Ostgebiete/ Ziemie Zachodnie

Monika Wrzosek-Müller

Eine Fotoausstellung

Plötzlich häufen sich die deutsch-polnische Veranstaltungen; hoch und heilig wurde uns versprochen: Das Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der deutschen Besatzung in Polen 1939-1945 soll nun bald entstehen, nach immerhin 80 Jahren.

Doch auch andere deutsch-polnische Zusammenkünfte und Initiativen blühen geradezu; es wird tüchtig über die Identitäten, kollektives Bewusstsein, Erinnerungskultur etc. diskutiert. Zusammen mit einer Gruppe von Schreibenden habe ich mir die Ausstellung „Ostgebiete – Ziemie Zachodnie, Eine deutsch-polnische Spurensuche, Polskie i niemieckie ślady pamięci“ im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung angesehen. Es ist eine gute Fotoausstellung, die wie ein Dialog in Fotos zwischen den deutschen und polnischen Fotograf*innen funktioniert. Die jeweiligen Perspektiven könnten nicht unterschiedlicher sein. Zu meiner Zeit in Warszawa sprach man von „wiedergewonnenen Gebieten“, auf der deutschen Seite von verlorenen, ehemaligen deutschen Ostgebieten. Beide Bezeichnungen waren nicht neutral, konnten nicht neutral sein, wurden politisch immer wieder aufgeladen. Und doch ist diese Verschiebung der Grenzen nach dem Krieg passiert, Zigtausende von Menschen wurden umgesiedelt. Sie blieben jahrzehntelang entwurzelt, fremd und neu, und das auf beiden Seiten. Wohl gemerkt, die Polen hatten daran wirklich überhaupt keine Schuld und trotzdem mussten sie sich nach dem schrecklichen Krieg dem Diktat der Grenzverschiebungen beugen und unterordnen.

Es ist gut, diese Themen so unaufgeregt wie möglich anzugehen, sie zu dokumentieren, den Prozess der Annäherung an die veränderte Wirklichkeit, auch der persönlichen, privaten, fast intimen zu zeigen. Was bedeutet das, welche Bilder sind damit verbunden, welche Bilder haben wir im Kopf, wenn wir darüber reflektieren? Wie fühlt sich das an? Ist inzwischen das meiste überwunden: die Trauer, die Fremdheit, die Wut? Und noch eine wichtige Frage: was bleibt, wie soll man mit diesem Erbe der schweren Geschichte umgehen?

Als Kind besuchte ich meine Mutter in Lądek Zdrój (früher Bad Landek), sie war dort zur Kur im Sanatorium und meine Schwester, unsere Tante und ich fuhren dorthin, um sie zu sehen, und wir wurden privat untergebracht. Das muss Ende der 60er Jahre gewesen sein. Wir wohnten in einer alten, für die damaligen, sogar für Warschauer Verhältnisse, imposanten Villa und die ganze Atmosphäre war für mich seltsam, fremd und gruselig. In der Küche wie auch im Bad hingen Leinentücher mit auf Deutsch gestickten Sprüchen, manche in blauen Kreuzstichen, die anderen in roten; ich verstand sie nicht und keiner der Bewohner des Hauses konnte sie mir übersetzen. Niemand sprach auch darüber, wie die Situation zustande gekommen war. Sie nutzten das alles, waren durchaus froh darüber, das alles zu haben, das äußerten sie laut, aber mir schienen sie völlig verloren und fremd in diesem total durchmöblierten Haus, mit riesigen Betten und Schränken im Schlafzimmer und einer voll eingerichteten Küche, deren Utensilien sehr ausgesucht und den Bewohnern oft unbekannt waren.

Die Fotos der Ausstellung beschäftigen sich nach ca. 60 Jahren auch mit diesen Fragen. Natürlich sind die Spuren jetzt viel stärker verwischt, sie würden nicht mehr so ins Kindesauge stechen. Die neun Künstler aus beiden Ländern gehen das Thema sehr subjektiv und spontan an. So sind die Schwerpunkte der Fotografien sehr verschieden; sie reichen von wunderbaren Landschaften, die in einem Fall, soviel ich mich erinnere, dieselben Landschaften jetzt zeigen sollen, die sich auf den alten, auf dem Dachboden gefundenen Fotos, abgebildet fanden. Der Künstler geht so weit, dass er exakt dieselbe Einstellung, denselben Bildausschnitt wählt. Manchmal fehlt ein Häuschen, oder die Bäume sind größer. Es gibt viele Porträtfotos, auch Gegenstände des täglichen Lebens gehören zu den oft fotografierten Objekten: Porzellan, Einweckgläser, getrocknete Pilze in Kränzen hängend, aber auch ganz einfache Einrichtungsgegenstände. Immer steht dahinter eine Geschichte, eine Erzählung, manchmal über die trotz allem Gebliebenen, manchmal über die Geflüchteten, über Leerstellen in ihren Lebensgeschichten, über das Verschweigen, auf jeden Fall über die Stille der Orte, aber auch die mit neuem Leben erfüllten alten Objekten.

Ein Projekt ist mir in diesem Zusammenhang im Gedächtnis geblieben. Irgendwie zentral in der Ausstellung steht eine rechteckige, dicke Säule, die von allen Seiten mit hunderten von Fotos beklebt ist. Es sind Aufnahmen der alten Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die sich im Gebiet um die Stadt Oława [Ohlau] befinden. Der Fotograf wollte für sich die verschwiegenen Begriffe wieder aufwecken: „poniemieckie“ [nachdeutsch] und vielleicht das weitere Schicksal der Reste/Überbleibsel nachverfolgen; die Kriegerdenkmäler konnten ja bewahrt, verändert oder ganz zerstört worden oder vollständig verschwunden sein. Angeblich sind es mehr als 700 Fotos und es kommen immer wieder neue dazu. Interessant ist die Umwidmung mancher dieser Denkmäler in katholische Marienkapellen. Wenn ich länger nachdenke, stimmt es das mit meiner Wahrnehmung überein, dass nach dem Ersten Weltkrieg ungeheuer viele Gedenksteine oder Denkmäler entstanden sind. Meistens finden sie sich unweit der Kirche auf dem Hauptplatz eines Dorfes oder Städtchens.

Die Sequenz „Zur Hoffnung“ zeigt den Versuch, sich dem Geburtsort des Vaters zu nähern, ihn für sich zu erleben. Es existiert eigentlich kaum etwas, worauf man aufbauen kann, weder alte Fotos noch Andenken, doch an Ort und Stelle entsteht ein Bild, so könnte es sein, gewesen sein. Alles existiert nebeneinander, die Erinnerung und die Realität, manchmal kommen sie zusammen, meistens erzählt man sich eine neue Geschichte.

„Mind of Winter“ soll sich mit den alten Bildern, die in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit stehen, beschäftigen. Erst aus der Perspektive der eigenen Migration kann die Künstlerin erkennen, wie kompliziert und verwoben die Geschicke der Länder, die Geschichten der Menschen, die da drin vorkommen, sind. Gibt es noch Menschen mit einer eindeutigen Geschichte, mit einheitlichen Bildern im Kopf, mit einer Zugehörigkeit zu Land, Landschaft, Menschen? Die Fotos zeigen, wie neue Anfänge entstehen und neue Biografien geschrieben werden.

Der Fluss Oder trägt vieles, hat vieles gesehen und ist aber ständig in Bewegung. Viele der Fotos kreisen um den Fluss und seine Landschaften und Geschichten auf beiden Seiten des Flusses, um die Brücken und die Leerstellen, um die nicht zu Ende erzählten Geschichten.

Anschließend sollten wir für uns ein Projekt aussuchen, das uns besonders angesprochen hat, dann eines der Fotos ganz sachlich beschreiben, danach aber benennen, was uns dabei berührt hat: unsere Emotionen, Gefühle festhalten, schließlich dem Grund nachspüren, warum gerade dieses Foto, diese Geschichte, uns angesprochen hat.

Mich haben die Fotos aus Lemberg/Lwów/Lviv angezogen: „I Have Nothing from Lviv“, auch das, was die polnische Fotografin dazu schreibt: „Das Thema der Umsiedlung kreist in meinem Blut. Seit ich klein war, wusste ich, dass meine Familie nicht ganz nach Schlesien gehört – wir kennen den Dialekt nicht und statt der Kohlrouladen mit schlesischen Nudeln gab es bei uns meistens Tomatensuppe mit Reis und einer gehörigen Portion saurer Sahne dazu. In den Regalen mit den von meiner Oma gelesenen Romanen taucht ständig die Stadt Lwów auf. Als ich selbst aus der Stadt meiner Familie wegzog, fing ich an, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu verstehen, und konzentrierte mich in meiner künstlerischen Arbeit auf dieses Thema. Alles, woran ich gearbeitet habe, auch die Gespräche mit meiner Oma, haben zu der Idee einer gemeinsamen Reise zum Ort ihrer Kindheit geführt, zu dem sie jahrzehntelang nicht gekehrt war.“

Eines der Fotos zeigt einen orangenen, abgewrackten Bus. Es ist Sommer und die Menschen im Bus sind sehr leicht angezogen, junge Frauen tragen Sommerkleider mit Spaghettiträgern. Im Hintergrund sieht man etwas bröckelnden Fassaden alter Bürgerhäuser, es ist Abend und die Laternen werfen ein sehr gelbes, warmes Licht. Trotzdem weht ein Hauch von Nostalgie, von Sehnsucht durch das Bild, vielleicht erzeugt durch das gelbe Licht.

Andere Aufnahmen zeigen eine ältere, einsame Frau. Auf einem Foto hält jemand (das Gesicht ist hinter den Papieren verborgen) die Evakuierungsdokumente in der Hand. Die ältere Frau ist auch in einer Unterführung allein, sie steht vor einer in weiß-grau gekachelten Wand, sieht sehr unsicher und verlassen aus.

Ich spüre Melancholie, Leere und Traurigkeit in mir aufsteigen, auch andere Fotos verstärken diese Gefühle: eine zerknitterte Plastiktüte, vom Wind getragen, auf einer löchrigen asphaltierten Straße, ein leeres altes Notizbuch. Auch die Aufnahmen der heruntergekommenen Straßen mit ukrainischen Aufschriften in Kyrillisch, erzeugen bei mir Beklemmung und Ratlosigkeit. Alles erinnert mich an meine Reise nach Lwów/ Lviv vor ca. zehn Jahren und an die Suche nach den Spuren der Vergangenheit, nach den Spuren meiner Familie, nach dem Haus, in dem meine Mutter gewohnt hat, bis sie nach Kasachstan/ Semipalatinsk deportiert wurde. Auch meine Familie hat versucht, etwas zurückzubekommen, und dann aufgegeben. Auch für mich gilt der Titel der kleinen Sequenz: „I Have Nothing from Lviv“; auch wenn ich an meinem Finger den einzigen gebliebenen Ring, den Ehering meiner Oma, trage.

MINSK, Kollektive Osmose von Oscar Murillo

Monika Wrzosek-Müller

Ein Besuch im Kunsthaus Potsdam

Leicht zu erreichen war Potsdam am Pfingstwochenende mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus Charlottenburg nicht. Es gab wieder einmal „Busersatzverkehr“ bei der Ringbahn und beim ersten Mal sind wir in den Ersatzbus in die falsche Richtung eingestiegen. Es ist schon schwierig, mit den vielen ständigen Änderungen, Busersatzverkehren oder einfach ganz gestrichenen Verbindungen auf dem Laufen zu bleiben. Wie gesagt sind wir beim ersten Versuch sozusagen rückwärts anstatt vorwärts gefahren und konnten erst an einer weit entfernten Station aussteigen. Schade, dass beim Busersatzverkehr auch nicht vorgesehen ist, an den normalen Bushaltestellen zu halten; wir hätten es da viel näher gehabt. Doch am nächsten Tag ist uns das alles dann gelungen und wir sind mit einigen Wenigen nach oben zu dem Kunsthaus oberhalb der Schwimmhalle, die jetzt zum Eventbad „Blu“ ausgebaut wurde, auf dem Brauhausberg in Potsdam hochgestiegen.

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Einige Gedanken zur Demokratie

Monika Wrzosek-Müller

In Deutschland regelt Artikel 20 des Grundgesetzes, dass es sich bei der Bundesrepublik um eine parlamentarische Demokratie handelt. Die Idee der „Herrschaft des Volkes“ beruht auf altgriechischen Vorstellungen von der Partizipation der Bürger an der Macht; doch nie handelte es sich um das ganze Volk, sondern immer um die Vertreter der Vertreter, um die oligoi und auch um Institutionen, die diese vertreten. Irgendwann entfernt sich das alles erheblich von dem Einzelnen, vom Individuum; was bleibt ist die Unzufriedenheit und der Mangel an Kommunikation über ein bestimmtes Vorgehen, bestimmte Entscheidungen. Eigentlich müssten wir allen Prozessen folgen können, sie verstehen und für sich akzeptieren oder… gegen sie protestieren. Solange aber die Mehrheit die Zukunft für sich in rosigen Farben sieht, melden wenige ihre Bedenken und Sorgen an, schläft das System der Mitbestimmung, Mitgestaltung etwas ein. Niemand hinterfragt, was oben passiert, solange unten das Geld irgendwie ausreicht.

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Dolci

Monika Wrzosek-Müller

Dolci, Cafés in Palermo

In Syrakus ist mir das nicht so aufgefallen, auch wenn die Dolci, die Süßigkeiten da ebenfalls außerordentlich gut waren. Doch in Palermo saßen wir immer wieder in einem wunderschönen, nach Wiener Art eingerichteten Café, also sorgfältig gestaltet, oft vertäfelt. In Italien gibt es im allgemeinen Bars, überall und um jede Ecke, selbst die kleinste Ortschaft kommt ohne eine anständige Bar nicht aus. Doch da ist die Bartheke das Wichtigste, manchmal stehen zwei, drei kleine Tischchen herum, meistens alles eng, voll, nicht zum längeren Verweilen gedacht. Natürlich gibt es auch fast museal anmutende Cafés, wie das Café Florio in Venedig oder Al Bicerin in Turin usw. Wenn die Sonne wärmer scheint, werden oft Tische und Stühle nach draußen gerückt; fast die ganze Piazza della Signoria in Florenz wird manchmal vom teuren Café Rivoire mit Beschlag belegt. Da sitzen die Menschen dann schon länger und zahlen für ihren Kaffee wesentlich mehr. Doch eine italienische Kultur der Cafés mit Kaffee und Kuchen, so wie sie in Wien, Prag, Warschau oder auch Dresden gepflegt wird, zum längeren Verweilen, habe ich erst in Sizilien und genauer in Palermo erlebt.

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Frauenblick auf Palermo

Monika Wrzosek-Müller

Palermo hat mich überwältigt

Palermo hat mich überwältigt; es ist genau die Art von Stadt, die ich liebe. Um jede Ecke wartet etwas Neues und ganz anderes, skurriles und außergewöhnliches. So viele Kulturen haben hier ihre Spuren hinterlassen und man merkt das den Bauten und allen Hinterlassenschaften an; sie haben hier gut gelebt, sich wohl gefühlt. Auf jeden Fall die oberen Zehntausend. Es ist wahrscheinlich das Entscheidende, warum die Stadt dich mit einem warmen Lächeln empfängt, trotz aller Unzulänglichkeiten, und es liegt nicht nur am Klima. All die Eroberer wohnten hier gerne: Phönizier, Griechen, Römer, Araber-Sarazenen, Spanier, Franzosen – und die eigentliche Bevölkerung, wer waren die eigentlich?

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Essen in Palermo

Monika Wrzosek-Müller

Oder Inspirationen zum Osternessen

Der 19. März, der Josefstag, scheint ein besonderer Tag in Italien zu sein, auf jeden Fall in Palermo. Eigentlich dachte ich, wir wären jetzt, kurz vor Ostern eher im Fastenmodus, doch plötzlich sehe ich bei unserem Bäcker so etwas wie Pfannkuchen mit viel Creme, eigentlich wieder Ricotta aus Schafsmilch mit allen möglichen Zugaben – Zutaten wie Schokolade, Pistazien, Zitrone, Mandeln, Vanillie. Die Fühlung sieht aus wie bei dem Cannolo siciliano. Wir essen bei diesem Bäcker sehr gerne frische Panini, zusammen mit den Arbeitern, die die umliegenden Bürgerhäuser renovieren, und manchmal mit den Schülern aus dem nahen gelegenen Gymnasium oder auch mit Touristen, die vom Botanischen Garten um die Ecke vorbeikommen. Heute spricht mich ein Mann an: „Das sollten sie unbedingt probieren Signora“. „Was ist das denn?“. „Das ist die sfincia di San Giuseppe“. Ich schaue genauer hin, in die Auslage an der Bar unten, und sehe eigentlich so etwas wie Pfannkuchen, auch in Öl frittiert, nur dass es sich um Brandteig handelt und die Krapfen wie Windbeutel aussehen. Sie schmecken köstlich, aber nur, wenn man sie ganz frisch isst. Es gibt, wie bei den Cannolli, zwei Varianten eine ganz große und eine kleine, eine Mini-Ausführung. Sie sind luftig und weich und schmecken wirklich unwiderstehlich. Also sfincia di San Giuseppe, auf Deutsch könnte es heißen „Windbeutel à la Heiliger Josef“. Das Wort sfincia kommt angeblich vom lateinischen spongia oder dem arabischen sfang und alle beide Wörter bedeuten Schwamm, also weichen, luftigen Teig.

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Die Kunst, Sachen zusammenzubringen, und unterstützen

Monika Wrzosek-Müller

Palazzo Butera, via Butera 8, Palermo

Nun sind wir in Palermo; die Stadt übertrifft sich und uns an Gegensätzen. Zwischen Schönheiten und ausgesuchten, wirklich fantastischen Kunstwerken türmen sich zwischen Ruinen Müll und Abfall. Neben Häusern und Kirchen mit wunderschönen Fassaden, sehr professionell restauriert in gepflegten, exotischen Gärten, gibt es Gegenden, wo das Vergammelt-Sein fast Programm zu sein scheint. Zum Glück schauen wir auf solch ein Viertel von oben, von unserer Dachterrasse aus, doch ab und zu müssen wir auch unten da hindurch. Einiges wird auch hier schon restauriert und bewohnbar gemacht, auch in gehobener Qualität; leider ziehen dann die Touristen in die schönsten Häuser, mit denen Airbnb und andere, vor allem ausländische Appartement-Vermittlungsfirmen ihr Geschäft machen. Straße für Straße wird gentrifiziert. Wo früher Renato Guttuso seine realistischen Monumentalwerke malte und die Künstler um sich scharte – in dem Viertel oder besser gesagt dem Markt Vucciria – sind jetzt vor allem Immobilienfirmen am Werk. Vielleicht wird auch dagegen protestiert, mit einer sehr einfachen, aber effektiven Methode, die ich auch schon in Syrakus beobachtet habe: am späten Abend wird Musik ganz laut aufgedreht, bis zwei oder drei Uhr morgens, ohne dass in der betreffenden Bar Leute wären; so kann man selbst im vierten Stock nur schwer schlafen. Das vertreibt vor allem die älteren Besucher sehr wirkungsvoll.

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Olympiade 2026

Monika Wrzosek-Müller

Eiskunstlaufen

Diesmal schaue ich mir viele Wettbewerbe im Eiskunstlaufen an. Vor Jahren, wirklich vielen Jahren, noch in Polen, in Warschau, trainierte ich selbst Eiskunstlaufen in einer Eiskunsthalle, jetzt Arena COS Torwar genannt. Leider war meine Wirbelsäule lädiert und für „große Sprünge“ hat es nicht gereicht. Doch die Faszination für diese Sportart blieb mir über all die Jahre erhalten. So wurde ich vor etwa drei Jahren auf einen Eiskunstläufer aufmerksam, der die Grenzen des auf dem Eis Möglichen wirklich sprengte; ich meine Ilja Malinin. Dass er dieses Jahr nicht mit einer Goldmedaille nach Hause fährt, kann passieren. Er ist erst 21 Jahre alt und hat schon mehrere Goldmedaillen zu Hause liegen. Natürlich wird unterstrichen, dass er als einziger Eiskunstläufer einen vierfachen Axel vorführt, aber für mich ist das Wichtigste, wieviel Energie, Schwung, Grazie und Begeisterung für die Bewegung dieser Eiskunstläufer auf dem Eis aufbietet, auch wieviel Lebenslust daraus entsteht. Seine Programme, seine Kür ist immer ein Ereignis, auf das Viele warten. Im Unterschied zum Kurzprogramm, in dem bestimmte Elemente gezeigt werden müssen, sind die Eiskunstläufer bei der Kür in der Zusammenstellung der Elemente freier. Also, Ilja Malinin wählte kräftige jugendliche Musik zu seinen Programmen und lief sie mit einer Begeisterung, die sich auf den Zuschauer übertrug, die für Gänsehaut-Momente sorgte. Ich schaute immer wieder die Weltmeisterschaften und seine Auftritte nahm ich besonders wahr; er steht in der Tradition der russischen Eiskunstläufer und wurde von den Eltern trainiert. Ich denke, daher kommt die enge Verbindung zur Musik und zur Körperbewegung, vielleicht dem Ballett, um so exakt synchron mit der Musik zu laufen. Bei ihm habe ich wirklich das Gefühl: dieses Eiskunstlaufen ist sein Leben und es gibt nichts anderes, es gibt keine andere Option.

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Lucio Corsi in Berlin 2026

Dank Monika war Lucio Corsi schon Mal an diesem Blog.

Monika Wrzosek-Müller

7. Februar, voller Saal im „Heimathafen“, Berlin-Neukölln. Dank Bekanntschaften hatte ich eine Eintrittskarte. Die Kraft der Fans ist schon ungeheuer; Stunden vorher steht eine lange Schlange vor der nassen, dunklen, aber doch belebten Karl-Marx Str. 141 in Berlin und die Stimmung ist ausgelassen. All die Mädchen, die einfach so einem Künstler hinterherfahren, sind dabei und versuchen ihren Star zu stärken, indem sie, ihm nachempfunden, ein besonderes Barett tragen, und eine, die ich bemerkt habe, hat sich das Gesicht nach seinem Vorbild weiß geschminkt. Ich habe den Eindruck, dass die ganze Italian Community, nicht nur aus Berlin, sondern aus allen Ecken Deutschlands gekommen ist, aber auch einfach Paare, die sich etwas Gutes tun wollen und die sich gegenseitigen die Eintrittskarten geschenkt haben; sie freuen sich auf das Konzert. In der Schlange machen auch Erzählungen von dem gelungenen Konzert in Zürich die Runde, dort aber viel teurerer Karten, in Wien und in Warschau, wo er am Tag zuvor ein Konzert im Klub Proxima gegeben hat. Weiter geht die Tour durch Europa, nach London am 10. 02., dann Luxemburg, Amsterdam, am 13.02, weiter nach Paris am 15.02.26. und da endet die Tour; das klingt erst einmal bombastisch, tatsächlich kann ich mir kaum vorstellen, wie man diesen Marathon an Reisen und Konzerten verkraftet.

Ich hege eher mütterliche Gefühle für diesen dünnen, kleinen Jungen, der wirklich schön singt und sich so unverfälscht und authentisch gibt, und, was für mich wahrscheinlich noch wichtiger ist, die Maremma in seinen Liedern besingt (auch HIER habe ich schon über Maremma geschrieben), und nicht zu vergessen: die schönen Bilder von seiner Mutter auf die Covers seiner Platten bringt. Überhaupt spielt eben die Region, die Familie, in der er aufgewachsen ist, eine große Rolle. Vor dem Konzert habe ich mit sehr vielen jungen und mittelalten Leuten gesprochen und sie alle sind von Lucis ESC-Song begeistert, kennen aber nur selten andere Lieder. Ehrlich gesagt, gefallen auch mir die lyrischen, ruhigeren Balladen, die Lucio selbst begleitet mit der Mundharmonika viel besser – besser als die sehr laute Band-Musik, bei der man kaum die Worte hört, geschweige denn versteht. Natürlich habe ich auch inzwischen vergessen, dass man bei solchen Konzerten immer steht, manchmal auch mittanzt; nach drei Stunden war ich fix und fertig.

Sehr gut fand ich die Location, der „Heimathafen“ in Neukölln, Berlin ist wirklich einmalig und sehr angenehm. Beide Bars funktionieren tadellos und sind nicht überteuert; alles funktioniert, ist menschenfreundlich und direkt, vielleicht bis auf das Warten draußen vor der Tür, das hätte vielleicht kürzer ausfallen können. Mir scheint, dass es ein wunderbarer Raum für alle möglichen Veranstaltungen sein könnte. Es gibt da Theateraufführungen, Diskussionen zu verschiedenen Themen, Unterhaltung, Konzerte, Performances. Als Veranstaltungsforum existiert der „Heimathafen“ seit 2007, damals fand alles in einer Eckkneipe an der Richardstr./Karl-Marxstr. statt. Dann 2008 gab es ein größeres Programm in der alten Post an der Karl-Marx-Straße 97. Erst im April 2009 wurde alles in den Ballsaal des Saalbaus Neukölln, in das frühere Vergnügungsviertel Rixdorf verlegt. Als Volkstheater bekam die Spielstätte später mehrere Finanzspritzen über verschiedene Förderprogramme, doch ursprünglich wurde sie wirklich nur mit privatem Startkapital betrieben. Es gibt Platz für 800 Personen bei Konzerten (im Stehen) und 400 Sitzplätze für Theateraufführungen. Die Themen der Abende schöpfen vor allem aus der unmittelbaren Umgebung; in Neukölln, aus Neukölln und für Neukölln. Das Programm gliedert sich in vier Bereiche: Theater, „Amüsemang“, Tacheles und Musik. Im Mittelpunkt des Programms steht die Wirklichkeit des Neuköllner Lebens, also Migrationskonflikte, Jugendgewalt, Arbeitssituation; Prekariat, Gentrifizierung oder auch Ost-West-Konflikte. Das sieht man gleich am Eingang an den Plakaten zu den einzelnen Veranstaltungen. Die aktuelle kritische Debatte widmet sich dem Einfluss von KI auf künstlerisches Leben, wieviel Maschine verträgt der Mensch; die Inszenierung eines Jugendtheaters „Wie kann ich dir helfen, Habibi?“ beschäftigt sich damit.

Frauenblick aufs Meer

Monika Wrzosek-Müller

Eine Woche an der polnischen Ostseeküste

Gerade war es nicht voll, die Winterferien fangen in Polen erst nächste Woche an, am 02. Februar. Dann kommen ganze Kinderscharen mit ihren Großeltern. Der Beruf der Großeltern hat in Polen offensichtlich nichts an Attraktivität, Intensität und Popularität verloren. Jetzt sitzen im Essraum, vereinzelt oder zu dritt, höchstens vier ältere Damen, auch einige Herren sind dabei. Sie alle wollen von der guten Luft, dem Essen, Schwimmbad und Sauna, manche auch manchmal von einigen Kuranwendungen profitieren. Das alles verspricht hübscher, jünger, vielleicht auch klüger zu werden und länger leben zu können, daher scharen sich alle um den Schönheitssalon und den Massageraum. Nehmen auch die Anwendungen unheimlich ernst, kommen pünktlich, sorgen sich um entsprechende Kleidung. Die Liebe zur Sportkleidung, je nach Sportart und Wetterbedingungen, nimmt manchmal groteske Ausmaße an; dann werden vier paar Schuhe statt zwei angeschleppt, drei verschiedene Hosenarten, extra Unterwäsche etc. – nach dem Motto, alles wichtig, es gibt kein schlechtes Wetter. Und wenn die Damen an die obligatorischen Tanzabende, früher Dancing genannt, denken, kommen für eine Woche Aufenthalt ein riesiger Koffer und diverse Taschen zum Einsatz. Die Ernsthaftigkeit und das Einhalten aller Regeln sind vielleicht Überbleibsel der sozialistischen Sanatoriumsaufenthalte, die ein Segen für die überarbeitete Arbeiterklasse waren, die aber mit strenger Disziplin für die Durchführung der Anwendungen und mit rigiden Formen von Diäten für Erholung sorgten. Wer erinnert sich nicht an die riesigen Gebäude, die Erholungsheime für Bergleute, Eisenhüttenarbeiter und diverse anderen Berufsgruppen, hübsch getrennt je nach Regionen, je nach Kombinat, nach Berufen etc….

Ich beobachte das Treiben um das Buffet immer sehr genau, da ich leider nicht allzu sehr schlemmen kann (mein Magen streikt seit einiger Zeit), und ich stelle fest: meine lieben Landsleute, vielleicht wirklich mehr die Männer als die Frauen, werden immer dicker. Sie essen unheimlich viel, so als ob man auf Vorrat essen könnte, für schlechte Zeiten, für später. Die Batterien von leeren Flaschen, die vor den Zimmertüren stehen, zeugen von wirklich exzessivem Alkoholkonsum. Statistisch gesehen leiden in Polen 62% der Männer und 46% der Frauen an Übergewicht. Im Vergleich sind die Polen damit ziemlich nahe an die Deutschen herangerückt, wo 67% der Männer und 53% der Frauen sich mit dem Problem herumschlagen. Noch vor zehn, sogar vor acht Jahren waren die Polen eindeutig schlanker, dünner… so manifestiert sich jetzt der Wohlstand. Doch sie haben ihre Redseligkeit und Kontaktfreudigkeit beibehalten und auch wenn manche Scherze, Witze mir nicht gefallen, hört man das lange Lachen immer wieder.

A apropos Wohlstand: Auch die Meeresküste wird jetzt mit Zäunen, abgesteckten Wegen in den Kiefernwäldern und Holzbrücken domestiziert. Man spaziert nicht einfach über die Dünen an den Strand, sondern geht geordnet über einen meist gepflasterten Weg mit etlichen Bänken, ansonsten ist das Betreten der Dünen verboten; manchmal an besonders hohen steilen Küstenabschnitten ragt eine Aussichtsplattform aus. Mir ist das oft zu viel, die Landschaft wird so vielleicht ökologisch geschützt, andererseits verscheuchen zu viele solcher Maßnahmen die Natürlichkeit der Umgebung. So ist es in meinem Ostseebad.

Ein besonderes Highlight bildet für mich der kleine Jacht- und Fischereihafen an einem kleinen Flüsschen, das das Meer mit einem See im Hinterland verbindet; hier liegen immer zwei kleine, modernisierte und sehr schön angestrichene, also malerische alte Fischkutter. Einer war immer, abends, vor Sonnenuntergang nah an der Küste auf Fang. Die frischen Fische werden auch jetzt im Winter in der kleinen Räucherei verarbeitet, jeden Tag frisch! Erstaunlich, ich habe erfahren, dass es den Baltischen Lachs [salmo salar] gibt und der wird eben da gefangen, geräuchert und gegessen; eine unwiderstehliche Delikatesse.

Vor Jahren, als kleines Mädchen, war ich in dieser Gegend im Sommerferienlager und ich war damals begeistert von der unberührten Natur; daran kann ich mich noch gut erinnern, an das Gefühl der totalen Freiheit auf den riesigen hellen Stränden. Offensichtlich war das Wetter damals gnädig, denn ich kam braungebrannt nach Hause und wurde die kleine Negerin genannt. Auch später, schon als Studentin besuchte ich Kołobrzeg, fand aber jetzt wie damals, dass das Städtchen im Zweiten Weltkrieg katastrophal zerstört worden war und alle Wiederaufbauten aus den sechziger, siebziger Jahren ziemlich hässlich und für mich urbanistisch wirklich nicht gelungen waren. Jetzt neben alten, schön renovierten Bürgerhäusern stehen Reihen von sozialistischen Wohnblocks, die leider nichts zur Schönheit des Ortes beitragen; auch der sorgfältig angelegte und noch in der Weihnachtsbeleuchtung blinkende Park, konnte mich nicht begeistern. Nur die riesige fünfschiffige Backsteinhallenkirche Mariä Himmelfahrt in der Altstadt versetzte mich in Staunen; der Kolberger Dom ist um 1300 entstanden, ich vermutete eine Wehrkirche, doch angeblich wurden diese Kirchen im Mittelalter als sichere Verwahrungsorte für Handelswaren benutzt. Ähnlich große Kirchen gibt es in Prenzlau oder auch Frankfurt/Oder, ihre Größe erstaunt mich jedes Mal.

Der riesige Leuchtturm wurde nach dem Krieg wiederaufgebaut und er zeugt von der Wichtigkeit des Orts als Seehafen: es gibt auch eine lange Seebrücke. Die Uferpromenade mit den brutalistischen Hotels fand ich damals und jetzt eher scheußlich. Doch Kołobrzeg erfreut sich großer Popularität sowohl bei deutschen als auch bei polnischen Touristen, am Strand und auf der Seebrücke waren auch im Januar viele Leute unterwegs; es gab sogar, trotz des kalten, feuchten, nebligen Wetters Schiffsausflüge. Im Sommer fahren die Schiffe bis zum dänischen Nexo auf der Insel Bornholm, jetzt waren es nur kurze Seerundfahrten.

Ich schwelgte diesmal in Erinnerungen, Nicht nur die Nähe zu den kleinen Orten aus der Kindheit und den Sommerferien hat mich so gestimmt. Auch die vielen Podcasts und Interviews, die ich auf Polnisch jeden Tag hörte, animierten mich dazu. Erstaunlich für mich war zu sehen, wie sehr in Polen meiner Generation gehuldigt, an sie erinnert wird. Diese Kultur der Zugewandtheit zur Erinnerung an die Verstorbenen, aber auch an die noch Lebenden gibt es in Deutschland viel weniger. In Polen gibt es unzählige Programme in TVP mit Erinnerungen und Assoziationen, auch musikalischen, Dokumentationen über der Generation Solidarność und die früheren. Altbekannte Schauspieler und Sänger treten ständig vor die Kamera, dazu gibt es unzählige Podcasts; es sind Leute mit denen ich groß geworden und jetzt gealtert bin. Sie sind immer noch präsent, haben Gewicht, werden gefragt und vielleicht wird auch auf sie gehört. In ihrem Alter haben sie lange Erfahrung und die teilen sie mit dem jungen Publikum. Magda Umer, Agnieszka Osiecka, Maryla Rodowicz, Daniel Olbrychski, Anna Nehrebecka, Maja Komorowska, Krystyna Janda, Beata Tyszkiewicz, Jerzy Stuhr, auch alle die Sänger und Sängerinnen: Irena Santor, Marek Grechuta, Maanam, Kora, Perfekt, sogar Karin Stanek, Skaldowie oder Czerwone Gitary, Alibabki, Trubadurzy, nicht zu vergessen Czesław Niemen. Am Anfang dachte ich, es muss nicht immer so positiv sein, dieses Erinnern und sie auf ein Podest zu stellen, denn dann haben die nachkommenden Generationen weniger Platz, haben Schwierigkeiten sich gegen diese guten, wirklich mit hoher Qualität begnadeten Künstler durchzusetzen, bis ich Maryla Rodowicz mit Ralph Kaminski singen sah und hörte: „Nie ma jak pompa“ da lernt doch der eine von dem anderen und der Zuhörer profitiert enorm.

So ist die Woche an der polnischen Ostsee schnell vergangen…