Sehnsucht, [Powiedzmy, że Piontek], Szczepan Twardoch

Monika Wrzosek-Müller

Jedes zweite Jahr bringt Twardoch ein Buch und das nicht nur in Polen, auch auf jeden Fall, fast gleichzeitig in Deutschland heraus. Die frühen Romane beschäftigten sich mit der nahen Vergangenheit, mit der Geschichte; so das für Polen wichtige Buch über Warschau in der Okkupationszeit und den Aufstand Morphin, es folgten Drach, dann ein Jahr später Wale und Nachtfalter. Tagebuch vom Leben und Reisen, Der Boxer (auf Polnisch allerdings Król], Das schwarze Königreich, Demut, Kälte, Die Nulllinie und jetzt eben der neueste Roman auf Polnisch Sagen wir mal, dass Piontek und auf Deutsch Sehnsucht. Die letzten drei Romane sind erstens dünner und zweitens variieren mehr in der Gegenwart mit Ausflügen in die Vergangenheit und sogar die Zukunft. Die Übersetzung wurde immer von Olaf Kühn geliefert, nicht dass ich immer mit der Wahl der Titel einverstanden wäre. Ich war nicht gleich von Anfang an Fan von Twardochs Schreibkunst. Er war mir zu demonstrativ, zu obskur, brutal. Die Lust am Lesen seiner Romane stieg kontinuierlich und stetig und ich bin ihm inzwischen dankbar, dass es so jemanden gibt; mit diesem Mut, der Chuzpe und Verantwortung für Geschehnisse in der Welt. Twardoch schaut ziemlich unerschrocken in die Zukunft. Sagen wir, bisher, denn im letzten Buch ist die Dystopie von 2031 ziemlich dunkel und erinnert mich und meine Generation an doch, immer noch, nahe Vergangenheit.

Continue reading “Sehnsucht, [Powiedzmy, że Piontek], Szczepan Twardoch”

Ferragosto

Monika Wrzosek-Müller

Bis zum Ferragosto musste man die Hitze, auch da oben in Fiesole, genauer Settignano aushalten, danach kamen Gewitter, es wurde auch früher dunkel, also weniger Sonne, man atmete durch und im zweiten Atemzug merkte man leider, der Sommer ist wieder mal vorbei. Dass das Fest, der eine Tag am 15 August, in Italien große Bedeutung hatte, wusste ich schon lange, doch seine Geschichte war mir eigentlich nicht so klar. Die Leute trafen sich zum Grillen, Familien fuhren an den Strand, Freunde kamen zu Besuch, es war immer etwas los; auch in der hitzigsten Hitze, wo man dachte, alles müsste stehenbleiben, wurde gefeiert. Die Lokale draußen vor der Stadt füllten sich mit den Stadtmenschen, es wurde getanzt, gespielt, es war laut mit den vielen Kindern, die auch manchmal weinten, meistens jedoch um die Tische rannten. In der Stadt war es dagegen völlig still, alles war geschlossen: Läden, Ämter, Büros, aber auch viele Restaurants. Ich erinnere mich, dass wir später einmal, schon aus Kleinmachnow, an diesem Tag in Apulien waren und aus irgendeiner Trattoria zurückkehrten; das Thermometer bei einer Apotheke zeigte um 22 Uhr 39 Grad an.

Continue reading “Ferragosto”

Die kleine große Welt

Monika Wrzosek-Müller

Auch die kleinen Kreise des Lebens schließen sich und es ist beglückend, das zu bemerken und die Geschichten zu verfolgen.

Neulich gab es bei der Ausstellungseröffnung „Augenreisen“ von Heinz Trökes in der Camaro Stiftung wieder so einen Moment. Der Sohn des Künstlers erzählte über seinen Vater – wie das so mit ihm war, nicht immer einfach, immer auf Reisen…Ich saß da und dachte, Trökes, Trökes …Mir kommt der Name sehr bekannt vor. Woher kennst du diesen doch ziemlich ungewöhnlichen Namen? Dann fiel es mir ein: Anna Trökes. Die wohl bekannteste Yogalehrerein und Buchautorin zu diesem Thema in Deutschland. „Das Große Yoga Buch“ begleitete mich schon während der Ausbildung, ihre Stimme war bezaubernd und sie sprach mit runden, sehr gut formulierten Sätzen, was nicht bei jedem der Fall ist, das können einfach nicht alle. Ich habe auch ein paar Mal ihre Kurse besucht, bekannt waren auch Yogafestivals, die sie manchmal mitorganisiert hat und bei denen der „lächelnde Schamane“ als DJ auftrat. Aber welchen Zusammenhang gab es mit dem Namen, stammte sie aus dieser Familie?

Continue reading “Die kleine große Welt”

Der Sommer

Monika Wrzosek-Müller

„Lachend, lachend, lachend, lachend kommt der Sommer über das Feld, über das Feld kommt er lachend, ha, ha, ha lachend über das Feld“. Das sangen die Waldorfer etwas unsicher, beschämt vielleicht auch falsch auf den Sommerfesten in Kleinmachnow. Manchmal wusste ich nicht: lachen sie sich selbst aus oder lachen sie echt mit den Kindern.

Aber wie auch immer der Sommer ist da, überall Hitze, Dürre, Brände, Gewitter, Mücken und Zeckenplage, Sonnenschirme nicht an der richtigen Stelle und das wunderbare Gefühl von Wärme und Grün und die erlaubte Langeweile.

Continue reading “Der Sommer”

Walderdbeere Poziomka Fragaria

Monika Wrzosek-Müller

Meine Oma machte herrliche Konfitüre – oder war das Marmelade, oder überhaupt etwas anderes? Die ganzen Früchte waren in einer Art von sehr süßem und dickflüssigem Sirup eingekocht. So kochte sie Erdbeeren, aber auch Walderdbeeren ein, wenn es welche gab. Sie wurden von der ganzen Familie mit Andacht verzehrt, nur zu besonderen Anlässen und für besondere Gäste auf den Tisch gebracht.

Continue reading “Walderdbeere Poziomka Fragaria”

Zehdenick, die Havelstadt

Monika Wrzosek-Müller

Zehdenick liegt auf dem Weg von Berlin nach Warthe; über das Dorf habe ich hier im Blog immer wieder geschrieben. Zehdenick ist ein kleines Städtchen, viel kleiner als Templin und weniger lebhaft, weniger lebendig. Selten trifft man auf den Straßen die Einwohner. Ich erinnere mich, wie wir vor Jahren noch ein Café auf dem Marktplatz gesucht haben, vergeblich. Jetzt lese ich, dass es sich um das am weitesten ausgedehnte Städtchen in der Region handelt, denn es umfasst auch die umliegenden Dörfer,-Ortsteile in großer Zahl: Badingen mit einer Schlossruine, Bergsdorf, Burgwall, Kappe, Klein-Mutz mit einem Bismarckturm, Krewlin mit einer schönen Fachwerkkirche von 1690 (echt alt), Mildenberg mit dem Ziegeleipark, Ribbeck, Vogelsang – das wir immer auf dem Weg nach Warthe durchqueren – Wesendorf, Zabelsdorf. Es gibt insgesamt dreizehn Ortsteile. Das ist schon ein riesiges Gebiet, ich würde das Gebiet Zehdenicker Land nennen, so wie die Großgemeinde Boitzenburger Land, zu der auch Warthe gehört. Der Name Zehdenick hat mich neugierig gemacht, jetzt lese ich, dass es sich tatsächlich um ein slawisches Wort handelt; Cydzynek oder Sadniki hieß die Siedlung im Mittelalter; sie wurde bereits 1216 erwähnt. Ein Städtchen mit einer langen Geschichte also.

Continue reading “Zehdenick, die Havelstadt”

Ostgebiete/ Ziemie Zachodnie

Monika Wrzosek-Müller

Eine Fotoausstellung

Plötzlich häufen sich die deutsch-polnische Veranstaltungen; hoch und heilig wurde uns versprochen: Das Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der deutschen Besatzung in Polen 1939-1945 soll nun bald entstehen, nach immerhin 80 Jahren.

Doch auch andere deutsch-polnische Zusammenkünfte und Initiativen blühen geradezu; es wird tüchtig über die Identitäten, kollektives Bewusstsein, Erinnerungskultur etc. diskutiert. Zusammen mit einer Gruppe von Schreibenden habe ich mir die Ausstellung „Ostgebiete – Ziemie Zachodnie, Eine deutsch-polnische Spurensuche, Polskie i niemieckie ślady pamięci“ im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung angesehen. Es ist eine gute Fotoausstellung, die wie ein Dialog in Fotos zwischen den deutschen und polnischen Fotograf*innen funktioniert. Die jeweiligen Perspektiven könnten nicht unterschiedlicher sein. Zu meiner Zeit in Warszawa sprach man von „wiedergewonnenen Gebieten“, auf der deutschen Seite von verlorenen, ehemaligen deutschen Ostgebieten. Beide Bezeichnungen waren nicht neutral, konnten nicht neutral sein, wurden politisch immer wieder aufgeladen. Und doch ist diese Verschiebung der Grenzen nach dem Krieg passiert, Zigtausende von Menschen wurden umgesiedelt. Sie blieben jahrzehntelang entwurzelt, fremd und neu, und das auf beiden Seiten. Wohl gemerkt, die Polen hatten daran wirklich überhaupt keine Schuld und trotzdem mussten sie sich nach dem schrecklichen Krieg dem Diktat der Grenzverschiebungen beugen und unterordnen.

Es ist gut, diese Themen so unaufgeregt wie möglich anzugehen, sie zu dokumentieren, den Prozess der Annäherung an die veränderte Wirklichkeit, auch der persönlichen, privaten, fast intimen zu zeigen. Was bedeutet das, welche Bilder sind damit verbunden, welche Bilder haben wir im Kopf, wenn wir darüber reflektieren? Wie fühlt sich das an? Ist inzwischen das meiste überwunden: die Trauer, die Fremdheit, die Wut? Und noch eine wichtige Frage: was bleibt, wie soll man mit diesem Erbe der schweren Geschichte umgehen?

Als Kind besuchte ich meine Mutter in Lądek Zdrój (früher Bad Landek), sie war dort zur Kur im Sanatorium und meine Schwester, unsere Tante und ich fuhren dorthin, um sie zu sehen, und wir wurden privat untergebracht. Das muss Ende der 60er Jahre gewesen sein. Wir wohnten in einer alten, für die damaligen, sogar für Warschauer Verhältnisse, imposanten Villa und die ganze Atmosphäre war für mich seltsam, fremd und gruselig. In der Küche wie auch im Bad hingen Leinentücher mit auf Deutsch gestickten Sprüchen, manche in blauen Kreuzstichen, die anderen in roten; ich verstand sie nicht und keiner der Bewohner des Hauses konnte sie mir übersetzen. Niemand sprach auch darüber, wie die Situation zustande gekommen war. Sie nutzten das alles, waren durchaus froh darüber, das alles zu haben, das äußerten sie laut, aber mir schienen sie völlig verloren und fremd in diesem total durchmöblierten Haus, mit riesigen Betten und Schränken im Schlafzimmer und einer voll eingerichteten Küche, deren Utensilien sehr ausgesucht und den Bewohnern oft unbekannt waren.

Die Fotos der Ausstellung beschäftigen sich nach ca. 60 Jahren auch mit diesen Fragen. Natürlich sind die Spuren jetzt viel stärker verwischt, sie würden nicht mehr so ins Kindesauge stechen. Die neun Künstler aus beiden Ländern gehen das Thema sehr subjektiv und spontan an. So sind die Schwerpunkte der Fotografien sehr verschieden; sie reichen von wunderbaren Landschaften, die in einem Fall, soviel ich mich erinnere, dieselben Landschaften jetzt zeigen sollen, die sich auf den alten, auf dem Dachboden gefundenen Fotos, abgebildet fanden. Der Künstler geht so weit, dass er exakt dieselbe Einstellung, denselben Bildausschnitt wählt. Manchmal fehlt ein Häuschen, oder die Bäume sind größer. Es gibt viele Porträtfotos, auch Gegenstände des täglichen Lebens gehören zu den oft fotografierten Objekten: Porzellan, Einweckgläser, getrocknete Pilze in Kränzen hängend, aber auch ganz einfache Einrichtungsgegenstände. Immer steht dahinter eine Geschichte, eine Erzählung, manchmal über die trotz allem Gebliebenen, manchmal über die Geflüchteten, über Leerstellen in ihren Lebensgeschichten, über das Verschweigen, auf jeden Fall über die Stille der Orte, aber auch die mit neuem Leben erfüllten alten Objekten.

Ein Projekt ist mir in diesem Zusammenhang im Gedächtnis geblieben. Irgendwie zentral in der Ausstellung steht eine rechteckige, dicke Säule, die von allen Seiten mit hunderten von Fotos beklebt ist. Es sind Aufnahmen der alten Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die sich im Gebiet um die Stadt Oława [Ohlau] befinden. Der Fotograf wollte für sich die verschwiegenen Begriffe wieder aufwecken: „poniemieckie“ [nachdeutsch] und vielleicht das weitere Schicksal der Reste/Überbleibsel nachverfolgen; die Kriegerdenkmäler konnten ja bewahrt, verändert oder ganz zerstört worden oder vollständig verschwunden sein. Angeblich sind es mehr als 700 Fotos und es kommen immer wieder neue dazu. Interessant ist die Umwidmung mancher dieser Denkmäler in katholische Marienkapellen. Wenn ich länger nachdenke, stimmt es das mit meiner Wahrnehmung überein, dass nach dem Ersten Weltkrieg ungeheuer viele Gedenksteine oder Denkmäler entstanden sind. Meistens finden sie sich unweit der Kirche auf dem Hauptplatz eines Dorfes oder Städtchens.

Die Sequenz „Zur Hoffnung“ zeigt den Versuch, sich dem Geburtsort des Vaters zu nähern, ihn für sich zu erleben. Es existiert eigentlich kaum etwas, worauf man aufbauen kann, weder alte Fotos noch Andenken, doch an Ort und Stelle entsteht ein Bild, so könnte es sein, gewesen sein. Alles existiert nebeneinander, die Erinnerung und die Realität, manchmal kommen sie zusammen, meistens erzählt man sich eine neue Geschichte.

„Mind of Winter“ soll sich mit den alten Bildern, die in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit stehen, beschäftigen. Erst aus der Perspektive der eigenen Migration kann die Künstlerin erkennen, wie kompliziert und verwoben die Geschicke der Länder, die Geschichten der Menschen, die da drin vorkommen, sind. Gibt es noch Menschen mit einer eindeutigen Geschichte, mit einheitlichen Bildern im Kopf, mit einer Zugehörigkeit zu Land, Landschaft, Menschen? Die Fotos zeigen, wie neue Anfänge entstehen und neue Biografien geschrieben werden.

Der Fluss Oder trägt vieles, hat vieles gesehen und ist aber ständig in Bewegung. Viele der Fotos kreisen um den Fluss und seine Landschaften und Geschichten auf beiden Seiten des Flusses, um die Brücken und die Leerstellen, um die nicht zu Ende erzählten Geschichten.

Anschließend sollten wir für uns ein Projekt aussuchen, das uns besonders angesprochen hat, dann eines der Fotos ganz sachlich beschreiben, danach aber benennen, was uns dabei berührt hat: unsere Emotionen, Gefühle festhalten, schließlich dem Grund nachspüren, warum gerade dieses Foto, diese Geschichte, uns angesprochen hat.

Mich haben die Fotos aus Lemberg/Lwów/Lviv angezogen: „I Have Nothing from Lviv“, auch das, was die polnische Fotografin dazu schreibt: „Das Thema der Umsiedlung kreist in meinem Blut. Seit ich klein war, wusste ich, dass meine Familie nicht ganz nach Schlesien gehört – wir kennen den Dialekt nicht und statt der Kohlrouladen mit schlesischen Nudeln gab es bei uns meistens Tomatensuppe mit Reis und einer gehörigen Portion saurer Sahne dazu. In den Regalen mit den von meiner Oma gelesenen Romanen taucht ständig die Stadt Lwów auf. Als ich selbst aus der Stadt meiner Familie wegzog, fing ich an, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu verstehen, und konzentrierte mich in meiner künstlerischen Arbeit auf dieses Thema. Alles, woran ich gearbeitet habe, auch die Gespräche mit meiner Oma, haben zu der Idee einer gemeinsamen Reise zum Ort ihrer Kindheit geführt, zu dem sie jahrzehntelang nicht gekehrt war.“

Eines der Fotos zeigt einen orangenen, abgewrackten Bus. Es ist Sommer und die Menschen im Bus sind sehr leicht angezogen, junge Frauen tragen Sommerkleider mit Spaghettiträgern. Im Hintergrund sieht man etwas bröckelnden Fassaden alter Bürgerhäuser, es ist Abend und die Laternen werfen ein sehr gelbes, warmes Licht. Trotzdem weht ein Hauch von Nostalgie, von Sehnsucht durch das Bild, vielleicht erzeugt durch das gelbe Licht.

Andere Aufnahmen zeigen eine ältere, einsame Frau. Auf einem Foto hält jemand (das Gesicht ist hinter den Papieren verborgen) die Evakuierungsdokumente in der Hand. Die ältere Frau ist auch in einer Unterführung allein, sie steht vor einer in weiß-grau gekachelten Wand, sieht sehr unsicher und verlassen aus.

Ich spüre Melancholie, Leere und Traurigkeit in mir aufsteigen, auch andere Fotos verstärken diese Gefühle: eine zerknitterte Plastiktüte, vom Wind getragen, auf einer löchrigen asphaltierten Straße, ein leeres altes Notizbuch. Auch die Aufnahmen der heruntergekommenen Straßen mit ukrainischen Aufschriften in Kyrillisch, erzeugen bei mir Beklemmung und Ratlosigkeit. Alles erinnert mich an meine Reise nach Lwów/ Lviv vor ca. zehn Jahren und an die Suche nach den Spuren der Vergangenheit, nach den Spuren meiner Familie, nach dem Haus, in dem meine Mutter gewohnt hat, bis sie nach Kasachstan/ Semipalatinsk deportiert wurde. Auch meine Familie hat versucht, etwas zurückzubekommen, und dann aufgegeben. Auch für mich gilt der Titel der kleinen Sequenz: „I Have Nothing from Lviv“; auch wenn ich an meinem Finger den einzigen gebliebenen Ring, den Ehering meiner Oma, trage.

MINSK, Kollektive Osmose von Oscar Murillo

Monika Wrzosek-Müller

Ein Besuch im Kunsthaus Potsdam

Leicht zu erreichen war Potsdam am Pfingstwochenende mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus Charlottenburg nicht. Es gab wieder einmal „Busersatzverkehr“ bei der Ringbahn und beim ersten Mal sind wir in den Ersatzbus in die falsche Richtung eingestiegen. Es ist schon schwierig, mit den vielen ständigen Änderungen, Busersatzverkehren oder einfach ganz gestrichenen Verbindungen auf dem Laufen zu bleiben. Wie gesagt sind wir beim ersten Versuch sozusagen rückwärts anstatt vorwärts gefahren und konnten erst an einer weit entfernten Station aussteigen. Schade, dass beim Busersatzverkehr auch nicht vorgesehen ist, an den normalen Bushaltestellen zu halten; wir hätten es da viel näher gehabt. Doch am nächsten Tag ist uns das alles dann gelungen und wir sind mit einigen Wenigen nach oben zu dem Kunsthaus oberhalb der Schwimmhalle, die jetzt zum Eventbad „Blu“ ausgebaut wurde, auf dem Brauhausberg in Potsdam hochgestiegen.

Continue reading “MINSK, Kollektive Osmose von Oscar Murillo”

Einige Gedanken zur Demokratie

Monika Wrzosek-Müller

In Deutschland regelt Artikel 20 des Grundgesetzes, dass es sich bei der Bundesrepublik um eine parlamentarische Demokratie handelt. Die Idee der „Herrschaft des Volkes“ beruht auf altgriechischen Vorstellungen von der Partizipation der Bürger an der Macht; doch nie handelte es sich um das ganze Volk, sondern immer um die Vertreter der Vertreter, um die oligoi und auch um Institutionen, die diese vertreten. Irgendwann entfernt sich das alles erheblich von dem Einzelnen, vom Individuum; was bleibt ist die Unzufriedenheit und der Mangel an Kommunikation über ein bestimmtes Vorgehen, bestimmte Entscheidungen. Eigentlich müssten wir allen Prozessen folgen können, sie verstehen und für sich akzeptieren oder… gegen sie protestieren. Solange aber die Mehrheit die Zukunft für sich in rosigen Farben sieht, melden wenige ihre Bedenken und Sorgen an, schläft das System der Mitbestimmung, Mitgestaltung etwas ein. Niemand hinterfragt, was oben passiert, solange unten das Geld irgendwie ausreicht.

Continue reading “Einige Gedanken zur Demokratie”

Dolci

Monika Wrzosek-Müller

Dolci, Cafés in Palermo

In Syrakus ist mir das nicht so aufgefallen, auch wenn die Dolci, die Süßigkeiten da ebenfalls außerordentlich gut waren. Doch in Palermo saßen wir immer wieder in einem wunderschönen, nach Wiener Art eingerichteten Café, also sorgfältig gestaltet, oft vertäfelt. In Italien gibt es im allgemeinen Bars, überall und um jede Ecke, selbst die kleinste Ortschaft kommt ohne eine anständige Bar nicht aus. Doch da ist die Bartheke das Wichtigste, manchmal stehen zwei, drei kleine Tischchen herum, meistens alles eng, voll, nicht zum längeren Verweilen gedacht. Natürlich gibt es auch fast museal anmutende Cafés, wie das Café Florio in Venedig oder Al Bicerin in Turin usw. Wenn die Sonne wärmer scheint, werden oft Tische und Stühle nach draußen gerückt; fast die ganze Piazza della Signoria in Florenz wird manchmal vom teuren Café Rivoire mit Beschlag belegt. Da sitzen die Menschen dann schon länger und zahlen für ihren Kaffee wesentlich mehr. Doch eine italienische Kultur der Cafés mit Kaffee und Kuchen, so wie sie in Wien, Prag, Warschau oder auch Dresden gepflegt wird, zum längeren Verweilen, habe ich erst in Sizilien und genauer in Palermo erlebt.

Continue reading “Dolci”