Anette

Ewa Maria Slaska

Es ist 23. Februar 2021. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, der Winter-Frühling verzaubert ganz Berlin. Ich muss etwas an der Hasenheide erledigen und danach gehe ich in die Bergmannstrasse-Friedhöfe. Ich lade Yvonne von Friedhofsbüro zu einem kleinem Spaziergang, nach einer Weile ziellosen Gehens setzen wir uns auf einer Bank, dann kehrt sie zurück und ich schlendere noch, Mal hier, Mal da, Richtung Ausgang. Ich rede mit Jemandem am Telefon, daher achte ich überhaupt nicht darauf, wohin mich mein Fuß trägt. Plötzlich stehe ich am Grabe der berühmten Berliner Oma (Charlotte Oppermann).

Tschüß sage ich ins Handy, da ich ein Foto knipsen will.

Ich sehe einen Zitronenfalter (Ende Februar!), folge ihn, bis er sich unweit auf einem Grabe setzt. Ich komme näher. Es ist das Grab von Anette.
Anette Schill.

Morgen hätte sie Geburtstag. Sie ist am 24. Februar 1957 geboren. Am 27. Oktober 2014 ist sie gestorben. Erst 57-jährig.

Ich wusste schon lange, dass ich über Anette schreiben will und soll, wir haben es mit Christine Ziegler vereinbart. Aus irgendwelchem unerklärlichen Grund hatte ich Schwierigkeiten, mit dem Text anzufangen. Hatte Anette mich gezwungen, mich zu ihrem Grab gezogen, damit ich endlich meine inneren Unfähigkeiten überwinde und das tue, was ich tun sollte und doch auch wollte?

Ist sie dieser Zitronenfalter gewesen?

Och, Anette, du hättest ausgelacht, die Dummheit, die ich hier aufgeschrieben habe. Plem plem, hättest du gesagt. Und wie gern habe ich gerade diesen gesundvernüftigen Fundament deines Charakters gehabt. Du warst so gradlinig, so bestimmt in deiner Meinungen und zugleich so em- und sympathisch. Somit hast du mir den deutschen Frauenmuster positiv geändert. Ich habe es dir mal gesagt und du wolltest mir nicht glauben.
“Aber doch Christine ist für dich die wichtigste”, sagte sie.
“Ja”, erwiderte ich, “klar, aber mit Christine war es immer so, dass ich sie nie als eine Deutsche wahrnahm, sie war eine Freundin, und dies ist eine Eigenschaft erhaben über alle andere.” Christine und Sieglinde, es waren Freundinnen. Aber im Allgemeinen hatte ich immer Angst von den deutschen Frauen. Sie waren durchaus so… so effizient, so patent, so kompetent, so groß, so barsch, so selbstsicher. So Stark, Stahl, Stein… Und Anette war so authentisch sympatisch. Galionfigur der Regenbogenfabrik, eines Hausbesetzungsprojekt, aus dem ein Nachbarschaftsprojekt wurde, in dem sich mit der Laufe der Zeit auch die deutsch-polnische Zusammenarbeit geborgen fühlen konnte.

Wann kam ich das erste Mal in die Regenbogenfabrik? Wann habe ich Anette kennen gelernt? Christine Ziegler erzählt immer, dass ich die Geschichte verkläre, weil ich behaupte, das erste Mal in Kontakt mit den Menschen aus der Regenbogenfabrik schon 1985 getreten zu sein, dh. gleich nach meinem Ankommen nach Berlin. Und das eben sie der erste Fabrik-Mensch gewesen ist, an dem ich mich erinnere. Laut Christine sei es unmöglich, aus einem einfachem Gründe, dass sie nicht in Berlin war. Bei Besatzung war sie natürlich dabei, so wie Anette. Sie 22, Anette 24. Aber dann fuhr sie nach England zu studieren und kam erst 1989 zurück. Na gut, aber 1991 wäre schon möglich. 1991? Vor 30 Jahren also? War ich mir immer sicher, dass wir uns schon eine Ewigkeit kennen.

Klare und sichere Punkte auf der Zeitleiste meiner Kontakte mit der Fabrik sind vor allem Kochtage (wann waren sie aber?!), Arte-Nova-Workshops ab 1995 und mein Praktikum im Jahre 2000, als ich mich bei der Akademie der Deutschen Wirtschaft zur Referentin Neuen Medien ausbilden ließ. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich schon alle in der Fabrik und sie kannten mich und kennen mich bis heute, was mich immer wieder ins Staunen versetzt, dass sie mich alle noch kennen und sogar unter der pandemischer Maske sofort erkennen. Wie?

Über das erste Workshop schrieb mein Sohn, Jacek Slaski im WIR-Heft Nr. 5 (Arte Nova: Śródmieście – Innenstadt):

„… verdammte Literatur, um die es sich hier dreht (…). Worum geht es den Leuten hier, was wollen die? Wieso tun die das alles? Damit andere darüber reden? Für die Anerkennung, für ihr Ego oder nur, um die Langeweile zu bekämpfen. Ich weß nicht, ob es wichtig ist, es scheint genug Zeit da zu sein, um das hier alles ablaufen zu lassen, ob es Relevanz hat, sollen andere entscheiden. Es geht nicht um Verständigung, Völkerfreundschaften entstehen nicht über Kultur, sondern über hemmungslosen Alkoholkonsum und im besten Fall Sex.
Kultur bietet die Platform dafür, und das ist gut so, also denkt nicht, dass die Welt besser wird, wenn sich junge Menschen aus Deutschland un Polen auf dreckigen Hinterhöfen zusammensetzen und versuchen, sich zu verstehen. Ich weiß nicht einmal, ob es ein Beispiel sein sollte, ich weiß nur, dass diese Menschen es gemacht haben.“

Ja sie machten es und dies, was sie machten war gut, damit ich es so formuliere wie Gott und Wovereit.

Diese, wie Jacek es sagte, dreckigen Hinterhöfe, wo sich junge Menschen aus Deutschland und Polen zusammensetzen, sahen zu, wie sie sich Years and Years hier trafen, gemeinsam rauchten, Bier tranken und Literatur machten. Und was für welche! Und dann traten sie mit ihrer gemeinsamen Werke auf der Bühne und taten es so wunderbar, dass ich noch heute, ein Vierteljahrhundert später, ein Gefühl der Happiness habe, dass ich, dass wir, die Menschen vom WIR Verein und von der Regenbogenfabrik es ermöglicht haben, dass solche Momente entstehen konnten.

Ich liebe Regenbogenfabrik. Habe ich immer geliebt. Vor 21 Jahren, als ich hier mein Praktikum absolvierte, schrieb ich über das Projekt Regenbogenfabrik, dass es eine Mischung eines mittelalterlichen Klosters mit einem Kibuz ist. Eine pragmatische Utopie. Und Anette war für das Pragmatische in der Utopie. Dafür, dass alles funktioniert. Das liebe ich an der Regenbogenfabrik: Dass sie den Beweis lieferte, eine Utopie sei machbar. Die Zukunft ist jetzt. Und wenn nichts mehr hilft, hilft immer noch Humor und gesunde Selbstdistanz.

Anette war fantastisch. Sie könnte alles. Sie hatte Ausdauer und Ideen. Sie wusste intuitiv, was klappen wird und was keine Chancen hat. Hatte es aber Chancen, holte sie ihre stärkste Waffe: das tatkräftge Zupacken.

Von den Kinderbeinen war sie es gewöhnt, zuzupacken. War doch in einem Familienbetrieb, einer Wirtschaft, aufgewachsen. Gleich nach dem Abitur ging sie nach Berlin, um Erziehungswissenschaften zu studieren. Und schon während des Studiums engagierte sie sich in der Besetzungsszene. So fand sie sich in der Gruppe deren, die eine alte Chemiefabrik in Kreuzberg besetzte. Die Fabrik und die Häuser rumherum standen leer, die Gründezeitfabrik längst verlassen, die Erde verseucht. So waren sie alle, diese damals massenweise in Berlin besetzten Häuser – heruntergekommen und verlassen, absichtlich nicht mehr renoviert, damit man die verslumsten Gebäude billig erwerben könne.

Am 14. März 1981, eine Woche nach dem Frauentag war es soweit. Sie gingen in die Fabrik und ins Haus hin.

“Wie benimmt man sich in einem besetzten Haus, es war ja auch für sie das erste Mal”, fragt Gregor Eisenhauer in seinem Tagesspiegel-Nachruf.

AnnetteTagesspiegel

Des ersten Nachts wurde in einer Erwartung der polizeilichen Räumung überhaupt nicht geschlafen. Es gab damals in Berlin, auf dem Gipfel der Besetzungswelle, eine juristische Möglichkeit, sog. 24-Stunden-Gesetz, der es erlaubte, innerhalb von ersten 24 Stunden eine Räumungsaktion zu unternehmen, ohne jedwedem Papierkram.

Und Anette war schwanger. Im Sommer wurde ihre Tochter, Jenny, geboren. Das erste Kind (in) der Fabrik. Für Jenny war die Fabrik einzige Familie, die sie kannte. Der Vater erschien erst viele Jahre später. Es ist für ein Kind sehr gut, in einer großen Familie aufzuwachsen, weil wenn man mit jemandem nicht zurecht kommt, kann man sich locker andere Vertrauten aussuchen. Das betonen die Kulturanthropologen immer und ein Wunderbeispiel dafür ist altslawische Zadruga. War Jenny auch der Meinung? Ich weiß es nicht, habe sie nie gefragt. Vielleicht ließ sie Mal diesen Text und antwortet mir. Eisenhauer meint dagegen, dass es bei Erziehungskonflikten nicht ganz einfach war, musste sich doch ein junger Mensch mit einer ganzen Riege der Erwachsenen auseinander setzen und nicht blos mit einem höchsten zweien, wie es in “normalen” Familien der Fall ist. Nun aber denke ich mir, dass man in dieser Generation nicht miteinander streitet und die Eltern sagen einem nicht vom oben herab, was man zu tun hat. Über alles wurde diskutiert. Wie schrieb es der Eisenhauer über die Demokratie? “Klingt mühsam, ist mühsam, aber Hierarchie funktioniert auch nicht besser.” Das betrifft meiner Meinung nach auch die Erziehung.

Sie war eine Kämpferin, aber solche, der man auf dem ersten Blick das Kämpferisch nicht zumuten wird. Auf zweiten auch nicht. Wunderbare Täuschung, weil im Grunde war sie eine Kriegerin durch und durch. Sie wusste, dass wenn man sich stur anstellt, früher oder später wird man sich durchzusetzen.

Ich mochte es bei ihr, weil ich in Polen auch so war. In Berlin zuerst nicht, aber vielleicht war es mein unterbewusster Wunsch, zurück zu meiner wahrer Natur zu kehren und wieder so wie Anette zu sein. Harmlos und angenehm aussehende Frau, mit einem nettem Lächeln, die sich doch nicht klein kriegen lässt. Und für sich nicht immer, für andere aber wie eine Wahnsinnige kämpfen kann. Erfolgreich.

Sie war wie eine Raupe, sagte mir Mal Christine. Könnte sie nicht direkt ans Ziel, schlenderte sie um den Tor herum oder buddelte sich unter dem Zaun oder durch einen Mauerriss rein, um ans Ziel zu kommen. Und Gregor Eisenhauer pflichtete ihr zu: “Jeder spürte, dass es ihr ernst war. Sie war nicht nachtragend und nicht auftrumpfend. (…) Ihr Programm war Dialog. Auf andere zugehen. Auch auf den vermeintlichen Gegner. Wer Ergebnisse will, darf Begegnungen nicht scheuen. Sie hat immer wieder Spielräume ausgelotet. Das war ihre Stärke. Jeder hat einen kleinen Spielraum, auch ein Sachbearbeiter in seiner bürokratischen Zwangsjacke. Die Frage ist nur, wie man mit ihm umgeht. Ihm seine Möglichkeiten klarmachen, darin war sie stark. Andere so sein zu lassen, wie sie sind, und sie dennoch zu fordern.”

Jetzt plötzlich sehe ich, wie sich dieser Beitrag wunderbar zusammenschliesst. Sie war wie eine Raupe. Und jetzt ist sie ein Zitronenfalter. Fliege hoch, Anette…

PS. Genau vor 40 Jahren hatte eine Gruppe junger Menschen eine Chemiefabrik in Kreuzberg besetzt. Viele von ihnen waren Frauen.
Aus fast 200 Häusern, die man in den Frühachzigern in Berlin besetzte, sind nur wenige bis heute geblieben. Darunter auch Regenbogenfabrik.

Heute, zu ihrem 40 Geburtstag startet die Fabrik auch ihren Geburtstagsblog. Willkommen, kleiner Bruder 🙂

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