Das verflixte Jahr 2020

Die Fortsetzung dessen, was wir schon vor einer Woche versucht haben, zu rekapitulieren.
Ciąg dalszy tego, co już tydzień temu próbowaliśmy podsumować.

Katarzyna Bogdanowicz

Monika Wrzosek-Müller

Das ungewöhnliche Jahr 2020 hatte in sich; es hat alle überrascht und vor ganz neue Dimensionen gestellt. Für mich persönlich war das ein interessantes Jahr, da wir fünf Monate lang in Prag waren und dort die erste Phase des Lockdowns erlebt haben. Darüber habe ich hier öfters geschrieben.

Wenn ich jetzt länger über das Jahr 2020 nachdenke, bedeutete es für mich erst einmal eine Reduktion; wir/ich haben vieles auf das Wesentliche reduziert: auf die wesentlichen Gefühle, auf die wichtigen Beziehungen… Plötzlich wurde Liebe und Nähe so wichtig. Ich wollte meinen Sohn sehen, nicht nur am Handy hören, dass es ihm gut geht; ich wollte meine Mutter in Polen sehen, obwohl der Zugang zu den Pflegeheimen versperrt war. Ich hörte auf meine Gedanken, bemerkte, mit wieviel Zerstreuung wir leben. Das hat mir die Einsicht gebracht, dass wir viel weniger brauchen, als wir um uns haben. Oder doch anders, wir benötigen andere Dinge, die uns Geld und all der Konsum nicht geben können. Oft habe ich schon gedacht: diese Pandemie besitzt auch eine Kraft, die uns auf uns selbst zurückwirft und verlangt, dass wir mit uns ins Reine kommen, dass wir uns definieren, uns zu etwas eindeutig bekennen. Auf jeden Fall hatten wir genug Zeit, um über vieles nachzudenken, nachzugrübeln und über manches nachzulesen. Ja, das Lesen, gute Lektüre, gute Bücher waren der Gewinn für mich in diesem Jahr. Ich las fast immer parallel zwei, drei Bücher, manchmal kamen auch Zeitungen dazwischen und dann wusste ich nicht mehr, was, wo und wann ich dieses und jenes gelesen hatte. Es fehlte der direkte Austausch darüber, doch es wurde auch genauso tüchtig gemailt und Nachrichten wurden rege ausgetauscht.

Draußen lief natürlich der ganze Horror in den Krankenhäusern, in den Pflegeheimen und manchmal, ganz selten, spürte ich auch die Bedrohung, wenn z.B. in einem Laden („dm“) sich um mich herum zu viele Menschen tummelten und kein Fluchtweg sichtbar war (ich musste noch bezahlen).

Ich konnte die Demonstrationen der Querdenker gegen die Coronamaßnahmen nicht verstehen. All die Verschwörungstheorien waren für mich so unverständlich und abgehoben, dass ich manchmal dachte, die soll Corona treffen, dann würden sie im Nu ganz anders denken, wo bleibt der gesunde Menschenverstand. Wie kann man blind und taub durch die Welt gehen, ohne Rücksicht und Achtsamkeit darauf, was rundherum passiert, mit einer Arroganz gegenüber den Schwächeren. Überhaupt, das Fehlen von gesundem Menschenverstand empfand ich, überraschend, essenziell negativ an der Situation; jeder müsste doch einsehen, dass man während der Pandemie eine Schutzmaske tragen und Abstand halten sollte.

Bewusst wurde mir auch die steigende Macht der Medien, aller Medien. Jeder hörte Radio, sah Nachrichten im Fernsehen oder auf dem Handy und Laptop; manche Medien brachten auch viel Manipulatives und Unwahres, was trotz allem schnell verbreitetet wurde. Manches wurde tausendfach verbreitet, ohne richtige Nachforschungen, ohne Faktenbasis.

Wir versuchen über das Jahr 2020 so zu schreiben, als ob die Sache mit der Pandemie schon zu Ende gegangen sei, ist sie aber nicht. Sie dauert weiterhin und betrifft uns immer stärker und tiefer, mindestens solange wir nicht alle (oder viele) geimpft sind. Ich würde die Rückkehr in die Normalität begrüßen, in eine bewusste, vielleicht etwas umgestaltete, gesündere, aufmerksamere Wirklichkeit. Ich hoffe, dass wir alle von dieser Zeit gelernt haben und mit der Achtsamkeit, die uns dieses Jahr der Stille und des Rückzugs gebracht hat, besser weiterleben werden.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Meine Lektüre

Die Welt und wir selbst geraten gerade immer mehr in Stille, in einen Zustand des ständigen Wartens und sich Ermahnens, in Abgeschiedenheit; wichtiger wird es, zu lesen als Leute zu treffen, wichtiger, in sich zurückzukehren als in Ausstellungen, Konzerte, Theater und Kinos zu gehen. Eigentlich müsste diese Zeit für Menschen, die, wie ich, Yoga praktizieren, eine Quelle der Inspiration sein, doch sie hängt langsam wie eine bleierne Decke über allem und wir versuchen eher schlecht als recht rauszukommen und rauszuschauen. Die einzig wirklich aufmunternde Tätigkeit ist die Lektüre und vielleicht auch der online-Austausch darüber. Die lesenden Madonnen und anderen heiligen Damen des Mittelalters könnten uns hier ein Vorbild sein.

Lange Abende blieb ich an ein Buch gefesselt, auch wegen des Umfangs (es sind beinahe 600 Seiten), aber auch wegen des Themas, mit dem ich seit Jahren schwanger bin. Der Titel klärt vieles: Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine persönliche Geschichte von Philippe Sands. Der Autor, Anwalt und Professor für internationales Recht, lebt in London, ist jüdischer Abstammung und seine Familie stammt aus Lemberg, oder genauer: aus Zółkiew in der Nähe von Lemberg. Er versucht, bei seinen Reisen den Grund für die Odyssee seiner eigenen Familie zu entschlüsseln und den Ausgangspunkt, den Ursprung findet er immer wieder in der Stadt Lemberg.

Vielleicht etwas weitläufig und sehr ambitioniert verbindet er die Geschichte seiner Familie mit der von zwei weltbekannten Juristen: Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin. Da sich das Buch in der Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, dann während und danach, bewegt, bleiben uns die Ereignisse und Persönlichkeiten aus dieser Zeit nicht verborgen. Viele Seiten widmet Sands auch dem „Generalgouverneur“ des besetzten Polen und Reichsminister Hans Frank, auch der ein Jurist. Der Aufbau des Buches ist an einige Achsen gebunden: an eine zeitliche, die chronologische Geschichte der Familie, rückwärts erzählt; an eine geografische, von Zółkiew nach Lemberg, Wien, London, USA und oft zurück nach London, die Schweiz, mit einem starken Focus auf dem Beruf des Juristen. Der Autor begibt sich an diese Orte, führt Gespräche mit den Helden, mit seiner Familie (der Mutter), sichtet Fotos und erhalten gebliebene Dokumente und begleitet manche seiner Personen auch bei wichtigen historischen Ereignissen – dem Nürnberger Prozess.

Hinter allen diesen Aktivitäten, den Reisen, Gesprächen, Interviews und Recherchen in Archiven, steht für mich sein starker Wille und Wunsch, an der Familie wenigstens in minimalem Umfang etwas wiedergutzumachen, sie zu entschädigen, ihr Genugtuung zu leisten; das ist der eigentliche Motor des Buchs und vielleicht spielt auch sein persönlicher Ehrgeiz eine Rolle. Sands liefert Porträts von einigen der Personen, die ich erwähnt habe; im Hinblick auf die Zeit und die Ereignisse, die ihn interessieren, zögert er auch nicht, deren Nachkommen aufzusuchen und anzusprechen, sozusagen einen persönlich Eindruck von ihnen zu bekommen, sich sogar mit ihnen zu befreunden. So entsteht ein sehr lebendiges, persönliches, im historischen Geschehen verwurzeltes Werk, das über vieles Auskunft gibt, was man eigentlich bereits weiß und worüber man doch immer mehr erfahren könnte – über eine Welt, die es tatsächlich nicht mehr gibt.

Natürlich sind die Zeit, die Akteure und eben die Ereignisse, die in dem Buch beschrieben werden, so bedeutend, dass der persönliche Aspekt dahinter manchmal verschwindet und wenig sichtbar wird, doch die treibende Kraft für das ganze Unternehmen bleibt der Wunsch, sich mit der eigenen Geschichte versöhnen zu können.

Ich werde hier nicht das ganze Buch zusammenfassen; erwähnenswert ist, dass Sands als Jurist die Auseinandersetzung um die juristisch neu formulierte Begriffe Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sehr anschaulich darstellt. Der Leser erfährt, wie es dazu kam und wie zwei hervorragende Juristen jüdischer Abstammung diese Begriffe geprägt und erfolgreich dafür gekämpft haben, sie in die Nürnberger Prozesses einzubringen. Wie diese Begriffe dann auch politisiert wurden, aber auch eindringlich, wie wichtig sie für die damalige Zeit und die Entstehung vieler internationaler Organisationen waren.

Für mich persönlich hat das Buch geklärt, was meine Mutter mit ihrem oft wiederholten Satz meinte, dass die juristische Fakultät in Lemberg die beste in ganz Europa gewesen sei. Offensichtlich gab es eine Zeit, in der es wirklich so war…

Frauenblick: Europa in der Coronazeit

Monika Wrzosek-Müller

Wissen wir, was wir mit unserer EU in der Zukunft vorhaben?

Die Coronavirus Pandemie zwingt uns über viele Sachen nachzudenken, über Solidarität, Toleranz, Freiheit, Individuum, Rechte, Pflichten natürlich auch über finanzielle Risiken und Bürden, usw., die sie mit sich bringt. Es herrscht Unsicherheit und ja, doch auch etwas Angst, wie die Zukunft sein wird, danach. Wäre es nicht angebracht, über unsere Vorstellungen, quasi einen neuen Anfang für EU nachzudenken und vielleicht eine Umfrage starten in allen EU Ländern und bei allen Bürgern, mit einem breiten Fragenkatalog, sich vergewissern, was wir eigentlich von diesem doch künstlichen Gebilde wollen, wie wir es weiter entwickeln, lenken sollen.

Als in Polen die oppositionelle Bewegung entstand und daraus dann später auch Solidarność, als unabhängige Gewerkschaft wurde, wusste sie ganz genau, auf welcher Seite sie stand. Es war wie ein Imperativ, mobilisierte alle ihre Kräfte und Gedanken. Sie kämpfte dafür ohne Wenn und Aber, ohne viel zu überlegen, was passiert, wenn…

Die Entwicklung zeigte, dass das auch richtig war; es war der richtige Kampf, der richtige Weg. Natürlich mit vielen Mäandern, doch die Richtung stimmte. Es hat vieles verändert, auf einen guten Weg gebracht.

Lange blieb sie danach unpolitisch, es ging auch eigentlich nicht anders, sie zog nach Deutschland um und bis sie politisch hätte tätig werden können, vergingen Jahre. Die deutsche Staatsangehörigkeit nahm sie erst 2009 an. Eigentlich begleitete sie nur ein politischer Gedanke, dass wir Europäer zusammen kommen sollen, unabhängig von allen regionalen Unterschieden, sich zusammentun und eine bessere Welt vorleben. Vielleicht war das auch die andere Seite ihres Lebens, die Umzüge und Änderungen des Standortes haben sie offen und positiv neugierig für das andere gemacht, aber zugleich auch gezeigt, wie viel man gewinnt, wenn sich die Länder unterstützen und einige Herausforderungen gemeinsam meistern.

Die Gründung der EU am 1. November 1993 empfand sie mehr als richtig, sie war begeistert. Doch schnell kamen die Krisen, die Unterschiede machten sich allzu sehr bemerkbar. Trotzdem wuchs die EU, zu den sechs Gründungsländern kamen weitere hinzu. Immerhin schaffte es die Union, eine einheitliche Währung zu etablieren; der Bewegungsfreiheit innerhalb Europas waren kaum mehr Grenzen gesetzt. 1999 waren elf Staaten in der europäischen Währungsunion verbunden, bis 2015 traten weitere acht Staaten bei. Die Europäische Zentralbank wacht über die Preisstabilität und, mal und mehr mal weniger erfolgreich, über die Haushaltsdisziplin der einzelnen Mitglieder. Die Finanzkrise von 2008 überstand Europa weitgehend unbeschadet, doch es wurde schnell deutlich, dass es sogenannte „bessere und schlechtere“ Länder in Europa gab, und diese Aufteilung wurde eigentlich nicht mehr aufgehoben.

Dann kam 2015 die Flüchtlingskrise und die Spaltung oder das Auseinanderdriften der Staaten war nicht mehr zu übersehen. Europa konnte sich auf keine gemeinsame Vorgehensweise einigen, viele Staaten respektierten die europäischen Institutionen nicht. Die Risse zeigten sich natürlicherweise während der Krisen deutlicher; so ging es mit gemeinsamen Aktionen nach der Flüchtlingskrise immer mehr bergab. Einige der Länder spielten ihre eigene Musik ganz für sich und wurden arrogant und beleidigt, wenn man sie zurechtzuweisen versuchte. Manche Kritik an der Art und Weise, wie die EU funktionierte, war vielleicht auch angebracht, und so trieb die Uneinigkeit in der EU ihr Unwesen.

Das Referendum in Großbritannien von 2016 fiel knapp zugunsten des Austritts aus der EU aus; für den Verbleib hatten immerhin 48,11% der Bürger gestimmt. Trotzdem war es wie eine Ohrfeige für die EU, England entschied sich für den Brexit und der Austritt erfolgte im Januar 2020. Da war aber ganz Europa schon mit einem neuen Problem beschäftigt, mit dem es bis heute kämpft und das es auf seine größte Probe stellt. In März befiel ganz Europa, die ganze Welt die Virus-Pandemie, die sich bis heute weiter ausbreitet und in vielen Ländern riesige Problemen schafft.

Sie hat diese Zeit nicht in Berlin verbracht; während der dunklen winterlichen Monate war sie in der wunderschönen Stadt an der Moldau, in Prag. Sie erlebte dort den totalen lock-down und eine leere Stadt mit geschlossenen Geschäften, Restaurants, Cafés, Bars, Museen, Konzerthäusern, Theatern, Kinos. Praktisch das ganze Leben stand still in dieser sonst so von Touristen überlaufenen Stadt. Sie war angetan, wie diszipliniert und verantwortungsvoll die Tschechen mit den Maßnahmen umgingen und sich ihnen fügten.

Doch eines stach in dieser Zeit für sie ganz deutlich ins Auge: es gab praktisch keine gemeinsame Aktionen seitens der EU. Jeder Staat versuchte schleunigst, für sich eine Strategie zu entwickeln, kapselte sich mehr oder weniger ab; manche schlossen die Grenzen, andere ließen ihren Bürgern mehr Freiheit und wollten die sogenannte Herdenimmunität durch höheres Infektionsaufkommen herstellen, wieder andere waren einfach hilflos gegenüber der sich ausbreitenden Krankheit. Sie wartete vergeblich auf Signale aus Brüssel, einen Weg, einen Vorschlag seitens der europäischen Kommission. Es wäre doch möglich gewesen, einen Rat für die Erarbeitung eines Maßnahmenkatalogs zu bilden und, wenn nicht praktisch, dann doch wenigstens symbolisch, Geschlossenheit zu zeigen. Es war wie ein Schlag, nach dem die Schleier fielen, sah man ganz deutlich: die Länder lebten ihre nationalen Gefühle und Gebärden, ihren Stolz wieder aus; es kam zur Konkurrenz, wer es warum und wie besser machte. Das war ihr unverständlich und schmerzhaft, doch die Meldungen übermittelten eindeutig dieses Bild: jeder Staat agierte für sich allein. Irgendwann erst taten sich die Staatschefs zusammen und finanzielle Hilfe für ganz Europa wurde vereinbart. Das war ein gutes und richtiges Signal.

Doch für sie war der Traum ausgeträumt, die ersten Impulse hatten gezeigt, dass sich spontan alles wieder klar in Richtung Nationalstaat; dieser Reflex steckt weiterhin ganz tief in den Köpfen.

So denke sie, dass die EU nach der Corona-Krise einen neuen Anfang machen muss, etwas mehr Gewicht auf moralische, ethische Probleme legen, sich von bloß finanziellem Kalkül weg bewegen. Vielleicht würde, wiederhole ich noch einmal, eine allgemeine Umfrage helfen, in der Bürger aller EU-Staaten aufgerufen wären, sich über die Zukunft der EU, deren Aufgaben, Ziele, Pflichten auszusprechen. Dann könnte man sie (die Bürger und die Staaten) beim Wort nehmen und mit neuen Schwung die Einigung, den Fortschritt weiter vorantreiben, auch in den Bereichen, wo die Stimme der EU gefehlt hat, und bei allen Unterschieden und Interessengegensätzen zwischen den Länder.

Frauenblick: Im Sumpf

Monika Wrzosek-Müller

Die Coronazeit, die Quarantäne hat uns auf die neuen Fernsehmöglichkeiten aufmerksam gemacht, vor allem in Prag, wo wir von öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nur ARD in unserem Appartement empfangen konnten. So lernten wir Netflix kennen, manchmal auch schätzen, und schauten uns einige Produktionen an, die sonst wahrscheinlich an uns vorbeigegangen wären.

Unter den unendlich langen, in vielen Staffeln und Folgen (ja, man lernte das entsprechende Vokabular dazu kennen) und immer wieder neu gedrehten Filmen stach für mich eine kurze und spannende polnische Serie (mit nur 5 Folgen) heraus. Zugegeben, zuerst haben mich vor allem die Namen auf dem Abspann neugierig gemacht – lauter Söhne bekannter polnischen Film- und Theaterleute: Jan Holoubek, der Sohn vom Gustav Holoubek, und Magda Zawadzka (an die beiden kann sich meine Generation wunderbar erinnern), Kasper Bajon, Sohn von Filip Bajon; als Hauptdarsteller Andrzej Seweryn. Es handelt sich um eine polnische Produktion für Netflix, gedreht 2018, in Deutschland zu sehen erst ab 2020: Rojst, Witaj w polskim bagnie, [Im Sumpf] unter der Regie von Jan Holoubek.

Auch wenn ich sagen würde: der polnische Sumpf war damals vielleicht nicht so sumpfig, ist die Produktion durchaus gelungen. Man fühlt sich richtig in die frühen 80er Jahre versetzt, mit ihrer Tristesse, Hoffnungslosigkeit und Hässlichkeit; fast kam mir der Gedanke, ob es denn wirklich so schrecklich um uns herum war oder ob es um eine gewollte Überhöhung für filmische Zwecke ging, und dann gab ich mir die Antwort selbst; meine fast krankhafte Liebe und Aufmerksamkeit für das Schöne, für die Schönheit stammt wahrscheinlich daher. Im Film spielen brutale menschlichen Beziehungen, wo der Sinn für Wahrheit und moralische Normen und Menschlichkeit längst verschwunden ist (wo war denn die viel beschworene polnische katholische Kirche?) eine große Rolle. Die Natur um die Kleinstadt in Schlesien, wo die Handlung spielt, ist auch morastig und undurchdringlich, zwar nicht sumpfig (wäre noch besser), doch auf jeden Fall geheimnisvoll. Es waren die Jahre der Dunkelheit, des Kriegszustandes, in denen viele Leute aus dem Land emigrierten, fortgingen. Das alles wird fast bis ins Surreale gesteigert, dazu kommt eine Handlung, die sich für einen Krimi vielleicht zu langsam und unspektakulär entwickelt, aber die mit Fetzen der Erzählung aus der Vergangenheit, aus den direkten Nachkriegsjahren durchsetzt ist und dadurch noch geheimnisvoller wirkt. Die Geschichte von den vertriebenen Deutschen, die in einer Nacht und Nebel-Aktion aus den Häusern geholt wurden, in einen Wald, in ein Lager gezwängt und da ihrem Schicksal überlassen, litten, ist vielleicht auch zugespitzt, doch sie macht neugierig. Darüber herrscht natürlich im Film, wie tatsächlich auch in der Nachkriegswirklichkeit, großes Schweigen, nur die Namen, im Film in die Rinde der Bäume eingeritzt, mit den Jahren fast unsichtbar geworden, zeugen von den Ereignissen und das Leuchten über den Feuchtgebieten, im Wald, sendet ihre Botschaften.

Noch mal von vorne: die Handlung spielt in einer kleinen Stadt, irgendwo in Schlesien, Anfang der 80er Jahre. Im Wald nahe dem Städtchen werden ein Sportfunktionär für Jugendliche und eine Prostituierte tot aufgefunden. Die Ermittlungen dauern nicht lange und die Polizei nimmt einen Verdächtigen fest, den Mann der Prostituierten, der, mit dubiosen Methoden verhört, die Tat gesteht, so dass die Miliz den Fall ad acta legen kann. Man nimmt den angeblichen Täter fest und liefert in die geschlossene Psychiatrie ein. Doch zwei Journalisten der lokalen Zeitung, die darüber berichten wollen, stoßen auf Ungereimtheiten und neue Verdachtsmomente; wie es der Zufall will, kommt ein junger Praktikant aus Kraków, dessen Vater ein bekannter politischer Apparatschik ist, bei der Lokalzeitung zum Einsatz. Er wird von einem älteren, profilierten Kollegen betreut. Die beiden ermitteln gegen die Anweisung des Chefredakteurs in dem Fall weiter. Letztlich beschäftigt sich damit nur noch der junge, unerfahrene und naive Journalist auf eigene Faust und stößt auf einen Sumpf von Verflechtungen, Verwicklungen und bedrohlichen Situationen. Es sterben noch zwei Jugendliche und ein Metzger wird aufgehängt, der Fall endet mit einer richtig sumpfigen Lösung, die ich hier nicht verraten will.

Es ist aber nicht die kriminalistische Handlung, die für die Story den Ausschlag gibt. Es ist die Szenerie, die dunklen Bilder, die oft so düster sind, als ob sie durch einen Grauschleier gedreht worden seien; auch die Musik untermalt die dunklen Momente. Sogar die jugendliche Liebe muss diesem fatalistischen und hoffnungslosen Hauptstrang geopfert werden, sie fügt sich in die Reihe der Katastrophen, die auf dem Bildschirm passieren. Einzig der junge Journalist aus Kraków und seine schwangere Frau kommen unversehrt, wenn auch mitgenommen, aus der Geschichte heraus; sie sind der einzige Lichtblick, die einzigen Hoffnungsträger in der Geschichte. In dem ganzen Film scheint niemals Sonne über die Landschaft, es ist finster, düster aber stimmungsvoll und, wie ich am Anfang gesagt habe, wahrscheinlich so, wie es am Anfang der 80er Jahre in Polen wirklich war.

Ich kann die Serie guten Gewissens empfehlen, nicht nur polnischen Zuschauern.

Frauenblick und wieder Prag (6)

Monika Wrzosek-Müller

Aus Prag mit einem Bein in der Welt

Nach wie vor völlig von Prag begeistert, füllt sich der Kopf mit verschiedenen Gedanken, wandert doch in andere Teile der Welt. Irgendwie kommt mir jetzt immer wieder die Yoga-Lehre von den drei großen Gottheiten des Hinduismus: Brahma, Vishnu und Shiva, in den Sinn. Das als Trimutri im Hinduismus bezeichnete Zusammenspiel zwischen Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung gibt es auch in der christlichen Theologie und wird da Trinität genannt; wobei für mich da die Zuordnung nicht ganz klar ist – wer ist für was zuständig? Im Hinduismus dagegen ist es stark ausgeprägt und beeinflusst die ganze Philosophie in Bezug auf Individuen, aber auch auf alle Lebewesen einschließlich der Natur. Das Prinzip finden wir überall, ob bei Patanjali oder auch in den Veden; das Zusammenspiel der gegensätzlichen Kräfte und Neigungen, um ein Gleichgewicht zu erhalten, schwingt in allen Beschreibungen und Sutren mit. Krankheit wird somit als ein Verlust des Gleichgewichts angesehen und es wird empfohlen, daran zu arbeiten und sich zu bemühen, es wiederherzustellen. Alle Entwicklungen in der Geschichte, die mit Kriegen endeten, werden auf den Mangel an Harmonie und Gleichgewicht zurückgeführt. Natürlich sind diese Gedanken scheinbar sehr einfach und einfältig, doch sie enthalten viel Wahrheit über das Funktionieren von Individuen, aber auch von ganzen Gesellschaften oder gar Völkern. Wie reiht sich in diese Gedankengänge dann so eine Pandemie wie die jetzige ein?

Wenn man während der Pandemie, während des lock downs, von weitem, aus einem noch einmal anderen Staat, die Länder betrachtet, mit denen man verbunden ist – und in meinem Fall sind das mehrere: Polen als Geburtsland, Italien als Lieblingsland und Deutschland als Wohnort – dann werden die Unterschiede der Herangehensweisen so markant und deutlich, dass es einen manchmal selbst etwas überrascht und ängstigt, welche Züge und Merkmale besonders hervortreten. Man gerät leicht in Verallgemeinerungen und Vorurteile, deren Einfluss auf das Verstehen der Vorgänge eher gedämpft werden soll. Daher versuche ich diese Gedanken nicht weiter zu verfolgen oder aufzuschreiben…

Prag, dessen Schönheit ich hier mehrmals beschrieben habe, ist für mich ein Paradebeispiel der Erhaltung im weitesten Sinne des Wortes, obwohl es in der Vergangenheit und der näheren Gegenwart nicht an Beispielen für gründliche Veränderungen gefehlt hat.

Den ersten wunderbaren Umbau auf der Kleinseite unterhalb des Schlosses hat Wallenstein, der eigentlich Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein hieß, Herzog von Friedland usw., angeregt. Er kaufte ein riesiges Areal auf, ließ 26 Häuser abreißen und baute in den Jahren 1623 bis 1630 darauf ein Schloss der Superlative. Wenn man bedenkt, dass Wallenstein (so wie wir ihn von Schiller kennen) schon 1634 von einem kaisertreuen Soldaten ermordet wurde, weil er für alle rundherum zu mächtig, zu störrisch, zu stolz und vor allem zu reich geworden war, konnte er sich selbst nicht allzu lang an der Schönheit des Palastes, der Loggia und des weitläufigen Gartens erfreut haben. Wenn man durch diese Anlage wandert, die 1992 Sitz des Senats der Tschechischen Republik wurde, wird einem klar, warum die anderen mächtigen Herren eifersüchtig auf ihn waren. Die Kompliziertheit der politischen Verflechtungen und der Lage sowie der Persönlichkeit Wallensteins hat Schiller in seiner Trilogie der Wallenstein-Dramen dargelegt. So oder so ist es eine der schönsten Anlagen, die ich je gesehen habe; sie ist im Stil des sehr frühen böhmischen Barock errichtet, enthält aber Elemente der Spätrenaissance in manieristischem Stil, daher ist sie lebendig, offen und inspirierend. Die Loggia zum Garten hin erinnerte mich sehr an die Loggia der Villa Schifanoia in San Domenico bei Fiesole. Meine Intuition hatte mich nicht im Stich gelassen: sie wurde auch nach dem Vorbild der Loggia des Domes in Livorno von einem toskanischen Architekten errichtet. Drei große Bögen öffnen sich freizügig zur Gartenseite hin, dahinter befinden sich die große sala terrena und davor ein wunderschön angelegter Garten, der gerade eine aufwendige Renovierung erfahren hat. Einige der Elemente wie die Felsimitationen und die künstliche Tropfsteinhöhle, die Grotte, erinnern mich wiederum stark an Giardini di Boboli in Florenz. Der Blick von der Loggia fällt auf ein Spalier von Skulpturen des niederländischen Bildhauers Adriaen de Vries. Leider wurden die Originale während des Dreißigjährigen Krieges von den schwedischen Truppen geraubt und stehen (bis auf eine Figur der Venus) angeblich noch heute noch im Schloss Drottningholm. Hinter dem Labyrinth und einer höheren Buchenhecke kommt man an einen wirklich tiefen, mit sehr schönen Wasserpflanzen geschmückten Teich mit allerlei großen und wertvollen Fischen. In der Mitte des Teiches gibt es eine kleine Insel mit Springbrunnen, alles in stattlicher Größe und alles wirklich minuziös sauber und gepflegt gehalten. Nach der Renovierung des Gartens kamen auch noch weiße und bunte Pfauen dazu, die gemächlich und sehr würdevoll auf dem kurz gehaltenen englischen Rasen spazieren und mich wiederum an den Garten in der Villa Meleto erinnern, in der wir unzählige Sommerferien verbracht haben. Im Garten des Palais Wallenstein finden im Sommer Theateraufführungen statt. Um die Geschichte der wirklich einmaligen Anlage zu vervollständigen, sei erwähnt, dass ein Nachkomme der Wallensteins sie übernommen hat, der während der Nazizeit in die NSDAP eingetreten ist; daher wurde das Schloss nach dem Krieg verstaatlicht. Doch bis zum Jahr 1955 lebte in dem Palais eine Gräfin von Waldstein mit ihrer Kammerfrau; sie starb mit 104 Jahren. Dabei musste ich an die Erzählungen über den polnischen Grafen Stanisław Potocki denken, der nach seinem Tod in Lima in Łańcut bestattet wurde und der nach 1989 oft das Schloss und den Garten besucht haben soll.

Die nächste Veränderung die mir in dieser grundsätzlich auf Erhaltung fixierten Stadt auffiel, war die Auflösung des Ghettos und der alten Judenstadt in den Jahren zwischen 1898 und 1913: Eingemeindung derselben unter dem Namen Josefov, als IV Prager Bezirk. Die umliegenden Häuser wurden um 1900 mit Jugendstil-Fassaden, in Anlehnung an Pariser Architektur, erbaut und eine Prachtachse vom Altstädter Ring bis zum (heutigen) Metronom oben auf dem Letna-Park mit dem Namen Pariser Straße errichtet. Heutzutage ist das die erste Adresse für die teuersten Läden in Prag: Gucci, Louis Vuitton, Burberry, Prada, Armani, Escada, Dior, Boucheron, Karl Lagerfeld, Givenchy, Hermes, Versace, Chanel und viele mehr. Von der alten Judenstadt sind einige Synagogen und der älteste jüdische Friedhof Europas erhalten geblieben.

In der neuesten Zeit ist ein durchaus gelungenes Objekt dazugekommen: das Tanzende Haus, tánčici dům. Der Komplex steht am Moldauufer, am Rasinovo nábřeži, daher aus allen Erhebungen, vom Petřin auf der anderen Moldauseite gut sichtbar, errichtet auf einem Grundstück, das länger brach gelegen hatte. Dafür wurde nicht einmal etwas abgerissen, denn das Eckhaus, das an der Stelle vor dem Krieg stand, wurde versehentlich bei einem amerikanischen Luftangriff auf Prag am 14.02.1945 zerstört. Václav Havel wohnte in der Nachbarschaft und hat das Projekt von Anfang an unterstützt; es sollte ein Kulturzentrum beinhalten, davon ist eine Galerie übriggeblieben, alles andere wird eher kommerziell genutzt (ein Super-Hotel, ein sehr teures Restaurant und Café). Es ist vielleicht das am meisten abgebildete moderne Gebäude in Prag, es reiht sich mit seiner verspielten Fassade in das Meer der schönen Häuser am Moldauufer ein und es sticht aus ihnen heraus. Es wurde von den bekannten Architekten Vlado Milunic und Frank O. Gehry entworfen; in Prag wird es liebevoll Ginger & Fred genannt, denn die Fassade scheint wirklich in Bewegung zu sein, so als ob die beiden Häusertürme tanzen würden.

Natürlich hat die Epoche des Sozialismus/Kommunismus im Bild der Stadt ihre Spuren hinterlassen, hier wird diese Architektur Prager Brutalismus genannt; es sind vor allem große Hotels und Zentren, die in den sechziger und siebziger Jahren entstanden. Viele Menschen assoziieren sie mit dem Kommunismus, doch wurde in diesem Stil in der ganzen Welt gebaut. Auch diese Bauten, wie z.B.: das Kaufhaus Kotva oder Kaufhaus Máj, der neue Bühnenbau des Nationaltheaters, um nur die bekanntesten in der Stadtmitte zu nennen, sie alle fügen sich doch irgendwie in das Stadtbild und machen es auch lebendiger, bei allen erhaltenden Elementen, an denen gerade diese Stadt so reich ist.

Wenn man aber mit Bildern des zerstörten Warschau aufgewachsen ist, erscheinen einem diese Dimensionen der Zerstörung und Erneuerung sehr zurückhaltend und, sagen wir, minimalistisch. Was auffällt, ist die wunderbare Harmonie, Weichheit und Menschlichkeit, die auch auf die geografische Lage, die Hügellandschaft und die mäandrierende Moldau zurückgeht. Gut, dass vieles in das UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen worden ist und hoffentlich auch neue Generationen erfreuen wird.

Frauenblick: Prag 6

Monika Wrzosek-Müller

Prag immer wieder und noch immer!

Die Wege zu manchen Parks in Prag werden sich in mein Gedächtnis einprägen: mit der roten 18 oder der kurzen 2 nach Letna, mit der alten 22 nach Petrin und mit der meist modernen 20 nach Divoka Sarka, mit der 17 zur Stromovka oder in die anderen Richtung nach Visehrad, allesamt Straßenbahnlinien. Unterwegs ein Meer von soliden alten Bürgerhäusern mit differenzierten, sehr verschiedenen Fassaden, meistens in gutem Zustand, in allen Architekturstilen. Ab und zu ragen wunderschöne Türme, Kuppeln, Dächer von Klöstern, Kirchen, Theatern auf. Die Zahl der Theater ist unendlich; fast jedes Viertel hat nicht nur eins, meistens sind es mindestens zwei; eines für das tschechische Publikum das andere (früher) für das deutsche, und manchmal sogar für das jüdische und sie heißen nicht Theater, wie in fast allen europäischen Sprachen, sondern divadlo (was in der slawischen Sprache leicht zu erklären ist: dziwować się, patrzeć: sich wundern, schauen). Das mit der großen Zahl gilt auch für die Friedhöfe; Friedhofsmauern und -tore laufen an vielen Straßen entlang, manche bilden nur noch Oasen des Grüns und werden nicht mehr genutzt, es sei denn zum Verweilen und Ausruhen, manche sind inzwischen Teil von Museen. Die Fassaden der Kirchen, oft in die Fluchtlinie der Straße eingegliedert, doch mit bewegten, wellenförmigen Ornamenten sind eine gute Unterbrechung, damit das Auge wieder konzentriert betrachten kann. Es gibt auch enorm viele Denkmäler, neben den alten bronzenen menschlichen Gestalten zu Pferd oder auch sitzend, auf einem Sockel stehend, kommen neuere Skulpturen auf kleinen Plätzen, neben einem Gebäude, vor einer Kirche; sie signalisieren meistens: wir denken noch daran, immer, immer wieder. So zum Beispiel das Denkmal für die Opfer des Kommunismus; aber auch so viele ganz moderne Skulpturen im weitesten Sinne (wie die von Cerny) habe ich bis jetzt in keiner anderen Stadt gesehen. Es gibt sogar ein Lapidarium, in dem alle nicht mehr aufgestellten Skulpturen und Denkmäler versammelt und aufbewahrt sind. Ja, eine Stadt, die über so viele Jahrhunderte kontinuierlich gewachsen ist und das meiste erhalten und gepflegt hat, gibt es in Europa mit allen seinen Kriegen wirklich selten.

In dieser Stadt laufe ich jeden Tag herum, betrachte Fassaden, Denkmäler, Straßen und grübele, wie das Leben wohl früher hier aussah. Das ist ganz nah und greifbar und eigentlich leicht vorstellbar, doch vieles oder auf jeden Fall einiges ist auch auf ewig verschwunden. Das ganze jüdische Leben ist zum Beispiel zu einem musealen Komplex in Josefov-Viertel geworden, in Corona-Zeiten regt sich da nichts mehr. Die hier lebenden Juden wurden mehrmals auch in früheren Zeiten vertrieben, von Maria Theresia 1744, später durften sie ihr Handwerk oder ihren Beruf ausüben, doch kein Eigentum erwerben. Nach 1849 wurde das Ghetto allmählich aufgelöst und wegen des schlechten Zustandes und mangelnder Hygiene aufgrund der Assanierungsgesetze von 1893 völlig neu errichtet und später der Stadt als Josefov-Viertel eingegliedert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind nun die alten Bewohner völlig verschwunden, zu denen auch die deutschen Bewohner dieser neu entstandenen prächtigen Bürgerhäuser zählten. Geblieben sind nur die alten Synagogen und der alte Friedhof als museale Objekte; einzig die Jerusalemer Synagoge wird noch für religiöse Zwecke genutzt; die heutige jüdische Gemeinde ist winzig. Fast jeden Morgen schaue ich mir auch vier Stolpersteine, die um die Ecke unserer Wohnung in das schöne Pflaster aus kleinen hellen Granit- und Marmorsteinchen eingelassen sind, sie zeugen von der Abwesenheit.

Mein Kopf geht manchmal in den schmalen, engen Gassen seinen eigenen Weg, verlässt die umgebende Realität. Seit Tagen sitze ich und übersetze Texte für einen Sammelband über die Entwicklung des Regionalismus in Polen. Die Entstehung dieser historischen Teildisziplin ist mir eher schleierhaft, aber manchmal werde ich durch diese Texte mit eigenen Erinnerungen konfrontiert. Einer der Texte handelt von der Herausbildung der Subregion Gorce-Gebirge neben der stark autonomen und folkloristisch interessanten Region Podhale. Da werde ich in die Vergangenheit katapultiert; als Kind fuhr ich nämlich jahrelang in die Gorce-Region: Rabka-Zdrój, Rabka Zaryte, Chabówka etc… das kleine Flüsschen Białka. Meine Großmutter konnte sich nicht in höheren Bergen aufhalten und so wurde die Familie nach Gorce gelenkt. Meist gleich für zwei Monate mieteten meine Eltern eine richtige Bauernhütte; ich erinnere mich an das Entsetzen meiner Oma, als wir das erste Mal in Rabka-Zaryte ankamen und das Häuschen sahen, in dem wir wohnen sollten, ein gemeinsamer Flur sozusagen für Mensch und Tier. Wir sollten auf der einen Seite, die Tiere auf der anderen Seite hausen. Ich erinnere mich an die laut summenden dicken Fliegen, und an den Geruch, um nicht zu sagen den Gestank. Meine Oma kämpfte resolut und mit allen Mitteln mit der Bäuerin und die Tiere wurden verlegt, die beiden Räume, in denen wir wohnen sollten, noch schnell geweißt. Wir blieben die ganzen zwei Monate der Ferien in den Bergen, zuerst mit der Oma, was mich am meisten freute und mir lieb war, dann kam noch meine Lieblingstante dazu, um in das Dorfleben eingeführt zu werden, meine Oma reiste ab, zum Schluss kamen meine Eltern und manchmal auch irgendwelche Freunde mit ihren Kindern. Auf den Fotos aus der Zeit sehe ich wie ein kleiner Junge aus, mit ganz kurzen Haaren und einem komischen Pony, ganz hoch, kurz geschnitten, ich fürchte von der Hand meiner Mutter; neben mir meine Schwester und zwei oder drei andere Kinder, dazu kamen dann auch oft noch die Kinder aus dem Dorf. Für uns waren das immer ganz tolle Ferien, mit verschiedenen Tieren, mit viel Auslauf und Freiheit, mit ganz anderem, fast exotischen Leben; wir lernten Butter schlagen in hohen hölzernen Gefäßen und hatten jede ein eigenes Küken, das mit der Zeit wuchs und später verspeist werden sollte, was aber jedes Mal mit einem Drama endete. Man musste Wasser aus dem Brunnen ziehen und auf einem alten Holz- oder Kohleofen heiß machen, damit man kochen konnte. Später gab es zum Wasserkochen große, kleine und mittlere Tauchsieder. Wir tobten in den Scheunen herum, gingen auf die Wiesen, um auf die Kühe aufzupassen, sammelten Eier, die die Hühner irgendwo auf dem Gelände gelegt hatten. Zum ersten Mal sah ich ganz kleine Küken, die gerade aus dem Ei geschlüpft waren. Nach Warschau kamen wir braungebrannt, gestärkt und meistens voller Läuse zurück. Dass diese Gegend so einen Aufschwung nehmen und zum Touristenmagnet werden würde, hätte ich nie gedacht. Natürlich fuhren wir wegen der guten Luft, der günstigen klimatischen Lage dorthin, aber auch und vor allem weil es da sehr preiswert war.

Mein Vater kam meistens nur für zwei Wochen dazu und nach ein paar Tagen ging er wandern. Er nahm seinen alten, rundlichen Stoffrucksack, mit zwei aufgesetzten Taschen mit ledernen Verschlüssen, und verschwand für zwei, drei Tage; es hieß, er würde den Turbacz besteigen, den höchsten der eigentlich ziemlich niedrigen Berge da. Er kam meistens voll von Erlebnissen aus dem Wald zurück, überwältigt von der Natur und den Ausblicken auf die Tatra-Gipfel; oft, das gab er auch freimütig zu, hatte er sich verlaufen, denn es gab keine vorgezeichneten Routen. Einmal hatte er eine Begegnung mit einem Luchs, der ihn den ganzen Nachmittag verfolgte und sich gegen Abend auf ihn stürzen wollte; und wohl hat er das auch getan, denn mein Vater kam mit Schrammen an Armen und Händen zurück und meine Mutter schimpfte, dass er sich solchen Gefahren aussetzte. Ich jedoch fand es fantastisch und stellte mir immer wieder vor, wie sich das abgespielt haben mochte.

Wir waren ganz in das Dorfleben integriert, spielten in der Scheune im Heu, gingen mit den Kühen auf die Weide, sangen mit den Dorfkindern Lieder; während der Ernte halfen wir, so gut wir konnten, und fuhren abends auf den hohen Heuwagen mit der ganzen müden Mannschaft nach Hause zurück. Wir gingen alle mit Eimern Blaubeeren und Himbeeren pflücken, am Ende des Aufenthalts auch Pilze sammeln. Pilze wuchsen zu Tausenden in der Gegend, man musste sie nicht besonders suchen, manchmal schnitt man sie mit einer Sichel (die Reizker und die Butterpilze), man stolperte über sie und wollte sie irgendwann gar nicht mehr sehen.

Diese Welt, so lese und übersetze ich, ist verschwunden; die Region hat sich herausgemacht, ist touristisch voll erschlossen. Man kann Appartements mieten oder im Hotel wohnen. Natürlich ist es gut, dass es den Menschen dort besser geht, doch ganz viel von dem authentischen Leben, dem aus meiner Erinnerung, ist weg. Eigentlich, denke ich, müsste man auch bestimmte Lebensformen wie die alten Denkmäler konservieren, erhalten, damit wir sehen können, wo wir waren und wohin wir gegangen sind und welche Entwicklungen dabei wirklich positiv waren.

Zurück zu Prag, die Stadt nutzt die Zwangspause und bessert alles aus: die Fassaden, die Straßenbahnschienen, die Trottoirs, die Gärten; auch viele Restaurants renovieren ihre Innen- und Außenräume, auch manche Museen sind mit Gerüsten versehen. Doch eigentlich, so geben auch unsere hiesigen Freunde zu, ist die Stadt jetzt schöner und zugänglicher mit der deutlich reduzierten Zahl an tobenden Menschenmassen; wäre das nicht ein guter Ansatz etwas zu ändern.

Frauenblick: Prag 5

Monika Wrzosek-Müller

Der Golem aus Prag – Geschichte eines großen Helfers

Seit Wochen sind wir nun in unserer Abgeschiedenheit gefangen, verbarrikadieren uns in häuslicher Quarantäne und hoffen heil aus dem Schlamassel rauszukommen. Jeder improvisiert sein Leben und stellt bisherige Gewohnheiten auf den Kopf. Für viele wird das Lesen und Tagträumen zum Ausweg aus der Monotonie und manchmal auch aus der Langeweile der Einsamkeit.
Ich sitze alleine in Prag, ausgerechnet in einer Stadt, die im Massentourismus fast unterzugehen drohte, in der uns tausende Museen, Ausstellungen, Kirchen, Paläste mit ihren Interieurs lockten, jetzt steht man vor geschlossenen Türen überall; ich betrachte die leere Karlsbrücke und andere Plätze, die noch vor ein paar Wochen voller Menschen waren, die Leere ist bezaubernd und zugleich beängstigend. Ich denke, was für ein Wahnsinn, wie schnell ändert sich alles, was werden wir daraus lernen, wie physisch und vor allem psychisch heil da herauskommen?
Ich lasse meine Gedanken schweifen und da geht mir Herbert Grönemeyers Lied „Siebter Sinn“ durch den Kopf, in dem vom Prinzip Hoffnung die Rede ist. Daraufhin mache ich mich auf die Suche, woher dieser Begriff wohl käme, und ich erinnere mich daran, dass ich ein Buch mit diesem Titel bei uns im Regal habe stehen sehen, nämlich das Werk des deutschen Philosophen Ernst Bloch. Er schrieb es im amerikanischen Exil, zwischen 1938 und 1947, und er muss dort wohl viele dunkle und hoffnungslose Tage durchlebt haben. Doch das Buch, vor allem die Kapitelüberschriften von „ Das Prinzip Hoffnung“, scheinen mir wie geschaffen für unsere Tage hier in den Zeiten der Coronavirus-Pandemie. Kapitel eins: „Kleine Tagträume“; Kapitel zwei hat einige Unterkapitel, die sehr gut passen: „Die Kategorie Möglichkeit“ oder „Das Dunkel des gelebten Augenblicks“; Kapitel drei: „Wunschbilder im Spiegel“, Kapitel vier: „Grundrisse einer besseren Welt“ und das fünfte und letzte Kapitel: „Wunschbilder des erfüllten Augenblicks“. Hoffen wir alle, der erfüllte Augenblick kommt bald und einige Maßnahmen werden aufgehoben, weil die Zahlen der Infizierten, der Kranken und der Toten zurückgehen werden. Ich habe das Buch mehrmals in der Hand gehabt, doch leider gelesen habe ich es nicht. Aus den Besprechungen entnehme ich einige Fetzen und Leitgedanken, was für ihn das Prinzip Hoffnung hätte sein können. Zunächst mal ist die Hoffnung für Bloch eine „konkrete Utopie“. Aus Wünschen, Tagträumen und Wunschbildern der Menschen entstehen reale Möglichkeiten, an denen alle arbeiten sollen. Sein Hauptprinzip der Hoffnung ist wohl die Erwartung, eine vollkommene Geborgenheit in einer Welt zu finden, in der man arbeitet, um zu leben und nicht lebt, um zu arbeiten, und so eine Welt begreift er dann als Heimat. Ich vermute stark, dass es ein Buch sein könnte, dem man sich jetzt widmen sollte.
Eigentlich wollte ich über etwas anderes aus Prag erzählen, und zwar über die Legende vom Golem; er wurde auch als Hoffnungsträger geboren oder aus Lehm geschaffen. Wir erschaffen uns immer wieder kleinere Hoffnungsschimmer, um mit verschiedenen Situationen fertig zu werden. So waren die Juden, die seit eh und je in den europäischen Städten in Ghettos lebten, mehr schlecht als recht, dazu verleitet, sich Techniken auszudenken, um mit schwierigen Situationen umzugehen. In diesen Zusammenhang gehört auch die sehr alte Geschichte von Golem; sie tauchte schon im Mittelalter auf, doch die bekannteste Erzählung über die Erschaffung eines unförmigen, kräftigen und übergroßen Ungeheuers mit menschlichen Zügen aus Lehm stammt aus dem Prag des 16. Jahrhunderts. Der Hof Kaiser Rudolfs II. war von Alchemisten und Gelehrten verschiedenster Couleur bevölkert. Der Kaiser zögerte auch nicht, Rabbiner nach ihrer Meinung zu fragen und mit ihnen zu disputieren. Die Prager jüdische Gemeinde war zu dieser Zeit eine der größten in Europa; ihr Rabbiner Judah Löw, den es wirklich gegeben hat und der ein Philosoph, Talmudist und Kabbalist war, kümmerte sich um seine Gemeinde und wollte sie gegen Beschuldigungen des Ritualmordes an christlichen Kindern schützen.
Woher kommt das Wort Golem? in der hebräischen Sprache bedeutet es: Puppe oder Larve, aber auch alles Formlose, Unfertige; im heutigen Ivrit wird es für dumm, hilflos, naiv benutzt.
Bevor ich die Legende vom Golem nach Isaac Bashevic Singer erzähle, hier kurzer Überblick über die vielen literarischen Bearbeitungen des Themas. In der deutschen Romantik befassten sich mit dem Mythos Golem E.T.A. Hoffmann, Theodor Storm und Anette von Droste-Hülshoff. Wohl das bekannteste Buch über den Golem war der 1915 erschienene Roman von Gustav Meyrink; er gilt als Klassiker und Paradebeispiel der phantastischen Literatur. Sogar unser polnischer Science-Fiction Schriftsteller Stanislaw Lem schrieb 1981 einen Roman: Golem XIV. Die Symbolik vom Golem wurde auch in vielen Theaterstücken benutzt; das Drama von Karel Capek R.U.R ist in Anlehnung an den Mythos von der Erschaffung des Golem geschrieben. Selbst das im Stück benutzte Wort Roboter kann man darauf zurückführen. Diesen Faden könnte man noch weiter spinnen; die Erfindung der künstlichen Intelligenz nebst Robotern, die Beschäftigung mit Computern und Zahlenkombinationen beim Programmieren haben vielleicht ein und dieselbe Quelle. Auch die sehr beliebte Jugendautorin Miriam Pressler befasste sich mit dem Thema in ihrem Roman: Golem stiller Bruder.
Zurück zur Legende vom Golem, der aus dem Prag des goldenen Zeitalters, die von Singer 1982 aufgeschrieben wurde. Er widmete „dieses Buch den Verfolgten und Unterdrückten überall in der Welt, den Alten und Jungen, den Juden und Nichtjuden – in der Hoffnung wider alle Hoffnung, dass die Zeit der falschen Beschuldigungen und böswilligen Erlasse eines Tages enden wird.“
Die Legende spielt also in den Zeiten von Rabbi Löw in Prag. Ein wohlgeborener Edelmann namens Bratislawski ist durch Spielschulden in größte Geldnot geraten und versucht einen Ausweg aus dem totalen Bankrott zu finden. Er bedrängt den Bankier Reb Eliezer Polner im Ghetto, ihm Geld zu geben. Als dieser Versuch scheitert, denkt sich der Graf einen teuflischen Racheplan aus. Er lässt den Juden festnehmen und beschuldigt ihn, seine kleine Tochter Hanka entführt und vielleicht umgebracht zu haben. Es folgt ein Gerichtsprozess und der Jude verliert, weil der Graf zwei Zeugen stellt. Der Graf behauptet, seine Tochter sei umgebracht worden, um auf diese Weise an ihre Aussteuer (sprich Geld) heranzukommen. Rabbi Löw sorgt sich um das Schicksal seiner Gemeinde und besonders um Reb Eliezer. So erschafft er, einer Eingebung folgend, aus Lehm den Golem und trägt ihm auf, das Kind zu finden und zum nächsten Prozesstag als Zeugen zu präsentieren. Als die ganze jüdische Gemeinde beschuldigt wird, dass sie, um Matzen zu backen, frisches Christenblut benutze und dafür die kleine Hanka umgebracht habe, erscheint der Golem mit dem Kind des Grafen auf dem Arm. Nun endet der Prozess mit der Verhaftung des Grafen und der falschen Zeugen und die jüdische Gemeinde kann in Ruhe das Passahfest feiern. Die Nachricht von dem Riesen verbreitet sich und der Kaiser lädt Rabbi Löw und den Golem auf den Hradschin vor; und beschwört den Rabbi, dass der Golem keinen Tag länger als nötig existieren dürfe. Doch hier kommt Rabbi Löws Frau Genendel ins Spiel, die dem Golem auftragen will, einen Felsblock an der Moldau zu verschieben und den Schatz, der dort angeblich vergraben sein soll, zu heben. Sie will das Geld an die Gemeinde verteilen. Nach langem Überreden ist der Rabbi einverstanden, doch der Golem weigert sich diesen Befehl auszuführen. Dem Rabbi wird bewusst, dass er langsam die Gewalt über dem Golem verliert und dass er immer menschlichere Züge annimmt. Zwar stellt er eine große Hilfe für die Gemeinde dar, zugleich aber auch eine Gefahr für die Stadt. Es passieren ihm immer wieder Missgeschicke; er läutet z.B. den ganzen Tag die Glocken oder zertrampelt die Marktstände auf der Suche nach Essbarem. Als sich der Golem in ein Mädchen namens Miriam verliebt, beschließt der Rabbi ihn zu beseitigen. Dazu kommt noch der Befehl, dass er in die kaiserliche Armee eingezogen werden soll. So überredet der Rabbi Miriam, den Golem zu überlisten und zum Schlafen zu bringen. Sie soll ihm viel Wein verabreichen und ihn betrunken machen. Währen dieser schläft, tilgt der Rabbi den heiligen Namen von der Stirn (entweder Schem oder Emeth) des Golems und verwandelt ihn wieder in einen Klumpen Lehm. Doch das Mädchen Miriam verschwindet; sie wird in Prag nie wieder gesehen.
Die Moral aus der Geschichte ist kompliziert und vielfältig, auf jeden Fall ist der Golem aber ein Symbol für Hoffnung in Zeiten großer Not. Sie lehrt uns aber auch, dass man nicht übertreiben und alles ausnutzen, sondern sich mit weniger zufrieden geben soll. Und auch wenn wir manchmal jetzt mit unseren Gesichtsmasken und Sonnenbrillen, wie die kleinen Golems aussehen, müssen wir das eben aushalten, um der Pandemie die Stirn zu bieten.

Frauenblick Prag 4

Moi drodzy Czytelnicy, Sąsiedzi Teresy Rudolf powrócą za tydzień.

Monika Wrzosek-Müller

Lagebericht aus einer belagerten Stadt

Der Titel des Gedichts von Zbigniew Herbert Raport z oblężonego miasta [Lagebericht aus einer belagerten Stadt] kam mir fast automatisch in den Sinn; Anfang der achtziger Jahre haben wir ihn überall gelesen, vor allem erinnere ich mich an den Umschlag der Hefte der Pariser „Kultura“, die das Gedicht in Umlauf gebracht hat. Natürlich spielte es auf die politische Situation des Kriegszustandes in Polen an, aber durch die literarische Form der Ballade, die dann auch Gientrowski für sein Lied genutzt hat, war es, als ob ein Barde eine Situation für viele Generationen besingen würde.

Der Titel kam mir jetzt immer wieder in den Sinn, hier in Prag, in Zeiten der Coronavirus-Krise, auch wenn sie weniger politisch belastet ist und die Belagerung sich auf die Maßnahmen zum eigenen Schutz beschränken. Die Situation ist manchmal doch ähnlich bedrohlich und man weiß nicht, wie und vor allem wann sie zu Ende gehen wird. Wir kämpfen gegen einen Feind, den wir gar nicht kennen, nicht einschätzen, nicht sehen und nicht riechen können. Damals in Polen war vieles klar und obwohl die Niederlage auch für viele bitter und böse hätte ausgehen können, war die Situation vielleicht besser abschätzbar.

Vor allem wurde mir einfach bewusst, dass wir älter geworden sind und zu den besonders bedrohten, schutzbedürftigen Personen gehören. Bei einem Spaziergang im Letna-Park auf der Kleinseite in Prag hielten uns junge Leute an und fragten, ob wir denn Schutzmasken bräuchten, wir müssten uns doch schützen, oder. Dazu muss man sagen, dass in Prag alle mit den Schutzmasken herumlaufen müssen und auch wenn diese Maßnahmen vielleicht nicht viel helfen, so machen sie doch sichtbar, dass etwas anders ist als sonst, dass man Abstand halten soll, dass wir alle um unser Durchkommen ringen. Also, die beiden jungen Menschen haben gesehen, dass wir mit unseren Schals vor dem Gesicht nicht ganz glücklich waren. (Natürlich sind die Masken normal in Apotheken oder Drogerien längst nicht mehr zu bekommen.) Wir haben schnell E-Mails ausgetauscht, den Abstand ständig im Blick, und am nächsten Tag standen sie vor unserer Tür und brachten 6 wunderschöne selbstgenähte Schutzmasken in einem Plastikbeutel fest verschlossen, mit der Anweisung, sie vor dem ersten Gebrauch noch mit heißem, kochendem Wasser zu spülen. Daraufhin fühlte ich mich so geschützt und vor allem nicht allein gelassen, dass ich kurz auf die leere Karlsbrücke rausgeschlüpft bin und die Stadt hat mich mit den wunderschönsten Ausblicken und Wärme für vieles entschädigt und für diesen Abend reichlich belohnt.

Zurück zu dem Gedicht von Herbert; es ist mit meiner Jungend und der folgenschweren Geschichte Polens verbunden. In jedem Satz wiegt der Dichter das Schicksal des Landes und seine eigene Rolle darin ab und beschreibt die Zustände, die er Tag für Tag im Land erlebt. Und so könnte ich auch versuchen, die ersten Wochen der Quarantäne in Prag zu beschreiben. Montag: noch viele Menschen bewegen sich auf den Straßen und einige Restaurants räumen ihre Vorräte und Viktualien aus, man kann noch Kaffee und eine Pizza um die Ecke bestellen. Am Dienstag ist schon merklich leerer, sogar weniger Autos fahren durch die Straßen. Am Mittwoch kann man immer noch die Pizza an der Ecke to go kaufen Am Donnerstag kommt die Aufforderung, in den öffentlichen Verkehrsmitteln Masken zu tragen, und am Freitag sind dann alle Geschäfte, Cafés und Restaurants um uns herum geschlossen. Es wird stiller, klarer und unheimlicher. Es fahren Straßenbahnen mit kaum Menschen drin, sogar Hundebesitzer sind kaum auf dem Stückchen Rasen vor dem Rudolfinum zu sehen.

Doch der Frühling kommt, die Tage werden länger, die Uhren auf die Sommerzeit umgestellt, im Park darf man zu zweit und mit dem Hund sowieso spazieren gehen. Die Osterglocken blühen zusammen mit Forsythien und Stiefmütterchen, auch manche Obstbäume sind mit weißen Blüten besprenkelt, die Vögel singen aus voller Kraft. Die Natur ruft zur Aktion, der Mensch muss Vernunft walten lassen und zu Hause bleiben.

Die zweite Woche der Quarantäne ist wesentlich monotoner, es stellt sich ein klarer Rhythmus ein und die Tage gleichen einander, bis auf das Leben im Handy und in den Mails; da brodelt es und blüht von der Kreativität. Es werden Videos mit Witzen, mit originellsten Darstellungen, Bildern, Fotos, Konzerten und Gedanken ausgetauscht. Alte Freunde melden sich plötzlich, neue sind auch besorgt, wie es uns in der Ferne und Fremde geht. Irgendwann streikt das Handy, es kann das alles nicht mehr speichern und verarbeiten.

Die dritte Woche der Quarantäne beginnt mit Schneefall und der Sorgen, wie lange es noch dauern und wie das Leben danach wird. Wie viel von der EU uns noch erhalten bleiben wird, warum hören wir so wenig aus Brüssel? Unter den Schutzmasken kann man die Gesichtszüge nicht erkennen, manche tragen dazu noch dunkle Sonnenbrillen, und wenn dazu noch eine Mütze auf den Kopf kommt, ist man total maskiert; man spürt den Ausnahmezustand, er ist überall angekommen. Dazwischen gibt es lange Zeiten mit Lesen, Arbeiten, Yoga-Üben und kleine Perioden, um mit dem Hund Gassi zu gehen und dem Ausblick auf das Weltkulturerbe auf der anderen Seite der Moldau zu schauen. Reicht das, wird das für die nächste Zeit ausreichend sein?

Nur der Frühling wenn auch zaghaft, der kommt, es legt sich ein grüner Schimmer über die Wiesen in den Parks und auf die Bäume. Die Magnolien sind schon fast verblüht, die Kälte hat auch ihnen zugesetzt. Die Sträucher der Forsythien stehen ganz in Gelb getaucht, der Flieder zeigt kleine Blättchen und Ansätze der Blüten. Wir warten auf die blühenden Kirschbäume, von denen es hier unheimlich viele in den Sady gibt. Das wird ein Fest, vielleicht auch der Befreiungsschlag. Jeder macht seine Gewissensprüfung, Zeit dazu ist reichlich vorhanden. Doch immer öfters drängt sich die Frage auf, wie lange können wir noch abseits von allem, in häuslicher Abgeschiedenheit ausharren. Natürlich bilden wir uns weiter und lesen, und hören und sehen; aber alles das geschieht auf einem anderen Gleis, so als ob der Zug, der früher mit voller Geschwindigkeit fuhr, jetzt plötzlich auf ein Abstellgleis geleitet wurde.

Doch wir tragen es mit Ruhe und Gelassenheit, denn irgendwann wird es vorbei sein und wir werden wieder aufleben und uns mit anderen unterhalten, treffen und sprechen können – und vielleicht auch denken, das hat mir gut getan, diese Pause.

Frauenblick, Prag und Corona

Monika Wrzosek-Müller

Weiterhin Prag, Prag und noch mal Prag

„Prag ist bis heute dank seiner Anlage und als Metropole eines recht kleinen Staates eine intime Großstadt. Es verkörpert die endlose Reihe unserer Träume und Wünsche, verwoben mit der bestehenden Wirklichkeit, für die wir jedoch mitverantwortlich sind.“ So Lenka Reinerova.

Prag als Anlage ist wirklich einmalig, auf wie vielen Hügeln die Stadt liegt, hat niemand gezählt. Doch es sind ganz viele und deshalb sind auch wunderbare Aussichtspunkte vorhanden. Fast alle Parks, die hier übrigens sady [Obstgärten] heißen und es oft auch sind, wie das Wort im polnischen gebraucht wird; sind mit Obstbäumen bepflanzt und liegen auf Anhöhen. Prag verpflichtet, ist vielleicht fast zu märchenhaft schön. Man fühlt sich mit eigenen Beschreibungen überfordert und gerät immer wieder in den Ton eines Fremdenführers, auch wenn man es vermeiden möchte.

In Zeiten der Coronavirus-Krise eignen sich gerade diese Hügel zu längeren Spaziergängen wunderbar; noch dürfen wir ausgehen und in der frischen Luft, im Wind die dunklen Gedanken lüften. Außerdem, auf solchen Spaziergängen hält man meistens 1,5 Meter Abstand von potenziellen Virusträgern, ganz automatisch, es sei denn alle anderen kommen genau auf denselben Gedanken. Den Italienern ist das auch untersagt, sie kommen nur um 18.00 Uhr auf die Balkone und singen zusammen, um sich etwas Mut zu machen. Man fragt sich schon, wo eigentlich der Europagedanke in so einer Krise geblieben ist, warum helfen wir uns nicht viel mehr gegenseitig und denken uns eine gemeinsame Vorgehensweise aus.

Zurück zu den Hügeln und Ausblicken; es gibt nicht nur den Hradschin mit den Schlössern, Palästen und dem Veitsdom und den Petrin mit einem Mini-Eifelturm, einer Seilbahn, Wald und Obstgärten, sondern man hat auch noch den sehr langgezogenen Letna-Park, von dem aus fast die schönsten Fotos der Prager Stadtlandschaft gelingen. Prag ist sehr fotogen, aus allen Blickwinkeln kann man schöne Aufnahmen machen. Der Letna-Park mit seinem riesigen Metronom, das als künstlerische Installation von K.V. Novak 1991 entstand und auf den Sockel des 1962 zerstörten Stalin-Denkmals gestellt wurde. Normalerweise gibt das Metronom den Takt an, jetzt steht es still. Im Moment steht alles still, wo vor drei Tagen noch Massen von Touristen die Wege kreuzten, ist alles leer und irgendwie unheimlich. Zwar kommt einem die Stadt jetzt viel freundlicher, sanfter und, ja klar, ruhiger vor. Doch es ist die Ruhe vor dem Sturm, niemand weiß, wie lange die Quarantäne dauern wird und wer wen besiegt.

Der Hund fordert seinen Tribut und das ist gut so, er zwingt zum Laufen, zum Rausgehen. Die nächsten Hügel sind auch nicht sehr weit: Vysehrad mit seiner barocken Festung hoch über der Moldau auf einem felsigen Vorsprung, auf dem rechten Flussufer gelegen. Das Gelände hat sehr viel zu bieten, aber vor allem einen einzigartigen, atemberaubenden Ausblick auf Prag. Man gelangt durch eines der vielen schweren, riesigen Tore (Chotek Tor, Spitzes Tor, Tábor Tor, Leopolds Tor) hinein und arbeitet sich weiter nach oben an der Martinsrotunde aus dem 11 Jh. vorbei, die aber sehr unecht und herausgeputzt wirkt. Es gibt dann verschiedene alte Gebäude und eine im neugotischen Still errichtete St. Peter und Paul-Kirche mit zwei riesigen Türmen. Es existiert hier auch der oft besuchte Vysehrader Friedhof, auf dem berühmte Künstler begraben liegen, wie z.B. die Komponisten A. Dvorak, B. Smetana und R. Kubelik, aber auch die Familie von Kafka und Jan Neruda und viele andere mehr. In den Kasematten der Festung stehen die Originale der Barockstatuen der Karlsbrücke. Natürlich gibt es viele Cafés und Bierkneipen und Restaurants. Der sorgfältig angelegte Park ist wunderschön und wird minuziös gepflegt; es wachsen ganz viele Rosen mit Lavendelbüschen und viel Spalierobst. Um die Festung herum führt ein Weg, von dem aus man diesen wunderbaren Blick mit sich immer verändernden Perspektiven genießen kann.

Jetzt sind wir gerade von der Insel Strelecky Ostrov zurück; es ist der zweite Tag der totalen Quarantäne wegen Coronavirus in Prag und die Stadt ist wie leergefegt und auf der Insel fehlen sogar die Schwäne und die dicken Nutrias, die hier immer von den Touristen gefüttert wurden. Oder sind sie wegen dem Coronavirus untergetaucht? Wir konnten keine Schutzmasken mehr kriegen, so laufen wir mit dem Schal über dem Gesicht, was sehr warm und unangenehm sein kann.

Einen anderen Hügel haben wir am Sonntag entdeckt, da war die Stadt noch nicht so entschleunigt und still, wie jetzt. Vinohrady – die königlichen Weinberge, eigentlich lange Zeit eine selbständige Stadt, die mit fast 100 000 Einwohnern, als drittgrößte Stadt zählte. Erst 1922 wurde sie nach Prag eingemeindet. Jetzt erheben sich um den Friedensplatz Namesti Miru die schönsten, sehr sorgfältig renovierte Jugendstil- und Art déco-Bürgerhäuser, die auch um den Riegrovy Sady Park stehen. Der Park breitet sich auf dem Hügel aus, viele kleine Wege führen rundherum, es gibt Sportanlagen, Cafés und Biergärten. Von einem bestimmten Punkt hat man eine gute Aussicht auf die unten liegende Stadt. Es ist offensichtlich ein sehr beliebtes Wohnviertel für schicke, junge und reiche Leute (mit vielen außergewöhnlichen Hunden).

Das beste Verkehrsmittel für mich, für uns sind die Straßenbahnen, sie durchziehen eigentlich die ganze Stadt. Klar, man ist mit der U-Bahn schneller, doch unterirdisch sieht man nichts und die Stationen gehen unheimlich steil nach unten, so dass es einem schwindlig wird.

Mit der Straßenbahn Nummer 22 kann man auch Bílá Hora (den Weiße Berg) erreichen. Mit seinen 381xm Höhe und seiner markanten Geschichte der Schlacht von 1620 ist der kleine Hügel auch eine Besichtigung wert. Es war die für Böhmen entscheidende Schlacht des Dreißigjährigen Krieges, bei der die Truppen der protestantischen böhmischen Stände der katholischen Liga unterlagen. Nach der Schlacht musste der sog. Winterkönig aus Böhmen fliehen, was eindrucksvoll in dem Buch von Daniel Kehlmann „Tyll“ beschrieben ist. 27 Standesherren wurden auf dem Altstädterring exekutiert und Tausende von Protestanten (90% der Bewohner waren Protestanten) mussten fliehen. Es war ein bedeutender Sieg für die katholische Kirche und Böhmen blieb für lange Zeit eine einfache Provinz der Habsburger Monarchie. Zwar kann man auf dem kleinen Hügel wenig von der Vergangenheit erkennen doch es existiert unweit des Ortes ein im Mittelalter angelegtes Gehege, in dem Wild gehalten wurde. Das Hvezda-Gehege ist mit einer hohen Mauer umgeben und wurde bis Anfang des 19. Jhs. als solches benutzt; in dem Gehege steht ein Renaissanceschloss mit einem sternförmigen Grundriss , Letohradek-Hvezda. Erst später wurde die Anlage in einen englischen Park umgestaltet.

Es gibt noch mehrere weitere Hügel und Erhebungen, die ja nach Bewegungsmöglichkeit zu besichtigen wären. Noch fahren Autos und man trifft einzelne Menschen, der Hund ist ein guter Vorwand!

Frauenblick. Prag 2. Barataria.

Monika Wrzosek-Müller

„Man braucht in Prag nicht verwurzelt zu sein; es ist eine Heimat für Heimatlose“ schrieb Joseph Roth.

Sie war in Prag und fühlte genau das, was ihr der berühmte österreichisch-europäisch-jüdische Schriftsteller ins Ohr geflüstert hatte und ging, spazierte und bummelte weiterhin durch die prunkvollen Straßen und die prächtigen Gassen, dabei schaute sie sich neben den wunderschönen, manchmal wirklich traumhaften Fassaden genauer die Passanten an.
Plötzlich hatte sie eine Eingebung, einen Geistesblitz: ihre Reisen nach Indien, Tunesien, Sri Lanka, Marokko, Italien, Frankreich immer und immer wieder, war das nicht auch die Suche nach Don Quixotes legendärer Insel Barataria; jedes Leben war von einer Suche und den Kämpfen mit Windmühlenflügeln bestimmt, auch solchen, die im Kopf stattfanden: nur man musste den Mut haben, sich gegen sie zu stellen und etwas für sich zu finden. Aber letzten Endes suchte jeder seine glückliche Insel, sein persönliches Barataria, wenigstens einen kleinen Hoffnungsschimmer. Insofern schrieben wir alle an einem Thema!
All die Menschen, die hier in Prag herumschwirrten, wie Heuschrecken die Baudenkmäler belagerten, von einem Baudenkmal zum anderen hinzogen: sie alle suchten offensichtlich auch nach Erlösung, nach Antworten, nach etwas, was sie ablenken würde. Sie sah das in ihren Gesichtern, in ihren Blicken; an dem manchmal hastigen und nervösen und dann wieder ganz verträumten, phlegmatischen Gesichtsausdruck. Schon die Art, wie sie gingen, ihre Gangart verriet oft, ob sie Touristen oder Einheimische waren, oder woher sie kamen: zugegeben echte Prager waren äußerst selten zu finden. Vielleicht waren sie, die echten Prager, alle emigriert, wie Madeleine Albright oder Ivana Trump oder Milan Kundera und Milos Forman, um nur die berühmtesten zu nennen. Der Gang der Touristen war schlendernd, stockend und sie waren eher in Sneakers, Doc Martens und anderen Sportschuhen bekleidet. Anders die Tschechen, die tschechischen Frauen trugen eher Stiefel, manchmal sogar mit ziemlich hohen Absätzen; sie gingen energisch, zielsicher und schnell. Viele der jungen Frauen waren auch sehr hübsch.
Meistens zogen sie die puppenhaften Gesichter der asiatischen Mädchen magisch an; sie gingen oft zu zweit oder aber auch in kleinen Gruppen, sehr schick angezogen, mit dem Handy in der Hand. Der Blick war eigentlich eher in sich gekehrt. Sie schienen die Außenwelt nur bedingt wahrzunehmen, auch wenn sie ständig Fotos, hauptsächlich aber eigentlich Selfies schossen, für die sie peinlich genau aufpassten, wie sie aussahen. Sie konnten ganz lange und geduldig ihren Schal, ihre Haare zurechtmachen, die Schminke ihrer Lippen noch mal korrigieren, sich sprichwörtlich die Nase pudern, bevor dann ein Foto gemacht wurde. Diese Mädchen kauften in den Souvenirläden und in anderen Läden, von denen es hier tausende gab, alles Mögliche ein; liefen dann mit ganz vielen Einkaufstüten herum, schauten immer wieder in die Tüten rein, so als ob sie sich vergewissern wollten, was sie denn alles eingekauft hätten. Sie versuchte herauszukriegen, was es war, doch es ging nicht, es handelte sich um ganz unterschiedliche Sachen. Manche kauften einfach neue Kleidung, andere irgendwelches Kristallglas, wieder andere etwas Bijouterie: die tschechischen Granatsteine und andere Halbedelsteine waren sehr begehrt, doch durchaus auch Mützen und Schals wurden in großen Mengen gekauft. Es gab unter ihnen Kundschaft für die ganz teuren italienischen MarkenLäden, aber nicht nur; als Verkäufer bei Gucci, Fendi, Ferragamo, Dior, Bulgari, Hogan, Geox, Luisa Spagnioli, Dior, Chanel, Escada usw… standen auch oft asiatisch aussehende junge Menschen. Es war offensichtlich ein großes Geschäft, diese Mädchen zufrieden zu stellen. Sie hatte den Eindruck, Prag bildete eine angemessene Kulisse, um so viel Geld auszugeben. Dasselbe hatte sie in Florenz, Rom und Mailand erlebt, dabei aber gedacht, es ginge um italienische Mode.
Dann gab es ganze Gruppen von hauptsächlich Chinesen, die sehr brav und diszipliniert dem Führer durch das Labyrinth der Gassen folgten. An den Gesichtern konnte sie keine Müdigkeit aber auch keine Neugierde, eigentlich sehr wenig Rührung erkennen, manchmal sahen sie etwas verschreckt aus. Sie wurden zu sechs oder siebt in die old cars gesteckt und durch die Altstadt kutschiert; die richtigen Pferdekutschen kamen offensichtlich erst im Frühjahr zum Einsatz. Wie viel sie wirklich von den historischen Verwicklungen der tschechischen Geschichte verstanden, konnte man nicht wissen. Aber man sah sie überall, auch auf dem jüdischen Friedhof und in den Synagogen, das war auch ein Teil des Pflichtprogramms. Sie dachte an sich selbst in den indischen Tempel und an die verwunderten Blicke der Einheimischen, wahrscheinlich waren sie auch überrascht, warum sie da herumging und so völlig fehl am Platz wirkte.
Erstaunlich viele Gruppen von Italienern gingen durch diese Hollywood-Kulisse, meistens mit ihren eigenen Reiseführern, die ihnen alles erklärten – wo sie zu frühstücken hätten, wo es den besten Kaffee gebe, was und wo sie zum Lunch essen sollten, und letztendlich dass alles sowieso italienisch sei, denn es seien doch die italienischen Architekten gewesen, die diese Wunder an Bauwerken vollbracht hätten. Offensichtlich liebten die Italiener sich selbst in dieser Rolle, nie hat sie so viele andächtig zuhören gesehen. Sie strömten auch in die diversen Konzertsäle der Stadt. Kauften dafür weniger, sorgten aber mit ihrer aufgeregten und empathischen Art zu reden, zu lachen, sich zu unterhalten für ein sehr fröhliches Straßenbild.
Noch eine Nationalität war ihr aufgefallen, leider sehr negativ; sie war aber so sichtbar, dass man kaum die Augen zu machen konnte, und so laut, dass man sie auch mit Ohropax noch hörte: das waren die schottischen Jungs, die manchmal in Kilts, und T-Shirts, johlend schon am Vormittag, wahrscheinlich vom Bier betrunken, über das Kopfsteinpflaster stolperten. Abends waren sie dann kaum mehr fähig ihren aufrechten Gang zu halten, doch dafür laut genug, um gehört zu werden. Die suchten wirklich nur günstige Möglichkeiten, sich volllaufen zu lassen und viel zu essen.
Es gab auch Paare, die offensichtlich ihre Flitterwochen hier verbrachten; sie machten dann auch romantische Fotos am Moldauufer, mit Aussicht auf den Hradschin, vor der atemberaubenden Kulisse der Burg. Manche brachten dann schicke Schuhe, manchmal einen besonderen Hut mit, kleideten sich schnell auf der Bank um und ein Freund aber oft auch ein professioneller Fotograf machte dann Fotos in verschiedenen Posen.
Es gab auch Nachtbesichtigungstouren durch das magische Prag; da stand plötzlich, während sie mit ihrem Hund Gassi ging, ein junger Mann mit Hellebarde und Laterne vor ihr, mit großem schwarzen Hut und Umhang bekleidet, der meistens auf Englisch die Geschichten vom Golem, vom Ghetto, dem Rabbi Löw, dem Kaiser Rudolf II erzählte. Eine Gruppe junger, meistens aus verschiedenen Länder stammenden Menschen hörten ihm zu, lachten, fragten. Der Ausflug endete meistens in einer der vielen traditionsreichen Bierkneipen