Unterschreibe eine Petition

An: CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)

Schutz queerer Menschen ins Grundgesetz!

Der queerfeindliche Anschlag auf den Berliner CSD erschüttert uns. Gleichzeitig war er leider nicht überraschend: Seit Jahren nehmen Hass, Hetze und Angriffe gegen LGBTQIA* massiv zu. Queerfeindliche Hasskriminalität hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Rechtsextreme Anti-CSD-Aufmärsche sind Normalität geworden und auch religiöser Fanatismus ist eine große Gefahr für die queere Community. 

Spätestens jetzt müssen queere Menschen endlich den verfassungsrechtlichen Schutz erhalten, den sie längst verdienen. 


Wir fordern deshalb: Sexuelle Identität als Diskriminierungsmerkmal im Grundgesetz Artikel 3 aufnehmen! 
Erst dann ist klar geregelt, dass niemand wegen der sexuellen Identität benachteiligt werden darf.

Trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen sind laut Bundesverfassungsgericht bei “Geschlecht” inkludiert – das muss zusätzlich in einer Gesetzesbegründung festgeschrieben werden.

Warum ist das wichtig?

Artikel 3 im Grundgesetz schützt bisher ausdrücklich vor Diskriminierung aufgrund unter anderem des Geschlechts, der Herkunft, der Religion, der politischen Überzeugung oder einer Behinderung. 


Der Artikel ist eine Lehre aus den Verbrechen des Nationalsozialismus. 
Doch queere Menschen und Menschen mit Behinderung wurden bei der Schaffung des Grundgesetzes 1949 außen vor gelassen. 

Das Diskriminierungsverbot für Menschen mit Behinderung wurde schließlich in den 1990er Jahren ergänzt. Trans-, inter- und nonbinäre Menschen sind durch die Kategorie “Geschlecht” in dem Artikel inkludiert. Das hat das Bundesverfassungsgericht vor einigen Jahren klargestellt. Dass trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen bei “Geschlecht” inkludiert sind, sollte zusätzlich in einer Gesetzesbegründung klargestellt werden. 

Die “sexuelle Identität” fehlt immer noch gänzlich. Wer aufgrund seiner sexuellen Orientierung benachteiligt wird, kann sich nicht auf denselben verfassungsrechtlichen Schutz berufen wie andere Betroffene von Diskriminierung.

Diese Schutzlücke muss endlich geschlossen werden. Erst dann…

  • kann rechtlich geahndet werden, wenn sich staatliche Stellen wie Polizei und Behörden diskriminierend gegenüber LGBTQIA* verhalten.
  • können zukünftige politische Mehrheiten bereits erstrittene Rechte nicht so einfach zunichtemachen und die systematische Verfolgung queerer Menschen verhindert werden.
  • ergibt sich ein expliziter Schutzauftrag des Staates, der sich dann auch in der Praxis und Gesetzgebung widerspiegeln sollte.

Für eine Grundgesetzänderung braucht es eine Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat. Grüne, Linke und auch die SPD haben nach dem Anschlag in Berlin nun Unterstützung signalisiert. Jetzt braucht es öffentlichen Druck, um auch CDU und CSU dazu zu bewegen.

Die Verankerung im Grundgesetz alleine reicht natürlich nicht aus. Um queeres Leben zu schützen, fordern wir außerdem eine langfristige finanzielle Unterstützung queerer Räume, die flächendeckende Anerkennung von CSDs als politische Veranstaltungen sowie die Fortführung und ausreichende Finanzierung von Extremismus-Präventionsprogrammen sowie Förderprogrammen wie “Demokratie leben!” und queeren Verbänden wie der Jugendverband Lambda e.V. 
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Mitunterzeichner*innen:
Grundgesetz Für Alle
LSVD+
CSD Deutschland e. V.
CSD Frankfurt e. V.
Dyke* March Berlin
Queermany (Queerfeministische Bewegung)
Penelope Alva Frank (Queermany-Mitbegründerin)
Regenbogenforum e. V. – Christliche LSBTIQ-Gruppen in Deutschland
Dachverband Lesben und Alter e. V.
Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e. V.
PROUT AT WORK-Foundation
QueerGrün – Bundesarbeitsgemeinschaften von BÜNDNIS 90 | Die Grünen
Katholisches LSBT+ Komitee
Wirtschaftsweiber e. V.
LesbenRing e.V.
Mission TRANS* e.V.
Aktionsbündnis gegen Homophobie
Lisa Niendorf
Aljosha Muttardi
Dr. Max Appenroth
Phenix Kühnert
Nyke Slawik
321 Maximilian Rogall
Feminist Fight Club
Estrella Rödel
Maik Brückner
Lars Tönsfeuerborn
Mehmed König
Brix Schaumburg
Daniela Sepehri
Ellen Trenn
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Quellen:
https://www.deutschlandfunk.de/gewalt-gegen-queere-menschen-lgbtqi-ursachen-anstieg-100.html
https://www.lsvd.de/de/ct/11892-grundgesetz-3-3
https://www.lsvd.de/de/ct/3222-Artikel-3-GG-ergaenzen-Den-Anfangsfehler-endlich-korrigieren
https://www.bpb.de/kurz-knapp/taegliche-dosis-politik/556460/vor-dreissig-jahren-verbot-der-benachteiligung-von-menschen-mit-behinderung/
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/bundesrat-will-gesetzesinitiative-einbringen-lander-fur-schutz-fur-sexuelle-identitat-im-grundgesetz-14396636.html
https://www.lsvd.de/de/ct/12539-Artikel-3-GG-ergaenzen-Was-geschah-bis-jetzt
https://www.queer.de/detail.php?article_id=58843
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/anschlag-auf-csd-in-berlin-spd-dringt-auf-diskriminierungsverbot-im-grundgesetz-a-994ab24e-c89c-42d1-97dd-9223c9010187
https://www.instagram.com/p/DbK-Yg8xl0h/?hl=de
https://taz.de/Diskriminierung-von-queeren-Menschen/!6199847/

Der Sommer

Monika Wrzosek-Müller

„Lachend, lachend, lachend, lachend kommt der Sommer über das Feld, über das Feld kommt er lachend, ha, ha, ha lachend über das Feld“. Das sangen die Waldorfer etwas unsicher, beschämt vielleicht auch falsch auf den Sommerfesten in Kleinmachnow. Manchmal wusste ich nicht: lachen sie sich selbst aus oder lachen sie echt mit den Kindern.

Aber wie auch immer der Sommer ist da, überall Hitze, Dürre, Brände, Gewitter, Mücken und Zeckenplage, Sonnenschirme nicht an der richtigen Stelle und das wunderbare Gefühl von Wärme und Grün und die erlaubte Langeweile.

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Retten wir die Regenbogenfabrik

Liebe Leserinnen und liebe Leser, die Regenbogenfabrik ist auf diesem Blog ein feststehender Begriff für Solidarität, Hilfe und Menschenzusammenhalt. Wir haben so oft davon Nutzen gehabt, so oft diese zwischenmenschliche Wärme genossen. Jetzt ist sie in Not geraten. Ich schliesse mich der Einführung der Christine Ziegler ein.
Helfen wir!

Eure Administratorin

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Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

dem Aufruf aus der Regenbogenfabrik schließe ich mich voll und ganz an. Wir gehen ja nicht durch die erste Krise und so will ich auch zuversichtlich sein, dass die Fabrik letztendlich auch dieses Mal mit dem Schrecken davonkommt und auch gestärkt aus der Situation hervorkommt. Ich sehe auch, dass sie es anpacken wollen und bitte ich sehr um eure Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Herzliche Grüße und habt einen frohen Sommer

Christine

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Regenbogenfabrik retten – wir brauchen eure Unterstützung!

Für eine solidarische Nachbarschaft!

Auch wir merken: Die Zeiten verändern sich. Ausgaben steigen, viele Menschen haben wenig Geld, Förderungen fallen weg – und solidarische Orte sind nötiger denn je. Wir sagen es gerade heraus: Finanziell stehen wir schlecht da und brauchen eure Unterstützung.

Strukturen werden überprüft und angepasst, wir schauen uns alle Bereiche kritisch an und treffen Entscheidungen, die nicht leichtfallen – immer mit dem Ziel, den Charakter der Regenbogenfabrik zu erhalten und Angebote langfristig zu sichern. Dieser Prozess braucht aber Zeit, und genau diese Zeit können wir uns nur nehmen, wenn wir die akute Phase finanziell überbrücken.

Nach über 40 Jahren wollen wir nicht aufhören, für euch ein sozialer, kultureller und emanzipatorischer Ort zu sein. Jede Person hat ein Recht auf Kultur!

Spendet jetzt und helft, die Regenbogenfabrik zu retten.

Spenden an: Regenbogenfabrik e.V.

IBAN: DE 96 4306 0967 1101 7086 00 | BIC: GENODEM1GLS | GLS Gemeinschaftsbank eG

Verwendungszweck: „Rettung Regenbogenfabrik“

Wenn du eine Spendenquittung brauchst, stellen wir sie dir gerne aus!

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Die weiterführenden Links:

https://regenbogenfabrik.de

https://de.wikipedia.org/wiki/Regenbogenfabrik

https://www.berlin.de/sen/uvk/umwelt/bodenschutz-und-altlasten/nachsorgender-bodenschutz-altlasten/sanierung-ausserhalb-der-freistellungsverfahren/regenbogenfabrik-kreuzberg

und bei mir auf dem Blog:

Sowohl im Netzt als auch auf dem Blog findet man vielmehr Beiträge über die Regenbogenfabrik.

Und hier mein Lieblingsfoto, irgendwann, vor Jahren in der Regenbogenfabrik gemacht, als sie sich immer noch in der Bauphase befand. Die Pfütze ist längst weg.

Eigentlich Schade!

Flucht aus Riga (2. WK)

Brigitte von Ungern-Sternberg

Die erste Hälfte des 20. Jahrhundert war eine Zeit der ‘Völkerwanderung’ freiwillig oder unfreiwillig.
Die Umsiedlung war freiwillig, aber es war dennoch ein Verlust der Heimat.

Die Fotos werden in einer Ausstellung im Mentzendorff Haus gezeigt. Dort hat der deutsch-lettische Verein DOMUS RIGENSIS seinen Sitz.

http://domus-rigensis.eu/

Gefunden wurden die Fotos irgendwo auf einem lettischen Speicher, glaube ich. Im Internet habe ich keinen Hinweis auf die Ausstellung gefunden. Sie war vielleicht ziemlich improvisiert.

https://www.liveriga.com/de/1196-mentzendorff-haus

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Walderdbeere Poziomka Fragaria

Monika Wrzosek-Müller

Meine Oma machte herrliche Konfitüre – oder war das Marmelade, oder überhaupt etwas anderes? Die ganzen Früchte waren in einer Art von sehr süßem und dickflüssigem Sirup eingekocht. So kochte sie Erdbeeren, aber auch Walderdbeeren ein, wenn es welche gab. Sie wurden von der ganzen Familie mit Andacht verzehrt, nur zu besonderen Anlässen und für besondere Gäste auf den Tisch gebracht.

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Eine Buchseite auf der Strasse

Ewa Maria Slaska

Meine treue LeserInnen wissen, dass ich gerne ausgerissene Buchseiten auf den Strassen sammle und versuche, den Titel des Buches zu finden. In Berlin findet man erstaunlich viel ausgerissenen Buchseiten. Weshalb, weiß ich nicht. Als ich das erste Mal das Errate-Spiel mit mir selber spielte, musste ich noch in die Bibliothek gehen und eine wirklich akribische Suche veranstalten. Manchmal brauchte ich Hilfe eines Bibliothekars. So war es mit dem Roman von Hermann Kasak Die Stadt hinter dem Strom.

Seitdem haben sich die Zeiten immens geändert, die Rätsel ließen sich immer schneller lösen, aber so schnell wie heute, war ich noch nie findig.

Ich tippte zuerst einen Satz in die Suchzeile von Google: Weißt du, was gegen Chiliverbrennungen hilft?
Wenn es nichts brachte, verlegte ich die Suche in Google Books. Derselbe Satz, weiter nichts. Ich schrieb einen Satz weiter: Ich schüttele den Kopf und fächele mir Luft zu, um meinen Mund zu kühlen.
Und schon weiß ich alles:

Hanna Dietz, Fußballmütter, 2017. Und gar der Buchumschlag.

Dodatek po polsku:

Bardzo pasuje do aktualnego czasu. W końcu do 19 lipca trwają mistrzostwa świata w piłkę. Polska, jak mnie poinformowała właśnie Ela Kargol, nie przegrała jeszcze żadnego meczu! Niemcy w nowej fazie przegrały z Ekwadorem, piłkarze Afryki Południowej grali w strojach takich jak normalnie wyglądają kostiumy brazylijskie, a ulubieńcem Mistrzostw został Vozinha, 40-letni bramkarz z Wysp Zielonego Przylądka, który sprawił, że drużyna zwana Błękitnymi Rekinami sensacyjnie wręcz przeszła do fazy finałowej podczas meczu z faworyzowaną Hiszpanią. Vozinha obronił wszystkie strzały.

Komuś się jednak podczas mistrzostw ta książka niezbyt spodobała, skoro wyrwał z niej kartki i porzucił je na schodach do metra.

Nach dem Spiel ist vor der Liebe, verspricht der Texter des Verlags. Und es ist ein guter Verlag. Sogar ein sehr guter. Obwohl der Zitat “Hanna Dietz spricht Milionen Frauen aus dem Herzen”, stammt von der Zeitung Bild und die ist keine renommierte Zeitung. Sogar wirklich keine.

Na ja.

Vielleicht braucht gar Rowohlt ein bißchen Geld, das man mit einem sog. Frauenroman eventuell schnell ansammelt.

Bis jetzt habe ich immer die Bücher, die ich auf dieser weise entdeckt habe, gekauft und gelesen. Bis ich bei dem letzten Buch auf so einen ununteressanten Batzen traf, dass ich prompt entschieden habe, dass ich keine derartige Romane mehr kaufen werde. Das ist der, der dafür verantwortlich ist:

Zehdenick, die Havelstadt

Monika Wrzosek-Müller

Zehdenick liegt auf dem Weg von Berlin nach Warthe; über das Dorf habe ich hier im Blog immer wieder geschrieben. Zehdenick ist ein kleines Städtchen, viel kleiner als Templin und weniger lebhaft, weniger lebendig. Selten trifft man auf den Straßen die Einwohner. Ich erinnere mich, wie wir vor Jahren noch ein Café auf dem Marktplatz gesucht haben, vergeblich. Jetzt lese ich, dass es sich um das am weitesten ausgedehnte Städtchen in der Region handelt, denn es umfasst auch die umliegenden Dörfer,-Ortsteile in großer Zahl: Badingen mit einer Schlossruine, Bergsdorf, Burgwall, Kappe, Klein-Mutz mit einem Bismarckturm, Krewlin mit einer schönen Fachwerkkirche von 1690 (echt alt), Mildenberg mit dem Ziegeleipark, Ribbeck, Vogelsang – das wir immer auf dem Weg nach Warthe durchqueren – Wesendorf, Zabelsdorf. Es gibt insgesamt dreizehn Ortsteile. Das ist schon ein riesiges Gebiet, ich würde das Gebiet Zehdenicker Land nennen, so wie die Großgemeinde Boitzenburger Land, zu der auch Warthe gehört. Der Name Zehdenick hat mich neugierig gemacht, jetzt lese ich, dass es sich tatsächlich um ein slawisches Wort handelt; Cydzynek oder Sadniki hieß die Siedlung im Mittelalter; sie wurde bereits 1216 erwähnt. Ein Städtchen mit einer langen Geschichte also.

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Ostgebiete/ Ziemie Zachodnie

Monika Wrzosek-Müller

Eine Fotoausstellung

Plötzlich häufen sich die deutsch-polnische Veranstaltungen; hoch und heilig wurde uns versprochen: Das Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der deutschen Besatzung in Polen 1939-1945 soll nun bald entstehen, nach immerhin 80 Jahren.

Doch auch andere deutsch-polnische Zusammenkünfte und Initiativen blühen geradezu; es wird tüchtig über die Identitäten, kollektives Bewusstsein, Erinnerungskultur etc. diskutiert. Zusammen mit einer Gruppe von Schreibenden habe ich mir die Ausstellung „Ostgebiete – Ziemie Zachodnie, Eine deutsch-polnische Spurensuche, Polskie i niemieckie ślady pamięci“ im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung angesehen. Es ist eine gute Fotoausstellung, die wie ein Dialog in Fotos zwischen den deutschen und polnischen Fotograf*innen funktioniert. Die jeweiligen Perspektiven könnten nicht unterschiedlicher sein. Zu meiner Zeit in Warszawa sprach man von „wiedergewonnenen Gebieten“, auf der deutschen Seite von verlorenen, ehemaligen deutschen Ostgebieten. Beide Bezeichnungen waren nicht neutral, konnten nicht neutral sein, wurden politisch immer wieder aufgeladen. Und doch ist diese Verschiebung der Grenzen nach dem Krieg passiert, Zigtausende von Menschen wurden umgesiedelt. Sie blieben jahrzehntelang entwurzelt, fremd und neu, und das auf beiden Seiten. Wohl gemerkt, die Polen hatten daran wirklich überhaupt keine Schuld und trotzdem mussten sie sich nach dem schrecklichen Krieg dem Diktat der Grenzverschiebungen beugen und unterordnen.

Es ist gut, diese Themen so unaufgeregt wie möglich anzugehen, sie zu dokumentieren, den Prozess der Annäherung an die veränderte Wirklichkeit, auch der persönlichen, privaten, fast intimen zu zeigen. Was bedeutet das, welche Bilder sind damit verbunden, welche Bilder haben wir im Kopf, wenn wir darüber reflektieren? Wie fühlt sich das an? Ist inzwischen das meiste überwunden: die Trauer, die Fremdheit, die Wut? Und noch eine wichtige Frage: was bleibt, wie soll man mit diesem Erbe der schweren Geschichte umgehen?

Als Kind besuchte ich meine Mutter in Lądek Zdrój (früher Bad Landek), sie war dort zur Kur im Sanatorium und meine Schwester, unsere Tante und ich fuhren dorthin, um sie zu sehen, und wir wurden privat untergebracht. Das muss Ende der 60er Jahre gewesen sein. Wir wohnten in einer alten, für die damaligen, sogar für Warschauer Verhältnisse, imposanten Villa und die ganze Atmosphäre war für mich seltsam, fremd und gruselig. In der Küche wie auch im Bad hingen Leinentücher mit auf Deutsch gestickten Sprüchen, manche in blauen Kreuzstichen, die anderen in roten; ich verstand sie nicht und keiner der Bewohner des Hauses konnte sie mir übersetzen. Niemand sprach auch darüber, wie die Situation zustande gekommen war. Sie nutzten das alles, waren durchaus froh darüber, das alles zu haben, das äußerten sie laut, aber mir schienen sie völlig verloren und fremd in diesem total durchmöblierten Haus, mit riesigen Betten und Schränken im Schlafzimmer und einer voll eingerichteten Küche, deren Utensilien sehr ausgesucht und den Bewohnern oft unbekannt waren.

Die Fotos der Ausstellung beschäftigen sich nach ca. 60 Jahren auch mit diesen Fragen. Natürlich sind die Spuren jetzt viel stärker verwischt, sie würden nicht mehr so ins Kindesauge stechen. Die neun Künstler aus beiden Ländern gehen das Thema sehr subjektiv und spontan an. So sind die Schwerpunkte der Fotografien sehr verschieden; sie reichen von wunderbaren Landschaften, die in einem Fall, soviel ich mich erinnere, dieselben Landschaften jetzt zeigen sollen, die sich auf den alten, auf dem Dachboden gefundenen Fotos, abgebildet fanden. Der Künstler geht so weit, dass er exakt dieselbe Einstellung, denselben Bildausschnitt wählt. Manchmal fehlt ein Häuschen, oder die Bäume sind größer. Es gibt viele Porträtfotos, auch Gegenstände des täglichen Lebens gehören zu den oft fotografierten Objekten: Porzellan, Einweckgläser, getrocknete Pilze in Kränzen hängend, aber auch ganz einfache Einrichtungsgegenstände. Immer steht dahinter eine Geschichte, eine Erzählung, manchmal über die trotz allem Gebliebenen, manchmal über die Geflüchteten, über Leerstellen in ihren Lebensgeschichten, über das Verschweigen, auf jeden Fall über die Stille der Orte, aber auch die mit neuem Leben erfüllten alten Objekten.

Ein Projekt ist mir in diesem Zusammenhang im Gedächtnis geblieben. Irgendwie zentral in der Ausstellung steht eine rechteckige, dicke Säule, die von allen Seiten mit hunderten von Fotos beklebt ist. Es sind Aufnahmen der alten Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die sich im Gebiet um die Stadt Oława [Ohlau] befinden. Der Fotograf wollte für sich die verschwiegenen Begriffe wieder aufwecken: „poniemieckie“ [nachdeutsch] und vielleicht das weitere Schicksal der Reste/Überbleibsel nachverfolgen; die Kriegerdenkmäler konnten ja bewahrt, verändert oder ganz zerstört worden oder vollständig verschwunden sein. Angeblich sind es mehr als 700 Fotos und es kommen immer wieder neue dazu. Interessant ist die Umwidmung mancher dieser Denkmäler in katholische Marienkapellen. Wenn ich länger nachdenke, stimmt es das mit meiner Wahrnehmung überein, dass nach dem Ersten Weltkrieg ungeheuer viele Gedenksteine oder Denkmäler entstanden sind. Meistens finden sie sich unweit der Kirche auf dem Hauptplatz eines Dorfes oder Städtchens.

Die Sequenz „Zur Hoffnung“ zeigt den Versuch, sich dem Geburtsort des Vaters zu nähern, ihn für sich zu erleben. Es existiert eigentlich kaum etwas, worauf man aufbauen kann, weder alte Fotos noch Andenken, doch an Ort und Stelle entsteht ein Bild, so könnte es sein, gewesen sein. Alles existiert nebeneinander, die Erinnerung und die Realität, manchmal kommen sie zusammen, meistens erzählt man sich eine neue Geschichte.

„Mind of Winter“ soll sich mit den alten Bildern, die in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit stehen, beschäftigen. Erst aus der Perspektive der eigenen Migration kann die Künstlerin erkennen, wie kompliziert und verwoben die Geschicke der Länder, die Geschichten der Menschen, die da drin vorkommen, sind. Gibt es noch Menschen mit einer eindeutigen Geschichte, mit einheitlichen Bildern im Kopf, mit einer Zugehörigkeit zu Land, Landschaft, Menschen? Die Fotos zeigen, wie neue Anfänge entstehen und neue Biografien geschrieben werden.

Der Fluss Oder trägt vieles, hat vieles gesehen und ist aber ständig in Bewegung. Viele der Fotos kreisen um den Fluss und seine Landschaften und Geschichten auf beiden Seiten des Flusses, um die Brücken und die Leerstellen, um die nicht zu Ende erzählten Geschichten.

Anschließend sollten wir für uns ein Projekt aussuchen, das uns besonders angesprochen hat, dann eines der Fotos ganz sachlich beschreiben, danach aber benennen, was uns dabei berührt hat: unsere Emotionen, Gefühle festhalten, schließlich dem Grund nachspüren, warum gerade dieses Foto, diese Geschichte, uns angesprochen hat.

Mich haben die Fotos aus Lemberg/Lwów/Lviv angezogen: „I Have Nothing from Lviv“, auch das, was die polnische Fotografin dazu schreibt: „Das Thema der Umsiedlung kreist in meinem Blut. Seit ich klein war, wusste ich, dass meine Familie nicht ganz nach Schlesien gehört – wir kennen den Dialekt nicht und statt der Kohlrouladen mit schlesischen Nudeln gab es bei uns meistens Tomatensuppe mit Reis und einer gehörigen Portion saurer Sahne dazu. In den Regalen mit den von meiner Oma gelesenen Romanen taucht ständig die Stadt Lwów auf. Als ich selbst aus der Stadt meiner Familie wegzog, fing ich an, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu verstehen, und konzentrierte mich in meiner künstlerischen Arbeit auf dieses Thema. Alles, woran ich gearbeitet habe, auch die Gespräche mit meiner Oma, haben zu der Idee einer gemeinsamen Reise zum Ort ihrer Kindheit geführt, zu dem sie jahrzehntelang nicht gekehrt war.“

Eines der Fotos zeigt einen orangenen, abgewrackten Bus. Es ist Sommer und die Menschen im Bus sind sehr leicht angezogen, junge Frauen tragen Sommerkleider mit Spaghettiträgern. Im Hintergrund sieht man etwas bröckelnden Fassaden alter Bürgerhäuser, es ist Abend und die Laternen werfen ein sehr gelbes, warmes Licht. Trotzdem weht ein Hauch von Nostalgie, von Sehnsucht durch das Bild, vielleicht erzeugt durch das gelbe Licht.

Andere Aufnahmen zeigen eine ältere, einsame Frau. Auf einem Foto hält jemand (das Gesicht ist hinter den Papieren verborgen) die Evakuierungsdokumente in der Hand. Die ältere Frau ist auch in einer Unterführung allein, sie steht vor einer in weiß-grau gekachelten Wand, sieht sehr unsicher und verlassen aus.

Ich spüre Melancholie, Leere und Traurigkeit in mir aufsteigen, auch andere Fotos verstärken diese Gefühle: eine zerknitterte Plastiktüte, vom Wind getragen, auf einer löchrigen asphaltierten Straße, ein leeres altes Notizbuch. Auch die Aufnahmen der heruntergekommenen Straßen mit ukrainischen Aufschriften in Kyrillisch, erzeugen bei mir Beklemmung und Ratlosigkeit. Alles erinnert mich an meine Reise nach Lwów/ Lviv vor ca. zehn Jahren und an die Suche nach den Spuren der Vergangenheit, nach den Spuren meiner Familie, nach dem Haus, in dem meine Mutter gewohnt hat, bis sie nach Kasachstan/ Semipalatinsk deportiert wurde. Auch meine Familie hat versucht, etwas zurückzubekommen, und dann aufgegeben. Auch für mich gilt der Titel der kleinen Sequenz: „I Have Nothing from Lviv“; auch wenn ich an meinem Finger den einzigen gebliebenen Ring, den Ehering meiner Oma, trage.

„Der perfekte Faschist“


Victoria de Grazias Buch über die Karriere des Attilio Teruzzi: „Der perfekte Faschist. Eine Geschichte von Liebe, Macht und Gewalt“ (deutsch Berlin 2024)

Michael G. Müller

Wenn jemand etwas über das Innenleben des italienischen Faschismus sagen kann, dann ist das Victoria de Grazia. International berühmt geworden ist die italienisch-amerikanische Historikerin schon vor langer Zeit durch zwei bahnbrechende historische Studien: The Culture of Consent: Mass Organization of Leisure in Fascist Italy (Cambridge 1981) und How Fascism Ruled Women: Italy, 1922–1945 (Berkeley 1993). Ihr neuer, eben bahnbrechender Ansatz: Anstatt die Ideologie des italienischen Faschismus und die „große Politik“ des Mussolini-Regimes zum Gegenstand zu machen, interessierte und interessiert sie sich dafür, wie der Faschismus in der italienischen Gesellschaft funktionierte. Wie wurden ganz normale Italiener zu Faschisten? Was bedeutete, ein Faschist zu sein und wie konsequent faschistisch waren eigentlich die führenden Faschisten selbst?

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MINSK, Kollektive Osmose von Oscar Murillo

Monika Wrzosek-Müller

Ein Besuch im Kunsthaus Potsdam

Leicht zu erreichen war Potsdam am Pfingstwochenende mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus Charlottenburg nicht. Es gab wieder einmal „Busersatzverkehr“ bei der Ringbahn und beim ersten Mal sind wir in den Ersatzbus in die falsche Richtung eingestiegen. Es ist schon schwierig, mit den vielen ständigen Änderungen, Busersatzverkehren oder einfach ganz gestrichenen Verbindungen auf dem Laufen zu bleiben. Wie gesagt sind wir beim ersten Versuch sozusagen rückwärts anstatt vorwärts gefahren und konnten erst an einer weit entfernten Station aussteigen. Schade, dass beim Busersatzverkehr auch nicht vorgesehen ist, an den normalen Bushaltestellen zu halten; wir hätten es da viel näher gehabt. Doch am nächsten Tag ist uns das alles dann gelungen und wir sind mit einigen Wenigen nach oben zu dem Kunsthaus oberhalb der Schwimmhalle, die jetzt zum Eventbad „Blu“ ausgebaut wurde, auf dem Brauhausberg in Potsdam hochgestiegen.

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