Mit den Augen des Westens 2

Esther Schulz-Goldstein

Was geschieht in Polen?

Für Bogna Czałczyńska

Tekst po polsku: Co sie zdarzylo w Polsce

Um diese Frage beantworten zu können, betont die Autorin: das Geschichte der Menschen auch die Geschichte großer Traumen ist. Traumatische Erfahrung der Individuen, als auch Gruppen, Kohorten und Bevölkerungen begründen einschlägigen Folgen für die psychische Struktur sowohl im Einzelnen als auch in der gesellschaftlich mentalen Verfasstheit einer Nation (1).
Traumatische Erfahrung, als Drohung des “Nicht-Seins”, die uns abgrundhaft beschämt, mobilisiert die Schamabwehr im Betroffenen. Sie spaltet, verleugnet oder verdrängt unsere Schamgefühle.
Schamabwehr steht im Dienste des Lebenswunsches und erschafft die Schamfreiheitsformel, die die Spannung reduziert, zwischen dem wie man Sein möchte und wie man Sein kann.
Es ist nicht schwer, die bisherigen Auswahlkriterien, für die Bildungen eines nationalen Gedächtnisses zu bestimmen.
Bisher ging es in ihm regelmäßig um solche Bezugspunkte in der Geschichte, die, das eigene Gewordensein ausschmücken um ein positive Selbstbild zu etablieren. Was nicht in dieses heroische Bild passt, die Panik, die Verwundungen, die vielen Toten, fällt der Schamabwehr zum Opfer und verwandelt sich in einer gesellschaftlichen Regression in einen heldenhaften Gang durchs Feuer, das keinen verbrannt haben sollte.
Deshalb finden tragische Niederlage im nationalen Gedächtnis, das die Verantwortungskultur via Regression verlassen musste, ihren Platz. In ihr wird die nationale Identität innerhalb eines “Opfer- Bewusstsein wachgehalten, um “Widerstand zu legitimieren und heroische Gegenwehr zu mobilisieren” (2).

Das kollektive polnische Gedächtnis ist ebenso empfangsbereit für historische Momente der Erhöhung vor “Wien” wie der Erniedrigung in der “Teilung”, weil beides in ein heroisches Geschichtsbild eingearbeitet werden konnte.
Für Polen wurde die Opferrolle erstrebenswert, weil sie vom Pathos unschuldigen Leidens während der mehr als 120 Jahre dauernden Teilungen verklärt wird.
Was die Deutschen den Polen an Gewalt antaten, als sie mit ihrer Schamfreiheitsformel in Gleiwitz “zurück zuschießen” begannen, verstärkt diese Haltung.
Kein Einlass fand in ihr nationales Gedächtnis, die Momente der Schuld und Scham im Verhalten des polnischen Adels, die zu den Teilungen führten. Auch keine Entschuldigung bei den Bauern, deren Sklavenstatus in der Leibeigenschaft erst von den Teilungsmächten aufgehoben wurde.


Ende der Träume – Stettin ’45, Bild von Kobas Laksa im Museum Umbrüche in Stettin

Kein Einlass fand in ihr nationales Gedächtnis, die Momente der Schuld und Scham im Verhalten des polnischen Adels, die zu den Teilungen führten. Auch keine Entschuldigung bei den Bauern, deren Sklavenstatus in der Leibeigenschaft erst von den Teilungsmächten aufgehoben wurde.
Jedoch Einlass fand im neuen Stettiner Museum, das von der Schamabwehr gemalte Bild Polens, dass die polnische Heimatarmee nach dem II. Weltkrieg, sich in einem heldenhaften Guerillakrieg gegen die Sowjets gestählt habe, als ob es kein Lubliner Komitee gegeben hat, das sie bekämpfte.
Eine gegenwärtige Homogenisierungstendenz im polnischen Volkskörper zeigt sich in der Gedenkstätte Auschwitz, wo keine zwei Millionen jüdisch geprägte Polen mehr registriert sind, sondern nur noch Juden ohne nationale Wurzeln.
Dieser Ausstoß ehemaliger Polen aus dem katholischen Volkskörper signalisiert, dass die PIS die Demokratie bereits verlassen hat, und die Werte des polnischen Bürgertums keine Geltung mehr besitzen. Zur Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbildes, wurden alte Feindbilder neu belebt, wie das Deutschen-, Weißrussen- oder Litauer-bashing belegt.

Das Unglück von Smolensk mit dem Tod des Staatspräsidenten Lech Kaczyński, samt der politische Elite Polens, verstärkte -nach den Vorgaben seines in Warschau überlebenden Zwillings Jaroslaw- das kollektive Selbstbild einer Opfernation.
Das Auserwähltheitsphantasma Polens als “Augapfel Gottes” (3), erschuf nach dem Flugzeugabsturz den Mythos von Smolensk.
Der überlebende Zwilling Jaroslaw beantwortete diese Katastrophe mit einer paranoiden Grundhaltung.
In ihr bezeichnete er alle, die sich weigerten den Bruder als neuen “Augapfel” zu feiern, als Totengräber eines “solidarischen Polens”, dass er aus dem Boden stampfen möchte.
Er konnte Lech nicht trauernd in sein Selbstbild integrieren und deshalb nutzte er ihn auf dem Weg zur Macht. Dies führte zu seiner und der Schwägerin Beerdigung in der königlichen Basilika am Wawelhügel als Vorstufe künftiger Heilig- Sprechung. Auf diese Weise wird der Mythos von Smolensk mit dem Märtyrerpathos von Katyn angereichert.

Was die Vermischung von Religion und Politik anrichtet lehrte uns Amerika. Franklin Graham, der Sohn des spirituellen Beraters Präsident Bushs jr. verkündete: “Die Operation Iraqi Freedom ist ein Glückstreffer für Jesus. Wir gehen dorthin, um den Irakern in Liebe unsere Hand zu reichen um sie zu erretten” (4).

Diese amerikanische Regierung behauptete dass der Irak die saudi- arabischen Terroristen von 9/11 unterstützt und Giftgas lagere, worauf die Amerikaner die Welt von Saddam Hussein zu erlösen verkündeten und der Irak am demokratischen Wesen Amerikas genesen sollte.
Diese Schamfreiheitsformel legalisierte den III. Golfkrieg und spaltete mit seinen geheimen okzidentalen Folterzentren, Europa in ein Altes und Neues.

Die Angst vor der Rache der Gefolterten und der Araber verstärkte die Regression in den Populismus in ganz Europa und wurde in Polen von der PiS instrumentalisiert.

Er ließ den Begriff des Helden ins Kraut schießen.

Als Galilei vor der Inquisition seine Lehre von der Bewegung der Erde wiederrufen musste ließ Brecht ihn sagen: “Unglücklich das Land, das Helden nötig hat”.
Heute, an der Macht, als Führer der Regierung stellenden Partei, reißt der überlebende Zwilling Jaroslaw Kaczyński in einem gesellschaftlich verunglückten Trauerprozess, ganz Polen in ein religiös gegürtetes paranoides Heldentum hinein.
Doch Heldentum kann sich nur ganz klassisch gegenüber einem Feind bewähren, den man sich – so fürchtet man unbewusst- in einem Folterzentren auf polnischen Boden, geschaffen hat (5).
Er jedoch füllt nunmehr ein paranoides Phantasma, von dem Homogenitätsanspruch mit hervorgebracht, der die auf Deutsch verfassten Protokolle der Sitzungen des Stadtrats von Krakau oder das Privileg von Kalisch vergessen machen soll (6).
Er negiert zusätzlich die einstige polnische-litauische Union, angeführt von einer gemeinsamen Monarchie mit Polen, Ruthenen (den späteren Bürgern der Ukraine und Weißrussland) sowie Litauern (7).

In der polnischen Teilung entwickelte sich der Mythos des katholischen Polen, weil kath. Adel und Kirche eine differenzierte identitäre Überlebensstrategie entwickelten, durch die im Untergrund übermittelte national betonte Bildung.
Dieser Mythos dient heute der Selbstidentifikation der PIS-Anhänger und der Abgrenzung des wahren Volkes gegenüber den Schutzsuchenden aus dem Orient.
Stehend betend, mit dem Rücken zur weißrussischen, deutschen, tschechischen und litauischen Grenze, an deren Rändern – ganz paranoid – Horden von Muslime ins Land einzufallen schienen, versicherten sich Polen 2017 im herbstlichen Monat der “Königin des Rosenkranzes” Macht, ausgerechnet gegen die Orientalen.

Polen wurde geteilt, von drei Mächten: dem orthodoxen Russland, dem protestantischen Preußen und den katholischen Habsburgern. Nach dem polnischen Novemberaufstand von 1830/1831 gegen die Herrschaft des Zaren nahm hingegen das Osmanische Reich zahlreiche Anhänger des ehemaligen Regierungschefs der polnischen Revolutionsregierung Fürst Adam Jerzy Czartoryski auf.
Neben Paris wurde Polonezköy (Adamopol) bei Istanbul zum zweiten Exilzentrum des polnischen Widerstands, als der Dissident Michał Czajkowski den Ort als Vertretung der polnischen Exilregierung etablierte. Noch heute leben dort Nachfahren dieser Flüchtlinge und ihr bedeutendster war der große Dichter Nazim Hikmet
Heute jedoch fürchtet Polen, dass Muslime das Land zerstören könnten?

Zum Trost aller Europafreunde, erschienen von den anvisierten 7 Millionen, die sich an der Grenze treffen sollten, nur einhundertfünfzigtausend BeterInnen, die dies mit einem Ausflug an die Ostsee, den Bug und der Tatra verknüpften.
Die polnische Schamfreiheitsformel lautet, dass sie schon über eine Million ukrainischer Flüchtlinge aufgenommen haben, und deshalb keinen Platz mehr am Tisch der Nation für einen Moslem hätten.

Es gibt aber keine ukrainischen Flüchtlinge in Polen, sondern Billigstarbeiter aus der Ukraine die, die jetzige Regierung zu Flüchtlingen ummodelliert (8).
Abgewehrte Momente der Angst befördern die ideologische Macht der PiS, die solche Schamfreiheitsformeln hervorbringt.
Dazu braucht man Muslime, die mit russisch-iranisch atomkraftgetriebenen Schnellfeuergewehren, Polen vernichten wollen (9).

Zur Selbstprofilierung braucht Polen Sündenböcke. Es sind die Russen, die in Smolensk, an den Flügeln der abgestürzten Turbolew Sprengstoffrückstände (10) hinterlassen haben sollen. Diese möchte man in der Schändung der Totenruhe auch an den inzwischen wieder Ausgegrabenen nachweisen.
Die muslimisch jünglingshaften Schutzsuchenden an der Grenze in Terespol und Brest, werden in Projektionsgefäße für polnisch vergewaltigende Männerphantasien verwandelt und in Mitesser an den Trögen des Sozialstaates.
Die aufkeimende Angst in einer, durch die digitale Revolution unsicher, gewordenen Welt, weil sie sich wie ein Dorf anfühlt, wehrt Polen heute mit seinem Wunsch nach Homogenität ab.
Er lässt Hass im ehemaligen Vielvölkerstaat Polens auf inhomogene Menschen entstehen. Er verhindert Verantwortungsübernahme für die Schutzsuchenden, als auch die Einfühlung in ihre Not. Es wird verleugnet, dass, die eigenen Soldaten in der Nato sie mit herbei gebombt haben.
Aufgefangen wird der Hass von der Agenda der PiS oder Radio Maria in der Ausformulierung fremdenfeindlicher Statements. Die darin enthaltenen paranoiden Phantasmen zerstören die Wertvorstellungen der katholischen Soziallehre.
Sie führen auch zur Ablehnung der universellen Wertegemeinschaft europäischer Verantwortungskultur im europäischen Recht.

Die PiS versteht nicht die Symbolik der europäischen Flagge: „Gegen den blauen Himmel der westlichen Welt stellen ihre Sterne die Völker Europas in einem Kreis, dem Zeichen der Einheit, dar. Die Zahl der Sterne ist unveränderlich auf zwölf festgesetzt, diese Zahl versinnbildlicht die Vollkommenheit und die Vollständigkeit … Wie die zwölf Zeichen des Tierkreises das gesamte Universum verkörpern, so stellen die zwölf goldenen Sterne alle Völker Europas dar, auch diejenigen, welche an dem Aufbau Europas in Einheit und Frieden noch nicht teilnehmen können.“ (11)
In ihrem jüdisch-christlichen Fundament verbirgt sich die Zahl 12 in der Anzahl der Apostel aus der christlichen Bibel, und den Söhnen Jakobs aus der Torah, die, in einer ihnen vorauslaufenden Welterklärung, die Stunden des Tages und die Monate des Jahres bargen.
Während der Herausschälung der Flaggensymbolik Europas unterschrieb man im Saal des Palazzo Barberini in Rom, die Europäische Menschenrechtskonvention. Sie wurde, von der in der Mitte seiner Decke residierende Gottesmutter mit ihrem 12 er Sternenkranz gesegnet. Es ist die, die die PIS an den Landesgrenzen im Oktober 2017 in einem kollektiven Gebetsrausch so missbrauchte (12).

Palazzo Barberini, Rom: Maria Immacolata mit Sternenkranz von Pietro da Cortona

Der Homogenitätsanspruch der PIS signalisiert den Grad der Regression Polens in die “Vierte Republik”. Das politische Establishment verlässt inzwischen Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, die inzwischen nur noch von den Bürgermeistern in den Selbstorganisationen mühsam verteidigt wird.
Deshalb mussten in der “Vierten Republik” die Medien in Staatshaftung genommen werden und die Unabhängigkeit der Justiz verschwinden, weil sie als Vertreter des Realitätsprinzips die neuen staatstragenden Mythen zertrümmern könnten.
Wenn eine der Grundannahmen der PiS lautet: “Wer gegen mich ist, gehört nicht zu uns”. Er oder auch sie gehören dann nicht mehr zum wahren Volk und werden rechtslos und vogelfrei, wie männerliebende Polen oder abtreibungswillige Frauen usw.
Flankiert wird ein solches Denken mit einer Zunahme an Ehrenfragen und eine Abnahme von Fragen der Moral, die den Wertekanon Polens spaltet.

Wenn Loyalität zur “Vierten Republik” zum erhabensten Wert (13) erklärt ist, kann Kritik an ihm, aus dem Volk heraus verfolgt werden. Dieses Volk lebt dann seine Hassausbrüche gegen Andersdenkende oder Ausländer aus, die kein Gericht mehr verfolgt (14).
Ohne “Check and Balance” haben anordnungsgebundene Verfassungsgerichte ihre Funktion verloren. Im Zweifelsfalle waren sie dazu da, verwundbare Minderheiten zu schützen.
In der Kollektivkultur des untergegangenen Ostblocks existierte kein „kategorischer Imperativ“ mit seinem „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ (15), weil in der kommunistischen Schamfreiheitsformel wiederum paranoid, der Klassenfeind im anderen Lager lauerte.
Auf die Leerstelle des untergegangenen Klassenfeindes werden heutzutage in einer katholisch paranoiden Wagenburgmentalität, von der Propaganda, Muslime, Russen und Deutsche lanciert.
Durch den institutionellen Umbau in eine “Vierte Republik”, kann die Obrigkeit, keine Gerechtigkeit für alle transportieren und keine Demokratie, Menschenrechte, Freiheit oder Individualismus als universalistische Werte verteidigen.

Die PiS zeigt ein paranoides Leitmotiv im neuen Heldenmythos, der innenpolitisch den Mut und den Sieg der politischen Elite in der Solidarność mit der mythischen Verschwörungstheorie eines Verrats von “Magdalenka” abwerten muß.
In ihm modelliert die PiS die Dritte Republik um, zu einem Auffangbecken für abgehalfterte kommunistische Eliten.
Der neue Mythos aus einem mit Kiefern bestandenen idyllischen Vorort von Warschau, wurde belegt im zuprosten der Vertreter von Solidarnosc und damaliger Regierung. Nach 27 Jahren ausgestrahlt im TV, ohne den prostenden – in Smolensk verunglückten – Zwilling, dient der Mythos “Magdalenka” zusätzlich des Beweises der Kollaboration der politischen Elite der Solidarnosc mit den Kommunisten.
Dieser neue Mythos, verstaut gleichzeitig die vielen Quislinge, Szmalcowniks und die von Bürgern ausgeführten Pogrome gegen Juden in Jedwabne oder nach dem II. Weltkrieg in Kielce und anderswo, im kollektiven Unbewussten der polnischen Nation. Alle Mythen verhindern aber auch gleichzeitig polnische Bürger als “Gerechte unter den Völkern” wahrzunehmen.
Polen integriert seine Verstöße gegen “Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinen anderen zu”, in seine gegenwärtige Politik, und fixiert auf diese Weise seine Regression in eine katholische Volksgemeinschaft.
Angekommen in ihr existiert “die Würde des Menschen ist unantastbar” nicht für alle, sondern nur für das eigene wahre Volk, was die Flüchtlinge an der Ostgrenze in besonders sadistischer Weise deutlich erfahren.
Dieser damit einhergehende ausgehebelte Universalismus, ist eng mit Polens neuer Selbstdefinition verknüpft.
Für die PiS ergibt sie sich nicht durch eigene Leistungen und Werke, sondern – auf dem Hintergrund des ihr inhärenten Homogenitätswunsches – aus kulturellen und ökonomischen Differenzen, langgehegte Eifersüchteleien, Ehrschwulst und Gruppenegoismus.
In ihm gibt es ein regressives Verlangen nach Gewissensentlastung durch Verantwortungsübergabe an ein Kollektiv. Dies geschah schon in kommunistischen Zeiten und davon lebt die PiS, in der die breite polnische Masse, sich der Selbstregulation oder Selbststeuerung durch einen Führer, entledigen.

Gegenwärtig ist es Jaroslaw Kaczyński, mit seiner nationalistischen “Polen über alles” Verkündung, im Inszenieren dyadischer Gebetsräusche an der Grenze des Landes.
Die PiS, regredierte in einen Politikansatz des 19. Jahrhunderts, um das 20. Jahrhunderts – im Zuge der Konstruktion eines neuen kollektiven Gedächtnisses – ungeschehen zu machen.
Es findet die PiS keine Abgrenzung zu der existenten polnischen Herrenrasse, weil sie auf deren Stimmen angewiesen ist, deshalb können polnische Nazis in Warschau paradieren und werden von ihr zu Verteidigern polnischer Identität ausgedeutet.
Wohin das Herrenmenschentum einst führte, könnte doch in Polens kollektivem Gedächtnis am stabilsten eingeschlossen sein. Die Regression ins polnisch katholische völkische soziale “Polen den Polen” radierte ein vernichtende Urteil aus, gegen das Abrutschen der Mehrheit in den braunen Sumpf.
Deshalb können die heutigen polnischen Machthaber, Europa nicht als Wertegemeinschaft schätzen. Aus Angst vor dem russischen Bären, verbleiben sie unter dem Schutz der Nato und aus Bedürftigkeit an den Trögen der EU.
Die Nato und die EU sollen dem russischen Bären die Krallen ziehen, die er einst im Hitler Stalin-Pakt und der kommunistischen Ära, tief in Polens Leib eingeschlagen hatte.
Daraufhin bekam der Bär Angst, durch die offiziell in Richtung Teheran aufgepflanzten Bajonette der Nato, an der Grenze seines Territoriums.
Dies ist auf dem Hintergrund der traumatischen Spuren hinterlassen gehabenen Feldzüge Napoleons und Hitlers nachvollziehbar.
Allerdings nur, wenn man den Nachbarn verstehen möchte und ihn nicht nur unter einer zeitlosen Brille mit Namen Katyn bei Smolensk oder dem Gulag betrachtet.

Wie die Schamfreiheitsformel für Katyn die kommunistische Zeit höchst Ambivalent determinierte, spielt die für Smolensk, in der “Vierten Republik” ihre Opferrolle.
Sie führen in einen paranoiden Politikstil (16) aller involvierten Staaten, der von der Nato abgesichert wird.
Diese Angst wird Polen in der EU belassen, weil sie realpolitisch stärker antreibt, als die Macht der “Königin des Rosenkranzes” im Alltagsgeschäft der Demagogie an der Landesgrenze.
Deshalb werden die in Rom einstmals von ihr gesegneten Menschenrechte letztendlich auch in Polen sich durchsetzen.
Weil das Vergessen müssen, das Trauma am Leben hält, seine Erinnerung jedoch erlöst, plädiert die Autorin für eine polnische Erinnerungskultur, die nicht von der Helden suchen müssenden Schamabwehr geprägt ist, durch eine zuverlässig dokumentierte und zutreffend interpretierte Geschichte.
Vor allem bezogen auf die polnische Nationalgeschichte setzt das voraus, dass Geschichtsschreibung den Versuchungen entgegenwirkt der Landesgeschichte goldene Wurzeln in neuen Mythen zu verpassen.
Nationalgeschichte ist nicht die Geschichte Polens, sondern ein Rahmen, der sein kollektives Gedächtnis bestimmt. Dieser Rahmen wird nicht unbedingt von der akademischen Geschichtsschreibung geprägt, obwohl sie dazu beitragen kann. Der Rahmen schließt ein, wie polnische Geschichte in der breiten Öffentlichkeit, in Kinder-und Schulbüchern, in Zeitungen, im Fernsehen und im Kino, in populärwissenschaftlichen Darstellungen, bei Gedenkveranstaltungen und ihren Ritualen dargestellt wird.
Das alles formt das Bewusstsein eines Volkes von seiner Geschichte viel nachhaltiger als gelehrte Werke.
Nationalgeschichte wurde hauptsächlich von Polen entworfen und führt deshalb in biographisches, weil sich Autor und Gegenstand eine Identität teilten. Deshalb ist die Nationalgeschichte durch die gesellschaftliche Schamabwehr in Abwehr der Traumata, vergessen wie Polonezköy in der Türkei oder verherrlicht wie im neuen Museum Umbrüche in Stettin.

Das kollektive Gedächtnis neigt zur narzisstischen Verzückung, was in eine nationalistische Geschichtsschreibung, mit Entwertung anderer Nationen, führt.
Deshalb ist es erforderlich die jeweiligen Gegenstände polnischer Geschichte, in das Licht einer kritischen Außenwahrnehmung zu rücken.
Eine zutreffende polnische Geschichte erfordert daher, die Einbeziehung und Verarbeitung der Sichtweisen Außenstehender. Diese externen Blicke sollten einfließen in den Interpretationsrahmen derer, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Subjekte darzustellen, mit denen sie eine grundlegende Identität teilen.
Ihre Ergebnisse könnten dann in den Rahmen von Nationalgeschichte eingeführt werden um ein kollektives Gedächtnis, dass nicht nur der Mythenbildung, sondern auch dem Realitätsprinzip verpflichtet ist zu konstruieren.
Wer sich mit seiner Geschichte befasst, kann aus ihr lernen und ist somit weniger anfällig, deren dunkle Kapitel zu wiederholen.
Um das zu ermöglichen könnte von einer Historiker-Kommission das Netzwerk unter den europäischen Geschichtsfakultäten genutzt werden. In denen -vergleichbar des Schulbuchprojektes-, die Nationalgeschichte vom Nachbarland mit geschrieben würde.

Bis zu Bischoff Desmond Tutus Wahrheits- und Versöhnungskommissionen in Südafrika, waren traumatische Erfahrungen der Geschichte in der Öffentlichkeit kaum ansprechbar, weil es dafür keine kulturellen Verarbeitungsmuster gab. Doch um die zerstörerische Macht des Schweigens (17) aufzulösen, hat er einen Weg aufgezeigt, der zwischen den jeweiligen polnischen Nachbarländern modifiziert weiter gegangen werden könnte.
Auf diesem Hintergrund könnte Erinnerungskultur zur Voraussetzung individueller Verantwortungskultur werden, die zu einer Versöhnungskultur, innerhalb Polens und zwischen seinen Nachbarländern führt.
Dies eröffnete die Möglichkeit, die Würde der Schutzsuchenden an den Landesgrenzen Polens und die Inhomogenen in seiner Mitte, unangetastet zu lassen.


(1) Vgl. Horkheimers „Geschichte und Psychologie“ Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1932. S. 128
(2) Assmann, Aleida: Kollektives Gedächtnis Dossier: Geschichte und Erinnerung (Erstellt am 06.09.2017)
(3) 5. Mo 32,10; Ps 17,8. Sacharja 2,12
(4) Bogna Czałczyńska: Vortrag: Festung-Europa: Bericht aus der östlichen Außengrenze. am 19.09.2017 in der Regenbogenfabrik in Berlin-Kreuzberg
(5) Fake von Gmyz Cezary: Rzeczpospolita 30 10 2012.
(6) Bogna Czałczyńska: Vortrag: Festung-Europa a. a. O.
(7) Victor, Barbara: Beten im Oval Office. (2005) Christlicher Fundamentalismus in den USA und die internationale Politik. München u. Zürich: Pendo. [engl. 2004: The Last Crusade; Erstausgabe frz. 2004: La Dernière Croisade. Plon: Paris. S. 29
(8) Domin Florian, Facebook Metadaten-Analyse 2017 entnommen 16.08.2017
(9) Vgl. Alter, Peter: Nationalismus. Frankfurt am Main 1985, S. 14.
(10) Bogna Czałczyńska: Vortrag: Festung-Europa. A. a. O.
(11) Kant Immanuel: § 7 Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft . in der Kritik der reinen praktischen Vernunft. S.54
(12) Hofstadter Richard: The paranoid Style in American Politics. Erstveröffentlichung Harper’s Magazine 229.1374 (1964): 77-86
(13) Vgl. Schwan Gesine: Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens. 1997, S. 240
(14) Vgl. Schwan Gesine: Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens. 1997, S. 240


Literatur
Alter, Peter: Nationalismus. Frankfurt am Main 1985, S. 14.
Assmann, Aleida: Kollektives Gedächtnis Dossier: Geschichte und Erinnerung (Erstellt am 06.09.2017)
Barbara Victor: Beten im Oval Office. (2005) Christlicher Fundamentalismus in den USA und die internationale Politik. München u. Zürich: Pendo. [engl. 2004: The Last Crusade; Erstausgabe frz. 2004: La Dernière Croisade. Plon: Paris.
Bogna Czałczyńska: Vortrag: Festung-Europa: Bericht aus der östlichen Außengrenze. am 19.09.2017 in der Regenbogenfabrik in Berlin-Kreuzberg
Hofstadter Richard: The paranoid Style in American Politics. Erstveröffentlichung Harper’s Magazine 229.1374 (1964): 77-86
Horkheimers „Geschichte und Psychologie“ Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1932.
Kant Immanuel: § 7 Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft . in der Kritik der reinen praktischen Vernunft.
Schwan Gesine: Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens. 1997
Entnommen aus dem Internet:
Fake von Gmyz Cezary: Rzeczpospolita 30. 10. 2012.
Domin Florian, Facebook Metadaten-Analyse 2017 entnommen 16.9.2017

Mit den Augen des Westens (1)

Esther Schulz-Goldstein

Nackte Macht + Regression = Populismus

Vortrag gehalten am 8. 9. 2017 in der Regenbogenfabrik in Berlin- Kreuzberg

Gestatten Sie mir einen Blick in die deutsche Geschichte zu werfen, um Gegenwärtiges klarer akzentuieren zu können.

Nation war in erster Linie Staatsbürgergemeinschaft, mit gleichen Rechten für gleiche Bürger, und zwar unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft. Die Frage nach der Identität der Deutschen stellte sich im 19. Jahrhundert mit großer Dringlichkeit, denn keine wusste was das war, weil bisher die Stämme der Sachsen, Franken, Bayern, Schwaben und Alemannen etc. Identität erzeugt hatten. Die deutsche Sprache als Identitätsbildner schied aus, weil sie auch von Schweizern und Österreichern genutzt wurde und deshalb erschien das deutsche Blut in den Restzuckungen der Romantik im Vordergrund.

In der Reichsgründung 1871 ließ sich Wilhelm I. im prachtvollen Spiegelsaal des Schloss Versailles, dessen Deckengemälde den Sonnenkönig, als Eroberer deutscher Städte und Länder feiert, „die vom Blut aller deutschen Stämme gekittete“ (1) Kaiserkrone aufs Haupt setzen.

In der Suche nach der Identität der Staatsbürgergemeinschaft, übertrug sich das Gefühl der Stammeszugehörigkeit auf die deutsche Nation. Die, den Stämmen innewohnende Blutsverwandtschaft übertrug sich mit und wurde zur Basis des Nationalismus. Er barg in sich nunmehr das “deutsche Blut” das die Identität dieser Mehrheit als ein Familienphantasma zu bestimmen schien. Dieser Nationalismus machte ganz langsam aus polnischen, kaschubischen ukrainischen, Staatsbürgern “Untermenschen” während man die Juden im anschwellenden Antisemitismus zu Dehumanisieren begann, weil sie das “deutsche Blut” nicht teilten. Das subjektive Bekenntnis der Bürger zum “deutschen Blut” wurde das einigende Kriterium im Nationalstaat, und nicht Mentalität oder Nationalcharakter.

Dieses familiäre Phantasma war die Abwehr einer angsterzeugenden Verunsicherung der Menschen. Die Verunsicherung nagte an ihrer bisherigen Identität, die von Bräuchen, Sitten und Traditionen definiert wurde, die sich aber aufzulösen begannen.

Der nietzscheanische Kult der autonomen Persönlichkeit als auch die Psychoanalyse, die Nacktbade- und Vegetarierbewegung, der Ausdruckstanz, die charismatischen Gemeindebildungen um Stefan George, Rudolf Steiner und Sigmund Freud, führten in therapeutische Gruppenbildungen eines von seiner Freiheit damals zutiefst schockierten Individuums.

Der heutige Populismus von lateinisch populus das Volk ist eine Abwehr von Angst durch Machterwerb (2).

Angst die durch die Auswüchse der angewendeten „marktradikalen“ Theorien Milton Friedmans entstehen, weil die Schere zwischen arm und reich sich immens vergrößert.

Ängste die durch die Grenzenlosigkeit und Auflösung alter Gewissheiten in der Globalisierung entstehen. Deren “alltägliches Handeln, in den verschiedenen Dimensionen der Wirtschaft, der Information, der Ökologie, der Technik, der transkulturellen Konflikte und (der) Zivilgesellschaft […]” (3) Ängste mobilisieren, die vergleichbar mit denen des 19. Jahrhundert sind.

Die Globalisierung begann zwar schon mit der Seidenstraße, wurde aber durch die industrielle und heutige digitale Revolution extrem beschleunigt.

Die Energiekrise, die Zeitenwende im Fall der Mauer, die immense Entwertungserfahrung im Kollaps des kommunistischen Erlösungsprojektes und der Klimawandel leiteten ein -oder fixierten- eine Regression auf der ganzen Welt, die im christlichen Raum den Populismus hervor brachte. Der Terrorismus als Antwort auf ein kriegsführendes Amerika und der Nato in Afghanistan und dem vorderen Orient, ist ein weiteres Angst provozierendes Faktum.

Das menschliche Angstproblem ist jedoch “ein Knotenpunkt im Seelenleben” (4), an welchem die verschiedensten Erlösungswege ihren Ausgang nahmen und immer noch nehmen. Einer davon ist die Regression die, die miteinander in Konflikt stehende Gefühle wie Schuld und Scham mental so bewältigt, dass die daraus resultierende seelische Befindlichkeit im Betroffenen konfliktfrei bleibt und sich daraus resultierende Wohlgefühle etablieren.

Die angestrebte Konfliktfreiheit führte in den Populismus, der Harmonie und Konsens verspricht. Sehnsucht nach beidem trägt jeder Mensch in sich. Sie entfaltet sich in seinem Regressionspotential in der Massenbildung.

Abzulesen an Fußballfans in den Arenen, auch mit entsprechender Gewaltentbindung oder bei sommerlichen Musikevents in der Nacht mit brennenden Feuerzeugen. Doch diese Form der Regression hat einen Anfang und ein Ende, während der Populismus zwar einen schleichenden Anfang besitzt aber das Ende nicht absehbar und deshalb eine permanente Gefahr für die Demokratie ist.

Angestoßen wird der Populismus in Westeuropa vom herrschenden Egozentrismus. Er ist sowohl Folge der Individualisierungsforderung als auch einer auf den Markt zentrierten und deshalb beziehungszerstörerische “Arbeitsmoral”, mit Zerfall familiärer Bindungen, die regressiv den Wunsch nach Homogenität verstärkten und in eine Umarmungsdemokratie führten.

Der rechte Populismus erzeugt einen apokalyptischen Ton aus der „Untergang des Abendlandes-Angst“, wenn sie sich von – Familienphantasma sprengenden- Muslimen “überrollt” fühlen.

Inzwischen entstand daraus ein einstimmiger Gesang, innerhalb der -von dumpfer Homogenitätssehnsucht erfüllten- Westeuropäern, der durch die osteuropäische staatstragende Visegrád-Gruppe verstärkt wird (5)

Es ist eine regressive Antwort auf bedrohliches in der Gegenwart, die alle auf der Strecke gebliebenen kindlichen Wünsche nach Geborgenheit und Harmonie verlebendigen. In der Visegrád-Gruppe kommt der einst erlebte Mangel an Schutz und die Frustrationen im Zusammenbruch des Sowjetreiches hinzu. Sie mobilisierte bei den Evangelikalen millenaristische Phantasien, die der Apokalypse des Johannes entstammen.

Der Populismus wurzelt in der Schamkultur.

In der Völkerpsychologie spricht man von einer Schamkultur, wenn ihre Grenzen und Motive durch kulturelle Muster die Harmonie und Konsens garantieren aus Tradition, Brauch oder Sittlichkeit festgelegt sind. Im Westen verloren diese Muster ihre prägende Kraft, durch den Untergang der Traditionen, Bräuche und Sitten in der sich entfaltenden Freiheit des Individuums. Deshalb ist die Schamkultur in der westlichen Gesellschaft nur noch in den homogenitäts- und konsenssüchtigen Mentalitätsträgern zu finden, und beschränkt sich auf den familiären Umgang. In der Massenbildung entäußert sie sich durch aggressive Impulse, ablesbar an den Hasspredigten auf den Montags- oder Dienstagsdemonstrationen im Osten der Republik.

Im kollektivistischen Sozialismus existierte eine vom Staat institutionalisierte Kollektivkultur und damit Schamkultur, in deren Nischen sich nur Individualisierung und Schuld- bzw. Verantwortungskultur entwickeln konnte oder auch nicht.

Dodd, der diesen Begriff prägte, untersuchte 1951 die Ilias, den ältesten Text der antiken Griechen und bemerkte, dass die Griechen der stammeskulturellen Schamkultur verhaftet waren. In diesem Zusammenhang ist ihre Schamfreiheitsformel in der “Rechtfertigung des Agamemnon” aufschlussreich. Er argumentiert, nicht er sei der eigentliche Verursacher des Krieges gegen Troja gewesen, sondern Zeus, der ihm seinen Verstand geraubt habe.

Eine solche Schamfreiheitsformel kann nur von einer Gewissenskonfiguration hervorgebracht werden, die durch Schamkultur geprägt wurde.

Scham im Kollektiv versus Schuld in der bürgerlichen Gesellschaft

So herrscht in der ehemaligen DDR, der Blick der Partei, des Arbeitskollektivs, der Schiedskommission u. ä. vor, die den Regelbruch be- und verurteilten. Es herrschte die Schamfreiheitsformel: “Man kann alles tun, nur sich nicht erwischen lassen” nicht nur bezüglich des Futters für die “private Kuh oder Sau” aus den Feldern der LPG.

Jedoch in einem ertappten “Sünder” reagierten die entstehenden Schamgefühle gleich Seismographen sensibel, auf die Infragestellung seines Grundbedürfnisses nach Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität. Deshalb waren für ihn diese Gefühle so schwer zu ertragen und konnten der Schamabwehr zum Opfer fallen.

Der “Sünder Agamemnon” schützte sich mit seiner Schamfreiheitsformel nach dem trojanischen Krieg davor, dass sich in ihm ein Gefühl – sich im Mauseloch verstecken zu müssen – breit machen konnte.

Im Gegensatz dazu, beurteilt in einer Schuldkultur das Gewissen des “Sünders” sein Fehlverhalten. Denn die erst von seiner Familie und dann von der Gesellschaft aufgestellten Regeln und Normen internalisierte er in seiner Individuation. Diese Verinnerlichung verbietet jegliche Schamfreiheitsformel, denn in der Schuldkultur hätte Agamemnon bekennen müssen, dass er den trojanischen Krieg begonnen hat.

Der frühere Zwang der von den Blicken aus dem Kollektiv auf den heutigen Sünder einströmte, verwandelte sich in seiner Sozialisation in seinem Gewissen zu Selbstzwang. Entscheidet er sich, seine verinnerlichten Regeln und Normen zu übertreten, reagiert er mit Schuldgefühlen.

Im Okzident sollte idealerweise die Schuldkultur (6) mit dem Gewissen inhärenten „kategorischen Imperativ“ „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ (7) dominieren, was voraussetzt, das, ein Individuum, die Stammesmentalität weit hinter sich gelassen hat.

Im „kategorischen Imperativ“ sind die Werte wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Menschenrechte, Freiheit und Individualismus aufgehoben.

Diese Werte -in Normen übersetzt- würde einen potentiellen Sünder aus der Schuldkultur daran hintern einer zu werden.

Um Scham von Schuld noch deutlicher abzugrenzen, entstehen im “Sünder” bei Übertretung von Normen Gewissensangst die sich als Schuldgefühl äußert. Seine vom Gewissen ausgelöste Verlustangst meldet sich als Schamgefühl, weil es die Aufkündigung zwischenmenschlicher Bezogenheit signalisiert.

Jedoch niemals “sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben, niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren haben“ (8), um das zu verhindern lügt der Mensch und mit der Schamfreiheitsformel belügt er sich sogar selbst.

Schuld braucht keinen Blick von außen.

Sie ist die internalisierten Ge- und Verbote gestaltete Antwort unseres Gewissens. Schuld entsteht durch Handlung oder unterlassene Handlung und mündet in der aktiven oder passiven Täterschaft. Verantwortungsübernahme setzt die Anerkennung von Schuld voraus.

Scham, Sieg und Ehre

Scham ist immer ein intersubjektives Geschehen und emotionaler Ausdruck einer interpersonalen Situation. In ihr kann man seine Ehre verlieren, die aber durch die Schamfreiheitsformel immer wieder gerettet werden soll.

Falls unser fiktiver Sünder bei einer schweren Regelübertretung ertappt wird, verliert er seine Ehre, was bei schweren Vergehen, die Ausstoßung aus der menschlichen Solidargemeinschaft in den Tod evozierte.

Unter den deutschen Stämmen war in den Einigungskriegen die Gewalt eine Antwort auf ihre Not –ein Flickenteppich zu sein- gegenüber der Macht geeinter Nationen, die es umgaben.

Im Retten der eigenen Ehre, sang man in der preußischen Volks- und späteren Kaiserhymne:

Wir alle stehen dann
Mutig für einen Mann
Kämpfen und bluten gern
Für Thron und Reich!

Zum Sieg über Frankreich gehörte 1871 zusätzlich die Demütigung der Franzosen im Spiegelsaal von Versailles, als man dort das deutsche Kaiserreich gründete. Hier zeigt sich die Quintessenz jeglicher Schamkultur: Sie ist eine Veranstaltung des Gruppennarzissmus, ein Tummelplatz der Höhenflug antretenden Zugehörigkeitssolidarität, in der die Ehre gefeiert wird.

Schamkultur schützte aber auch den Narzissmus der Franzosen, durch seine inhärente Forderung zu siegen. Die Niederlage beschämte und bedeutete den Verlust ihrer Ehre. Damit wurde der Franzosen Selbstliebe 1871 zutiefst frustriert.

Festgehalten auf der Siegessäule im Berliner Tierpark, deren Fuß als polierter roter Granit vom Triumph “arischen Blutes” (9) über das der “Welschen” erzählt. Der aus französischen Kanonen gegossene Fries, verewigte den Triumph. Er wurde nach dem II. Weltkrieg von der französischen Besatzungsmacht abgeschraubt und erst 1987 zur 750-er Jahrfeier als Beutekunst des Krieges von Präsident Mitterrand zurückgegeben. So tief saß die Demütigung.

Die Spaltung des Gewissens

Eine den Narzissmus einer Gruppe rettenden und deshalb am Sieg orientierte Moralität vertieft die Spaltung der Gewissen.

Sie bringt das Rechts des Stärkeren hervor. Es erlaubt eine illusorische Versöhnung von ethischem Anspruch und Wirklichkeit.

Deshalb verabschiedete sich der kategorische Imperativ aus den Gewissensstrukturen als am säbelrasselnden deutschen Wesen die Welt genesen sollte. Denn es begann damals zu gelten: „jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Britt und jeder Klaps ein Japs“. Das Volk sang:

Herrscher des Vaterlands!
Heil, Kaiser, dir!
||: Fühl in des Thrones Glanz
Die hohe Wonne ganz,
Liebling des Volks zu sein!
Heil Kaiser, dir! :||

Auf diese Weise begann das Volk den neuen Kaiser – mit ihren an ihn abgetretenen Narzissmus – zu verehren.

Auf dem Hintergrund des narzisstischen Höhenflugs im Spiegelsaal von Versailles reagierten die Deutschen nach dem I. Weltkrieg mit der Schamfreiheitsformel des “Versailler Schandvertrags” (10), der zu rächen war.

Gleichzeitig verstärkten sich die ausgiebig verteilten gefühlsmäßigen Bindungen des Einzelnen an die frühen elterlichen Bezugspersonen. Sie wurden einst auf den Kaiser übertragen, von Hitler eingesammelt und offenbarten eine Regression in die Stammeskultur mit der zu ihr gehörenden Schamkultur.

Das führte in einen nationalistischen Trampelpfad breittretenden Überschwang vaterländischer Gefühle. Auf ihm ging Hitler, das kaiserliche Heil auf sich vereinigend und die Massen hinter sich, “erfolgreich” weiter.

Die in der Masse versunkenen heilrufenden Volksgenossen enthüllten einen Mangel an Selbständigkeit, kritischer Denkfähigkeit und Initiative, eine unbewusste Abgleichung der Antworten, als Folge ihres kindlichen Anspruchs – nun mehr mit allen ganz harmonisch – ein Herz und eine Seele sein zu wollen (11). Das schließt aber die “Blutfremden” aus, mit denen das nicht so ohne weiteres möglich ist.

Schamfreiheitsformel und Homogenitäts-Forderung sind die jeweilige Seite einer Münze, die Nationalismus heißt.

In seiner Entfaltung entstanden Bilder der Grandiosität und wurden konstituierender Inhalt eines Größenwahns. In ihm begannen die, die keine Imperien besaßen zu träumen: Die Deutschen von einer Landesgrenze kurz vor Moskau, Mussolini vom römischen Reich, die Griechen von Byzanz.

Es war das Jahrhundert, in dem ein aggressiver Nationalismus in vielen Ländern Wurzel fasste. Es war das Jahrhundert, dass europäischen Nationen die Legitimität zu zusprechen schien, Minderheiten unterdrücken zu können.

Die Selbstidealisierung der Deutschen wurde mit „kulturexportierenden“ Trugbildern aufgefüllt:

„Deutschlands Berufung,
Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
klarer Geist und scharfer Hieb
zügeln dann aus starker Mitte
jeder Selbstsucht wilden Trieb,
und es mag am deutschen Wesen
einmal noch die Welt genesen!“ (12)

Die Sündenböcke

Doch was der Selbstsucht wilder Trieb ausrottete, war der scharfe Hieb der Projektionen. Er landete auf Personen, “die unbeliebt, leicht identifizierbar und vor allen real machtlos waren” (13) und sich deshalb zu Sündenböcken (14) eigneten. Sie wurden in den Köpfen der Projizierenden mit Macht ausgestattet und zum Inhalt ihrer Schamfreiheitsformel.

In der Psychoanalyse wird Projektion als eine seelische Operation bezeichnet, durch die der Mensch eigene Impulse, eigenes Unbewusstes und all das, was er an sich selbst nicht mag, aus sich ausschließt und auf einen anderen Mensch projiziert. Dabei geht es dem Projizierenden offenkundig immer darum, „etwas nach außen zu werfen, was in sich selbst zu erkennen oder selbst zu sein man sich weigert“ (15).

Besser ausgedrückt, Agamemnon übertrug seine Regungen auf Zeus, was ihn zum Träger seiner Schamfreiheitsformel macht und deshalb wurde Zeus zum Sündenbock Agamemnons.

Auf diese Weise lokalisiert er seine eigenen Regungen in Zeus, die ihm nach seinem angezettelten Krieg nunmehr als äußere reale Gefahr im – von ihm induzierten Irrsinn – erschien.

Geglückt ist eine Projektion, wenn es den Projizierenden gelingt, die eigene (innere) Quelle dieses Vorgangs vollkommen zu verschleiern und dem, was nunmehr real geworden zu sein scheint, volles Interesse und vollen Glauben schenken kann.

Das Ziel dieser projektiven Veräußerlichung eines ursprünglich inneren Vorgangs ist es, unliebsame eigene Tendenzen so zu behandeln, als ob sie eine von außen kommende reale Bedrohung darstellen, der man, wenn Flucht nicht möglich ist, nun entgegentritt, in dem man sie vernichtet.

Zwei Vorteile erzielt der Mensch mit seiner Schamfreiheitsformel: er wird den Anforderungen seines Gewissens gerecht und findet zugleich Gelegenheit, unter der Denkweise einer legitimen Bestrafung, die eigene aggressive Bereitschaft ausleben zu dürfen.

Der Sündenbock der Arier – der Jude oder der Zigeuner – unterlag 1935 einer wahnhaften Verzerrung im Außen.

Das Blut der deutschen Mehrheit wurde in den Nürnberger Gesetzen normiert. Sie verurteilten nicht des Sündenbocks Erniedrigung und Verfolgung. Im Gegenteil forderten sie im letzten Drittel des „Dritten Reiches“ die Auslöschung fremden Blutes und wurden auf diese Weise Matrix aller Genozide. Die Nürnberger Gesetze signalisieren den Tiefpunkt der Regression im Deutschen Reich”.

Die Wiedererrichtung einer Schuldkultur im Gewissen der Deutschen

Auf dem Nürnberger-Prozess gegen die Nazielite herrschte die Schamfreiheitsformel “Ich war’s nicht, Adolf Hitler war’s gewesen”. Sie ergriff das ganze Volk. Deshalb mobilisierten die Alliierten verstärkt durch die deutsche Opposition aus dem Exil oder den Konzentrationslagern, wieder die Verantwortungskultur. Sie bescherten dem deutschen Grundgesetz den Satz: “Die Würde des Menschen ist unantastbar”.

Deutsche Historiker, und die hartleibige deutsche Justiz unter dem Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer beantworteten nach einer 25. jährigen Schamfrist, die ethische Katastrophe im deutschen Zivilisationsbruch mit seiner Aufarbeitung und Analyse. Ihre Ergebnisse sickerten durch die Medien und Bildungseinrichtungen in die Gewissensstrukturen der nachfolgenden Generation. Sie begründeten in der Bundesrepublik ein Verantwortungsgefühl sowohl für die Folgen der Barbarei in der Elterngeneration und ließ die Frage entstehen, wie die deutsche Schamfreiheitsformel entstehen konnte.

In den letzten 70 Jahren hat sich dank der, in der Schuldkultur verankerte Europäische Union, ein identitärer Sockel friedlicher Nationalkulturen entwickelt. Ein Krieg in dieser Union ist nicht mehr vorstellbar, solange die Vertreter der Schamfreiheitsformeln, die wie dargelegt dem Sieg verpflichtet sind, in den Wahlen nicht mehrheitsfähig werden.

Im Auftauchen aus der Schamkultur verwandelte sich der Hass in Freundschaft gegenüber den „Erbfeinden“, weil nur in einer Schuld anerkennenden Kultur um Verzeihung und der Möglichkeit der Wiedergutmachung gebeten werden kann, in der ehemalige Feinde in der darauffolgenden Generation zu Freunden werden können.

Es entwickelt sich im Untergang der siegen müssenden Schammentalität eine europäische Friedenszone. In dieser Zone werden Konflikte nicht mit Gewalt, sondern durch Verhandlungen gelöst, was Schuldkultur auszeichnet.

Neue regressive Tendenzen

Schleichend begannen die regressiven Tendenzen in der Ölkrise und dem ersten “autofreien Sonntag”. Deshalb schaffte es der Begriff des Populismus 1980 in den Rechtschreibduden. Er beschreibt einen alten Wein in neuen Schläuchen und benennt eine janusköpfige Psychodynamik, die jedoch den Blutkult im gesellschaftlichen Unbewussten der Deutschen belässt. Im Populismus gibt es zwei Strömungen: Sowohl die eines durch Homogenität bestimmten Nationalismus, der in ihr die romantische und schöpferische Verbindung der wahren Deutschen und ihrer Kultur erblickt, als auch den Willen zur Macht um der Macht willen. Beide Tendenzen waren vor dreißig Jahren in der neuen populistischen Partei der Republikaner als Flügel vertreten, in der, der Eine, eine wertkonservative Agenda unterhielt und der Andere eine nationalistische Blut und Boden Romantik im Bewusstsein ihrer Befürworter, mit dem Begriff der Homogenität verschleierte. Dieser seelische Verarbeitungsmechanismus im Dienste der Angstabwehr wurde in Deutschland von den Volksparteien in ihren rechten Flügeln einst in Schach gehalten. Jedoch diese Angstabwehr begann die etablierten Parteien zu dominieren, als sie entschieden, dass nur noch in -der Mitte- die Macht im Staate gewonnen werden könne. Seit die Parteien die Themen der anderen an sich reißen, auf Visionen verzichten und eigene Konzepte, mit denen der politischen Gegner harmonisieren, verstärkten sie gleichzeitig die Anzahl der Feindbilder produzierenden Homogenitätssüchtigen, die dem politischen Gegner einst ihre Feindbilder überstülpten.

Jedoch in die Mitte eingebunden, verloren sie ihre Adressaten und deshalb wurden die eigenen ehemaligen Parteien zu ihren Gegnern, die jetzt die Reihen der “Alternative für Deutschland” auffüllen.

In ihrer neuen Heimat der AFD formulierte sie eine deutsche Mutter und viele neue Feinde, wenn auf ihrem Plakat die deutsche Kanzlerin als Miss Germany 2020 -mit Burka- die Goldschmiedegasse Eisenachs ziert. Neben ihr prangt die Burg, deren Turmkreuz durch den Halbmond ersetzt wurde. “Wartburga 500 Jahre Reformation-Toleranzwahn mit bösem Erwachen”. Weil die AFD die Fremdenfeindlichkeit ihrer Klientel ausformuliert, kann sie ihren auf Homogenität bestehenden Flügel nicht in Schach halten, wie die Causa Höcke oder Gauland belegen.

In der AFD treffen sich zwei spezifische Gruppenregression des Ostens und des Westens. In ihnen dominiert die nationale christlichen Leitkultur, obwohl in Mecklenburg oder Brandenburg von dem herbei gezwungenen Identitätsmerkmal nicht mehr gewusst wird, wie: „Kein schöner Land in dieser Zeit…“

Ein solches Identitätsmerkmal verbindet sich in der neuen Partei mit den Neonazis und der mit ihnen verwandten Gruppierungen in Dresden, Rathenow oder Köln die auf heutigen Montagsdemonstrationen “Wir sind das Volk” verkünden.

Entschuldigt wird dieser völkische Zungenschlag von Wohlmeinenden mit der seelischen Adaptionsleistung an einen Kulturschock, aus der Zeit der Wiedervereinigung.

Auf ihn antworteten einige Menschen mit regressiven Homogenitätswünschen und kreierte den Begriff des Wessis. In ihn eingewickelt ist der noch ältere Begriff des Klassenfeindes, als umgangssprachlicher Sündenbock, aus der Zeit des kollektivistischen Sozialismus

Die Homogenitätswünsche verstärkten eine fremdenfeindliche Haltung gegenüber Muslimen in der Gegend des Landes in denen keine lebten und anderswo als alle ein vertrautes Land verloren hatten ohne es verlassen zu haben.

Die Homogenitätswünsche seien der narzisstischen Kränkung geschuldet, dass ein Inhomogener das mühsam erworbene innere Gleichgewicht wieder in Frage stellen könnte, was ihn geradezu als Sündenbock prädestiniere. Natürlich hat dieser Kulturschock stattgefunden, doch er kann nicht hinreichend die Regression der Ostdeutschen in den Ausschluss des Dritten begründen

Die Hypothese der Autorin ist, dass die Kollektivkultur der Nationalsozialisten eine staatlich fixierte Regression war, die sich bis in den Untergang der DDR verlängert hatte, und erst die Opposition in ihrer friedlichen Revolution aus ihr aus brach. Der Populismus trägt die Regression weiter und poliert mit seinen Homogenitätsanspruch die neue Identität der wiedervereinigten Deutschen. Weil das eine Hauptaufgabe ist, besitzt er kein eigenes Wertesystem. Er gebraucht nicht die Macht im Dienste einer Sache, Vision oder Konzeptes. Der Populismus ist ein quer gelaufener Verarbeitungsmodus eigenen Elendes, der Zeitenwende oder allgemeiner Überforderung.

Die AFD Wähler und die nicht in dieser Partei organisierten Rechtsradikalen schaffen es nicht aus dieser Regression auszutreten.

Vordergründig scheint ein Hauptwesensmerkmal des Populismus seine Anti-Establishment-Orientierung zu sein, in der das “einfache” Volk gegen die herrschenden gesellschaftlichen und politischen Eliten oder gegen das System protestiert. In ihm kam es im schamkulturellen Sektor der deutschen Gesellschaft zu Hassausbrüchen auf die existierende Kultur, auf den Kapitalismus etc., was sich im Schwarzen Block, den Hooligans, den Identitären, den ostdeutschen Bürgerbündnissen oder Reichsbürgern zeigt.

Hass als Antwort auf die eigenen zerbrochenen oder gebrochenen Elternhäuser oder Lebensentwürfe.

Umgeleitet wird dieser Hass auf Sündenböcke, die Oberen, die Polizisten, die Richter, die Lehrer, Ärzte, Politiker oder auf die Europäische Union. Somit wurde der Sündenbockmechanismus Kern linker oder rechtsradikaler Gewalt.

Der verängstigte Zeitgeist verstärkt, durch die als schleichend angenommene „Asylkatastrophe“ (16), den Wunsch nach Homogenität.

Deutschland und die Schutzsuchenden

Kaiser Wilhelm II. verkündete auf seiner II. Orientreise in Bagdad auf einem Bankett 1898 (17): “Möge seine Majestät der Sultan und mögen die 300 Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde zerstreut leben, in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der deutsche Kaiser ihr Freund sein wird”.

Dieser Satz eines deutschen Kaisers, ist heute noch festgeschrieben im kollektiven Gedächtnis der Muslime, denn er wurde der Autorin öfters auf ihren Reisen durch den Orient zitiert. Er ist in den zerschellenden islamischen Staaten ein starkes Motiv für die Flucht in Richtung Bundesrepublik und nicht nur das volle Depot des Sozialstaates innerhalb seiner Willkommenskultur.

Wie tief die Ehre eines schutzsuchenden Familienvaters attackiert wird, wenn er nicht in der Lage ist, für die Seinen durch eigene Hände Arbeit in der Fremde zu sorgen, kann sich der Fremdenhasser gar nicht vorstellen, weil er seine eigenen Versorgungswünsche auf ihn projiziert.

Deshalb wird die vertrauensvolle Zuneigung von Menschen aus den islamischen Ländern mit Hasstiraden beantwortet.

Sie führen in die Spitze des Hassberges auf Facebook. Er signalisiert in der Anonymität, die Ohnmacht der Hassenden. Weil die Hassenden sich in einem Flügel der AFD sammeln, verwandelten sie ihre Ohnmacht in Macht. Dieser neue Machtzuwachs der Ohnmächtigen erlaubt Asylsuchende zu diskriminieren und im Anlauf das Recht des Stärkeren wieder durch zu setzen.

Begründet mit: “Ich hasse nicht meine Familie, meinen Vorgesetzten, den Staat, die mir die Erfüllung meiner Wünsche verweigern. Ich hasse, die Inhomogenen, oder andere Diskriminierte, die ich als Feinde des eigenen Deutschseins wahrnehme”. Sie alle tangieren die Homogenisierungssehnsucht im fremdenfeindlichen Sektor der Gesellschaft. In ihr sammelt sich der Rückstand aus den Bewusstseinsinhalten der Nazizeit und empfiehlt den Migranten die Heimreise anzutreten, oder behauptet der Islam gehöre nicht zu Europa (18).

Deshalb drängte sie -bei uns lebende Menschen mit Migrationshintergrund- in die Rolle der Strohpuppe, wie die Mordserie der bis in den Verfassungsschutz reichenden Nationalsozialistischen Untergrund-Connection offenbart.

In dieser Form des Machterwerbs brauchen die sich Ermächtigenden, Schwache, als Inkarnation des eigenen Unglücks.

Ein solch innerseelischer Verarbeitungsmodus greift in der Bevölkerung um sich.

Dieser Verarbeitungsmodus der Angst drängt die Schutzsuchenden in die Rolle der Strohpuppe. Sie soll die Ängste der Homogenitätssüchtigen exorzieren, wenn sie ihre Unterkünfte verglühen lassen.

Deshalb propagieren sie Positionen in denen sie versprechen die “Fata Morgana einer Welt, in der sich leben lässt und in der ganz unvorstellbar ist, dass man sie aus freien Stücken verlässt” (19), wie das unsere Schutzsuchenden scheinbar getan haben.

Sie befriedigen stammeskulturelle Bedürfnisse in der Anweisung, eine Welt zu denken, die gegen ihre Entwicklung möglich wäre, “eine Welt also (…), in der Begründungen nicht benötigt, nicht gesucht, nicht einmal entbehrt werden” (20).

Dadurch befriedigt sie ein mobilisierbares archaisches Sicherheitsbedürfnis im Menschen. In ihm soll alles gleich bleiben, und keine Veränderung irritieren oder ängstigen.

Populisten stabilisieren die Verleugnung, das Leben Veränderung bedeutet oder auch Abschied und innere Not deshalb, weil man in entscheidenden Momenten die moralische Integrität nicht besaß.

Zusätzlich bedienen sie die Exklusionswünsche des kleinen Mannes gegenüber den inhomogenen “Sozialstaatsschmarotzern”, Immigranten und Asylbewerbern. Sie geben vor die politische sowie soziale Teilhaberechte nur für den kleinen deutschen Mann zu reservieren.

Möglich wurde das “wahre Volk”, oder die “Bio-Deutschen”, in die Vorstellung eines nationalen Gleichschritts ein zu binden, weil mit den Schutzsuchenden und Migranten genügend Menschen für die Äußerungen ihres Hasses übrigbleiben.

Deshalb sitzt das “wahre” Volk in einer paranoiden Wagenburg, und zwingt die Verfremdeten die Rolle der Strohpuppe zu übernehmen, um sie verbrennen zu können.

Das “wahre deutsche Volk” wird jedoch nicht die Überhand gewinnen, weil inzwischen die Mehrheit in Deutschland weiß, wohin sein Zivilisationsbruch (21) führte, der einst mit ihm begann. Die antiregressiven Institutionen in der deutschen Demokratie sind deswegen die große zivilisatorische Errungenschaft, weil sie unser – von Panik gesteuertes – destruktives Potential – den Sündenbock der Vernichtung anheim geben zu können – oder als Bereitschaft Krieg zu führen – zumindest in Europa-in Verhandlung und Vertrag sublimiert haben.

Berlin 10. 9. 2017


Literatur

Alter, Peter: Nationalismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985.

Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 6. Auflage 2008

Balibar Étienne: Homo nationalis: Ein anthropologischer Abriß der Nationform. In: Ders. Sind wir Bürger Europas? Politische Integration, soziale Ausgrenzung und die Zukunft des Nationalen. Hamburger Edition, Hamburg 2003, S. 33–61.

Blumenberg, Hans: Theorie der Lebenswelt, hrsg. von Manfred Sommer, Berlin 2010

Beck, Ulrich: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus – Antworten auf Globalisierung, Frankfurt am Main 1999

Diner Dan (Hrsg.): Zivilisationsbruch: Denken nach Auschwitz. Fischer Taschenbuch 4398, Frankfurt am Main 1988

Dann Otto: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770–1990. C.H. Beck, München 1993,

Dodd, E., R.: Die Griechen und das Irrationale. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt, 1970 [Orig. The Creeks and the Irrational. 1951]

Elias, Norbert: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) 1992

Fleischhauer Jan: Fürchtet euch! Spiegel Nr. 29. S. 32

Freud S: Massenpsychologie und Ich-Analyse/Die Zukunft einer Illusion. Frankfurt a. M. Studienausgabe Bd. IX 1974

Freud S: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Frankfurt a. M. Studienausgabe Bd. III 1974

Freud S: Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt a. M. Studienausgabe Bd. IX 1974

Girard, René: Generative Scapegoating. In: R. Hamerton-Kelly (Hrs.): Violent Origins. Walter Burkert, René Girard, and Jonathan Z. Smith on Ritual Killing and Cultural Formation. Stanford University Press, Stanford 1987

Hobsbawm Eric: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. Campus, Frankfurt am Main 1991,

Klever, Ulrich: Das Weltreich der Türken. Vom Steppenvolk zur modernen Nation Bayreuth 1983

Neumann Franz, Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer: Im Kampf gegen Nazideutschland: Die Berichte der Frankfurter Schule für den … Campus Verlag 2014

O’mahony, Anthony/Peterburs, and Wulstan/Shomali, Mohammad Ali (Hg.): Catholics and Shi‘a in Dialogue: Studies in Theology and Spirituality, London 2004

Taggart Paul: Populism and Representative Politics, in: Journal of Political Ideologies, 9 (2004)


(1) Friedrich von Dincklage-Campe: Kriegs-Erinnerungen, Bong & Company, Leipzig/Berlin 1895, S. 1.
(2) Buber Martin: Kampf um Israel; Schocken Verlag Berlin. 1933. S. 226
(3) Beck, Ulrich: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus – Antworten auf Globalisierung, Frankfurt am Main 1999, S. 44. AYISH, Muhammad I.: Arab World Television in the Age of Globalization. An Analysis of Emerging Political, Economic, Cultural and Technological Patterns, Hamburg 2003, S. 69f.
(4) Freud Sigmund: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Kapitel 25 „Die Angst“ Studienausgabe 1974
(5) In Visegrád wurde am 15. Februar 1991 ein Freihandelsabkommen von den damaligen Gründerstaaten Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei beschlossen, um nach dem Ende von Ostblock und Kaltem Krieg die gemeinsamen Probleme möglichst kooperativ zu lösen. Ein weiteres Treffen der Gruppe erweitert mit Slowenien fand am 6. Oktober 1991 Visegrád statt. Im November 1998 haben die damaligen Regierungen bei einem Treffen in Budapest eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit in Form von regelmäßigen halbjährlichen Treffen beschlossen die inzwischen zu einem Treffen der EU-Visegrád- Staaten geworden sind.
(6) Scham- und Verantwortungskultur sind keine absoluten Kriterien weil jede Verantwortungskultur solche schamkulturellen Elemente enthält.
(7) Kant Immanuel: § 7 Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft . in der Kritik der reinen praktischen Vernunft. S.54
(8) Freud Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur, Kapitel 2 Studienausgabe, 1974
(9)arisch Sanskrit edel
(10) Neumann Franz, Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer Hg. Raffaele Laudani: Im Kampf gegen Nazideutschland: Die Berichte der Frankfurter Schule für den … Campus Verlag 2016, S. 223
(11) Vgl. Freud S. Fragen der Gesellschaft Ursprünge der Religion Studienausgabe Frankfurt a. M. 1976 “Der Herdentrieb” S. 109-113
(12) Geibel Immanuel 1861
(13) Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 6. Auflage 2008. S. 448
(14) Die Sündenelimination in Lev 16, 20b -22 besteht aus dem Bekennen der Sünden über dem Bock und dem Fortschicken des „lebendigen Bockes“ in die Wüste. Er stellt ein Eliminationsritual dar und dient der Sühnung für Hohenpriester und Volk sowie der Reinigung von Heiligtum und Altar. Der Ritus wird von Aron als dem Hohenpriester vollzogen. Mit Hilfe der Handauflegung wird die als „Sündenschmutz“ verstandene Schuld auf den lebendigen Bock übertragen und so „das stofflich verstandene Böse räumlich entfernt“ (Janowski, 2000, 219; vgl. Janowski / Wilhelm, 1993, 129f; Maul, 1994, 6). Anschließend wird der so mit Sünden beladene Bock in die Wüste geschickt. Durch das Wegschicken des Bocks werden die Sünden „in das abgeschnittene Land“ fortgetragen (vgl. Lev 17,7), das für den Gegensatz zum kultisch reinen Lagerbereich steht. Zitiert nach Henrike Frey-Anthes in https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/31946/
(15) Laplanche/Pontalis Lexikon der Psychoanalyse. 1972 Suhrkamp S. 406)
(16) Fleischhauer Jan: Fürchtet euch! Spiegel Nr. 29. S. 32
(17) Klever, Ulrich: Das Weltreich der Türken. Vom Steppenvolk zur modernen Nation Bayreuth 1983. S. 380
(18) Parteiprogramm der AFD zur Wahl 2017 entnommen 2.). 2017
(19) Blumenberg, Hans: Theorie der Lebenswelt, hrsg. von Manfred Sommer, Berlin 2010, S. 230
(20) Ebd., S. 235.
(21) Dan Diner Hrsg.: Zivilisationsbruch: Denken nach Auschwitz. Fischer Taschenbuch 4398, Frankfurt am Main 1988

Vergessener Genozid

2015 jährt sich zum hunderten Mal der Völkermord an den Armeniern – einer der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts. Er geschah während des I WK unter Verantwortung der jungtürkischen, vom Komitee für Einheit und Fortschritt gebildeten Regierung des Osmanischen Reichs. Bei Massakern und Todesmärschen kamen je nach Schätzung zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Menschen zu Tode. Der 24. April, der Tag, an dem 1915 die Deportation der armenischen Elite aus Konstantinopel begann, wird in Armenien als „Genozid-Gedenktag“ begangen. In einem gesellschaftlichen Portal unter meinen fast 400 Facebook-Freunden hat niemand den Völkermord erwähnt.

Unsere neue Autorin, Esther Schulz-Goldstein ist Psychoanalytikerin und beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit der Gewaltproblematik in der türkischen Gesellschaft. Ihre Patienten aus Anatolien zwangen sie, die Geschichtslüge des türkischen Staates aufzuspüren, weil diese sich auch in der seelischen Struktur ihrer Patienten abbildete. In diesem Zusammenhang schrieb sie die vier Bände „Am Himmel blieb die Sonne stehen“ in der sie die Gewaltentbindung im Zusammenbruch des Osmanischen Reiches erforschte, die in den vier von den Türken verübten Völkermorden an den Armeniern Aramäern, Griechen aus dem Pontos und den Zaza aus Dersim in Ostanatolien mündeten. In Band drei verglich sie die Phantasmen der türkischen Henker mit denen der Deutschen der Nazizeit, die zu Auschwitz führten. In Band vier untersucht sie den Nahostkonflikt.

Wolfgang Gust war Redakteur beim Wochenmagazin des Spiegels und hat zusammen mit seiner Frau Sigrid Gust und etwas später mit dem IT-Ingenieur Vagharshak Lalayan alle Akten des Auswärtigen Amtes bezüglich der Völkermorde für das armenocide.net digitalisiert. Für Genozidforscher eine große Erleichterung ihrer Arbeit.

Esther Schulz-Goldstein

Laudatio

für Herrn Wolfgang Gust zu seinem 80. Geburtstag, in die seine Ehefrau Sigrid Gust eingeschlossen wird.

Mit Ossips Mandelstams Büchern „Die Reise nach Armenien“ unterm Arm fuhr ich 1975 in das von ihm so wunderbar beschriebene Bergland im Kaukasus. Als ich in Ēǰmiajin die im damaligen Sowjetreich übriggebliebene Kirche des „Papstes der Armenier“ besichtigte, wurde ich mit den Mitgliedern meiner Reisegruppe von seinem Sekretär zur Audienz gebeten.

Es stellte sich sehr schnell heraus, dass wir die falsche Delegation waren, weil sie verwechselt worden war mit einer aus der Kraftwerkunion des damaligen Westberlin, die wegen der Turbinen für den Sewansee erwartet wurde. Ich jedoch kam aus Westberlin aus einer psychotherapeutischen Beratungsstelle, in der ich auf die Traumata der II. Generation von Schoah-Überlebenden gestoßen war. Nach der Klärung dieses Missverständnisses fragte ich den Katholikos Vasgen, ob es besondere Rituale gäbe, die die armenische Kirche als Verarbeitungshilfe des Völkermords entwickelt habe. Auf das Mahnmal in Zizernakaberd hinweisend empfahl er, dass ich als künftige Psychoanalytikerin mich für die psychischen Schäden der Armenier interessieren sollte.

Sie, Herr und Frau Gust, haben in den neunziger Jahren, im Wochenmagazin der Spiegel eine Serie über Armenien und seine Literatur veröffentlicht. Seither haben die Armenier Sie auch nicht mehr losgelassen. Im Jahre 2000 beschäftigte ich mich mit den psychischen Spätfolgen der Massaker in Kleinasien und klickte im Internet auf die Dokumentensammlung aus dem Archiv des Deutschen Auswärtigen Amts zum Thema Völkermord an den Armeniern. Innerhalb von Minuten hatte ich das im Computer, was ein guter Freund im gleichen Archiv mühsam abgeschrieben hatte und sich schon zu 1/10 auf meiner Festplatte befand. Welche Erleichterung der eigenen Arbeit in der Wirklichkeitsrekonstruktion der damaligen Geschehnisse und welche Möglichkeit, die Völkermordleugnung der Türken ad absurdum zu führen. Dafür danke ich Ihnen beiden. Ihre gesamten Veröffentlichungen ermöglichten mir die Frage, warum die Türken bei einer solchen Quellenlage den Völkermord so vehement verleugnen können, sodass die Welt der Wissenschaft nur noch den Kopf schütteln kann?

Sie führte mich zu der Antwort, dass ihre Leugnung einen unbewussten Wunsch erfüllt die ihre Wahrnehmungs- und Denkidentität beeinflusst. D. h. wenn eine Wahrnehmung – real oder nicht –oder innerhalb der Konstrukte, die das Kollektiv anbietet, Bilder produziert, in der der Wunsch platziert werden kann, so wird er wenigstens vorübergehend erfüllt. Dieser Vorgang ist vergleichbar der Wunscherfüllung im Traum, die seinen latenten Inhalt mit Hilfe der Zensur so umformt, dass er das Gewissen passieren kann.

Um das zu verdeutlichen möchte ich Phantasmen bezüglich des „Türke-Seins“ aufzeigen, die den Wunsch nach innerer Entlastung erfüllen. Denn die Wahrheit der Vergangenheit im Untergang des Osmanischen Reiches und in der Gründung der Türkei scheint für das Selbstbild der deutungsmächtigen Türken nicht aushaltbar zu sein, sodass sie sich in der Verleugnung des Genozids den Wunsch nach Entlastung von dieser furchtbaren Bürde erfüllten.

Dazu erfanden die damaligen Deutungsmächtigen Bilder, die diese Entlastung bewirken sollen. Hinzu kommt, dass es: „heute noch nicht üblich (ist), den gegenwärtigen sozialen und so auch den nationalen Habitus eines Volkes mit dessen ,Geschichte’, wie man es nennt, und besonders mit dessen Staatsentwicklung zu verknüpfen. … In Wirklichkeit aber sind die gegenwärtigen Probleme einer Gruppe entscheidend mitbestimmt durch ihr früheres Schicksal…“ Diese Überzeugung von Norbert Elias teile ich und deshalb stelle ich kurz die Geschichte des Antichristianismus im Desaster des Untergangs des Osmanischen Reiches dar. Ich tue dies unter dem Blickwinkel der Psychoanalyse als Theorie unbewusster Konflikte, die sich hinter der Genozidleugnung verbergen.

Die Lebensweise der „Ungläubigen“ wird von vielen in Anatolien des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts als relativ autonom und heterogen beschrieben.

Ich jedoch gehe davon aus, dass eine Reparatur des Narzissmus der Muslime in der Entwürdigung der „Ungläubigen“ angelegt war durch die Herrschaftspraxis des Islam im Dhimmitut. Letzterer ist Status der Nicht-Muslime unter islamischer Herrschaft. Dieser inferiore Status der Christen wurde uns von Bernhard Lewis in seinem Buch „Die Juden in der islamischen Welt“ folgendermaßen übermittelt: Weder du noch die Muslime an deiner Seite sollten die Ungläubigen als Kriegsbeute behandeln und sie (als Sklaven) verteilen … wenn du die Kopfsteuer erhebst, gibt dir das kein Anrecht auf sie und kein Recht über sie. Hast du dir überlegt, was für die Muslime nach uns bleiben wird, wenn wir die Ungläubigen gefangen nehmen und als Sklaven zuteilen würden? Bei Allah, die Muslime würden keinen Menschen finden, zu dem sie sprechen und aus dessen Arbeit sie Nutzen ziehen könnten. Die Muslime unserer Tage werden sich zeit ihres Lebens (von der Arbeit) dieser Leute ernähren, und nach unserem und ihrem Tod wird für unsere Söhne das gleiche getan von ihren Söhnen und so fort, denn sie sind Sklaven des Volkes der Gläubigen, solange die Religion des Islam vorherrschen wird. Deshalb erlege ihnen eine Kopfsteuer auf und versklave sie nicht und lasse es nicht zu, dass die Muslime sie unterdrücken oder ihnen Schaden zufügen oder sich über das Erlaubte hinaus an ihrem Eigentum vergehen, sondern halte dich getreulich an die Bedingungen, die du ihnen gewährst und an alles, was Du ihnen gestattet hast.”

In der Auflösung der Millets – d.h. der Selbstorganisation der Nichtmuslime – in der Verkündung einer Verfassung im 19. Jahrhundert bekamen alle Bürger gleiche Rechte. Damit war das Überlegenheitsphantasma der Muslime, über die Nichtmuslime, nicht mehr aufrechtzuerhalten. Der Verlust des Überlegenheitsgefühls über die Christen hätte zu einer Veränderung des Selbstbildes und der Wahrnehmungsidentität der Muslime führen können. Diese konnte erfolgreich abgewehrt werden, weil islamrechtlich die Gleichberechtigung ein grober Verstoß gegen die Anwendung der Rechtsdogmen der Scharia war. Auf diesem Hintergrund entwickelte sich ein dem Antisemitismus vergleichbarer Antichristianismus.

In seiner Analyse verdeutlichte sich der tiefe abgrundhafte Hass im Antichristianismus vieler muslimischer Türken, der sich in den beginnenden Massakern 1885 an den Armeniern offenbarte. Ein Schreiber der Hohen Pforte in Istanbul 1886 notierte: „Die Armenier, seien besondere Wesen; um es offen zu sagen: eine schädliche Art von „nagenden Würmern”, die die Fundamente des Reiches untergraben. Wenn die Muselmanen die Armenier hart angefasst hätten, so sei das nur gerecht“. „Die Armenier seien notorisch raffgierige Wucherer, und die polnischen Juden“, schrieb er, „wirkten im Vergleich zu ihnen wie miserable Pfuscher“. „Der Hass, der die Muselmanen von den Armeniern trennt, hat keinen anderen Grund als diese maßlose Ausbeutung, die jener durch die Juden in Frankreich, England, Polen und Österreich-Ungarn gleicht. Die religiöse Frage hat damit nichts zu tun, dieser Kampf heißt in Europa Antisemitismus, in der Türkei heißt er die „Armenische Frage“ wie uns Philippe Videlier, in seiner „Türkische Nacht“ in Lettre übermittelte.

Er war sich seiner Argumentation so sicher, dass er den Europäern prophezeite, dass wenn eine ähnliche Bewegung sich in Europa wie im Osmanischen Reich mit den Jungtürken etabliere, „es wahrscheinlich keine Macht auf der Welt gibt, die die Ausrottung der Juden als gerechte Vergeltung für die seit hundert Jahren angehäuften Verbrechen verhindert“.

Der Hass aus dem gesellschaftlichen Unbewussten der Türken ausgelöst durch den Verlust ihrer Privilegien gegenüber den „Ungläubigen“ und die Angst vor dem Untergang des Osmanischen Reiches verwandelte sich in eine Tötungsbereitschaft gegenüber den Armeniern. Vor den Augen der muslimischen Bevölkerung war es in den Städten zum wirtschaftlichen Aufstieg der armenischen Dhimmis gekommen, während die Türken als Sunniten in der Bürokratie eines scheiternden Staates und dem inzwischen erfolglosen Militär und im Bauernstand ihre „Aufstiegschancen“ wahrnehmen durften. Man stelle sich vor, wie die ehemals inferioren christlichen Dhimmis mit dem von ihnen erwirtschafteten Reichtum ein Bildungsbürgertum etablierten und auf die, auf der Scholle festsitzenden Muslime blickten und umgekehrt.

Zwischen 1878 und dem Ersten Weltkrieg hat das Osmanische Reich 85 Prozent seines Territoriums und 75 Prozent seiner Bevölkerung verloren um Sie, Herr Gust, zitieren zu dürfen.

Diese Tatsache stellte eine ungeheure Entwertung des muslimischen Herrenmenschenhabitus dar. Diese Entwertungserfahrung machten Sie in den veröffentlichten Aktenstücken aus dem Jahre 1909 für die von Muslimen angesteckten und geplünderten armenischen Dörfer und armenische Landgüter der Öffentlichkeit zugänglich: Konsul Tischendorf teilte mit, dass die Stimmung zwischen der mohammedanischen und armenischen Bevölkerung in der Umgegend von Alexandrette eine sehr gereizte sei, hervorgerufen durch das hochfahrende und anmaßende Benehmen der Armenier, und dass er Äußerungen von Mohammedanern vernommen habe, dass wenn die Armenier ihr Benehmen nicht ändern würden, keiner derselben am Leben gelassen werden würde.

Zusätzlich zur Entwertung kommt die Tatsache, dass die türkischen Eliten ihr einstürzendes Osmanisches Reich paranoid verarbeiteten. Sie erblickten in jeder Hand eines Armeniers einen Dolch, der den Rücken eines Türken zu suchen schien und begannen in ihrem Wunsch nach einer homogenen sunnitischen Türkei, die Christen Kleinasiens zu ermorden.

Zum tragischen Symbol dieses Zeitraums wurden die Armenier, weil die in ihrem Völkermord gemetzelten Aramäer und Griechen unter die „Armenische Frage“ subsummiert wurden. „Wenn die Türken sich selbst als den Phönix sehen, der aus der osmanischen Asche emporgestiegen ist, so stellen die Armenier die nicht willkommenen Spuren dieser Asche dar“, meint Taner Akcam ein Genozidforscher aus Amerika. Sie sind deshalb eine so unwillkommene Spur, weil in der Türkei die Schamkultur herrscht. Dominiert das psychische Scham- und nicht das Schuldsystem der Menschen innerhalb einer Gesellschaft, dann wird alles, was ein gutes Selbstbild eintrüben könnte, verleugnet, projiziert oder abgespalten, und ins gesellschaftliche Unbewusste verdrängt.

Auf diese Weise, Herr und Frau Gust, erschufen sich die Türken eine glorreiche Vergangenheit, die von keiner Blutspur durchzogen zu sein scheint. Dabei half eine nationale Identitätskonstruktion, die genozidale Vergangenheit ins gesellschaftliche Unbewusste der Türken zu verdrängen. Diese Identitätskonstruktion begann auf einer Tagung der türkischen Vereine, geleitet von Frau Afet, der Adoptivtochter Kemal Ata-Türks, am 23. April 1930.

Satzungsgemäß in §2 und 3 definierten sie sich als Bewusstseinsproduzenten über das „Türken-Sein“. Als politische Institution wollten sie das Selbstbewusstsein ihres durch den Untergang des Osmanischen Reiches schwer gebeutelten Volkes reparieren und verordneten als Therapeutikum eine gänzlich neue Theorie über das „Türke-Sein“.

Die Aktenstücke machen verständlich, dass die Türken ein neues Geschichtsbild brauchten. Die akademisch verbrämten Weihen in den „Türkischen Geschichtsthesen“, sind einer Selbstidealisierung geschuldet, die innerpsychisch scheinbar Not-wendig wurde. Es gründete sich auf der Tagung der Türkischen Vereine der Ausschuss zur Untersuchung dertürkischen Geschichte mit dem Zweck, die türkische Geschichte und Zivilisation mit wissenschaftlichen Methoden aufzuwerten. Das Prozedere war wie üblich, und seine 16 Mitglieder bildeten zugleich den Kern der noch heute existierenden Gesellschaft für türkische Geschichte.

Von Interesse ist noch, dass ein Großteil der Mitglieder des Ausschusses aus Parlamentsabgeordneten bestand, die zu dieser Zeit ‘par ordre du mufti’ von Mustafa Kemal zu Abgeordneten berufen wurden und mit dem Weltbild des Partei- und Staatschefs übereinstimmten. Deshalb repetierten sie die Auffassungen Mustafa Kemals von 1927 über das „Türke-Sein“, das er in seiner 7 Tage währenden Rede als Hobbyhistoriker mit frei flottierenden Größenwahn verkündet hatte.

Familie Gust, wir müssen festhalten, dass sich die türkische Geschichtsschreibung damals dem Weltbild Mustafa Kemals, dem späteren Atatürk, unterwarf. Wie die Kemalisten es geschafft haben, den in den Aktenstücken so gut dokumentierten Völkermord an den Armeniern in das gesellschaftliche Unbewusste der neuen Republik zu verdrängen, lehrt uns ihre neue Geschichtsschreibung. Dabei half der Ausschuss, als er Ende 1930 Die Grundzüge der türkischen Geschichte veröffentlichte. In dem 606 Seiten zählenden Buch nahmen die türkischen Geschichtsthesen Konturen an, die wie folgt zusammengefasst waren: „Von den früheren Zeiten der Geschichte an fanden aufgrund von Trockenheit und wirtschaftlicher Ursachen Wanderbewegung aus Zentralasien in Richtung Osten, Westen und Süden statt. Die Wanderer waren brachyzephalen und alpinen Typus’ und sprachen türkisch. Im Gepäck hatten sie eine fortgeschrittene Zivilisation. Sie, die Türken, waren es auch, die die Zivilisation in Mesopotamien, Ägypten, Anatolien, China, Kreta, Indien, Ägäis und Rom errichteten. Bei der Schaffung, Entwicklung und Verbreitung von Kulturen auf der Welt spielten diese türkisch sprechenden Menschen die Hauptrolle“.

Wie diese Thesen doch die eigenen Wurzeln vergolden, denn es gab in der damaligen Zeit keine Wanderer, sondern nur umherziehende Nomaden. Auch kommen die fortgeschrittenen Zivilisationen aus den Städten und nicht aus einem Nomadenzelt, doch das ist noch harmlos. Schwieriger wurde es mit den Verbrechen im Völkermord. Sie waren so unsagbar groß, dass sie hinter einer unsagbar großen Kulturleistung verborgen werden mussten. Hier wirkt ein psychischer Abwehrmechanismus,in der die Konstrukteure dieser Thesen unerträgliche affektive Bedeutungsinhalte in ihr Gegenteil verkehren. Damit sind sie ausgepolstert von den psychischen Abwehrmechanismen, im Besonderen der des ungeschehen Machens: Deshalb wirkt der Vortrag der Thesen wie ein magisches Abwehr Ritual, das den vom „Crimen Magnum“ ausgelösten Schamkonflikt verdecken muss. Konkret beseitigen die Geschichtsthesen vorangegangene Mordgedanken mit edlen Gedanken und kultivierten Handlungen.

In der Überschrift „Warum wurde dieses Buch verfasst?“ diktierte der Zeitgeist u. a. den Begriff einer Rasse:„Die türkische Rasse, die die größten historischen Strömungen herbeigeführt hat, hat, verglichen mit anderen Rassen, am meisten ihre Identität bewahren können. In den weiten Gebieten, die sie während ihrer Geschichte besetzt hat, sowie in Grenzgebieten hat sie die hier ansässigen Nachbarrassen geschützt. Da bei diesem Nachbarschaftsverhältnis im Hauptsächlichen kulturelle Beziehungen geknüpft wurden, hat sie ihre rassischen Besonderheiten bewahren können. Später jedoch integrierten sie sich in einige Mehrheitsgemeinschaften, sodass sie ihre Namen und Sprache nicht vor dem Verlust rettenkonnten. Die Sprache als das stärkste Geistesprodukt ging verloren“.

Auch hier ist die Verkehrung ins Gegenteil am Werke, denn die Türken hatten ihre Identität verloren, weil kaum ein Mensch in Anatolien des Jahres 1916 wusste, was ein Türke ist und in der Schule erstmals türkisch unterrichtet wurde. (…) „Wie man sieht, hat die türkische Rasse in der Geschichte stets eine Einheit dargestellt. Mit ihrer offenkundig organischen Eigenschaft, Sprachkultur und gemeinsamen Vergangenheit bildete sie eine große Gemeinschaft, die der heutigen Definition über die Nation entspricht. Es ist eine große Ehre, die vielen der gegenwärtigen Gesellschaften nicht zuteilwird, solch eine große Rasse auch als eine Nation zu erleben.“

Die Begriffe der Ehre, Gemeinschaft und Einheit werden hier wie ein Container benutzt. Sie bergen, die in ihr Gegenteil verkehrten gefürchteten, peinlichen und unangenehmen inneren Antworten auf die zerbrochene Außenwelt, die zerbrochenen Beziehungen, den zerbrochenen Lebensentwurf als hungernder Flüchtling in Istanbul.

Die daraus resultierenden Konflikte oder Wünsche werden auf die vielen gegenwärtigen Gesellschaften projiziert – die damit ehrlos werden, ohne dass die Kommission merkt, dass sie sich selbst beschreibt. All dies geschieht unbewusst, d.h. im Unbewussten laufen seelische Vorgänge ab, von denen man keine direkte Kenntnis gewinnt, die man nicht in voller Bewusstseinshelle registriert oder kritisch hinterfragen kann. Der Wunsch nach Entlastung von einer großen Schande steuert diese innerseelischen Prozesse.

Aussagen über vorgeschichtliche Epochen werden gemacht, für die keine Quellen angegeben werden. Sie bezeugen eine Selbstbesoffenheit, die naturgemäß von keiner Realitätsprüfung eingeschränkt wird. Auf diese Weise dienen die Geschichtsthesen als Heiligungsrezept für die Nation.

Der zweite Abschnitt ist wie folgt zusammengefasst:„Die türkische Rasse, die die größten historischen Strömungen herbeigeführt hat, hat am meisten ihre Identität bewahrt. Die gegenwärtig denkende Menschheit kann bei der Erklärung ihrer dunklen und rätselhaften Seiten nicht umhin, die türkische Rasse in den Mittelpunkt zu rücken. (…) Unsere These beabsichtigt keine Geringschätzung oder Verachtung irgendeiner anderen Rasse oder Nation“.

Lieber Herr und Frau Gust, dass die Türken sich zu Kreatoren der Zivilisation der Menschheit stilisieren, ist auf dem Hintergrund des Völkermordes verstehbar. Wir können jedoch ihre Geschichtsschöpfungen gleich eines magischen Gegenzaubers zum Völkermord deuten. Diese dunkle Seite oder ihr Schatten bringen sie projektiv in der Menschheit unter, damit diese sie modellgleich in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stellen können. Zusätzlich wird der Verlust der türkischen Identität, während des 600 Jahre dauernden Osmanischen Reiches, durch die Selbstverliebtheit in die eigene Ethnie als ungeschehen erklärt.

Das Gleiche gilt auch für den Völkermord im folgenden Satz in den Grundzügen der türkischen Geschichte: „Die Liebe zur eigenen Nation und Respekt vor anderen Personen und Existenzen, das ist die Losung des Türken.“

Im dritten Abschnitt des Buches wird ein Selbstbild der Türken aus den Ländern China, Indien, über Ägypten, Anatolien, der Ägäis, Italien mit den Etruskern, dem Iran, Zentralasien über die Chaldäer, Elamiden und Assyrer extrapoliert, indem sie verkünden, dass deren Zivilisation und Kultur ursprünglich von ihnen erschaffen wurde. Auf diese Weise seien die Zivilisationen in China, Indien, Mesopotamien, Ägypten, Ägäis, Italien, Anatolien und Iran entstanden und von den dortigen Völkern weiterentwickelt worden.

Ein solches Geschichtsbild ist Ausdruck einer schweren Regression, in der es zu einer Wiederbelebung von Denkfiguren aus kindlichen Zeiten kommt. In ihnen hängte der Vater als Supermann auch schon mal den Mond an den Himmel, und auf diese Weise haben die türkischen Supermänner alle Kulturen der Welt erschaffen, in denen es harmonischer, vertrauter, und gemütvoller zugegangen ist.

In dem Kapitel der Betrachtung der türkischen Kulturgeschichte in Zentralasien geht es jedoch um die eigenen Wurzeln: Die Geschichte der türkischen Rasse ist ein Resultat der geografischen Bedingungen Zentralasiens. Die Vertrocknung dieses Gebietes hat für das historische Schicksal der türkischen Rasse zu einigen wichtigen Konsequenzen geführt:
1.   „Ein Teil wurde gezwungenermaßen zu Nomaden. So wurde das Nomadentum zu einer Notwendigkeit. Unter günstigen klimatischen Bedingungen zeigten die Türken niemals eine Neigung zu Nomadentum.
2.   Die Tatsache, dass das Land teilweise zur Steppe wurde, teilte die Türken in zwei Gruppen, die sich in lebenswichtigen wirtschaftlichen Interessen voneinander unterschieden.
3.   Die schwierigen Lebensbedingungen auf den Steppen und das im Gegensatz dazu stehende Bevölkerungswachstum der Türken führte zu der Tendenz, in Richtung Westen und Süden zu ziehen und so neue Heimatgebiete zu suchen.
4.   Für Wanderbewegungen musste man organisiert sein. Auf diese Weise entstand bei den Türken Militär- und Ordnungsgeist. Das Bedürfnis nach Ordnung verwandelte die Türken zu einer staatstreuen Nation.
5.   Während der Eroberungszüge in Richtung Westen und Süden stellten die Steppentürken die vor ihnen liegenden fruchtbaren türkischen Ländereien unter ihren Gehorsam.
6.   Sie zwangen andere Bevölkerungen zur Teilnahme an diesen Eroberungszügen. Für den Erfolg war es nötig, auch von technischen Kenntnissen und Fertigkeiten der bereits kultivierten Türken zu lernen.
7.   So sah sich die fruchtbare türkische Zivilisation den wellenartigen Zügen der aus dem Norden kommenden Türken ausgesetzt“.

Nun, lieber Herr und Frau Gust, wir wissen aus der persischen Literatur von Firdausi und von den Orchoninschriften, dass die Türken ursprünglich Nomaden waren. Ein daraus sich entwickelnder Ordnungsgeist der Organisation einer Wanderbewegung entstammend, zeugt vom Unverständnis des Schreibers. Denn reichhaltige Viehweiden bestimmte das Nomadenleben und nicht ein abstraktes Ordnungsprinzip.

Da nach den türkischen Geschichtsthesen die Türken die Quelle aller Kulturen und Zivilisationen auf der Welt sind und alle Welt eigentlich türkischen Ursprungs ist, mussten die Türken selbst bei der Eroberung Armeniens „türkische Ländereien” besetzen. Wenn wir die alten Landkarten betrachten, sehen wir, das Ostanatolien das ursprüngliche Armenien ist. Dass sie Armenien zu türkischen Ländereien erklären, ist wiederum der Abwehr geschuldet. Sie radiert aus, dass einst Armenier dort gelebt haben, aber da, wo keine Armenier gelebt haben, können auch keine umgebracht worden sein.

Lieber Herr und liebe Frau Gust, wir sehen den Wunsch, ein edler, kultivierter, rücksichtsvoller, ordnungsliebender, staatstreuer, gehorsamer und ritterliche Türke zu sein, hat sich im neuen „Türke-Sein“ durchgesetzt, weil die türkische Massenregression im Dienste der Abwehr von Schuldgefühlen den Verstand und die Realitätsprüfung auf der Strecke ließen.

In jeder Nationen-Werdung sind vergleichbare Konstrukte zu finden. Schauen doch auch andere Völker, peinlich berührt, in die Kinderstube ihrer Nation, in denen es auch größenwahnsinnige Entgleisungen gab. Doch diese Entgleisungen haben die Völker in Europa überwunden, nur die Türken konnten mit ihrer institutionell abgesicherten Regression in der Militärdiktatur eine realitätsprüfende Selbsthistorisierung nicht erreichen.

Lieber Herr und Frau Gust, deshalb schlief der größenwahnsinnige Gestus, – in jeden Hinterhof Kreuzbergs einmal am Tag zu hören- dass „ein Türke mehr wert sei als tausend andere Menschen“, nicht ein.

Wenn sie die Website aus dem Jahre 2001 der türkischen Botschaft betrachten, dann stoßen sie in ihrer Selbstdarstellung auf eine 80 Jahre währende narzisstische Verzückung. Unter anderem werden dort die Türken als „ein 4000 Jahre altes Volk mit einer glänzenden Geschichte“ bezeichnet.

Man kann darüber streiten, ob sich hier nicht unbewusst die Pinkelolympiaden kleiner Jungens in den Text vorgedrängt haben. Es fehlen einfach 2600 Jahre, die dokumentarisch nicht belegt werden können, denn die heutigen Ursprünge der Türken lassen sich bis zum 6. Jahrhundert n u.Z. zurückverfolgen. In chinesischen Quellen tauchen die „T`u-küe” im Jahre 532 n.u.Z. das erste Mal auf.

Weiter heißt es auf der Website: „[…] Der türkische Gelehrte Ebu Reyhan el-Bīrūni machte diese Periode zu einer der wichtigen innerhalb der islamischen Kulturgeschichte und schrieb in dieser Zeit (1009) durch den Poeten Firdevsi das berühmte Werk Tehname.“

Abu I-Qasim Mansur Firdausi lebte um 940 in Tos bei Chorasan und später bis 1021 unter der Herrschaft der Buyiden, einem iranischen Herrschergeschlecht, deren Nachkommen die Zaza in Ostanatolien unter Befehl Atatürks 1937/38 in einem vierten Völkermord der Türken auszurotten versucht wurde.

Die persische Sprache war bereits seit dem 9. Jahrhundert zur dominierenden Kultursprache der Region geworden. Dazu gehört als eindrucksvolles Beispiel seine „Schahnama“. Es ist das persische Nationalepos mit 60.000 Doppelversen und das bedeutendste mittelpersische Werk. Firdausi ist unter dem Schutz der buyidischen Dynastie, als Retter der persischen Kultur, zum Retter der iranischen Sprache geworden. Er schreibt in einem Epos: „Im immerwährenden Kampf gegen den Erzfeind Turan kämpfen Heldengestalten unter Einsatz ihres eigenen Lebens für ihr Land.“

Sundermann übersetzte ins Deutsche:

Da lachte Nariman: Was schreist Du wie ein Narr?
Nicht Prahlerei gilt hier, hier gilt nur Kampfgeschick.
Ich werde Dein Gehirn, du Wicht von einem Feind
den Geiern in der Wüste werfen, vor zum Fraß.
Der Pfeil fand seinen Weg und schoss genau ins Ziel.
Er traf des Türken Haupt, der tot zu Boden fiel.

Nach dieser Faktenlage ist es zulässig zu behaupten, dass die Türkischen Geschichtsthesen die Selbstdarstellung der türkischen Botschaft beeinflussten, als sie den persischen Schriftsteller Firdausi und den persischen Wissenschaftlers El Bīrūni türkten. Dass das türkische Konsulat sich im Jahre 2001 auf eine Quelle bezog, in der die Türken als Inbegriff des dummen und großmäuligen Feindes gekennzeichnet werden, lässt vermuten, dass sie das Nationalepos nicht kennen.

Liebe Familie Gust, die türkische Botschaft offenbarte weiter ihr besonderes Geschichtsverständnis:

Die Herrschaft der Gökturken wurde im Jahre 745 durch die Uyguren beendet, die demselben ethnischen Stamm entsprangen. Auf diese Weise zerstreuten sich all jene Türken, die unter dem Banner der Gökturken zusammenströmten, unter dem der Uyguren. Das landwirtschaftliche Becken, in dem sie lebten, wurde als Turkestan bekannt. Im Jahre 1229 beendeten die Mongolen die Herrschaft der Uyguren; jedoch wurden die Uyguren ihre kulturellen und politischen Mentoren.

Der große Orientalist Joseph Hammer Purgstall schrieb in seiner „Geschichte des Osmanischen Reiches auf Seite 51, über das Jahr 1229.” Als Dschengis – Chan verheerend in das Land jenseits und diesseits des Oxus einfiel, flüchteten die Gelehrten aus den rauchenden Trümmern ihrer Bibliotheken und Akademien nach dem äußersten Westen Asiens zu Keikobad, bey ihm den Unterstand und Schutz suchend, den ihnen Chuaresm – Schah nicht mehr gewähren konnte, und die Literatur wanderte von den Ufern des Oxus an die des Ionischen Meer aus…

Martin – zitiert nach Gunnar Heinsohn, in seinem „Lexikon der Völkermorde“- beschreibt den Vorgang so: „In diesem Eroberungskrieg von Dschingis Khan spricht die Geschichtswissenschaft von 10 bis 15 Millionen Ermordeten… Seine Regel, nach einem Sieg niemals einen Feind in seinem Rücken zu belassen, führt zu einer ungeheuren Ausmordung auf seinem Einigungs- und Eroberungszug. Die Eliten der Gegner – und vormaligen Alliierten – wurden grundsätzlich umgebracht“.

Dass die Elite der Uyguren beim türkischen Botschafter 2001 zu den politischen und kulturellen Mentoren des Volkes seiner Mörder aufsteigen kann, geht auf das Konto der Verkehrung in ein Gegenteil und die Verwandlung des Türken in ein Opfer. Denn in der Wiederkehr des Verdrängten verwandeln sich die Opfer in einer Verschiebung in geistig Überlegene, was die Armenier auf Grund ihres Bildungsgrads ja auch waren. Gleichzeitig wird in der Darstellung der Botschaft die moralische Erbärmlichkeit der Täter in ihrer Grausamkeitsarbeit verharmlost.

Das bis dahin existierende Geschichtsbild in der Selbstdarstellung der türkischen Botschaft in Berlin verdeutlicht, dass die Türken den Zugang zur eigenen Geschichte verloren haben. Deshalb bietet Ihre Arbeit, Herr und Frau Gust, einen realistischen, wenn auch beschämenden Zugang, weil mit dem osmanischen Sprachentod der Weg zu den eigenen Wurzeln nicht mehr gefunden werden kann.

Dieser Sprachentod, seit der Sprachreform 1928, vom türkischen Militär überwacht, stand im Dienste der Verleugnung der Grausamkeitsarbeit der Hamidiye-Regimenter im Völkermord. Doch auch im – in Ankara entwickelten – Curriculum für den muttersprachlichen Unterricht türkischer Kinder in Berlin Kreuzberg oder Bottrop dominieren Grandiositätsphantasmen noch heute. Sie lernen, dass der große Sultan, den Griechen, den Bulgaren, Serben und Ungarn ein Land schenkte, als ob es keine Balkankriege, keinen Wiener Kongress, kein zusammengebrochenes Osmanisches Reich, keine Völkermorde und keinen verjagten Sultan gegeben hätte.

Deshalb konnte Präsident Erdogan unlängst einer staunenden Welt verkünden, dass die Türken die Entdecker Amerikas seien. Er bezog sich dabei auf den Kartographen Piri Reis, der 1521 eine Karte der Welt anfertigte, die das auf osmanisch beschriftete Kartenmaterial über Südamerika, das „Cülümbüs“ auf seiner Fahrt benutzte, mit einbezog. Diese hatte sein Vater als Pirat in einem geenterten Schiff des „Entdeckers Amerikas“ gefunden. Man könnte einfach sagen, dass der Stichwortgeber des Präsidenten der Türkei einen Bock geschossen hat. Jedoch der Präsident als reinkarnierter Sultan und damit „Beherrscher der Welt“ sich vorführend, konnte dies nicht kritisch hinterfragen, als er die türkische Entdeckung der „Neuen Welt“ verkündete, weil er in der Schule lernte und deshalb davon überzeugt ist, dass alle entscheidenden Kulturleistungen türkischen Ursprungs seien.

Die Türkei macht sich auf diese Weise in der Welt ungeheuer lächerlich und beschämt ihre eigenen Bürger. Deshalb ist die Arbeit über den Völkermord an den Armeniern von Ihnen, Wolfgang und Sigrid Gust, so kostbar. Weil die Aktenstücke des Auswärtigen Amtes – inzwischen auf Türkisch erschienen –, von den Türken selbst gelesen werden können. Auf diese Weise kann die entsetzliche Blutspur des eigenen Volkes in den psychischen Haushalt integriert werden, und deren Verleugnung mit all den daraus resultierenden Kuriositäten aufgegeben werden. Damit können die Türken sich von den von mir dargestellten Phantasmen befreien, und Ihre Arbeit kann ihnen dabei behilflich sein.Auch die Großmütter helfen dabei, wenn sie auf ihrem Totenbett den Enkeln ihre armenische Identität offenbaren. Beide brauchen diese Wahrheit. Sie brauchen sie deshalb, weil das Trauma ihrer Großmütter unbewusst weitergegeben auch in ihrer Psyche haust und so tragen sie die Unerträglichkeit eines Völkermords in sich, der in der türkischen Gesellschaft geleugnet wird. Diese Leugnung stigmatisierte sie zu Verrückten. Dieser innerpsychische Spagat zwischen dem Gefühl der Minderwertigkeit, ohne Lebensrecht existieren zu müssen, und dem Grandiositätswahn in der Identitätspolitik der Kemalisten konnte von den Nachkommen der über einhunderttausend Großmütter nur neurotisch verarbeitet werden. Derzeit entsteht in der türkischen Gesellschaft ein schmerzlicher Prozess, an Stelle des alten Schmerzes. Er dient jedoch diesmal der Heilung der Spannung zwischen einer transgenerationell unbewusst weiter gegebenen armenischen, aramäischen und griechischen Identität und dem Konstrukt aus der türkischen Identitätspolitik. Dazu haben Sie, Wolfgang und Sigrid Gust, beigetragen und es wird ihnen gedankt werden, dass sie das ermöglicht haben.

Die Aktenstücke zu lesen war für mich schauderhaft, weil sie mich traumatisierten, mir bis heute den Schlaf rauben und mich bis in die Träume verfolgten. Ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen nicht leichter von der Hand gegangen ist, sie zu lesen, um sie in den Einführungen zu den Aktenstücken richtig einordnen zu können. In diesen Abgrund der Barbarei zu schauen, verletzt die eigene Seele. Trotzdem diese Unterlagen der Forschung zugänglich gemacht zu haben, ist Ihr großer Verdienst. Denn sie erleichtern das Ringen um Anerkennung der armenischen Katastrophe als Völkermord. In der Konvention der Vereinten Nationen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes aus dem Jahre 1948 wurde Völkermord als eigenständiges Verbrechenskategorie eingeführt und damit verkündet, dass jedes Volk ein Lebensrecht besitzt. Sie haben entschieden, dass Völkermord ein so großes Verbrechen ist, dass es die Weltgemeinschaft zwinge, das bedrohte Lebensrecht eines Volkes zu verteidigen. Die Deutschen als Verbündete, die Franzosen, die Italiener, die Engländer als Besatzungsmächte im Rumpfland der Osmanen, wie aus den von Ihnen digitalisierten Unterlagen des Auswärtigen Amtes hervorgeht, haben zugelassen, dass im Osmanischen Reich und in der Türkischen Republik Völkermorde geschahen. Damit konnten die Völker sich mit der genozidalen Politik in der türkischen Nationenwerdung identifizieren. Sie sind heute – moralisch durch die Konvention – gezwungen, die Verbrechen als Völkermord anzuerkennen. Sie müssen es deshalb tun, weil die Konvention keine Gültigkeit für die Zeit des Völkermordes an den Armeniern haben kann. Deshalb müssen die Parlamente der nationalen Gruppen das Lebensrecht der Armenier in der Anerkennung als Völkermord den Nachfahren zurückgeben. Die deutschen Parlamentarier verwiesen zwar 2005 in ihrer Resolution auf „zahlreiche unabhängige Historiker, Parlamente und internationale Organisationen, die Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Völkermord“ bezeichnen, lehnten es aber selbst ab, ihn als solchen anzuerkennen.

Sie haben sich, vermutlich in Unkenntnis der Brisanz des Lebensrechts der Armenier, das sich hinter der Anerkennung verbirgt, Verhandlungsmöglichkeiten mit der türkischen Regierung nicht erschweren wollen. Für die Armenier ist ihr Lebensrecht nicht verhandelbar. Solange sie dies von den Nationen nicht gespiegelt bekommen, müssen sie fürchten, dass sich diese Geschehnisse wiederholen. Alle Völker, die das Lebensrecht durch die Anerkennung der armenischen Katastrophe als Völkermord nicht zurückgeben, binden die Nachkommen der Überlebenden zwanghaft an eine quälende Vergangenheit.

Jedoch haben Sie, Wolfgang und Sigrid Gust, diesen zwanghaften Mechanismus zumindest für die Deutschen mit Ihrem Lebenswerk durchbrochen. Dafür danke nicht nur ich Ihnen.