Frauenblick oder…

Monika Wrzosek-Müller

…nochmal über Emmanuel Carrère

An mir nagt das Gefühl, jemandem Unrecht getan zu haben. Ich habe Emmanuel Carrères Buch Yoga hier zerrissen, ohne mich über seine anderen Werke und über seine Person gründlicher informiert zu haben. So fühle ich mich verpflichtet, seine außergewöhnliche Biographie eines russischen – ja nun, wie soll man sagen – Schriftstellers, Terroristen, auf jeden Fall eines Typen, der alle Grenzen überschritt, die Begriffe aufmischte, sein Leben immer wieder neu erfand und in den jeweiligen Rollen auch exzellent auftrat, eher eines Delinquenten als Dissidenten, nämlich über Eduard Limonow, zu würdigen und zu empfehlen. Es geht hier um Eduard Venjaminowitsch Sawenko, der sich selbst Limonow nannte, geb. 1943 in der Ukraine, in der Nähe von Charkiw, gest., 2020 in Moskau.

Natürlich gewinnt die Biografie jetzt, nach dem brutalen Angriff Russlands auf die Ukraine, eine besondere Aktualität und Scharfsicht. Hätten wir mehr solche Bücher gelesen, dann wüsten wir besser über Russland, über die Zerrissenheit der Einwohner dieses riesigen Landes, über ihre Gefühls- und Emotionslage Bescheid. Dass sie die Perestroika und Glasnost nicht immer begrüßt haben und dass es oft im Innern kochte und Widerstände gab.

Für mich ist faszinierend, wie nah der Autor eigentlich seinem Helden ist: ähnlich egozentrisch und auf sich fixiert. Das ist auch, was ihn an der Figur, an dem Menschen Limonow fesselt. Auch die Tatsache, dass er in seinen fast ausschließlich autobiografischen Büchern „ehrlich bis zur Ekstase“ ist. Da ähneln sich die beiden Helden sehr, doch lebt Carrère seine Sehnsüchte und Träume nicht so exzessiv aus. Als Sohn einer französischen, aber russischstämmigen Historikerin, Helene Carrère d´Encausse, die als eine der ersten den Untergang und Zerfall der Sowjetunion vorhersagte, hatte er schon einen besonderen Zugang zu dem Land. Limonow selbst traf er in den 80er Jahren auch persönlich in Paris; der Autor, als junger Spund, nahm damals alles in sich auf – das intellektuelle Leben der französischen Elite; das Sich-Treffen, Mischen, Austauschen, Feiern. Über den Limonow jener Tage schreibt er: „Die Freiheit seines ganzen Auftretens und seine abenteuerliche Vergangenheit imponierten uns jungen Bürgerlichen. […] Er liebte Prügeleien und hatte unglaublichen Erfolg bei Frauen.“ Der Held des Buchs, Limonow, damals in Paris gefeierter Skandalautor, gerade aus New York angekommen, und sein Buch Fuck off, Amerika, gerade auf Französisch erschienen. Ich denke, das ist auch das, was das Buch so lebendig und unterhaltsam macht. Der Autor schwankt bei der Figur zwischen Begeisterung und Ekel, sie zieht ihn an und stößt ab; er beschreibt dabei auch manchmal sich selbst, und während wir das lesen, unterliegen wir auch diesen Schwankungen, das macht auf jeden Fall den Text authentisch und überaus spannend.

Erst viel später, 2007, fährt Carrère nach Moskau, um eine Reportage über Limonow zu machen; er trifft jetzt viele Oppositionelle, die erstaunlich positiv über Limonow sprechen: „Er ist mutig!“, das ist der Tenor. Deswegen fängt auch die Biografie damit an, dass er mit den Leuten um Anna Politkowskaja sprechen will, um die Umstände ihres Todes aufzuklären, und wir lernen eine breite Szene von Moskauer Menschenrechtsaktivisten kennen; da tummelt sich dann auch der ihm schon bekannte Limonow. Schön ist auch das Eingeständnis des Autors, dass sein Held in keine eindeutige Beschreibung passt und dass „sein new wave-artiges Dissidententum erfrischend war“; er schreibt die Biografie auch anhand von dessen Büchern, interviewt ihn eigentlich nie. Er sammelt Informationen über ihn von anderen Menschen, er führte mit über dreißig Personen Gespräche über Limonow.

Der Lebenslauf des inzwischen verstorbenen Helden liest sich wie ein Krimi und ist wirklich voller Überraschungen und Wenden, die eigentlich nicht in ein „normales“ Leben reinpassen, so prall ist es gefüllt. Geboren wurde also er irgendwo in der Nähe von Charkiw; da schon als herumlungernder Poet aufgefallen, geht er nach Moskau, wo er eigentlich studieren will, aber hauptsächlich rebelliert, für Bekannte aus der Szene Hosen schneidert und gut lebt. Dann wird er 1974 aus der UdSSR ausgewiesen, heiratet ein Model und geht zusammen mit ihr nach Amerika, wo er hofft, eine große Kariere zu machen. Er gerät aber in Umstände, die alles andere als rosig sind und die er dann in dem Buch It´s Me, Eddie (auf Deutsch ziemlich schräg übersetzt als Fuck off, Amerika) beschreibt; er wird zum Dissidenten gegen das Dissidententum. So verhält er sich aber sein Leben lang. Mit seinem Buch landet er in Paris und wird dort gefeiert, kann in den besten Zeitschriften und Verlagen veröffentlichen; aber dieses bequeme bürgerlich-intellektuelle Leben passt ihm nicht und so verschwindet er dann wieder nach Moskau, wo nach dem Zusammenbruch des Kommunismus „die Dinge in eine seltsame Richtung zu laufen begannen“. Er verschwindet auf den Balkan, wo er an der Seite von Radovan Karadzic (wie der bekannte polnische Filmregisseur Pawel Pawlikowski in einem Dokumentarfilm „Serbisches Epos“ gezeigt hat), eindeutig für die Serben optiert und sogar auf Menschen im belagerten Sarajevo schießt. Entsprechend setzt er sich später für die Tschetschenen ein, dann in Abchasien gegen die Georgier, und letztendlich wird er 2001 verhaftet und verbringt einige Jahre im Gefängnis, die er auch produktiv nutzt – wo er Bücher schreibt und meditieren lernt. Dazwischen gründet er die Nationalbolschewistische Partei, gibt die Zeitschrift „Limonka“ – die Handgranate – heraus. Er umgibt sich zunächst mit Punks, dann mit faschistoiden Typen, Elementen, die mit kahlrasierten Schädeln und schwarzer Kleidung mit erhobenem Arm, oder aber auch geschlossenen Faust skandierend durch die Straßen Moskaus ziehen. Das alles tut er aber sozusagen augenzwinkernd; gleichzeitig verbandelt er sich auch mit Garri Kasparow und Boris Nemtsow gegen Putin, organisiert sogar „Märsche der Dissidenten“; auf jeden Fall ist er immer ein Star und starker Typ, immer umgeben von Frauen, immer ein Extremist, nie in Ruhe, auch nicht in der Abgeschiedenheit, in der tiefsten Provinz. Er meint, Krieg sei ein existenzielles literarisches Erlebnis und Extremismus seine persönliche Wahrhaftigkeit.

Das Buch erzählt von Limonow, aber auch von Russland und von dem Autor selbst, von dem Durcheinander und der Schnelligkeit der Ereignisse, die diese Zeit bestimmt haben, von den Wechselwirkung des Schicksals einer Persönlichkeit mit den Geschehnissen rundherum, und da sich das so leicht und beschwingt liest, meint man manchmal, es könnte erfunden sein. Am Schluss des Buches sprechen Carrère und Limonow doch direkt miteinander. Limonow: „Ich liebe den Irrsinn. Mein ganzes Leben beweist das. Ich kultiviere nicht Logik, sondern Ekstase. Meine morbiden Empfindungen verschaffen mir Freude“; da kommt es Carrère die Einsicht: „Ich denke, er könnte eine Art Guru in Zentralasien werden“.

Frauenblick: Meine Ukrainerinnen

Monika Wrzosek-Müller

Wenn ich mir vorstelle, Polen würde von Russland überfallen, kriege ich richtig Gänsehaut. Die Vorstellung ist aber nicht so absurd, abstrakt und von der Hand zu weisen. Wäre nicht Ukraine ein unabhängiger Staat, der dazwischen, wirklich geografisch existiert, wer weiß, wen es mit Putins imperialen Wahnvorstellungen getroffen hätte. Außerdem, damals als wir die Solidarność gründeten und demonstrierten, wussten wir auch nicht, was als nächstes passieren würde.

Desto mehr macht mich das Schicksal Tausender, nein inzwischen Millionen ukrainischen Flüchtlinge, hauptsächlich Frauen mit Kindern, betroffen. Sie sind in ihrer Wahrnehmung der Situation für kurze Zeit geflohen, langsam aber nach ca. 180 Tagen, also 6 Monaten des Krieges, wird ihnen allmählich klar, dass der Krieg vielleicht noch Jahre dauern könnte. Desto mehr höre ich denen, die ich kenne immer wieder zu, versuche mich mit ihnen zu treffen, beobachte die jungen Frauen mit ihren Kindern im Park, in der U- und S-Bahn, halte den Kontakt zu den Frauen in Warschau aufrecht.

Die jungen Frauen auf dem Foto sehen ganz unterschiedlich aus: die eine mit langen dunklen Haaren umarmt ein ca. 2-jähriges hellblondes Kind, dazwischen zwängt sich ein älterer Junge mit dunklen Haaren und dunklen Augen, sie schauen direkt in die Kamera, dann hinter ihnen zwängt sich noch ein Gesicht einer jungen Frau mit langen dunklen Haaren, von ihr sieht man eigentlich kaum was, sie schaut auch irgendwie in die Ferne. Seitlich, am Bildrand steht eine junge Frau mit helleren Haaren und einem schönen Gesicht mit markanten Backenknochen, sie ist grazil, um nicht zu sagen dünn, sie schaut nach oben, würde ich sagen Richtung Lampe, Decke. Neben ihr sitzt ein Junge mit strohblondem, vollem Haar, der schaut Richtung Boden, so dass das Haar ihm das Gesicht verdeckt. Hinten stehen noch zwei Frauen, eine hält ein Baby im Arm, hat ein grades Pony und langes mittelblondes Haar auch eher helle Augen, die andere ist auffällig schöne, reife Frau mit dunklem schulterlangem Haar und ovalem, offenem Gesicht. Alle tragen lange Hosen, man kann schwer erkennen, sind das Jeans oder eher Stoffhosen und Pullover, manch eine hat auch eine Bluse drunter, das sieht man am herausragenden Kragen, der eher heller als der Pullover ist. Hinter ihnen ragt ein altes Regal, vollgestopft mit Büchern, sie sitzen auf einem ausgezogenen, großen Sofa; eine Momentaufnahme, Warschau, dem 28. 02. 22.

Von diesen vier Frauen in einer Dreizimmerwohnung von ca. 60 m² in Warschau sind nur die eine Frau mit schönem ovalem Gesicht, nennen wir sie Natascha, in der Wohnung mit ihren zwei kleinen Söhnen geblieben; die Jungs gehen in meine alte Schule, sprechen inzwischen sehr gut polnisch und lernen fleißig. Ihre Zeugnisse waren voll von Einsern und der ältere bekam sogar ein Buch für seine besondere Leistungen. Beide Kindern nahmen im Sommer an einem fünf Woche langem Sommerlager teil, der in Warschau stattfand und sie gingen und machten jeden Tag verschiedene Aktivitäten. Es waren 30 Kinder angemeldet, 24-26 kamen regelmäßig, sie sprachen alle polnisch untereinander. Die Mutter besucht einen Polnisch-Kurs und als ausgebildete Krankenschwester wird sie bestimmt eine Stelle bekommen können. Die Familie kann sich glücklich schätzen, denn ihr Mann und Vater war bei der Invasion auf die Ukraine nicht im Land, er arbeitet als Fernfahrer für ein deutsches Unternehmen, also er ist weiterhin beschäftigt, bekommt Geld und muss nicht kämpfen. Die Frau hatte Gewissensbisse, dass sie so privilegiert wären. Die Familie lebte, also meistens die Frau mit den Kindern, in der Nähe von Saporischschja, in einem großen Haus mit Garten. Sie kann sich gut vorstellen, in Polen zu bleiben, in Warschau auch nach der Beendigung des Krieges zu leben.

Eine junge Frau mit dunklen Haaren und schönem ebenmäßigen Gesicht, nennen wir sie Daria, war nach einiger Zeit in Warschau zurück in die Ukraine gegangen; sie wollte ein Visum für Kanada besorgen und zu ihrem Freund aufbrechen. Sie war angeblich englisch Lehrerin, doch mir ist nie gelungen mit ihr nur einen Satz, ein Wort in irgendwelcher Sprache zu wechseln. Sie war sehr scheu und stand immer hinter jemanden. Doch ich weiß, dass sie das Visum bekommen hat und nach Kanada gegangen ist.

Eine Besondere Geschichte gilt der Frau mit dem Pony, die mit dem Baby und dem Jungen mit dem Gesicht nach unten; sie wurden von den anderen auf dem Bahnhof in Lemberg gefunden. Sie logierten dort schon drei Tage und wussten nicht weiter. Am Anfang wurde sie mir vorgestellt als Freundin der Freundin des Bruders der Mutter, doch es stellte sich nach einigen Tagen heraus, dass sie sie gar nicht kannten. Von ihr habe ich nicht einmal den Namen behalten, ich glaube, sie hat sich schon vorgestellt, aber in allgemeiner Aufregung und so vielen neuen Menschen, ist er mir entfallen. Nach einigen Wochen fanden die anderen eine andere Bleibe für sie.

Dann ist da noch diese schöne grazile, junge Frau, nennen wir sie Natalia, die dann letztendlich von Warschau nach Posen umgezogen ist. Sie hat eine neue Arbeitsstelle dort gefunden, wollte der Familie mit den zwei Jungen nicht im Wege stehen. Doch zusammen auf so einem kleinen Raum konnten sie längere Zeit auch nicht aushalten. Sie berichtet mir, dass sie sich in Posen eingelebt hat und ihr die Stadt sogar besser gefällt und sie mehr verdient. Sie kann inzwischen sehr gut Polnisch sprechen und schreiben. Sie wirkt aber trotzdem sehr verloren und einsam. Ihr Vater ist in Kiew als emeritierter Polizist für die Stadtverteidigung der Bodenkräfte zugeteilt, auch ihr Bruder ist in der Ukraine, doch wegen seiner Krankheit nicht einsatzfähig. Ihre ältere Schwester lebt schon länger mit ihrem Mann und zwei Kindern in Slowenien, wo auch ihre Mutter Unterschlupf gefunden hat und sie ständig anruft und androht, nach Hause fahren zu wollen. Sie lebten früher alle zusammen in Krywyj Rih, das sagt sie auch mit Stolz, denn das ist die Stadt aus der ihr Präsident Selenskyj stammt. Er besuchte angeblich auch dieselbe Oberschule, wie sie. Sie hat auch Probleme damit, dass es ihr verhältnismäßig gut geht und telefoniert ständig mit ihren Verwandten.

Letztendlich gibt es eine junge Mutter, nennen wir sie Sonja, auch hier in Berlin, die ich kennengelernt habe. Sie ist aus Butscha geflüchtet, noch vor den grausamen Zuständen, die dort von den Russen verübt worden sind. Doch ihr Mann ist dahin zurückgekehrt und schickt ihr Videos von der Stadt mit allen Zerstörungen und Gräuel, die dort passiert sind. Sie hat bei einer Bewohnerin in meiner Wohnanlage Bleibe gefunden, ist bei uns dann aufgetaucht mit ihrer kleinen Tochter und ihrem sechs Monate alten Baby, um erst einmal eine Zwiebel zu leihen, dann um zu erfahren, wo die Bushaltestelle wäre usw. Dann kam das kleine Mädchen zu uns und ich versuchte mit ihr etwas Deutsch zu lernen. Auffällig für mich war, ihr ständiger Gebrauch von Handy und Übersetzerprogrammen, so dass sie eigentlich gar nichts lernten, sondern immer mich das Handy ansprach. Trotz wirklich fantastischer Hilfe und Zuwendung ihrer deutschen Freunde, fühlte sich diese junge Mutter mit ihren zwei Kindern völlig verloren und mutlos. Ich merkte, dass der Spagat von ihrem Leben in der Ukraine zum Leben hier für sie extrem schwierig war. Irgendwann war das auch für die deutschen Freunde zu viel. Sie fanden für die dreien eine kleine Wohnung, wo sie ihr Leben hier weiterführen können, sie helfen der jungen Mutter aber weiterhin mit Rat und Tat, begleiten sie zu den vielen Ämtern, übersetzen die komplizierten Formulare. Die Anmeldung in der Schule verlief alles andere als erfreulich, sodass sie immer wieder beteuert, sofort nach der Beendigung des Krieges zurück in ihre Heimat zurückgehen zu wollen. Sie ist eigentlich sehr willig sich anzupassen, will auch Deutsch lernen, aber die Betreuung der Kinder, die Besuche bei den Ämtern und auch das Einleben zehren so sehr an ihren Kräften, dass sie sich gar nicht vorstellen kann, noch Deutsch richtig bei einem Kurs zu lernen oder gar zu arbeiten.

Diese einfachen Darstellungen der Erlebnisse der fünf Frauen, deren Leben so brutal durch den Angriffskrieg unterbrochen und aus der gewohnten Bahn geworfen wurde, wollte ich hier skizzieren, damit wir bei der ganzen Diskussion über die Gasknappheit und möglichen Einschränkungen und Mehrausgaben, immer diese Lebensläufe vor den Augen haben. Ihr Leben hängt zwischen der alten Realität vor dem Krieg, nach der sie sich sehnen und einer neuen, fremden Welt, die vielleicht einen Ausweg und Sicherheit bietet, aber keineswegs Normalzustand für sie bedeutet. Die Weihnachtsbeleuchtung steht meistens doch für die Herzwärme; also dimmen wir sie etwas ein und sorgen für die wirklich Betroffenen, und helfen ihnen die schwere Zeit zu überstehen, solange sie das brauchen.

Frauenblick, Schwarzwald

Monika Wrzosek-Müller

Auf dem Weg zur besten Schwarzwälder Kirschtorte

Eine Woche Schwarzwald und fünf verschiedene Schwarzwälder Kirschtorten probiert. Das ging sehr schnell und einfach; die Torte gibt es im Schwarzwald natürlich in fast jeder Gaststätte und sogar auf den Berggipfeln mit wunderbaren Aussichten. Ob ich die beste gegessen habe, weiß ich nicht, aber eindeutig kann ich sagen, dass es viele Varianten gibt; nur der Look bleibt immer gleich. Sie verkörpern auch die Seele dieses Fleckchens Erde; innen Schwarz, wie die dunklen und weiten Wälder, und außen weiß, wie der früher hier reichlich vorhandene Schnee, angereichert mit Kirschwasser und Kirschen, die aus der Region kommen und die nicht nur geschmacklich den Ton angeben, sondern auch die Stimmung aufhellen. Überall schmeckten die unterschiedlich großen Portionen gut, bis sehr gut, manche reichten mir als Mittagessen aus. Auf jeden Fall ist das die beliebteste und bekannteste deutsche Torte, auch in ganz fernen Ländern, wie Japan, China, den USA, Neuseeland und Australien.

Wer sie letztendlich erfunden hat, darüber streiten sich immer noch die Geister, denn auch im Elsass existiert der Gateau Forêt Noir und er wird in Straßburg tüchtig gegessen. Doch es wird immer wieder eindeutig auf die Gebiete in Baden verwiesen. Ihre Verbreitung verdankt sie auch der Erfindung des Kühlschranks in den 1930er Jahren; da konnte man die Sahneschichten länger aufbewahren. Ich habe mir sagen lassen, dass sogar ein Schwarzwälder Kirschtorten-Festival alle zwei Jahre in Todtnauberg stattfindet, wo mit Musik und kulinarischen Spezialitäten die beste Torte gewählt wird.

Wir waren eher bescheiden und aßen die Torte, wo wir gerade gelandet waren; auf die zwei und drei Sterne-Restaurants in Baiersbronn, wie Schwarzstube, Bareiss, Taube, Schlossberg und Meierei im Waldknechtshof haben wir verzichtet. Doch schon die Anhäufung von den Sternerestaurants zeugt von der Qualität des Essens allgemein, und dem Spaß dort zu essen.

Die Landschaft lädt auch zum Genießen ein: die Hügel oft durchschnitten in Dreiecke, auf denen verschiedene Weinreben in unheimlich akkurat zugeschnittenen Reihen wachsen, daneben die Reihen von Spalierobstbäumen: Äpfel, Birnen, Pflaumen und auch Kirschen, alles kleingewachsen und wie am Schnürchen aufgereiht, um von Maschinen gesammelt werden zu können. Sogar die Schwarzen und Roten Johannisbeeren werden nach oben auf Drähten gezogen, damit sie maschinell geerntet werden können. Dazwischen liegen flache Felder mit Erdbeerpflanzen. Jedes kleinste Stückchen Erde wird genutzt. Das sieht sehr harmonisch, idyllisch und verträumt aus, ist aber nicht ganz so. Es brummt nur so von Fleiß und Anbau und Düngen und Ernten. Dazu kommen noch Walnüsse, die einfach fast wild wachsen, und die Esskastanien, die dann wirklich im Wald zu finden sind. Die Höfe sind auch riesig, meistens mit Anbauten, schön schwarzwälderisch mit Geranien und Fachwerk geschmückt, mit verschiedenen Fachwerkfiguren wie dem Andreaskreuz – der Mann, die Raute, die die älteren Häuser sehr schön schmücken und wirklich auch erhalten werden.

Jetzt habe ich viel über die Landschaft geschrieben, aber ich denke, sie gehört dazu, ohne sie gäbe es auch keine Schwarzwälder Kirschtorte.

Im Café Gmeiner, in Oberkirch, wo wir unser „Basislager“ hatten, gab es eine ganz feine, richtig konditormäßig verfeinerte Schwarzwälder Kirschtorte mit einer nicht obligatorischen Schicht von Mousse au Chocolat. Das Unternehmen Gmeiner besteht seit 1898 und liefert neben dieser Torte auch andere fantastische süße Leckerbissen, neben feinster Schokolade und Pralinen der höchsten Qualität; sie verfügen über 10 Filialen deutschlandweit und 11 in Japan. Auch die Art und Weise, wie alles serviert wird, entspricht den höchsten Ansprüchen, angefangen vom Porzellan, über die Servietten bis zur Bedienung. Man sitzt bequem auf der Hauptstraße, seit einigen Jahren verkehrsberuhigt, neben dem Löwenbrunnen und schlemmt.

Die nächste Portion der Torte mussten wir uns erarbeiten, d.h. auf die Schauenburg steigen, das Wahrzeichen Oberkirchs; sehr malerisch und romantisch. In der Burgwirtschaft gab es eine sehr traditionelle, aber auch sehr gute Kirschtorte. Man sitzt da mit dem Blick auf das tiefer gelegene Oberkirch und das Rheintal.

Eine sehr leckere, nach Omas Art gemachte Torte, einem sehr weichen und mit viel Kirschwasser durchtränkten Biskuit, richtig riesige Portionen, gab´s dann im Höhenhotel Kalikutt; für mich klang der Name nach Kalkutta, doch damit hat´s nichts am Hut. Es kommt nämlich von Karleq, einem Weiler in der kahlen Senke. Das Hotel liegt schon auf 503 m über Meereshöhe im Rechental und man steigt von da aus auf 872 m auf den Berg Mooskopf mit dem Moosturm, von dem man einen unheimlich weiten Blick bis zum Straßburger Münster hat.

Unser nächster Ausflug ging zur Klosterruine Allerheiligen, einem Prämonstratenserkloster aus dem 12. Jh. Der Weg führt sehr malerisch an den höchsten Wasserfällen im Schwarzwald nach oben. Der Lierbach stürzt hier ca. 90 Meter in die Tiefe; man beobachtet dieses Naturereignis auf einem schon im 19. Jh. angelegten Weg, der über unzählige Treppen und Brücken führt. Jetzt führte der Bach nicht so viel Wasser, trotzdem war es faszinierend und richtig wildromantisch nach oben zu steigen. Das Kloster wurde im spätgotischen Stil gebaut, wie fast alle Bauten in der Umgebung aus dem Buntsandstein. Die Anlage ist imponierend, dient auch als Tagungsstätte, und es gibt eine Gaststätte mit dem Angebot einer (zugegeben nicht probierten) Schwarzwälder Kirschtorte.

Fast ein Muss, ein Erinnerungsort des Schwarzwalds, ist der Mummelsee mit seiner Erlebniswelt. Der 18 Meter tiefe, dunkle, sagenumwobene See liegt an der Schwarzwaldhochstraße. Es gibt da ein Hotel, mehrere Gaststätten, diverse Läden mit Andenken aus dem Schwarzwald (Kuckucksuhr und Spirituosen, auch der klassische Bollenhut ist im Angebot). Um den See ranken sich verschiedene Sagen und Märchen und von da aus führt ein ca. 3 km. langer Aufstieg zur Hornisgrinde, dem höchsten Berg (1163 m) im Nordschwarzwald, über einen angelegten Weg, mit Erklärungen zu den Flechten und Moosen. Auf dem Gipfelplateau befinden sich zwei Türme der Hornisgrinde- und der Bismarckturm, den man besteigen kann und von dem man einen Rundblick über das Rheintal bis zu den Vogesen und über die bewaldeten Bergspitzen des Schwarzwalds hat. Die Grinde sind die baumlosen Feuchtheiden, die durch Rodungen schon im Mittelalter entstanden waren, doch das Hochmoor auf dem Gipfelplateau ist von Natur aus unbewaldet und nur mit Heidekraut bewachsen. Während des Krieges wurde das Plateau für militärische Zwecke genutzt sowohl von den Deutschen als auch, nach dem Krieg, von den Franzosen; man sieht wie sie die Segelflugzeuge starten ließen. In der Grinde-Hütte haben wir wieder einmal eine sehr gute traditionelle Schwarzwälder Kirschtorte verspeist.

Zum Schluss kommt noch doch das Rezept für eine (beste!) Schwarzwälder Kirschtorte.

Für Biskuit:

6 Eier Raumtemperatur
1 Prise Salz
180 G. Zucker
100 G. Mehl
1 Backpulver
50 G. Speisestärke
50 G. Kakao

Für die Füllung und die Deko:

Belegkirschen
Ein Glas Sauerkirschen (Schattenmorellen) (350 gr. Abtropfgewicht)
100 G. Zucker
1 Päckchen Vanillezucker
1/2 Stange Zimt (fakultativ)
800 G Schlagsahne (eiskalt)
8 Esslöffel Kirschwasser
30 G Bitterschokolade (Raspeln)

Biskuit:

26-28 cm Durchmesser Form

Mehl, Backpulver, Speisestärke, Kakao vermischen. Eier trennen, Eigelbe mit einer Prise Salz schlagen, dann Eiweiß steif schlagen, die Eigelbe nochmals mit dem Zucker schlagen (bis sie heller werden). Eiweiß unter Eigelb unterheben, dann vorsichtig das Gemisch dazugeben. Den Teig in die Form geben, im Backofen 25-30 Min /180 Grad backen, richtig abkühlen (am besten über Nacht stehen lassen).

Füllung:

Den Kirschsaft abgießen, auffangen. Speisestärke mit 2 El. Saft anrühren, den restlichen Saft dazugeben aufkochen, vom Herd nehmen, die Kirschen untermischen. Tortenboden zweimal durchschneiden. Sahne steif mit Sahnesteif schlagen, kaltstellen. Die erste Schicht mit 3 El Kirschwasser beträufeln, Kirschmasse darauf verstreichen, 3 El Sahne drauf verstreichen, zweiten Boden drauflegen, leicht andrücken, wieder 3 El Kirschwasser, die Sahne drauf, dann den letzten Biskuitboden legen andrücken, mit restlichen Kirschwasser beträufeln, Sahne verstreichen. Mit Spritzbeutel 16/8 Sahnetuffs spritzen, auf jedes eine Kirsche setzen mit Schokoladeraspeln bestreuen. Kaltstellen, servieren. Guten Appetit!

Mein Favorit schmeckte richtig nach Kirschwasser, dann ist es nicht süß, dann hat es auch eine bittere Note.

Frauenblick: Witkacy

Monika Wrzosek-Müller

Warschau, Witkacy, Willkommen

Die kurzen Besuche in Warschau verlaufen meistens zwischen Bankterminen, Wohnungsinspektionen, den Treffen mit meiner Schwester, meiner Mutter, mit einigen wenigen Freunden, und selten, wirklich ganz selten reicht die Zeit für eine Ausstellung oder einen Film.

Diesmal hat mich die Ankündigung einer Ausstellungseröffnung ganz besonders angezogen. Die Ausstellung „Witkacy: Seismograph des Zeitalters der Beschleunigung“ war gerade einen Tag vor meinem Besuch eröffnet worden. Gezeigt wird sie im Warschauer Nationalmuseum, aus Anlass des 160. Jahrestages der Gründung des Museums. Interessant – ich war mir nicht bewusst, dass das Nationalmuseum schon 1862 als Museum der Schönen Künste gegründet worden war und sich im Lauf vieler Jahrzehnte zu einer zentralen Institution in Sachen Kunst entwickelt hatte.

Die Ausstellung kommt fast protzig daher; es werden nicht weniger als 500 Werke gezeigt: Gemälde, Zeichnungen, darunter die mit den Pastellen, Fotografien, Filmmaterial und schriftliche Dokumente. Die Arbeiten kommen zum Teil aus den entlegensten Museen in Polen, auch aus Privatsammlungen und sogar aus dem Ausland. Die Kuratoren wollten einen umfassenden Blick auf den Künstler werfen und ihn neu lesen; deshalb die meiner Meinung nach nicht ganz gelungene Aufteilung in acht Themenkreise – Bereiche, die sich sehr überlappen, überschneiden und dadurch wenig erklären. Dabei handelt es sich um die Kategorien: Kosmologie, Bewegung, Körper, die Einheit der Persönlichkeit, Dada/Zufall, die Urvision, die Geschichte, Individuen (vor dem Hintergrund des Mysteriums der Existenz). Innovativ ist die Idee, Witkiewicz mit anderen ausländischen Künstlern dieser Zeit in Beziehung zu setzen, daher bekommen wir auch Bilder von Wassily Kandinsky, Max Ernst, Rudolf Schlichter, Umberto Boccioni, Marcel Duchamp zu sehen und nicht zuletzt bieten die nebenan gezeigten Neuerwerbungen des Museums aus dem Werk Marc Chagalls Anregungen für Vergleiche. Tatsache ist aber, dass diese Themenkreise/Bereiche doch sein Schaffen bestimmten. Witkiewicz war geradezu besessen von der Kosmologie, von der Unendlichkeit des Weltalls, von der Verbindung des Individuums, der Natur mit den höheren Sphären; oft hat man aber den Eindruck, dass er das alles nicht ganz ernst nahm und sich selbst aus den schweren Verwicklungen des irdischen Lebens in das Himmlische flüchtete. Wenn es um die Kategorie Bewegung geht, sehen wir in jedem Bild, egal ob es sich um eine Zeichnung oder ein Ölgemälde handelt, dass eigentlich alles auf dem Bild in Bewegung ist, scheinbar unbewegliche Elemente, die als Hintergrund dienen, geraten auch in Bewegung. Sogar in den Porträts geraten die Gesichter in Bewegung, besonders diejenigen, die er nach entsprechendem Konsum von Alkohol oder Drogen schuf. Damit ist ganz eng die Kategorie des Körpers verbunden; Wikiewicz ist förmlich fasziniert vom Aufbau des Körpers und seiner Flexibilität. Er malt Muskel, Sehnen, die sich dehnen, bis ins Unendliche weiten, sich verändern, sogar Bäuche, die nicht besonders ästhetisch wirken. Meistens nach der Einnahme von Drogen verwandeln sich die menschlichen Körper in ganz andere Dimensionen und Längen, Menschen bekommen tierische Füße; diese wiederum werden größer als die Beine etc…

Die Einheit der Persönlichkeit ist vielleicht bei den Porträts von Witkiewicz am stärksten zu sehen; der Künstler versucht die Modelle mit ihrer ganzen Vielfalt, mit psychischer Tiefe darzustellen. Dazu dienten ihm auch die stundenlangen Sessions, oft mit vorangegangenen Fototerminen. Bei manchen nahm der Künstler verschiedene narkotisierenden Substanzen, um seine Erfahrungen zu maximieren und die Personen möglichst authentisch darzustellen, um in die Tiefe der Seele vorzudringen.

Überhaupt die Porträts; sie sind meiner Meinung nach das Wichtigste, was Witkiewicz als Maler geschaffen hatte. Er hat zwar hauptsächlich Personen aus der intellektuellen Elite gezeichnet, gemalt, immer mit immenser Intensität, Bravour, Spontaneität, sodass wir heutzutage, dank diesen Porträts, durchaus eine Ahnung von den Personen haben können. In der Ausstellung haben wir zwei riesige Wandflächen voll behängt mit den Porträts. Der Künstler selbst teilte sie in mehrere Kategorien; es gab die Kategorie „A“ – glattes, realistisches Porträt; „B“ betraf hauptsächlich die Porträts von Kindern, sie zeigten einen besonders charakteristischen Wesenszug des Models; dann gab es eine Mischung von „B+D“ oder „B+E“ bei denen die charakteristischen Züge besonders bei den Männerdarstellungen bis zum Karikaturhaften verstärkt wurden; bei den Frauenporträts endete das oft bei der Dämonisierung. Die Darstellungen vom Typ „C“ entstanden unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen, also waren sie in der Kategorie der „reinen Form“, nicht auf Bestellung und nicht verkäuflich, die Porträts Typs „D“ ahmten die Effekte derer nach, die unter Drogen entstanden waren (sie konnten aber erworben werden). Schließlich Typ „E“, mit weiteren Kombinationen bot eine psychologische Interpretation des Models durch den Künstler, konnte auch ähnlich wie Typ „A“ oder „B“ ausfallen. Die gewaltige Produktion an Porträts resultierte nicht nur aus den guten Verdienstmöglichkeiten seiner Porträtwerkstatt, sondern hauptsächlich aus der Faszination Witkiewiczs für Gesichter, ihre Persönlichkeiten, psychische Befindlichkeiten; er malte die Porträts oft nach Fotografien, die er selbst aufgenommen hatte, etc. Es handelte sich fast um eine Massenproduktion (es wurden nicht nur Porträts produziert, es gab auch Möbelstücke; in meiner Wohnung in Warschau steht immer noch ein Schreibtisch aus der Werkstatt in Zakopane, den ich nicht ausführen durfte, weil er zur Witkiewicz-Werken eingeordnet wurde); die teuersten waren die Porträts des Typs „A“, sie kosteten damals 350 zl; auch die vom Typ „E“ waren teuer. Die Kinderporträts kosteten von 150 bis 250 zl, Typ „D“ nur 100 zl. Der Typ „C“ blieb immer „bezcenny“, also einerseits nicht verkäuflich, ohne Preis und dadurch dann auch unerschwinglich. Seit 1921 gab es auch Porträts, die der Künstler selbst als „U“ klassifizierte – „U“ von Upadek [Niedergang] des Talents.

Auf den Bildern befinden sich unten am Rand oft diverse Zeichen, neben dem Namen des Künstlers und dem Erstellungsdatum auch Abkürzungen in Klammern, z.B. (T. C+Co), oder P 38 (T. B) N II com: das bedeutet Trinken (Alkohol) Cocain, Peyotl, Meskalin. Witkiewicz spielte mit den Drogen, wollte ihre bewusstseinserweiternde Wirkung spüren und ganz gezielt unter ihren Einfluss malen; er notierte manchmal sogar die Mengen der eingenommenen Drogen und beschrieb deren Wirkung: „die stärksten Werte stellten sich auf den Hinterbeinen über der Leere auf und fielen dann leise in den unerwarteten, nebensächlichen Abgrund und nahmen schreckliche, chimärische und bösartige Gestalten an.“ Doch in anderen Notizen, fast Protokollen, berichtet er, dass er ohne die Einnahme der Drogen viele Bereiche der Spontaneität, Farbenvielfalt und Dynamik nicht erreicht hätte. Er wusste zugleich aber, dass er irgendwann dann auch abhängig war und dass für junge Menschen eine große Gefahr davon ausging. Das Künstlerische Sich-Verlieren war es im „normalen Leben“ nicht wert, den Verstand tatsächlich zu verlieren. Davon handeln auch viele seiner Theaterstücke und anderen schriftstellerischen Werke.

In der Ausstellung sind die meisten Porträts ganz eng an zwei Wänden aufgehängt; dadurch fällt natürlich ihre Ähnlichkeit sofort ins Auge und die Einmaligkeit tritt eher zurück. Es gibt natürlich einige Porträts alten Stils, die repräsentativ, auch wegen ihrer Größe, in einem anderen Raum hängen, darunter mein Lieblingsporträt von Jadwiga Witkiewicz, 1925 in Pastell.

Ein weiteres Motiv der Ausstellung ist die Urvision, bedeutend, dass der Künstler nicht dem Ursache-Wirkung-Prinzip der ihn umgebenden Welt verpflichtet ist, sondern mit dem ganz freien Spiel der Fantasie jongliert. Das führte freilich manchmal in die Sackgasse und endete in ziemlich austauschbaren Formen, Gestalten und Farbgebungen.

Witkiewicz wuchs in einer ganz besonderen Familie auf; beide Eltern waren der Kunst verpflichtet, die Mutter als Musikerin, der Vater Maler im Geist des Jungen Polen. Witkiewicz wurde in Warschau geboren, wuchs aber in Zakopane auf. Er wurde zu Hause unterrichtet, besuchte keine Schule, hatte keine „normalen“ Schulkameraden, sondern eher Gleichgesinnte wie Leon Chwistek oder Bronislaw Malinowski, mit dem er später eine längere Reise nach Australien zu den Aborigines unternahm. Nach bestandenem Abitur studierte er kurz an der Kunstakademie in Krakau. Dann lebte er eine Zeit lang in Petersburg. Zurück in Polen heiratete er die Enkelin des berühmten polnischen Malers J. Kossak, Jadwiga von Unrug, und lebte weiter in Zakopane, wo er eine Art Firma gründete, die neben Porträts auch Möbel produzierte. 1939, beim Einmarsch der Deutschen in Polen, floh er in den Osten des Landes, nach Lemberg, und nachdem die Sowjets aufgrund des Molotow-Ribbentrop-Pakts Polen ebenfalls überfallen hatten, brachte er sich ums Leben; er nahm eine Überdosis von Schlaftabletten ein und durschnitt sich die Pulsadern.

Ich denke, sein Elternhaus, seine Erziehung, die Zeit, in der er in Polen lebte, trugen sehr zu der künstlerischen Persönlichkeit bei, die er schließlich wurde. Er hatte aufgrund der Freundschaft mit B. Malinowski sogar Zugang zu Denkweisen der Ethnologie, sah sogenannte Urvölker; er dachte über die Schnelligkeit der Entwicklung der Zivilisation und über Spiritualität nach – damit ist vielleicht die Kategorie Geschichte, aber auch die letzte Kategorie Individuen verbunden. Er war schon seiner Zeit verbunden, etwa durch den Gebrauch von Pastell, durch die Darstellungen einer bestimmten Elite und einer bestimmten Lebensart. Durch sein Experimentieren auch mit der Fotografie und dem Film bewegte er sich aber auch schon in Richtung der Performances und des Avantgardistischen. Besonders in seinen Schriften wurde er zum Vorläufer einer neuen Epoche und war Ideengeber für Künstler wie Tadeusz Kantor oder Schriftsteller wie Czesław Milosz.


Ausstellungsseite des Museums (in Englisch)

Ein Loblied auf die Mittelmäßigkeit und den gesunden Menschenverstand


Monika Wrzosek-Müller

Seit Jahren, eher seit Jahrzehnten leben wir in immer spezialisierteren, effizienteren und exzellenteren Umständen. Immer schneller wechseln die Moden, die Ansichten, die Diäten; ja, der Fortschritt oder das Neue ist der Motor der kapitalistischen Welt, damit wird schnelles Geld verdient oder auch verloren. Wir sind von Professionalisten und Experten aller Couleur umgeben, die diesen Wechsel ermöglichen, erklären und vorantreiben. Sie sind so etwas wie früher die Pfarrer auf der Kanzel, deren Stimmen wir gelauscht haben. Dabei verlieren wir selbst immer mehr die Verbindung zu unserem gesunden Menschenverstand oder, noch tiefer und genauer, zu unserem instinktiven Bauchgefühl, dass uns in existentiellen Notlagen früherer Zeiten oft auch gerettet haben.

Die Pandemie hat gezeigt, wie wenig wir inzwischen bereit oder auch in der Lage sind, den eigenen Verstand einzusetzen, die Lage ernst zu nehmen und danach zu handeln. Es bedurfte einer Reihe von Maßnahmen, die von oben verordnet werden mussten, damit sich viele selbstverständliche Corona-Maßnahmen doch durchsetzen und etablieren konnten. Um zu verstehen, dass Masken bei einer über die Atemwege übertragenen Krankheit hilfreich sind, musste man nicht Epidemiologe und Chefarzt einer Klinik für Infektionskrankheiten sein. Warum musste das erst ganz ernst verkündet und dann doch manchmal wieder verwerfen werden; dass Abstand und Isolation helfen würden gegen die Ausbreitung der Krankheit, müssten eigentlich sogar Kinder schon wissen. Trotzdem erinnere ich mich genau, dass ungefähr halbes Jahr nach dem Pandemieausbruch ein holländischer Freund uns mit großem Ernst erklärte, dass Masken nicht helfen würden und dass es aus wissenschaftlicher Sicht völlig unnütz wäre, sie zu tragen; also trage er sie auch nicht. Auch aus Schweden hörte ich ähnliche Stimmen, die mit sehr ausgefeilten und zugespitzten wissenschaftlichen Expertisen und Zahlen gegen die Schutzmaßnahmen argumentierten, bis dann irgendwann klar war, dass eben nur Masken, Abstand und Lüften, dann die Impfung und das Testen etwas helfen.

Warum sind wir eher geneigt, komplizierten wissenschaftlichen Ausführungen Glauben zu schenken als der eigenen Intuition und Überzeugung? Warum beugen wir uns so schnell dem Diktat des Expertenwissens, anstatt den eigenen gesunden Menschenverstand einzuschalten? Geht es um Verantwortung, um Bequemlichkeit, um das oberflächliche Abhaken der Wirklichkeit, wenn man sich eben einfach schnell auf die Expertise verlässt? Wir, die Mittelmäßigen, können doch nicht gegen die Hochgebildeten, Aufgeklärten aufbegehren. Die Mittelmäßigkeit wurde derart gründlich schlecht geredet, dass die Menschen alles versuchen, um eben nicht dem Mittelmaß zu entsprechen; und das sind wir, in der überwiegenden Mehrzahl, eben doch, auch wenn viele Eltern meinen, ihre Kinder zu Genies erziehen und ihre besonderen Talente fördern zu müssen.

Jetzt, bei dem Krieg in der Ukraine, fällt mir wieder auf, wie schnell Experten, Militärs, Philosophen, Politiker, Journalisten, ganze Armeen von Professionalisten bemüht werden, um die richtige Strategie zu entwerfen, während die Zeit, die dort Menschenleben kostet, verrinnt. Eigentlich wissen wir doch alle, dass in einem solchen Krieg nur Waffen und schnelle Hilfe angesagt sind; alles andere sind Ausreden und Hirngespinste, doch es wird kräftig diskutiert und verschiedenen Optionen werden erörtert, offene Briefe hin und her geschrieben. Bis sich irgendwann die Einsicht auch bei den Politikern durchsetzt, dass es nur hilft, die Ukraine militärisch zu unterstützen und damit wird auch uns selbst schützen; wir verteidigen doch damit auch unsere Sichtweise, unsere Werte – von dem Leben unserer Mitmenschen gar nicht zu reden. Doch viele sind wie befangen in schon überholten Vorstellungen von Pazifismus, von historischen Konstruktionen, von Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft, der Sicherheit, dem Wohlstand, befangen letztendlich in veralteten Denkstrukturen, die jetzt herausgefordert werden.
Ist dieses Augenverschließen eigentlich nur durch politische und wirtschaftliche Faktoren bedingt, oder haben wir inzwischen selbst wirklich verlernt, intuitiv und aus dem Herzen zu entscheiden? Und ja, das Herz ist dabei eine wichtige Komponente; mit dem Herzen sehen, bedeutet etwas ganz Anderes als rational etwas zu konzipieren, zu erfinden und durchzuführen.

Was hat aber Mittelmäßigkeit damit zu tun? Nun, ich glaube, dass eben das Streben nach Individualität und Einmaligkeit zu sehr extremen und oft unlogischen Gedankengängen und Verhaltensweisen verführt und dass es dabei auch um die Qualität „Herzensgüte“ geht.

Vor Jahren beklagte Milan Kundera „die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, die Künstlichkeit, die Technokratie und die Unmenschlichkeit unserer Zeiten; brauchte man den Blick von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, um zu bemerken, dass die Welt zu schnell, zu gierig in eine Katastrophe rast? Leider ist in Deutschland die Erfahrung der DDR mit der Vereinigung völlig weggewischt worden, man hat nichts mitnehmen wollen aus der früheren Zeit, obwohl einiges dem „goldenen Westen“ doch gutgetan hätte. Es gab in Polen so ein Sprichwort „Ob im Stehen oder Liegen, zwei Tausender wird man kriegen!“; das war natürlich ein Lobgesang auf die Mittelmäßigkeit und nicht gerade ein Ansporn zu großen Anstrengungen, bedeutete aber auch einen kleinen Schritt in Richtung Bescheidenheit, für die es in der heutigen Welt eigentlich kaum Platz gibt.

Zu der Mittelmäßigkeit habe ich ein Lied von Klaus Hoffmann gefunden, nicht gerade meine Musik, aber der Text vielleicht nicht schlecht; auch eine ganz verrückte Punkband: Acht Eimer Hühnerherzen
hat mit dem Lied über das Mittelmaß einen Beitrag geleistet.


„Es muß nicht immer Kaviar sein“, hat schon Johannes Mario Simmel geschrieben, und William
Somerset Maugham hat sogar behauptet: „Nur ein mittelmäßiger Mensch ist in Hochform“.

Die Eiche und die Bäume von David Hockney

Monika Wrzosek-Müller

Die Eiche und die Bäume von David Hockney

Über längere Zeit fotografierte ich eine Eiche auf einem Feld in unserer paradiesischen Einsiedelei in der Uckermark, in verschiedenen Wetterlagen, in diversem Laubkleid und bei verschiedenen Lichtverhältnissen. Mir schwirrte die Idee im Kopf herum, daraus einen Kalender zu machen (leider ist es bei der Idee geblieben). Immer noch greife ich oft zum Handy, um diesen imposanten Baum zu knipsen. Die Eiche ist riesig, weitverzweigt, ausladend und sie steht mitten in einem Feld, das jedes Jahr mit anderen Pflanzen bebaut wird. So sieht es eben mal ganz Gelb um sie herum aus (da war gerade Raps dran) oder rötlich (dabei handelte es sich um Klee), oder öfter Grün. Nur Grün ist eben nicht immer Grün, mal haben die Grashalme ein gelbliches, mal ein saftiges Grün und dann auch vertrocknetes, fast ein Graugrün. Die grünen Wiesen sind nie einheitlich Grün, sie changieren zwischen allen möglichen Farbtönen; die Beobachtung dieser Phänomene brachte mich auf die Bedeutung des Wechsels in der Landwirtschaft, aber auch darauf, was das fürs Auge bedeutet. Die Farbpalette der Grüntöne erfasst unheimlich viele Farben: von Absinthgrün bis Zeisiggrün, oder malerischer: von Aquamarin bis Grüngelb, nicht zu vergessen Pistazien-, Smaragd-, Tannen-, Erbsen und Giftgrün. All diese Töne kann man bestimmt auf den weiten Wiesen um den Baum finden, doch fürs Auge bilden sie einen wunderbaren weichen Teppich, der manchmal vom Wind bewegt wird und die Farben immer wieder wechselt; ein andermal erscheint der Teppich kurz geschoren und tiefe Streifen winden sich hindurch, in denen einzelne Grashalme robust ausharren. Vor einigen Jahren wurde das Feld um den Baum auch mit Mais bebaut, das nicht allzu hochwuchs und nur mickrige Kolben trug; es hatte zu wenig geregnet. Im Jahr darauf sahen wir sogar Sonnenblumen sprießen, die aber nur halbhoch und halbreif wurden; sie eigneten sich vielleicht als Futter, genauso wie der Mais, es hatte wieder zu wenig geregnet. Jedes Jahr also bekommt das Feld ein anderes Kleid, der bewirtschaftete Boden andere Pflanze und der Baum eine andere Umgebung, in der er sich spiegelt, und das Auge eine neue Landschaft.

Der Baum besitzt eine imposante Krone, über der es einen riesigen Himmel gibt, der manchmal mit Wolken gefleckt ist, ein andermal einheitlich grau oder ganz in Himmelblau getaucht. So eine Wolke kann die Verlängerung der Krone bilden, sich aufbauschen und weiterwachsen hoch in den Himmel hinein, oder der Himmel wird nach unten gedrückt, hängt über der Krone mit dunklen Gewitter- oder Regenwolken; es gibt da unzähligen Möglichkeiten und Varianten und jede verdient betrachtet und gesehen zu werden, so entstehen auch unzählige Fotos. Wenn wir dazu noch das Wechselspiel des Laubes nehmen, das Frühlings-, Herbst-, oder Sommerlaubkleid oder die Winterkargheit, dann multiplizieren sich die Möglichkeiten ins Unendliche. Im Winter sind die Äste und der Stamm sichtbar und mächtig, für Fotos machen sich die scharf gezeichneten Konturen oft am interessantesten.

Die Eiche steht in einer Senke, Überbleibsel einer Endmoräne, einem kleinen Tümpel im Frühjahr und manchmal im Winter, der aber eher selten mit Wasser gefüllt ist, denn er liegt hoch über dem Niveau des Seespiegels oder des Baches und trocknet normalerweise im Sommer oder anderen regenarmen Perioden aus. Dahinter erstrecken sich weite Felder, meist in verschiedenen Farben, und seitlich zieht ein Streifen eines Feuchtbiotops. Zu DDR-Zeiten versuchte man die feuchten Flächen zu meliorieren, sie um jeden Preis trockenzulegen, doch nach der Wende wurden alle Entwässerungskanäle zugeschüttet und die Landschaft gewann wieder ihre alte Lebendigkeit und Farbenpracht. Sie lockt auch unheimlich viele Vogelarten an, die man von einem höher gelegenen Weg beobachten kann. Es ist überwältigend, diese Landschaft mit allen ihren Tier-, Vogel, Insektenarten zu betrachten; dafür wurden extra Bänke aufgestellt. Manchmal ist das Vogelkonzert so laut, dass es beinah stört, am liebsten würde man es leiser stellen.

Warum bedeutet mir der Lebensrhythmus eines Baumes so viel? Ich merke jedes Jahr, dass ich davon fasziniert bin; er zeigt so deutlich die Vergänglichkeit, den Wechsel, die Abhängigkeiten vom Klima, aber zugleich ist er auch der Inbegriff des Lebens. Mit dem starken Stamm symbolisiert er Kraft und Mut, das aufstreben, aber auch die Beständigkeit, mit der grünen Krone, die hoch in den Himmel ragt, die Öffnung und Freiheit, mit den tiefen Wurzeln die Verwurzelung und Stabilität. Die Liebe und Bewunderung für große alte Bäume habe ich mit den Deutschen gemeinsam. An die Landschaft ohne Bäume kann ich mich nur schwer gewöhnen und sie lieben lernen; so war für mich vor Jahren die Landschaft auf der Insel Malta erst einmal unheimlich, ich konnte mir ziemlich lange nicht erklären, was mir da fehlte und was mich störte. Letztendlich war es eben das Fehlen von jeglichen Bäumen, von Wald; die Funktion von Hainbuchen-, Thuja- oder Buchsbaumhecke übernahmen riesige Opuntien, die aber wahrlich keine Bäume waren. Auch die Landschaften an der Nordsee, wo Bäume ganz sporadisch zu treffen sind, sind mir mit ihrem peitschenden Wind unheimlich; große Landflächen, durchzogen von Kanälen, mit endlosen Wiesen sind zwar sehr malerisch, aber nicht meins.

Deswegen ging ich auch in die Ausstellung von David Hockney „Vier Jahreszeiten“, Landschaft im Dialog. Three Trees near Thixendale malte Hockney 2007/2008 während längerer Besuche bei seinen Eltern in der Grafschaft Yorkshire. Angeblich existieren auch diverse Fotos von der Gegend, die er selbst machte, um die Veränderungen der Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten zu dokumentierten. Doch ein Kunstwerk ist kein Abbild der Wirklichkeit, auf jeden Fall kein genaues, auch wenn Hockneys Malerei schon viel mit Realismus, vielleicht magischem, vielleicht naivem Realismus zu tun hat. Er selbst meinte, die Fotografie könne die Schönheit der Landschaft in Yorkshire nicht einfangen. Das, so finde ich, wird noch deutlicher bei den Bildern von den Eltern, wo ein wirklich fiktiver Raum geschaffen, der Abstand zur Wirklichkeit unmittelbar sichtbar wird. Doch auch in den großformatigen Bildern von den Bäumen (es wurde viel gerätselt, welche Bäume Hockney dargestellt hat, ob das Berg- oder Feldahorn sei, für mich hätten es auch alte Linden sein können und auf jeden Fall mächtige Laubbäume) entsteht ein Abstand zur Wirklichkeit, zum Betrachter. Man verfolgt fasziniert die Zeichnung der Äste, der Stämme, dann des Laubes, dann das Kolorit und das Verhältnis zur wirklichen Landschaft. In diesem Moment merkte ich, dass ich selbst so oft einen Baum beobachtet hatte. Auch ein Foto bildet ein Ausschnitt, ist eine Wahl, eine Auswahl von diesen unzähligen Möglichkeiten, die ich vorhin aufgezählt und besprochen habe; hier, in dem Zyklus, beim Malen kommt noch die Technik, die Farbe, der Hintergrund und das Auge und der Wille des Künstlers hinzu.

Um diese Vorgänge besser zu verstehen, schafft die Ausstellung eine Ergänzung oder eine Art Erklärung und zeigt Bilder der Landschaften mit Bäumen aus anderen Epochen, die mögliche Vorbilder oder Anregungen sein könnten. Die Werke stammen aus den Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Beschäftigung mit der Landschaft ist in allen Kunstepochen vorhanden. Denken wir dabei an die Weltlandschaften im Mittelalter und in der frühen Renaissance, wo sie immer den Hintergrund mit dem Fluss, den Hügeln und dem Meer bildeten. Dazu haben wir das Beispiel von Piero della Francesca. Wahrscheinlich kam die Beschäftigung mit dem einzelnen Baum seit der Zeit der Lithographie, des Kupferstichs, der Radierung. Das war die Zeit der detaillierten Darstellungen, möglichst nah an der Wirklichkeit, einer Rekonstruktion der Wirklichkeit. Als mögliches Beispiel könnte „Die Landschaft mit den drei Bäumen“ von Rembrandt van Rijn 1643 dienen. Auf jeden Fall hat Rembrandt wirklich drei Bäume am Wegesrand gezeichnet; doch es handelt sich um eine kleinformatige Radierung. Dann gibt es verschiedene holländische Maler und ihre Landschaftsbilder, wie Jacob Ruisdael „Eichen an einem See mit Wasserrosen“, Philip Koninck „Holländische Flachlandschaft“ auch Meinert Hobbema „Dorfstraße unter Bäumen“. Angeblich hat sich Hockney mit den Naturbildern von van Gogh auseinandergesetzt; in der Ausstellung wird eine Zeichnung mit Graphitstift gezeigt, „Ernte in der Provence“ 1888. Von ihm soll er die Intensität der Beschäftigung mit der Natur, seine Farbigkeit, den Pinselschwung übernommen haben. Von Monet dagegen das Prinzip der Serie: vier Bilder desselben Objekts.

Auf jeden Fall macht Hockney klar, dass das Interesse an der Landschaftsmalerei nicht nachgelassen hat, dass man mit neuen Techniken, neuen Perspektiven und Hilfsmitteln, auch ungewöhnlichen Farbkombinationen die Faszination für das Thema noch vehementer zum Ausdruck bringen kann. Mich haben die Bilder verzaubert, vor allem aber durch ihre Einzigartigkeit und vielleicht auch durch die riesigen Formate, so dass man das Gefühl hat, darin zu stehen und von ihnen umgeben zu sein. Die Inspirationen und Vorbilder taten es weniger.

Frauenblick: Yoga

Monika Wrzosek-Müller

Emmanuel Carrère, Yoga

Mit dem Buch habe ich mich sehr lange herumgeschlagen, immer wieder darin gelesen, nachgedacht; war wütend und empört, manchmal habe ich gelacht. Also, es hat mich doch beschäftigt. Klar, Yoga ist auch mein Weg durchs Leben gewesen, oder ich gehe ihn immer noch, auf meine Art und Weise.

Damals vor Jahren, als ich aus Italien nach Deutschland zurückkehrte, hat mich Yoga gerettet. Es brauchte viel Zeit und etliche Anläufe, aber es hat mir geholfen, den Alltag und mein Leben zu bewältigen. Ich las alles, was mir über Yoga in die Hände fiel: Patanjali, Upanishaden, Veden (Ausschnitte) und dann die Sekundärliteratur, alle von Anna Trökes und von T.K.V. Desikachar, A.G. Mohan, David Frawley, E. Wolz-Gottwald, Mathias Tietke und viele mehr. Aber wirklich geholfen hat mir die Matte – die Übungen und Regelmäßigkeit und Disziplin und dass ich mich in keinerlei Sektenkreise habe hineinziehen lassen, weder in die, die nur an brutalste Verrenkungen glaubten, noch in diejenigen, welche Yoga nur als Business verstanden.

Jetzt kommt mir dieses Buch Yoga vor, wie eine Reise zurück in die Jahre der Ausbildung, meiner intensiven Beschäftigung mit Yoga. Auf jeden Fall ist es ein unverschämt ehrliches Buch, ehrliches Erzählen, hauptsächlich über die Tiefen des Verfassers. Ob das unbedingt interessant ist und unseren Horizont erweitert, ist andere Frage. Da ich immer angenommen habe, Yoga solle der Vernichtung oder wenigstens der Verminderung des eigenen Egos dienen, überrascht es mich, so viel ausgeprägtes Ego in dem Buch zu finden, neben all den Behauptungen, auf dem Yoga-Weg zu sein. Klar, die Wege zur Konzentration durch Meditation und letztendlich zu höheren Formen des Bewusstseins auf dem achtgliedrigen Pfad (Dhyana, Dharana und Samadhi) waren auch für mich damals fast der wichtigste Teil der theoretischen Yoga-Lehren von Patanjali, doch ich habe sie für mich anders ausgelegt. Das kann ich am besten am Beispiel des Verständnisses von Karma Yoga erklären: Karma Yoga, einer der sechs Wege des Yoga, wird in der indischen Philosophie als der Dienst an den Anderen verstanden. Bei vielen Adepten des westlichen Yoga wird er dagegen als meditativer Weg der Ausübung vieler alltäglicher Verrichtungen wahrgenommen; z.B. wird die Tätigkeit des Putzens der eigenen Wohnung in meditativer Weise, mit Achtsamkeit, als Karma Yoga angesehen. Das ist auch nicht schlimm, das konzentrierte, bewusste, achtsame Putzen kann ein guter Weg für die Bekämpfung der eigenen Misere oder des Unwohlseins sein. Doch das als den Yoga-Weg zu verklären, halte ich für völlig übertrieben. Überhaupt liefert mir das Buch ein Beweis dafür, wieviel Narzissmus und Selbstverliebtheit in dem westlichen Verständnis des Yoga-Wegs steckt. Vielleicht war eben dieser gesteigerte Narzissmus auch der Grund für die Nervenzusammenbrüche des Autors. Das sieht er auch selbst ein und kommentiert ironisch: „Eine Abschieds- und Verlusterfahrung, ein Moment, an dem das Leben kippt, genau das erlebe ich ja gerade. Doch wie soll ich unseren Schülern gegenüber zugeben, dass ich mir diese selbst aufbürde? Ich habe oft gesagt, man müsse das eigene Leid respektieren und nicht relativieren, und das neurotische Elend sei nicht weniger grausam als das gemeine Unglück, trotzdem: im Vergleich zu der kompletten Entwurzelung, die diese sechzehn-, siebzehnjährigen Jungen1 erlebt haben und erleben, ist ein Typ, der alles, absolut alles hat, um glücklich zu sein, und der sich abmüht, um dieses Glück und das seiner Angehöriger zu zerstören, eine Obszönität, die zu verstehen ich ihnen schwer abverlangen kann und die dem Standpunkt meiner Eltern recht gibt, dem zufolge man in Kriegszeiten nicht genug Freizeit hat, um neurotisch zu sein“. Leider ist der Tenor des Buches genau entgegengesetzt, der Autor kokettiert mit dem eigenen Leiden und macht es zum Hauptthema.

Diese absolute Konzentration auf sich selbst im Leben war für mich ein Novum, mit dem ich lange in der westlichen Welt zu kämpfen hatte. Und ich finde es fast pervers, den Yoga-Gedanken so umzukehren, ihn so zu verdrehen, dass er den Anforderungen der coolen, hochgebildeten, gutsituierten und selbstverliebten Menschen in der westlichen Welt dient und dienen soll. Irgendwann habe ich mich damit abgefunden – und da kam der Überfall auf die Ukraine und die alte Ordnung wurde wieder aufgehoben. Das Buch hat aber an erstaunlicher Aktualität gerade jetzt gewonnen, auch wenn es vor einigen Jahren geschrieben wurde. Es verdeutlicht nämlich die erwähnte Selbstverliebtheit und Denkweise einer westlichen Konsumgeneration, die vor allem auf der Suche nach dem eigenen Glück und Wohlbefinden ist. Die aus Angst um den eigenen Wohlstand nicht gewillt ist, der Ukraine zu helfen, sogar bereit ist, der Ukraine das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen. Würde die Ukraine sich Putin beugen, die Annexion einige Gebiete durch Russland in Kauf nehmen, dann hätten wir endlich wieder Ruhe und Frieden – diese Logik des Denkens kann man durch die Lektüre dieses Buchs besser nachvollziehen. Deswegen hat es mich auch gefesselt und zum Nachdenken gebracht, denn die Geschichte eines ungefähr sechzigjährigen Mannes, der mit eigenem Leben nicht klarkommt, scheint an sich nicht besonders faszinierend. Was das Buch aber bietet, ist radikale und verblüffende Offenheit bei der Beschreibung dieses „Kampfes“, z.B. in den Vipassana-Kursen, die „Kampftraining der Meditation seien. Zehn Tage lang, zehn Stunden schweigend von allem abgeschnitten: the real shit. In Internetforen berichten viele, diese Hardcoreerfahrungen habe sie bereichert und verändert, andere verurteilen sie als sektenhafte Vereinnahmung. Sie beschreiben den Ort als Konzentrationslager und die tägliche Zusammenkunft als Gehirnwäsche. Nordkorea sozusagen“; er ist bereit, dies zu absolvieren, auch andere Methoden der Meditation, um den eigenen Dämonen zu entkommen.

Auf dieser Sinnsuche vergessen viele, dass die Texte der Upanischaden, auch der Veden und die von Patanjali deshalb verfasst wurden, um den wirklich Leidenden zu helfen, ihnen einen Platz in der Kastengesellschaft zu geben und das sehr bescheidene Überleben zu ermöglichen, und dass sie spirituelle, fast biblische Texte sind.

Was dem Autor letztlich hilft, ist die Beschäftigung mit den jungen Flüchtlingen, die Abkehr von der eigenen Person, der Perspektivwechsel, durch den er in den Hintergrund tritt und wirklich über die anderen und deren Leben demütig nachdenkt. Insofern ist das Ende des Buches vielleicht hoffnungsvoll; das „freundliche Wasser“ heißt das letzte Kapitel, in dem er zum Schluss kommt: „Kein feierliches, meditatives Yoga, das der Auslöschung der Vritti, dem Ausweg aus dem Samsara oder dem lebenslangen Hinwirken auf einen Zustand der Gelassenheit und des Staunens gilt. Nicht das Yoga, über das ich dieses Buch schreiben und weihevoll behaupten wollte, man dürfe es nicht mit vulgärer Gymnastik verwechseln, sondern das, was junge Frauen auf der ganzen Welt machen, die genau wie diese hier finden, dass es eine wunderbare Gymnastik ist, die nichts von Patanjali halten und nicht die geringste Lust haben, dem Samsara zu entkommen, weil man das Samsara auch Leben nennen kann und weil, auch wenn Patanjali und Konsorten das Gegenteil sagen, das Leben gut ist. Nicht nur, das ist klar, aber auch.“2 Belassen wir es dabei und denken wir immer wieder an die Anderen.

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1 Es sind Jungs aus Afghanistan und Syrien, die er auf der griechischen Insel Leros in einem Schreibkurs unterrichtet und kennenlernt, wohin ihn sein umtriebiges Leben verschlagen hat.

2 Vritti, Samsara: beides Begriffe aus dem Yoga; der erste bedeutet Gedankenwellen, Gedankenbewegungen, der zweite wird auch im Buddhismus verwendet und bezeichnet den Lebensrad, den Kreislauf der Wiedergeburten.

Frauenblick: Pearl S. Buck

Monika Wrzosek-Müller

Vor fast hundert, genau vor einundneunzig Jahren schrieb die amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck:

Daran glaube ich

Ich liebe das Leben, weil mich die Menschen und ihr Werden unendlich interessieren. Durch mein Interesse wächst mein Wissen um sie beständig. Und dieses wiederum läßt mich glauben, daß das gewöhnliche menschliche Herz von Natur aus gut ist. Das heißt, es ist von Natur aus empfindsam und zart, es möchte sich bestätigt sehen und bestätigen, es sehnt sich nach Glück und nach dem Leben. Es will weder getötet werden noch will es töten. Wenn besondere Umstände dazu führen, daß es dem Bösen anheimfällt, wird es doch nie ganz böse. Ein guter Kern bleibt erhalten – und mag es noch so sehr im Verborgenen sein -, aus ihm kann das Gute sich immer wieder nähren.

Ich glaube an die Menschlichkeit, aber mein Glaube ist ohne Sentimentalität. Ich weiß, daß der Mensch in einer Atmosphäre von Unsicherheit, Angst und Hunger verkrüppelt, daß er geformt wird, ohne daß er es merkt. Es ist mit ihm wie mit einer Pflanze, die sich unter einem Stein hervordrängt und ihre eigenen Lebensbedingungen nicht kennt. Nur wenn der Stein weggerollt wird, kann sie frei dem Licht entgegenwachsen. Aber die Kraft dazu ist ihr angeboren, und nur der Tod setzt dem ein Ende.

Ich brauche keinen anderen Glauben als den an die Menschheit. Wie einst Konfuzius nimmt mich das Wunder dieser Welt und das Leben darauf so gefangen, daß ich für Himmel und Engel keine Gedanken mehr habe. Dieses Leben bietet mir genug. Gäbe es kein anderes – es hat sich gelohnt, geboren zu werden, ein Mensch zu sein.

Ich glaube fest an das menschliche Herz und seine Kraft, dem Licht zuzustreben. Und dieser Glaube läßt mich auf die Zukunft der Menschheit hoffen und vertrauen. Der gesunde Menschenverstand wird der Welt eines Tages sicherlich beweisen, daß gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit für die Sicherheit und das Glück aller nur vernünftig sind.

Dieser Glaube gibt mir immer wieder Kraft, alles zu tun, was ein Mensch nur tun kann, um die Lebensverhältnisse so zu formen, daß man sich in Freiheit entwickeln kann. Diese Lebensverhältnisse, glaube ich, müssen unbedingt auf Sicherheit und Freundschaft aufgebaut sein.

Die hoffnungsvolle Tatsache, daß die Welt genug Nahrungsmittel für alle Menschen hat, gibt mir Mut. Unser medizinisches Wissen ist schon so weit vorgeschritten, um die Gesundheit der ganzen menschlichen Rasse zu heben. Die Mittel, die uns für die Erziehung zur Verfügung stehen, können – in weltweitem Rahmen angewandt- die Intelligenz aller steigern. Nur dies eine bleibt uns noch zu tun: Wir müssen herausfinden, wie wir die Vorteile, die einige von uns genießen, aller Welt zugänglich machen. Mit anderen Worten, um auf mein Gleichnis zurückzukommen: wir müssen den Stein wegrollen.

Auch das können wir schaffen, denn genügend Menschen werden den Glauben an sich und die anderen finden. Zwar nicht zur gleichen Zeit. Aber die Zahl derer, die den Glauben haben, wächst. Vor einem halben Jahrhundert noch dachte niemand an Welternährung, Weltgesundheit, Welterziehung. Viele denken heute daran. Inmitten eines möglichen Weltkrieges, einer Massenvernichtung, ist dies meine einzige Frage: Gibt es genug Leute, die den Glauben haben? Bleibt uns Vernünftigen noch genug Zeit zum Handeln? Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, ein Kampf zwischen Wissen und Unwissen. Mein Glaube an die Menschheit ist unerschütterlich.“

Unterschrieben: Pearl S. Buck

Im Jahr 1932 erhielt sie für den Roman Die gute Erde den Pulitzer-Preis und 1938 den Literaturnobelpreis. Es war der erste Roman aus einer Trilogie, es folgten Söhne und Das geteilte Haus, die ihr Leben in China sehr anschaulich beschrieben. Um ihren Nobelpreis wurde auch heftig gestritten, denn viele hielten ihre Schreiberei für Trivialliteratur und man sprach sogar von einer Lex Buck im Blick auf die Unstimmigkeiten in der Nobelkommission; Intellektuelle ereiferten sich in Diskussionen über die Frage, was wahre und höhere Literatur leisten muss, um einen solchen Preis zu verdienen.

Es stimmt schon, dass Buck sehr einfach und direkt beschreibt, doch ist die Geschichte mit so viel Menschenkenntnis und Menschenliebe, mit einem Humanismus angefüllt, dass sie sich eher wie eine große Metapher, ein Symbol oder ein Lobgesang an die richtige Lebensführung liest. Die Lebensgeschichte des einfachen Bauers Wang Lung (sie schrieb grundsätzlich über China, wo sie fast ihr ganzes Leben verbracht hatte) fließt vor unseren Augen mit den Nöten und den Bedürfnissen von einfachen Menschen vorbei, die hart arbeiten müssen, um ihr Überlebensminimum zu sichern. Immer wieder kommen Zeiten des Hungers, verursacht durch harte Winter oder lange Dürreperioden, und irgendwann muss die kleine Familie in den Süden des Landes flüchten, in eine große Stadt, wo sie durch Betteln und Rikscha-Fahren etwas Geld ergattert und überlebt. Es kommt dann zu Aufständen und Plünderungen in der Stadt und Wang Lungs Frau erbeutet einen versteckten Schatz, den sie als ehemalige Sklavin in einem raffinierten Versteck findet. Die Familie geht daraufhin zurück in den Norden, Wang Lung kauft immer wieder ein Stück Land mit „guter Erde“, das er dann beackert. Die Ernte wird gut, sie können immer mehr Land kaufen, die Bauern aus den umliegenden Hütten helfen gegen Bezahlung, immer mehr Land zu bestellen. So wird die Familie reich, baut erst ihr Bauernhaus aus; irgendwann zieht sie, auf Zureden des ältesten Sohnes, in das große Haus der Familie Hwang, wo die Ehefrau von Wang Lung als Sklavin gearbeitet hatte, mit vielen Höfen und Häusern, mit Anlagen mit Teichen und goldenen Fischen. Die Kinder gründen inzwischen eigene Familien, viele Enkel werden geboren. Wang Lung bringt auch eine Konkubine ins Haus, die er dann zu seiner zweiten Frau macht.

Die Beschreibungen des Lebens haben für mich etwas Spirituelles, eben Symbolisches, obwohl erstaunlich wenig von Religion die Rede ist; ab und zu macht sich der Hauptheld Wang Lung auf, um ein paar Räucherstäbchen im Tempel anzuzünden, aber das ist auch alles. Immer wieder, wenn Wang Lung Probleme hat, zieht er sich aufs Land zurück, um die Erde, die „gute Erde“ zu spüren, um den Kontakt zu den Wurzeln, zur Einfachheit, zum richtigen Leben nicht zu verlieren. Er muss viele schwierige Entscheidungen als Oberhaupt der großen Familie, des Klans, treffen. Den Zusammenhalt, das Fundament bildet für ihn die „gute Erde“, die man nicht verkaufen, nicht zerstückeln solle. Doch am Ende des Buches, als der alte Herr Wang Lung entkräftet, krank und alt darniederliegt, sagen seine Söhne: „Sei beruhigt, Vater, sei beruhigt! Wir werden das Land nicht verkaufen.“ Aber über den Kopf des alten Mannes hinweg blickten sie einander an und lächelten.

Interessant, dass das Buch in den Jahren 1931-32 als der meist verkaufte Roman in Amerika galt; das lag wohl an der Exotik des fernen Landes oder auch an der Beschreibung der Konkubinen und Sklavinnen. Die Zustimmung und Ablehnung seitens der Literaturkritiker und der Leser schwankte heftig. Später, nach Maos Revolution in China, wurde Pearl S. Buck wegen ihres sozialen Engagements vom FBI überwacht; dieses trug eine 300 Seiten starke Dokumentation zusammen, in der sie kommunistischer Sympathien beschuldigt wurde.

Heute ist das Buch für mich mehr als aktuell, auch seine Rezeption in unterschiedlichen politischen Kontexten lehrreich. Das, was für immer bleibt, ist ihr Glaube an die Menschlichkeit, daran, dass es doch eine Kraft gibt, die uns über die Geldgier hinweg, jenseits von wirtschaftlichen und politischen Interessen zu richtigen Entscheidungen, Ansichten und letztlich zum richtigen Leben führt. Das ist, gerade heutzutage so wenig und doch so viel.

Frauenblick: Krieg

Monika Wrzosek-Müller

Die Ungerechtigkeit der Welt, der westlichen Welt, war mir immer klar und ein Dorn im Auge, doch jetzt sticht sie mit einer Schärfe und Dringlichkeit, dass ich, sollte ich es nicht aussprechen, krank würde. Auch wir werden durch den Krieg auf eine Seite, auf eine Möglichkeit festgelegt, was sich für die Zukunft wahrscheinlich verheerend auswirken kann.

Wir erleben einen Krieg – einen Angriffskrieg, den es in unserem Jahrhundert nicht mehr geben sollte. Es sind völlig archaische Methoden der Kommunikation, durch Druck und Gewalt auf das eigene Recht zu pochen und es einzufordern. Ich war während des ersten Kriegsmonats in Warschau; habe erlebt, wie die Polen sich zusammengerissen haben, um den Kriegsflüchtlingen zu helfen, wie sie den Krieg verurteilt haben, ihn verfolgt und immer wieder dazu Stellung genommen haben. Der Westen vergisst, dass doch noch Menschen mit Kriegserfahrungen aus dem Jahr 1939 leben und dass für sie ein déjà vue entsteht, dass von Deutschland mehr verlangt wird, eben wegen dieser Kriegserinnerung, aber auch wegen ihrer Nähe zu Russland und zu Putin, dass sie selbst für die Abhängigkeiten von Gas, Öl und Kohle verantwortlich sind. Versprechungen, Bekundungen und Mitleid helfen nicht viel, es müssen Taten folgen, ganz entschiedene und schnelle.

Unter den ukrainischen Frauen, die ich in der Wohnung in Warschau aufgenommen habe, war eine junge Frau mit einem Kleinkind, die mir als die Tochter der Freundin des Bruders meiner Mieterin vorgestellt wurde. Nach zwei Tagen stellte sich heraus: sie mit dem Baby und einen kleinen Jungen haben die anderen auf dem Bahnhof in Lemberg gefunden; die drei wussten nicht wohin, hatten seit ein paar Tagen nichts gegessen, lebten auf dem Bahnhof. Der kleine neunjährige Junge hatte seine Eltern, seine Mutter verloren, oder sie haben ihn so losgeschickt, damit er überlebt, das wussten sie nicht. Auf jeden Fall waren sie plötzlich bei mir, in der Wohnung meiner Mutter, mit den anderen drei Frauen und zwei Jungen. Zum Glück haben sie eine andere Bleibe gefunden, alle drei; so haben die anderen fünf Leute in der kleinen Dreizimmerwohnung genug Platz zum Leben.

Da wurde gesagt: in Polen gäbe es Flüchtlinge zweiter Klasse, ich habe nur gedacht, Gott sei Dank, wir haben noch Platz frei, wir können die aufnehmen. Und ja, sie sind mir willkommen, weil sie das erleben, was Polen immer wieder fürchten muss, und weil sie wirklich Frauen mit Kindern sind, und alles passiert so nah und ich will mich nicht hinter der Heuchelei der Menschenliebe für alle auf der ganzen Welt verstecken und die eigentlich gar nicht so wirklich hierher wollen. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man etwas macht, was einem am Herzen liegt und brennt, oder man mehr oder weniger die eigene Überlegenheit über die arme Welt vorführt und den guten Onkel spielt, ohne die Menschen im Geringsten zu verstehen und eigentlich verstehen zu wollen. Ich habe die Aussagen: „Die werden nie arbeiten können, so wie wir das tun, ihre Ausbildung ist nicht annähernd unserer gleich…“ zu überhören versucht, denn ich bin selbst auch davon betroffen. Meine Ausbildung wurde für nicht würdig in Deutschland befunden, ich bekam den Grad “Magister pl“ zuerkannt und hatte damit keinerlei Recht, an Schulen etc. zu unterrichten. Gerade die Flüchtlinge spüren, ob sie wirklich willkommen sind, ob man für ihre Sache steht. Deswegen gehen auch viele Ukrainer lieber nach Polen als anderswohin in der EU und am liebsten gehen sie sowieso in ihr Land zurück.

In Polen hat die Sache noch einen Aspekt, den man wahrscheinlich nicht vergessen sollte. Die Ukrainer sind für den polnischen Wohlstand mitverantwortlich, haben ihn mit ihren Händen mit erarbeitet. So wird jetzt ein Teil der Schuld bei ihnen abgetragen, beglichen. Polen hat immerhin innerhalb dieser drei Wochen 2,2 Millionen Menschen aufgenommen, ohne zu klagen, ohne sich aufzuspielen, dass es Verteilung geben müsse, dass die anderen nicht wollten; da war die Not dieser Menschen und das war das wichtigste. Manchmal muss man über den eigenen Schatten springen, sich mutig zeigen und riskieren, sonst gehen unsere Werte, das, was man jahrelang versucht hat aufzubauen, verloren. Vertrauen, Glaubwürdigkeit gewinnt man langsam und es wäre schade oder ist schade, sie so schnell zu verspielen.

Die Frau unterwegs

Monika Wrzosek-Müller

Lublin – Tamara Łempicka

Der Ausflug nach Lublin, hauptsächlich zu der Ausstellung, war schön, lehrreich und interessant. Schon die Schnellstraße S 17, auf der wir gefahren sind, erfüllte alle europäischen Standards, mehr noch, war besser als die meisten „Superstrade“ in Italien, gepflegt auch rundherum und kostenlos. Ich habe die Gegend um Lublin und Nałęczów als Kind öfters gesehen, auch von Kazimierz Dolny aus und auch später; sie hat sich so sehr entwickelt, verändert, es wurden prächtige Häuser gebaut, vielfältige Obstplantagen angelegt. Klar, das ist auch der Teil Polens, der die besten Lössböden hat; trotzdem hat mich das Ausmaß des Fortschritts und der Entwicklung überrascht. Für meine Begriffe hat sich da viel mehr verändert als in unserer Uckermark in Brandenburg.

Unterwegs achteten wir auf die vorbeifahrenden Lastwagen; es fuhren nur einige wenige mit weißrussischen Kennzeichen, die meisten hatten ukrainische, russische haben wir überhaupt keine gesehen. Es gab aber viele ukrainischen Personenwagen in beiden Richtungen.

Lublin begrüßte uns mit herrlichem Wetter, mit einer sehr aufgeräumten, renovierten Altstadt, mit vielen Touristen, erstaunlich vielen auch ukrainischen Touristen, die mit ihren Autos da waren; sie machten nicht den Eindruck von Flüchtlingen. Einige von ihnen, vor allem Frauen, begleiteten uns in die Ausstellung weiter, sie filmten alles und sahen sich die Exponate erstaunlich eingehend und interessiert an. Ich fragte mich schon sowieso, warum Lublin, dann vielleicht auch ukrainische Wurzeln bei Tamara Lempicka, doch das Einzige was ich finden konnte, waren eher russische Verbindungen und Verwandtschaften ihres Vaters. Das Lubliner Schloss, das mich bei früheren Besuchen immer an eine aus Pappmaschee aufgestellte Kulisse erinnert und eher abgeschreckt hatte, war sehr sorgfältig restauriert. Im Innenhof sind der Turm und die Kapelle zu besichtigen (Überreste der alten Burg). Nichts deutete auf den Krieg hin, der doch nicht weit, fast um die Ecke weitertobt.

Also der Titel der Ausstellung „Die Frau unterwegs“ passt vielleicht am besten zu dieser doch sehr faszinierenden Frau. Sie hat in ihrem Leben meistens, so scheint mir, das gemacht, was sie wollte, und vor nichts hatte sie Angst, natürlich half ihr das Talent. Das Interesse an ihr und ihrem Werk – ich erinnere mich an eine Ausstellung in Mailand, 2006 im Palazzo Reale, wo sie Tamara de Lempicki genannt wurde; die Mailänder Ausstellung habe ich nicht gesehen, wohl aber die Plakate, die in der ganzen Stadt aushingen, und die langen Schlangen vor dem Eingang – beruht vielleicht auch auf ihrer Art der Selbstinszenierung, auf ihrem Habitus einer Diva, die wohl auch eine gute Künstlerin war; eine coole, schöne Frau, das spielte sie alles sehr gekonnt aus, auch ihre Herkunft, auch ihren Namen. Sie positionierte sich irgendwo zwischen Peggy Guggenheim und den vielen Filmdiven des damaligen Hollywood und ihr Bild trug zum Teil bestimmt zu dem Erfolg bei, den sie in den dreißiger und vierziger Jahren hatte.

Geboren wurde Tamara Rozalia Gurwik-Górska laut einiger Quellen in Warschau am 16. Mai 1898, doch manche sprechen von Moskau und einem zwei Jahren späteren Geburtsdatum. Ihre Eltern gehörten einer Elite an, die in Warschau, Moskau und St. Petersburg zu Hause war, doch immer wieder auch länger in anderen Teilen des Europas weilte, so in der Schweiz, in Italien und in Paris. Ihr Vater wird als reicher russischer Jude, Kaufmann oder Industrieller, beschrieben; er starb bald nach ihrer Geburt. Die Mutter stammte aus einer wohlhabenden polnisch-katholischen Familie, die zahlreiche Beziehungen zu berühmten Künstlern wie Ignacy Paderewski oder Artur Rubinstein pflegte. Sie wuchs eher bei den Großeltern und in Internaten auf. Irgendwann übersiedelte sie dann nach St. Petersburg, wohnte bei ihrer Tante und deren Mann, der Familie Stifter, in einer luxuriösen Residenz. Beim ersten Ball, den sie als ganz junge Frau besuchen durfte, lernte sie ihren späteren Mann Thadé Lempicki kennen. Die beiden heirateten schnell und Tamara wurde bald auch Mutter einer Tochter – Kizette, die sie später oft porträtieren wird. Leider ändert sich die Situation in Petersburg für sie schnell zum Schlechten, die Verwandten emigrierten nach Dänemark. Tadeusz wurde im Winter 1918 verhaftet und in ein Gefängnis gesteckt; Tamara nutzte ihre Bekanntschaft zum schwedischen Konsul und beschaffte falsche Dokumente auch für ihren Mann, sie reisten erst einmal nach Kopenhagen, dann nach Warschau und bald schon nach Paris. Nach einigen dort unter schwierigen Umständen verbrachten Monaten half ihr die Familie, ihre Schwester Adrianna Górska überredete sie zum Studium an der Académie Ranson. Seitdem scheint das Leben für Tamara wieder buntere Farben angenommen zu haben. Durch Vermittlung der Schwester stellte sie ihre Bilder aus; sie wurden von der Kritik warm und positiv aufgenommen. Bald kam es auch zur ersten Reise nach Italien, auf die viele weitere folgen sollten. Sie lernte einflussreiche, künstlerisch interessierte Italiener kennen, flirtete mit einigen von ihnen und wurde in der italienischen Szene bekannt und als Künstlerin anerkannt. Die schon vorher angespannten Beziehungen zu ihrem Mann verschlechterten sich, so dass sie 1928 auseinandergingen. Tadeusz heiratete bald seine neue Liebe, Tamara lernte den ungarischen Baron Raoul Kuffner kennen. In diesen Jahren entstanden Bilder wie „Mein Porträt“ oder auch „Die Frau im grünen Bugatti“, das die Titelseite einer Zeitschrift zierte. Es wurde zum Symbol einer freien, selbstbestimmten Frau und auch eine Ikone des art déco. 1934 heiratete sie zum zweiten Mal, den Baron, zog nach Wien und Budapest, besuchte mehrmals Italien, reiste auch tiefer in den Süden, es zog sie nach Afrika und in den Nahen Osten. Sie suchte die Wärme und das Leben, das ihr eigenes ihr nicht ausreichend gab. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, verließen die Kuffners Europa, sie fuhren nach Amerika. Sie malte dort die Damen der Gesellschaft, er floh als Jude vor dem Naziterror. In Amerika wurden sie jedoch nicht an einem Ort sesshaft, sie besichtigten, wohnten in New York, San Francisco, Los Angeles, Miami aber auch auf Cuba. Auch ihre Töchter kamen nach Amerika. Erst ab 1949 kehrte Tamara mehrmals nach Europa, Italien, Paris zurück. Nach dem Tod ihres Mannes 1962 zog sie zu ihrer Tochter Kizette, die in Huston wohnte. Doch lange hielt sie an einem Ort und wahrscheinlich mit der Familie nicht aus und zog nach Cuernavaca in Mexico, in die Stadt des ewigen Frühlings. 1980 stirbt sie auch dort und ihre Asche wurde am Vulkan Popocatépetl verstreut.

Ihr Leben hat sie an verschiedene Orte geführt, sie blieb nie länger irgendwo, war getrieben von ihren eigenen Ansprüchen oder vom Schicksal? Trotzdem führte sie ein gesellschaftlich sehr erfüllendes Leben; so kam sie auch an ihre Aufträge, meistens durch Mundpropaganda. Sie malt des Öfteren Damen der höheren Gesellschaft, damit verdiente sie genug Geld, um für sich, aber auch für ihre Familie zu sorgen. Vor allem die Bilder mit den klaren, eindeutigen Farben, die mit Schatten und Licht spielten, blieben ihr Markenzeichen, das madonnenhafte Blau, das klare Hoffnungsgrün. Irgendwann war sie eine der bestbezahlten Künstlerinnen der Welt. Schwer wog bestimmt, dass ihre Versuche in anderen Stilrichtungen nie erfolgreich waren. Sie wandte sich auch anderen Themen zu, versuchte Landschaften, Stillleben zu malen; an ihre glorreichen Erfolge der art déco-Zeit konnte sie aber nicht mehr anknüpfen.

Für mich bleibt sie die Ikone einer Zeit, in der das Gefühl der Schönheit mit der Einfachheit zusammenging, in der alles: die Architektur, die Inneneinrichtung, die Gegenstände, alles den Wunsch äußerte, das Schöne zu kultivieren und zu prämieren. Die Ausstellung bringt das eben auch zusammen, zeigt die Einrichtung ihres Appartements und Ateliers in Paris, auch Gegenstände, die sie benutzt hatte, werden ausgestellt. So ergibt sich nicht nur durch ihre Gemälde ein Bild der ganzen Person, nur so kann man sich ihr annähern und sie besser verstehen.