Frauenblick: Im Sumpf

Monika Wrzosek-Müller

Die Coronazeit, die Quarantäne hat uns auf die neuen Fernsehmöglichkeiten aufmerksam gemacht, vor allem in Prag, wo wir von öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nur ARD in unserem Appartement empfangen konnten. So lernten wir Netflix kennen, manchmal auch schätzen, und schauten uns einige Produktionen an, die sonst wahrscheinlich an uns vorbeigegangen wären.

Unter den unendlich langen, in vielen Staffeln und Folgen (ja, man lernte das entsprechende Vokabular dazu kennen) und immer wieder neu gedrehten Filmen stach für mich eine kurze und spannende polnische Serie (mit nur 5 Folgen) heraus. Zugegeben, zuerst haben mich vor allem die Namen auf dem Abspann neugierig gemacht – lauter Söhne bekannter polnischen Film- und Theaterleute: Jan Holoubek, der Sohn vom Gustav Holoubek, und Magda Zawadzka (an die beiden kann sich meine Generation wunderbar erinnern), Kasper Bajon, Sohn von Filip Bajon; als Hauptdarsteller Andrzej Seweryn. Es handelt sich um eine polnische Produktion für Netflix, gedreht 2018, in Deutschland zu sehen erst ab 2020: Rojst, Witaj w polskim bagnie, [Im Sumpf] unter der Regie von Jan Holoubek.

Auch wenn ich sagen würde: der polnische Sumpf war damals vielleicht nicht so sumpfig, ist die Produktion durchaus gelungen. Man fühlt sich richtig in die frühen 80er Jahre versetzt, mit ihrer Tristesse, Hoffnungslosigkeit und Hässlichkeit; fast kam mir der Gedanke, ob es denn wirklich so schrecklich um uns herum war oder ob es um eine gewollte Überhöhung für filmische Zwecke ging, und dann gab ich mir die Antwort selbst; meine fast krankhafte Liebe und Aufmerksamkeit für das Schöne, für die Schönheit stammt wahrscheinlich daher. Im Film spielen brutale menschlichen Beziehungen, wo der Sinn für Wahrheit und moralische Normen und Menschlichkeit längst verschwunden ist (wo war denn die viel beschworene polnische katholische Kirche?) eine große Rolle. Die Natur um die Kleinstadt in Schlesien, wo die Handlung spielt, ist auch morastig und undurchdringlich, zwar nicht sumpfig (wäre noch besser), doch auf jeden Fall geheimnisvoll. Es waren die Jahre der Dunkelheit, des Kriegszustandes, in denen viele Leute aus dem Land emigrierten, fortgingen. Das alles wird fast bis ins Surreale gesteigert, dazu kommt eine Handlung, die sich für einen Krimi vielleicht zu langsam und unspektakulär entwickelt, aber die mit Fetzen der Erzählung aus der Vergangenheit, aus den direkten Nachkriegsjahren durchsetzt ist und dadurch noch geheimnisvoller wirkt. Die Geschichte von den vertriebenen Deutschen, die in einer Nacht und Nebel-Aktion aus den Häusern geholt wurden, in einen Wald, in ein Lager gezwängt und da ihrem Schicksal überlassen, litten, ist vielleicht auch zugespitzt, doch sie macht neugierig. Darüber herrscht natürlich im Film, wie tatsächlich auch in der Nachkriegswirklichkeit, großes Schweigen, nur die Namen, im Film in die Rinde der Bäume eingeritzt, mit den Jahren fast unsichtbar geworden, zeugen von den Ereignissen und das Leuchten über den Feuchtgebieten, im Wald, sendet ihre Botschaften.

Noch mal von vorne: die Handlung spielt in einer kleinen Stadt, irgendwo in Schlesien, Anfang der 80er Jahre. Im Wald nahe dem Städtchen werden ein Sportfunktionär für Jugendliche und eine Prostituierte tot aufgefunden. Die Ermittlungen dauern nicht lange und die Polizei nimmt einen Verdächtigen fest, den Mann der Prostituierten, der, mit dubiosen Methoden verhört, die Tat gesteht, so dass die Miliz den Fall ad acta legen kann. Man nimmt den angeblichen Täter fest und liefert in die geschlossene Psychiatrie ein. Doch zwei Journalisten der lokalen Zeitung, die darüber berichten wollen, stoßen auf Ungereimtheiten und neue Verdachtsmomente; wie es der Zufall will, kommt ein junger Praktikant aus Kraków, dessen Vater ein bekannter politischer Apparatschik ist, bei der Lokalzeitung zum Einsatz. Er wird von einem älteren, profilierten Kollegen betreut. Die beiden ermitteln gegen die Anweisung des Chefredakteurs in dem Fall weiter. Letztlich beschäftigt sich damit nur noch der junge, unerfahrene und naive Journalist auf eigene Faust und stößt auf einen Sumpf von Verflechtungen, Verwicklungen und bedrohlichen Situationen. Es sterben noch zwei Jugendliche und ein Metzger wird aufgehängt, der Fall endet mit einer richtig sumpfigen Lösung, die ich hier nicht verraten will.

Es ist aber nicht die kriminalistische Handlung, die für die Story den Ausschlag gibt. Es ist die Szenerie, die dunklen Bilder, die oft so düster sind, als ob sie durch einen Grauschleier gedreht worden seien; auch die Musik untermalt die dunklen Momente. Sogar die jugendliche Liebe muss diesem fatalistischen und hoffnungslosen Hauptstrang geopfert werden, sie fügt sich in die Reihe der Katastrophen, die auf dem Bildschirm passieren. Einzig der junge Journalist aus Kraków und seine schwangere Frau kommen unversehrt, wenn auch mitgenommen, aus der Geschichte heraus; sie sind der einzige Lichtblick, die einzigen Hoffnungsträger in der Geschichte. In dem ganzen Film scheint niemals Sonne über die Landschaft, es ist finster, düster aber stimmungsvoll und, wie ich am Anfang gesagt habe, wahrscheinlich so, wie es am Anfang der 80er Jahre in Polen wirklich war.

Ich kann die Serie guten Gewissens empfehlen, nicht nur polnischen Zuschauern.

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