Der Weg nach Combray

Liebe Freundinnen und Freunde!

Ich will euch herzlich zur Präsentation meines ersten Fotobuches einladen. Es heißt „Der Weg nach Combray”. Prousts Roman Auf die Suche nach der verlorenenen Zeit hat mich vor zwei Jahren zutiefst beeindruckt und bewegt, selber auf die Suche zu gehen.
Am Abend gibt es unter anderem ein Gespräch zwischen mir und der Fotografin Angela Giebner. Die Bilder aus dem Band sind auch in der Ausstellung zu sehen. Das Buch kann man im Shop meines Verlages bestellen oder am Abend direkt kaufen. Würde mich auf die Unterstützung meiner Arbeit freuen.

Ohne weiteres: Ich lade euch alle herzlich zu dem Abend ein und würde mich freuen, euch zu sehen. Ich bin froh, dass ich in diesen sehr dunklen Zeiten für die Ukraine und für mich an einem Tag mit euch zusammen feiern darf. 

WO: SPACE B23, Greifswalder Straße 23

WANN: 29. April, 18 Uhr

***

Ewa Maria Slaska

Masha, Proust und ich

Er hat uns zusammengebracht, der Marcel Proust. Wir haben uns genau vor einem Jahr getroffen, an dem Osternsamstag 2021. Sie hatte Fotos für eine Ausstellung gebracht, ich sollte ein Text dazu schreiben. Habe ich, ja.

Am 19. Mai 2021 stellte Masha ihre Foto-Collagen im Fenster des Antiquariats Mutabor in der Immanuelkirchstraße in Berlin; mein Text hat sie mittels eines Kinderstempelsets per Hand gedruckt und im Türfenster plaziert.

Fünftes Band von Marcel Proust Zyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Die Gefangene, auf Ukrainisch; Masha aber las Proust auf Russisch

Dafür, dass ich es für sie geschrieben habe, dürfte ich ihre Proust-Fotos auf meinem Blog präsentieren. Hier.

Ihre Proust Fotos. Ja, der Name hat uns verbunden. Die Fotos. Der Proust. Wir sprachen erst eine Stunde miteinander, als wir an Proust kamen. Sie kommt aus Ukraina, und ich wußte schon, dass es dort noch nicht alle sieben Bände übersetzt wurden und dass es für die Menschen dort ein jedes neue Band ein großes Fest ist. Sie warten darauf, vielleicht Jahre, bis sie endlich wissen, was mit Albertine passiert ist oder wo Gilberta nach der Hochzeit wohnte. Bis heute, wenn wir über Proust miteinander sprechen, bittet sie darum, dass ich ihr dies und das von Proust nicht verrate. Als ob es der neuste Matthias Nawrat wäre und nicht ein Dichter, der vor 100 Jahren gestorben ist. Geboren am 10. Juli 1871 in Auteuil bei Paris, gestorben am 18. November 1922 in Paris.

Vor zwei Jahren ist Masha nach Frankreich gefahren, auf den Spuren der verlorenen Person – Marcel Proust. In der Einladung zur morgigen Abend schrieb sie, dass sie vor zwei Jahren auf der Suche gefahren ist …geografisch nach Normandie, wo die manche Szenen aus dem Buch sich abspielen, und innerlich an die Orte der Kindheit, der Jugend und damit verbundenem Gefühl des Erwachens und Spüren der Freiheit. Ich als Erwachsene tauchte in die Welt der Fantasien ein, die dann meine eigenen Erinnerungen hervorbrachte.

Ein Jahr später schauten wir uns beide ihre Fotos von dieser Reise an. Schwarz-weiße Fotos, analog aufgenommen. Selten erinnerten sie an Proust selber. Wenn ja, da sagte sie mir, dass es der Bahnhof in Combray ist.
– Combray?, fragte ich. Du meinst Illiers, so heißt doch die Stadt wirklich?
– Nein, sie hat sich den Namen geändert, die Stadt, sie heißt jetzt Illiers-Combray.
Ich schaue sie an und will es nicht glauben, als ob London jetzt nach Terry Pratchett in Ankh Morpork umgenannt wurde. Es ist aber schon lange Geschichte. Die heutige zusammengesetzte Namensgebung der Stadt, schreibt Wikipedia, wurde 1971 beschlossen und als Dekret im Journal Officiel veröffentlicht. Anlass war der 100. Geburtstag von Marcel Proust. Illiers-Combray, fügt Wikipedia dazu ein, ist die einzige französische Kommune, die einen aus einem literarischen Werk hervorgegangenen Namen trägt.

In Polen gibt es auch so ein Konstrukt, ein Dorf und Gemeinde Lipce Reymontowskie. Der Roman Chłopi (Bauern) in den Jahren 1904-1909 von polnischen Nobelpreisträger, Władysław Reymont geschrieben, spielt im Dorf Lipce. Der heutige Name (mit dem Zusatz Reymontowskie dh. von Reymont ) ist seit dem 1. April 1983 in Kraft.

– Das ist der Armsessel im Haus von Tante Leonie, sagt Masha.
Ich schaue mir das Foto an und weiß, dass ich mich verliebt habe. Dieser verschwommener Sessel, von dem doch niemand weiß, ob er tatsächlich aus dem Hausinventar der Tante Leonie stammt und sogar wenn ja, ob Proust auf ihm / in ihm je Mal gesessen hat, ist ausgesprochen ein Proustsches Objekt.
Ich muss ihn haben!
– Und die Tasse?, fragt Masha. Provokativ.

Ja, natürlich die Tasse, aus der Proust von der Tante ein Schluckchen Lindentee mit einem Biss ‘Madeleine’ bekommen hatte, als er morgens zu ihr ging, um sie zu begrüßen. Die ganze Konstruktion dieses gewältigen Romans, eines der wichtigsten in der Literaturgeschichte, wurde auf dem Fundament von diesem ausgeweichten Biss eines Küchlein errichtet, eines jener, schrieb Proust, dicken ovalen Sandtörtchen, die man ‘Madeleine’ nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Muschel benutzt.

Eine ‘Madeleine’ wurde tatsächlich seit eh so gemacht, als ob man sie immer noch für die Pilgern auf dem Weg nach Santiago di Compostella in den Saint-Jakob-Muscheln gebacken hätte. Illiers lag auf dem Weg und seit Jahrhunderten spezialisierte sich in Herstellung dieser Küchlein. Und die Muschel war ein Symbol dieser Pilgerfahrt.

Ja, Masha hatte recht, für eine wahnsinnige Leserin von Proust, wie ich es bin, genauso wie Masha, sollte vielleicht diese Tasse wichtiger sein als alle andere Fotos, die sie gemacht hatte. Kann sein. Nun ja, ich habe mich in den Sessel verliebt.

Aber diese Proust Fotos im Zyklus sind nicht nur die, die sie in Illiers gemacht hate. Dies wäre zu einfach, zu plump, zu unbeholfen. Dafür ist Masha selber zu sehr Künstlerin, um sich mit solchen Platitüden zu begnügen. Was sie in der Normandie und Bretagne suchte, war nicht (oder nicht nur) der Proust selber, sonder der Proustsche Effekt, dieser Moment, der auch Ort sein kann, in dem einem plötzlich seine eigene Gefühle klar werden.
Das Buch war fertig eine Woche, bevor der Krieg in meiner Heimat Ukraine ausgebrochen ist,
schrieb sie in der Einladung. Und plötzlich war es klar. Für mich hat dieses Buch diese, noch weitere Bedeutung: Es geht um die verlorene „alte” Welt, in der es für mich noch möglich war, mich mit dem Thema der Suche nach der Vergangenheit, mit Leichtigkeit und Unbekümmertheit, zu beschäftigen.

Jetzt sind diese Leichtigkeit und Unbekümmertheit nicht mehr möglich. Jetzt ist der Krieg da. Die russischen Panzertanks hätten sowohl den Dichter, als auch seine Mutter und seine Tante, hätten sie noch gelebt, zerfahren. So wie sie so viele Ukrainer, unter ihnen auch Künstler, ermordet haben. Der litauische Regisseur Mantas Kvedaravicius wurde in Mariupol getötet, der Film- und Synchronsprecher und Fernsehmoderator Pasha Lee in Irpien. Der Cellist der polnisch-ukrainischen Band Taraka, Dmitrij, wurde bei den Kämpfen ebenfalls getötet.

Wer noch? Wer ist gestorben im Angriff auf den Bahnhof von Kramatorsk? Während der Belagerung und Luftangriffe von Mariupol? Bei der Bombardierung in Tschernihiw, Massaker von Butscha, Schlacht um Charkiw und Kiiw?

Wer noch?

Frauenblick: Pearl S. Buck

Monika Wrzosek-Müller

Vor fast hundert, genau vor einundneunzig Jahren schrieb die amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck:

„Daran glaube ich

Ich liebe das Leben, weil mich die Menschen und ihr Werden unendlich interessieren. Durch mein Interesse wächst mein Wissen um sie beständig. Und dieses wiederum läßt mich glauben, daß das gewöhnliche menschliche Herz von Natur aus gut ist. Das heißt, es ist von Natur aus empfindsam und zart, es möchte sich bestätigt sehen und bestätigen, es sehnt sich nach Glück und nach dem Leben. Es will weder getötet werden noch will es töten. Wenn besondere Umstände dazu führen, daß es dem Bösen anheimfällt, wird es doch nie ganz böse. Ein guter Kern bleibt erhalten – und mag es noch so sehr im Verborgenen sein -, aus ihm kann das Gute sich immer wieder nähren.

Ich glaube an die Menschlichkeit, aber mein Glaube ist ohne Sentimentalität. Ich weiß, daß der Mensch in einer Atmosphäre von Unsicherheit, Angst und Hunger verkrüppelt, daß er geformt wird, ohne daß er es merkt. Es ist mit ihm wie mit einer Pflanze, die sich unter einem Stein hervordrängt und ihre eigenen Lebensbedingungen nicht kennt. Nur wenn der Stein weggerollt wird, kann sie frei dem Licht entgegenwachsen. Aber die Kraft dazu ist ihr angeboren, und nur der Tod setzt dem ein Ende.

Ich brauche keinen anderen Glauben als den an die Menschheit. Wie einst Konfuzius nimmt mich das Wunder dieser Welt und das Leben darauf so gefangen, daß ich für Himmel und Engel keine Gedanken mehr habe. Dieses Leben bietet mir genug. Gäbe es kein anderes – es hat sich gelohnt, geboren zu werden, ein Mensch zu sein.

Ich glaube fest an das menschliche Herz und seine Kraft, dem Licht zuzustreben. Und dieser Glaube läßt mich auf die Zukunft der Menschheit hoffen und vertrauen. Der gesunde Menschenverstand wird der Welt eines Tages sicherlich beweisen, daß gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit für die Sicherheit und das Glück aller nur vernünftig sind.

Dieser Glaube gibt mir immer wieder Kraft, alles zu tun, was ein Mensch nur tun kann, um die Lebensverhältnisse so zu formen, daß man sich in Freiheit entwickeln kann. Diese Lebensverhältnisse, glaube ich, müssen unbedingt auf Sicherheit und Freundschaft aufgebaut sein.

Die hoffnungsvolle Tatsache, daß die Welt genug Nahrungsmittel für alle Menschen hat, gibt mir Mut. Unser medizinisches Wissen ist schon so weit vorgeschritten, um die Gesundheit der ganzen menschlichen Rasse zu heben. Die Mittel, die uns für die Erziehung zur Verfügung stehen, können – in weltweitem Rahmen angewandt- die Intelligenz aller steigern. Nur dies eine bleibt uns noch zu tun: Wir müssen herausfinden, wie wir die Vorteile, die einige von uns genießen, aller Welt zugänglich machen. Mit anderen Worten, um auf mein Gleichnis zurückzukommen: wir müssen den Stein wegrollen.

Auch das können wir schaffen, denn genügend Menschen werden den Glauben an sich und die anderen finden. Zwar nicht zur gleichen Zeit. Aber die Zahl derer, die den Glauben haben, wächst. Vor einem halben Jahrhundert noch dachte niemand an Welternährung, Weltgesundheit, Welterziehung. Viele denken heute daran. Inmitten eines möglichen Weltkrieges, einer Massenvernichtung, ist dies meine einzige Frage: Gibt es genug Leute, die den Glauben haben? Bleibt uns Vernünftigen noch genug Zeit zum Handeln? Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, ein Kampf zwischen Wissen und Unwissen. Mein Glaube an die Menschheit ist unerschütterlich.“

Unterschrieben: Pearl S. Buck

Im Jahr 1932 erhielt sie für den Roman Die gute Erde den Pulitzer-Preis und 1938 den Literaturnobelpreis. Es war der erste Roman aus einer Trilogie, es folgten Söhne und Das geteilte Haus, die ihr Leben in China sehr anschaulich beschrieben. Um ihren Nobelpreis wurde auch heftig gestritten, denn viele hielten ihre Schreiberei für Trivialliteratur und man sprach sogar von einer Lex Buck im Blick auf die Unstimmigkeiten in der Nobelkommission; Intellektuelle ereiferten sich in Diskussionen über die Frage, was wahre und höhere Literatur leisten muss, um einen solchen Preis zu verdienen.

Es stimmt schon, dass Buck sehr einfach und direkt beschreibt, doch ist die Geschichte mit so viel Menschenkenntnis und Menschenliebe, mit einem Humanismus angefüllt, dass sie sich eher wie eine große Metapher, ein Symbol oder ein Lobgesang an die richtige Lebensführung liest. Die Lebensgeschichte des einfachen Bauers Wang Lung (sie schrieb grundsätzlich über China, wo sie fast ihr ganzes Leben verbracht hatte) fließt vor unseren Augen mit den Nöten und den Bedürfnissen von einfachen Menschen vorbei, die hart arbeiten müssen, um ihr Überlebensminimum zu sichern. Immer wieder kommen Zeiten des Hungers, verursacht durch harte Winter oder lange Dürreperioden, und irgendwann muss die kleine Familie in den Süden des Landes flüchten, in eine große Stadt, wo sie durch Betteln und Rikscha-Fahren etwas Geld ergattert und überlebt. Es kommt dann zu Aufständen und Plünderungen in der Stadt und Wang Lungs Frau erbeutet einen versteckten Schatz, den sie als ehemalige Sklavin in einem raffinierten Versteck findet. Die Familie geht daraufhin zurück in den Norden, Wang Lung kauft immer wieder ein Stück Land mit „guter Erde“, das er dann beackert. Die Ernte wird gut, sie können immer mehr Land kaufen, die Bauern aus den umliegenden Hütten helfen gegen Bezahlung, immer mehr Land zu bestellen. So wird die Familie reich, baut erst ihr Bauernhaus aus; irgendwann zieht sie, auf Zureden des ältesten Sohnes, in das große Haus der Familie Hwang, wo die Ehefrau von Wang Lung als Sklavin gearbeitet hatte, mit vielen Höfen und Häusern, mit Anlagen mit Teichen und goldenen Fischen. Die Kinder gründen inzwischen eigene Familien, viele Enkel werden geboren. Wang Lung bringt auch eine Konkubine ins Haus, die er dann zu seiner zweiten Frau macht.

Die Beschreibungen des Lebens haben für mich etwas Spirituelles, eben Symbolisches, obwohl erstaunlich wenig von Religion die Rede ist; ab und zu macht sich der Hauptheld Wang Lung auf, um ein paar Räucherstäbchen im Tempel anzuzünden, aber das ist auch alles. Immer wieder, wenn Wang Lung Probleme hat, zieht er sich aufs Land zurück, um die Erde, die „gute Erde“ zu spüren, um den Kontakt zu den Wurzeln, zur Einfachheit, zum richtigen Leben nicht zu verlieren. Er muss viele schwierige Entscheidungen als Oberhaupt der großen Familie, des Klans, treffen. Den Zusammenhalt, das Fundament bildet für ihn die „gute Erde“, die man nicht verkaufen, nicht zerstückeln solle. Doch am Ende des Buches, als der alte Herr Wang Lung entkräftet, krank und alt darniederliegt, sagen seine Söhne: „Sei beruhigt, Vater, sei beruhigt! Wir werden das Land nicht verkaufen.“ Aber über den Kopf des alten Mannes hinweg blickten sie einander an und lächelten.

Interessant, dass das Buch in den Jahren 1931-32 als der meist verkaufte Roman in Amerika galt; das lag wohl an der Exotik des fernen Landes oder auch an der Beschreibung der Konkubinen und Sklavinnen. Die Zustimmung und Ablehnung seitens der Literaturkritiker und der Leser schwankte heftig. Später, nach Maos Revolution in China, wurde Pearl S. Buck wegen ihres sozialen Engagements vom FBI überwacht; dieses trug eine 300 Seiten starke Dokumentation zusammen, in der sie kommunistischer Sympathien beschuldigt wurde.

Heute ist das Buch für mich mehr als aktuell, auch seine Rezeption in unterschiedlichen politischen Kontexten lehrreich. Das, was für immer bleibt, ist ihr Glaube an die Menschlichkeit, daran, dass es doch eine Kraft gibt, die uns über die Geldgier hinweg, jenseits von wirtschaftlichen und politischen Interessen zu richtigen Entscheidungen, Ansichten und letztlich zum richtigen Leben führt. Das ist, gerade heutzutage so wenig und doch so viel.

Reblog: Deutscher Lumpen-Pazifismus

Anm. d. Red.: Heute ist der Stichwahl Le Pen – Macron, ortodoksyjna Wielkanoc. Putin bombarduje Odessę.

***

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Polska wersja, w tłumaczeniu Uli Ptak - poniżej

Ein substanzieller Teil der Friedensbewegung ist in seiner Selbstgerechtigkeit das Beste, was Putin passieren kann. Leider hat er in der Politik und besonders in der SPD mächtige Partner.

Transparent mit der Aufschrift »Wer Waffen liefert, sollte selbst Menschen töten!« beim Hamburger Ostermarsch: Zutiefst egozentrische Ideologie 
Foto: Markus Scholz / dpa

»Ich wage es zu behaupten, daß, wenn die Juden die Seelenkraft, die allein aus der Gewaltfreiheit entspringt, zu ihrer Unterstützung aufböten, Herr Hitler sich vor einem Mut, wie er ihn im Umgang mit Menschen bisher noch nie in nennenswertem Maße erfahren, verbeugen würde.« Diese Zeilen wurden Ende 1938 geschrieben, und zwar von einem Pazifisten, von dem Pazifisten, nämlich Mahatma Gandhi. Kurz darauf erklärte er noch, es könne wohl keinen jüdischen Gandhi in Deutschland geben, weil der »höchstwahrscheinlich nicht länger als fünf Minuten wirken« könne, »ehe er unverzüglich zur Guillotine geschleift würde«. Was bedeutet, dass Gandhi wusste, was Juden in Deutschland passieren konnte. Gandhi ist nicht nur bis heute ein Vorbild für viele Pazifisten, sondern war auch eine sagenhafte Knalltüte.

Die deutsche Friedensbewegung schien zu ihrem diesjährigen Hochamt, den Ostermärschen für den Frieden, grob zweigeteilt. Auf der einen Seite stehen die Vernunftorientierten, die es natürlich auch gibt, die einen aufgeklärten, realistischen Pazifismus verfolgen. Darunter kann man verstehen: Skepsis gegen Militarismus, Brechung kriegspositiver Erzählungen, Radikalität bei der Schaffung der Voraussetzungen für Frieden, aber eben auch Akzeptanz des Wunsches von Angriffsopfern, sich zu verteidigen.

Auf der anderen Seite steht ein substanzieller Teil der Friedensbewegung, die ich den deutschen Lumpen-Pazifismus nennen möchte. Es handelt sich dabei um eine zutiefst egozentrische Ideologie, die den eigenen Befindlichkeitsstolz über das Leid anderer Menschen stellt.

Lumpen-Pazifisten mögen mit der Realität nicht besonders viel anfangen können, aber sie sind nicht in erster Linie naiv, wie ihnen oft vorgeworfen wird. Naivität ist unangenehm, aber keine Schande. Lumpen-Pazifisten sind zuvorderst selbstgerecht. Es sind Menschen, die sich eine Jacke anziehen und sofort vergessen, was es heißt zu frieren. Menschen, die ihren Stuhlkreis-Prinzipien auch um den Preis des Lebens Dritter folgen. Menschen, die im Angesicht des russischen Angriffshorrors in der Ukraine nichts tun wollen, genau: nichts. Kurz, es sind Menschen wie der Friedensbeauftragte der evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Friedrich Kramer. Er sagt auf die Frage, wie man auf die Kriegsverbrechen des Diktators Putin in der Ukraine reagieren solle: »Manchmal können wir alle nur hilflose Zuschauer sein. Und das ist vielleicht gut so.« Es scheint mir kaum möglich, die eigene Ungerührtheit im Angesicht tot gebombter Kinder noch maliziöser zu feiern. Aber gut, es ist ein Bischof.

Dem russischen Faschistenführer Putin kann gar nichts Besseres passieren als solche westlichen Führungsfiguren, die direkt oder indirekt sagen, dass uns die Ukraine nichts angeht. Die Lumpen-Pazifisten haben speziell in der Politik und noch spezieller in der SPD, der Friedenspartei, einige mächtige Partner. Man erkennt sie an der Parallelität der Argumente. Bischof Kramer steht nämlich nicht nur selig hilflos daneben, er schreibt der Regierung auch vor, wie sie mit dem Konflikt umgehen soll. Waffenlieferungen sind natürlich tabu, vor allem aber sagt Kramer: »Wir dürfen da nicht gesinnungsethisch reingehen, wir müssen nüchtern draußen bleiben«. Wann um alles in der Welt soll man gesinnungsethisch sein, wenn nicht jetzt? Mit ermordeten und vergewaltigten Zivilist*innen sonder Zahl? Gesinnungsethik bedeutet hier, dass man rote Linien zieht, deren Überschreitung Folgen haben müssen: das Gegenteil von Appeasement. Zumal es nicht darum geht, dass die Nato in der Ukraine aktiv mitkämpft. Sondern um Waffenlieferungen. Der klügste, lustigste und traurigste Tweet dazu: »Weil wir nicht genau wissen, was Russland alles als Kriegserklärung verstehen könnte, habe ich mich entschieden die Spülmaschine heute nicht auszuräumen.«

Jetzt lieber nüchtern, keine nervige Ethik, die Putin womöglich »missverstehen« könnte, sondern pragmatisch zuschauen, sagt der Bischof. Wir schalten zu Michael Müller (SPD), dem früheren Regierenden Bürgermeister von Berlin, inzwischen Bundestagsabgeordneter. Der sagt bei n-tv: »Ich staune bei einigen, die sich auch die Situation vor Ort angeguckt haben, wie schnell man jetzt nach schweren Waffen ruft.« Schnell? Also bereits nach wenigen Zehntausend Toten, gefolterten, vergewaltigten, ermordeten Zivilist*innen, massenhaften Kriegsverbrechen? Die angegriffenen Ausschussvorsitzenden des Bundestags, die in der letzten Woche in Lwiw vor Ort waren, mussten sich schon von Olaf Scholz als »Jungs und Mädels« verspotten lassen, und jetzt mahnt Exbürgermeister Müller sie zur Langsamkeit in Sachen Waffen.

Die Organisatoren der pazifistischen, traditionellen Ostermärsche fühlten sich leider nicht in der Lage, den russischen Angriffskrieg zu verurteilen, aber glaubten trotzdem, für den Frieden zu demonstrieren. Besonders plakativ stellten diejenigen ihre Lostheit zur Schau, die ernsthaft gegen die Nato – und nur die Nato – »klare Kante« zeigen wollten.

Wenn man von den deutschen Lumpen-Pazifisten die vielen Schichten des platten Antiamerikanismus entfernt, dann bleibt ein Kern übrig. Nämlich die Mischung aus dem Recht des Stärkeren und der Täter-Opfer-Umkehr, die schon Gandhi zusammengemanscht hat: »Wenn die Juden, anstatt hilflos und notgedrungen gewaltlos zu sein, sich wohlüberlegt Gewaltfreiheit, das heißt Mitgefühl, für die nichtjüdischen Deutschen zu eigen machten, so könnten sie den Deutschen nicht nur keinen Schaden zufügen, sondern würden – da bin ich mir so sicher, wie ich diese Zeilen diktiere – das härteste deutsche Herz schmelzen.« Und als bizarro-antisemitische Vorrede dazu: »Laßt die Juden, die den Anspruch erheben, das auserwählte Volk zu sein, ihren Anspruch dadurch beweisen, daß sie den Weg der Gewaltfreiheit wählen, um ihre irdische Existenz zu verteidigen.« Da liegt der Lumpen-Pazifismus ausgestreckt und zeigefingert den Angegriffenen nicht nur, dass sie selbst schuld sind, wenn ihre Gewaltfreiheit nicht funktioniert. Sondern auch, dass sie nicht besser sind als die Angreifer, wenn sie vor der Vernichtung stehend nicht so richtig Bock haben auf Gewaltfreiheit. Okay, Gandhi – aber das gibt es in dieser spektakulär realitätsaversen, menschenverachtenden Form doch heute nicht mehr?

Leider doch. In der »taz« erklärt eine Friedensforscherin den Ukrainer*innen, wie sie »das Regime des Besatzers dazu bringen, sich mit ihnen an einen Tisch zu setzen und einen Kompromiss zu finden.« Abgesehen davon, dass vollkommen offen bleibt, wie ein »Kompromiss« überhaupt aussehen kann, wenn eine Partei die andere vernichten möchte, sind die Mittel, die sie ernsthaft aufzählt, folgende:

  • Massendemonstrationen, um den Invasoren zu zeigen, dass sie nicht willkommen sind
  • das Austauschen von Straßenschildern und die Verwendung von Verkehrsschildern, um die einmarschierende Armee zu beleidigen oder abzulenken
  • mit Menschenketten russische Panzer stoppen
  • Boykott russischer Waren, weil so die Besatzung auch viel teurer wird
  • Finanzmittel, Schulungen, andere Ressourcen bereitstellen, um Ukrainern zu helfen, ihre Fähigkeit zu massenhaftem zivilem Ungehorsam und gewaltfreiem Widerstand auszubauen

Dann bezeichnet sie es als wichtiges Instrument, im Fall einer Besatzung die Stromrechnung nicht zu bezahlen. Wer sich die Bilder der zerbombten Städte und zivilen Einrichtungen, der Leichen in den Straßen und die Berichte von Massenvergewaltigungen angesehen hat, muss den Ansatz, mit vertauschten Straßenschildern Soldaten zu verwirren, nicht einmal mehr argumentativ widerlegen. Die aufgezählten Mittel sind eine Farce, sie entsprechen der Empfehlung, der Schwerkraft zu entkommen, indem man einfach neben den Boden fällt.

Veröffentlicht wird das alles einen Tag, nachdem Putin die Truppen, die in Butscha Menschen gefoltert und ermordet haben, mit schönen Orden als Mitschlächter des Monats ausgezeichnet hat. Und dabei en passant seine Strategie der absichtsvollen Kriegsverbrechen bestätigt hat. Das ist nicht mehr naiv, sondern boshaft kalt. Waffenlieferungen hingegen lehnt die Pazifismus-freudige Friedensforscherin ab, weil wir »die weitere Militarisierung des Konflikts nicht verstärken sollten.« Das wird die in zerbombten Kellern ausharrenden, verdurstenden Menschen in Mariupol sicher arg freuen, dass ihre Stadt nicht noch weiter militarisiert wird. Wenn sie sich etwas Mühe geben und ein paar Gandhi-Kacheln auf Instagram posten, können aus ihnen bestimmt doch noch Pazifisten werden. Vielleicht nicht so porentief reingewaschene, zu 100 Prozent enthitlerte Superpazifisten wie wir hier in Deutschland, aber immerhin.

Der Spiegel online, 20.04.2022

Tłumaczenie Ula Ptak na FB, 21.04.2022 (fragmenty): 

Jeśli usunie się wiele warstw frazesów antyamerykańskich z niemieckich lumpenpacyfistów, pozostaje tylko rdzeń. Chodzi mianowicie o mieszankę: prawo silniejszego i odwrócenie zasady sprawca-ofiara, którą Gandhi już wcześniej sklecił: "Gdyby Żydzi, zamiast być bezradnymi i z konieczności nieagresywnymi, z rozmysłem przyjęli zasadę nieagresji, to znaczy współczucia, wobec nieżydowskich Niemców, nie tylko nie byliby w stanie wyrządzić Niemcom żadnej krzywdy, ale - jestem tego tak pewien, jak tego, że dyktuję te słowa - stopiliby najtwardsze niemieckie serce". A jako antysemicki wstęp do tego: "Niech Żydzi, którzy twierdzą, że są narodem wybranym, udowodnią swoją tezę, wybierając drogę bez przemocy, aby bronić swojej ziemskiej egzystencji". To właśnie tam rozciąga się lumpenpacyfizm, wciskając ofiarom nie tylko to, że to ich własna wina, jeśli ich niestosowanie przemocy nie przynosi rezultatów. Ale także, że nie są lepsi od napastników, jeśli w obliczu zagłady nie są w nastroju do niestosowania przemocy. No dobrze, to Gandhi - ale czy na pewno nie istnieje już w tej spektakularnie oderwanej od rzeczywistości, pogardzającej człowiekim formie coś do dziś?
W "taz" badaczka pokoju wyjaśnia Ukraińcom, jak mogą "skłonić reżim okupanta, by usiadł z nimi do stołu i znalazł kompromis". Pomijając fakt, że nie wiadomo, jak w ogóle może wyglądać "kompromis", gdy jedna strona chce zniszczyć drugą, środki, które poważnie wymienia, są następujące:
- masowe demonstracje, aby pokazać najeźdźcom, że nie są mile widziani
- wymiana szyldow z nazwami ulic i używanie znaków drogowych do obrażania lub odwracania uwagi armii najeźdźców
- wykorzystanie łańcuchów ludzkich do zatrzymania rosyjskich czołgów
- bojkotowanie rosyjskich towarów, bo to także zwiększa koszty okupacji
- Zapewnienie środków finansowych, szkoleń i innych zasobów, które pomogą Ukraińcom w budowaniu zdolności do masowego obywatelskiego nieposłuszeństwa i oporu bez użycia przemocy.
Następnie uznaje za ważne, aby nie płacić rachunku za prąd w przypadku okupacji. Każdy, kto oglądał zdjęcia zbombardowanych miast i obiektów cywilnych, trupy na ulicach i doniesienia o masowych gwałtach, nie musi nawet odpierać argumentów o wprowadzaniu w błąd żołnierzy przestawionymi znakami drogowymi. Wymienione środki to farsa; są one równoznaczne z zaleceniem, aby unikając prawa grawitacji upaść obok ziemi. 
Wszystko to ukazuje się dzień po tym, jak Putin odznaczył żołnierzy, którzy torturowali i mordowali ludzi w Buczy, pięknymi medalami jako rzeźników miesiąca i w ten sposób potwierdził swoją strategię celowego popełniania zbrodni wojennych. 
(...) pacyfistycznie nastawiona badaczka pokoju odrzuca dostawy broni, ponieważ "nie powinniśmy zwiększać dalszej militaryzacji konfliktu". Mieszkańcy Mariupola, którzy czekają w zbombardowanych piwnicach i umierają z pragnienia, z pewnością bardzo się ucieszą, że ich miasto nie jest dalej militaryzowane. Jeśli włożą trochę wysiłku i opublikują kilka myśli Gandhiego na Instagramie, z pewnością mogą stać się pacyfistami. Może nie będą to tak dogłębnie wypłukani, stuprocentowo entuzjastyczni superpacyfiści jak my tutaj w Niemczech, ale jednak. 

***

Nadesłane przez Monikę Wrzosek-Müller

Aus dem Leben in der Wegwerfgesellschaft


Von der Administratorin: Am Ostersamstag machte ich in einer kleinen englischen Stadt (Garden City) einen Spaziergang. Das Wetter war schön und die Straßen waren voller Menschen. Ich ging in die St.-Franziskus-Kirche, wo mehrere Frauen Blumen banden und pflanzten. Wir sind hier nicht in Polen. Am Karsamstag wird in einer anglikanischen Kirche noch nichts gefeiert. Auf der anderen Straßenseite stand ein riesiger Müll-Container, der bis zum Rand mit Kirchenmusik-CDs gefüllt war. Hunderte, vielleicht Tausende von CDs. Zwei dunkelhäutige Personen mit dem Aussehen von Musiklehrern standen in der Nähe des Containers.
– Das ist eine Schande, sagten sie.
Sie nahmen sich eine CD nach dem Zufallsprinzip. Das tat ich auch. Ich zog
Te Deum (Got sei gelobt) von Hector Berlioz.

Es ist ein Kirchenlied aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., das immer wieder von Grund auf neu komponiert und anlässlich großer kirchlicher Feste aufgeführt wurde, ursprünglich vermutlich am Vorabend von Ostern. Das ist genau der Tag, an dem ich es aus dem Müll gezogen habe. Musik für das große, traurige Osterfest 2022, wenn ein großer, schrecklicher Krieg in der Welt herrscht.

***

Ela Kargol

Welttag des Buches

Das Buch habe ich auf meinem Hof im Müllcontainer gefunden. Zwischen Kaffeesatz und Eierschalen lagen noch andere Bücher. Die sauberen habe ich herausgeholt und daneben auf eine kleine Mauer hingelegt. Wenn es nicht regnet, vielleicht überleben sie, bis jemand wie ich ihnen ein neues Leben im neuen Zuhause schenkt.
Mir läuft es jedes mal den Rücken kalt runter, wenn ich Bücher in Abfallkörben, Mülltonnen oder auf Müllhalden sehe. Dasselbe fühle ich bei weggeschmissenem Brot.
Es gibt doch genug Möglichkeiten die Bücher wegzugeben. Es gibt genug Lebensfenster („Babyklappen“) so wie für ungewollte Kinder, es gibt Büchertelefonzellen, Bibliotheken, Bücherbasare und schließlich Menschen, die sich über weitere Bücher freuen, bei denen es noch Platz in den Regalen gibt.
Was für ein Unterschied besteht zwischen Bücherverbrennung und Bücher-Wegschmeißen?
Fast keinen, die Ideologie ist nur anders. Damals Nationalismus und jetzt Wegwerfgesellschaft und Überfluss.


Für mein Zuhause habe ich ein rotes Buch gerettet, noch paar Jahre Leben geschenkt. Jahrgang 1927, drei Jahre älter als meine Mutter.
Ganzleineneinband mit goldfarbenen geprägten Lettern, sowie Prägungen in Form von einem gebundenem Rosenstrauß, „Jungmädchenwelt, ein Jahrbuch“, herausgegeben in Stuttgart bei der Union Deutsche Verlagsgesellschaft. Es gibt auch ein entsprechendes Buch für die Jungen: „Junge Welt, ein Jahrbuch für unsere Jungen“. Gott sei dank nicht im Müll gefunden, sondern bei Ebay-Kleinanzeigen. Ich denke ernsthaft daran, es zu bestellen.


In dem Mädchenbuch findet man außer einem Rosenstrauß, alles was das Herz einer jungen Frau begehrt: „…Erzählungen ernsten und heiteren Inhalts, Plaudereien über Kunst und Wissenschaft, Länder und Völker, Beruf, Sport, Haus Hof und Garten…“
Es gibt heitere Texte und traurige, Kunstabbildungen solcher Künstler, deren Kunst später entartet wurde oder derer die der NSDAP treu bis zum Ende geblieben sind. Es gibt Rätsel, Märchen und Reiseberichte, Zeichnungen, Bilder und viel mehr.

Auf einer der Seiten wurde ich auf ein Foto von vier Mädchen aufmerksam, die mit erhobenen Händen im Kreis tanzen. Den Namen des Fotografen Paul W. John, geboren im heutigen Łebcz bei Puck, habe ich in Wikipedia gefunden: Paul W. John

Das Foto ist betitelt: Frühlingsreigen. Ich musste nach der Bedeutung des Wortes Reigen suchen.

Ich hatte schon meine Vermutungen über alte germanische Bräuche, die vom Bund Deutscher Mädel übernommen wurden, aber nein, diese Tänze gehen auf die Antike zurück, auf Homer, die Ilias, und haben viel gemeinsam mit Hochzeitsumzügen. Ich musste sofort an einen berühmten Film mit Jerzy Stuhr denken, den Wodzirej in dem Stuhr einen Vortänzer spielt.

Reigen

Was kann man von einer angehenden Hausfrau erwarten? In 30 Merksätzen steht es im Buch geschrieben. Von einer jungen Frau vor fast 100 Jahren hat man was ganz anderes erwartet, was man heute erwarten würde. Würde man heute überhaupt etwas erwarten? Das Wort Erwartung ist schon falsch, es klingt ähnlich wie Manipulation, Suggestion, Lenkung.
Meine Mutter hat mir immer verbale Ratschläge, Suggestionen, Wegweisungen gegeben. Ich habe sie dafür gehasst, obwohl ich sie sehr liebe, die Mutter.
Wenn ich den letzten Punkt der Merksätze für angehende Hausfrauen lese, muss ich lachen. „Kostbare Edelsteine in der Krone der Hausfrau sind: Ordnung, Reinlichkeit, Pünktlichkeit und Sparsamkeit.“
Bei mir fehlt alles. Die anderen Merksätze, wie das ganze Buch in Frakturschrift geschrieben, sind leider auch nichts für mich. Ein Paar würde ich vielleicht akzeptieren: Lasse nichts umkommen, sondern verwende alle Speisen rechtzeitig. Manche sind veraltet, manche unverständlich oder lächerlich: Lasse dich von deiner Nachbarin nicht aufhalten, wenn du kochende Speisen auf dem Herd hast, ebenso lasse das Romanelesen während dieser Zeit. Oftmals ist das unangenehme Anbrennen oder das Überkochen die unvermeidliche Folge davon.

Ich habe als junges Mädchen Anne auf Green Gables gelesen und ihre Ideen und ihr buntes Leben in Kanada wirkten auf mich viel überzeugender als die 30 Merksätze für angehende Hausfrauen in Deutschland.

Man kann über die Merksätze lachen, sie ernst nehmen, als nützlich oder interessant empfinden, man kann sie überspringen und Rätsel lösen, alles für junge Mädchen.

Soviel Wissenswertes auf der Müllkippe gefunden, Texte über Künstler, Literatur, Reisen, Gedichte, Fotos, Bilder, goldene Buchstaben auf roten Leinen…
Manch einer mag sagen, das sei unnützes Wissen, unnützes Buch, alt, gehört in den Müll. Wer liest so was? Wer las so was? Unsere Großmütter, Großväter vielleicht auch. Und die Nachbarin, die vor paar Monaten gestorben ist und deren Wohnung von einer Auflösungsfirma aufgeräumt wurde, samt Büchern.

Allen Büchern auf der Welt wünsche ich schöne Regale, eifrige Leser und Leserinnen und eine gute Behandlung, ein langes Leben in Gesundheit und Achtung.

***

Der Welttag des Buches. Charkiv. Bibliothek.

Der Weber und Schriftsteller, Hugo Lubliner

Ewa Maria Slaska:

2018 wurde mein (auto)biographischer Roman Die Lubliner auf Polnisch herausgegeben. Es war eine, leicht beletrisierte, Familiengeschichte. 20 Jahre habe ich mich auf diese Aufgabe vorbereitet. Danach noch sieben Jahre recherchierte ich. Ich dachte, ich habe damals alles gefunden, was man über die Familie finden konnte, auch manche Lubliner in den Verinigten Staaten, die zur Familie nicht gehören, nur den gleichen Namen besitzen. Lubliner, der aus Lublin.

Im letzten Jahr aber schrieb Ela Kargol das Wort “Lubliner” in Internet ein und fand sofort einen deutschen Schriftsteller (und Weber) aus Berlin, einen gewissen Hugo Lubliner, von dem ich nie gehört habe.

Nun ja, was kann ich jetzt sagen: Bravo Ela!

Zu meiner Erleichterung fand ich später, dass der Wikipedia-Eintrag über Hugo Lubliner, von Ulrich Goerdten, einen pensionierten Bibliothekar in Berlin, erst November 2020 verfasst wurde.

Wikipedia:

Lubliner, Hugo (Pseudonym Hugo Bürger), Bühnendichter, Romanschriftsteller
* 22.4.1846 Breslau, † 19.12.1911 Berlin. (israelitisch)

Sein Vater war Kaufmann in Breslau. Die Familie zog nach dessen Tode 1858 nach Berlin, wo Hugo die Realschule besuchte und anschließend eine kaufmännische Lehre durchlief. Er war von 1865 bis 1873 Leiter einer Weberei.

1865 wurde sein erstes Lustspiel aufgeführt. Ein paar Jahre später entschied er sich für den Schriftstellerberuf und schrieb seit 1873 ständig Lustspiele, die im Königlichen Schauspielhaus in Berlin sowie am Burgtheater in Wien und anderen Theatern aufgeführt wurden. Seine Stücke waren bei den Theatern beliebt und beim Publikum erfolgreich.

Lubliner schrieb auch Romane, in denen das Großstadtleben seiner Zeit geschildert wurde. 1892 gründete er die Zeitung Der Abend, die jedoch keinen geschäftlichen Erfolg hatte. Für den Österreichischen Lloyd redigierte er unter seinem Pseudonym Hugo Bürger vier, 1901 und 1902 erschienene, Reisehandbücher.

Lubliners Grab befindet sich in Berlin auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee.

Die Liste seiner Werke ist sehr lang und das Wort “Auswahl” lässt vermuten, dass sie länger hätte sein können:

  • Nur nicht romantisch! Dramatischer Scherz in einem Akt. Michaelson, Berlin 1864.
  • Der Frauenadvokat. Marschner & Stephan, Berlin 1876
  • Die Frau ohne Geist. Lustspiel in 4 Akten. Marschner & Stephan, Berlin 1879.
  • Der Jourfix. Lustspiel in vier Akten. Berlin 1881.
  • Die Modelle des Sheridan. Lustspiel in vier Akten. Marschner & Stephan, Berlin 1875
  • Die Adoptirten. Schauspiel in vier Acten. Bloch, Berlin 1876.
  • Die Florentiner. Trauerspiel in 5 Aufzügen. Marschner & Stephan, Berlin 1876.
  • Eine Fessel. Schauspiel in vier Akten. Marschner & Stephan, Berlin 1877.
  • Gabriele. Schauspiel in vier Akten. Marschner & Stephan, Berlin 1877.
  • Auf der Brautfahrt. Lustspiel in vier Akten. Entsch, Berlin 1880.
  • Forschungsresultate. Lustspiel in 1 Act. Sittenfeld, Berlin 1880.
  • Gold und Eisen. Schauspiel in 4 Akten. Marschner & Stephan, Berlin 1881.
  • Aus der Großstadt. Schauspiel in 4 Akten. Bloch, Berlin 1883.
  • Die Mitbürger. Lustspiel in 4 Akten. Bloch, Berlin 1884.
  • Gräfin Lambach. Schauspiel in vier Akten. Bloch, Berlin 1886.
  • Die armen Reichen. Lustspiel in 4 Aufzügen. Entsch, Berlin 1886.
  • Die Gläubiger des Glücks. (Berlin im Kaiserreich I.) Roman. Schottländer, Breslau 1886.
  • Die Frau von neunzehn Jahren. (Berlin im Kaiserreich II.) Roman. Schottländer, Breslau 1887.
  • Wenn der Sommer kommt. Lustspiel in 3 Akten. Bernstein, Berlin 1887.
  • Der Name. Schauspiel in 4 Akten. Bloch, Berlin 1889.
  • Im Spiegel. Schauspiel. Bloch, Berlin 1890.
  • Der kommende Tag. Schauspiel in vier Aufzügen. Lehmann, Berlin 1891.
  • Der Riegnitzer Bote. Schauspiel in 4 Akten. Entsch, Berlin 1894.
  • Das neue Stück. Lustspiel in 4 Akten. Entsch, Berlin 1894.
  • An der Riviera. Schottländer, Breslau 1896.
  • Die junge Frau Arneck. Lustspiel in 4 Akten. Entsch, Berlin 1896.
  • Andere Luft. Schwank in 3 Akten. Entsch, Berlin 1897.
  • Nacht und Morgen. Schauspiel in 5 Aufzügen. Boll, Berlin 1897.
  • Der Zoller. Historie in 5 Aufzügen. Boll, Berlin 1897.
  • Das fünfte Rad. Lustspiel in 3 Aufzügen. Bloch, Berlin 1899.
  • Splitter und Balken. Lustspiel in 4 Aufzügen. Bloch, Berlin 1899.
  • Roman eines anständigen Mädchens. Hillger, Berlin 1899.
  • Die lieben Feinde. Lustspiel in 3 Aufzügen. Bloch, Berlin 1901.
  • Redaktion: Der Österreichische Lloyd und sein Verkehrsgebiet. Offizielles Reisehandbuch der Dampfschiffahrtsgesellschaft. Rudolf M. Rohrer, Wien 1901 u. 1902 (4 Bände)
  • Der blaue Montag. Lustspiel in 3 Aufzügen. Bloch, Berlin 1903.
  • Frau Schubels Tochter. Roman. Schottländer, Breslau 1905.
  • Die glückliche Hand. Lustspiel in drei Aufzügen. Bloch, Berlin 1911.

Ein Buch von Hugo Lubliner habe ich gerade in einer Berliner Bibliothek gefunden. Es ist jedoch, wie man sieht, nicht entleihbar. Man kann es nur im Lesesaal lesen und dafür fehlt mir momentan sowohl Zeit als auch Muse. Irgendwann Mal lese ich es… 🙂

***

Am Ende erlaube ich mir noch einen Ausflug ins Reich der Ethymologie. Hugo Lubliner war ein Weber und ein Autor, und dies ist eine sehr logische Zusammensetzung der Berufe. Der Weber erstellt die Textilien, der Autor - Texte. Es ist kein Wortspiel; so ist in der Tat das Wort Text entstanden - vom Stoffe webern. Bei dem Text-Herstellen gibt es noch andere Begriffe aus dem Wortschatz eines Webern. Zum Beispiel ist es sehr wichtig, dass sich durch den ganzen Text konsequent der rote Faden hindurchzieht, so wie sich im gewebten Tuch am Rande der rote Faden durchzieht. Auch die Dichtung und der Dichter sind mit dem Webern eng verwand. Der Dichter baut die Worte eng zusammen, dichtet sie, so wie der Weber mit einem Dichtkamm die Schussfäden eng zusammen... na ja, eben dichtet. In polnischer Sprache gibt es wiederum im Text Kett- und Schussfaden, also Hauptstrang der Narration und die sich drum herum webende Fäden der Nebengeschichten. Also der Schriftsteller und der Weber sollen immer eng miteinander kommunizieren. 

Frauenblick: Krieg

Monika Wrzosek-Müller

Die Ungerechtigkeit der Welt, der westlichen Welt, war mir immer klar und ein Dorn im Auge, doch jetzt sticht sie mit einer Schärfe und Dringlichkeit, dass ich, sollte ich es nicht aussprechen, krank würde. Auch wir werden durch den Krieg auf eine Seite, auf eine Möglichkeit festgelegt, was sich für die Zukunft wahrscheinlich verheerend auswirken kann.

Wir erleben einen Krieg – einen Angriffskrieg, den es in unserem Jahrhundert nicht mehr geben sollte. Es sind völlig archaische Methoden der Kommunikation, durch Druck und Gewalt auf das eigene Recht zu pochen und es einzufordern. Ich war während des ersten Kriegsmonats in Warschau; habe erlebt, wie die Polen sich zusammengerissen haben, um den Kriegsflüchtlingen zu helfen, wie sie den Krieg verurteilt haben, ihn verfolgt und immer wieder dazu Stellung genommen haben. Der Westen vergisst, dass doch noch Menschen mit Kriegserfahrungen aus dem Jahr 1939 leben und dass für sie ein déjà vue entsteht, dass von Deutschland mehr verlangt wird, eben wegen dieser Kriegserinnerung, aber auch wegen ihrer Nähe zu Russland und zu Putin, dass sie selbst für die Abhängigkeiten von Gas, Öl und Kohle verantwortlich sind. Versprechungen, Bekundungen und Mitleid helfen nicht viel, es müssen Taten folgen, ganz entschiedene und schnelle.

Unter den ukrainischen Frauen, die ich in der Wohnung in Warschau aufgenommen habe, war eine junge Frau mit einem Kleinkind, die mir als die Tochter der Freundin des Bruders meiner Mieterin vorgestellt wurde. Nach zwei Tagen stellte sich heraus: sie mit dem Baby und einen kleinen Jungen haben die anderen auf dem Bahnhof in Lemberg gefunden; die drei wussten nicht wohin, hatten seit ein paar Tagen nichts gegessen, lebten auf dem Bahnhof. Der kleine neunjährige Junge hatte seine Eltern, seine Mutter verloren, oder sie haben ihn so losgeschickt, damit er überlebt, das wussten sie nicht. Auf jeden Fall waren sie plötzlich bei mir, in der Wohnung meiner Mutter, mit den anderen drei Frauen und zwei Jungen. Zum Glück haben sie eine andere Bleibe gefunden, alle drei; so haben die anderen fünf Leute in der kleinen Dreizimmerwohnung genug Platz zum Leben.

Da wurde gesagt: in Polen gäbe es Flüchtlinge zweiter Klasse, ich habe nur gedacht, Gott sei Dank, wir haben noch Platz frei, wir können die aufnehmen. Und ja, sie sind mir willkommen, weil sie das erleben, was Polen immer wieder fürchten muss, und weil sie wirklich Frauen mit Kindern sind, und alles passiert so nah und ich will mich nicht hinter der Heuchelei der Menschenliebe für alle auf der ganzen Welt verstecken und die eigentlich gar nicht so wirklich hierher wollen. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man etwas macht, was einem am Herzen liegt und brennt, oder man mehr oder weniger die eigene Überlegenheit über die arme Welt vorführt und den guten Onkel spielt, ohne die Menschen im Geringsten zu verstehen und eigentlich verstehen zu wollen. Ich habe die Aussagen: „Die werden nie arbeiten können, so wie wir das tun, ihre Ausbildung ist nicht annähernd unserer gleich…“ zu überhören versucht, denn ich bin selbst auch davon betroffen. Meine Ausbildung wurde für nicht würdig in Deutschland befunden, ich bekam den Grad “Magister pl“ zuerkannt und hatte damit keinerlei Recht, an Schulen etc. zu unterrichten. Gerade die Flüchtlinge spüren, ob sie wirklich willkommen sind, ob man für ihre Sache steht. Deswegen gehen auch viele Ukrainer lieber nach Polen als anderswohin in der EU und am liebsten gehen sie sowieso in ihr Land zurück.

In Polen hat die Sache noch einen Aspekt, den man wahrscheinlich nicht vergessen sollte. Die Ukrainer sind für den polnischen Wohlstand mitverantwortlich, haben ihn mit ihren Händen mit erarbeitet. So wird jetzt ein Teil der Schuld bei ihnen abgetragen, beglichen. Polen hat immerhin innerhalb dieser drei Wochen 2,2 Millionen Menschen aufgenommen, ohne zu klagen, ohne sich aufzuspielen, dass es Verteilung geben müsse, dass die anderen nicht wollten; da war die Not dieser Menschen und das war das wichtigste. Manchmal muss man über den eigenen Schatten springen, sich mutig zeigen und riskieren, sonst gehen unsere Werte, das, was man jahrelang versucht hat aufzubauen, verloren. Vertrauen, Glaubwürdigkeit gewinnt man langsam und es wäre schade oder ist schade, sie so schnell zu verspielen.

Wenus wschody i zachody

Tibor Jagielski

13 IV 2017

” IS kann nur militärisch bekämpft werden”
(martin kobler, ambasador niemiecki w egipcie 2003 -2006, iraku 2006 – 2007)

14 IV 2017

sie schreit und schlägt mit den händen auf den lenkrad
” ich lag dir zu den füßen!”
” und ich habe dich auf die beine wieder erhoben” – antworte ich ruhig und wasche die innenseite der vorderscheibe ab

17 IV 2017

von GROFAZ zum GROVAZ


21 IV 2017

nie ma innej rady – vis pacem para bellum;


28 IV 2017

rituelle waschungen – schafiten akzeptieran auch stehendes wasser;
hanafiten – nur fließendes wasser ist akzeptabel;

dar  al – harb – haus des krieges

haduna – waffenstillstand

schahid – märtyrer


5 V 2017

er ruft und lacht: ” du surensohn!”

14 V 2017
 
718 n,e. – pierwszy meczet w konstantynopolu (dla niewolników i handlarzy);

torschi

je 4 auberinen, karotten, gurken
8 knoblauchzehen
halbes kopf weißkohl
1 pfund perlzwiebeln

– kleinschneiden

je 2 esslöffel salz und zucker
je 1  teelöffel paprika (scharf), kurkuma, kreuzkümmel, kardamon

– dazugeben

je 1 bund petersilie,bohnenkraut, basilikum, minze, koriander

–  kleinschneiden und dazugeben

 mit einem liter essig und notwendigen menge gekochtes wasser gut bedecken
und mit einem stein  zugedrückt
4 wochen stehen lassen

– fertig;


15 V

Jetzt sind LAF (Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten) und LAGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales)
unter einem Dach und diese Herberge heisst  ICC – der größte Flüchtligslager Deutschlands.

Und so ist die Situation wieder ernst – aber nicht ernsthaft genug.

17 IV

die schlange scheint endlos zu sein;
– was machen die da, unter dem dach? – fragt mich der rabbiner 
und schaut ensetzt auf den pulk der asylbewerber,
die sich, den schatten suchend in eine dicke menschentraube verwandelt hat.
– na, die sonne- antworte ich – sonst fangen sie umzufallen, die frauen sind gut geschuetzt, tragen kopftuecher,
aber die meisten, vorwiegend jungen maenner tragen ja keine kopfbedeckung.

21 IV

ich versuche mein altes gedicht ins deutsche zu übersetzen, aber die musen stehen mir nicht bei:

Stepowa wiosna

Wiatr strząsa śnieg z gałęzi sosen,
A słońce muska wygłodzoną twarz.
Wreszcie powraca jedna z moich wiosen
I kropelkami spada z sopli czas.

Gdybym zaklinał, jedno okamgnienie,
Klucz dzikich gęsi prący w nieba błękit,
To wiem, że tylko jest marzeniem,
Iż pozostanie i nie odejdzie więcej.

Krym, IV 1992

(c.d.n.)











Kafka in Berlin

Ewa Maria Slaska (nach dem Buch von Rainer Stach)

Am 12. August 1912 kommt nach Prag Felice Bauer. Sie ist Cousine von Max Brods Schwager, Max Friedmann. Sie wohnt im Hotel Blauer Stern. Am 13. August besucht Kafka seinen Freund und lernt Felice kennen. Sie plaudern sehr intensiv und schon an diesem ersten Tag verabreden sie sich, dass sie gemeinsam nach Palästina fahren wollen.

Am nächsten Tag reist Felice weiter nach Budapest. Felice stammt aus Breslau, ihre Familie wohnt aber schon in Berlin, in der Immanuelkirchstraße 29. Sie stammt aus kleinbürgerlichen jüdischen Verhältnissen und war bei der Carl Lindström AG beschäftigt, die u. a. Grammophone und sogenannte Parlographen herstellte, und stieg dort von der Stenotypistin zur leitenden Angestellten auf.

Am 20. September schreibt Kafka auf der Schreibmaschine im Büro den ersten Brief an Felice. Sehr freundlich-unverbindliche Antwort kommt eine Woche später in Prag an. Felice teilt mit, dass ihre Eltern ihr nicht erlauben werden, nach Palästina zu fahren.

Es muß eine Liebe auf ersten Blick gewesen sein. Nur acht Tage später, in der Nacht vom 22. zum 23. September 1912 schreibt er die Erzählung Das Urteil in nur acht Stunden. Und erfindet sich als Schriftsteller vellkommen neu.

Sie schreiben einander viele Briefe, obwohl Kafka viele nicht abschickt. Am 23. Oktober gesteht er ihr, dass die Hälfte seines Lebens aus Warten auf ihr Brief besteht. Ein paar Tage später schreibt er ihr einen “riesen Brief” von 30 Seiten.

Seit dem 5. November versprechen sie sich, täglich zu schreiben. Aber schnell ändern sie den Rhythmus und sollen sich einmal der Woche schreiben. Seine Produktion an Liebesbriefen wird sich bis zu drei täglich aufsteigern.

Er ist 29 Jahre alt, Felice schätzt ihn aber viel jünger an, höchstens 25, vielleicht gar 18. Diese Bemerkung mag er nicht. Möchte zu Felice nach Berlin fahren, sie wünscht es nicht. Ab einem Brief vom 13. November dutzen sie sich. Er ist sensibel und depressiv. Wenn ihre Briefe nicht kommen, schickt er Telegramme. Hegt Gedanken an einem Selbstmord. Er schreibt die Verwandlung. Am 24. November schickt er ihr eine Liebeserklärung. Ende November schicken sie sich ihre Fotos. Sie liebt ihn auch. Es stecke “Großes” in ihm. Schreibt Der Verschollene.

Am Ende des Jahres schreibt er ihr: Wir gehören unbedingt zusammen. Sie fragt sich, ob er lachen kann. Er leidet an Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit.

Sie schrieben einander insgesamt rund dreihundert Briefe, trafen sich insgesamt nur sechs Mal.

Am 22. März 1913 kommt Kafka das erste Mal nach Berlin und bezieht wie später jedesmal ein Zimmer im Hotel Askanischer Hof. Das Hotel auf Kurfürstendamm war in der wilhelminischen Epoche und in den ersten Jahren der Weimarer Republik sehr bekannt; es wurde 1878 eingerichtet und 1923 geschlossen.

Franz und Felice, falls sie sich mal treffen, gehen gern spazieren. In Grunewald, in Tiergarten. Bevor Franz wieder nach Berlin kommt, fragt er, ob er Felice überhaupt alleine shen würde?

1913 zieht die Familie Bauer in eine Wohnung in Wilmersdorfer Str. 73 ein, in Berlin Charlottenburg. Er gesteht, heiraten zu wollen.

Im Juni 1914 kam es zur offiziellen Verlobung in Berlin – doch schon sechs Wochen darauf – zur Entlobung. Er zegt sich vollkommen unwillig und unfähig, ein verheirateter Mensch zu sein.

Sie trennen sich jedoch nicht. Mehr noch, während gemeinsamen Aufenthalts in Marienbad im Juli 1916, verloben sie sich noch einmal; diesmal verharren sie dabei fast ein Jahr. Nach dem Ausbruch von Kafkas Tuberkulose im Sommer 1917 wird ihre Verlobung jedoch wieder gelöst.

Seitdem kommt er jahrelang überhaupt nicht nach Berlin. Erst am 23. September 1923 kommt er und bezieht sein Zimmer in Steglitz, Miquelstr. 8 bei Moritz Hermann. Auch diesmal zieht ihn eine Frau in die Hauptstadt – Dora Diamant, geb. 1898, eine polnische Jüdin (aus orthodoxer Familie), politische Aktivistin und Schauspielerin. Sie war seine letzte Lebensgefährtin. Er lernte sie im Ostseeheilbad Graal-Müritz kennen. Sie ist, schreibt er, vom wunderbaren Wesen. Kafka und Diamant schmieden Heiratspläne, die zunächst am Widerstand von Diamants Vater und schließlich an Kafkas Gesundheitszustand scheiterten. Man geht viel Spazieren, Botanischer Garten liegt ganz nah; das Haus selbst ist ruhig gelegen. Meine Gasse, schreibt Kafka, ist etwa die letzte halb städtische, hinter ihr löst sich das Land in Garten und Villen auf.

In Steglitz ist sehr ruhig. Er geht selten aus seiem Stadteil raus. War nur etwa drei mal auf dem Potsdamer Platz. Leben beide, er und Dora, vom Geld, das ihm die Mutter zuschickt (1000 Kronen im Monat). Es ist aber nicht Elternshilfe, sondern überweisung der Kafkas Krankenrente.
In Berlin herrscht Inflation.

Ich frage mich, ob die beiden Vegetarier sind? Es ist mir nicht ganz klar. Kafka schon sehr krank und schwach. Ab November 1923 besuchen Dora und Franz die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums im heutigen Leo-Becks-Haus. Berlin beginnt teuer zu sein. Es kommen mehrere Esspakete von den Eltern. Im Kafkas Zimmer ist bitterlich kalt, man muss direkt am Ofen sitzen. Am 15. November zieht Kafka in eine neue Wohnung um, ebenfalls in Steglitz: Grunewaldstr. 13 (bei Seifert). Die neue Wohnung, schreibt er, ist ausserordentlich schön. Hat zwei Zimmer, Zentralheizung, elektrisches Licht und Telefon.

Es sind Zwanziger. Berlins Boheme blüht, das Leben ist jedoch schwierig. Franz schreibt an seine Schwester und bittet um Zusenden von… Butter, “da die Berliner Butter nicht essbar ist”. Butter wird am 3. Oktober ankommen. Später wird sie Franz um Eier bitten. Sie verspricht nach Berlin zu kommen, sonst möchte Kafka niemandem aus Prag in Berlin empfangen. Er möchte sein neues Leben vor “Prag” schützen. Aber… eventuell seine Wäsche zum Waschen alle sechs Wochen nach Prag schicken.

24. Dezember 1923. Kafka fiebert sehr, man wird den Arzt holen müssen. Sein Honorar ist so hoch, dass Dora darüber verhandeln muss. Es ist sehr kalt in Berlin.

Februar 1924. Ein neuer Umzug, in Berlin-Zehlendorf, Heidestr. 25-26 (Heute Busseallee 7-9). Die Krankheit verschlechtet sich.

Geldsituation aber verbesert sich, weil er einen Verlagsvertrag unterzeichnet für Herausgabe drei seiner Erzählungen, darunter Ein Hungerkünstler.

Am 17. März 1924 reist er aus Berlin nach Prag aus. Wird hier schon nie mehr zurück kommen. Die Diagnose ist klar: Kehlkopftuberkulose. Danach wird noch Herzschwäche diagnostiziert.

Nachdem sich Kafka im April 1924 schwerkrank in ein kleines privates Sanatorium im Dorf Kierling bei Klosterneuburg zurückgezogen hatte, wurde er dort von Dora bis zu seinem Tod am 3. Juni 1924 gepflegt.

Herzlähmung.