Projekt Irena Bobowska. Krieg.

Der erste Tag des Projekts – Heimat – ist schon hinter uns. Vor uns die Veranstaltung Nummer 2: Krieg.

Projekt: Anna Krenz

Michael G. Müller

Hartherzige Christen? Russlands Krieg gegen die Ukraine und die deutschen Protestanten

Wie sollen sich evangelische Christen, deutsche Protestanten zu Russlands Krieg gegen die Ukraine verhalten? Was ist in dieser Lage für uns Deutsche geboten – als Christen, als Europäer und Nachbarn der Ukraine, als Träger einer besonderen historischen Verantwortung für das Unglück, das die Ukraine im Zweiten Weltkrieg und danach erfahren musste? Ist es geboten, die Ukraine nicht nur moralisch und humanitär zu unterstützen, sondern auch militärisch, durch die Lieferung schwerer Waffen? Viele prominente deutsche Protestanten haben sich dazu seit Beginn des Kriegs geäußert. In den letzten Wochen waren dies u.a. Annette Kurschus, die gegenwärtige EKD-Ratsvorsitzende, und deren Amtsvorgänger Wolfgang Huber, Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm, aber auch Joachim Gauck, Ex-Bundespräsident und protestantischer Theologe. Ihre Antworten auf die kritischen Fragen gehen weit auseinander. Das Meinungsspektrum spiegelt ziemlich genau die aktuellen Spaltungen innerhalb der deutschen intellektuellen Eliten.

Die EKD und ihre Vorsitzende Annette Kurschus erklären, gewissermaßen offiziell, dass es hier keine einfache Parteinahme geben könne. Kurschus: „Wir verfügen nicht über ein Wissen christlicherseits, das es uns erlauben würde, einzelne politische Optionen direkt aus der Bibel abzuleiten.“ Obgleich also Russlands Angriff auf die Ukraine eindeutig zu verurteilen sei, gebe es keine für alle Christen gültige Handlungsanweisung. „Es kommt auf uns an, den leidenden Menschen in der Ukraine, den verängstigten Menschen in unseren Nachbarländern, unsere Solidarität zu zeigen, keine billige, sondern eine, die uns etwas kostet. Es kommt auf uns an, den Menschen in Russland, die sich gegen den Krieg stellen, unsere Achtung zu bezeugen. Es kommt auf uns an, den Menschen, die flüchten, zu helfen und ihnen Wege zu öffnen, damit sie ihr Leben retten können.“ Dagegen komme die EKD, so ein Kommentar, zu dem Schluss, dass es für und gegen Waffenlieferungen an die Ukraine jeweils gute Gründe gebe. Dilemmata müssten benannt werden. „Es ist nicht immer hilflos, wenn man sagt: Ich weiß es nicht. Das ist manchmal das einzig angebrachte“. So bekräftigt Kurschus, dass die Ukraine das Recht auf bewaffnete Selbstverteidigung habe und dabei unterstützt werden müsse. Sie widerspricht aber auch Meldungen, wonach sie vorbehaltlos für die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine eintrete.

Beherzter äußerten sich die ehemaligen EKD-Ratspräsidenten Wolfgang Huber und Heinrich Bedford-Strohm. Die EKD-Friedensdenkschrift von 2007, so Huber, habe weiterhin ihre Berechtigung und Gültigkeit, doch zwinge die neue Lage dazu, über die Denkschrift hinauszudenken: „Der auf den Verbrechen des 20. Jahrhunderts fußende deutsche Sonderweg steht uns – auch als Christen – nicht mehr zur Verfügung“, denn „[e]s ist grotesk, dass die Gewalttaten, die unsere Väter verübt haben, uns daran hindern sollten, Menschen beizustehen, die Opfer vergleichbarer Gewalttaten sind… Bei allem Respekt für den Vorbildcharakter einer persönlichen Entscheidung zur Gewaltlosigkeit, diese Gewaltlosigkeit zur unumstößlichen Maxime eines ganzen Landes zu machen, heißt gegebenenfalls, nicht nur für sich, sondern auch für andere auf das Selbstverteidigungsrecht zu verzichten“. So plädiert auch Huber, ähnlich wie Kurschus, dafür, die Kontroverse über die angemessene Haltung gegenüber dem Krieg gegen die Ukraine offen auszutragen – zieht aus dieser „friedensethischen Zeitenwende“ für sich aber den Schluss, dass auch militärische Hilfe für die Ukraine geboten sei. Zum selben Schluss kommt Bedford Strohm. Auch wenn man als christlicher Pazifist angesichts solcher Entscheidungen zwangsläufig „zerrissen“ sei, müsse man die Ukraine nicht nur durch humanitäre Hilfsmaßnahmen, sondern auch durch Waffenlieferungen unterstützten – wenngleich man nicht behaupten dürfe, „dass man alles mit Waffen lösen kann.“

Kategorisch widerspricht dem Margot Käßmann. Sie will die Vorstellung von einer friedensethischen Zeitenwende nicht gelten lassen. Sehr wohl verurteilt sie Putins Angriffskrieg und beteuert ihr Mitgefühl für dessen Opfer. Doch sei der aktuelle Krieg aus der Perspektive christlich-pazifistischer Ethik nicht grundsätzlich anders zu bewerten als die anderen gewaltsamen Konflikte in und außerhalb Europas in unserer Zeit – als die Kriege auf dem Balkan, die Kriege in Afghanistan, Syrien, im Jemen. Immer, und auch jetzt, seien die Christen vor allem dem Friedensgebot verpflichtet, im Sinne der „Bergpredigt“. Gerade die Deutschen müssten sich angesichts ihrer historischen Verantwortung auch jetzt aktiv zum Prinzip des Gewaltverzichts bekennen: keine Waffenlieferungen an die Ukraine, kein „Sondervermögen“ für Investitionen der Bundesregierung in die nationale Rüstung; stattdessen größere Investitionen in Klima- und Bildungspolitik. Und der Krieg in der Ukraine? Käßmann legt nahe, einerseits die russische Zivilgesellschaft und ihren (vermuteten) Widerstand gegen Putins Angriffskrieg zu stärken, andererseits aber doch in Richtung direkter Verhandlungen mit Putin, d.h. zwischen dem Putin-Regime und der Ukraine, zu wirken. Schließlich sei es keineswegs neu, dass man auch mit Diktatoren und Aggressoren am Ende verhandeln müsse – so wie mit den afghanischen Taliban oder mit dem Assad-Regime in Syrien. Wie, auf welcher Grundlage und worüber derzeit mit den russischen Aggressoren zu verhandeln wäre und wer ein Mandat dazu hätte – das lässt Käßmann allerdings offen.

Wer diese Diskussion unter den prominenten Protestanten in Deutschland sozusagen von außen, d.h. als Nicht-Theologe, verfolgt, ist zunächst allerdings überrascht darüber, welch geringe Rolle hier religiös-theologische Argumente spielen. Gewiss, es ist die Rede von der Verantwortung der Christen, für die Verfolgten und die im Krieg Geschädigten und Geschändeten zu sorgen, sie zu verteidigen. Bedford-Strohm macht diesen Aspekt stark, relativiert ihn zugleich aber indirekt dadurch, dass er das aktuelle Leid der Ukrainerinnen und Ukrainer in den größeren, globalen Kontext des Leidens so vieler Menschen in der Welt stellt. Alle verdienen unsere christliche Solidarität und Hilfe, aber wie…? Margot Käßmann wiederum gebraucht durchaus theologische Argumente – etwa in der Berufung auf die „Bergpredigt“ („Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“) oder auf Luthers im Grundsatz distanziertes Verhältnis zum Kriegshandwerk. Dabei geht sie aber durchaus manipulativ mit dem theologischen Erbe um. Sie unterschlägt, dass Luther selbst in seiner Schrift von 1525 „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ die Landesherren ganz offen zu einem totalen, erbarmungslosen Krieg gegen die rebellischen Bauern aufforderte. Sie geht auch – wie freilich auch ihre andersdenkenden Konfessionsverwandten – mit keinem Wort darauf ein, dass es eigentlich seit der Gründung der christlichen Kirche eine kontinuierliche, immer kontroverse Diskussion darüber gab, ob es so etwas wie einen „gerechten Krieg“ (bellum iustum) geben könne. Als gerecht, so die kirchliche Lehre des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, sollte ein Krieg gelten, der um eine „gerechte Sache“ (causa iusta) geführt wurde. Was wäre dazu aus der Perspektive des Jahres 2022 zu sagen? Auf diese Frage mögen heute offenbar wenige antworten.

Verwirrend und letztlich irritierend aber auch der argumentative Umgang führender Protestanten mit den sprichwörtlichen Lehren aus der Geschichte. Alle verweisen natürlich darauf, wenn es darum geht, die besonderen deutschen Sensibilitäten im Umgang mit bewaffneten Konflikten zu erklären bzw. zu rechtfertigen. Für Margot Käßmann reicht freilich die Feststellung aus, dass es für die Deutschen nach den Erfahrungen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts keine andere Konsequenz gebe, als jede bewaffnete Auseinandersetzung zu verdammen: nie wieder Krieg. Dabei verweigert sie sich de facto aber der Frage nach der deutschen Verantwortung für die besondere Konfliktgeschichte in Osteuropa im 20. Jahrhundert – die Verantwortung dafür, dass in der Ukraine rund 5 Millionen Menschen Opfer von Hitlers kolonialem Eroberungs- und Vernichtungskrieg wurden, dass Nazi-Deutschland mit diesem Krieg aber auch den Weg für die sowjetische Herrschaft über die Ukraine in den folgenden Jahrzehnten gebahnt hat. Wolfgang Huber hat mit seinen schon zitierten Aussagen auf diese Schwachstelle in der fundamentalpazifistischen Argumentation hingewiesen. Dürfen deutsche Christen sich der besonderen deutschen Verantwortung für die Ukraine mit dem Argument entziehen, dass gerade wir Deutschen uns aus vermeintlich guten Gründen nicht mehr durch die Unterstützung militärischer Gewaltanwendung schuldig machen wollen? Natürlich nicht.

Am prägnantesten hat wohl Joachim Gauck das eigentliche Problem auf den Begriff gebracht. Indem deutsche Fundamentalpazifisten (wie Käßmann) auf die Tätervergangenheit der Deutschen im Zweiten Weltkrieg als Rechtfertigung für ihre Haltung verweisen, so Gauck neulich in einem ZDF-Interview, betreiben sie eine Art „Selbstprivilegierung“. Das vorbehaltlose Bekenntnis zu den deutschen Verbrechen der Vergangenheit privilegiert die Nachkommen der Täter scheinbar dazu, sich heute eines aktiven Engagements zu enthalten. Tatsächlich klingt es schal, wenn Margot Käßmann in ihrem (von ihrem beschaulichen Wohnsitz auf der Ostseeinsel Usedom aus erteilten) Ferninterview an das christliche Gebot der Feindesliebe erinnert. Dem Feind „die andere Wange hinhalten“ müssen ohnehin nicht wir Deutschen, sondern die Menschen in der Ukraine.

Überhaupt scheint am ehesten Joachim Gauck heute zu einer klaren Analyse der Lage fähig zu sein, auch zu überzeugenden Antworten auf die Frage, wie protestantische Christen sich dazu verhalten sollen. Die Medien sind zwar eher an seiner Einschätzung als ehemaliger Bundespräsident und Politiker interessiert als an seinem Urteil als protestantischer Theologe. Doch bringt Gauck beide Perspektiven in dem erwähnten Interview souverän zusammen. Die Fehleinschätzungen der jüngeren deutschen Russlandpolitik und deren katastrophale Folgen analysiert er scharfsinnig – und er kann sich zu Recht darauf berufen, schon 2014 eindringlich vor den falschen Weichenstellungen gewarnt zu haben. Ebenso klarsichtig benennt er, was heute die Pflicht aller derjenigen ist, die sich zu den Werten des Christentums, der Aufklärung und der Demokratie bekennen, in Deutschland und anderswo. Unsere Vernunft und unser Gewissen gebieten uns, die Ukraine mit allen uns verfügbaren Mitteln bei ihrer Verteidigung gegen die russische Aggression zu unterstützen. Wer hier zögert, so Gauck, handelt „gewissenlos“.

Den deutschen Protestanten auf pauschale Weise Herzlosigkeit in ihrer Einstellung und ihrem Verhalten gegenüber dem Krieg gegen die Ukraine vorzuwerfen, wäre falsch. Es gibt viele unterschiedliche Stimmen und Haltungen unter Deutschlands Protestanten, darunter auch sehr empathische und moralisch überzeugende. Man fragt sich allerdings, warum Deutschlands evangelische Kirche in einer derart essentiellen Frage nicht zu einer gemeinsamen Position finden kann. Die EKD rechnet es sich als Tugend an, innere Gegensätze auszuhalten und Kontroversen offen auszutragen. Aber wozu braucht man eigentlich eine Kirche, wenn sie nur die Vielfalt der Meinungen in der Gesellschaft widerspiegelt, anstatt religiöse und ethische Orientierung zu geben?


Prof. em. Dr. Dr. h.c. Michael G. Müller

Präsident Putin und Zar Peter I.

Michael G. Müller


Was könnte Vladimir Putin gemeint haben, als er bei einem öffentlichen Gespräch anlässlich des 350. Geburtstags Peters des Großen laut über dessen Vermächtnis für das heutige Russland nachdachte.
Gesagt hat er Folgendes: „Peter der Große führte 21 Jahre lang den Großen Nordischen Krieg. Er kämpfte gegen Schweden und versuchte, dem Land einige seiner Teile zu entreißen. Er hat nichts genommen, sondern er hat das Land zurückgeholt. Ja, er holte das Land zurück und stärkte es. Genau das hat er getan. Offensichtlich sind jetzt wir an der Reihe, das Land zurückzuholen und zu stärken.
Und wenn wir davon ausgehen, dass diese Werte die Grundlage unseres Daseins sind, dann werden wir die Aufgaben, vor denen wir stehen, sicher erfolgreich lösen.”
Was Putin sicher nicht meinte, wenn von den „Werten“ der Peter-Zeit sprach, ist immerhin klar. Peter I. verstand sich als Vorkämpfer einer radikalen Öffnung Russlands für die westliche Zivilisation – durch welche er das hoffnungslos rückständige Moskauer Zartum „vom Nicht-Sein ins Sein“ führen wollte. Putin dagegen verficht vehement dieselben Thesen, welche alle russischen Kritiker Peters I. vom 19. Jahrhundert bis heute, darunter auch Aleksander Solschenizyn, vertreten haben: Die „Unterwerfung“ unter die dekadente westliche Zivilisation sei Russlands Verderben. Nicht die Vision Peters I. von einer neuen, aufgeklärten russischen Gesellschaft könne das Leitbild sein, sondern die Rückkehr zu dem alten Leitbild einer religiös-mythisch begründeten russischen Gemeinschaft.
Ganz unklar ist aber, warum und wie sich Putin auf Peters Außen- und Eroberungspolitik, auf den 21 Jahre dauernden Großen Nordischen Krieg und dessen Resultate berufen könnte. Gewiss, der am Ende dieses Kriegs 1721 in Nystad besiegelte Frieden markierte einen spektakulären Sieg Russland; er ließ auch Peters Anspruch darauf, nicht mehr nur als „moskowitscher Zar“, sondern als russischer Kaiser tituliert und behandelt zu werden, plausibel erscheinen. Doch um welche territorialen Ansprüche und tatsächlichen Erwerbungen des Moskauer/des Russischen Reichs ging es damals?
Durch den Nystad-Frieden kam Russland in den Besitz von Ingermanland und Teilen Kareliens (wo es immerhin russischsprachige Bewohner gab), außerdem von Estland und Livland (Ländern ohne traditionelle ethnisch-politische Verbindung zu Russland). Im Süden dagegen, an der Front zum Osmanischen Reich, waren Zar Peters ehrgeizige Eroberungspläne weitgehend gescheitert. Zwar gehörten seit dem späten 17. Jahrhunderts auch Teile des Ukraine (mit der Stadt Kiev) zum russischen Reichsgebiet. Doch sämtliche Zugänge zum Schwarzen Meer waren und blieben Russland noch lange verschlossen; auch die von Tataren bewohnte Krim und deren nördliche Festlandsgebiete sollten noch bis 1783 weit außerhalb des russischen Zugriffs bleiben. Mit einem Wort: An eine „Wiederherstellung“ des Imperiums Peters I. kann Putin heute wohl nicht denken.

Das europäische Russland in den Grenzen von 1725

Eigentlich geht es Putin um etwas Anderes. Wenn er betont, dass Peter I. nicht etwa neues Territorium erobert, vielmehr altes russisches Land „zurückgeholt“ hat, spielt er auf eine alte Denktradition in der russischen Staats- oder Reichsgeschichte an – die Doktrin vom „Sammeln der russischen Erde“, welche seit dem 15. Jahrhundert, seit der Zeit des Großfürsten Ivan III., die Expansionspolitik des Moskauer Staats begleitet und gerechtfertigt hatte – und zwar nicht nur die politische Unterwerfung alter russischer Teilfürstentümer, sondern auch die Expansion in Gebiete ohne altrussischer Herrschaftstradition. “Es ist unmöglich, verstehen Sie, unmöglich“, sagt Putin, „einen Zaun um ein Land wie Russland zu bauen”. Will sagen: Wo Russland, d.h. das russische Reich, endet, entscheiden die Russen selbst. Die Ansprüche der direkten Nachbarn auf nationale Souveränität und demokratische Selbstbestimmung sind hier unerheblich.
Kann man darüber mit Putins Regierung „verhandeln“, wie nicht wenige westliche Anhänger einer Appeasement-Politik gegenüber Russland fordern? Solches Verhandeln hätte wahrscheinlich ähnliche Erfolgsaussichten wie analoge Bemühungen im Zweiten Weltkrieg, nach Deutschlands Überfall auf Polen 1939 und auf die Sowjetunion 1941, mit Hitler über eine Begrenzung seiner Kriegsziele zu reden.

Zacznijmy od edukacji

Interview auf Deutsch:

Andrzej Grajewski rozmawia z profesorem Robertem Trabą o polsko-niemieckich podręcznikach do nauki historii

Andrzej Grajewski: Szefowa berlińskiego oddziału Instytutu Pileckiego Hanna Radziejowska zwróciła niedawno uwagę, że w ośmiu przeczytanych przez nią niemieckich podręcznikach do historii nie było słowa o terrorze i zbrodniach na polskiej inteligencji i ludności cywilnej, o powstaniu warszawskim, Polskim Państwie Podziemnym i rządzie na emigracji. Czy ten opis odpowiada prawdzie?

Prof. Robert Traba: Dziwi mnie, że zaczynamy rozmowę od wypowiedzi o faktach powszechnie znanych, pomijamy zaś milczeniem zamknięcie historycznego projektu pierwszego wspólnego polsko-niemieckiego podręcznika do nauczania historii. O mankamentach niemieckich podręczników publicznie mówiłem wielokrotnie, korzystając m.in. z analizy treści blisko 40 spośród nich. Wskazywaliśmy na brakujące w nich elementy opisu niemieckiej okupacji, eksterminacji polskich elit czy funkcjonowania Polskiego Państwa Podziemnego.

Wydarzeniem na skalę międzynarodową jest fakt, że wysiłkiem dwóch rządów przygotowywany był wspólny podręcznik. Zastanawiam się, dlaczego dzień po zakończeniu tego projektu PAP – główne medium informacyjne – wysyła do opinii publicznej wiadomość, że w sprawach podręcznikowych nic się nie zmieniło. Jakby komuś chodziło o sabotowanie naszej pracy, wykonanej, podkreślam, na zlecenie polskiego rządu.

Mówimy o podręczniku „Europa. Nasza historia/Europa – Unsere Geschichte”. W jakich okolicznościach powstał?

To wielki, realizowany od 12 lat projekt, którym kierowały ze strony państwa polskiego trzy ministerstwa oraz powołana do nadzoru merytorycznego Wspólna Polsko-Niemiecka Komisja Podręcznikowa. Żaden z kolejnych rządów tego projektu nie przerwał, zapewniając biorącym w nim udział ekspertom pełną wolność i niezależność. Dodam, że w 2012 r. opracowaliśmy „Zalecenia”, które w sposób zasadniczy zmieniają sposób opowiadania dziejów Polski i Niemiec. Wszystkie zostały zrealizowane w tym wspólnym, wspieranym przez oba rządy podręczniku.

Jaki jest status tego podręcznika?

Został zatwierdzony do użytku przez konferencję ministrów oświaty Niemiec. Nie ma federalnego ministerstwa oświaty, gdyż to kompetencja poszczególnych landów. Podręcznik został uznany w 15 landach, poza Bawarią, która stwierdziła, że za mało jest w nim elementów bawarskich. Pozostawię to bez komentarza. Ponieważ IV tom został zamknięty dopiero w czerwcu br., w Polsce trwa proces recenzyjny wszystkich czterech tomów, aby dopuścić go oficjalnie do nauki historii w polskich szkołach. Osobiście wierzę w pozytywne jego zakończenie. Mam nadzieję, że władze w obu krajach wesprą jego używanie. Akceptację dokonaną przez nauczycieli będziemy mogli ocenić dopiero za rok, kiedy będzie miał szansę jako całość wejść do użytku w szkołach. Żaden nauczyciel nie podejmie się używania podręcznika, jeśli nie ma kompletu, a ten stan osiągnęliśmy dopiero teraz.

Dalej: https://www.gosc.pl/doc/6655132

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Robert Traba, historyk i politolog. Od roku 2007 do grudnia br. był współprzewodniczącym Wspólnej Polsko-Niemieckiej Komisji Podręcznikowej. W latach 2006–2018 kierował Centrum Badań Historycznych PAN w Berlinie. Obecnie profesor w Instytucie Studiów Politycznych PAN w Warszawie.

Wspólna Polsko-Niemiecka Komisja Podręcznikowa

Kommentarz profesora Michaela Müllera

Europa – unsere Geschichte. Ein Schulbuch für Deutsche, Polen und Europäer

Das in deutsch-polnischer Zusammenarbeit gerade fertiggestellte vierbändige Unterrichtswerk zur europäischen Geschichte ist das weltweit zweite in transnationaler Kooperation erarbeitete Schulbuch – und (hoffentlich!) das erste, das in der schulischen Unterrichtspraxis auch wirklich breit genutzt werden wird, in Polen, in Deutschland, vielleicht auch anderswo in Europa.

Das Projekt hat wiederum seine eigene Geschichte. Es geht zurück auf die langjährige Arbeit der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission der Historiker und Geographen. Im Blick auf deren Erfahrungen und Kompetenzen haben die Außenminister Polens und Deutschlands unserer Kommission 2007 den Auftrag erteilt, ein gemeinsames Schulbuch für Geschichte zu erarbeiten. Das geschah dann in mehreren Stufen. Bis 2012 untersuchten Expert*innengruppen, welche Anforderungen ein solches Schulbuch in beiden Ländern je erfüllen mussten, und sie erarbeiteten genaue Empfehlungen für die inhaltliche und didaktische Gestaltung. 2012 wurden aufgrund einer öffentlichen Ausschreibung zwei Verlage mit der Realisierung beauftragt – der deutsche Verlag Eduversum und der bekannte polnische Schulbuchverlag WSiP (Wydawnictwo Szkolne i Pedagogiczne). Dann begann die Arbeit der deutsch-polnischen Autor*innenteams, unterstützt vom Expertenrat unserer Kommission. So wurden zwischen 2016 und 2020 sukzessive die vier Bände fertiggestellt.

Unsere Ziele werden in der Ansprache an die Schülerinnen und Schüler auf der Auftaktseite zu Bd. 1 erklärt. Es geht darum, dass junge Menschen „die europäische Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln“ kennen lernen, Wichtiges über die Geschichte auch unserer Nachbarn erfahren – und dadurch eben ein Verständnis dafür entwickeln, dass die europäischen Gesellschaften sehr unterschiedliche historische Erfahrungen gemacht haben, diese Erfahrungen zugleich aber immer eng miteinander verflochten waren.

Geschichte ist nicht einfach ein Archiv gesicherten Wissens über die Vergangenheit, schon garnicht etwas, was man in einer authoritativen, „objektiven“ Erzählung über Europa darstellen könnte. Es gibt Tatsachen (Ereignisse, Strkturen, Wandlungsprozesse), die genau zu rekonstruieren und zu dokumentieren die Aufgabe der Historiker*innen ist; sie sind dabei dem Prinzip der Objektivität und Wahrhaftigkeit verpflichtet. Eine ganz andere Sache ist jedoch, wie einzelne europäische Gesellschaften/Nationen, einzelne regionale, kulturelle und soziale Gruppen, ja auch einzelne Menschen die „große“ Geschichte je erfahren haben bzw. sich daran erinnern.

Jene „große“ Geschichte stellte und stellt sich den Menschen in Europa in Erfahrung und Erinnerung auf sehr unterschiedliche Weise dar. Es macht zum Beispiel einen gewaltigen Unterschied aus, ob man den deutschen Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen Polen im Jahr 1939 aus der Perspektive der Tausende zählenden Opfer unter der polnischen Zivilbevölkerung und deren Nachkommen wahrnimmt oder aus der der damals noch kaum vom Krieg betroffenen deutschen Bevölkerung. Ebenso macht es aber einen gewaltigen Unterschied aus, ob man die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in den Jahren 1944/45 aus der Perspektive der betroffenen Deutschen oder aus der der polnischen Nachkriegsgesellschaft sieht. Dass Nationen, besondere Gruppen und auch Einzelne unterschiedliche historische Erinnerungen haben, ist legitim und sozusagen natürlich. Ebenso natürlich ist, dass sich an die jeweiligen kollektiven Erinnerungen sehr unterschiedliche Deutungen der Vergangenheit knüpfen – wenn auch nicht alle dieser Deutungen „legitim“ erscheinen mögen oder zumindest kontrovers sind.

Lernen über Geschichte muss in jedem Fall aber auf selbständiger, kritischer Urteilsbildung beruhen. Dem entspricht das Angebot verschiedener didaktischer Bausteine in dem Schulbuch. Neben der konventionellen Fakteninformation (Ereignisse, Strukturen, Begriffserklärungen) werden unter dem Stichwort „Blickwinkel“ unterschiedliche Deutungen der Vergangenheit miteinander konfrontiert. Sogenannte Methodenseiten geben Anleitung zum kritischen Umgang mit Quellen und Sekundärinformationen. Unter der Rubrik „Vergangenheit in der Gegenwart“ wird auf Spuren der Geschichte in unserer heutigen Lebenswelt aufmerksam gemacht und zu deren kritischer Wahrnehmung angeregt.

Die Initiator*innen und Verfasser*innen des vierbändigen Schulbuchs wünschen sich sich, dass es einen Beitrag zur Entwicklung einer Kultur der dialogischen Erinnerung in Europa leisten kann. Damit es dazu kommen kann, braucht es aber – wie Robert Traba (polnischer Ko-Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission bzw. der Projektgruppe Schulbuch) zurecht angemerkt hat – nicht nur wechselseitige Empathie, sondern auch die Bereitschaft, die „Polyphonie der nationalen Erinnerungskulturen“ als „dialogbereichernd“ anzuerkennen.

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Michael G. Müller, Professor für Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle, ehemaliger Ko-Vorsitzender der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission und Ko-Vorsitzender des Expertenrats für die Projektgruppe Deutsch-Polnisches Schulbuch

Wie ich Joachim Zinsky kennenlernte.

Michael Müller

Oder: Wem gehört der Kiez?

Auf dem Rückweg vom Schlosspark Charlottenburg nach Hause ist mein Dackel immer schnell. Er zieht mich zielstrebig die Sophie-Charlotten-Straße entlang, um, ohne weiteren Umweg zuzulassen, in unseren Torweg einzubiegen. Heute steht uns auf der Sophie-Charlotten-Straße aber ein Mann im Weg, der kopfschüttelnd das Werbeplakat eines Bauunternehmens betrachtet – Zinsky, wie ich später erfahre.

Fahrig gleitet sein Zeigefinger über eine Computersimulation des Gebäudekomplexes mit Luxus-Eigentumswohnungen, der hier gerade gebaut wird, und er fragt mich: „Wo ist denn da jetzt was?“ Als ich ihm zu erklären versuche, dass das nur eine Simulation ist und wie die inzwischen halbfertigen Rohbauten in das Bild passen werden, ist er empört. „Wie jetze“, sagt er, „die jibt et noch jar nich? So ne Schweinerei!“

Dabei ist er eigentlich kein Miesmacher. Er will nur verstehen, wer da was in seinem Kiez macht und was das für ihn bedeutet. Er wohnt in der Pulsstraße, in einem Hochhaus aus den 70ern, im 6. Stock, Blick auf den Schlosspark – schön, obwohl es angeblich unerträgliche Nachbarn gibt. Aber der Parkblick interessiert ihn eigentlich weniger als das Gelände auf der anderen Seite, das jetzt bebaut wird. Bis 2014 waren da die alten Gebäude der „Puls-Klinik“ und es gab Bäume. Jetzt ist das alles weg und stattdessen dröhnen die Baumaschinen. Seine Sorge: Da kann man jetzt nicht mehr wie früher die Autos parken – obwohl er selbst kein Auto hat.

Was ihn wirklich beunruhigt, sind die vielen gleichzeitigen Veränderungen. Die unerträglichen Nachbarn in seinem Wohnblock sind ehemalige Patienten der Psychiatrie aus der Schlossparkklinik. „Und jetzt bauen sie da einen neuen Psychiatrietrakt, bald fertig…“ Was entsteht da vor seinen Augen? Die fehlenden Parkplätze werden das geringste Problem sein. Aber was wird mit seiner vertrauten Nachbarschaft?

Er beginnt, mir zu erklären (ohne Anlass), dass er eine Tagespflege hat – einmal in der Woche, „nein, oder zweimal. Sie war gestern, am Montag, da, als ich gerade…“ Dann fällt ihm wieder mein Dackel ein. Ja, er hat auch mal einen Hund gehabt – einen Schäferhund, der besonders wachsam war und einmal ein Kind im Kinderwagen gerettet hat, oder umgekehrt. Irgendwie scheint der Schäferhund auf tragische Weise ums Leben gekommen zu sein, schon in Zinskys Kindheit oder später.

Wir verabschieden uns irgendwann. Ich erkläre ihm, dass ich auch gleich um die Ecke wohne, also auch Nachbar bin. Meine Adresse, Mollwitzstraße, sagt ihm aber offenbar gar nichts. Er winkt mir nur im Weggehen zu – „Joachim Zinsky, nich verjessen!“

Ich first

Michael Müller

Wenn ich vom Berliner Südwesten mit dem Auto nach Hause, nach Charlottenburg, fahre, muss ich das Nadelöhr der Stadtautobahn am Funkturm passieren. Wer da weiter nach Norden will, muss sich auf einer Spur, der linken, einordnen; die rechte führt von der Autobahn ab, zum Messegelände, dem ICC usw. Ortskundige haben hier zwei Möglichkeiten. Entweder sie fädeln sich geduldig in die Schlange auf der linken Spur ein, oder sie fahren rechts vorbei und drängeln sich dann im vorletzten oder letzten Moment in die linke Spur hinein. Von der zweiten Möglichkeit machen viele Gebrauch – weshalb der Stau auf der linken Spur umso länger wird. Wer drängelt da auf Kosten der Geduldigen? Das sind nicht nur Kamikatse-Fahrer, in der Mehrheit auch nicht Taxis. Es sind meistens ganz normale Leute – oft junge Väter und Mütter in ihren SUVs, die die Vorfahrt gegen kleinere Autos erzwingen. Ich first!

Das scheint inzwischen zu einer Lebenshaltung, vielleicht sogar zu einer Erziehungsmaxime geworden zu sein, nicht nur beim Autofahren. Life is brutal, und wer sich durchsetzen will, muss die Ellbogen ausfahren. Das haben die SUV-Fahrer mittleren Alters wohl selbst meistens erfahren. Wer nicht andere auch mal abdrängt, wer nicht laut genug, lauter als die anderen, schreit, wer sich nicht breit macht, auch auf Kosten anderer, der hat das Nachsehen. Das lernen dann auch die Kleinen, wenn sie mit den Eltern im Auto fahren, wenn sie sehen, wie diese in Läden und Restaurants oder an Flughäfen um ihr „Recht“ kämpfen. Ich first.

Außerdem lernen die Kleinen, wie man andere – Gleichaltrige, aber auch Erwachsene – zurecht weist. Sie müssen doch Ihren Hund an die Leine nehmen! Hier darf man aber nicht parken! Wenn Sie mich im Auto mitnehmen, müssen Sie aber einen Kindersitz haben und mich anschnallen! Lerne, die anderen ins Unrecht zu setzen. Ich first.

Zentral für die Verfassung der USA ist das Recht des Individuums, nach dem eigenen Glück zu streben (the pursuit of happiness). Europäische Verfassungen hatten oder haben mehr das kollektive Wohl der Bürger im Blick: eine Ordnung von Gesellschaft, die allen eine Chance auf Glück bietet, ohne dass das auf Kosten der anderen, Schwächeren geht.

Ich first? Vielleicht müssen wir nachdenken, wie weit es uns bringt, so zu denken und zu handeln.