In der Höhe

Helmut Mittermeier

Helmut Mittermeier ist ein Berliner Musiker, der 2020 in der Zeit der Pandemie und des harten Lockdowns für sich eine andere Beschäftigung fand. Darüber schrieb er in einem Neujahrsbrief an alle seine Freunde und Verwandte.

Liebe Verwandte, Freunde und Bekannte,
ein Jahresrückblick des Jahres 2020 besteht ja meist aus Plänen, die sich dann doch nicht verwirklichen ließen. Bei mir waren dies etliche nicht gespielte Konzerte, die Fortsetzung des Westafrika Theaterprojektes Chocolat in Deutschland mit Proben und Aufführungen und
vieles mehr. Stattdessen schrieb man im Atelier neue Stücke oder Konzepte für zukünftige Projekte.

Das eigentlich Herausragende war allerdings das Angebot, im Sommer einen Monat lang auf einer
Schweizer Hochalm zu arbeiten. Vermittelt hat es mein Cousin, der in Thüringen einen Demeter­Bauernhof betreibt. Weil die Konzerte in dieser Zeit alle abgesagt waren, stellte dies eine alternative Verdienstmöglichkeit dar. Und vor allem eine nicht alltägliche Erfahrung.

Auf der Alm waren wir zu fünft, die erfahrene Landwirtin Marie mit den zwei Kindern Frieda, 9 und Till, 12. Dazu mein zwölfjähriger Sohn Jakob und ich.

Die Hütte liegt in Graubünden einsam auf 2400 Metern. Vom Auto aus steigt man eine halbe Stunde auf zur unteren Hütte. Dort schliefen wir, um am folgenden Tag die Schafe allmählich auf die obere Weide zu treiben. Durch starken Regen erwanderten wir in anschließendem dreistündigen Aufstieg mit schwerem Gepäck die obere Hütte.

Interessiert? Super! Weiter HIER zu lesen.

schweizer-alm-2020

Rio Reiser

Ewa Maria Slaska


Am Samstag 12. Juni 2021 dh. gestern sollte Heinrichplatz in Kreuzberg in Rio Reiser Platz umgenannt werden. “Ganz Berlin” hat sich für den “Tag und Stund” auf dem Heinrichplatz verabredet, um dabei zu sein.

Die Umbenennung des Heinrichplatzes in Berlin-Kreuzberg in Rio-Reiser-Platz ist jedoch vor ein paar Tagen kurzfristig abgesagt. Wegen der Beschwerden aus der Nachbarschaft. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg bestätigte, dass noch die juristische Klärung abgewartet werden müsse. Die Protestler, die Punk Musiker, sind selber fans von Rio Reiser, sie betrachten jedoch die Platz-Umbenennung als erster Schritt Richtung Gentrifizierung und behaupten gar, der Musiker wäre selber an ihrer Seite.

Vielleicht haben sie gar recht. Eins ist sicher, ihm selber wäre die ganze Sache Wurscht.

Rio Reiser: Ein Leben für die Musik

Mit Ton Steine Scherben hat Rio Reiser in den 70ern die Republik aufgerüttelt – mit seinem Solo-Debüt “König von Deutschland” landete er in den 80ern einen Hit. Er lebte für die Musik – ein schnelles, wildes Leben.

von Simone Glöckler (Radio NDR)

Ralph Christian Möbius, so der bürgerliche Name von Rio Reiser, wird am 9. Januar 1950 in Berlin als jüngstes von drei Kindern geboren. Mit seinen Eltern zieht er oft um, wächst unter anderem in Mannheim, Stuttgart und Nürnberg auf. Die Musik packt ihn früh: Klein-Möbius sieht 1961 den Film “Ben Hur” und ist von der Filmmusik begeistert. Er beginnt am Klavier die Melodien des Komponisten Miklós Rósza nach Gehör nachzuspielen. Als er die Beatles 1963 zum ersten Mal im Radio hört, ist er fasziniert. Mit 14 Jahren ist er “tödlicher Fan” der Jungs aus Liverpool und ihrer neuen Art der Musik. Für ihn steht fest: Er selbst will nichts anderes als Musik machen und Songs schreiben. Mehrere Instrumente bringt er sich selbst bei.

Schule und Lehre geschmissen

Während sich der Sohn lieber mit Musik als mit Schule beschäftigt, muss die Familie wieder umziehen: nach Nieder-Roden nahe Frankfurt. In der hessischen Kleinstadt wird Ralph von einem Freund in “Rio” umgetauft und nennt sich fortan auch selbst so. Die Schule schmeißt er schließlich, ebenso eine Fotografenlehre – um sich ganz der Musik zu widmen. 12 Bilder Rio Reiser – der “König von Deutschland”

Hymne einer Generation: “Macht kaputt, was euch kaputt macht”

Im Januar 1966 lernt Rio den gleichaltrigen Gitarristen Ralph Peter Steitz kennen und wird von ihm als Sänger seiner Band engagiert. Aus dieser Begegnung wird eine lebenslange Freundschaft. Ein Jahr später folgt Rio seinen Brüdern nach Berlin und gründet mit ihnen später die Theatergruppe Hoffmanns Comic Theater. Rio ist Hauskomponist. Eines der Lieder aus dieser Zeit – “Macht kaputt, was euch kaputt macht” – wird später zur Hymne einer Generation. Obwohl er sich dem Theater verbunden fühlt, bleibt es sein Traum, eine Band auf die Beine zu stellen und deutsche Rockmusik zu machen.

Sommer 1970: Geburtsstunde der Band Ton Steine Scherben

Die Band Ton Steine Scherben räumt mit kompromisslosem Rock ordentlich ab.

Mit seinem Freund Steitz, dem Bassisten Kai Sichtermann und dem Schlagzeuger Wolfgang Seidel gründet Rio im Sommer 1970 die Band Ton Steine Scherben. Die Jungs treten im September beim “Love and Peace”-Festival auf der Ostseeinsel Fehmarn zum ersten Mal auf – und werden schlagartig bekannt. Bei der legendären Veranstaltung gibt Jimi Hendrix sein letztes Konzert. Für die neue anarchische Band um Rio beginnt der Aufstieg.

“Keine Macht für niemand”

Die erste Schallplatte “Warum geht es mir so dreckig” wird produziert und veröffentlicht. Es folgt 1972 die zweite LP mit dem Titel “Keine Macht für niemand” – und spätestens nach dieser Veröffentlichung kennt die Musiker, die sich ins Herz der linken Szene gespielt haben, fast jeder in Deutschland. Ihre Lieder sind in einer Zeit, in der die Terror-Organisation Rote Armee Fraktion von sich reden macht, der gewaltfreie Gegenpol. Sie sprechen vor allem den Jugendlichen aus der Seele.

Aufs Land nach Schleswig-Holstein

Das Rio-Reiser-Haus in Fresenhagen – hierhin zieht Reiser sich mit Musikerkollegen Mitte der 70er-Jahre zurück.

Um den Einflüssen der kommerziellen Musikbranche zu entgehen, gründen die Musiker von Ton Steine Scherben das Plattenlabel David Volksmund Produktion und veröffentlichen darüber ihre Alben. Privat zieht Rio mit Freunden und Band 1975 von Berlin nach Fresenhagen in Schleswig-Holstein, wo sie sich ein altes Bauernhaus kaufen. Im eigens eingerichteten Tonstudio schreibt und komponiert er mit seinen Kollegen verschiedene Theaterstücke und Filmmusik.

Aus Ralph Möbius wird Rio Reiser

Deutsche Texte und klare Worte für die linke Sache: Mit seiner Band Ton Steine Scherben und später auch als Solo-Musiker krempelte Rio Reiser den deutschen Rock in den 70ern und 80ern um.

Ein Film ist es auch, der Möbius in Reiser verwandelt: Für die Rolle des Johnny West im gleichnamigen Fernsehfilm möchte Rio Möbius seinen “zu sehr nach Arztroman” klingenden Nachnamen ablegen. Den neuen Namen entnimmt er dem Roman “Anton Reiser” von Karl Philipp Moritz. Für sein darstellendes Spiel erhält Rio Reiser 1977 den Bundesfilmpreis in Gold. Es folgen mehrere Filmrollen. Mit Ton Steine Scherben bringt er zwei weitere Alben heraus: “Wenn die Nacht am tiefsten” und “IV”, auch bekannt als “Die Schwarze”.

Rio Reiser arbeitet nicht nur für seine Band, er textet und komponiert auch Lieder für andere Musiker und gibt Ende 1983 ein erstes Solo-Konzert. Auf Kampnagel in Hamburg sitzt Reiser allein am Flügel und singt Stücke von Marlene Dietrich, den Rolling Stones und eigene Kompositionen. Zwei Jahre später, 1985, trennen sich Ton Steine Scherben und Reiser beginnt seine Solo-Karriere.

Ein missverstandener König

Mit “König von Deutschland” landet Rio Reiser einen Riesenhit.

Das Jahr 1986 wird für ihn das musikalisch erfolgreichste seiner Solo-Karriere. Mit Liedern wie “Alles Lüge” und “Junimond” von seiner ersten Veröffentlichung “Rio I.” katapultiert er sich in die deutschen Charts. Sein erfolgreichster Song dieses Albums, “König von Deutschland”, wird von da an mit ihm in Verbindung stehen: Der von der Presse neu ernannte “Volkssänger” landet damit seinen größten Hit.

Ein Jahr später tritt Rio Reiser der Anti-AKW-Bewegung bei und lässt seinen Song “Alles Lüge” für die Grünen als Wahlkampflied zu. Der rastlose Künstler veröffentlicht zwei weitere Solo-Alben. Diese können kommerziell nicht an den Erfolg der ersten Platte anknüpfen, doch Reiser arbeitet unermüdlich weiter. Er komponiert wieder Filmmusik, unter anderem auch für einen “Tatort”, übernimmt kleinere Rollen in Fernsehfilmen und schreibt für die Stadt Unna 1989 eine Oper.

“König von Deutschland” als Wahlkampf-Song der PDS

Um kurz darauf seinem Unmut über die Art und Weise der Wiedervereinigung Ausdruck zu verleihen, tritt der Sänger 1990 in die PDS ein, da er sich schon “immer für Außenseiter eingesetzt habe”, und erlaubt der Partei, seinen “König von Deutschland” für den Wahlkampf zu benutzen. Für einige Zeit ist das Stück unbeliebt und wird von Radiosendern boykottiert. Der Sänger kann sich aber auch ohne Radio Gehör verschaffen. Es folgen weitere Konzerte mit seinen Freunden und ehemaligen Kollegen aus der Zeit der Ton Steine Scherben, alleine am Flügel in der “Mitternachtsshow” des Hamburger Schmidt Theaters oder als Gast in diversen Talk-Shows.

Gesundheitliche Probleme – Der König tritt ab

In den 90er-Jahren geht es Rio Reiser gesundheitlich nicht gut – trotzdem macht er weiter.

Sein unermüdlicher Arbeitseinsatz für die Musik und vermehrter Alkoholkonsum machen sich ab 1992 bemerkbar. Trotz beginnender körperlicher Schwäche veröffentlicht Rio Reiser weitere Platten. Als 1995 seine sechste und letzte erscheint, schreibt ein Musikjournalist des Magazins “Rolling Stone”: “Niemand in Deutschland schreibt so wahre, aufrichtig-radikale und nachzuempfindende Texte wie dieser melancholische Spielmann.” Dem letzten Album entstammt auch wieder ein “Tatort”-Song zur Folge “Im Herzen Eiszeit”, in der Reiser in einer Hauptrolle zu sehen ist.

Reiser stirbt mit 46 Jahren

Im Mai 1996 begibt sich der Musiker gegen ärztlichen Rat noch einmal auf Deutschland-Tour, doch die muss er abbrechen. Körperlich total ausgelaugt, kehrt er nach Fresenhagen zurück und stirbt dort am 20. August 1996 an Kreislaufversagen und inneren Blutungen. Unzählige trauernde Fans nehmen gemeinsam mit Musikerkollegen am 1. September 1996 im Berliner “Tempodrom” beim “Konzert der Freunde” Abschied.

Der Einfluss Reisers auf die heutige Musikwelt zeigt sich unter anderem in den erfolgreichen Interpretationen der Lieder durch Jan Plewka. Der Frontmann der Hamburger Band Selig ist immer wieder mit seinem Rio-Reiser-Programm unterwegs, “weil Rio Visionen bis über seinen Tod hinaus hatte. Seine Texte, Melodien und Utopien für Menschlichkeit und Gerechtigkeit werden diese Welt überleben.” Plewka trägt sie weiter. Zum 70. Geburtstag würdigt auch das Berliner Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg den ehemaligen Hausbesetzer. Der Heinrichplatz wird demnächst in Rio-Reiser-Platz umbenannt.

Nun ja, er wird zuerst nicht umbenannt. Obwohl er schon umbenannt wurde. Junimond ist nun aber ein Junimond:

Blutbrüder (9)

Anne Schmidt

15. Jahnke und Tuncay

 Jahnke und Tuncay überlegen, wie sie Kai aus seiner Lethargie holen können. Kai soll einer der wichtigsten Belastungszeugen gegen den pädophilen Lehrer Krause sein, der nach einem Jahr Therapie wieder rückfällig geworden ist.

Einer seiner Schüler hat ihn angezeigt, aber Krause bestreitet natürlich alles.

Um die Folgen seines Missbrauchs und die Perfidie seiner Vorgehensweise deutlich zu machen, hat die Staatsanwaltschaft um die Aussage früherer Pflegekinder vor Gericht gebeten. Bei ihrer Recherche sind sie auf Kais Namen gestoßen, dessen Kölner Verbrechen in den juristischen Kreisen Berlins nicht bekannt war, bzw. nicht in Zusammenhang gebracht wurde mit dem früheren Prozess gegen Krause.

Jahnke und Tuncay wissen, dass das Kölner Urteil gegen Kai durch diesen Prozess zwar nicht revidiert werden kann, aber sie hoffen, dass die Aufdeckung der Ursachen für Kais Tat, ihm sein menschliches Gesicht wiedergeben wird. Sie hoffen, dass er von den Medien vom blutrünstigen Monster zum Opfer transformiert werden wird.

Jahnke ist sicher, dass Tuncay Kai zu einer Aussage überreden kann. Er beantragt eine Besuchserlaubnis für Tuncay und verabredet sich für den nächsten Tag mit ihm in Moabit.

Als die beiden Männer die Unterwelt des Archivs verlassen, empfängt sie draussen warmer Sonnenschein.

Die Luft ist schwanger von Frühling.

16. Kais Helden

Kai verdämmert den Tag in seiner Zelle. Ab und zu schaut er in das Taschenbuch von Ringelnatz, das Jahnke ihm mitgebracht hat. Bisher hat er nur die Gedichte gelesen, die in der Schule zur Pflichtlektüre gehörten. Am besten hat ihm die Ballade vom Ritter gefallen, der den Handschuh einer Hofdame aus einem Raubtierzwinger holt, ihn der hochnäsigen Dame hinwirft und stolz zu der empathiefreien Frau, die ihren Körper als Preis angeboten hat, sagt: “Den Dank, Dame, begehr ich nicht.”

Diese Haltung findet Kai stark und bewundernswert.  Er hat sich oft das Szenario vorgestellt, die Manege, in die die Tiger und Leoparden hineinschleichen, wie der Löwe drohend seinen Rachen öffnet und brüllt, um den Wildkatzen zu zeigen, wer das Sagen hat. Kai wäre gern so mutig wie dieser Ritter, der um seiner Ehre willen sein Leben aufs Spiel setzt.

Ringelnatz hat für Kai eine andere Bedeutung. Die meisten Gedichte von ihm  heitern ihn auf; sie handeln von Liebe, kleinen und großen Tragödien im Alltagsleben und skurrilen Figuren. Trotz aller Armut, allen Unglücks funkelt immer ein bisschen Humor durch, ein Schalk, der das ganze Elend erträglich macht.

Um sein Gehirn zu trainieren, versucht Kai die  Gedichte, die er besonders mag, auswendig zu lernen.

17. Besuch von Herrn Tuncay

Herr Tuncay sitzt allein mit Kai im Besucherzimmer. Er legt Kai eine Hand auf den Arm und versucht ihm in die Augen zu schauen. Kai rückt von ihm ab und fixiert einen Punkt auf dem Tisch.

“Kai, was Du getan hast, ist eine Folge von dem Missbrauch durch Deinen Lehrer. Er hat Dich kaputt gemacht und er macht weiterhin Jungs kaputt, wenn keiner gegen ihn aussagt; willst Du das? Du hast damals im Prozess geschwiegen, aber jetzt musst Du aussagen gegen ihn. Der Kerl muss aus dem Verkehr gezogen werden und zwar endgültig. Du bist nicht mehr abhängig von ihm und Du bist ihm zu nichts verpflichtet. Du bist durch ihn ins Unglück gestürzt worden und hast nicht nur Deine Ehre verloren, sondern auch jegliches Selbstwertgefühl. Durch Deine Aussage könntest Du Dein Image aufbessern, denn bisher denken die Menschen, Du hättest aus reiner Mordlust jemanden getötet, aber vor dem Hintergrund Deines Missbrauchs werden die Leute Deine Tat besser verstehen. Denk an die armen Jungs, die er nach Dir von sich abhängig gemacht hat und die er auch in Zukunft mit Versprechungen und großzügigen Angeboten in seine Wohnung oder sogar in seine Pflegschaft locken wird, wenn er nicht gestoppt wird.”

Kai, der seit einem Jahr nicht mehr in zusammenhängenden Sätzen geredet hat, seufzt laut und schaut Tuncay endlich an. Der spürt, dass er Kais Apathie durchbrochen hat und bietet ihm an, mit ihm in einer Art Rollenspiel die wahrscheinlichen Fragen vor Gericht vorwegzunehmen und die Antworten darauf einzuüben.

Kais Gesicht hellt sich auf. In seinem Kopf formt sich das Bild vom Ritter, der furchtlos die Arena mit den wilden Tieren betritt. Ja, er will der tapfere Ritter sein, der dem bösartigen Ungeheuer Krause die Stirn bietet und dem Richter alle Fragen beantwortet. Er wird seine Scham und seine Angst überwinden und durch seine Aussage das Schwein, das das Leben vieler Jungen zerstört hat, zur Strecke bringen.

Kai schaut Tuncay entschlossen in die Augen: “Ich werde alles sagen.”

18. Der Prozess

In den zwei Verhandlungstagen, die für den Prozess angesetzt sind, wird viel schmutzige Wäsche gewaschen.

Der Schüler, der Krause angezeigt hat, wirkt im Zeugenstand genauso verwirrt und verschüchtert wie Arne damals, aber er hält im Kreuzverhör stand. Das Gericht hat sich vorbehalten, noch weitere Zeugenaufzurufen, beschränkt sich auf Kai als Nebenkläger.

Als Kai in den Saal kommt, trägt er Handfesseln, denn er ist, wie alle Welt weiss, ein gefährlicher Mörder. Genau das soll Krause visuell wahrnehmen nach Meinung des Richters; deshalb beginnt er seine Befragung mit der Bluttat in Köln.

Krause soll vor Augen geführt werden, welche Konsequenzen seine Vergewaltigung eines jungen Lebens haben kann und tatsächlich gehabt hat. Er soll ausführlich damit konfrontiert werden, dass eines seiner Opfer zum Mörder wurde.

Kai antwortet laut und  klar auf die Fragen des Richters. Er sieht während der gesamten Vernehmung Krause nicht an, nicht aus Angst sondern aus Abscheu. Da Krause vor zwei Jahren nur wegen des Missbrauchs von Arne verurteilt wurde, aber nicht für den an Kai, bezieht sich das Urteil auf einen Fall, der zwar alt ist, aber noch nicht abgeurteilt wurde und ist dementsprechend hart.

Krause wird zu 12 Jahren Gefängnis und einer mehrjährigen Therapie verurteilt.

Kai empfindet keine Freude über dieses Urteil, aber eine gewisse Genugtuung und Erleichterung. Er hat noch die Chance, sich von seinen früheren Mitschülern und von Tuncay und Jahnke zu verabschieden, bevor er in den Gefangenentransporter steigen muss.

Seine Mutter ist zum Prozess nicht erschienen, obwohl sie benachrichtigt wurde. Wahrscheinlich wäre es für ihr armes kleines Herz zu belastend gewesen, ihrem Mörderkind gegenüberzustehen.

Blutbrüder (8)

Anne Schmidt

13. Akten aus Köln

 Jahnke hat inzwischen die angeforderten Akten aus Köln bekommen. Er sitzt im Archiv und liest. Was er liest, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Er setzt immer wieder ab, putzt die Gläser seiner Brille oder macht draussen eine Zigarettenpause.  Ihm wird bald klar, dass dieser schnächtige, schüchterne Junge eine solche Tat nur unter Drogeneinfluss begangen haben kann, aber davon steht nichts im Protokoll. Wahrscheinlich haben die Fahnder damals keine Blutkontrolle veranlasst und keinen Psychologen zur sofortigen Erstellung eines psychologischen Gutachtens hinzuziehen lassen. 

Für sie war Kai ein rachsüchtiger und blutrünstiger Gewalttäter und damit war eine weitere Analyse des Falles überflüssig. Nach fünf Seiten Horror ist Jahnkes Aufnahmekapazität erschöpft. Er beschließt, von zu Hause Herrn Tuncay anzurufen.

Am nächsten Tag sitzen Erol Tuncay und  Rudi Jahnke zusammen in der Leseecke des gerichtlichen Archivs. Tuncay hatte von dem Mordfall der Mordbrüder in Köln gehört und gelesen, aber eine Verfolgung der Ereignisse dort aufgegeben.

Als Kai das erste Mal nicht zum Kreisgespräch erschienen war, hatten die Kumpel in der WG ihm erzählt, Kai sei zu seinem Bruder nach Köln gefahren. Der Bruder sei mit seiner Baskettballgruppe dort in einem Camp.

Tuncay hatte sich mit dieser Erklärung zufrieden gegeben, obwohl es ihn wurmte, dass Kai sich bei ihm nicht abgemeldet hatte. Der Bericht in der Zeitung, den er wenige Tage später las, verunsicherte ihn so sehr, dass er versuchte, Kontakt zur Polizei in Köln aufzunehmen.

Dieser kam jedoch nie richtig zustande, weil die Kollegen in Köln wohl glaubten, einen glasklaren Fall vor sich zu haben: Zwei Stricher aus Berlin haben einen Freier brutal abgeschlachtet und sich danach auf den Weg nach Holland gemacht. Das war die Aussage, die Tuncay von der Polizei in Köln erhielt.

Jetzt liest Tuncay die Einzelheiten nach und auch ihm ist sofort klar, dass zumindest Kai unter Drogeneinfluss gestanden haben musste.

14. Panik

Kai erwacht mit einem Schrei. Er liegt benommen auf seiner Pritsche und sieht um sich herum Blut, viel Blut. Ein Mann liegt auf seinem Bruder, ein Bär von einem Mann;  er tut seinem Bruder so weh , so weh, wie Lehrer Krause ihm getan hat. Sein Bruder jammert unter den Stößen, die dieser Bär in ihn hineinrammt; Olli kann sich nicht wehren, denn seine Hände sind an die Bettpfosten gefesselt und seine Beine verschwinden unter dem Koloss. 

Kai rüttelt den Bären an der Schulter, aber der schüttelt ihn ab wie Fliegenschiss. Kai sieht sich panisch nach einem Instrument um, mit dem er den Bären mehr als zwicken kann. Er sieht eine Schere, eine kleine Nagelschere. Er klappt sie auf und sticht den Mann in die Schulter; doch der scheint nichts zu spüren; er hört nicht auf, in Olli hineinzustoßen und Kai sticht immer wieder zu. Der Koloss schnaubt, lässt aber nicht von Olli ab.  Der kann nur grunzen, denn sein Mund ist mit einem Pflaster verklebt. Da stößt Kai die Schere mit voller Wucht in den Hals des Peinigers unterhalb des rechten Ohres.   

Ein Schwall von Blut spritzt aus dem Loch. Der Mann sackt zusammen und röchelt. Jetzt kann ihn Kai mit einiger Anstrengung von seinem Bruder rollen.

Er schneidet die Fesseln an den Händen durch und reisst Olli das Pflaster vom Mund. Ein unheimlicher Laut, der tief aus Ollis Innerem zu kommen scheint, entringt sich seiner Kehle, gefolgt von heftigem Schluchzen. Ollis Handgelenke bluten und als er sich mühsam vom Bett rollt, sieht Kai mit Entsetzen seinen blutenden After. Er weiss, dass er Olli in dieser Verfassung kaum zu einer schnellen Flucht wird bewegen können. Aber er hat ein paar von den Schmerzpillen dabei, die er an Stelle von Crack aus der Berliner Drogenszene mitgebracht hat. Sie helfen nicht nur gegen Schmerzen, sondern putschen auch auf, machen übermütig und high. Er legt seinem Bruder gleich drei davon auf die Zunge, kippt ein Glas Wasser nach und säubert, während Olli sich langsam erholt, seine Wunden von Blut.  Dann nimmt er selber eine der Pillen, stellte seinen Bruder auf die Füße und hilft ihm beim Anziehen.

Kai drängt zur Eile, denn es kann jeder Zeit jemand aus dem Basketball-Team an die Tür klopfen. Olli zieht seine Dickie hoch, die weit genug ist, um nicht auf die schmerzende Stelle zu drücken. Kai zieht noch Ollis basecap unter dem schlaffen Körper hervor, der in einer riesigen Blutlache auf dem Boden liegt.

Kai öffnet die Augen, um den inneren Film zu beenden, aber es gelingt ihm nicht. Niemals wird er sich von diesen Bildern befreien können. Seine Strafe sind nicht die zehn Jahre Jugendarrest, zu denen er verurteilt wurde, sondern die ständige Gegenwart dieser Bilder in seinem Bewusstsein.

Niemand hatte ihn vor Gericht nach seinem Motiv gefragt, denn das lag augenscheinlich offen zutage: Mordlust und Rache. Seine Vergangenheit hatte niemanden in Köln interessiert.

Kai setzt sich aufrecht auf seine Pritsche, um die Reste des Albtraumes aus sich herauszuschütteln. Er fragt sich zum wiederholten Male, warum er hier ist. Warum haben sie ihn nach Berlin gebracht?

Er wartet auf Jahnke.

Fortsetzung in einer Woche

Worldwide Reading for the Dead of the Pandemic on September 5th 2021

CALL

The international literature festival berlin [ilb] calls on individuals, schools, universities, cultural institutions and media to participate in a Worldwide Reading for the Dead of the Corona Pandemic on September 5, 2021. The reading is intended to commemorate those who died in the pandemic.
For more than a year, the world has been in the grip of the pandemic. Nearly three million people worldwide have died from Covid-19. Not a day goes by when we are not confronted with statistics and curves on current deaths and illnesses. Yet, it often remains abstract numbers.

The individual person and the individual stories behind them are hardly present in the public perception. Illness, death and grief have become largely invisible due to precautionary measures. Many people die alone, behind closed doors, and are buried in small circles. In many cases, there is no way for relatives and friends to say goodbye – and if they do, it is at a distance or in a digital setting. 

Literature has the potential to give expression to this situation, to counter isolation at least through reception. It finds narratives away from the everyday images of horror, tells of loss from different perspectives, and helps to make the incomprehensible tangible, the intangible comprehensible.
Readings can take place anywhere, including privately in a small circle, in a school, in a cultural institution or on the radio. People who would like to participate with a reading on September 5, 2021 are asked to send us the following information: Organizers, venue, time, participating actors, event language, link to your website if applicable.
The email address is: worldwidereading@literaturfestival.com

The ilb has published first texts for the reading on the website, further are following soon in various languages. All readings will be announced there and on social media.
Weltweite Lesung für die Toten der Pandemie am 5. September 2021
Aufruf

Das internationale literaturfestival berlin [ilb] ruft Einzelpersonen, Schulen, Universitäten, Kultureinrichtungen und Medien dazu auf, sich am 5. September 2021 an einer Weltweiten Lesung für die Toten der Pandemie Corona zu beteiligen. Mit der Lesung soll an die Toten der Pandemie erinnert werden.

Seit mehr als einem Jahr wird die Welt von der Pandemie heimgesucht. Fast drei Millionen Menschen sind weltweit an Covid-19 gestorben. Kein Tag vergeht, an dem wir nicht mit Statistiken und Kurven über aktuelle Todesfälle und Krankheiten konfrontiert werden. Doch oft bleiben es abstrakte Zahlen. Der einzelne Mensch und die individuellen Geschichten dahinter sind in der öffentlichen Wahrnehmung kaum präsent. Krankheit, Tod und Trauer sind durch Vorsichtsmaßnahmen weitgehend unsichtbar geworden. Viele Menschen sterben allein, hinter verschlossenen Türen, und werden im kleinen Kreis beerdigt. In vielen Fällen gibt es für Angehörige und Freunde keine Möglichkeit, sich zu verabschieden – und wenn doch, dann aus der Ferne oder in einem digitalen Umfeld.

Literatur hat das Potenzial, dieser Situation Ausdruck zu verleihen, der Isolation zumindest durch Rezeption entgegenzuwirken. Sie findet Erzählungen abseits der alltäglichen Schreckensbilder, erzählt vom Verlust aus verschiedenen Perspektiven und hilft, das Unfassbare greifbar zu machen.

Lesungen können überall stattfinden, auch privat im kleinen Kreis, in einer Schule, in einer Kultureinrichtung oder im Radio. Menschen und Institutionen, die sich mit einer Lesung am 5. September 2021 beteiligen möchten, werden gebeten, uns folgende Informationen zukommen zu lassen: Organisator*innen, Ort, Zeit, teilnehmende Akteure, Veranstaltungssprache, ggf. Link zu Ihrer Website.

Die E-Mail Adresse lautet: worldwidereading@literaturfestival.com

Das ilb hat erste Texte für die Lesung auf der Website veröffentlicht, weitere folgen bald in verschiedenen Sprachen. Die Lesungen werden dort und in den sozialen Medien angekündigt.

Blutbrüder (7)

Anne Schmidt

11. Der Psychologe

Jahnke nimmt am nächsten Tag den 2. Aktenordner zur Hand. Der Psychologe, Herr Tuncay, hat einen langen Bericht geschrieben. Er hatte verschiedene Tests mit Arne gemacht, denn sagen wollte der Junge nichts. Erst als Tuncay ihm die Analyse  der Tests mitteilte, hatte Arne sich ihm unter Tränen offenbart. Tuncay veranlasste, dass Arne nicht vor Gericht aussagen musste, sondern sein Bericht in der Verhandlung als Ersatz anerkannt wurde.

Felix und Kai verweigerten die Aussage. Aufgrund des Berichtes wurde Krause zur verpflichtenden Teilnahme an einer Therapie und zu einem Wechsel der Schule verurteilt. Ein Berufsverbot konnte, nach Meinung der Richter, nicht ausgesprochen werden, da kein angebliches Opfer vor Gericht aussagen wollte.

Als Kai aus dem kühlen Gerichtsgebäude in die knallige Sonne draussen trat, wartete Tuncay schon auf ihn. “Schade, dass Du nicht ausgesagt hast. Ich bin sicher, Dein Lehrer hat Dich ausgenutzt. Arne hat mir genug erzählt, um zu wissen, dass Du sein Hauptopfer warst. Ich habe ein Zimmer für Dich in einer betreuten Wohngemeinschaft. Wenn Du willst, kannst Du sofort mit mir hingehen.”

Kai sah Krause aus dem Gerichtsgebäude kommen und ihm heimlich einen Wink geben. Er drehte sich abrupt zu Tuncay und folgte ihm nach Neukölln. Kai bekam das Zimmer eines Jungen, der mit Crack erwischt worden war. Weil er als Wiederholungstäter galt, wurde er zum Entzug in eine Klinik eingewiesen. Kai betrat das Zimmer mit Widerwillen: Alles war ungepflegt und schmutzig. Er musste stundenlang lüften, um den abgestandenen Geruch zu verdrängen. Die drei anderen Jungs in der WG liefen nur mit Basecaps auf ihren kurz geschorenen Schädeln herum, ließen ihre Jeans bis auf die Po-Ritze hängen und begrüßten sich gegenseitig im “Gangsta-Slang”. Sie sprachen nur in Halbsätzen, nie über Probleme oder Gefühle, sondern versuchten in Sprache, Mimik und Gestik ihre Coolness zum Ausdruck zu bringen.

Einmal in der Woche gab es ein Kreisgespräch mit Herrn Tuncay oder einem anderen Psychologen. Dann saßen die Jungs ernst und auffällig harmlos blickend auf ihren Stühlen und erzählten – mal leise und stockend, mal laut und aufbegehrend von kleinen Scharmützeln in der Schule.

Von ihren nächtlichen Ausflügen erzählten sie natürlich nie. Kai passte sich bald seiner unmittelbaren  Umgebung an, in Aussehen, Sprache und Verhalten. 

12. Abwärts

Er hatte sich seiner Umgebung so gut angepasst, dass auch er nachts auf den Straßen von Neukölln herumlungerte. Gegen die Angst, die ihn manchmal überfiel, und gegen die würgenden Erinnerungen brauchte er ein bisschen Kokain; von Koks war er bei Krause schon fast abhängig geworden, aber er konnte es sich nicht leisten, wenn er nicht auf den Strich ging. Am einfachsten und billigsten war Crack zu besorgen. Seine WG-Kumpel kannten zwei Tschechen, die das Zeug in ihrer Küche mixten. Es war so billig, dass er es von seinem Taschengeld kaufen konnte, wenn er sich sonst nichts Aussergewöhnliches leistete.

Inzwischen hatte er die 10. Klassenstufe der Gesamtschule abgeschlossen, aber ohne “Mittleren Schulabschluss”. Sein sehr bemühter Arbeitslehre-Lehrer hatte ihn überredet, sich an einem OSZ anzumelden, um die “Mittlere Reife” nachzuholen.

Da Kai keinen Plan für sein weiteres Leben hatte, und das Sozialamt die Kosten für seinen Lebensunterhalt übernahm, solange er sich in einer schulischen Ausbildung befand, willigte er ein. Er ließ sich eine Lebensbahn hinuntertreiben, von der er nicht wusste, wo wie sie enden würde.

Er döste in den Tag hinein und aus dem Tag wieder hinaus in eine von Monstern bedrohte Nacht.

Fortsetzung in einer Woche

Talma Sutt und die Welt

Michał Talma-Sutt

Perpetuum Kontinuum

Kein Rondo heute, was es geben wird, wird aber kürzer sein.

Ich muss jedoch auf meinen letzten Artikel noch mal eingehen. Diejenigen, die ihn gelesen haben, werden zweifellos bemerkt haben, dass er ein kleines Theaterstück beinhaltete. Mit Elon Musk in der Hauptrolle und Kryptowährungsfans als (da)Nebendarsteller. Ich gehe irgendwie davon aus, dass Musk den Artikel nicht gelesen hat. Wer bin ich schon? Ein armer Komponist, der sich irgendwie nicht nur für Musik interessiert. Ich habe vor drei Wochen auch geschrieben, dass die ganze „Bitcoin und andere Coins“ Geschichte nicht so lala super ganz ökologisch ist.

Und Trallala, oder Hopsasa, kurz danach plagten Elon Musk Umweltbedenken, und Tesla auf einmal alle Zahlungen mit dem Bitcoin stoppte. Was auch bedeutet hat, dass der Aktienkurs von Bitcoin deutlich nach unten sank. Dass Tesla soviel Geld im letzten Quartal verdient hat, liegt nicht daran, dass seine Firma sehr viele E-Autos verkauft hat. Fast ein Viertel des Gewinns hat seinen Ursprung ganz woanders. Haben Sie richtig geraten von wohin? Sehr einfach, es waren die Spekulationen mit Kryptowährungen auf der Börse.

Also, ich komme irgendwie nicht umhin, das komische Gefühl zu haben, dass Elon Musk versucht meine kleine theatralische Spielerei (von vorher) gewissermaßen zu vertiefen, bzw. zu erweitern. Desto mehr, dass kurz nach der Trennung, seitens Tesla, von Bitcoin, hat Musk andere Kryptowährung hochgepriesen, den Dogecoin, der, nebenbemerkt, ursprünglich als eine Parodie auf Bitcoin von seinen Schöpfern (Billy Markus und Jackson Palmer) konzipiert wurde.

Also kann ich ganz sicher wiederum auch nicht sein, vielleicht hat er doch mein Artikel gelesen. Verdammt…

Beziehungsweise, hätte ich soviel Geld und Einfluss auf die Börse via Twitter, hätte ich auch wahrscheinlich auf irgendwelche Coins gesetzt. Ich verkaufe und twittere etwas, der Kurs fällt, ich kaufe und twittere was anders, der Kurs steigt, ich lasse es in schleife laufen – eine finanzielle Perpetuum Mobile, genial, oder?

Trotzdem, ich werde nicht unbedingt auf Mars fliegen. Obwohl ich Star Wars mag, letztendlich bin ich mit den Filmen aufgewachsen, die romantische Vorstellung, dass man von einem Planeten auf Anderen irgendwie fliegt, und alles Butter, überzeugt mich nicht ganz. In Wirklichkeit, jeder Planet hat doch andere Masse, andere Gravitationskraft, andere eigene Achsendrehung, andere Zeit seiner Sonne Umdrehung. Da kann es schon sein, dass man sich ganz anders fühlt, kann auch sein, dass es sich um ein Unwohlsein handeln könnte. Um die kosmische Strahlung nicht zu erwähnen. Neben bemerkt, ist sie noch 2,5-mal grösser als auf die ISS. Auf der Erde wir sind davon ziemlich gut geschützt, wegen des globalen Magnetfeldes, welches unser Planet besitzt, Mars hat sowas nicht.

Ob Elon Musk hat wiederum ein Sinn für Humor, ist mir unbekannt. Sein Kumpel, Jeff Bezos, jedoch hat ihn sicher, nach seinem charmanten Lächeln (beide treten, d.h. Jeff und sein Lächeln, auch in Nebenrollen in meinem Theaterstückchen auf) zu beurteilen. Er hat sich neulich eine Mega-Yacht für mehr als 500 Millionen Dollar gekauft. Funny, nicht wahr?

Übrigens, das Geschäft boomt, nur im ersten Quartal dieses Jahres wurden 222 Luxusyachten weltweit verkauft. Ein Jahr davor waren es vergleichsweise 106, 2019 nur 96. Was für Zeiten…

Aber letztendlich haben wir Pandemie, also die größte Weltkrise seit sehr, sehr langer Zeit. Für Manche, für Manche aber nicht. In letztem Jahr ist der Welt-Klub der Milliardäre kräftig gewachsen, um 660 Glücklichen (insgesamt sind jetzt 2755 Superreichen weltweit vorhanden). Das Vermögen dieser Bürger hat sich auch von 8 bis auf 13,1 Billionen Dollar aufgestockt, laut Forbes Magazine. Eine Krise? Welche Krise? Jeffs Lächeln ist berechtigt, und dabei so zauberhaft…

Außerdem sagen doch die Politiker immer: „we must grow“, oder nicht? Kein Wunder, dass Manche es ernst nehmen.

Wenn wir dann wieder bei der Politik landen, werde ich ein bisschen Regional bleiben. Falls man die Bertelsmann Stiftung dem Glauben schenken darf, es sieht so aus, dass die allgemeine Wechselstimmung deutscher Bürger/innen sich in Rekordhöhen befindet. Die aktuellen Trends ihres Demokratiemonitors sagen, dass über 60 % der Leute sich einen Wechsel der Bundesregierung wünschen, nur jede/r achte der Befragten denkt, dass es nicht gut wäre.

Es wundert mich nicht, nach 12 Jahre GroKo, wo die Kompromisse sich eher als Barrikaden auf der Weiterkommenstr. gestapelt haben, da kann man sich schon was anderes wünschen. Nach wie vor, denke ich, dass es die Grünen sein werden könnten, die diesen Wunsch der Leute nach etwas Neuen verkörpern.

Egal wer der Wahl gewinnt, die Aufgaben werden enorm sein, für jede Regierung. Vielleicht begreift die Welt der Politik endlich, dass wir tatsächlich in der Umbruchzeit leben. Nicht nur wegen Klima-Probleme, was natürlich als Priorität zu betrachten ist. Hauptsächlich jedoch, des Digitalen und Hochtechnologischen Zeitalters wegen, welches immensen Einfluss auf alles hat und dabei immer schneller wird, aber auch vielleicht uns retten kann. Die NASA hat auf Mars vor kurzem Kohlendioxid in Sauerstoff umgewandelt, was sie schon sicher auf unserem Planeten auch schon mal ausprobiert hat. Was daraus sich lesen liest; die Technologie ist da, sicher noch nicht so weit, aber…

Na ja, in Deutschland, mit dem Schulsystem (ich befürchte, Universitäten inklusiv), welches eher vor Gestern ist, wäre es schwierig, den Nachwuchs für NASA zu beschaffen, aber wer weiß?

Zeit für Wechsel, viel- und weitsichtlich, eigentlich die höchste Zeit.

Wie unsere Welt aussehen kann, falls wir nichts ändern werden, kann man in einem Buch lesen, den ich gerade als Lektüre habe. Es ist ein Thriller, über den ich noch vielleicht ein extra Artikel schreiben werde. Mit sehr starken Forecast–Elementen. Keine schöne Zukunft. Zur Beruhigung, das Geschehen geschieht im Jahre 2030, eher unwahrscheinlich, ich werde es auf Jahr 2050 schätzten…

Nun sollte es kurz Heute sein, also am Ende, ein kleines Zitat aus dem Terminator, einen Film mit Arnold Schwarzenegger (der neulich, auf Grund der „Cancel Culture“, seinen Namen auf Arnold Dunkeldunkelhäutige ändern musste): „ich komme wieder“.

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Blutbrüder (6)

Anne Schmidt

9. Jahnke

Jahnke schiebt Kai die Banane zu. Er malt Spiralen in sein Heft und ist so vertieft in seine inneren Bilder von Drogenmissbrauch und dessen Wirkung auf Willenskraft und Skrupelabbau, dass Kai schon die halbe Banane gegessen hat, als Jahnke endlich fragt: “Hast Du Dich von Deinen Freunden verraten gefühlt?” Kais Kopf sinkt auf die Tischplatte und er beginnt mit einem dumpfen Laut, der aus seinem tiefsten Innern zu kommen scheint, zu weinen.

Jahnke schreckt zurück. Er hat noch nie einen Delinquenten zusammenbrechen sehen, auch nicht bei einer niederschmetternden Urteilsverkündung.

Hilflos streckt er eine Hand aus, um Kais freie Hand zu ergreifen, besinnt sich aber darauf, dass er ein Mann ist und jede Berührung von ihm unabsehbare Folgen haben könnte. Er beschränkt sich darauf, ein Taschentuch zu Kai hinüber zu schieben. Er versucht, sich vorzustellen, wie enttäuscht ein Mensch sein muss, wenn er sich mit seinem tiefsten Kummer an niemanden wenden kann, wenn er erkennen muss, dass auch seine angeblichen Freunde nichts von seinen Problemen wissen wollen. Vielleicht hat ihm sogar jemand zu verstehen gegeben, dass er selber an seinem Zustand schuld sei, dass er nur nach Hause zu gehen brauche, um seine Abhängigkeit zu beenden. Aber hätte Kai in seine unwohnliche Laube zurückkehren können, ohne die Erlaubnis des Jugendamtes?

Jahnke steht auf und klopft an die Tür. Kai schneuzt sich und wischt sich die Tränen ab. Er würdigt das letzte Stück Banane keines Blickes, sondern lässt sich willenlos von Rothers, der nach dem Klopfen eingetreten ist, die Hände ebenso willenlos auf dem Rücken fesseln.

Jahnke kramt in seiner Tasche und fördert ein Taschenbuch zutage; es ist ein Gedichtband mit tragisch-komischen Gedichten von Ringelnatz; Jahnke hatte lange überlegt, wieviel Intellekt oder Tragik er dem Jungen zutrauen könne, war von Hesse zu Trakl geschwankt, hatte “Der junge Törless” in die Hand genommen und die Erinnerungen eines Schülers aus der Odenwaldschule. Aber der Zweifel, dass ein Roman über Missbrauch seinen jungen Mandanten erleichtern könne, hatte ihn zu den Gedichten aus Ringelnatz’ Berliner Zeit greifen lassen.

Als Jahnke draussen in seinem Wagen sitzt, nimmt er sich vor, Kais frühere Freunde zu besuchen. Einer von ihnen hatte damals seiner Mutter von den Annäherungsversuchen seines Lehrers erzählt. Er war zum Prozess gekommen und Krause war zu einem Jahr auf Bewährung und zu einer Therapie verurteilt worden. Ausserdem wurde er an eine Schule in einem anderen Bezirk versetzt.

In Jahnkes Büro wartet nur seine Sekretärin auf ihn, sodass ihn nichts daran hindert, gleich die nötigen Anrufe zu tätigen, um  Akteneinsicht zu erhalten.

Im Archiv des Gerichtes sind schon die angeforderten Akten bereitgelegt, als Jahnke nach einem  frugalen Mittagessen dort ankommt. Er darf sie nicht mitnehmen, aber inzwischen gibt es eine lichtdurchflutete Leseecke mit bequemen Sesseln im Archiv. Er dankt kurz der freundlichen Archivarin und lässt sich gedankenverloren in einen der Sessel fallen. Die 1. Akte enthält hauptsächlich sachdienliche Hinweise zur Klägerin, ihrem minderjährigen Sohn Arne, dem Angeklagten und den zwei Freunden von Arne, Felix und Kai. Die Anklage, die auf sexuellen Missbrauch lautete, wurde vom Angeklagten vehement zurückgewiesen. Im Gegenteil: Der Anwalt des Angeklagten beschuldigte die Mutter von Arne, sich an Krause rächen zu wollen, da er ihrem Sohn nicht die gewünschte Zeugniszensur in Mathematik gegeben habe. Da Arne selbst nicht sehr gesprächig war, sich sogar in Widersprüche verstrickte, entschied der Richter, den Prozess zu unterbrechen und Arne von einem Psychologen befragen zu lassen. Bevor der Psychologe einen Bericht erstattet habe, wollte der Richter auch die zwei Zeugen nicht vernehmen. Herr Krause wurde, da keine Fluchtgefahr bestand, bis zur Fortsrtzung des Prozesses nach Hause entlassen.

Das Jugendamt wurde von dem Prozess unterrichtet und gebeten, Kai einen Platz in einer betreuten Wohngemeinschaft zu besorgen.

Da im Moment alle betreuten WGs voll waren, musste Kai zurück in Krauses Wohnung gehen, denn noch war Krauses Schuld nicht bewiesen.

10. Krauses Frau

Krauses Frau, die esoterische Kurse gab, sollte sich um Kai kümmern. Kai hätte beinahe laut gelacht, als er von dieser Scheinlösung hörte, denn bisher hatte diese Frau sich nie für das Treiben ihres Mannes in der gemeinsamen Wohnung interessiert. Kai roch immer die Haschischwolken, die aus ihrem Zimmer kamen und sah sie manchmal mit glasigem Blick in der Küche hantieren. Diese Frau als Schutzpatronin für ihn auszusuchen, dünkte ihn mehr als ein Treppenwitz. Als Krause mit Kai die Wohnung betrat, war sie gerade in der Küche. “Wie war`s?”, fragte sie mit unstetem Blick.

Krause erklärte ihr mit süffisantem Grinsen, welche Verantwortung nun auf ihr laste und fügte hinzu: “Keine Angst, ich mach das schon. Gib uns etwas von Deinem Haschisch ab, dann wird Kai ein bisschen entspannter.” Da Kai nicht rauchte, fing er nach dem ersten Zug heftig an zu husten. Krause amüsierte sich, klopfte ihm auf den Rücken und meinte: “Koks zu sniffen ist einfacher, aber im Moment habe ich keines da.”

Kai wollte heimlich in Carlas Zimmer schleichen, aber Krause hielt ihn schmerzhaft am Arm fest. “Wir zwei machen jetzt eine kurze Strategiebesprechung. Du willst doch sicher nicht, dass ich in den Knast komme, oder?” Kai schüttelte den Kopf. Er wollte auf keinen Fall vor Gericht aussagen und seine Willfährigkeit zugeben müssen. Er würde kein Sterbenswörtchen über den sexuellen Missbrauch sagen, aber die Aussage von Felix musste er beeinflussen.

Felix hatte die Annäherungen von Krause immer geduldet und Kai vermutete, dass er schwul war. Aber Felix durfte nichts von den Umarmungen und Küssen verraten, weil dann seine eigene Aussage unglaubwürdig sein würde. Mit der Ausrede, Felix instruieren zu müssen, verschwand Kai mit leichtem Gepäck aus der Wohnung.

Fortsetzung in einer Woche

Zacznijmy od edukacji

Interview auf Deutsch:

Andrzej Grajewski rozmawia z profesorem Robertem Trabą o polsko-niemieckich podręcznikach do nauki historii

Andrzej Grajewski: Szefowa berlińskiego oddziału Instytutu Pileckiego Hanna Radziejowska zwróciła niedawno uwagę, że w ośmiu przeczytanych przez nią niemieckich podręcznikach do historii nie było słowa o terrorze i zbrodniach na polskiej inteligencji i ludności cywilnej, o powstaniu warszawskim, Polskim Państwie Podziemnym i rządzie na emigracji. Czy ten opis odpowiada prawdzie?

Prof. Robert Traba: Dziwi mnie, że zaczynamy rozmowę od wypowiedzi o faktach powszechnie znanych, pomijamy zaś milczeniem zamknięcie historycznego projektu pierwszego wspólnego polsko-niemieckiego podręcznika do nauczania historii. O mankamentach niemieckich podręczników publicznie mówiłem wielokrotnie, korzystając m.in. z analizy treści blisko 40 spośród nich. Wskazywaliśmy na brakujące w nich elementy opisu niemieckiej okupacji, eksterminacji polskich elit czy funkcjonowania Polskiego Państwa Podziemnego.

Wydarzeniem na skalę międzynarodową jest fakt, że wysiłkiem dwóch rządów przygotowywany był wspólny podręcznik. Zastanawiam się, dlaczego dzień po zakończeniu tego projektu PAP – główne medium informacyjne – wysyła do opinii publicznej wiadomość, że w sprawach podręcznikowych nic się nie zmieniło. Jakby komuś chodziło o sabotowanie naszej pracy, wykonanej, podkreślam, na zlecenie polskiego rządu.

Mówimy o podręczniku „Europa. Nasza historia/Europa – Unsere Geschichte”. W jakich okolicznościach powstał?

To wielki, realizowany od 12 lat projekt, którym kierowały ze strony państwa polskiego trzy ministerstwa oraz powołana do nadzoru merytorycznego Wspólna Polsko-Niemiecka Komisja Podręcznikowa. Żaden z kolejnych rządów tego projektu nie przerwał, zapewniając biorącym w nim udział ekspertom pełną wolność i niezależność. Dodam, że w 2012 r. opracowaliśmy „Zalecenia”, które w sposób zasadniczy zmieniają sposób opowiadania dziejów Polski i Niemiec. Wszystkie zostały zrealizowane w tym wspólnym, wspieranym przez oba rządy podręczniku.

Jaki jest status tego podręcznika?

Został zatwierdzony do użytku przez konferencję ministrów oświaty Niemiec. Nie ma federalnego ministerstwa oświaty, gdyż to kompetencja poszczególnych landów. Podręcznik został uznany w 15 landach, poza Bawarią, która stwierdziła, że za mało jest w nim elementów bawarskich. Pozostawię to bez komentarza. Ponieważ IV tom został zamknięty dopiero w czerwcu br., w Polsce trwa proces recenzyjny wszystkich czterech tomów, aby dopuścić go oficjalnie do nauki historii w polskich szkołach. Osobiście wierzę w pozytywne jego zakończenie. Mam nadzieję, że władze w obu krajach wesprą jego używanie. Akceptację dokonaną przez nauczycieli będziemy mogli ocenić dopiero za rok, kiedy będzie miał szansę jako całość wejść do użytku w szkołach. Żaden nauczyciel nie podejmie się używania podręcznika, jeśli nie ma kompletu, a ten stan osiągnęliśmy dopiero teraz.

Dalej: https://www.gosc.pl/doc/6655132

***
Robert Traba, historyk i politolog. Od roku 2007 do grudnia br. był współprzewodniczącym Wspólnej Polsko-Niemieckiej Komisji Podręcznikowej. W latach 2006–2018 kierował Centrum Badań Historycznych PAN w Berlinie. Obecnie profesor w Instytucie Studiów Politycznych PAN w Warszawie.

Wspólna Polsko-Niemiecka Komisja Podręcznikowa

Kommentarz profesora Michaela Müllera

Europa – unsere Geschichte. Ein Schulbuch für Deutsche, Polen und Europäer

Das in deutsch-polnischer Zusammenarbeit gerade fertiggestellte vierbändige Unterrichtswerk zur europäischen Geschichte ist das weltweit zweite in transnationaler Kooperation erarbeitete Schulbuch – und (hoffentlich!) das erste, das in der schulischen Unterrichtspraxis auch wirklich breit genutzt werden wird, in Polen, in Deutschland, vielleicht auch anderswo in Europa.

Das Projekt hat wiederum seine eigene Geschichte. Es geht zurück auf die langjährige Arbeit der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission der Historiker und Geographen. Im Blick auf deren Erfahrungen und Kompetenzen haben die Außenminister Polens und Deutschlands unserer Kommission 2007 den Auftrag erteilt, ein gemeinsames Schulbuch für Geschichte zu erarbeiten. Das geschah dann in mehreren Stufen. Bis 2012 untersuchten Expert*innengruppen, welche Anforderungen ein solches Schulbuch in beiden Ländern je erfüllen mussten, und sie erarbeiteten genaue Empfehlungen für die inhaltliche und didaktische Gestaltung. 2012 wurden aufgrund einer öffentlichen Ausschreibung zwei Verlage mit der Realisierung beauftragt – der deutsche Verlag Eduversum und der bekannte polnische Schulbuchverlag WSiP (Wydawnictwo Szkolne i Pedagogiczne). Dann begann die Arbeit der deutsch-polnischen Autor*innenteams, unterstützt vom Expertenrat unserer Kommission. So wurden zwischen 2016 und 2020 sukzessive die vier Bände fertiggestellt.

Unsere Ziele werden in der Ansprache an die Schülerinnen und Schüler auf der Auftaktseite zu Bd. 1 erklärt. Es geht darum, dass junge Menschen „die europäische Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln“ kennen lernen, Wichtiges über die Geschichte auch unserer Nachbarn erfahren – und dadurch eben ein Verständnis dafür entwickeln, dass die europäischen Gesellschaften sehr unterschiedliche historische Erfahrungen gemacht haben, diese Erfahrungen zugleich aber immer eng miteinander verflochten waren.

Geschichte ist nicht einfach ein Archiv gesicherten Wissens über die Vergangenheit, schon garnicht etwas, was man in einer authoritativen, „objektiven“ Erzählung über Europa darstellen könnte. Es gibt Tatsachen (Ereignisse, Strkturen, Wandlungsprozesse), die genau zu rekonstruieren und zu dokumentieren die Aufgabe der Historiker*innen ist; sie sind dabei dem Prinzip der Objektivität und Wahrhaftigkeit verpflichtet. Eine ganz andere Sache ist jedoch, wie einzelne europäische Gesellschaften/Nationen, einzelne regionale, kulturelle und soziale Gruppen, ja auch einzelne Menschen die „große“ Geschichte je erfahren haben bzw. sich daran erinnern.

Jene „große“ Geschichte stellte und stellt sich den Menschen in Europa in Erfahrung und Erinnerung auf sehr unterschiedliche Weise dar. Es macht zum Beispiel einen gewaltigen Unterschied aus, ob man den deutschen Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen Polen im Jahr 1939 aus der Perspektive der Tausende zählenden Opfer unter der polnischen Zivilbevölkerung und deren Nachkommen wahrnimmt oder aus der der damals noch kaum vom Krieg betroffenen deutschen Bevölkerung. Ebenso macht es aber einen gewaltigen Unterschied aus, ob man die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in den Jahren 1944/45 aus der Perspektive der betroffenen Deutschen oder aus der der polnischen Nachkriegsgesellschaft sieht. Dass Nationen, besondere Gruppen und auch Einzelne unterschiedliche historische Erinnerungen haben, ist legitim und sozusagen natürlich. Ebenso natürlich ist, dass sich an die jeweiligen kollektiven Erinnerungen sehr unterschiedliche Deutungen der Vergangenheit knüpfen – wenn auch nicht alle dieser Deutungen „legitim“ erscheinen mögen oder zumindest kontrovers sind.

Lernen über Geschichte muss in jedem Fall aber auf selbständiger, kritischer Urteilsbildung beruhen. Dem entspricht das Angebot verschiedener didaktischer Bausteine in dem Schulbuch. Neben der konventionellen Fakteninformation (Ereignisse, Strukturen, Begriffserklärungen) werden unter dem Stichwort „Blickwinkel“ unterschiedliche Deutungen der Vergangenheit miteinander konfrontiert. Sogenannte Methodenseiten geben Anleitung zum kritischen Umgang mit Quellen und Sekundärinformationen. Unter der Rubrik „Vergangenheit in der Gegenwart“ wird auf Spuren der Geschichte in unserer heutigen Lebenswelt aufmerksam gemacht und zu deren kritischer Wahrnehmung angeregt.

Die Initiator*innen und Verfasser*innen des vierbändigen Schulbuchs wünschen sich sich, dass es einen Beitrag zur Entwicklung einer Kultur der dialogischen Erinnerung in Europa leisten kann. Damit es dazu kommen kann, braucht es aber – wie Robert Traba (polnischer Ko-Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission bzw. der Projektgruppe Schulbuch) zurecht angemerkt hat – nicht nur wechselseitige Empathie, sondern auch die Bereitschaft, die „Polyphonie der nationalen Erinnerungskulturen“ als „dialogbereichernd“ anzuerkennen.

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Michael G. Müller, Professor für Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle, ehemaliger Ko-Vorsitzender der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission und Ko-Vorsitzender des Expertenrats für die Projektgruppe Deutsch-Polnisches Schulbuch