Die Eiche und die Bäume von David Hockney

Monika Wrzosek-Müller

Die Eiche und die Bäume von David Hockney

Über längere Zeit fotografierte ich eine Eiche auf einem Feld in unserer paradiesischen Einsiedelei in der Uckermark, in verschiedenen Wetterlagen, in diversem Laubkleid und bei verschiedenen Lichtverhältnissen. Mir schwirrte die Idee im Kopf herum, daraus einen Kalender zu machen (leider ist es bei der Idee geblieben). Immer noch greife ich oft zum Handy, um diesen imposanten Baum zu knipsen. Die Eiche ist riesig, weitverzweigt, ausladend und sie steht mitten in einem Feld, das jedes Jahr mit anderen Pflanzen bebaut wird. So sieht es eben mal ganz Gelb um sie herum aus (da war gerade Raps dran) oder rötlich (dabei handelte es sich um Klee), oder öfter Grün. Nur Grün ist eben nicht immer Grün, mal haben die Grashalme ein gelbliches, mal ein saftiges Grün und dann auch vertrocknetes, fast ein Graugrün. Die grünen Wiesen sind nie einheitlich Grün, sie changieren zwischen allen möglichen Farbtönen; die Beobachtung dieser Phänomene brachte mich auf die Bedeutung des Wechsels in der Landwirtschaft, aber auch darauf, was das fürs Auge bedeutet. Die Farbpalette der Grüntöne erfasst unheimlich viele Farben: von Absinthgrün bis Zeisiggrün, oder malerischer: von Aquamarin bis Grüngelb, nicht zu vergessen Pistazien-, Smaragd-, Tannen-, Erbsen und Giftgrün. All diese Töne kann man bestimmt auf den weiten Wiesen um den Baum finden, doch fürs Auge bilden sie einen wunderbaren weichen Teppich, der manchmal vom Wind bewegt wird und die Farben immer wieder wechselt; ein andermal erscheint der Teppich kurz geschoren und tiefe Streifen winden sich hindurch, in denen einzelne Grashalme robust ausharren. Vor einigen Jahren wurde das Feld um den Baum auch mit Mais bebaut, das nicht allzu hochwuchs und nur mickrige Kolben trug; es hatte zu wenig geregnet. Im Jahr darauf sahen wir sogar Sonnenblumen sprießen, die aber nur halbhoch und halbreif wurden; sie eigneten sich vielleicht als Futter, genauso wie der Mais, es hatte wieder zu wenig geregnet. Jedes Jahr also bekommt das Feld ein anderes Kleid, der bewirtschaftete Boden andere Pflanze und der Baum eine andere Umgebung, in der er sich spiegelt, und das Auge eine neue Landschaft.

Der Baum besitzt eine imposante Krone, über der es einen riesigen Himmel gibt, der manchmal mit Wolken gefleckt ist, ein andermal einheitlich grau oder ganz in Himmelblau getaucht. So eine Wolke kann die Verlängerung der Krone bilden, sich aufbauschen und weiterwachsen hoch in den Himmel hinein, oder der Himmel wird nach unten gedrückt, hängt über der Krone mit dunklen Gewitter- oder Regenwolken; es gibt da unzähligen Möglichkeiten und Varianten und jede verdient betrachtet und gesehen zu werden, so entstehen auch unzählige Fotos. Wenn wir dazu noch das Wechselspiel des Laubes nehmen, das Frühlings-, Herbst-, oder Sommerlaubkleid oder die Winterkargheit, dann multiplizieren sich die Möglichkeiten ins Unendliche. Im Winter sind die Äste und der Stamm sichtbar und mächtig, für Fotos machen sich die scharf gezeichneten Konturen oft am interessantesten.

Die Eiche steht in einer Senke, Überbleibsel einer Endmoräne, einem kleinen Tümpel im Frühjahr und manchmal im Winter, der aber eher selten mit Wasser gefüllt ist, denn er liegt hoch über dem Niveau des Seespiegels oder des Baches und trocknet normalerweise im Sommer oder anderen regenarmen Perioden aus. Dahinter erstrecken sich weite Felder, meist in verschiedenen Farben, und seitlich zieht ein Streifen eines Feuchtbiotops. Zu DDR-Zeiten versuchte man die feuchten Flächen zu meliorieren, sie um jeden Preis trockenzulegen, doch nach der Wende wurden alle Entwässerungskanäle zugeschüttet und die Landschaft gewann wieder ihre alte Lebendigkeit und Farbenpracht. Sie lockt auch unheimlich viele Vogelarten an, die man von einem höher gelegenen Weg beobachten kann. Es ist überwältigend, diese Landschaft mit allen ihren Tier-, Vogel, Insektenarten zu betrachten; dafür wurden extra Bänke aufgestellt. Manchmal ist das Vogelkonzert so laut, dass es beinah stört, am liebsten würde man es leiser stellen.

Warum bedeutet mir der Lebensrhythmus eines Baumes so viel? Ich merke jedes Jahr, dass ich davon fasziniert bin; er zeigt so deutlich die Vergänglichkeit, den Wechsel, die Abhängigkeiten vom Klima, aber zugleich ist er auch der Inbegriff des Lebens. Mit dem starken Stamm symbolisiert er Kraft und Mut, das aufstreben, aber auch die Beständigkeit, mit der grünen Krone, die hoch in den Himmel ragt, die Öffnung und Freiheit, mit den tiefen Wurzeln die Verwurzelung und Stabilität. Die Liebe und Bewunderung für große alte Bäume habe ich mit den Deutschen gemeinsam. An die Landschaft ohne Bäume kann ich mich nur schwer gewöhnen und sie lieben lernen; so war für mich vor Jahren die Landschaft auf der Insel Malta erst einmal unheimlich, ich konnte mir ziemlich lange nicht erklären, was mir da fehlte und was mich störte. Letztendlich war es eben das Fehlen von jeglichen Bäumen, von Wald; die Funktion von Hainbuchen-, Thuja- oder Buchsbaumhecke übernahmen riesige Opuntien, die aber wahrlich keine Bäume waren. Auch die Landschaften an der Nordsee, wo Bäume ganz sporadisch zu treffen sind, sind mir mit ihrem peitschenden Wind unheimlich; große Landflächen, durchzogen von Kanälen, mit endlosen Wiesen sind zwar sehr malerisch, aber nicht meins.

Deswegen ging ich auch in die Ausstellung von David Hockney „Vier Jahreszeiten“, Landschaft im Dialog. Three Trees near Thixendale malte Hockney 2007/2008 während längerer Besuche bei seinen Eltern in der Grafschaft Yorkshire. Angeblich existieren auch diverse Fotos von der Gegend, die er selbst machte, um die Veränderungen der Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten zu dokumentierten. Doch ein Kunstwerk ist kein Abbild der Wirklichkeit, auf jeden Fall kein genaues, auch wenn Hockneys Malerei schon viel mit Realismus, vielleicht magischem, vielleicht naivem Realismus zu tun hat. Er selbst meinte, die Fotografie könne die Schönheit der Landschaft in Yorkshire nicht einfangen. Das, so finde ich, wird noch deutlicher bei den Bildern von den Eltern, wo ein wirklich fiktiver Raum geschaffen, der Abstand zur Wirklichkeit unmittelbar sichtbar wird. Doch auch in den großformatigen Bildern von den Bäumen (es wurde viel gerätselt, welche Bäume Hockney dargestellt hat, ob das Berg- oder Feldahorn sei, für mich hätten es auch alte Linden sein können und auf jeden Fall mächtige Laubbäume) entsteht ein Abstand zur Wirklichkeit, zum Betrachter. Man verfolgt fasziniert die Zeichnung der Äste, der Stämme, dann des Laubes, dann das Kolorit und das Verhältnis zur wirklichen Landschaft. In diesem Moment merkte ich, dass ich selbst so oft einen Baum beobachtet hatte. Auch ein Foto bildet ein Ausschnitt, ist eine Wahl, eine Auswahl von diesen unzähligen Möglichkeiten, die ich vorhin aufgezählt und besprochen habe; hier, in dem Zyklus, beim Malen kommt noch die Technik, die Farbe, der Hintergrund und das Auge und der Wille des Künstlers hinzu.

Um diese Vorgänge besser zu verstehen, schafft die Ausstellung eine Ergänzung oder eine Art Erklärung und zeigt Bilder der Landschaften mit Bäumen aus anderen Epochen, die mögliche Vorbilder oder Anregungen sein könnten. Die Werke stammen aus den Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Beschäftigung mit der Landschaft ist in allen Kunstepochen vorhanden. Denken wir dabei an die Weltlandschaften im Mittelalter und in der frühen Renaissance, wo sie immer den Hintergrund mit dem Fluss, den Hügeln und dem Meer bildeten. Dazu haben wir das Beispiel von Piero della Francesca. Wahrscheinlich kam die Beschäftigung mit dem einzelnen Baum seit der Zeit der Lithographie, des Kupferstichs, der Radierung. Das war die Zeit der detaillierten Darstellungen, möglichst nah an der Wirklichkeit, einer Rekonstruktion der Wirklichkeit. Als mögliches Beispiel könnte „Die Landschaft mit den drei Bäumen“ von Rembrandt van Rijn 1643 dienen. Auf jeden Fall hat Rembrandt wirklich drei Bäume am Wegesrand gezeichnet; doch es handelt sich um eine kleinformatige Radierung. Dann gibt es verschiedene holländische Maler und ihre Landschaftsbilder, wie Jacob Ruisdael „Eichen an einem See mit Wasserrosen“, Philip Koninck „Holländische Flachlandschaft“ auch Meinert Hobbema „Dorfstraße unter Bäumen“. Angeblich hat sich Hockney mit den Naturbildern von van Gogh auseinandergesetzt; in der Ausstellung wird eine Zeichnung mit Graphitstift gezeigt, „Ernte in der Provence“ 1888. Von ihm soll er die Intensität der Beschäftigung mit der Natur, seine Farbigkeit, den Pinselschwung übernommen haben. Von Monet dagegen das Prinzip der Serie: vier Bilder desselben Objekts.

Auf jeden Fall macht Hockney klar, dass das Interesse an der Landschaftsmalerei nicht nachgelassen hat, dass man mit neuen Techniken, neuen Perspektiven und Hilfsmitteln, auch ungewöhnlichen Farbkombinationen die Faszination für das Thema noch vehementer zum Ausdruck bringen kann. Mich haben die Bilder verzaubert, vor allem aber durch ihre Einzigartigkeit und vielleicht auch durch die riesigen Formate, so dass man das Gefühl hat, darin zu stehen und von ihnen umgeben zu sein. Die Inspirationen und Vorbilder taten es weniger.

Heinrich Vogeler (Don Quijote?)

und ein Regenspätsommer mit meiner Schwester

Für Pia

Ewa Maria Slaska

Meine Nachbarin hatte Corona. Ich habe ihr jeden Tag etwas von meinem Tisch zukommen lassen. Sie meint jetzt, die polnische Küche sei fantastisch. Als Dankeschön bekam ich eine Kinokarte mit einer Filmempfehlung.

HEINRICH VOGELER – AUS DEM LEBEN EINES TRÄUMERS

Deutschland 2022
Regie: Marie Noëlle – Buch: Marie Noëlle
Mit Florian Lukas, Anna Maria Mühe, Alice Dwyer, Johann von Bülow, Samuel Finzi

In diesem Jahr jährt sich Heinrich Vogelers Geburtstag zum 150. Mal. Grund genug für eine umfassende Ausstellung im Künstlerort Worpswede, aber auch der ideale Zeitpunkt für einen Film, der nach den Mustern einer Dokumentation erzählt, aber mit reichlich Spielszenen ausgestattet ist. „Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers“ ist so weder das eine, noch das andere, aber der vielleicht perfekte Ansatz, um den Künstler und den Zeiten im Umbruch, in denen er lebte, gerecht zu werden.


Heinrich Vogeler… Ich schließe meine Augen und plötzlich sind letzte 15 Jahre verschwunden und wir sind mit meiner Schwester Katharina in der Umgebung von Worpswede. Wir wohnen in einem Haus nicht weit von der Stadt, wo sich der Fußboden bewegt, wenn man geht, weil das Haus auf einem Moor gebaut ist. Damit der Fußboden und damit das ganze Haus nicht zerfällt, ist er auf zwei Platten gebaut, die nur durch Wände zusammengehalten werden.

Wir haben einen festen Tagesablauf. Aufstehen, frühstücken, arbeiten, dh. schreiben und übersetzen, Mittag kochen, essen, spazierengehen, Regenpilze sammeln und sie gleich nach dem nach Hausekommen braten und sofort essen, dann mit unseren Gastgebern ein Bisschen quatschen oder mit deren Kindern Brettspiele spielen, auf der kleinen vorgebauten Terasse sitzen, schweigen, dem quakenden Fröschen zuhören, Sterne gucken, schlafengehen…

Es regnet fast jeden Tag. Aber auch fast jeder Nacht kann man Sterne sehen.

Manchmal fahren wir zum Teufelsmoor, an Samstagen gibt es in den Dörfern rumherum Kirmes und Flohmärkte, ab und zu gehen wir in die Stadt, nach Worpswede, eine Stadt durch ihre Künstler-Verein Worpswede berühmt. Wir besuchen all diese Künstlerhäuser dort und gehen zum Grab von Paula Modersohn-Becker auf dem kleinem Friedhof. Auf dem Grab befindet sich eine liegende Frauenfigur mit einem kleinem Kind. Das ist Paula mit ihrer Tochter Mathilde, die sie bei der Geburt in den Tod schickte. Mathilde selber lebte aber schon sehr lange – 1907–1998. Paula starb 31-jährig. Ihre letzten Worten waren der Überlieferung nach: Wie Schade!

Für die letzten drei Nächte unseren Urlaubs verlassen wir unserem Einhaus-Dorf und ziehen in das Haus-im-Schluh, Museumshaus von Martha Vogeler, erste Ehefrau von Heinrich Vogeler. Überall hängen Vogelers Bilder, kleine Aquarellen sogar in unseren Zimmern. Im Speiseimmer Der Frühling.

1923 hat sich Martha, die Ehefrau, Geliebte, Muse und Mutter ihrer drei Töchter, und vor allem Modell für so viele seine Bilder, in einen anderen verliebt. Somit hat sie das gemeinsame Haus, den berühmten Barkenhof verlassen. Sie zog ins Haus im Schluh, am Rande des Dorfes, da also, wo jetzt auch wir wohnten.

Er blieb im Familienhaus, das, wegen kleines Birkenhain rumherum – Barkenhof genannt. Ein Haus, wo auch mehrmals Rainer Maria Rilke wohnte. Auf diesem berühmten Bild unten scheint noch alles in Ordnung zu sein, Martha ist noch da und alle Freunde, Vogeler selbst sitzt in der Ecke und spielt Cello. Aber wenn man richtig reinschaut in das Bild, sieht man, dass sich die Idylle auseinandergelebt hatte. Niemand lächelt, niemand schaut einen anderen an. Jeder ist für sich alleine und traurig. Sogar der Hund.


Nicht umsonst hat man den Film Träumer betitelt, nicht umsonst hat er sich selber, inmitten seines glücklichen Künstlerlebens, doch als Don Quijote verstanden, eine tragikomische Figur. Als er für Barkenhof ein Pferd kaufte, nannte er es partout Rosinante.

Er ist ein Verwandlungskünstler. Zuerst Liebling des Bürgertums und reicher Pater Familiae, dann zum Anfang des I Weltkrieges ein Freiwilliger, ein Soldat, aber mit einem Sonderauftrag, als Fotograf, Zeichner und Maler den gerechten Krieg Deutschlands gegen den Rest der Welt, zu verewigen. Er glaubt an Gerechtigkeit dieses Krieges, an seine Rechtmässigkeit. Schließlich muß sich Deutschland wehren. Und als er entdeckt, dass das Alles ein Märchen war, eine Kaiserslüge, verwandelt er sich noch einmal, diesmal in einem Kriegs- und Kaisersgegener.
Er bekennt sich zur Kommunismus, zur gemeinsamer Güte zum Wohle der gerechten Gesellschaft. Er lernt Marchlewski können, und seine Tochter Zofia, Sonja, die er später heiratet.

1924 verwandelt er nicht nur sich, sondern auch sein Haus. Aus dem Boheme-Treffpunkt wird Kinderheim für die Kinder, deren Eltern für Politik in Knast saßen.

1927 verlassen Sonja und Heinrich das Haus endgültig und ziehen nach Berlin, wo sie in der Hufeisen Siedlung ein Häuschen beziehen, in derselben Straße, nur ein paar Häuser weiter, wo Stanisław Kubicki wohnte, also der Künstler, der in diesem Blog schon zig Mal auftauchte. Sie waren beide linksorientierte Künstler und befreundet.

Vogeler ist 1872 in Bremen geboren, 1942 in Kasachstan, in Sowjetunion zum Tode verhungert. Ja, in der Sowjetunjon, also dort, wo er und Sonja 1931 freiwillig hingezogen sind, weil sie an Sowjetunion glaubten. Sie haben in Moskau geheiratet, in Sowjet Union einen Sohn bekommen, und haben sich dort 1941 scheiden lassen. Sonja hat überlebt. Sie ist nach dem Krieg nach Warschau gekehrt und noch viele Jahre gelebt (1898-1983). Er starb den Hungertod in Karaganda.

Sein Grab ist unbekannt.

***

Obwohl der Journalist behauptet, Vogeler verstand sich als Don Quijote, und die Tatsache, dass er sein erstes Pferd Rosinante nannte, es zu unterstreichen scheint, habe ich nirgendwo sein Selbstbildnis als Ritter der Traurigen Gestalt gefunden. Dafür aber ein Bild von 1900, gemalt von Paula Modersohn-Becker. Im Film wird vermutet, dass Paula und Heinrich zeitlang enger befreundet waren und vielleicht gar ein Paar. Wer weißt also, ob der Don Quijote von Paula doch nicht Heinrich ist? Die Künstlerin selber nannte den Mann auf dem Pferd – Cervantes.

Ein Tag in Berlin, Kafka

Ewa Maria Slaska

Ich schrieb schon Mal von Kafka in Berlin, HIER. Diesmal gingen wir mit Masha, die dort beschriebenen Orte uns selber anzugucken.

Wir sollten, so war der Plan, mit dem Hotel Askanischer Hof beginnen, wo Kafka immer Quartier bezog als er nach Berlin kam, um Felice Bauer zu besuchen.

Hotel Askanischer Hof

Das Hotel ist eine Mirage. Es hat eine Internetseite. Sehr schöne und authentisch wirkend.

http://askanischer-hof.ihotelsberlin.com/de/

Es gibt es jedoch NICHT. Glaubt mir. Wir waren da vor drei Tagen! Es gibt dort kein Hotel! Auch kein, das Mal da gewesen wäre. Und offiziell es gibt es nicht seit 1923!!!!

Was ist es also da auf dieser Internetseite!? Und woher stammt dann dieses Foto unten? Es ist doch ein neues Foto, keine Antiquität aus dem Jahre 1922.

Wohnung Nr. 1, Miquelstr. 8, Steglitz

Die Verlobung mit Felice Bauer wurde aufgelöst. Kafka zieht nach Berlin mit seiner neuen Freundin, Dora Diamant, ein. Ab September 1923 wohnen sie in der Miquelstr. 8 bei Moritz Hermann. Das Haus steht nicht mehr und heute gibt es da kein Zeichen, dass Kafka dort gewohnt hat.

Wohnung Nr. 2 Grunewaldstr. 13, Steglitz

Schon zwei Monate später, am 15. November 1923 ziehen Dora Diamant und Franz Kafka in eine neue Wohnung ein, ebenfalls in Steglitz: Grunewaldstr. 13 (bei Seifert). Die neue Wohnung, schreibt Kafka an seine Schwester, ist ausserordentlich schön. Hat zwei Zimmer, Zentralheizung, elektrisches Licht und Telefon.
Auf dem Haus gibt es zwei Gedenktafel. Eine marmorene mit einem typischen Erinnerungstexts und eine metallene mit einem Zitat von Kafka:
Die Guten gehen im gleichen Schritt .
Ohne von ihnen zu wissen tanzen die Anderen um sie
die Tänze der Zeit.

Wohnung Nr. 3, Heidestr 25-26 (heute Busseallee 7-9), Zehlendorf

Im Februar 1924 ziehen sie das letzte Mal um (auf der Tafel unten steht ein anderes Datum – ich beziehe mich auf die obige Tafel und das Buch von Reiner Stach, Kafka von Tag zu Tag). Kafka ist schon sehr krank: Kehlkopftuberkulose. Danach wird noch Herzschwäche diagnostiziert.


Am 17. März 1924 reist er aus Berlin nach Prag aus, um hierher nie mehr zurückzukommen. Im April 1924 wird er in ein kleines privates Sanatorium im Dorf Kierling geliefert, wo er weiterhin von Dora gepflegt wird.

Am 3. Juni 1924 starb er. Wir begaben uns drei Tage später auf die Spurensuche von ihm.

Unsere süßen Katzen

Ewa Maria Slaska

Aus Russland

Andrey Scherbak aus Rostov Russia

Diese Katzen (es sind zwei Katzen, das sieht Ihr, hoffe ich, weil zuerst denkt man, sie ist nur eine) sind so süß und so real, dass man ernsthaft überlegen muß, ob es nicht eine Situation im Liliputland ist. Unsere Augen glauben, dass, der Künstler das Haus, die Mauer, Blätter und Zweigen, sogar den Menschen warheitsgetreu malen könnte, aber nicht die Katzen. Nicht so!

Und es stimmt. Auf den anderen Photos sieht man es ganz genau. Die Wirklichkeitselemente sind real und die Katzen auch, der Künstler verbindet sie und verarbeitet im Photoshop.

Auf der Seite odnoboko findet man viel mehr Fotos.

Wie würde die Welt aussehen, fragt sich eine Journalistin, wenn sie von Katzen geführt würde? Eine lustige und faszinierende Fantasie, die in den kuriosen fotografischen Schöpfungen des russischen Künstlers Andrey Scherbak eine Antwort findet, der auf seinem Instagram Profil mehr als 150 Bilder von über 3 Meter hohen Katzen hochgeladen hat, in denen die heute winzige Gestalt des Menschen nichts anderes tun kann, als sich an die neuen Meister des Planeten Erde anzupassen. Und in gewisser Weise könnte es auch die beste Lösung für die Zukunft unserer Welt sein!

Alles mag ich, die Katzen, die Idee, den Künstler, der ein sympatischer Mensch zu sein scheint, man sieht ihn immer wieder auf den Fotos, er sitzt mit der Katze in einem Café, er geht dorthin spazieren, wo sich eine andere Katze eingenistet hat, sie umarmen sich, die Katze und der Mensch. Und wenn es alles so schön ist, wieso habe ich die ganze Zeit ein mulmiges Gefühl, als ob ich etwas Unangenehmes oder gar Unanständiges gemacht habe. Nicht gewollt, nicht geplant, es ist halt so passiert. Wie als ob du auf einem goldenem Strand am Meer sitzen würdesr, zufrieden, relaxiert, glücklich, du buddelst leicht mit der Hand im goldenen Sand und steckst die Finger in dort versteckten Scheisse. Ist nichts passiert, nicht tragisches, du läufst Hände Waschen, kannst darüber lachen aber das Gefühl bleibt. Zäh, hartnäckig. Der Tag, das Los, oder vielleicht jemand absichtig hat dir den goldenen Tag verdorben.

Und plötzlich weiß ich es ganz genau. Es ist nur eine Frage: Weshalb habe ich es gerade jetzt gesehen? Wieso hat mir der berühmte Algorhythmus es vorgeschoben? Es war klar, dass ich den Köter schlucke, die Katzen und Kunst. Jeder weißt, dass es mich interessiert, und wenn ja, da auch ev. reblogge. Trage weiterhin die Kunde interessaner Kunst aus Russland, des Landes der großen Kultur!

Ich glaube der Scherbakow muss dies überhaupt nicht wissen, auch die Person, die dieses Bild der auf der Mauer schlafende Katzen mir empfahl, weiß es nicht. Aber doch, es ist Haufenscheiße, dass man uns hier schön verpackt vorgeschoben hat. Es stinkt.

Och fuck you alle! Ich hasse es! Diese verdammte Fähigkeit unsere Vorlieben gegen uns zu drehen! Och shit, idi na ch*j. Idi na ch*j.

Das habe ich hergestellt.

Ja, du russischer Troll, so sehen jetzt die süßen Katzen-Bilder aus, wenn sie Bucha oder Mariupol als Hintergrund haben werden! So oder viel viel schlimmer!

Und so sehen die Katzen aus Mariupol aus:

To jest wojna!

Masha & Ewa Maria

Foto Masha Pryven

In Combray wurde jeden Tag bereits am späten Nachmittag, lange bevor jener Augenblick kam, in dem ich würde zu Bett gehen und fern von meiner Mutter und meiner Großmutter daliegen müssen, ohne zu schlafen, mein Schlafzimmer von neuem zum schmerzlichen Angelpunkt meiner bangen Erwartungen.

(…)

Wenn ich hinaufging, um mich schlafen zu legen, so war mein einziger Trost, dass Maman, wenn ich im Bett läge, kommen würde, um mir einen Gutenachtkuss zu bringen. Doch dieses Gutenachtsagen währte so kurz, sie ging schon so bald wieder hinunter, dass der Augenblick, in dem ich hörte, wie sie heraufkam, dann, wie das leichte Rauschen ihres Gartenkleides aus blauem Musselin, an dem kleine Quasten aus geflochtenem Stroh baumelten, den Flur mit der Doppeltür entlangwanderte, für mich ein schmerzvoller Augenblick war. Er kündigte jenen an, der ihm folgen musste, jenen, in dem sie mich verlassen haben, in dem sie wieder hinuntergegangen sein würde. Das ging so weit, dass ich schließlich wünschte, dieses von mir allzu geliebte Gutenachtsagen möge so spät wie möglich stattfinden, damit sich die Gnadenfrist, in der Maman noch nicht erschienen war, verlängern würde. Manchmal, wenn sie, nachdem sie mich geküsst hatte, die Tür öffnete, um davonzugehen, wollte ich sie zurückrufen, sie bitten: »Gib mir noch einen Gutenachtkuss«, aber ich wusste, dass sie sogleich ihr verstimmtes Gesicht aufsetzen würde, denn das Zugeständnis, das sie meinem Kummer und meiner Erregung machte, indem sie heraufkam, mich in den Arm zu nehmen, mir diesen Friedenskuss zu bringen, ärgerte meinen Vater, der dieses Ritual lächerlich fand, und eher hätte sie getrachtet, mir diese Gewohnheit auszutreiben, als mich diejenige annehmen zu lassen, sie um einen weiteren Kuss anzubetteln, während sie schon auf der Türschwelle stand.
Doch sie verstimmt zu sehen machte all die Besänftigung wieder zunichte, die sie mir gerade gebracht hatte, als sie ihr liebevolles Antlitz über mein Bett beugte und es mir darreichte wie die Hostie nach dem Friedensgruß bei der Kommunion, während meine Lippen aus ihrer leiblichen Anwesenheit die Kraft zum Einschlafen schöpften.

Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1, Auf dem Weg zu Swann, Teil 1, Combray
Übersetzung von Bernd-Jürgen Fischer

Frauenblick: Yoga

Monika Wrzosek-Müller

Emmanuel Carrère, Yoga

Mit dem Buch habe ich mich sehr lange herumgeschlagen, immer wieder darin gelesen, nachgedacht; war wütend und empört, manchmal habe ich gelacht. Also, es hat mich doch beschäftigt. Klar, Yoga ist auch mein Weg durchs Leben gewesen, oder ich gehe ihn immer noch, auf meine Art und Weise.

Damals vor Jahren, als ich aus Italien nach Deutschland zurückkehrte, hat mich Yoga gerettet. Es brauchte viel Zeit und etliche Anläufe, aber es hat mir geholfen, den Alltag und mein Leben zu bewältigen. Ich las alles, was mir über Yoga in die Hände fiel: Patanjali, Upanishaden, Veden (Ausschnitte) und dann die Sekundärliteratur, alle von Anna Trökes und von T.K.V. Desikachar, A.G. Mohan, David Frawley, E. Wolz-Gottwald, Mathias Tietke und viele mehr. Aber wirklich geholfen hat mir die Matte – die Übungen und Regelmäßigkeit und Disziplin und dass ich mich in keinerlei Sektenkreise habe hineinziehen lassen, weder in die, die nur an brutalste Verrenkungen glaubten, noch in diejenigen, welche Yoga nur als Business verstanden.

Jetzt kommt mir dieses Buch Yoga vor, wie eine Reise zurück in die Jahre der Ausbildung, meiner intensiven Beschäftigung mit Yoga. Auf jeden Fall ist es ein unverschämt ehrliches Buch, ehrliches Erzählen, hauptsächlich über die Tiefen des Verfassers. Ob das unbedingt interessant ist und unseren Horizont erweitert, ist andere Frage. Da ich immer angenommen habe, Yoga solle der Vernichtung oder wenigstens der Verminderung des eigenen Egos dienen, überrascht es mich, so viel ausgeprägtes Ego in dem Buch zu finden, neben all den Behauptungen, auf dem Yoga-Weg zu sein. Klar, die Wege zur Konzentration durch Meditation und letztendlich zu höheren Formen des Bewusstseins auf dem achtgliedrigen Pfad (Dhyana, Dharana und Samadhi) waren auch für mich damals fast der wichtigste Teil der theoretischen Yoga-Lehren von Patanjali, doch ich habe sie für mich anders ausgelegt. Das kann ich am besten am Beispiel des Verständnisses von Karma Yoga erklären: Karma Yoga, einer der sechs Wege des Yoga, wird in der indischen Philosophie als der Dienst an den Anderen verstanden. Bei vielen Adepten des westlichen Yoga wird er dagegen als meditativer Weg der Ausübung vieler alltäglicher Verrichtungen wahrgenommen; z.B. wird die Tätigkeit des Putzens der eigenen Wohnung in meditativer Weise, mit Achtsamkeit, als Karma Yoga angesehen. Das ist auch nicht schlimm, das konzentrierte, bewusste, achtsame Putzen kann ein guter Weg für die Bekämpfung der eigenen Misere oder des Unwohlseins sein. Doch das als den Yoga-Weg zu verklären, halte ich für völlig übertrieben. Überhaupt liefert mir das Buch ein Beweis dafür, wieviel Narzissmus und Selbstverliebtheit in dem westlichen Verständnis des Yoga-Wegs steckt. Vielleicht war eben dieser gesteigerte Narzissmus auch der Grund für die Nervenzusammenbrüche des Autors. Das sieht er auch selbst ein und kommentiert ironisch: „Eine Abschieds- und Verlusterfahrung, ein Moment, an dem das Leben kippt, genau das erlebe ich ja gerade. Doch wie soll ich unseren Schülern gegenüber zugeben, dass ich mir diese selbst aufbürde? Ich habe oft gesagt, man müsse das eigene Leid respektieren und nicht relativieren, und das neurotische Elend sei nicht weniger grausam als das gemeine Unglück, trotzdem: im Vergleich zu der kompletten Entwurzelung, die diese sechzehn-, siebzehnjährigen Jungen1 erlebt haben und erleben, ist ein Typ, der alles, absolut alles hat, um glücklich zu sein, und der sich abmüht, um dieses Glück und das seiner Angehöriger zu zerstören, eine Obszönität, die zu verstehen ich ihnen schwer abverlangen kann und die dem Standpunkt meiner Eltern recht gibt, dem zufolge man in Kriegszeiten nicht genug Freizeit hat, um neurotisch zu sein“. Leider ist der Tenor des Buches genau entgegengesetzt, der Autor kokettiert mit dem eigenen Leiden und macht es zum Hauptthema.

Diese absolute Konzentration auf sich selbst im Leben war für mich ein Novum, mit dem ich lange in der westlichen Welt zu kämpfen hatte. Und ich finde es fast pervers, den Yoga-Gedanken so umzukehren, ihn so zu verdrehen, dass er den Anforderungen der coolen, hochgebildeten, gutsituierten und selbstverliebten Menschen in der westlichen Welt dient und dienen soll. Irgendwann habe ich mich damit abgefunden – und da kam der Überfall auf die Ukraine und die alte Ordnung wurde wieder aufgehoben. Das Buch hat aber an erstaunlicher Aktualität gerade jetzt gewonnen, auch wenn es vor einigen Jahren geschrieben wurde. Es verdeutlicht nämlich die erwähnte Selbstverliebtheit und Denkweise einer westlichen Konsumgeneration, die vor allem auf der Suche nach dem eigenen Glück und Wohlbefinden ist. Die aus Angst um den eigenen Wohlstand nicht gewillt ist, der Ukraine zu helfen, sogar bereit ist, der Ukraine das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen. Würde die Ukraine sich Putin beugen, die Annexion einige Gebiete durch Russland in Kauf nehmen, dann hätten wir endlich wieder Ruhe und Frieden – diese Logik des Denkens kann man durch die Lektüre dieses Buchs besser nachvollziehen. Deswegen hat es mich auch gefesselt und zum Nachdenken gebracht, denn die Geschichte eines ungefähr sechzigjährigen Mannes, der mit eigenem Leben nicht klarkommt, scheint an sich nicht besonders faszinierend. Was das Buch aber bietet, ist radikale und verblüffende Offenheit bei der Beschreibung dieses „Kampfes“, z.B. in den Vipassana-Kursen, die „Kampftraining der Meditation seien. Zehn Tage lang, zehn Stunden schweigend von allem abgeschnitten: the real shit. In Internetforen berichten viele, diese Hardcoreerfahrungen habe sie bereichert und verändert, andere verurteilen sie als sektenhafte Vereinnahmung. Sie beschreiben den Ort als Konzentrationslager und die tägliche Zusammenkunft als Gehirnwäsche. Nordkorea sozusagen“; er ist bereit, dies zu absolvieren, auch andere Methoden der Meditation, um den eigenen Dämonen zu entkommen.

Auf dieser Sinnsuche vergessen viele, dass die Texte der Upanischaden, auch der Veden und die von Patanjali deshalb verfasst wurden, um den wirklich Leidenden zu helfen, ihnen einen Platz in der Kastengesellschaft zu geben und das sehr bescheidene Überleben zu ermöglichen, und dass sie spirituelle, fast biblische Texte sind.

Was dem Autor letztlich hilft, ist die Beschäftigung mit den jungen Flüchtlingen, die Abkehr von der eigenen Person, der Perspektivwechsel, durch den er in den Hintergrund tritt und wirklich über die anderen und deren Leben demütig nachdenkt. Insofern ist das Ende des Buches vielleicht hoffnungsvoll; das „freundliche Wasser“ heißt das letzte Kapitel, in dem er zum Schluss kommt: „Kein feierliches, meditatives Yoga, das der Auslöschung der Vritti, dem Ausweg aus dem Samsara oder dem lebenslangen Hinwirken auf einen Zustand der Gelassenheit und des Staunens gilt. Nicht das Yoga, über das ich dieses Buch schreiben und weihevoll behaupten wollte, man dürfe es nicht mit vulgärer Gymnastik verwechseln, sondern das, was junge Frauen auf der ganzen Welt machen, die genau wie diese hier finden, dass es eine wunderbare Gymnastik ist, die nichts von Patanjali halten und nicht die geringste Lust haben, dem Samsara zu entkommen, weil man das Samsara auch Leben nennen kann und weil, auch wenn Patanjali und Konsorten das Gegenteil sagen, das Leben gut ist. Nicht nur, das ist klar, aber auch.“2 Belassen wir es dabei und denken wir immer wieder an die Anderen.

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1 Es sind Jungs aus Afghanistan und Syrien, die er auf der griechischen Insel Leros in einem Schreibkurs unterrichtet und kennenlernt, wohin ihn sein umtriebiges Leben verschlagen hat.

2 Vritti, Samsara: beides Begriffe aus dem Yoga; der erste bedeutet Gedankenwellen, Gedankenbewegungen, der zweite wird auch im Buddhismus verwendet und bezeichnet den Lebensrad, den Kreislauf der Wiedergeburten.

Tag der Vergissmeinnicht / Benefizkonzert Ukraine

Vor 100 Jahren

Seit genau Hundert Jahren zelebriert man den Vergissmeinnicht-Tag in den USA am 10. November. Man erinnert damit die Soldaten, die mit schweren Verwundungen oder Behinderungen aus dem Krieg zurückkehren. Erstmals wurde dieser Tag im Jahr 1922 begangen. Mit Hilfe der Feierlichkeiten sollten finanzielle Mittel zur Unterstützung der Soldaten gesammelt werden, die mit Behinderungen aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrten. Spenden wurden unter anderem durch den Verkauf der blauen Pflanze Vergissmeinnicht gesammelt. Diese gilt generell als Symbol des Erinnerns. Am Vergissmeinnicht-Tag kann sie an andere verschenkt werden, um ihnen zu signalisieren, dass sie niemals in Vergessenheit geraten werden.


Vor 20 Jahren

Ungeachtet dessen hat man sich in Polen einen anderen Tag ausgesucht, der nun als der Tag der Vergissmeinnicht gilt: den 15. Mai. Den feiert man in Polen seit 2002. Die Idee des Tages ist, Menschen an den Wert der Natur zu erinnern, Bedeutung des Umweltschutzes zu unterstreichen und die biologische Vielfalt Polens zu erhalten. Darüber hinaus soll der Feiertag darauf abzielen, wichtige Momente im Leben, Menschen, Orte und Situationen vor dem Vergessen zu bewahren.

15. Mai 2022

Ich denke mir, dass wir 2022 die beiden Feiertagen gemeinsam zelebrieren können. Es blühen die Vergissmeinnicht überall. Es ist Krieg, Soldaten kehren mit schweren Verwundungen oder Behinderungen aus dem Krieg zurück. Sie fallen. Sie sind für unsere und Eure Freiheit in Ukraine gefallen. Wir wollen sie vor dem Vergessen zu bewahren.

Слава Україні!


All pics of flowers: Ela Kargol in Mai 2022

Ein anderer offener Brief an den Kanzler

Waffenlieferung an die Ukraine

Alice Schwarzer und andere wurden für ihren Brief an Olaf Scholz heftig kritisiert. Mehrere Prominente schreiben dem Kanzler nun ebenfalls – mit einem ganz anderen Appell. Intellektuelle um den Publizisten Ralf Fücks plädieren für die kontinuierliche Lieferung von Waffen an die Ukraine – nachdem eine Gruppe um Alice Schwarzer davor gewarnt hatte.

Anm. der. Administratorin: Wie gut es einem tut, dass es nicht nur Alice Schwarzer und Julie Zeh gibt, sondern auch Herta Müller und Maxim Biller, Olga und Vladimir Kaminer oder Daniel Kehlmann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19/2022. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Den offenen Brief an Bundeskanzler Scholz unterzeichneten unter anderem auch die Schriftsteller Maxim Biller und Herta Müller sowie der Publizist Ralf Fücks.
© Hannes Jung für ZEIT ONLINE; Sean Gallup/​Getty Images; IPON/​imago images

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

auf der Maikundgebung in Düsseldorf haben Sie gegen Pfiffe und Protestrufe Ihren Willen bekräftigt, die Ukraine auch mit Waffenlieferungen zu unterstützen, damit sie sich erfolgreich verteidigen kann. Wir möchten Ihnen auf diesem Weg Beifall für diese klaren Worte zollen und Sie ermutigen, die Entschließung des Bundestags für Waffenlieferungen an die Ukraine rasch in die Tat umzusetzen.

Angesichts der Konzentration russischer Truppen im Osten und Süden der Ukraine, der fortgesetzten Bombardierung der Zivilbevölkerung, der systematischen Zerstörung der Infrastruktur, der humanitären Notlage mit mehr als zehn Millionen Flüchtlingen und der wirtschaftlichen Zerrüttung der Ukraine infolge des Krieges zählt jeder Tag. Es bedarf keiner besonderen Militärexpertise, um zu erkennen, dass der Unterschied zwischen “defensiven” und “offensiven” Rüstungsgütern keine Frage des Materials ist: In den Händen der Angegriffenen sind auch Panzer und Haubitzen Defensivwaffen, weil sie der Selbstverteidigung dienen.

Wer einen Verhandlungsfrieden will, der nicht auf die Unterwerfung der Ukraine unter die russischen Forderungen hinausläuft, muss ihre Verteidigungsfähigkeit stärken und die Kriegsfähigkeit Russlands maximal schwächen. Das erfordert die kontinuierliche Lieferung von Waffen und Munition, um die militärischen Kräfteverhältnisse zugunsten der Ukraine zu wenden. Und es erfordert die Ausweitung ökonomischer Sanktionen auf den russischen Energiesektor als finanzielle Lebensader des Putin-Regimes.

Es liegt im Interesse Deutschlands, einen Erfolg des russischen Angriffskriegs zu verhindern. Wer die europäische Friedensordnung angreift, das Völkerrecht mit Füßen tritt und massive Kriegsverbrechen begeht, darf nicht als Sieger vom Feld gehen. Putins erklärtes Ziel war und ist die Vernichtung der nationalen Eigenständigkeit der Ukraine. Im ersten Anlauf ist dieser Versuch aufgrund des entschlossenen Widerstands und der Opferbereitschaft der ukrainischen Gesellschaft gescheitert. Auch das jetzt ausgerufene Ziel eines erweiterten russischen Machtbereichs von Charkiw bis Odessa kann nicht hingenommen werden.

Die gewaltsame Verschiebung von Grenzen legt die Axt an die europäische Friedensordnung, an deren Grundlegung Ihre Partei großen Anteil hatte. Sie beruht auf Gewaltverzicht, der gleichen Souveränität aller Staaten und der Anerkennung der Menschenrechte als Grundlage für friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit in Europa. Es widerspricht deshalb nicht der Ostpolitik Willy Brandts, die Ukraine heute auch mit Waffen zu unterstützen, um diese Prinzipien zu verteidigen.

Russlands Angriff auf die Ukraine ist zugleich ein Angriff auf die europäische Sicherheit. Die Forderungen des Kremls für eine Neuordnung Europas, die im Vorfeld der Invasion formuliert wurden, sprechen eine klare Sprache. Wenn Putins bewaffneter Revisionismus in der Ukraine Erfolg hat, wächst die Gefahr, dass der nächste Krieg auf dem Territorium der Nato stattfindet. Und wenn eine Atommacht damit durchkommt, ein Land anzugreifen, das seine Atomwaffen gegen internationale Sicherheitsgarantien abgegeben hat, ist das ein schwerer Schlag gegen die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen.

Was die russische Führung fürchtet, ist nicht die fiktive Bedrohung durch die Nato. Vielmehr fürchtet sie den demokratischen Aufbruch in ihrer Nachbarschaft. Deshalb der Schulterschluss mit Lukaschenko, deshalb der wütende Versuch, den Weg der Ukraine Richtung Demokratie und Europa mit aller Gewalt zu unterbinden. Kein anderes Land musste einen höheren Preis bezahlen, um Teil des demokratischen Europas werden zu können. Die Ukraine verdient deshalb eine verbindliche Beitrittsperspektive zur Europäischen Union.

Die Drohung mit dem Atomkrieg ist Teil der psychologischen Kriegführung Russlands. Dennoch nehmen wir sie nicht auf die leichte Schulter. Jeder Krieg birgt das Risiko einer Eskalation zum Äußersten. Die Gefahr eines Nuklearkrieges ist aber nicht durch Konzessionen an den Kreml zu bannen, die ihn zu weiteren militärischen Abenteuern ermutigen. Würde der Westen von der Lieferung konventioneller Waffen an die Ukraine zurückscheuen und sich damit den russischen Drohungen beugen, würde das den Kreml zu weiteren Aggressionen ermutigen. Der Gefahr einer atomaren Eskalation muss durch glaubwürdige Abschreckung begegnet werden. Das erfordert Entschlossenheit und Geschlossenheit Europas und des Westens statt deutscher Sonderwege.

Es gibt gute Gründe, eine direkte militärische Konfrontation mit Russland zu vermeiden. Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass die Verteidigung der Unabhängigkeit und Freiheit der Ukraine nicht unsere Sache sei. Sie ist auch ein Prüfstein, wie ernst es uns mit dem deutschen “Nie wieder” ist. Die deutsche Geschichte gebietet alle Anstrengungen, erneute Vertreibungs- und Vernichtungskriege zu verhindern. Das gilt erst recht gegenüber einem Land, in dem Wehrmacht und SS mit aller Brutalität gewütet haben.

Heute kämpft die Ukraine auch für unsere Sicherheit und die Grundwerte des freien Europas. Deshalb dürfen wir, darf Europa die Ukraine nicht fallen lassen.

Wer diesen offenen Brief unterzeichnen möchte, kann das via change.org tun: http://www.change.org/KanzlerfuerUkraine

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Erste Unterzeichner unten – als ich es gestern um 15 Uhr unterzeichnet habe, war ich circa 6000. Bei dem Unterzeichnen sieht man die ganze Liste und auch die Zahl der schon geleisteten Unterschrifte.

Stephan Anpalagan
Gerhart Baum
Marieluise Beck
Maxim Biller
Marianne Birthler
Wigald Boning
Prof. Tanja Börzel
Hans Christoph Buch
Mathias Döpfner
Prof. Sabine Döring
Thomas Enders
Fritz Felgentreu
Michel Friedman
Ralf Fücks
Marjana Gaponenko
Eren Güvercin
Rebecca Harms
Wolfgang Ischinger
Olga Kaminer
Wladimir Kaminer
Dmitrij Kapitelman
Daniel Kehlmann
Thomas Kleine-Brockhoff
Gerald Knaus
Gerd Koenen
Ilko-Sascha Kowalczuk
Remko Leemhuis
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Igor Levit
Sascha Lobo
Wolf Lotter
Ahmad Mansour
Marko Martin
Jagoda Marinić
Prof. Carlo Masala
Markus Meckel
Eva Menasse
Herta Müller
Prof. Armin Nassehi
Ronya Othmann
Ruprecht Polenz
Gerd Poppe
Antje Rávik Strubel
Prof. Hedwig Richter
Prof. Thomas Risse
Prof. Gwendolyn Sasse
Prof. Karl Schlögel
Peter Schneider
Linn Selle
Constanze Stelzenmüller
Funda Tekin
Sebastian Turner
Helene von Bismarck
Marie von den Benken
Marina Weisband
Deniz Yücel
Prof. Michael Zürn

ViSdP: Ralf Fücks, Zentrum Liberale Moderne, Reinhardtstr. 15, 10117 Berlin

Offberlin

Berlin offowy widziany oczami Polaka / OffBerlin von einem Polen gesehen

To my, Ela Kargol, Krysia Koziewicz i ja, Ewa Maria Slaska. Zapraszamy.

Kolejne nasze spotkanie w SprachCafé Polnisch (Polskiej Kafejce Językowej), (nie)zawsze w trzeci piątek miesiąca.

29 kwietnia 2022 o godzinie 19.30 Schulzestr. 1 /13187 Berlin Pankow.
Stacja kolejki Wollankstraße.

Achtung! Es gelten aktuelle Covid-Regeln!

Marek Defée i jego alternatywny przewodnik po Berlinie – Offberlin. Fantastyczne czytanie.

OffBerlin. Przewodnik alternatywny nie opisuje miejsc znanych  i typowych, znajdujących się na trasie standardowych wycieczek. Autor proponuje w nim wędrówkę po jego ulubionych dzielnicach i mało znanych zakątkach. Perełki street foodu, kawiarnie, bary, weekendowe ryneczki, pchle targi, miejsca z designem, squaty, graffiti, muzyka uliczna, tańce nad Szprewą, plaże w środku miasta, życie nocne – to tylko część atrakcji, które opisuje ten nietypowy przewodnik. Przewodnik stanowi subiektywne spojrzenie na Berlin, które w zamyśle autora ma być inspiracją do odkrywania własnych ścieżek w wyjątkowym mieście, jakim jest Berlin.

Autor przybędzie na spotkanie!

Marek Defée und sein alternativer Berlin-Führer. Lesevergnügen A1.
OffBerlin. Der alternative Reiseführer beschreibt nicht die bekannten und typischen Orte der Berliner Standardtouren.

Autor schlägt eine Reise durch seine Lieblingsviertel und wenig bekannten Ecken vor. Streetfood-Locations, Cafés, Bars, Wochenendmärkte, Flohmärkte, Design und Graffiti, Squats, Straßenmusik, Tanzen auf der Spree, Strände mitten in der Stadt, Nachtleben – das sind nur einige der Attraktionen, die in diesem ungewöhnlichen Führer beschrieben werden. Defées Reiseführer ist ein subjektiver Blick auf Berlin, der dazu anregen soll, eigene Wege in der einzigartigen Stadt Berlin zu entdecken.

Der Autor wird zu dem Treffen aus Stettin kommen. Wir freuen uns schon darauf!