Die längste Sekunde meines Lebens (Erkundung der Stadt)

Christine Ziegler

Die längste Sekunde meines Lebens, sagt man so.

Jetzt weiß ich, dass das stimmt. Dieses subjektive Gefühl, das so gar nichts mit dem zu tun hat, was rings um dich abläuft. In stiller Verwunderung stellst du fest, dass du jetzt bremsen musst und realisierst, dass das nicht stattfindet.

Und nun? Werde ich wieder aufs Rad steigen können?

Na ja, erst mal lernen, wieder ordentlich zu schreiben, eines nach dem anderen, nicht zu ungeduldig sein.

Berlin, Ende November, ein trüber Tag. Ich bin auf dem Heimweg von Steglitz, mit dem Rad. Woher kommt plötzlich dieses Auto vor mir? Falsche Frage. Warum hab ich nicht gebremst? Weiß ich nicht. Handschuhe zu dick? Sicht behindert? Einfach geträumt?

Der Blinker splittert. Irgendein Instinkt hat mich bewogen, das Rad noch am Auto vorbei zu lenken. Nicht dass da noch Platz gewesen wäre, da stand ja noch ein Auto auf dem Parkstreifen.

Woran hatte ich gedacht? Wie schön der Winterabend ist? Wo ich heute noch Briefmarken herbekomme? Was ich am Abend noch machen will? Ist auch alles weg aus meinem Kopf.

Die Hand erhoben, ein Versuch, den Aufprall noch abzufangen. Sieht erst mal erfolgreich aus. Ich komme zum Stehen.

Was ist das jetzt? Weshalb kann ich mit der Linken mein Rad nicht halten? Wie komme ich jetzt runter vom Rad?

Ab sofort geht nichts mehr ohne Hilfe. Der Rettungswagen wird gerufen, Polizei kommt hinzu, ich sitze verstört neben der Trage im roten Auto, die Rettungssanitäter als Hüter um mich herum. Nach einer Weile fahren sie mich ins Krankenhaus.

Das Rad bleibt zurück, angeschlossen an ein Straßenschild, die Nachbarin wird es später abholen.

Sie fädeln mich ein ins Hilfesystem, Daten werden aufgenommen, der Blutdruck gemessen, von irgendwo her kommt ein Kühlpad. Wie groß sind die Schmerzen auf einer Skala von null bis zehn? Was kann ich da sagen?

Nun denn. Erfahrene Rettungsleute sehen meinem Handgelenk schon an, was passiert ist, doch die Röntgenaufnahme bringt dann endgültig die genaue Auskunft: Bruch der Speiche direkt am Handgelenk.

Der Körper ist ein Wunder! Gleich nach dem Bruch fängt die Gesamtheit der Zellen schon an, aufzuräumen. Die Chirurgen helfen „nur“, dem Umbau ein bisschen Struktur zur Seite zu stellen. Wieso weiß so ein Knochen, wie er wieder zusammen kommen soll? Da kommen die Fresszellen und hauen weg, was an Durcheinander entstanden ist. Großes Räumkommando. Dann kommen die Aufbauer und wuchern erst mal wild vor sich hin, um die beiden Teile zu verbinden, ein Kallus entsteht. Erst später kommt Struktur in die Sache. Druck und Zug erzeugen die wunderbare Architektur des Knochens. Wo braucht es noch Material, wo kann es wieder weg.

Das geht nicht von heute auf morgen, jetzt die richtige Balance finden. Nicht überfordern, doch auch nicht nur stillhalten.

Wann sitze ich wohl wieder auf dem Fahrrad?

Eigentlich wollte ich doch eine Jubelgeschichte schreiben auf das Radfahren. Ein Emanzipationsgerät viele mutige Frauen haben davon profitiert. Jetzt muss ich einen Neuanfang wagen, den ich mir jetzt noch nicht vorstellen kann.

Das Radfahren kam nicht so leicht zu mir. Die ersten Übungen auf einer Terrasse, immer direkt auf die Treppe nach unten zu. Ich hatte schon auch Angst. Und irgendwann der Triumph, die Balance funktioniert, es braucht keine Halter und keine Stützräder. Ich fahre, ich fliege!

Ein Können, das erst mal nicht zum Zuge kam. Bis ich die Fähigkeit als Möglichkeit erkannte, mich vom unzulänglichen Busverkehr in der niedersächsischen Pampa unabhängig zu machen. Kampf gegen den Wind, der im Norden immer von vorne kommt. Nächtliche Touren, um die Freiheit auszubauen. Große Ermöglichung.

In der großen Stadt war damit erst mal Ende. So viel Verkehr, wie abschreckend. Und außerdem eine U-Bahn, die einen überall hinbringt, wie bequem.

Dann der gute Weg nach Wilmersdorf, der Verkehr konnte mir egal sein. Und ich hatte wenigstens ein bisschen Ausgleichssport.

Studium, der weite Weg nach Zehlendorf, kein Gedanke dran, das mit dem Rad zu bewältigen. Und sowieso musste ich immer noch Lektüre nachholen.

Sheffield, die großen Steigungen haben mich erst entmutigt, doch dann war es das beste Mittel, um durch die Stadt zu kommen. Bis das Rad unter die Räder gekommen ist, zum Glück ohne mich. Der Landlord hat es repariert, wie großartig!

Am Ende des Jahres die Tour durchs Land nach Harwich, um dort die Fähre nach Hamburg zu erreichen. Die Straßen gehörten mir, was für eine Freiheit.

Fahrrad im Urlaub, die Flüsse entlang. Der wunderbare Wechsel von Natur und Stadt, Staunen an Ökologie und Kultur.

Fahrrad für die kleinen Wege im Alltag. Kreuzberg liegt so manchmal doch noch in der Sackgasse, die Nachbarbezirke sind oft nur mit Umwegen erreichbar.

Die BVG hat mir wieder aufs Rad geholfen! Eine Woche Streik und ich musste doch nach Siemensstadt. Wieder eine Schneise durch Berlin gefunden, der großartige Weg über Charlottenburg und immer entlang der Spree. Freiheit!

Ja und wieder ein Rückschlag. Die Operation am Magen hat mich ängstlich gemacht, vom Rad wollte ich lange nichts wissen. Dann keine Zeit, dauernd anderes zu tun.

Ausgerechnet Corona hat mir wieder in den Sattel geholfen. Die Abstände waren einzuhalten, die U-Bahn war ein spooky place geworden. Freiheit und Genuss, die Gedanken machten Luftsprünge, das lüftete durch.

Ja, da schließt sich der Kreis. Jetzt ich bin sicher, ich werde wieder auf den Sattel steigen. Ich habe so oft wieder angefangen. Und jetzt weiß ich, was es mir Gutes getan hat.

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