Blutbrüder (3)

Anne Schmidt

4. Alpträume

Kai erwacht mit einem Schrei; er reisst sich die Decke vom Kopf und weiss nicht, wo er sich befindet.

Er richtet sich abrupt auf zu einem sit-up; sit-ups gehören zu seinem täglichen Fitness-Programm, seitdem er im Gefängnis ist, zuerst in Köln, jetzt in Berlin. Er erinnert sich, dass er selber die Strichliste an die Wand gemalt hat, um nicht, wie in Köln, die zeitliche Orientierung total zu verlieren.

Er lehnt sich erschöpft zurück und versucht, die Erinnerung an den Traum zu verscheuchen; es ist immer der selbe Traum mit geringfügigen Variationen: Ein Mann, der nach Alkohol und Zigarettenrauch stinkt, steckt ihm seine Zunge tief in den Hals. Kai versucht zu schreien, wedelt mit seinen Händen, versucht irgendetwas zu fassen, greift aber immer ins Leere. Um ihn herum sind Menschen, Teenager in seinem Alter. Sie tanzen zu überlauter Musik, niemand versteht den Anderen, aber das ist auch nicht der Sinn diser Party.  Sie feiern das Ende ihrer Klassenreise mit verzweifelter Fröhlichkeit, denn alle würden gern noch bleiben – bis auf ihn. Ihn hat Herr Krause, der einzige Mann auf dieser Party, zu seinem Sexsklaven erkoren, er hat zu parieren, stramm zu stehen, wenn Herr Krause ihm die Hose herunterzieht, sich in Bankstellung zu begeben, wenn Krause sich selber die Hose auszieht.

Kai fühlt im Traum noch den stechenden Schmerz, wenn der Mann in ihn eindringt.   Warum hat er sich nie gegen  Krauser Misshandlungen  zur Wehr gesetzt, ist immer wieder zu ihm hingefahren, hat sich Besserung geloben lassen, die nie eintrat?

Damals, als er das erste Mal in Krauses Wohnung war, hätte ihm dämmern müssen, dass dieser etwas von ihm wollte, was ausserhalb von Kais Vorstellellung von einer normalen Lehrer-Schüler-Beziehung lag. Die Art, wie Krause ihm in die Augen schaute, wie er harmlos seine  Hand auf Kais legte, seinen heissen Atem in Kais Nacken blies, war Kai zuwider, aber er versuchte es zu ignorieren. Alles wirkte wie zufällig, denn Kai saß auf einem Drehstuhl vor einem Computer und Krause stand hinter ihm, um ihm die Funktion der Tastatur zu erklären oder ihm auf dem Bildschirm etwas zu zeigen.

Kai war fasziniert von dem Spiel, das Krause auf den Screen gezaubert hatte, denn er hatte noch nie vor einem Computer gesessen, geschweige denn, an einem gespielt.

Nach diesem ersten Tag war Kai immer wieder zu ihm gefahren, obwohl Krause  zudringlicher wurde, aber Kai traute sich nicht sich zu wehren. Er fürchtete, Krause könne ihn aus der Wohnung werfen und nie wieder zum Spielen einladen. Inzwischen war er geradezu spielsüchtig geworden und wartete während des ganzen Schultages darauf, endlich sein Spiel vom Vortag fortsetzen zu können.  Die anderen Jungen aus seiner Klasse tuschelten über seine Hektik nach Schulschluss und versuchten, aus ihm das Geheimnis seiner Freizeitbeschäftigung herauszufragen.

Felix, sein bisher bester Freund, warf ihm Treuebruch vor und insistierte so lange, bis Kai etwas von Computerspielen murmelte. Damit war ein Damm gebrochen, denn nun wollten alle Mitschüler in der Klasse wissen, wo Kai einen Computer zur Verfügung hatte. Kein Klassenkamerad hatte bisher einen PC zu Hause, aber alle Jungs wünschten sich nichts sehnlicher als vor einem Bildschirm zu sitzen und digitale Menschen kämpfen zu lassen.

5. Hoffnung

Kai musste Felix versprechen, Krause zu fragen, ob er Felix mal mitbringen dürfe. Nach längerer Überlegung fand er die Idee nicht schlecht, denn die Gegenwart von Felix würde Krause vielleicht daran hindern, ihn immer wieder von hinten zu umarmen. ihn in den Nacken zu küssen und ihn zu streicheln.

Krause kannte Felix vom Unterricht und fand es nicht schlecht, dass Felix mitkommen würde; er hatte ihn schon immer sehr anziehend gefunden, wie er Kai mit einem maliziösen Grinsen mitteilte.  Felix erwies sich als gelehriger Schüler und schien die Annäherungen von Krause, die ihm zuteil wurden, nicht unangenehm zu finden. Kai überlegte, ob es an seiner Erziehung lag, dass er Krauses Verhalten nicht normal fand. Hatten die Frauen, die seine Kindheit geprägt hatten, Mutter, Großmutter und Erzieherinnen, ihn vielleicht zu einem Macho gemacht, der männliche Berührungen unangenehm fand?

Wenn Mitschülerinnen ihn knutschten, fand er es zwar albern, weil sie es mit viel Gekicher in der Gruppe taten, aber eklig fand er es nicht.

Felix schien Krauses Annäherungen nicht unangenehm zu finden, wand sich lachend aus dessen Umarmungen und kümmerte sich nicht um Kais gequältes Aufstöhnen, wenn Krause, den sie inzwischen Hotte nennen durften, wieder so zudringlich wurde, dass Kai seine Finger von der  Tastatur nehmen musste.

Fortsetzung in einer Woche

Mank oder Hearst? Wer ist hier Don Quijote?

Für Tomasz, den ich nicht kenne, der mich aber in einem Kommentar auf diesen Film aufmerksam gemacht hat

Mank, ein Film darüber, wie ein sturer Drehbuchautor ein Drehbuch über einen Sturer Zeitungsverleger durchboxt. Eine wahre Geschichte. Am Ende des Kampfes bekommt der Schriftsteller einen Oskar, einen einzigen den der Film bekommen hat, obwohl er in neun Kategorien nominiert war.

Alles alte Geschichte, über Kreativität, Freundschaft, Sturheit, Loyalität, Treue den Anderen und sich selbst und Armut des Sturen in der Welt der reichen Opportunisten.

Auf Wikipedia liest man:

Mank ist eine US-amerikanische Filmbiografie von David Fincher, die am 4. Dezember 2020 von Netflix veröffentlicht wurde. Der Regisseur widmet sich in seinem Film der wahren Geschichte des Hollywood-Drehbuchautors Herman J. Mankiewicz, gespielt von Gary Oldman, und dessen Streitigkeiten mit Regisseur Orson Welles über das Drehbuch für Citizen Kane, ein Film aus dem Jahr 1941. Das Drehbuch schrieb Jack Fincher, der verstorbene Vater des Regisseurs. Im Rahmen der Oscarverleihung 2021 erhielt der Film in zehn Kategorien eine Nominierung, so als bester Film, David Fincher für die beste Regie und Gary Oldman als bester Hauptdarsteller. (…) Der Protagonist des Films ist Zeitungsverleger William Randolph Hearst, dem der Drehbuchautor vorwirft, seine eigene Jugendideale verraten zu haben und mit dem Nationalsosialismus in Deutschland zu sympathisieren.

Manks Drehbuch, zunächst America betitelt und dann von Oskar Welles als Citizen Kane verfilmt, ist zu einer ganz persönlichen Abrechnung mit Hearst und einem anti-liberalen Hollywood geworden. Die Gerüchte um das Drehbuch kochen in Hollywood hoch, Hearst und Mayer (der Chef von MGM – Metro Goldwyn Meyer) versuchen eine Verfilmung zu verhindern und Mank mit Versprechungen des Geldes und Einflusses zum Rückzug zu überreden, doch er bleibt standfest. Mankiewicz verlangt schließlich auch, neben Welles in den Credits zum Drehbuch des Films genannt zu werden, was Welles widerwillig hinnimmt. Citizen Kane wird in neun Sparten für den Oscar nominiert und erhält die Auszeichnung für das beste Originaldrehbuch.

Schon vor ein paar Wochen schrieb hier auf dem Blog ein Kommentator, dass der Film eine moderne Version der Don Quijote-Geschichte ist:

In dem Film von David Fincher, der gerade für Oscar nominiert wurde (in zehn verschiedenen Kategorien!) Mank, die Hauptfigur – gespielt von Gary Oldman – zitiert und paraphrasiert nicht nur, sondern ist es auch! DQ. Und sein Sancho ist eine Frau, oder es sind gar die Frauen. Der in Schwarz-Weiß gedrehte Film bezieht sich auf Citizen Kane (Gewinner des Oscar für das beste Originaldrehbuch von 1941 und nominiert in neun Kategorien), dessen Drehbuch von Herman J. Mankiewicz (Spitzname Mank) geschrieben wurde und hier eben von Oldman gespielt. Die Handlung basiert auf Manks wahrer Geschichte und seinen Auseinandersetzungen mit Regisseur Orson Welles. Der Charakter von Kane war – wie wir wissen – dem Geschäftsmann William Randolph Hearts nachempfunden, dem Verleger und Pressemagnaten, den Mank kennengelernt und mit dem er sich angefreundet hatte. Diese Freundschaft hat sich – wie es manchmal bei Freundschaften der Fall ist – verschlechtert. Citizen Kane – so offiziell, distanziert und cool benannt – wurde aus der Manks Perspektive geschrieben, dazu auch seine persönliche Beziehungen mit Hearst und seine Ansichten des antiliberalen Hollywoods gehören. In der Ära von #meetoo, #fakenews, Ausbeutung und Regierungspropaganda werden beide Filme mit vage Freude betrachtet.
Und in welchen Kategorien Mank-DQ gewonnen hat, werden wir wahrscheinlich am 25. April während der Oskar-Preisverleihung herausfinden
.

Also gerade eben.

Ich habe den Film schon gesehen und “mache es hiermit kund”, dass es eine doppelte Don Quijote Geschichte ist. Einerseits sagt Mank, dass es der Hearst ist, der Don Quijote verkörpert. Andererseits aber ist es der Mank selber…

***
Also Hearst.

Am Ende des Films findet ein Empfang statt, bei dem alle wie Zirkussartisten verkleidet sind. Zirkus der Reichen und Schönen. Mank kommt zu spät, ist nicht verkleidet und sichtlich besoffen. Er wird reden. Er beginnt seine Rede damit, dass er mit dem Messer absichtlich so stark in ein Glas voller Wein stösst, dass das Glas zerbricht und Wein und Glassplitter in alle Richtungen springen. Der Wein ist rot. Mank steht auf.

– Ich habe eine fabelhafte Idee für einen Film, Louis (gemeint ist Hearst, der Gastgeber des Empfangs). Ein Film, den ihr alle lieben werdet. Eine moderne Version von Don Quijote. Ich weißt zwar, dass keine von ihnen liest, aber sie wissen worum es in der Story geht. Um einen alten verrückten Adliger, der gegen den Windmühlen kämpft. Also, wie übertragen wir diese Geschichte in unsere moderne Zeit? Wie wäre es, wenn wir aus unserem Quijote einen Zeitungsmann machen? Wer sonst verdient sein Lebensunterhalt mit dem Kampf gegen die Windmühlen? Aber das reicht nicht! Er will nicht nur die Leserschaft. Er will mehr als nur Bewunderung. Er will Liebe. Deshalb kandidiert er für einen öffentlichen Amt und weil er reich ist, gewinnt er. Bemerken wir es, ein, der reich und mächtig ist, kann kein Publikum gewinnen. Es sei denn, er bekennt sich in letztem Akt zu seiner Fehler. Merken wir es uns dazu noch, dass wenn man reich und mächtig ist und braucht sich nie für seinen Taten zu entschuldigen, ist nur in echtem Leben bewunderswert. Habe ich nicht recht, Louis?

Er zündet sich eine Zigarette von einem großen offenen Kaminfeuer.

– Also was tun wir? Wir geben ihm Idealen, mit denen sich das bettelarme, wirtschaftskrisemüde Publikum identifizieren kann. Er, unser Don Quijote, ist gegen die Großkonzerne, für den achtstundigen Arbeitstag, für faire Einkommensteuer, bessere Bildung und sogar Verstaatlichung der Eisenbahn. Und wie nennen wir solche Menschen?
– Kommunisten!
– Sozialisten!

– Nein! Unser Don Quijote ist ein schlagfertiger Skandalreporter. Manche prophezeien, dass er eines Tages die Präsidentschaft gewinnt, also Präsident wird und als solcher Initiative unternimmt, dass es dazu kommt, Achtung! dass er die sozialistische Revolution einleitet!

Er lacht.

– Was für ein Schwachsinn!
– Ach ja? (…) Unser Don Quijote, er hungert, er giert, dürstet danach, dass die Wähler ihn lieben. Ihn genug lieben, um ihn zu Präsidenten zu machen. Aber das tun sie nicht. Sagen Sie, wie konnte das passieren? Könnte es sein, dass sie im tiefsten Inneren ihrer Herzen wissen, dass ihm die Macht mehr wert ist als die Menschen? Vom Kongress enttäuscht…

Die Empfangteilnehmer erheben sich nacheinander und gehen.

– Ist er nicht imstande in zwei Amtszeiten ein einziger Gesetz einzubringen. Können Sie das fassen? Sowas muß gut geschreieben werden.
Er wird als Präsidentschaftskandidat nomniniert, aber… er ist zu radikal für Hintermänner. Er scheitert, aber wir erreichen etwas. Und daraus können wir etwas machen. Wir bauen Sympathie auf. Zurückgewiesen flüchtet er ins Paradies. Ins Lotusland, wo sein treuer Troll Sancho ein Märchenreich vorbereitet hat. Der treue, treue Sancho, der wunderbare mythisches Königsreich… Warten sie mal, die romantische Heldin habe ich vergessen. Ihr Name… Dulcinea. Witzig, abenteuerlustig, klüger als sie sich gibt. Sie ist ein Revue-Girl, gesellschaftlich unter seine Schicht, aber es passt. Denn die wahre Liebe auf der Leinwand ist, wie wir alle wissen, ideal also… blind. Und sie… ja… sie liebt ihn auch. Also nimmt er sie mit in sein mythisches Märchenland.
Und jetzt, Auftritt von Nemesis. Das ist griechisch für “schwarzer Hut”.

Die Partygäste verliessen den Saal. Und ich weiß, dass der Paradies Barataria heißt.

Aber Mank hat noch eine Parabel im Ärmel. Eine Geschichte, die ein paar Jahre vorher passiert ist, als ein sozialistisch veranlagter Schriftsteller, Upton Sinclair, fürs Amt des Gubernators Kaliforniens kandidierte. Damals hat die gemeinsame Aktion von Hearst and Mayer seine Chancen zunichte gemacht.

– Es kommt Nemesis! Nemesis kandidiert als Gouverner und hat beste Chancen zu gewinnen. Wieso? Weil er exact so ist, wie unserer Don früher mal gewesen ist. Ein Idealist. Verstehen Sie? Und nicht nur das. Er ist auch derselbe Bursche, der mal vorausgesagt hat, dass unser Don Quijote eine sozialistische Revolution einleiten würde. Unser Quijot sieht in den Spiegel seiner Jugend ein und beschließt, diesen Spiegel zu zerbrechen. Und somit den Mann zu zerbrechen, den er einmal war. Mithilfe seiner getreuen Sanchos. Und mit allen Mittel der Schwarzen Magie (gemeint ist der Film als Medium), die ihm zur Verfügung stehen, tut er genau das. Und damit vernichtet er nicht nur einen Mann, sondern zwei.

Der Partyraum ist schon fast leer.
Mank ergibt sich.
Hearst begleitet ihn zum Ausgang und erzählt ihm eine Anekdote. Anekdote über den Affen des Leierkastenspielers. Der Affe denkt, dass er entscheidet und der Spieler dann spielt, wenn er, der Affe, Lust hat, zu tanzen. In der Tat aber ist es natürlich umgekehrt.

Nemesis, das sei aber im Film nicht gesagt, Nemesis war eine griechische Göttin des gerechten Zorns.

Ist also Hearst der Don Quijote? In einem gewissen Sinne – ja, aber andererseits ist vor allem Mank selber der Don Quijote, ein Mann von einer festen Überzeugung geleitet, dass es seine Mission ist, die Machenschaften der Film- und Zeitungsindustrie zu enthüllen und an Pränger zu stellen. Ein allein kämpfender Ritter der verlorenen Sache: Der Warheit, Treue und sozialer Gerechtigkeit.

Ein sehr guter Film. Möge er alle seine Oskars bekommen, zu denen er nominiert wurde.

PS am Montag früh: Nix hat er bekommen bei Oskarverleihung, nicht Mal eine müde Statuete für Make-up.

Wie soll das gute Leben nach der Pandemie aussehen?

Für Christine Ziegler, absichtlich eine Stunde früher, damit sie den Beitrag auf ihren Regenbogenfabrik-Geburtstagsblog rebloggen kann

Ewa Maria Slaska

Ja, wie soll unser Leben nach der Pandemie aussehen? Wie wird es aussehen? Was wollen wir und was über unsere Köpfe passieren wird?

Vor einem Jahr träumten wir von hellen Himmeln, klaren Wassern, stillen, ruhigen Städten. Glaubten wir daran?

Ja, ich glaube, wir glaubten daran. Wir glaubten, dass wir daran glauben dürfen. Dahinter versteckten sich zwei vollkommen verschiedene Gedanken: “Wir werden uns ändern” und “DIE werden es ansehen, dass WIR UNS ändern müssen (sonst stirbt das Leben auf der Erde)”.

Ja, WIR und DIE. Die WIR Seite sollte viel stärker sein als DIE Seite, endlich Mal sollten DIE an UNS hören. Endlich Mal werden WIR gewinnen. Endlich Mal wissen WIR, was WIR wollen und wollen, dass DIE es wissen. WIR werden besser und werden DIE zwingen zur Verbesserung der Welt. In letzter Sekunde vor der Katastrophe, als Greta Thunberg eigentlich nur weinte, weil Fridays for Future nix brachten, schlug die Natur zurück und brachte UNS allen (dh. für WIR und für DIE) eine NEUE Erkenntniss: Wenn WIR überleben sollen, müssen WIR uns und die Welt beruhigen, verlangsamen, heilen helfen, UNS gegenseitig unterstützen, solidarisch werden…

Den ganzen Frühling 2020 haben wir so geträumt.

Es war schön. Die Regierung gab UNS das Geld, um die Pandemie zu überstehen. Home office schien ein Arbeitsideal zu sein. Ruhig, in unserem eigenem Tempo arbeiten, selber entscheiden, was wichtig ist, wann WIR was tun oder eben nicht.

Die Läden waren zu, man brauchte aber nichts und musste nichts kaufen. Nur einfache Sachen, etwas zum Essen, ein bißchen mehr zu Trinken, Kino und die Bibliothek waren zu Hause, Konzerte auf der Straße oder auf den Balkonen. WIR machten Ordnung, teilen gute Sachen mit den Anderen. Lächelten mehr und malten schöne Regenbogen oder Herzen auf den Fenstern.

Und WIR träumten bis UNSERE Kinder ohne Schule verblödeten und zuhause nervten, WIR vom Home office Nase voll hatten und dicker wurden. In der Welt draußen begannen alle die Waren online zu bestellen, UNSERE mit Kartons vollverpackte Mülltonnen ein Asyl für Ratten geworden sind, die Transportburschen übernahmen die heimliche Macht in der Welt, UNSER Geld alle war und WIR wussten, dass der Jeff Bezos von Amazon es UNS allen wegnahm. Oder Elon Musk.

So wurde in ein paar Monaten eine UTOPIE zu einer DYSTOPIE.

Was können WIR also jetzt tun, ein Jahr später? Das Geld ist alle, der Frühling ist bitter kalt, die Lockdownmaßnahmen scheinen höhstens ein Alibi für Reiche und Mächtige zu sein, dies verdeckend, was wir alle jetzt spüren, dass uns unsere demokratische Freiheiten und Rechte weggenommen sind, wohl wissend, dass wenn die Macht dir schon etwas weggenommen hat, wird sie es NIE freiwillig zurückgeben. Harari schrieb letztens, dass es uns einfacher ist, uns das Weltende vorzustellen als Ende des Kapitalismus.

Haben wir wieder den Moment überschlaffen, dass wir zurückschlagen sollten? Schliefen wir zu lange? Träumten zu viel? Badeten wir uns immer noch in klaren Wasser in Venedig Kanälen, als DIE (wer auch immer SIE plötzlich geworden sind) uns schon alles wegnahmen?

Wie wird also die Welt aussehen? Unsere Arbeit, unser Wohlstand, unsere Sicherheit? Haben wir noch etwas in der Hand?

Ich schaue mich um. Vielleicht ist noch nicht alles verloren. Vielleicht haben wir doch etwas gelernt von dem bitteren Erwachen. Die Grünen gewinnen jetzt an Unterstützung und sind auf dem besten Weg, eine Volkspartei zu sein. Wird es politisch umschlagen? Gewinnt Annalene die Wahlen im September?

Harari meint, einziges was uns hilft, ist sich selber besser kennenzulernen. PM, dass wir alles wieder klein machen sollen. Kleine Gruppen, kleine Ziele, kleine Aufgaben, k(l)eine Gewinne. Zurück in die Zukunft. Klein und gemeinsam.

Und dann fehlt mir wieder die Regenbogenfabrik ein, mein Lieblingsbeispiel, wie das Leben eigentlich aussehen soll. Ein Squatprojekt, der sich im Laufe von 40 Jahre zu moderner nachhaltiger Utopie entwickelt hatte. Viel über sich selber wissend und alles klein, gemeinsam und solidarisch haltend. Irgendwann, vor 20 Jahren, schrieb ich über die Fabrik, dass sie für mich eine moderne Mischung aus ein Kloster und einen Kibbuz ist. Also ein Traum.

Von der Besetzung bis zur Legalisierung dauerte es Jahrzehnte – heute ist die Regenbogenfabrik eines der erfolgreichsten Lebens- und Wohnprojekte, schrieb zum 40 Geburtstag des Projekts Gerd Nowakowski im Tagesspiegel.

Auf dem Höhepunkt der Hausbesetzerzeit, als im damaligen West-Berlin über 100 Häuser vor der Abrissorgie im Namen einer fehlgeleiteten Stadterneuerung gerettet wurden, wurde das heruntergekommene und Abriss-bedrohte Industriegelände am 14. März 1981 von den Aktiven „instandbesetzt“. Eine verlassene Chemiefabrik und das Hinterhaus, beide in der Lausitzer Straße in Kreuzberg, sind heute Genossenschaft geworden. Auf den vier Etagen des Hinterhauses leben 33 Menschen – große und kleine. In der ehemaligen Fabrik findet man Radwerkstatt, das Hostel und die Kantine, die Kita, Tischlerei, die Bauwerkstatt, das Regenbogen-Kino und der Kultursaal. Manche Bestandteile des Projekts gibt es nicht mehr, das Café ist verschwunden, ebenfalls Seminar- und Proberäume, ein Kunstatelier, dazu kommen aber die neuen, wie z.B. Sauna im Hinterhaus oder manche Projektbüros. Auch Projekte kommen und gehen. Fete de la Musique kam schon zweimal hin, polnische Kochwochen blühten ein paar Jahre lang und wurden fallen gelassen. Lag es an mir? Ich weiß es nicht. Es gibt Winterbasare und Sommerhofpartys, Wanderungen und Fahrradtouren durch die Stadt, seit Jahren nimmt Fabrik an Tagen des offenen Denkmals teil. Das gesamte Gelände ist seit vielen Jahren ein Baudenkmal. Was hier geschieht, ist aber nicht museal, sondern ein lebendiges Projekt. Die Vision eines anderen Zusammenlebens und eines selbstbestimmten Arbeitens mit gemeinschaftlichen Eigentumsverhältnissen ist hier über Jahrzehnte immer wieder neu diskutiert und verwirklicht worden. (…) „Das Leben in der Gemeinschaft war oft schwierig“, erzählten Aktive zum 25. Jubiläum: „Äußere und innere Feinde waren zu bekämpfen; es flossen Tränen und einige MitstreiterInnen und Prinzipien sind auf der Strecke geblieben. Unter dem Motto ‚Zusammen wohnen, leben und arbeiten‘ wurde eine Gratwanderung zwischen Glück und völligem Genervtsein gewagt, was mitunter ernüchterte. Dennoch wurde nie aufgegeben.“

So ein schöner Projekt. Immer wieder versuche ich zu verstehen, weshalb ich die Fabrik nur beobachte und (noch) nie ein Teil davon geworden?

Harari meint, man soll sich selbst erkennen. Muss ich ja auch wohl.

Blutbrüder (2)

Anne Schmidt

3. In der U-Bahn

In der U-Bahn vertrieb sich Kai die Zeit damit zu raten, aus welcher Hälfte der Stadt die anderen Fahrgäste kommen könnten. Die älteren Männer mit Stoffbeuteln waren garantiert Ossis, fand Kai. Die waren daran gewöhnt, Schnäppchen, wie Südfrüchte, gleich einzukaufen, weil ungewiss war, wann und wo es wieder welche geben würde.  Jetzt brauchte man nicht mehr auf seltene Angebote vorbereitet zu sein, aber Sonderangebote gab es immer irgendwo. Also blieben die Stoffbeutel ständige Begleiter der Ost-Berliner.  
Die alten Wessis dagegen trugen Plastiktüten, auch wenn sie nur ein Medikament aus der Apotheke enthielten.  
So versuchte Kai, die Männer in Ost und West einzuordnen, was ihm bei den Frauen wegen der Handtaschen nicht so gut gelang; bei ihnen versuchte er die geografische Herkunft anhand der Kleidung oder der Sprache auszumachen.
Breites Berlinern oder Sächseln waren für Kai sichere Herkunftshinweise, denn in West-Berlin wurde den Kindern spätestens in der Schule das Berlinern abgewöhnt.
Kai war so in seine Beobachtungen und Überlegungen vertieft, dass er erschrocken auffuhr, als jemand über ihm seinen Namen sagte. Lässig am Griff sich festhaltend stand sein Mathmatik-Lehrer, Herr Krause, neben ihm. Er lächelte Kai freundlich an und drückte ihn beruhigend auf den Sitz zurück, als Kai aufspringen wollte. “Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe, Kai”, sagte er freundlich, “das wollte ich auf keinen Fall.” Als der Platz neben Kai frei wurde, setzte sich Krause. Er fragte Kai, wohin er wolle und wusste bald mehr über Kai und seine familiäre Situation, als er in der Schule jemals erfahren hätte. Nicht einmal der Schülerbogen, in dem normalerweise alle Zeugniskopien, Briefe an Eltern, Tadel und besonderes Fehlverhalten in der Schule vermerkt wurden, hätte ihm so viele Informationen über Kai geliefert.
In der Station Mehringdamm fragte Krause, ob Kai Lust hätte, mit ihm zu kommen und seinen neuen Computer einzuweihen. Die Versuchung für Kai war groß, aber sein Pflichtgefühl gegenüber seinem Bruder obsiegte. Er versprach, am nächsten Tag nach der Schule zu Krause zu kommen.
Nachdem Krause ausgestiegen war, fand Kai nicht mehr zu seinem alten Spiel zurück. Er empfand eine übergroße Freude und konnte seine Aufregung nur zügeln, indem er mehrmals heftig ein- und ausatmete. Am liebsten hätte er das kleine Mädchen, das neben ihm auf dem Sitz kniete und versuchte, in dem dunklen Tunnel etwas zu entdecken, an sich gedrückt und geknuddelt. Er konnte sich gerade noch beherrschen und drückte statt dessen seine Hände fest in die Jackentaschen. Er schloss die Augen und versuchte sich Krauses Wohnung vorzustellen.
Hatte Krause eine Frau und Kinder? Kai konnte es nicht glauben, denn Krause wirkte immer gleichbleibend relaxed und freundlich, egal wie viele ausserplanmäßige Konferenzen am Nachmittag anstanden oder Elterngespräche am Abend stattfinden mussten. Krause schien immer Zeit für die Schule und die Schüler zu haben; er sei ein Kümmerer, hieß es, einer, der immer ein offenes Ohr für problembeladene Schüler habe.
Tim war vor Kurzem in der U-Bahn von einer Kontrolleurin aufgeschrieben worden, weil er seine Fahrkarte vergessen hatte. Da Tims Eltern arbeitslos waren, war Tim verzweifelt gewesen. Krause hatte aus Tim herausgefragt, warum dieser im Unterricht nicht mehr aufpasste und hatte ihm – ohne Federlesens – das Geld für die zu zahlende Strafe gegeben. Alle Schüler, die davon wussten, sprachen mit Hochachtung von Krause. Er war ein Vorbild  für die Jungen, eine Art Übervater für die Mädchen.

Fortsetzung nächste Woche

Blutbrüder (1)

Anne Schmidt                                                       

1. Vorzeigemutti  

Kai saß vor der Laube am südlichen Stadtrand von Berlin und überlegte, wo seine Mutter den Schlüssel versteckt haben könnte. Sie, sein jüngerer Bruder Olli und er wohnten seit der Wende in dem winzigen Häuschen, weil seine Mutter unbedingt nach Berlin gewollt hatte, und zwar in den Westteil. Bis November 1989 hatten alle zusammen in Cottbus gelebt, wo es der Mutter immer zu eng und zu spießig gewesen war.  

Sie hatte im Konsum gearbeitet, früh zwei Jungen von zwei verschiedenen Männern geboren, die Jungen nach dem Ablauf des Mutterschutzes der Obhut eines Ganztagskindergartens überlassen und sich weiterhin im Konsum – und auch ausserhalb – um die Wünsche von  Kunden gekümmert. Ab und zu war am Wochenende die Oma gekommen, damit ihre Tochter auch über Nacht wegbleiben konnte, wenn eine Feier ausserhalb von Cottbus angesagt war oder ein Karnevalsfest sich bis in den Morgen hinzog. Die Oma war stolz auf ihre hübsche Tochter, der auch die Geburt der Söhne nicht die zierliche Figur hatte verderben können. Ihr feingeschnittenes Gesicht war faltenlos und hatte einen kindlichen Ausdruck, der Männer magisch anzog. Kai und Olli hatten diese feinen Gesichtszüge und den unschuldigen Ausdruck von ihrer Mutter geerbt. Sie waren die Lieblinge der Erzieherinnen im Kindergarten, nicht nur weil sie hübsch waren, sondern auch weil sie eine besondere Sanftheit und Fröhlichkeit im Spiel mit den anderen Kindern ausstrahlten. Sie waren beide sehr beliebt, besonders bei den Mädchen, die mit ruppigen und kämpferischen Jungen nichts anzufangen wussten. Kai und Olli wurden auch gern von anderen Müttern mitgenommen, wenn die junge hübsche Frau Weber Überstunden machen oder zu ihrer kranken Mutter fahren musste. Da niemand ein Telefon besaß, wurden die Angaben der Mutter nie überprüft. Ihren großen blauen Augen traute niemand eine Lüge zu und so genoss Doris Weber als junge Mutter in der Deutschen Demokratischen Republik Freiheiten, von denen andere junge Mütter nur träumen konnten. Kai und Olli litten nicht unter der Abwesenheit ihrer Mutter, denn jeder war nett zu ihnen und verwöhnte sie, bis die Mutti, gut gelaunt und fröhlich, ihre Söhne abholte. Sie zeigte Allen, wie lieb sie ihre Kinder hatte und  überschüttete sie mit Zärtlichkeiten. Sie war eine Vorzeigemutti, die Berufstätigkeit und Mutterschaft miteinander vereinbaren könne, sagte die zuständige Parteisekretärin. Ihre Jungen seien der beste Beweis für die erfolgreiche Unterstützung des Staates bei der Erziehungsarbeit alleinstehender Frauen, die ihren Beruf nicht wegen der Kinder aufgeben wollten.  

2. Willkommen im Goldenen Westen  

Seitdem sie im Westen waren, war alles anders: Kai und Olli gingen in eine weit entfernte Schule mit Ganztagsprogramm. Die Mutter verließ morgens um 8.00  die Laube und fuhr quer durch die Stadt zu dem Hotel, in dem sie arbeitete. Sie kam immer erst am späten Abend – bepackt mit Tüten – müde zurück. Sie war dem Konsumrausch verfallen und fand überall Sonderangebote, die unbedingt genutzt werden mussten. Kai und Olli hatten nie so viele Jeans und T-Shirts besessen wie in den ersten Wochen im Westen. Nach dem Konsumrausch wurde die Mutti von der Vergnügungssucht gepackt. Sie kam oft nachts nicht nach Hause, sondern ließ durch einen Nachbarn, der ein Telefon besaß, ausrichten, sie habe Nachtdienst im Hotel.

Dass ihre Söhne sie durchschauten, interessierte sie nicht. Sie meinte, die Jungen seien inzwischen alt genug, um allein zurecht zu kommen. In der Schule bekämen sie ein Mittagessen und ein Brot könnten sie sich auch allein schmieren. Zur Unterhaltung brachte sie ihren Söhnen Massen von Comic-Heften mit, die im Hotel liegen geblieben waren.  

Im Garten stand eine marode Tischtennisplatte und unter den Büschen lag ein schlapper Fußball. Soviele Sportgeräte, meinte sie, hätten sie in der DDR nie besessen. Leider vergaß sie oft, den Hausschlüssel an dem ausgemachten Ort zu hinterlegen. Einen Nachschlüssel anfertigen zu lassen war Doris Weber zu kostspielig; ausserdem könnten die Jungen den Schlüssel verlieren, was gefährlich und teuer sein könnte, meinte sie. Dieses Risiko wollte sie nicht eingehen.

Kai gab seine Suche auf. Wahrscheinlich hatte sie den Schlüssel eingesteckt und mit ins Hotel genommen, wo er unbemerkt in ihrer Handtasche ruhte. Kai überlegte, ob er den Nachbarn um einen Anruf bitten könne, aber das hatte er schon so oft getan, dass er sich nicht traute, schon wieder um ein Gespräch zu bitten. Olli hatte heute Basketball-Training in der Schule. Er würde ihn dort abholen und mit ihm zum Hotel fahren, beschloss er. Er nahm seine Fahrkarte aus der Schultasche, zog seine Jacke an und rannte zur Bushaltestelle.

Er hatte Glück, dass der Bus gerade kam und ihn bis zur U-Bahnstation brachte. Mit der U-Bahn brauchte er noch ca. 30 Minuten bis zum Kleistpark und von dort war es nicht weit bis zur Schule.

Fortsetzung in einer Woche

Zapiski na mankietach / Notizen auf den Manchetten

śmierc jest jak stara kurwa na kudamie
                                                            (al)

jak staniesz na hermannplac, weźmiesz pomarańczę do ręki, zamkniesz oczy, kilka razy się obrócisz i tą pomarańczą rzucisz, to zawsze trafisz mewkę albo tajniaka
                                                                                      (k-c)

– też chciałbym mieć taki drut w głowie jak wujek, tato!
– nie narzekaj, polewaj!
                                   (l)

– a wiesz jak sie teraz ubana nazywa?
– ??
– corona express
                        (b) 

Wußtest Du schon…

…dass Weinbauern als Haustiere
   bevorzugt Lachtauben halten?
                                             (pg)



               Politikier

Steht auf meinen Zehen und
    behauptet, daß er den
           Schmerz fühlt.
                              (pg)

Gut gesagt!

Bei manchem ist Propfen
und Schmalz verloren.
                                  (pg)

Beim Sex:
sie – “Sag’ mir schmutzige Sachen!”
er  –  “Küche, Wohnzimmer…”
                                  (pg)

Aus der Vogelwelt

Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus,
es sei denn, es lohnt sich.
                                     (pg)

“Guten Tag” wird abgeschafft.
Dafür folgt “Smörebröd”.
                                    (pg)

Wusstest Du schon…

… dass Chemie und Wahnsinn nahe beieinander liegen?
                                                                                       (pg)

Tip für den Haushalt

Die Helligkeit der Wohnung
kann bedeutend verbessert werden.
wenn man statt Äpfel,
Birnen in die Lampe(n) schraubt
                                                     (pg)


“Warum können wir nicht alle am gleichen Strick ziehen?”
fragte der Delinquent seinen Henker
                                                       (pg)
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(al) – adam legyel
(b) – berlinera (polski slang w berlinie zach.)
(l) – ludowe
(k-c) – kaziu – cwaniaczek
(pg) – peter gregor

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Rysunki Autor: Gekko, Halb&Voll, Troll; winieta: Fakty z kuchni


Reblog: La Mancha ist weit und leer

Vielen Dank an Tibor Jagielski, der diesen Text gefunden hat

faz.net

Paul Ingendaay

Fluchten in die Phantasie: Wo sind denn hier die Riesen?

Ich schwebe über die weite Landschaft hinweg, viel langsamer als ein Auto, aber schneller als die Bauern, die ich vor vielen Jahren zu Fuß auf den Landstraßen dahinlaufen sah, als hätten sie mir mit dem alltäglichsten Bild – zwei Leute unterwegs – ein Gefühl für diese völlig verlassene Gegend in der kargen Mitte Spaniens vermitteln wollen. Ich schwebe in mittlerer Höhe, spüre die heiße Sommerluft, die mich angenehm fächelt, weil sie pulvertrocken ist, schwebe gleichsam ohne eigenen Körper, während Augen, Nase und Haut hellwach sind und jede Einzelheit meiner Reise registrieren. Wer ich bin, ist jetzt egal; allein das Wo zählt. Und das Wohin. Ich fliege.

Der Name der Landschaft unter mir ist uralt: La Mancha. Vermutlich kommt er aus dem Arabischen, genauer weiß man es nicht. Eine Theorie vermutet hinter dem Namen eine „Erde ohne Wasser“. Im Spanischen heißt „la mancha“ Fleck, Klecks oder Tupfer, und von oben versuche ich mir vorzustellen, was das Bild der Landschaft mit der Bezeichnung zu tun hat, aber es gelingt mir nicht. Ich bin eine Ansammlung von Sinnen, ein menschliches Aufnahmegerät, nur ohne Lämpchen und Elektronik. Was mich nach vorn zieht, ist der Name aus einem Buch: El Toboso. Es gibt in der Mancha ein Dorf, das so heißt, aber auch das ist jetzt egal, ich nehme den Namen als reinen Klang, lasse mich auf ihm weitertragen wie auf einem Kissen, während die Augen sich an die beiden Farben gewöhnen, die mich umgeben: das Gelb der Weizenfelder und die Bläue des Himmels. Von Flecken kann keine Rede sein; es sind zwei große Farbmeere, und der warme Wind trägt mich mitten hindurch.

Wie der Kopf an seine Phantasien kommt, ist schwer zu beschreiben. Viel leichter zu finden ist der Rückweg, der Pfad also, auf dem sich die Phantasien wieder mit dem strukturierten Denken verbinden. Das Schweben, das ich mir seit vielen Jahren mit erstaunlicher Intensität vorstelle, wenn ich an die kastilische Landschaft im Sommer denke – kein Meer, kein Strand, nein, nur diese immense Weite, wie leergefegt von Menschen, Tieren, Häusern –, verdankt sich mit Sicherheit dem „Don Quijote“, dem meistübersetzten Roman der Menschheit.

Staubige Straßen, die nur im Kopf existieren

Das ist das Paradox meines Fluges: Obwohl viele dieses Buch gelesen haben und auf der ganzen Welt Leute darüber sprechen und schreiben, bin ich immer ganz allein auf meiner Reise. Die weite Ebene: leer. Die Dörfer: entvölkert. In der Sommerluft, die ich durchfliege, sehe ich kaum einen Vogel. Nach Don Quijote und Sancho Panza, die laut Cervantes’ Roman vor gut vierhundert Jahren über diese Straßen gezogen sind und viele Mitreisende hatten, halte ich gar nicht erst Ausschau. Irgendwie habe ich das sonderbare Gefühl, auch ich sei nur eine literarische Figur, die ein anderer ersonnen hat.

Vielleicht schildern Romane ja keine Landschaften, sondern deuten sie an, beschwören sie herauf, setzen den Klang der Sprache ein, damit wir Leser uns in die Lüfte erheben und mit unserer Vorstellungskraft den Rest erledigen. Dann hätte Cervantes uns eine leere Leinwand hingestellt, die wir mit unseren eigenen Bildern von Spanien füllen. „Man sieht sie vor sich“, steht bei Flaubert, „diese spanischen Wege, die doch nirgendwo beschrieben werden!“ Sie werden wirklich nicht beschrieben, die staubigen Straßen, die ich auf meinem Flug von oben sehe, nur die Kneipen, in denen der Ritter und sein Knappe einkehren und wo sie immer wieder Prügel beziehen. Nicht einmal die weißen Windmühlen, für welche die Mancha so berühmt ist, werden in diesem Roman genau geschildert; ihre Flügel sind für den alten Narren ja Riesen!

Ende des neunzehnten Jahrhunderts nahm die Verwandlungsmacht der Phantasie im spanischen Geistesleben geradezu verrückte Züge an. Denn die ernsthaftesten Köpfe ihrer Zeit, die Autoren der sogenannten „Generation von 1898“, entdeckten „Don Quijote“ neu und erhoben meine Flugzone, die ausgestorbene Weite der Mancha, zum Kern des wahren Spaniens. Einfach so. Sie führten sich auf, als hätte Don Quijote wirklich gelebt. Dabei ging es wohl nur darum, dass die Herren Schriftsteller die politische Gegenwart als öde empfanden – Spanien hatte gerade mit Kuba und den Philippinen seine letzten Kolonien verloren und versank im Katzenjammer europäischer Drittklassigkeit. Da hoben diese Intellektuellen ab in die dünne Luft des Idealismus und der nationalen Verklärung.

Die Literaten wurden so bekloppt wie der edle Ritter

Dass sie damit in gewisser Weise ihrer literarischen Lieblingsfigur nacheiferten, also auch ein bisschen bekloppt wurden, ist in diesem Zusammenhang nicht nur als Witz zu verstehen. Denn ein Wörterbuch des achtzehnten Jahrhunderts definierte den Ritter von der traurigen Gestalt als „Mann, der sich mit lächerlichem Ernst für das einsetzt, was ihn nichts angeht“. Als im Jahr 1905 der dreihundertste Jahrestag des Erscheinens des ersten Teils von Cervantes’ Roman begangen wurde, schrieben gleich mehrere dieser Schriftsteller Bücher darüber. Eines von ihnen, „La ruta de Don Quijote“ von Azorín, wollte gerade in der Armut und Rückständigkeit der abgelegenen Dörfer etwas besonders Sublimes sehen. Was die armen Manchegos zwischen Toledo, Cuenca und Albacete, die vor der Zeit gealterten, ganz in Schwarz gehüllten Frauen und verlausten Jungen davon hielten, ist nicht überliefert. So sind meine Gleitflüge durch Spaniens Mitte gewissermaßen philosophisch geadelt, und aus Spinnerei wird, nur weil sie ihrerseits geschichtlich geworden ist, nationale Metaphysik.

Während ich fliege, versuche ich übrigens, an gar nichts zu denken; ich gucke nur, der Nacken ist wie ein Kreisel, ich spüre die warme Luft auf dem Pelz und so weiter. Neulich aber, während ich wieder einmal über den endlosen Weizenfeldern dahinsegelte, dachte ich an zwei moderne, vielerorts verehrte Spanier, die aus der Mancha stammen: Pedro Almodóvar und Andrés Iniesta. Und plötzlich standen mir wieder die schönsten Szenen aus ihren unsterblichen Werken vor Augen. Da hatte aber schon der sanfte Landeanflug auf das Dorf El Toboso begonnen, einen der magischen Orte in Cervantes’ Roman. Sicher setzte ich im Ortskern auf, gleich am Käseladen, und ordnete die Kleidung, die während des Fluges verrutscht war. Ich ging um die Ecke und lief ein paar Schritte, bis ich vor der Bar „Rocinante“ stand. Und dann? Ach! Von drinnen hörte ich Musik, Gläserklirren und die Stimmen sehr vieler Leute.


  ist Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin, der Text wurde am 21.02.2021 verłffentlicht.

Barataria Wielkanocna & Ostern in Barataria

W Berlinie na święta wielkanocne 2021 pewien pan namówił sąsiadów, kupili wspólnie 6500 plastikowych jajek, wyjęli ze schowków różne ogrodowe ozdoby, jeże, owieczki, prosiaczki, dziadka i babcię na ławeczce, a także Buddę i udekorowali całą swoją ulicę i nawet sąsiednie narożniki.

Die Kunde über Osterallee fand ich in Facebook:
“Büsche und Bäume hängen voll von Tausenden Ostereiern, auf dem gepflegten Rasen sitzen frühlingshafte Tierfiguren. Ein buntes Treiben, über das sich der ganze Kiez freut. Dieser Berliner macht aus der Reußallee die Oster-Allee!
Dariush Dinarvandi (58) lebt dort seit zehn Jahren mit seiner Frau und der Tochter in einem Mehrfamilienhaus. Die Geschichte des Oster-Spektakels reicht fünf Jahre zurück.
„Eine Nachbarin, die mittlerweile weggezogen ist, hatte damals ein paar Eier auf dem Balkon und in den Bäumen“, sagt Dinarvandi, der als Taxifahrer arbeitet. „Als sie umzog, habe ich damit weitergemacht.“

Frauenblick: Annette

Monika Wrzosek-Müller

Meine Lektüre: Annette, ein Heldinnenepos.

Unsere Administratorin hat diesen Monat den Frauen gewidmet; ich würde sagen, auch ein Jahr würde nicht reichen, doch begnügen wir uns mit diesem einen Monat.

Ich hätte hier jetzt gerne von weiten, ausgedehnten Reisen geschrieben; von Landschaften, die vom Boden zum Himmel reichen und noch weiter, von Städten voller Wunderwerke, von Ausstellungen, die einen zum Grübeln, Staunen und Begeistern zwingen. Von Menschen, die man dabei trifft und mit denen man sich unterhält; doch stattdessen sitzen wir/ich/sie im lock-down, der jetzt gefühlt Jahre dauert und doch wirklich vieles verhindert. Der einzige Fluchtweg öffnet sich in die Lektüre, ja in die Filme, auch mehr oder weniger erlaubte Treffen mit Freundinnen und Freunden bieten gute Ablenkungsmöglichkeiten.

Und siehe da, ein Buch mit markantem Titel, der überaus gut zu dem März-Vorhaben passt: „Annette, ein Heldinennenepos“ von Anne Weber, ist mir aus dem Bücherturm neben dem Bett aufgefallen, rausgefallen und oder hat auf mich gewartet. Ein kleines rotes Buch, 207 Seiten, hebt es sich von den dicken, opulenten Romanen mit 600 bis 800 Seiten ab; auch der schöne Umschlag sieht einladend aus. Der Titel Epos hat mich ehrlich gesagt am Anfang abgeschreckt; ich dachte schon, wieder irgendwas sehr Intellektuelles und Ausgedachtes, nicht zum Lesen, nicht zum Schmökern, denn Epos erinnert mich/uns an die großen Epen mit Göttern und Helden, mit Pathos und Höherem, Mythos bildend, was wir/ich/sie als Pflichtlektüre in der Schule einmal durchgenommen hat/haben, in Versform, manchmal gar mit Reim, sehr lebensfremd, oder doch -nah, aber irgendwie uralt und angestaubt, eher wie ein hohes Lied, mündlich vorgetragen oder erzählt. Die ersten Seiten gingen auch langsam und schwierig; das Werk erzählt in einem Troubadour-Stil, in Versform vom Leben einer Freiheitskämpferin, einer Oppositionellen, die ihr ganzes Leben dem Dienst an den Menschen, der Gerechtigkeit gewidmet hat, einer, die tatsächlich gelebt hat, von Anne Beaumanoir aus der Bretagne. Meine liebste Bretagne, ausgerechnet stammt die Heldin aus einem Örtchen, dem Fischerdorf Saint-Cast-le-Guildo, in dem wir/ich/sie vor Jahren einen Urlaub machten.

Das junge Mädchen hilft schon mit 16 Jahren, während des Krieges jüdischen Familien einen Unterschlupf zu finden; dafür bekommt sie später in Yad Vashem den Titel einer Gerechten unter den Völkern. Dann kämpft sie in der Résistance, wird zur militanten Kommunistin, will für ihre Ideen auch sterben, macht aber immer weiter, als Kurier, als Kämpferin, wechselt zur gaullistischen Résistance, arbeitet wiederum hart und hilft, wo sie nur kann. Dazwischen beginnt sie ihr Studium der Medizin, das sie nach dem Krieg zu Ende bringt; ein sehr ausgefülltes Leben, ohne Pause, ohne Ruhe, ohne an sich selbst zu denken. Im Krieg stirbt auch ihr erster Mann, auf brutalste Weise ermordet von französischen Bauern, die sich für alles, was ihnen widerfahren ist, an den Partisanen rächen. Sie rennt weiter, so als ob sie nicht anhalten könnte, auch nicht wollte; nach dem Krieg dann in den Süden des Landes, nach Marseille; bald heiratet sie noch einmal, wird Ärztin, Neurologin, Mutter von zwei Söhnen, doch das alles reicht ihr nicht, sie will sich für die Gerechtigkeit weiterhin einsetzten und hilft der Algerischen Befreiungsfront, wird zur sog. Kofferträgerin mit Geld für ihren Kampf, auch zum Kurier, dann wird sie verraten und zu zehn Jahren Haft in Frankreich verurteilt. Dazwischen bekommt sie noch ihr drittes Kind, ein Mädchen. Sie flieht verkleidet über Italien nach Nordafrika, landet in Tunis, wird zur Helferin beim Aufbau des unabhängigen Algerien (arbeitet im Resort Gesundheit) während der Präsidentschaft von Ben Bella. Inzwischen ist sie zum dritten Mal mit einem 12 Jahre jüngeren Algerier verheiratet, sieht auch einmal ihre Kinder auf einer Yacht in Mittelmeer, macht sogar einen Urlaub mit ihnen in Positano.

Bei einem Putschversuch entkommt sie knapp der Verfolgung und landet erst einmal in Rom und dann in Genf, wo sie einige Jahre in einer Klink arbeiten wird, bis das Gerichtsurteil in Frankreich aufgehoben wird. Daraufhin kehrt sie nach Frankreich zurück, um ihr Leben in einem Ort mit dem Namen Dieulefit fortzusetzten; sie besucht auch die Bretagne, wo sie ein kleines Ferienhaus hat. Inzwischen ist sie 96 Jahre alt; ihr Leben hat sie in zwei Bänden Erinnerungen festgehalten.

Die Fotos, die ich von den beiden Frauen (der Autorin und der Heldin) im Internet gesehen habe, zeigen Annette als sehr lebendige, wache Person, fast würde ich sagen, dass die Autorin, obwohl wesentlich jünger, ernsthafter aussieht. Die beiden führen lange Gespräche, mögen sich auch offensichtlich sehr. Die Wahl der literarischen Gattung, des Epos, hat, denke ich, mehrere Gründe und tut der Geschichte sehr gut. Die Autorin distanziert sich von der Heldin und ihrer Heldenhaftigkeit, schafft Raum zum Durchatmen und Innehalten, diesem Zweck dienen auch Ironie und Witz: „Pause…, Pause, Pause“, während die Heldin schon wieder weiter läuft und neue Erlebnisse anhäuft. Das Buch versinkt nicht in der mythologisierten Schwere der Beschreibung der Heldentaten, sondern schwingt mit Leichtigkeit über die Entfernungen und Probleme, die ein solches Leben mit sich bringt, hinweg; es stellt uns aber auch vor die wichtigen Fragen der Zeit: was zählt ein Menschenleben? Was bedeutet in diesem Zusammenhang Menschlichkeit? Was heißt verurteilen, entscheiden und dann mit diesen Entscheidungen leben? Was heißt letztlich ein erfülltes Leben, was gehört dazu?

Auf manche dieser Fragen gibt die Geschichte überaus interessante Antworten.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, nicht umsonst wurde es mit dem Deutschen Buchpreis als bester deutschsprachiger Roman des Jahres 2020 ausgezeichnet.

Chodzenie po mieście / Stadt begehen (Spuren)

Otmar Käge

Brücken nach Polen und Kaliningrad

Von der „Rundreise Danzig und nördliches Ostpreußen für die Mitglieder und Freunde des Mennonitischen Arbeitskreises Polen“ lese ich im Ibersheimer März-Gemeindebrief und bin sofort interessiert. Aber ich erfülle nicht die beiden Bedingungen; bin zwar vor einem halben Jahrhundert getauft, dann jedoch den Mennoniten „abtrünnig“ geworden.

„Kein Problem“, beruhigt mich Reiseleiter Frank W. am Telefon. Und gleich die erste Bus-Mitreisen- de, neben der ich in der 40-köpfigen Gruppe Platz nehme, eine Hamburgerin aus Königsberg, ist evangelisch; hat zwar eine mennonitische, aber auch katholische Bekannte: weil Hamburg konfes-sionell eine liberale Stadt sei.

Mein Berlin ist um 12 Uhr die letzte Zusteigestation, sodass wir von dort ohne größere Unterbrechung unser erstes Reiseziel Danzig ansteuern können; bei herrlichem, frisch windigem Sonnenwetter. Ich habe mich auf eine Gruppenvorstellrunde eingestellt, aber sie unterbleibt. Offensichtlich, weil sich, wie ich nach kurzer Zeit spüre, die meisten Reisenden kennen. Mich (noch) nicht, aber ich fühle mich keinen Moment unbehaglich dabei.

Von der ersten Etappe bis Danzig erinnere ich bis auf eine kinderbunte Straßenrand-Plakatwand zur Ulica Sezamkowa mit Ernie, Bert & Krümelmonster keine besonderen Augen-Blicke; aber einige inter- essante Informationen unseres Reiseleiters, womit er uns von nun an Tag für Tag versorgt:

1530 erstmals Täufer in Danzig (auch Menno Simons war da)
Seit 1569 besteht eine Gemeinde.
Die 1638 und 1648 gebauten friesisch- bzw. flämisch-mennonitischen Kirchen wurden kriegszerstört.
Die 1819 eingeweihte Kirche steht noch heute;
eine von insgesamt 17 mennonitischen Kirchen im Großen Werder bis zum Krieg.
Vom zentral am Eingang zur Danziger Altstadt an der Heilig-Geist-Straße gelegenen Hotel Freie Stadt – der ersten unserer insgesamt vier vorzüglich ausgewählten Unterkünfte – ist es bis zur Menno- nitenkirche am Bischofsberg in der Ulica Mennonitów gar nicht weit. Die nach dem Krieg wieder auf- gebaute Kirche bildet mit Altenheim und Predigerhaus einen 200 Jahre alten Gebäudekomplex, der heute eine Pfingstgemeinde beherbergt. Ihr Pfarrer empfängt uns freundlich und überlässt uns den Kirchenraum für eine Andacht und einen Vortrag über die mennonitischen Familien von dem Block und Wiebe, die vor über 300 Jahren als Künstler und Wasserbaumeister Bedeutendes und teilweise noch heute Sichtbares in der Danziger Region geschaffen haben.

Beim Abendessen in einer historischen Restauracja mit Kellnern in Kniebundhosen und Sologesang zum Akkordeon wird mir aus den Gesprächen rundum bewusst, was für eine „weltweite Bruder- und Schwesternschaft“ und Community die Mennoniten sind: Etwa auf einem Hof an der Toten Weichsel geboren, haben sie Vorfahren in Russland und Verwandte in Holland, Kanada oder Pennsylvania und verbrachten selbst Jahre im Chaco oder als MCC-Freiwilliger auf Kreta.

Am nächsten, fronleichnamstillen Sonnenmorgen „tauchen“ wir im wahrsten Sinn des Wortes östlich Danzig in die Weichselniederung ein, wo sich nahe der Stadt Elbing mit 1,8 m unterm Meeresspiegel der tiefste Punkt Polens befindet. In dieses auch „Großer/s Werder“ genannte Gebiet sind 1530 die ersten, überwiegend holländische Täufer eingewandert und haben es unter großen Entbehrungen – „Der ersten Generation der Tod, der zweiten die Not, der dritten das Brot“ – nutzbar gemacht: „Ein Segen bis in unsere heutige Zeit war die Einwanderung der Mennoniten in unser gesamtes Heimatgebiet“ lese ich in einem Buch über Die Geschichte des Kreises Großes Werder aus dem Jahre 1939. Und die Jahre danach?

Die von einem strahlend blauen, von Mauerseglern durchpfeilten Himmel überwölbte flache Werder-Landschaft erstreckt sich felder-, busch- und baumgrün, rapsgelb bis zum Horizont, den eine Schar Windräder und davor eine große Ansammlung von Häusern, Höfen, Hallen, Silos und ein paar (Kirch-) Türmen zu füllen beginnt: Tiegenhof. Ein geografisch und geistlich zentraler ehemaliger Mennoniten-Ort im Großen Werder; auch „geistig“: Wurde dort doch Stobbes Machandel gebrannt – „Der Jetter- funken is in alle Welt beriehmt!“ –, den auch Günter Grass in seiner Danziger Trilogie nicht uner- wähnt und den ein mitreisender Stobbe-Nachfahr in unserem Bus kreisen lässt.

Irma Q. wurde 1928 auf einem Gehöft nahe Tiegenhof geboren, das man heute noch an dem Strommast identifizieren kann, der schon vor über 80 Jahren das Anwesen überragte. Die 65-Jährige hat es 1993 mit klopfendem Herzen wieder besucht und ist von der 1945 vom Bug auf den west- preußischen Hof umgesiedelten polnischen Familie herzlich empfangen worden: „Irma, warum kommst Du so spät?“ Damals, Ende des Krieges, war ihr Vater auf Nimmerwiedersehn von sowje- tischen Soldaten verschleppt worden und die 17-Jährige musste zusammen mit der Mutter auf ihrem enteigneten Hof Hilfsdienste leisten, bis sie 1947 des Landes verwiesen wurden.

Anders als in Tiegenhof machen wir in Elbing um die Mittagszeit Halt. Gibt es dort doch gleich zwei Mennonitenkirchen zu sehen! Die aus dem Jahr 1590 stammende und damit älteste in der ganzen Region musste sich – wie auch Synagogen oder teilweise noch bis heute Moscheen – tarnen und präsentiert sich uns mit einer vierstöckigen Wohnhausfassade im noblen Renaissancestil.

Während wir durch die friedlich-feiertägliche horizontweite Hügellandschaft fahren, hören wir, was sich hier im Winter 1945 abgespielt hat: Fast eine halbe Million Flüchtlinge versuchte, dem russi- schen Kessel über die Frische Nehrung und die Ostsee zu entkommen; darunter auch unser Mitrei-sender Artur R., der als damals 16-Jähriger die vaterlose Familie mit einem Fuhrwerk unter gezieltem Beschuss auf ein entsetzlich überladenes Schiff brachte, das kurz nach dem Auslaufen torpediert wurde und zehn Tage auf dem Meer trieb.

Wir dagegen navigieren sicher wie in Abrahams Schoß Richtung russische Grenze. Dennoch beginnen nach und nach die Gespräche zu verstummen. Liegt es am Zunehmen stacheldrahtbewehrter Mili- täranlagen links und rechts der Straße? Der vorletzte beunruhigende Blick vor der Grenze fällt auf einen Panzer-, der letzte beruhigende auf einen provisorischen Fußball-Platz. Der lächelnden Grenz- beamtin gefallen meine grünen Haare (wahrscheinlich, weil sie selbst grüne Fingernägel hat). Die grüne Landschaft in der Kaliningrader Oblast unterscheidet sich von der kultivierten auf der polni- schen Seite dadurch, dass sie sich – wie einige mennonitische Landwirte kopfschüttelnd feststellen – selbst überlassen ist; was wunderschöne lila und weiße Lupinenfelder und reizvoll wechselnde Gras-, Busch- und Baumformationen zur Folge hat. Im Schatten einer mächtigen Ritterordenswehrkirchen- ruine gibt es eine ermunternde Bibelbetrachtung, beklappert aus den beiden Storchennestern in luftiger Höhe:

De Oadebar, de Oadebar, de woahnt op onse Schin. On wenn he doar herunderkickt, tellt he de Farkel an de Schwin.

Im ehemaligen ostpreußischen Königsberger Gebiet zu Seiten der alleenalten Reichsstraße 1 werden die mennonitischen Spuren spärlicher, aber die düsteren deutschen nicht: An der Bernsteinküste hat 2011 der aus Danzig stammende israelische Bildhauer Frank Meisler ein Denkmal für mehr als 3000 – die genaue Zahl ist bis heute nicht bekannt – überwiegend junge jüdische Frauen errichtet, die die SS im Januar 1945 in die eisige Ostsee getrieben oder erschossen hat. Die noch nicht geflohene deut- sche Bevölkerung – darunter ein Vetternbub unseres Reiseleiters – wurde von der sowjetischen Ar- mee gezwungen, für sie ein Massengrab am Strand auszuheben; über den heute der Schlagschatten des Denkmals aus emporgereckten Armen und verkrampften Händen fällt und wo Badegäste nach Bernstein suchen.

So ist

Das Leben: wie eine Wasserlache – du kannst darin Dreck oder die Sterne sehen

Dieses Kant-Zitat lese ich an einer Parkbanklehne auf der Königsberger Dominsel. Die Stadt ist in der schlimmen Folge der Hitlerei erst dem Erdboden gleichgemacht und dann nach (über)lebensprak- tisch nüchternen Gesichtspunkten wieder aufgebaut worden. Aber das konservatorische Interesse im Zusammenhang der 750-Jahr-Feierlichkeiten 2005 hat zu einer staunenswerten historischen Wende im Stadtbild geführt, die die heikle deutsche (Zeit-) Geschichte und Kultur mitnichten übergeht. Das beginnt mit dem Umbenennungsvorschlag Kantgrad für Kaliningrad, setzt sich in Erinnerungs(denk)- malen für den Königsberger Philosophen, für Schiller, E.T.A. Hoffmann und Agnes Miegel fort, ver- stopft mit dem Blech deutscher Automarken die Innenstadt und endet in Gestalt historischer Foto- grafien mit deutschen Straßennamen und Reklameschildern als Hotelzimmerschmuck: Gruene Bruecke 1907 – Agfa – Deutsche Bank Filiale – Sueddeutsche Klassenlotterie.

Der wieder aufgebaute Dom mit seiner imposanten Potsdamer Schuke-Orgel bietet uns Raum für eine kurze Betrachtung über den „fragwürdigen“ Gott und die Legende von Augustinus und dem Engelkind am Meer. Beim Abendessen diskutieren wir an unserem Tisch über die merkwürdige Maxime „Tu niemand etwas Gutes, dann erlebst du nichts Böses“.

Am nächsten Morgen irre ich mich in der Abreisezeit nach Svetlogorsk, dem „Sotschi des Nordens“, ostpreuß. Rauschen. Was mich dort eine Runde Wodka kostet; im Hotel Universal in der Nekrasov-Straße, wo das altersschwache Haus Nr. 1 auf einer Gedenktafel mit Profilrelief verkündet, dass hier die junge Käthe Kollwitz wiederholt in glücklichen Ferientagen „ihren Grosvater Julius Rupp (1809 – 1884) denbekannten Teologenbesuchte.“ Nicht weit entfernt informiert ein aufgeblättertes Bronze- buch auf einem Findlingstein vor alter Bäderhauskulisse darüber, dass hier im nordischen Seebad Thomas Mann 1929 die Novelle Mario und der Zauberer im italienischen Seebad Torre di Venere geschrieben hat.

Noch exotischer wird es einen Tag später kurz hinter der russisch-litauischen Grenze mitten auf der Kurischen Nehrung in Nidden, wo der frischgebackene Nobelpreisträger 1930 ein Sommerhaus er- warb und mit einem atemberaubenden Blick auf Haff, Ostsee und den Wüstensand der Wanderdüne das Ägypten Josephs und seiner Brüder imaginierte, bis ihn „das Megaphon-Deutschtum der national- sozialistischen Presse und das halbnärrische Geifern sogenannter Führer“ für immer vertrieben.

Seltsam: Auf dieser doch so sonnigen Reise wieder einer der häufigen Augenblicke, „wo Deutsch- lands Himmel die Erde schwärzt“ (Ingeborg Bachmann), und das Wasser von See, Haff und auch der Nogat unterhalb der Marienburg, die sich einen Tag später als rot leuchtendes Backsteingebirge von einem wolkenlos blauen Himmel abhebt. „Hier bin ich im September 1944 eingeschult worden“, erzählt Gudrun F. Den vier Kilometer langen Schulweg vom Hof bis zur hölzernen Fußgängerbrücke, die heute wieder den Fluss überspannt, legte sie zusammen mit der älteren Schwester im Pferde- fuhrwerk zurück. Kurze Zeit später kesselten sowjetische Truppen die Stadt ein und die Mutter trainierte mit ihnen das Verhalten bei Fliegerangriffen. Zuerst war die Flucht von den deutschen Behörden verboten, dann beschaffte der Vater seiner Familie Plätze auf dem Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrer Gustloff, auf den sich bei ihrer Ankunft Ende Januar 1945 aber bereits 10000 Verzwei- felte geflüchtet hatten. Den acht auch Verzweifelten rettete dies das Leben, aber bescherte ihnen drei Internierungsjahre auf Jütland, wo die Achtjährige nicht nur von Wortungetümen wie „Entnazi- fizierung“ und „Zuzugsgenehmigung“ verwirrt wurde.

Reisegefährte Oskar W., der uns immer wieder mit Gedichten von Wilhelm Busch und Christian Mor- genstern erheitert hat, wies in diesem Zusammenhang auf den Königsberger Philosophen hin, für den der Krieg der natürliche Zustand des Menschen gewesen sei. Demgegenüber lesen wir in Posen, uns- rer letzten Reisestation, auf einem Banner über dem Friedensplatz den Satz des polnischen Priester- poeten Jan Twardowski, dass es die Liebe schon gab, bevor es den Menschen gab.

Da wir Posen erst abends und zudem bei einsetzendem Regen erreichen, kann die Stadt nur einen flüchtigen Eindruck hinterlassen. Aber etwas Besonderes auf dieser so erlebnisreichen Reise erleben wir hier doch: Schon haben wir die morgenverkehsreiche Innenstadt, die ihre bedeutende (Messe-) Vergangenheit und -gegenwart überall stolz zur Schau stellt, hinter uns gelassen und fahren durch ausgedehnte Gewerbegebiete, da schiebt sich ein weitläufig eingezäuntes Areal mit Landmaschinen in unseren Blick; mit einem Namen im Firmenschild, der auch – ich trau meinen Augen nicht – in unserer Reiseliste steht! Und tatsächlich: Es sind die Söhne meiner Busnachbarn Brunhilde und Dankwart H., die ihr landwirtschaftliches Gerät auch in Polen verkaufen.

Was für ein ermutigender, gegenwärtiger Ausblick für eine Reise, in deren Verlauf wir so viel Verlorenes, Verscherztes, mittlerweile wohl aber auch Verschmerztes gehört und gesehen haben! Und für eine friedliche gemeinsame Zukunft wird demnächst ein Bus mit mennonitischen Jugend- lichen ins Weichseldelta fahren:

Glück und Segen! – Szczęścia i błogosławieństwa!

O.K. / Bärlin, 25.6.2015