ihre Botschaften.

Noch mal von vorne: die Handlung spielt in einer kleinen Stadt, irgendwo in Schlesien, Anfang der 80er Jahre. Im Wald nahe dem Städtchen werden ein Sportfunktionär für Jugendliche und eine Prostituierte tot aufgefunden. Die Ermittlungen dauern nicht lange und die Polizei nimmt einen Verdächtigen fest, den Mann der Prostituierten, der, mit dubiosen Methoden verhört, die Tat gesteht, so dass die Miliz den Fall ad acta legen kann. Man nimmt den angeblichen Täter fest und liefert in die geschlossene Psychiatrie ein. Doch zwei Journalisten der lokalen Zeitung, die darüber berichten wollen, stoßen auf Ungereimtheiten und neue Verdachtsmomente; wie es der Zufall will, kommt ein junger Praktikant aus Kraków, dessen Vater ein bekannter politischer Apparatschik ist, bei der Lokalzeitung zum Einsatz. Er wird von einem älteren, profilierten Kollegen betreut. Die beiden ermitteln gegen die Anweisung des Chefredakteurs in dem Fall weiter. Letztlich beschäftigt sich damit nur noch der junge, unerfahrene und naive Journalist auf eigene Faust und stößt auf einen Sumpf von Verflechtungen, Verwicklungen und bedrohlichen Situationen. Es sterben noch zwei Jugendliche und ein Metzger wird aufgehängt, der Fall endet mit einer richtig sumpfigen Lösung, die ich hier nicht verraten will.

Es ist aber nicht die kriminalistische Handlung, die für die Story den Ausschlag gibt. Es ist die Szenerie, die dunklen Bilder, die oft so düster sind, als ob sie durch einen Grauschleier gedreht worden seien; auch die Musik untermalt die dunklen Momente. Sogar die jugendliche Liebe muss diesem fatalistischen und hoffnungslosen Hauptstrang geopfert werden, sie fügt sich in die Reihe der Katastrophen, die auf dem Bildschirm passieren. Einzig der junge Journalist aus Kraków und seine schwangere Frau kommen unversehrt, wenn auch mitgenommen, aus der Geschichte heraus; sie sind der einzige Lichtblick, die einzigen Hoffnungsträger in der Geschichte. In dem ganzen Film scheint niemals Sonne über die Landschaft, es ist finster, düster aber stimmungsvoll und, wie ich am Anfang gesagt habe, wahrscheinlich so, wie es am Anfang der 80er Jahre in Polen wirklich war.

Ich kann die Serie guten Gewissens empfehlen, nicht nur polnischen Zuschauern.