Frauenblick. Wegfahren.

Monika Wrzosek-Müller

Dass man in der Pandemie irgendwohin fahren, sich bewegen, etwas anderes sehen möchte, ist klar. Das lange Hocken an einem Ort, mit wenigen Menschen rundherum, hat uns alle etwas unbeweglich, mürbe, etwas einsamer, stiller, vielleicht auch nachdenklicher gemacht.

Unsere Einsiedelei in der Uckermark entpuppte sich als eine fantastische Möglichkeit für Abwechslung im Alltag; viel Natur ist unerhört gesund und ökologisch, jedem zu empfehlen. An den Anschlagbrettern in den Dörfern sehen wir immer öfter Anzeigen wie „suche eine Bleibe, ein Häuschen, ein Appartement für eine Familie…“ Es wurde uns auch oft berichtet: jetzt, wegen der Pandemie sei der Ansturm auf unsere Gegend gewaltig; die Berliner zögen aufs Land, nicht in den grünen Speckgürtel, sondern weiter weg und landeten hier in unserem schönen Bundesland. Langsam wird es um unseren See voller, nicht nur wegen der vielen Bieber; es gibt immer mehr Ausflügler, Tages-, Sommertouristen, länger Verbleibende, Wanderer, Radfahrer, Camper. Die Entwicklung konnte man förmlich spüren, schon länger, jedes Jahr wurden es mehr, die hierher kamen. Manche kauften gleich Häuser, bauten sie aus, breiteten sich sichtbar in den Dörfern aus, andere kamen mit dem Zug, mit Sack und Pack, mit Kindern, mit Fahrrädern, wieder andere, so wie wir, pachteten ein Häuschen, um immer wieder herkommen zu können. Lange galt in der Pandemie, wer hier keine fest Bleibe hatte, konnte nicht rausfahren; da fühlten wir uns richtig privilegiert.

Schon der Weg hierher ist ein kleines Abenteuer, wir passieren mehrere Zonen, fahren durch verschiedene Landschaften, verlassen die städtische Umgebung, das Ballungsgebiet; das passiert nicht so einfach und abrupt, es geht eher bedächtig und langsam voran. Man merkt es an der Vegetation, an Art der Bebauung, sogar an den Grüntönen und den Lufttemperaturen. An der Autobahn in Berlin ist das Grün gelblich, mickrig, die Akazien blühen so kräftig, als ob sie das letzte Mal die Möglichkeit dazu hätten, wir fahren langsam, Tempo 60 ist erlaubt. Die Autobahn mäandert durch die Stadtausläufer, wie ein gekräuseltes Band, eingezwängt in die Lärmschutzwälle.

Die nächste Etappe führt schon außerhalb von Berlin, weg von dem ganzen Ballungsgebiet, sozusagen fast im Freien; bei dem sitzenden Bären an der Stadtgrenze geben alle Gas, so als ob sie eilig hätten, zu ihrem jeweiligen Ziel zu kommen. Die Wiesen an den Seiten sind eher ausgetrocknet, die Bäume lassen ihre Äste hängen. Bald passieren wir das Unglücksdorf Nassenheide im Löwenberger Land; der Ort liegt langgestreckt an der Bundesstraße 96, hindurch rollt der ganze Verkehr mit Lastern und PKW; schon seit 1879 ist er auch durch die Eisenbahn mit Berlin verbunden. Ich staune jedes Mal über den sogenannten Waldkindergarten, der zwar seitlich wirklich an einen Wald grenzt, aber auch und sogar vor allem mit der langgestreckten Fassade an die besagte B 96. Hinter Nassenheide, hinter dem Bahnübergang beginnen dann die Ackerflächen; sie liegen alle in der Zehdenick-Spandauer Havelniederung und zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr flach sind und großflächig; schon in früheren Epochen, besonders aber dann in der DDR, wegen der LPGs, wurde auf enorm großen Flächen gewirtschaftet. Hier passieren wir riesige Felder mit Raps oder Mais, je nach Jahreszeit, auch Getreide wird angebaut. Alle diese Felder sind „quadratisch, praktisch und gut“, als Begrenzungen sind riesige, jetzt teils ganz ausgetrocknete Pappeln gesetzt worden, inzwischen überwuchert von Misteln. Für mich ist diese Landschaft eher traurig, doch sie scheint gut zu prosperieren; es gibt viele Pferdeställe, Pferde-Pensionen, auch viele Radfahrer sind auf den seitlich gelegenen Radwegen unterwegs. Dieses Bild begleitet uns mit kleineren Abweichungen bis nach Zehdenick; wir passieren den Ort Neuholland, der von klevisch-niederländischen Zuwanderern gegründet wurde. Sie haben das Sumpfgebiet mit Kanälen durchzogen und so den fruchtbaren Boden nutzbar gemacht. Das sieht man auch heute noch, die Felder sind von Kanälen durchschnitten. Hier wird das Grün saftiger, manchmal, je nach Jahr, gibt es auch Sonnenblumenfelder soweit das Auge reicht. Auf den Wiesen sieht man oft Störche, einzeln auf Nahrungssuche, und im zeitigen Frühjahr Unmengen von Kranichen. Manche Straßenabschnitte sind von alten Linden oder gar Eichen gesäumt, allerdings haben diese während der letzten Dürrejahre auch sehr gelitten. Kurze Abschnitte wurden mit neuen Bäumen bepflanzt, auch mit mir unbekannten Ahornsorten, doch meistens mit Linden, die erstaunlich schnell wachsen. Sie wechseln auch ihr Blätterkleid je nach Jahreszeit, am schönsten sind sie aber doch im Herbst, da können die Baumkronen in der Sonne manchmal richtig in Goldgelb erglühen. Mit jeder Etappe kommen wir tiefer in die Natur und verlassen das städtische Flair. Es fühlt sich wie eine richtige Verwandlung an; die ganze Lebensweise wird umgestellt, die super Einbauküchen und komplizierte Bäder bleiben in Berlin; in der Natur ist man viel weniger anspruchsvoll. Da reicht der simple Holzofen und ganz einfache Einrichtung, sie wird sogar vorgezogen.

Bald sind wir schon in Zehdenick, das Städtchen ist auch mit dem Boot von Berlin aus zu erreichen. In dem Namen Zehdenick höre ich immer das slawische Cedenic, und tatsächlich lese ich, dass es da eine frühslawische Befestigung gegeben hatte. Schon 1281 wurde sie als civitas in den kirchlichen Dokumenten erwähnt. Die wechselvolle Geschichte der Stadt, wie sie von einer Adelsfamilie zur anderen wechselte, kann man eher schwer erkennen. Für mich war interessant, dass sie 1438 von Kurfürst Friedrich I der Familie von Arnim als Lehen gegeben wurde. Später tauschte die Familie sie wiederum gegen den Ort Boitzenburg ein (das Schloss Boitzenburg liegt nicht weit von unserem Ort, also dem Dorf, zu dem wir fahren). Vom alten Glanz zeugen auf jeden Fall die Ruinen des alten Zisterzienserinnenklosters, an denen wir vorbeifahren. Größere Bedeutung errang das Gebiet um Zehdenick, als die Bahnstrecke zwischen Löwenberg und Templin gebaut wurde; 1887 wurden große Tonvorkommen entdeckt, daraufhin entstanden zahlreiche Ziegeleien und in den Ringöfen wurden Ziegeln gebrannt, die per Schiff nach Berlin transportiert wurden. Der Satz „Berlin ist aus dem Kahn erbaut“ kann man dann besser verstehen. Das sind diese kleinen, gelblichen Ziegel, die man z.B. an den Häuschen in Werder sehen kann.

Hinter Zehdenick sind wir schon mitten in der Natur, auch wenn wir entlang der erwähnten Bahnstrecke fahren und manche Dörfer sich für meinen Begriff unvorstellbar in die Länge ziehen. Es wird zunehmend welliger, hügeliger, noch grüner und ursprünglicher. Entlang der Felder gibt es oft einen Streifen mit Wiesenblumen; Mohn, Margeriten oder Kornblumen sind oft dabei. Es gibt auch Felder, die regelrecht bläulich schimmern wegen die vielen Kornblumen. Eine Endmoränenlandschaft mit zahlreichen Seen, Buchenwäldern, hier und da fruchtbaren Böden, mit Findlingen, vielen sumpfigen Wiesen breitet sich vor uns aus. Terra ukera ist nicht das, was man denken würde, nämlich urbares Land, sondern laut Wikipedia wohnte in diesem Gebiet das slawische Volk der Ukranen. Namen, die auf diese Herkunft deuten Unter- und Oberuckersee nahe Prenzlau, der Fluss Uecker und die Stadt Ueckermünde. Das Wort Mark kommt erst viel später und bedeutet Grenzland und so haben wir schon im 15. Jahrhundert den Namen Uckermark. Kurz vor Templin gibt es eine Strecke mit super Radwegen und ordentlich geschnittenen Hecken und Bäumchen; wir fahren an einer erstaunlichen touristischen Erfindung vorbei, nämlich dem „Themenpark“ Eldorado vor Templin, der mehr wie eine Westernkulisse aussieht, am Röddelinsee gelegen. Diese Attraktion wartet an der linken Straßenseite, schon nahe bei dem Städtchens Templin. El Dorado: auf jeden Fall kommt der Name aus dem Spanischen und bedeutet: der Goldene und wurde zuerst für einen Mann, dann für eine Stadt und schließlich für ein Territorium benutzt. Später weitete sich der Begriff auf alles aus, was mit Goldsuche zu tun hatte; was für ein Gold im Templiner Eldorado gesucht wird, habe ich bisher nicht herausgefunden. Noch vor der Stadt gibt es eine Draisine, mit der man zu viert bis nach Fürstenberg gelangen kann, also einsteigen, sich betätigen und völlig CO ² frei losfahren. Natürlich durchziehen das ganze Gebiet diverse Rad- und Wanderwege, man kann stundenlang wandern, ohne einem Menschen zu begegnen. Manchmal ist es fast gruselig, der Wald flüstert rundherum, die Wege führen nach links, rechts, geradeaus und zurück; man steht an einer Kreuzung und weiß nicht weiter. Tief in den Wäldern ist die Stille, die Vollkommenheit der Natur noch präsent.

Danach kommen wir schon in Templin an, wo wir unsere Einkäufe tätigen, und die letzte Etappe führt direkt in die Oase des Grünen, an einen See, groß und tief genug, um schwimmen, angeln und mit dem Ruderboot fahren zu können.

Über das Städtchen Templin und das Dorf Warthe berichte ich ein andermal; erst einmal sind wir angekommen.

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