Frauenblick: Drei Kriminalromane

Monika Wrzosek-Müller

Ganz untypisch für mich habe ich letztens viele (also eigentlich drei) amerikanische Kriminalromane hintereinander gelesen. Was mich an ihnen berührt und interessiert hat, waren allerdings nicht die ausgesprochen ausgeklügelten Kriminalfälle, sondern die fast ethnographisch anmutenden, sehr kritischen Beschreibungen der Gesellschaft. Der Schmelztiegel, die Mischungen, die Extreme in den Landschaften, in der die Romane spielen, lassen das Zusammenleben vielleicht spannend aber auch unendlich schwer erscheinen; der blühende Rassismus gegenüber allen people of color ist unerträglich und macht, so sehe ich es, das Hauptthema der Bücher aus. Es handelt sich um das nordöstliche Texas, an der Grenze zu Louisiana, und um Louisiana selbst, mit Städten wie Lafayette, Baton Rogue, New Orleans. Es geht konkret um zwei Romane der schwarzen Schriftstellerin Attica Locke, Bluebird, Bluebird und die Fortsetzung Heaven, My home, und einen von James Lee Burke, aus seiner vielbändigen Serie mit Detektiv/Leutnant Dave Robicheaux, nämlich den 15. Band mit dem Titel Dunkle Tage im Iberia Parish.

Den beiden sehr ungleichen Schriftstellern (Attica Locke ist 49 und James Lee Burke 86 Jahre alt!) ist die Liebe zu ihrer Heimat, ihren Leuten gemeinsam. Bei Locke hat man fast den Eindruck, die Kriminalgeschichte diente nur als Vorwand, um die Gegend mit ihren Menschen, Missständen zu porträtieren. Doch bei allen Schreckensgeschichten dominiert die Wärme, der warme, wohlwollende Blick auf die Landschaft und die Bewohner. In beiden Fällen gibt es Detektive; den schwarzen Texas Ranger Darren Mathew und den berüchtigten Dave Robicheaux französischer Abstammung, die gerecht und bis zum letzten Tropfen Blut ermitteln, um die Wahrheit aufzudecken. Doch die Wahrheit erschließt sich nicht leicht, sie ist zu vielschichtig und zu kompliziert, als dass man sie irgendwo finden könnte, und je mehr sie nach ihr suchen, desto weniger können sie sie finden. Letztendlich hat dann auch die Wahrheit wenig mit Gerechtigkeit zu tun. Doch der Weg der beiden Cops auf der Suche danach zeigt uns das ganze Kaleidoskop der Gesellschaft. Bei Locke ist es die Gegend um den Lake Caddo, wo Native Americans, Indianer, die Hasinai, die teilweise ihre Sprache und ihre Traditionen noch erhalten haben, neben den Nachkommen der reichen Sklavenhalterfamilien leben, die weiterhin Macht ausüben. Sie leben wiederum neben den Nachkommen der füheren Sklaven, die meistens in Armut geblieben sind; nur einige wenige haben es zu etwas gebracht. Es ist eine explosive Mischung und sie alle leben unweit der Sümpfe des Lake Caddo, die symbolisch für diese Verhältnisse stehen. Da sind die Immobilienhaie, die sich bereichern wollen und die Natur nicht respektieren, und eben reiche Weiße aus alten Familien, die weiterhin Geld riechen und reich bleiben wollen – und es auch sind – ohne auf andere Rücksicht zu nehmen. Alle lügen oder erzählen ihre Version des Lebens, der Geschichte zu ihrem Vorteil. Dazwischen macht sich eine Organisation breit, deren Existenz ich mir nicht hätte träumen lassen – eine Nachfolgerin des Ku-Klux-Klans, die sog. Arische Bruderschaft. Sie funktioniert ähnlich und hat ähnliche Ziele wie ihre Vorgängerin. Das schlimme ist, dass auch die gerade vergangene Ära Obama offenbar nichts an dieser Situation geändert hat; paradoxerweise scheint sich der Konflikt eher noch verschärft, zugespitzt zu haben.

Unlängst hörte ich von einem Kenner der Gegend, dass es für die Städte in Louisiana wie Lafayette, New Orleans oder Baton Rouge besondere Karten der no go areas gibt, die alle meiden sollten, auch die schwarzen Einwohner.

Bei Locke blüht der Rassismus und gedeiht; das Land der Sümpfe ist damit getränkt bis an die Wurzeln der riesigen Bäume, die an dem Ufer wachsen. Die einen neiden den anderen ihren Erfolg, ihre gute Ausbildung, ihr Geld, ihren Wohlstand. Die Moose verdecken nur, lassen alles leise und im Verborgenen passieren, sie bedecken nicht nur den Boden, sondern hängen auch von den Ästen der Bäume. Da sind Kneipen oder auch Cafés, die nur von Weißen oder nur von Schwarzen frequentiert werden, die Grenzen sind säuberlich markiert durch all die Jahre, die Tradition, letztendlich auch den Willen der Menschen. Dazu kommt der Drogen- und Waffenhandel, der quer durch die Gesellschaft blüht und ganze Dörfer und junge Leben vernichtet. Es sind leider immer noch die jungen Schwarzen die diesen Handel betreiben, oft ohne sich der Folgen bewusst zu sein und ohne damit wirklich richtig Geld zu verdienen.

Ich las den Roman von James Lee Burke und dachte mir, das spielt in einem früheren Jahrhundert. Der Rassismus bestimmt das Leben von so vielen Menschen, auch derjenigen, die ihn nicht leben wollen, die ihn eigentlich besiegt glaubten. Doch dann kommt die Brutalität der Banden und des sich immer weiter entwickelnden Drogenhandels und das Leben von vielen wird vernichtet. Der Autor versteckt nicht die Schwächen des Detektivs, seinen Alkoholismus. Auch der Wunsch der Menschen nach einer autokratischen Führung, um dem seelischen Elend zu entkommen, ist manchmal nach den besonders harten Beschreibungen sogar verständlich. In der Person des Haupthelden Robicheaux kommt die Vielschichtigkeit der Gesellschaft zum Ausdruck, diesmal ist das auch die weiße Population, die hier noch französisch geprägt ist; die Liebe zu den französisch angehauchten Orten ist im Text spürbar:

„New Orleans glich mehr einem Sonett von Petrarca als einem von Shakespeare. Die Grundstimmung in der Stadt hatte mehr von der mittelalterlichen Welt im besten Sinn als von der Renaissance-Zeit. Im Frühling 1971 wohnte ich in einem Cottage beim Ursulinenkloster und besuchte jeden Sonntagmorgen die Messe in der St. Louis Cathedral. Danach schlenderte ich über den Jackson Square und über schattige Gehsteige, während Straßenmaler ihre Staffeleien an dem Zaun aufstellten, der von den Palmwedeln und Eichenästen überragt wurde. Draußen vor dem Café du Monde saß ich dann bei beignets und Kaffee mit heißer Milch und beobachtete, wie der Tag im Quarter Fahrt aufnahm. Vor der Kathedrale drehten Einradfahrer ihre Pirouetten, Jongleure warfen ihre Holzbälle in die Luft, Straßenmusiker spielten den Tin Roof Blues und Rampart Street Parade. Die Balkone entlang der Straßen ächzten unter dem Gewicht der Topfpflanzen, die Bougainvilleen an den Eisengittern leuchteten wie Blutstropfen im Sonnenlicht. Die von italienischen Familien betriebenen Lebensmittelläden hatten noch hölzerne Ventilatoren an den Decken und verkauften Boudin-Wurst und Poorboy-Sandwiches. Davor, im Schatten der Kolonnade, wurden Zucker- und Wassermelonen, Bananen und Erdbeeren angeboten. An der Ecke, in diesem wunderbaren Duft, der wie ein Hauch des alten Europas war, stand ein Schwarzer mit seinem Handwagen und verkaufte Snowballs. Die Eissplitter dafür schabte er von einem großen Block, den er in ein Tuch gewickelt hatte.

Das traditionelle New Orleans war wie ein Stück Südamerika, das vom Kontinent abgetrennt, von Passatwinden über die Karibik herübergeweht worden war und am Südrand der Vereinigten Staaten angedockt hatte. Die Straßenbahnen, die von Palmen gesäumten Plätze, die alten Cottages mit belüfteten Fensterläden, die Katz-Drugstores, deren Neonlichter im Nebel wie violetter und grüner Rauch aussahen, die irischen und italienischen Akzente, die einen Dialekt hervorbrachten, der nach Brooklyn oder der Bronx klang, die exzentrische Atmosphäre, die Tennessee Williams, William Faulkner und William Burroughs anzog – das alles wurde für immer verändert, als die Stadt mit Crack überflutet wurde.“ […]

„Doch in meinem Traum ging es nicht um die verheerenden Auswirkungen des Drogenhandels auf die Stadt, die ich liebte. Ich sah Clete und mich, kurz nachdem wir aus Vietnam zurückgekommen waren, als Streifenpolizisten die Canal Street entlanggehen, vorbei am alten Pearl Restaurant, wo die Straßenbahn hielt und unter einer grün gestrichenen Kolonnade Fahrgäste einsteigen ließ. Ein frischer Wind blies vom Lake Pontchartrain herüber, der Abendhimmel war von pinkfarbenen Wolken überzogen, die Luft pulsierte vor Musik. Schwarze Männer spielten Craps, Kinder verdienten sich ein paar Cent mit Stepptanzen – kurz gesagt, es waren Augenblicke, von denen man vergeblich hofft, dass Zeit und Vergänglichkeit ihnen nichts anhaben könnten.“

Ich denke, es ist ein sehr interessantes Landausschnitt. Attica Locke hat es in einem Interview so formuliert: „Ich bin schwarze Amerikanerin. In unserer Geschichte gibt es noch so viel, das gar nicht erzählt wurde“.

Frauenblick. Die Veränderungen rundherum.

Monika Wrzosek-Müller

Ich fahre immer wieder nach Warthe; in ein wunderschönes Fleckchen Erde in der mittleren Uckermark. Normalerweise dauert die Fahrt nicht lang, eine Stunde und zwanzig Minuten. Leider wird seit einem Monat die B 96 in der Höhe von Nassenheide erneuert und ist ab dort gesperrt. Dass eine Fahrbahn erneuert werden muss, ist an sich normal, und irgendwann muss das auch geschehen. Vielleicht hat man dabei sogar bedacht, dass während der Sommerferien weniger Menschen die Strecke benutzen, doch es ist auch eine touristische Region, also kommen in dieser Jahreszeit sogar mehr Menschen hierher. Der Umweg über den Berliner Ring verlängert die Anfahrtszeit um ca. 40 Minuten, so dass man jetzt doch zwei Stunden braucht. Leider sind auch auf dieser Strecke Bauarbeiten im Gang (es wurde überall Split aufgetragen, um die Fahrbahn auszugleichen), die fast die ganze Umleitung begleiten und die Fahrgeschwindigkeit auf 30 km reduzieren. Das verlängert die Fahrt noch einmal beträchtlich. Noch unverständlicher für mich war aber, dass einmal die Strecke über Nassenheide plötzlich freigegeben wurde und laut GPS die alte Strecke als befahrbar erschien, obwohl die Arbeiten gar nicht beendet worden waren. Ich habe mich darauf verlassen und dann einen Horrortrip durch die Seitenstraßen im Ort Nassenheide erlebt; natürlich war es den Häuschenbesitzern in den Wohnstraßen gar nicht recht, den ganzen Verkehr in den Norden vor ihrer Nase vorbeirollen zu sehen. Natürlich haben sie auch versucht, den Verkehr zu blockieren. Es gab unschöne Szenen.

Das ärgert natürlich, doch richtig traurig macht mich das, was in unserem Dorf in der Uckermark schon seit längerem passiert.

Das Dorf Warthe liegt an einem schönen See, umgeben von wunderbaren Buchenwäldern, in denen die Pilze bei Regen nur so in die Höhe schießen. Es ist eine Oase der Ruhe, wird aber leider immer ruhiger, fast verschwindet das Leben aus der Ortschaft gänzlich. Die alte schöne Schule wurde schon vor langer Zeit aufgegeben und wartet auf einen Investor, der darin eine Pension, eine Gaststätte oder sonst etwas einrichten könnte. Die wunderbare Dorfkneipe „Drei Eichen“ ist nach dem Tod des Betreibers, Kochs und Besitzers ebenfalls geschlossen, d.h. die Räumlichkeiten sind noch verfügbar, aber leider findet sich kein Nachfolger, der die Mühen des Gasthausbetriebs auf sich nehmen wollte. Zuletzt hat auch der letzte Treffpunkt des Dorfs, nämlich die Bäckerei zugemacht, wo man manchmal Kaffee und Kuchen, Brot und Brötchen, Milch und Zeitungen kaufen konnte. Damit sind eigentlich alle öffentlichen Orte, wo das Dorfleben zur Gemeinschaft wurde, verschwunden. Selbst die Kirche, die, wie mir schien, sehr selten aufgesucht wurde, ist nur noch sporadisch zugänglich – meistens ist sie geschlossen und der Pfarrer kommt alle vier Wochen, um einen Gottesdienst abzuhalten. Wahrscheinlich, wenn man sich mehr dafür interessiert, kann man die Gemeindemitglieder in anderen Kirchen in der Umgebung sichten und vielleicht kennenlernen.

Die Dorfgemeinschaft versucht jetzt, im Sommer, durch Dorffeste den Zusammenhalt zu stärken, das ist aber auf die Sommerperiode beschränkt und schafft keine Kontinuität. So ist es nicht verwunderlich, dass die jungen Leute aus der ländlichen Region hier verschwinden.

Noch eine Veränderung, die auf dem Waldweg um den See eingetreten ist und die teilweise schon durch die Biber und durch Windböen während der Stürme der letzten Jahre vorbereitet worden ist: unheimlich viele Bäume wurden gefällt, auch alte, schöne, gesunde Buchen neben vielen Kiefern, die vielleicht auch zu eng gestanden haben. Jemand hat offensichtlich viel Holz verkauft. Der Uferweg hat sich gänzlich verändert, es gibt jetzt viele völlig kahle Stellen; manche Leute fragen danach, was hier passiert ist. Wer hat das gemacht, erlaubt, ausgeführt? Hat es gebrannt?

Zum Glück lebt das Camp für Jugendliche im Sommer auf; es sind viele Kinder da, die ihre Sommerferien hier verbringen, im See schwimmen und im Wald herumlaufen. Sie haben auch richtig Kurse, die sie belegen können, für Malen, Fotografieren, Angeln, Schwimmkurse etc… Die Gegend eignet sich hervorragend dazu.

Doch irgendwie wäre mehr Initiative nicht schlecht.

Frauenblick: Macbeth

Monika Wrzosek-Müller

Macbeth bei den Salzburger Festspielen (und nicht nur)

In der Oberschule in Polen haben wir Shakespeares Drama Macbeth gelesen und dann auch Ausschnitte davon aufgeführt. Besonders gut erinnere ich mich an die drei Hexen, die ihren Text tanzend und singend vortrugen, denn eine von den dreien war ich. Diese Theateraufführungen liebte ich sehr; dadurch blieben mir auch viele Texte im Gedächtnis. Noch heute kann ich die Prophezeiungen der Hexen rezitieren.

Macbeths blutrünstiges Morden, die für mich schicksalhaft an den blutigen Händen von Macbeth und stärker noch an den Händen von Lady Macbeth hafteten, stellte, so schien mir, eine direkte Fortsetzung der griechischen Tragödien dar. Auch hier gab es einen Chor (eben den der Hexen), die die Ereignisse vorhersagten und kommentierten. Außerdem faszinierte mich die Person der Lady Macbeth, die eine viel wichtigere Rolle bei der Tragödie spielte als ihr Mann. Sie stiftete ihn zu den Morden an; irgendwann aber gerieten beide in den Sog der blutigen Ereignisse. Immerhin versuchte Macbeth sein Gewissen mit den Prophezeiungen der Hexen zu beruhigen, irrtümlich legte er sie immer wieder zu seinen Gunsten aus. Die Rolle der Magie, des Schicksals im Leben des Einzelnen strahlt aus diesem dunklen Drama. Shakespeare hatte und hat immer wieder Anschluss an die Gegenwart gefunden, seine literarischen Aussagen sind heute immer noch ganz aktuell.

Vor ein paar Tagen sah ich bei ARTE die Aufführung der Oper Macbeth von Giuseppe Verdi bei den Salzburger Festspielen. Wahrscheinlich habe ich die Produktion so aufmerksam verfolgt, weil sie von dem polnischen Regisseur K. Warlikowski, in der Choreographie seiner Frau Małgosia Szczęśniak, stammt. Warlikowski hebt den Gegenwartsbezug der Oper hervor, lässt den Größenwahn und die Zerstörungswut triumphieren. Das wunderbare Bühnenbild – mit einer langen Bank in einem Warteraum – erinnert mich etwas an die Gemälde von Edward Hopper; im Hintergrund kompliziert konstruierte Auf- und Übergänge, mit einem fahrbaren Kasten, in dem der Chor der blinden Hexen sitzt und steht. In gewisser Weise zu Warlikowskis festem Repertoire gehört auch die Kinderschar, ebenso das Psychologisierende der Inszenierung: dass Lady Macbeth keine Kinder gebären kann und aus diesem Grund zu einer machtgierigen, rücksichtslosen Person wird, wird sehr nachvollziehbar; eine lange Szene, auf einem riesigen Bildschirm eingespielt, zeigt die verzweifelte Lady Macbeth bei einer gynäkologischen Untersuchung – für mich eher wie ein Theaterstück als wie eine Oper wirkend.

Die wunderschönen Kostüme der Frauen aus ungefähr den 1930er Jahren und die konventionellen Anzüge der Männer, entworfen von M. Szczesniak, lassen das Mittelalterliche bei Shakespeare gänzlich verschwinden. Bei einer Szene, in der eine der Damen, Teilnehmerin an dem Fest zur Krönung Macbeths, den Kindern einen Gifttrunk verabreicht und sie damit umbringt, denkt man unwillkürlich an Magda Goebbels und ihren Mord an den eigenen Kindern und ihren Selbstmord. Allgemein zitiert Warlikowski ausgiebig Bilder aus Filmen oder anderen Genres.

Die Kinder in der Warlikowski-Inszenierung sind wehrlos, sie unterliegen ihrem Schicksal, sie werden sogar wie eine Speise auf einem Silbertablett serviert; sind sie aber nicht die heimlichen Helden des Spektakels?

Überzeugend fand ich die Sängerin Asmik Grigorian, vielleicht vor allem als Schauspielerin, bestimmt als eine schöne Frau, weniger als Opernsängerin. Im Vergleich zu ihr gerät Vladislav Sulimsky, der Macbeth im grauen Anzug, wohl etwas in den Hintergrund. Überhaupt gibt es keine klassisch opernhaften Stehbilder, in denen die Arien vorgesungen werden, die Darsteller bleiben ständig in Bewegung; auch das Gehäuse für den Chor wird rein- und rausgeschoben, eine riesige Neonröhrensonne leuchtete aber allem. Am Ende gab es standing ovations – zu Recht; die Bilder werden bleiben; an der Musik können wir uns auch anderweitig erfreuen.

Nebenbei habe ich etwas über Giuseppe Verdi erfahren: Macbeth ist die zehnte von seinen 26 Opern. Er hat den Text gekürzt und die Rolle der Lady Macbeth stark ausgebaut; damit hat er den Frauen einen Dienst erwiesen.

Frauenblick: Milan Kundera

Monika Wrzosek-Müller

Wir alle haben seinen Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gelesen, darüber diskutiert und uns ereifert. Das Schicksal, das die Tschechoslowakei mit der gewaltsamen Beendigung des „Prager Frühlings“ erleiden musste, hat uns alle beeinflusst und bewegt. Alle, die aus Polen dann später in die Emigration gingen, aber auch alle, die in ihrem Land gegen den Kommunismus kämpften. Kunderas persönliches Schicksal spiegelte die Zerrissenheit der Menschen in jenen Zeiten in der Heimat und im Exil nur allzu genau wider.

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Frauenblick. Tu zaszła zmiana.

Monika Wrzosek-Müller

Tu zaszła zmiana [Hier hat sich etwas geändert]

Da ich dieses Thema vorgeschlagen habe, fange ich mit dem Titel einer Erzählung von Maria Dąbrowska aus dem Jahr 1951 an. Der Text war in meiner Schule Pflichtlektüre und erinnere mich dunkel an die Beschreibung eines Blicks aus dem Fenster ihrer Wohnung – dessen, was da alles unten auf der Straße passierte. Sie lebte in Warschau 40 Jahre lang in derselben Wohnung und der Ausblick aus ihrem Fenster diente ihr als eine Art Brennglas, in dem sie die historischen Ereignisse betrachtete, vor allem die in Warschau aber auch in Polen insgesamt, hauptsächlich während des Krieges. War das nicht ein Stück Propaganda, was da nach dem Krieg nicht alles aufgebaut worden war…?

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Frauenblick: Arno Geiger

Monika Wrzosek-Müller

Das glückliche Geheimnis oder eher die Veränderungen in der Zeit

Meistens begleitet einen ein nicht so glückliches Geheimnis durchs Leben, doch wahrscheinlich jeder trägt eines mit sich; auf Polnisch sagt man auch: „Co chatka to zagadka“, was ungefähr so viel bedeutet wie: „In jedem Häuschen gibt es ein Geheimnis“.

Schön, dass der Schriftsteller Arno Geiger ein glückliches Geheimnis mit sich trägt und uns es auch mitteilt. Besonders für Menschen, die immer wieder schreiben, ist das Buch sehr empfehlenswert. Das eigene Geheimnis als Quelle für die Themen, die man dann bearbeitet, ist auch nicht zu verachten. Worum geht es? Der junge, aufstrebende Arno kommt auf die Idee, in Papiercontainern nach brauchbarem Material zu suchen. Einerseits bessert er seine damals noch bescheidenen Einkünfte als ewiger Student damit auf, dass er einige der unter dem Abfallpapier gefundenen Bücher und Postkarten auf Flohmärkten verkauft. Manchmal findet er auch richtige Schätze, die er entweder für seine Romane verwendet oder auch wirklich gewinnbringend verkauft. Denn immer wieder entledigen sich die Menschen ihrer Sammlungen nicht nur von Büchern, sondern auch von Briefen oder Tagebüchern, die ihrerseits dem angehenden Schriftsteller helfen, neue Themen, neue Geschichten zu finden. Er beschreibt auch die Aufarbeitung dieses Materials als die eigentliche Schule für seine Schriftstellerei; dabei lernt er, bescheiden und ehrlich mit sich und den Themen umzugehen, versteht, dass das geschriebene Wort wirklich das meint, was es besagt, dass da Vorgänge beschrieben werden, die es gegeben hat, Emotionen, Zustände, die die Menschen erlebt haben. Im Laufe der Zeit entwickeln sich seine Erkundungen, Suchen, die Runden, wie er es nennt, zu einem regelrechten Ritual. Er durchforstet bei seinen Fahrradtouren immer mehr Papiercontainer, seine Funde werden immer interessanter.

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Frauenblick: Polonia in Italien

Monika Wrzosek-Müller

Auf den Spuren der Polen in Italien

Dass 2023 das Jahr von Szymborska ist, hat uns Ewa irgendwann schon vermittelt. Der hundertste Geburtstag der Lyrikerin fiel auf den 2.06.2023; das weiß ich ganz genau, denn das war ein Freitag und da kaufen wir in Italien immer „La Repubblica“. In dieser Ausgabe gab es einen langen Artikel über „La grande Szymborska“, eine Auswahl schön übersetzter Gedichte und die Ankündigung eines Gedichtbandes, der aus diesem Anlass erschienen ist. Angeblich werden Szymborskas Gedichte vor allem von ganz jungen Menschen in Italien gelesen, sie erscheinen in den sozialen Netzwerken, werden kopiert und weitergeleitet. Klar sie sind leicht, zeitlos, oft kurz und komprimiert, eignen sich sehr gut für die digitalen Stammbücher.

In Genua wird am 15.06.2023 zu diesem Anlass eine Ausstellung zu Leben und Werk von Szymborska eröffnet. Es sollen Manuskripte und vor allem ihre Collagen gezeigt werden. Anhand von vielen Fotos und Videos wird auch das Leben der Dichterin und ihrer Freunde illustriert. Szymborska liebte Objekte, die wenig nützlich waren; die sammelte sie und produzierte dann immer und immer wieder kleine Karten mit aufgeklebten Fragmenten der Gedichte, Wörtern, getrockneter Blumen usw. In Italien heißt es, sie sammelte allerlei Firlefanz und machte daraus dann ihre Collagen, die sie wiederum oft an Freunde weiterverschenkte.

Ein Freund aus Turin auf die Frage, ob er denn die Ausgabe von Reppublica gekauft hätte: Er schickte mir gleich unzählige Fotos von verschiedenen Bücher von Szymborska, die er besitze. Erstaunlich, wieviel Aufmerksamkeit sie hier bekommt.

Einen anderen Polen, der mich immer wieder in Italien begleitet, habe ich zufällig in Capodimonte am Lago di Bolsena für mich entdeckt. Inzwischen befürchte ich fast, dass er sich als Prototyp eines russischen Oligarchen eignen würde. Gemeint sind Fürst Stanislaw Poniatowski und dessen Familie, offensichtlich wusste er ganz genau, dass es besser ist, im Ausland zu investieren in schöne Immobilien, als im damaligen Polen; buon gusto hatte er auch. Die Zahl der Villen und Palästen, die er erworben hat, scheint mir unendlich oder ich stoße immer wieder darauf bei meinen Erkundungen in Italien.

Schon in Florenz, nicht weit von der Porta al Prato, habe ich das Stadtpalais Poniatowski für mich entdeckt, darin befindet sich jetzt der Sitz der Stadtpolizei. Einige Jahre später sah ich, südlich von Rom, in San Felice Circeo, einen Palazzo Poniatowski, mit einer schön angebrachten Erklärungstafel, worum es sich handelt. In Rom selbst gibt es zwei Poniatowski-Baudenkmäler: einen sehr schönen, mittelalterlichen Palazzo, in dem sich jetzt das Archäologisches Museum befindet und das Poniatowski als Ruine gekauft hatte und restaurieren ließ. Außerdem ließ er für sich in der Via della Croce von Giuseppe Valadier ein Stadtpalais bauen. Das sind nur die Gebäude, auf die ich aufmerksam geworden bin; wahrscheinlich existieren noch andere.

Die Entdeckung des Poniatowski-Palais in Capodimonte ist insofern kurios, als die Informationstafel zur Geschichte des Gebäudes gerade einmal eine Woche vor meinem Besuch angebracht worden ist; angeblich mit großem Pomp, in Anwesenheit der polnischen Botschafterin und lokalen Größen und Prominenz aus Rom sowie aus der Region wurde die Tafel enthüllt.

Zum Schluss muss ich noch meine geliebte Pizzeria-Rosticceria „Il Fornetto“ erwähnen, die ich immer in Orbetello frequentiere, sobald wir hier ankommen. Sie wird von Polen geführt. Es handelt sich eigentlich um einen Schnellimbiss, aber von hoher Qualität, der eine Pizza bianca con patate serviert, bei deren Name mir gleich Wasser im Mund zusammenläuft. Das winzige Lokal ist sehr preiswert, unheimlich sympathisch und hat immer dieselbe Palette von Gerichten; Trauben von Menschen stehen davor. Die Polin hat an den überkommenen Rezepten nichts geändert und serviert das alte seit Generationen erprobte Essen; für mich ist es umso sympathischer, dass ich auch auf Polnisch bestellen kann.

Vertreibung aus der Hölle

Monika Wrzosek-Müller

Das Buch von Robert Menasse und der Gedanke als solcher

Ein Film, ein Buch in so kurzer Zeit zu einem ähnlichen Thema, ein Zufall?

In Cannes wurde der neue Film Rapito [die Entführung] von Marco Bellocchio gezeigt. Der Film erzählt die Geschichte eines jüdischen Kinds, das 1858 in Bologna – die Stadt gehörte damals noch zum römisch-katholischen Kirchenstaat – von der päpstlichen Obrigkeit entführt wurde. Die Familie, wohlhabend und nach jüdischen Bräuchen lebend, konnte nichts dagegen unternehmen. Das Kind, Edgardo Mortara, war von einem katholischen Kindermädchen getauft worden, da diese dachte, das Kind liege im Sterben und sie müsse seine Seele durch eine Nottaufe retten. Naiv, wie sie war, erzählte sie diese Geschichte leider auch weiter. Zu Zeiten von Papst Pius IX. war dies ein zureichender Grund für die päpstlichen Milizen, das Kind zu verschleppen und nach Rom in eine päpstliche Schule zu verbringen. Diese sehr malerisch inszenierte Geschichte steht für viele ähnliche Schicksale in der Zeit des Kirchenstaats. Die katholische Kirche versuchte, die Ausbreitung des jüdischen Glaubens mit allen Mitteln zu verhindern. Die Methode, Kinder zu entführen und sie dann im anderen Glauben zu erziehen, findet leider auch in unserer Zeit Nachahmer (siehe die Entführungen ukrainischer Kinder durch die Russen, was den Regisseur zu einer Äußerung in der Reppublica veranlasste: „Ich habe mich der Geschichte verpflichtet gefühlt, ohne zu verurteilen. Aber wenn dann jemand politische Reflexionen über die Gegenwart anstellen sollte, würde ich ihm zuhören“). Der Film zeigt auch, wie empfänglich doch Kinder sind, sie werden durch Geschenke und autoritäre Erziehung folgsam gemacht; der junge Mortara will nach der Befreiung Roms 1870 nicht zu seiner Familie zurückkehren. Er bleibt dem Katholizismus treu bis zu seinem Tod 1940. Immerhin versucht sein Vater noch einmal, sein Recht vor Gericht zu erstreiten, was ihm aber misslingt. Der Fall Mortara scheint sehr gründlich untersucht und in Archiven dokumentiert zu sein.

In dem Buch Die Vertreibung aus der Hölle von Robert Menasse las ich: „Der harmoniesüchtige Diplomat Manasseh und der machtbewusste Politiker Aboab. Nur einer von ihnen konnte Oberrabbiner werden, Nachfolger ihres Lehrers. Einer von ihnen sollte es trotz ihrer Jugend werden. Die anderen, älteren Rabbiner steckten freiwillig zurück: Herschkowicz, der Rabbi der kleinen Schar armer Ostjuden in Amsterdam, hatte zu wenig einflussreichen Anhang; ebenso Goldstücker aus Glückstadt, der von der erst in Aufbau befindlichen deutschen Gemeinde nach Amsterdam berufen worden war; Rabbi Saul Levi Mortara, ein profunder Gelehrter und Wissenschaftler ohne rhetorisches Talent oder politisches Interesse, wollte nichts als die Leitung der Yeshiva, die der Schriftgelehrte auch bald zugesprochen bekam…“ so war die Familie Mortara wohl sehr gläubig und wirklich bekannt. Damit habe ich einen Übergang zu dem wirklich faszinierenden Buch von Robert Menasse gefunden.

Es werden zwei Biographien parallel erzählt, die von Viktor Abravanel, 1955 in Wien geboren, wo er auch aufwuchs und weiterhin lebt, einem Historiker und Spinoza-Forscher, und die von Samuel Manasseh bin Israel, geboren 1604 in Portugal, dann mit seinen Eltern nach Amsterdam geflüchtet, und dort als Yeshiva-Lehrer, Gelehrter und Autor tätig. Der Einband zeigt das bearbeitete Porträt des Rabbi Menasse nach dem berühmten Gemälde von Rembrandt.

Das Interessante und fast geniale dabei: diese beiden Lebensläufe gleichen sich immer wieder, obwohl zwischen ihnen etliche Jahrhunderte liegen und die Helden ganz unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Sie werden auch so erzählt, dass man den Eindruck hat, sie überschneiden sich, und oft gelten oder passen die ersten Sätze eines Abschnitts für beide Geschichten. Noch interessanter: Viktor Abravanel scheint ein Nachkomme des Rabbiners Manasseh zu sein.

Das Buch beginnt mit einer Szene in dem Städtchen Vila dos Comecos in Portugal; da findet gerade ein Trauerzug statt, bei dem aber niemand trauert. Es wird nämlich eine Katze zu Grabe getragen, die vorher an einem Holzkreuz gekreuzigt worden war. So werden wir in die Szenerie des Kampfes gegen die Ketzer und Häretiker und das Wirken der Inquisition eingeführt. Den kleinen Manoel lernen wir mit der Schar der Kinder kennen, die in den Gassen herumlaufen und nach „Kryptojuden“ suchen. So wird die Atmosphäre des Terrors und der Angst sichtbar; dabei weiß der kleine Manoel offensichtlich nicht, dass er selbst zu den Verfolgten gehört.

Das nächste Bild oder Abschnitt beginnt genial mit einer Beschreibung eines Festessens zum fünfundzwanzigsten Abiturjubiläums der Klasse von Viktor. Wir lernen ihn also als erwachsene Person kennen. Das Essen sollte in dem renommierten Wiener Restaurant „Zum Goldenen Kalb“ unweit des Gymnasiums stattfinden. Doch Viktor verursacht willentlich einen Skandal, auf den er sich sogar vorbereitet hat. Alle sind gekommen: „vierzehn Burschen, acht Mädchen […] sieben ehemalige Lehrer und der Schuldirektor“. Alle sollen nun über ihr Leben in den letzten 25 Jahren erzählen, Viktor aber konfrontiert die ganze Lehrerschaft mit ihrer Nazi-Vergangenheit, indem er ihnen ihre NSDAP-Mitgliedsnummer vorliest. Daraufhin löst sich die ganze Gesellschaft auf; die Lehrer flüchten schneller als man sich hätte vorstellen können, auch die ehemaligen Schüler verlassen empört das Restaurant. Viktor bleibt mit Hildegunde, seiner ehemaligen Angebeteten zurück. Sie essen zusammen das bestellte Festmenü und fahren anschließend mit einem Taxi durch Wien. In der Retrospektive erfahren wir dann seine Lebensgeschichte. Auch er ist sich seiner jüdischen Herkunft lange nicht bewusst gewesen. Detailliert lernen wir Viktors Lebensweg kennen, seine Kindheit zwischen den geschiedenen Eltern und den Großeltern und seine Studienzeit mit einem unglücklichen Intermezzo mit seiner Jugendliebe Renate und dessen Folgen. Manche Kritiker werfen dem Schriftsteller eine allzu zwanghafte Komposition des Buches vor. Ich persönlich finde gerade diese Verstrickung und Ähnlichkeit der Empfindungen beider Helden sehr gelungen. Sie werden auf so geniale Weise erzählt, dass oft die ersten Sätze des nachfolgenden Abschnittes für beide Geschichten gelten und man am Anfang nicht weiß, zu welcher Geschichte sie gehören.

Denn wovon handelt das Buch eigentlich; das Leben der jüdischen (und vielleicht aller anderen Migranten, wenn auch weniger drastisch) Helden, die nicht einmal wissen, dass sie jüdisch sind, weil die Eltern, um sie zu schützen, ihnen das vorenthalten, von ihrer Einsamkeit und einem Kampf um Weiterkommen und Anerkennung. An keiner Stelle dieser beiden Schicksale hat man den Eindruck, dass der Held angekommen sei; weder in Portugal, noch in Amsterdam, noch, in Viktors Fall, in Wien, obwohl er dort geboren wurde. Im polnischen gibt es den Begriff des „Żyda tulacza“ [des ewig wandernden Juden – des Ahasver]. Ich denke, darüber erzählt das Buch, von dem ewigen Suchen und den Versuchen, eine eigene Identität, Souveränität zu finden; es liefert keine Lösungen, doch es macht sehr eindringlich deutlich, welche Schranken, Barrieren sie überwinden und mit welchen Ängsten und Unsicherheiten sie leben müssen. Das ist mehr als genug.

An einer Stelle gibt es auch ein paar Sätze über Don Quijote, in einem Gespräch zwischen Manoel und Estrela, zwischen Bruder und Schwester: „Oder denk an den Don Quijote de la Mancha. An wen? Don Quijote. Nicht gelesen? Hat das keiner bei euch hineingeschmuggelt ins Konvikt? Das neue Buch, über das jetzt alle Welt spricht. Jeder liest es. Eine Mitschülerin im Kloster hatte plötzlich ein Exemplar. Wir haben das Buch zerlegt in lauter einzelne Seiten, damit jede gelesene Seite gleich zur nächsten Mitschülerin weiterwandern konnte. Das ist ein Roman über einen Hidalgo, einen Altchristen, der natürlich alles wörtlich nimmt, was er liest. Und so und nur deshalb wird er zur lächerlichen Gestalt. Ein typischer Christenmensch. An seiner Seite einer, der es, wenn auch unbedacht, besser versteht: Samuel, genannt Sancho! Er weiß, wir wissen: Große Worte – lächerliche Taten! Ganz große Worte – mörderische Taten! Und wer hat dieses Buch geschrieben? Miguel de Cervantes Saavedra, wieder ein getaufter Jude!“ Ein Geschenk an Ewa.

Frauenblick. Kapadokien (3)

Monika Wrzosek-Müller

Derwische – der spirituelle Weg

Noch ein Text über meine Reise nach Kappadokien, in die Türkei.

Natürlich haben wir der Zeremonie der Tanzenden Derwische in einer unterirdischen Höhle beigewohnt. Auch wenn sich das sehr touristisch anfühlt, und auch ist, zwingt die Veranstaltung selbst zum Nachdenken. Denn jeder sucht seinen Weg, einen Sinn im Leben, etwas, was darüber hinausweist, was in schwierigen Momenten an etwas Höheres glauben lässt. Schon lange liefern unsere Religionen nicht genug Nahrung oder sie sind zu rigide, zu hermetisch, ihre Institutionen zu schwerfällig, als dass man sich ihnen anvertrauen möchte. Unsere Ewa macht sich mit dem Don Quijote auf die Reise und sucht auf dem alten, ewigen Weg nach konkreten Lösungen oder nach Konzepten für ein Weiterkommen.

Die Autorin hat sich auf den Yoga-Weg begeben, ohne sich dabei auf die sektenähnlichen Verstrickungen einzulassen, ohne auf ihre andere, „normale“ Lebensroutine zu verzichten. Ein bequemer Yoga-Weg, der manches besser zu verstehen, zu meistern erlaubt, der Körper und Geist einen Ausweg bietet und die Seele auch nicht vergisst.

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Frauenblick. Ballonfahrt und…

Monika Wrzosek-Müller

… die Landschaft in Kappadokien

Fliegen wurde in meiner Familie immer großgeschrieben; als Kind hörte ich die fantastischen Erzählungen über meinen Großvater, der während des Zweiten Weltkrieges in der Royal Airforce war, junge englische Piloten ausbildete und über Schottland von den Deutschen abgeschossen wurde. Irgendwann, nicht lange her, habe ich tatsächlich seinen Grabstein auf einem kleinen Friedhof unweit von Aberdeen, in Lossiemouth gefunden. Er war das große Vorbild in unserer Familie, ich das schwarze Schaf; doch das Fliegen blieb immer ein Thema für mich. Ich erinnere mich, als ich nach Deutschland, West-Berlin kam, träumte ich monatelang vom Fliegen. Dieses Fliegen war mit einem gesteigerten Gefühl der Freiheit und des Loslassens verbunden. Im Traum stand ich am offenen Fenster, stieg hinaus und flog, ohne Sorgen, ohne Angst, schwebte einfach so über ganze Landschaften, über Häuser, Kirchen mit ihren Türmen, Flüsse, Brücken, Felder, Wälder, erstaunlicher Weise aber nicht über Städte; es waren immer grüne Landschaften, keine Häusermeere. Ich sah große Seen, Meeresküsten unten; in keinem Moment empfand ich Angst. Ich wachte meistens am Ende einer solchen Reise auf.

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