Frauenblick auf Tár

Monika Wrzosek-Müller

Gedanken zum Film Tár

Eigentlich wollte ich über Cate Blanchett schreiben, die man letztens oft im Film sah, aber auch im deutschen Fernsehen. In einem Live-Interview der ARD saß sie der bekannten Moderatorin Sandra Maischberger auf dem Sessel gegenüber. Auch bei der Oskar-Verleihung fehlte sie nicht. Ich bewundere sie sehr, ihren Stil, ihre Anmut, Coolness und ihr professionell wirklich fantastisches Spiel – jetzt gerade wieder in dem langen Film Tár. Trotzdem gehen meine Gedanken nach dem Film in eine andere Richtung.

Immer öfter denke ich darüber nach, was für eine Welt wir uns aufgebaut haben, wie werden die Generationen nach uns leben müssen. Es geht mir sogar weniger um die Klimakatastrophe als um die Welt des Geldes, obwohl diese Welten erstaunlich eng zusammenhängen; es handelt sich eher um die Welt der Habgier, der horrenden Ungleichheit der Menschen in allen Lebensbereichen. Das haben wir alles selbst hervorgebracht, selbst gewollt, bei der Entwicklung zugesehen, sie zugelassen.

Warum komme ich gerade bei diesem Film (bei Tár) auf solche Gedanken? Eigentlich verbindet man die Kunst (im Film geht es um die Musik) nicht mit Ungleichheiten und Bevorteilung, sondern mit Talent, Hingabe, Fleiß und (etwas) Glück. Doch was mich beim Ansehen von Tár am meisten beeindruckt hat – neben dem hervorragenden Spiel von Blanchett – das war die Einsicht, wie abgehoben die Welt der Dirigenten und ihrer gottgleichen Stellung in der Welt der Musik ist; sie wird hier wie ein Epizentrum der Macht dargestellt. Wir erleben, wie eine relativ junge Frau als Chefdirigentin der Berliner Philharmonie berufen und damit mit Geld und Privilegien überhäuft wird. Sie fährt sofort einen grotesk großen Porsche, bekommt ein zweites Luxus-Appartement, wird eingekleidet von einem Herrenausstatter, bekommt maßgeschneiderte Hemden, einen Smoking; die Szenen bei dem „Maßschneider“ Egon Brandstetter in Berlin-Wedding sind sehr gelungen, er spielt sozusagen sich selbst. Vielleicht konnte er von diesen Szenen sogar als Werbung für sein Atelier profitieren. Lydia Tár, die Stardirigentin, fliegt im Privatjet nach New York, nur um am nächsten Tag bei der Orchesterprobe dabei sein zu können. Wohl ganz zu schweigen von der Gage, die sie monatlich bezieht. Was ihr dann zustößt, ist offenbar auch durch die Überhöhung ihrer Position sozusagen vorprogrammiert. Die Umstände formen die Menschen im Guten wie im Schlechten. Natürlich ist sie noch dazu so schön, so cool, aber lesbisch und zu scharf, und sie verlangt von anderen wahrscheinlich zu viel. Sie hat ihre ganz präzisen Vorstellungen von ihrer Interpretation der Partitur, ihre ganz eigene Sicht der Musik. Die Welt des Orchesters mit ihren Problemen existiert aber genauso, und sie ist für die Musik, die wir zu hören bekommen, vielleicht sogar noch wichtiger als die des Dirigenten.

Mich hat das immer wieder abgestoßen und verwundert: die Erzählungen über die Unverschämtheiten von Dirigenten wie Karajan, Barenboim oder anderen und wie alle das ausgehalten und still hingenommen haben. Wieviel Raum, wieviel Macht darf so ein Genie bekommen, vielleicht auch ausnutzen, davon handelt der Film. Von einem Bekannten, selbst Orchestermusiker, hörte ich aber auch, dass gut eingespielte Musiker die DirigentInnen wenig bis gar nicht brauchen, kann das denn stimmen? Im Film wird die Erinnerung an diese männlichen, patriarchalischen Dirigenten in den Szenen festgehalten, in denen das Vorspielen der KandidatInnen für einen Platz im Orchester hinter einem Vorhang stattfindet. So kamen damals auch die Frauen zu einer Einstellung, vielleicht auch Ausländer. In Tár wird die Bedeutung des Vorhangs heruntergespielt, gar verlacht, denn der Vorhang ist zu kurz und man sieht deutlich die Schuhe des Kandidaten; also doch durchschaubar, wer gerade vorspielt. Und siehe da: die junge, coole, exzellente Dirigentin macht sich das zunutze.

Jemand hat mir gesagt, das sei ein Film über Aufstieg und Fall von Stars in künstlerischen Berufen, über ihren Platz, ihre Privilegien und manchmal auch ihren Anteil an Macht; es könnte sich genauso um ArchitektInnen, MalerInnen oder gefeierte SchriftstellerInnen handeln. Doch ich denke, die Stellung eines Chefdirigenten ist schon etwas besonders. Er herrscht über andere KünstlerInnen, soll ein absolutes Gehör haben und, was wahrscheinlich noch wichtiger ist, ein Charisma, das ihm eben erlaubt über die anderen zu herrschen – um der Musik willen. Das ist hier wirklich die große Frage.

Erstaunlich unterschiedliche Meinungen hörte ich zu dem Film, aber zugleich immer und wirklich immer wieder die große Begeisterung für das Spiel von Cate Blanchett. Manche sahen sie als Inbegriff des Bösen, Überheblichen, andere als Opfer der komplizierten Welt der Musiker, der Musik, des Kampfs um Machtpositionen. Auf jeden Fall wird ihr Abstieg, ihr Fall richtig schockierend dargestellt; ihre Verbissenheit, fast Besessenheit, mit der sie sich in der Welt der Musik zu behaupten versucht, weckt aber auch Bewunderung. Andererseits, was sonst blieb ihr übrig? ihr Elternhaus existierte nicht mehr, sie stammte aus sehr bescheidenen Verhältnissen und arbeitete sich allein durch Disziplin und harte Arbeit hoch. Manche fanden gar, dass sie verrückt geworden sei und dass die letzten Szenen aus Asien sich vielleicht in ihren Träumen abgespielt hätten. Hinweise auf ihre übergroße Sensibilität für Geräusche finden sich in vielen Szenen, ebenso wie auf ihre übermäßige Nervosität.

Der Film zeigte deutlich, wie schwer es für eine Frau ist, in der ehemaligen Welt der Männer zu bestehen, sich zu positionieren und eine Stellung zu behaupten, daneben eine Beziehung zu pflegen, ein adoptiertes Kind als Mutter-Vaterfigur zu betreuen. Es wird schließlich erwartet, dass eine Frau sich anderer Mechanismen bedient, um an der Macht zu bleiben. So etwa lautete die Frage der deutschen Journalistin, doch darauf antwortete Blanchett sinngemäß: warum glaubt man, die Frau müsse mitfühlender, toleranter, besser, sanfter und anders agieren als der Mann? Sie wolle doch auch ihre Rolle, ihre Karriere, ihre Machtposition behaupten.

Auf jeden Fall finde ich den Film sehenswert, die kontroversen Meinungen, Sichtweisen darüber zeigen deutlich, dass er einen Nerv getroffen hat und uns auf vielen Ebenen berührt.

Frauenblick: Der achte März

Monika Wrzosek-Müller

Der Internationale Frauentag

Soweit ich mich erinnern kann, sehe ich meine Mutter, meine Tante und meine Oma mit Blumen an diesem Tag nach Hause kommen; nicht irgendwelche Blumen: eine rote Nelke, später gab es bei meiner Mutter auch mal eine Gerbera und meine Tante bekam eine Schachtel irgendwelcher zuckersüßer Pralinen. Sie haben alle im sozialistischen Polen gearbeitet und alle bekamen an diesem Tag Blumen, früher gab es noch manchmal ein paar Strümpfe, Handtücher, ein Päckchen Kaffee oder so, oder einen Gutschein für irgendetwas besonders Erstrebenswertes. Meine Oma, die im polnischen Film als Buchhalterin arbeitete, bekam auch Freikarten für Filmvorführungen. Die sie dann meistens an die Verkäuferinnen in den Delikatessläden weiterreichte, um an besondere Artikel (Schokolade, Kaffee, gutes Fleisch) zu kommen. So war der Tag für mich schon als Kind immer positiv besetzt, abgesehen davon, dass meine Mutter manchmal über die blöden, nicht enden wollenden Feiern in ihrer Arbeitsstelle (dem Verteidigungsministerium) schimpfte. Es war zwar von oben verordnet und inszeniert, diente aber doch einer guten Sache; die Frauen arbeiteten nun genauso fleißig wie die Männer, oft noch mehr, da sie die Versorgung der ganzen Familie auf dem Kopf hatten.

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Frauenblick auf Fotografien

Monika Wrzosek-Müller

William Eggleston, Anastasia Samoylova, Karolina Wojtas

Am Samstag, dem 18. Februar 2023 hat es so stark geregnet, dass jegliche Beschäftigung im Freien unmöglich war. Also suchte ich nach einer geeigneten Alternative – und fand eine interessant klingende Ausstellung im C/O Berlin. Ehrlich gesagt hatte ich gar nicht damit gerechnet, auf eine so fantastische Sammlung fotografischer Arbeiten zu stoßen. Präsentiert werden drei Fotografen aus unterschiedlichen Ländern, unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Zeiten: William Eggleston „Mystery oft the Ordinary“, Anastasia Samoylova „Floridas“ und Karolina Wojtas „C/O Berlin Talent Award 2022“.

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Frauenblick auf Inisherin

Monika Wrzosek-Müller

Der Film Banshees of Inisherin

Lange war ich nicht im Kino gewesen, in Berlin eigentlich zuletzt vor der Pandemie, also vor drei Jahren. Der Genuss, etwas auf der großen Leinwand zu sehen, ist schon beeindruckend, besonders bei einem Film, der visuell so fesselt. Der Film, aufgehängt zwischen einem weiten, dramatischen Himmel und der sehr schweren, von Steinmauern durchzogenen Erde, den wunderschönen grünen Wiesen, ist für mich ein Meisterstück. Die Pracht der Bilder strengt fast an, macht beinahe abhängig, alles wirkt wie ein Märchen, der Betrachter ist leicht benebelt. Zwar wissen wir, dass drüben auf der großen Insel ein Kampf im Gange ist, in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, genauer es handelt sich um den irischen Bürgerkrieg von 1922-1923, doch auf der kleinen Insel wird darüber wenig gesprochen, man ist kaum davon betroffen. Für das alltägliche Leben bleibt jämmerlich wenig Platz, Einsamkeit, Not und Armut sind erdrückend. Die Chance auf eine gute, interessante Neuigkeit dagegen gering; es passiert einfach zu wenig, nur der Himmel wechselt ständig sein Kleid. Die Menschen tragen immer dieselben alten, eher lumpigen Klamotten – außer der Schwester eines der beiden Haupthelden; sie ist überhaupt die kluge und schöne Prinzessin des Films.

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Frauenblick: Zinkjungen

Monika Wrzosek-Müller

Von schwarzen Tulpen und Zinksärgen

Wahrscheinlich war die Wahl des Stoffes für die jüngste Arbeit von Elżbieta Bednarska, einer polnischen Regisseurin und Theatermacherin, nicht durch die Ereignisse des Angriffskrieges auf die Ukraine bestimmt. Wahrscheinlich hat die Regisseurin schon vorher die Vorlage gewählt, nämlich das Buch von Swetlana Alexejewitsch, Zinkjungen Afghanistan und die Folgen. Doch Krieg bleibt Krieg, seine Zustände, Begleitumstände und Folgen sind ähnlich und so erleben wir ein einzigartiges Spektakel, für 90 eiskalte Minuten tauchen wir in die Absurdität des Krieges und seiner Grausamkeiten ein. Die Kälte der wunderschönen, doch nicht beheizten riesigen Vierung der Parochialkirche erinnert uns umso eindringlicher an das, was die Menschen in der Ukraine jetzt erleben: Kälte, Dunkelheit, Unsicherheit, Krieg, Detonationen, Sterben… Schrecken.

Der Reihe nach; am 19. 01. 2023 fand in der Parochialkirche in Berlin-Mitte die Premiere des Stücks Zinkjungen – Von schwarzen Tulpen und Zinksärgen statt. Das Konzept, die Auswahl der Texte und die Regie hat Elżbieta Bednarska besorgt, eine polnischstämmige Regisseurin. In Zinksärgen wurden die sterblichen Überreste der jungen russischen Soldaten, die im Afghanistankrieg gestorben waren, nach Hause gebracht; die Särge waren verschlossen, damit die Eltern nicht den entstellten Zustand der Leichen sehen konnten; sie wurden von den Schwarzen Tulpen, den Flugzeugen, „nach Hause“ gebracht, in die auseinanderfallende Sowjetunion, in der die Parolen des Kommunismus nichts mehr galten. Ihr Unglück war ein doppeltes: sie kehrten nicht als Helden zurück, der Krieg wurde nicht als großer Vaterländischer gefeiert, sondern sie wurden nur zu Opfern der Lüge und der Fehler gemacht. Den Eltern wurde eine Entschädigung in den damals gerade inflationären Rubel ausbezahlt, die auch bald nichts mehr Wert waren.

Zwar schreibt Alexejewitsch: „Es geht nicht darum, möglichst viel Schreckliches zu erzählen, das ist keine Literatur. Wichtig ist eine neue Perspektive“; doch ihre dokumentarische Erzählung, so nah am Kriegsgeschehen, bietet ein Bild des schrecklich sinnlosen Krieges, der für nichts und wieder nichts geführt wurde – dessen Opfer, die zu Tausenden gefallenen Soldaten, dann sehr schnell vergessen werden sollten. Ihre Stimme ist dreifach mächtig. Sie ist selbst dahin, also nach Afghanistan, gereist und hat darüber Tagebuch geführt; sie hat mit verschiedenen Soldaten gesprochen, nach der Rückkehr dann aber auch mit den Eltern, hauptsächlich Müttern. Es wurde sogar ein Gerichtsverfahren gegen ihre vorgeblich lügnerischen Berichte angestrengt; in einigen Anklagepunkten wurde sie schuldig gesprochen und sie musste für die Gerichtskosten aufkommen. Es entspann sich danach eine längere Diskussion darüber, was es denn eine „dokumentarische Erzählung“ im literarischen Sinn bedeutet, welchen Zwängen, Pflichten unterliege sie, aber auch welche Freiheiten bringt das Genre mit sich. Es gibt nämlich den Raum der Erkenntnis, dass jeder Angriffskrieg sich früher oder später als eine Lüge, als ein Unglück für die betroffen Menschen auf beiden Seiten entpuppt.

Die große stärke aller Inszenierungen von Bednarska sind die Orte, an denen sie stattfinden; immer ausgefallen, ungewöhnlich, bildstark, unterstreichen das Thema und verstärken den visuellen Charakter des Spektakels. Mir fielen im Vorraum der Kirche sofort der Totenschädel und das Skelett auf. Die Größe und die Pracht des leeren Raumes, der kreuzartig angelegt ist, mit einer riesigen Kuppel darüber, mit ganz schlichten freiliegenden Backsteinwänden eignet sich hier wunderbar. Bei der Kirche handelt es sich um den ältesten in Berlin reformierten Gemeindebau. Auf jeden Fall spielt der Raum mit und ist Teil der Aufführung. Auch die von Aljosa Dakic gestaltete Beleuchtung mit den Fresken, die auf das Gewölbe oben durch Handbewegungen immer neu projiziert werden – sich zwischen Helligkeit und Dunkelheit ständig verschiebende Sandmengen – spielen mit. Der Zuschauer muss sich immer wieder neu orientieren und konzentriert auf das Geschehen auf der riesigen Bühne reagieren. Diesmal wurden wir eigentlich auch sitzengelassen (was angesichts der Kälte fast eine „Zumutung“ war), wir konnten uns nur umdrehen und aufstehen, normalerweise (in anderen Aufführungen von Bednarska) wurden wir auf die Reise des Geschehens wortwörtlich mitgenommen. Die wunderbar gesungenen russischen, sowjetischen Lieder runden das Geschehen ab.

Mir ist besonders die junge Schauspielerin (Florentine Schara) auf den Rollschuhen aufgefallen, die mit Tempo und Bravour mit einer riesigen roten Fahne durch den Raum rast, zu pathetischer Musik; dieses Bild gibt dem ganzen Stück zusätzliche Dynamik, überzeugt auch mit symbolischer Kraft. Dem entgegengesetzt sind die fast in Zeitlupentempo vorgeführten Bewegungen der Soldaten auf der Bank; gelungenes Spiel mit den Gegensätzen.

Mir fehlten eindeutig die Särge, ich hätte sie in den Raum gestellt, sie sind so aussagekräftig. Die Schwarzen Tulpen haben wir richtig sehen können und ihre Landung beobachten. Die Texte von Swetlana Alexejewitsch sind für etliche Kriege repräsentativ; es reicht, das Wort Sowjetunion in Russland zu ändern – und dann passt der Text auch zu dem anderen, aktuell geführten Krieg. Diese Wahrheit über die Lügen des Krieges transportiert die Aufführung ganz klar und eindeutig.

Frauenblick: Bernardine Evaristo kontra Annie Ernaux

Monika Wrzosek-Müller

Jeder kämpft um seinen Platz in der Welt; selbst die bloße Existenz beweist das. Doch in der modernen, kapitalistischen Welt ist dieser Kampf zum Sinn des Lebens geworden. Manche haben mehr Kraft, Wut, Charisma, Talent, so dass sie sich an die Spitze durchkämpfen und sich da oben dann etablieren. Das Recht des Individuums auf Eigentum, auf seinen individuellen Weg ist festgeschrieben und das wird als Erfolg gefeiert. So wundert es niemanden, dass dieser Kampf und die Karriere wichtiger werden als das Leben mit den Mitmenschen, als die Moral – umso weniger, als die Kirchen immer weniger Zulauf haben und kaum jemand sich noch als gläubig bekennt und nach religiösen Geboten lebt.

Zunehmend kämpfen auch verschiedene Teilgruppen um ihre Rechte, wahrscheinlich zurecht. Nur, müssten wir nicht immer im Kopf behalten, dass mehr Platz für mich weniger Platz für andere bedeutet – was in den laufenden Auseinandersetzungen gar nicht beachtet wird.

Für mich interessant wird es, wenn solche Kämpfe in der Literatur ausgetragen werden, wenn die Literatur gar zur Waffe des Kampfs wird.

Der erste Satz in Annie Ernauxs Rede bei der Verleihung des Nobelpreises an sie klag nach erbittertem Kampf:

j`ai écrit pour venger ma race“ – „Ich habe geschrieben, um meine Rasse zu rächen“. Was meinte sie denn damit, sie, die weiße Tochter einer weißen christlichen Mittelklassefamilie in Frankreich. Es geht nicht um ethnische Herkunft auch wenig um das Geschlecht. Viel mehr meint sie ihre „Benachteiligung“ als eine, die nicht in die Elite der herrschenden und reichen hineingeboren wurde. Und letztendlich geht es um ihren persönlichen, eigenen Kampf um den persönlichen Aufstieg. So wie ich die Bücher unserer diesjährigen Nobelpreisträgerin verstanden habe (gelesen habe ich: „Die Jahre“, „Der Platz“, „Eine Frau“), hat sie tatsächlich für sich, für ihren Platz in der Welt, in der Literaturgeschichte geschrieben. Immer wieder über sich selbst, über ihre Eltern, ihre Mutter, ihren Vater berichtet – sachlich, wenig emotional, ausführlich, auch interessant, aber nur ihre Welt fand Eingang in die Beschreibung. Auch in der gut halbstündigen Rede drehte sich alles um ihr Schreiben, ihren Weg, ihre Suche nach der geeigneten Sprache, erst ganz zum Schluss kamen allgemeinere Aussagen über die Welt um sie herum. Mich macht immer wieder diese selbstbezogene Perspektive stutzig, die Welt ausschließlich durch die eigenen Augen, aber auch durch das Prisma der eigenen Interessen zu sehen, was bei manchen Autoren fast an Narzissmus grenzt; so bei Emmanuel Carrère in seinem Buch „Yoga“, bei dem ich völlig entsetzt war, da er gerade diesen Narzissmus als den yogischen Weg kennzeichnet, wo doch das Zügeln des eigenen Ego das Hauptziel des Yogaweges sein sollte. Ist das nicht ein bisschen dürftig für große Literatur, das ständige Kreisen um sich selbst…

Ein Gegenbeispiel bot mir das Buch von Bernardine Evaristo „Mädchen, Frau, etc.“. Auf 550 Seiten beschreibt sie Schicksale und Lebenswege von 12 britischen Frauen, die alle zu den „people of colour“ gehören. Ihre Lebensläufe sind miteinander verflochten und daraus resultiert für mich die Erkenntnis der Schriftstellerin: wir sind miteinander verbunden, wir leben nicht jeder für uns allein. Die geschilderten Umstände und Ereignisse werden auch durch autobiografische Tatsachen unterbaut und unterstützt. Wenn man sich die Interviews mit der Schriftstellerin anhört, erfährt man, wie viel Parallelen es zu ihrem eigenen Leben gibt; das macht das Buch so authentisch und kraftvoll.

Es ist durchaus ein feministisches Buch, es streitet für die Rechte der „coloured“ Frauen in England. Auch wenn Sätze fallen wie: „Feminismus ist doch voll Herdennummer, hat Yazz [die Tochter der Hauptheldin] ihr erklärt, ganz ehrlich, heute ist es sogar schon durch, noch eine Frau zu sein, neulich hat bei uns an der Uni diese nicht-binäre Aktivistenperson gesprochen, M M das war der mega Eye-Opener für mich, ich denke, in Zukunft sind wir irgendwann alle nicht-binär, weder männlich noch weiblich, was ja alles sowieso nur Genderperformance ist, und das heißt dann auch, Mumsy, dass deine Frauenpolitik überflüssig wird, abgesehen davon bin ich Humanistin, das spielt sich auf einer viel höheren Ebene ab als Feminismus
Hast du davon gehört?“

Das Buch dokumentiert fast auf ethnologische Art und Weise das Leben dieser 12 Frauen, in Gesprächen, Monologen stellen sich die Frauen vor. Sie stammen aus allen Teilen der Welt; das Einzige, was sie verbindet, ist ihre dunklere Hautfarbe und, daraus folgend, ihre komplizierten Schicksale, die irgendwie zusammenhängen. Die Schriftstellerin selbst wurde in London geboren, ihr Vater stammt aus Nigeria, die Mutter war englische Grundschullehrerin, sie studierte und war am Theater tätig, inzwischen lehrt sie kreatives Schreiben an der Londoner Universität. Über die Hauptheldin, die eindeutig die Züge der Autorin trägt: „sie widmete sich ganz der Mission, sich in schwarzer Geschichte, Kultur, Politik und Feminismus weiterzubilden, entdeckte die alternativen Buchläden von London…und stöberte dort stundenlang: Geld, um sich etwas zu kaufen hatte sie nicht, las aber Home girls: A Black Feminist Anthology von vorn bis hinten durch, im Stehen und in wöchentlichen Tranchen…
Die Buchhändlerinnen schien das nicht zu stören
Als ich schließlich an einer sehr konventionellen Schauspielschule genommen wurde, da war ich lange politisiert und stellte dort alles in Frage
Als einzige Nichtweiße der Schule…“

Das Buch liefert uns aber auch ein Panorama der Zeit; da die Frauen verschiedensten gesellschaftlichen Schichten angehören, aus unterschiedlichen Familien stammen, verschiedene Berufe ausüben, erfährt man, wie sich die Beziehungen mit der Zeit verändern, wie die Probleme sich vertiefen oder auch lösen. Es ist ein Roman, der etwas sehr Warmes, Menschliches an sich hat, er erinnert uns daran, was uns zusammenhält, was wichtig für das menschliche Zusammenleben ist. Mit Humor, wirklich oft witzig und augenzwinkernd, auf keinen Fall moralisierend, schlägt auch vor, die DNA zu untersuchen, um die eigenen Identitätsprobleme zu lösen:

„als das Testpaket eintraf, gab Penelope den Anweisungen gemäß eine Speichelprobe in das Teströhrchen, schickte es mit der Post zurück…
Jüdisch, das ging noch, aber nie im Leben hätte sie damit gerechnet, Afrika in ihrer DNA zu sehen, das war der größte Schock überhaupt, der Test hielt überhaupt keine Antworten bereit, er stellte sie vor lauter neue Fragen“

Überhaupt ist das Buch so undogmatisch und ohne jegliche Ansprüche, einer Ideologie folgen zu müssen, es zeigt die ganze Ambivalenz des Lebens in der modernen Welt.

Ich kann mir den Text sehr gut als ein Bühnenstück, vorstellen; vielleicht auf einige Episoden reduziert, aber mit dieser Wucht der Authentizität und des Gelebten, direkt vorgetragen, ohne sich in die Schablonen der gerade modernen Begriffe zwingen zu lassen.

„Dr. Roland Quartey, landesweit erster Professor für Modernes Leben an der University of London
Echt jetzt? Für das ganze moderne Leben, Dad? …‘
ist das nicht, na ja, ein bisschen sehr hoch gegriffen? Musst du dafür nicht eigentlich Experte für alles sein, in einer Welt mit über sieben Milliarden Menschen und, was weiß ich, zweihundert Ländern und mehreren Sprachen und Kulturen
ist das nicht mehr so Gottes Zuständigkeitsbereich? Sag bloß, du bist neuerdings Gott, Dad? Also, so ganz offiziell? …“

So und ähnlich laufen die Gespräche, es gibt aber auch einige episch erzählte Lebensläufe, die unkonventionell und einzigartig sind. Der Roman ist wirklich wert gelesen zu werden.

Frauenblick: Irgendeinen Zug nehmen

Monika Wrzosek-Müller

Wsiąść do pociągu byle jakiego
Nie dbać o bagaż
Nie dbać o bilet
Ściskając w ręku kamyk zielony
Patrzeć jak wszystko zostaje w tyle…

[Irgendeinen Zug nehmen, sich nicht ums Gepäck kümmern und nicht um eine Fahrkarte
In der Hand ein grünes Steinchen haltend, schauen wie alles zurückbleibt]

Als ich noch in Warschau Ende der siebziger Jahre dieses Lied von Maryla Rodowicz hörte, war mir eher der erste Satz des Reifrains wichtig, mit den Jahren gewinnt eher der letzte an Bedeutung. Gerade habe ich erfahren, dass die Verfasserin des Liedtexts, Magdalena Czaplińska einen Prozess gegen die Polnische Bahn (PKP) gewonnen hat. Die Bahn hat auf Plakaten mit dem Text geworben, ohne sich um die Rechte daran zu kümmern.

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Ich erkläre den Krieg

Monika Wrzosek-Müller

Als Kinder spielten wir ein Spiel, das mir jetzt, wahrscheinlich wegen des Krieges in der Ukraine, immer wieder in den Sinn kommt. In der Wohnsiedlung des Elektrotechnischen Instituts, wo mein Vater arbeitete und wir nebenan wohnten, lebten ganz viele Kinder in der unmittelbaren Nachbarschaft. Sie waren im gleichen Alter wie ich, die starken Nachkriegsjahrgänge machten sich bemerkbar; wir bildeten Banden, die untereinander rivalisierten. Die Häuser standen mitten im Wald, sie waren verschieden groß, zwei und vier-Stockwerke hohe Wohnblocks, darin lebten alle Mitarbeiter des Instituts, aus verschiedenen Berufsgruppen, also aus diversen gesellschaftlichen Schichten. Eigentlich nie in meinem verwickelten Leben später fühlte ich mich so wohl und sicher wie dort auf diesem Gelände; die Kinder konnten sich sehr frei und sehr geschützt bewegen, obwohl das Terrain sehr groß war; es gab nämlich einen Zaun rundherum, und die Eltern ließen uns stundenlang allein spielen. Wer dieses konkrete Spiel initiiert, mitgebracht hatte, weiß ich nicht mehr, doch wir spielten es immer wieder, mit den Namen diverser Länder, aber mit den gleichen Kindern, und der Ausgang, der blieb immer offen…

Das Spiel ging so: Ein großer Kreis wurde mit einem Stock auf der Erde oder mit Kreide auf der Straße gezogen. Damit der Kreis ordentlich aussah, stellte sich ein Kind in die Mitte und hielt mit ausgestreckten Armen ein anderes und drehte sich um eigene Achse; das andere zog mit dem Stock eine Linie auf dem Boden. Wenn wir ganz viele waren, mussten sich zwei Kinder an den Händen halten und das äußere Kind zog dann den Kreis. Das war gar nicht so einfach und wir versteiften uns darauf, einen schönen, gleichmäßigen Kreis hinzukriegen. Dann wurde der Kreis wie eine Torte oder eine Pizza (die wir aber damals nicht kannten) in so viele Stücke geteilt, wie es mitspielende Kinder gab. Die Kinder wählten sich Länder aus, die sie repräsentieren sollten aus, stellten sich an den Aussenrand ihres Stücks, mit dem Gesicht zur Mitte und schrieben die Kürzel für ihre Länder auf den Boden, z.B. P für Polen. Ein Kind lief außen um den Kreis herum, hielt ein Stock oder ein Steinchen und rief: „ich erkläre den Krieg, Pick, Pick gegen, erkläre den Krieg gegen, gegen, Pick, Pick, gegenz.B. gegen Polen“ und warf den Stock auf das Territorium mit dem Buchstaben P. In dem Moment liefen alle anderen schnell weg; das Kind aber, dem der Krieg erklärt worden war, musste ganz schnell den Stock aufheben und „Stopp“ schreien. Daraufhin sollten alle stehenbleiben und das Kind in der Mitte suchte die ihm am nächsten stehende Person aus und warf den Stock in deren Richtung; wenn es traf, durfte es sich von deren Territorium ein Stück abschneiden. Dafür aber durfte die Person, deren Territorium beschnitten worden war, jetzt den Krieg, also das Spiel anführen. Es gewann natürlich derjenige, der am Ende das meiste Territorium hatte. Oft dauerte es sehr lange und es wurde nicht immer ganz klar, wer letztendlich gewonnen hatte; die durcheinander geratenen Grenzen waren irgendwann nicht mehr erkennbar…

Das Spiel weckte große Emotionen. Nicht nur, dass manche Kinder Ländernamen wählten, die die anderen nicht kannten – Brasilien, Argentinien oder Bolivien waren mir damals (ich war vielleicht neun Jahre alt) völlig unbekannt. Sondern man erregte sich auch darüber, dass manche öfter drankamen als andere und deshalb gewannen. Oft spielten irgendwie doch die Jungs gegen die Mädchen, oder wir spielten gegen jemanden, den wir nicht mochten. Es gab auch unbeliebte Länder wie Deutschland oder Sowjetunion, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, dass jemand wirklich die Sowjetunion wählte. Sehr beliebt dagegen waren die USA und Frankreich. Oft endete das Spiel in einem richtigen Streit, die Verlierer wollten nie wieder mit dem Gewinner spielen.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, so erscheinen mir zwei Dinge dabei sehr prägnant und erstaunlich: es verblüfft mich, wie lange nach dem Krieg (ungefähr 20 Jahre), doch noch Krieg gespielt wurde, auch von den Mädchen, d.h. wie lebendig er auch in unserer Generation eigentlich noch war. Er dominierte offensichtlich unsere Wirklichkeit, war also im Familienleben immer weiter präsent. Je weniger man darüber sprach, je mehr über bestimmte Tatsachen geschwiegen wurde, desto präsenter waren sie für uns Kinder. Zweitens staune ich, wie klug und vielseitig so ein Spiel war, wir lernten neue Ländernamen kennen, wir mussten schnell reagieren, uns konzentrieren und miteinander kämpfen. Es weckte nicht immer ganz saubere Instinkte und wurde nicht immer ganz korrekt ausgetragen, doch das gehörte auch zum Leben. Überhaupt denke ich, dass das Ambiente eines freien, großen Geländes, eines riesigen Hofs, auf dem alle miteinander spielten, für unsere Entwicklung sehr hilfreich, prägend war.

Nicht zuletzt: Dass mir gerade dieses Spiel in der letzten Zeit in den Sinn gekommen ist, spricht Bände. Der Ukraine-Krieg hat uns in seinen Bann gezogen; wenn ich jetzt überlege, wie lange es dauern wird, bis das Gespenst des Krieges aus den Träumen und aus dem Leben der ukrainischen Kinder, der Mütter und der Väter (die aktiv daran teilnehmen) verschwindet; wie lange man in den bestimmten Denkweisen gefangen ist, die einen prägen, ohne dass man es will oder sich auch nur darüber im Klaren ist. Es braucht Generationen kluger Erziehung, um die Leute wirklich an den Frieden heranzuführen, und meistens bedarf es auch des Wohlstands, der Hoffnung auf bessere Zukunft; sonst sind die Bemühungen um den Frieden noch langwieriger und schwieriger.

Frauenblick auf Putinland

Monika Wrzosek-Müller

Putinland“ von Leonid Wolkow

Seit dem Krieg in der Ukraine versuche ich diese Aggression zu verstehen und nachzuvollziehen, wie es in Russland dazu kommen konnte, dass ein Mann, den man allgemein für eher vernünftig und eher westlich orientiert hielt, uns allen und vor allem den Ukrainern das antun konnte. Ich weiß, dass meine Mutter immer sagte (sie hat im Zweiten Weltkrieg 8 Jahre unfreiwillig in der Sowjetunion, im heutigen Kasachstan verbracht), die Russen seien eine sehr nette, für Musik und Mathematik begabte Nation, aber ungeheuerliche Chauvinisten. Das kann man schlecht als Erklärung für diese Tat stehen lassen und so lese ich rundherum, was in den Jahren in Russland passiert ist, in denen wir uns eher für alles andere interessiert haben. So kam ich auch zu diesem Buch.

Der Untertitel enthält schon eine Information über den Inhalt: Der imperiale Wahn, die russische Opposition und die Verblendung des Westens.

Die einzelnen Kapitelüberschriften geben weiteren Aufschluss:

  • Russlands „wilde Neunziger“
  • Die Errichtung der Machtvertikale
  • Widerstandsgeist und Protestbewegung
  • Bürgermeisterwahl in Moskau
  • Nach der Annexion der Krim
  • Nawalnys Präsidentschaftswahlkampf
  • Die Schlagkraft vernetzter Opposition
  • Der Giftanschlag
  • Russland überfällt die Ukraine
  • Medienmacht und Meinungsbildung
  • Angriffsziel Internet
  • Andersdenken verboten
  • Putins Oligarchen
  • Wir gehören zu Europa
  • Nach Putin: Szenarien und Hoffnungen

Der Autor Leonid Michailowitsch Wolkow, geb. 1980, war und ist ein Freund von Alexei Nawalny, für den er als IT- Experte den Wahlkampf und die Antikorruptionsstiftung organisiert hatte. Also repräsentiert er eine Stimme von innen, aus dem Bauch Russlands (er stammt aus Jekaterinburg), auch wenn er seit 2019 im Exil, in Wilna/Litauen, lebt und von dort aus die Entwicklung in Russland weiter begleitet. Das Buch wurde aus seinen Vorträgen innerhalb von drei Monaten zusammengeschrieben, das merkt man dem Text auch an, doch der Leser erfährt viel über die Entwicklung Russlands zu einer Diktatur. Nebenbei lesen wir über die oppositionelle Szene, wie sie sich entwickelte, wie sie funktionierte, was sie erreicht hat. Den Optimismus des Autors teile ich nicht, aber es ist für uns alle gut zu wissen, dass es organisierte oppositionelle Szene in Russland gibt. Wir, dabei denke ich an die Polen, wissen gut, wie lange und wie gut die Opposition damals vor der Solidarnosc-Zeit organisiert sein musste, wie viel Organisationstalent und Wissen über die Möglichkeiten des Kampfes, wieviel Ausdauer und Durchhaltevermögen es brauchte, um das Regime zu stürzen. Natürlich gab es damals kein Internet und keine entsprechenden Möglichkeiten der Vernetzung, das erleichtert jetzt vieles, vor allem die Kommunikation, ist aber nicht immer verlässlich. Der mögliche Follower brennt nicht immer wirklich und unbedingt für die Sache; ein Klick im Handy oder am Laptop bedeutet nicht, dass derjenige auch einen Beitrag leisten und entsprechend wählen geht, ganz zu schweigen von der Teilnahme an Demonstrationen und anderen Aktionen der Opposition.

Russland hat in den letzten Jahren einen massiven Ruck Richtung Mafiastaat vollzogen; Putin gleicht einem Mafiaboss und obwohl er am Anfang des Buchs als „kleine Leuchte“ beschrieben wird, konnte er dieses riesige Land total nach seiner Vorstellung umgestalten. Dasselbe erzählt in einem Interview Boris Bondarjew, ein russischer Diplomat, der sein Amt nach 20 Jahren niedergelegt hat, in der FAZ am Sonntag: „Er hat dieses Regime errichtet. Es fußt auf Korruption, und zwar auf allen Ebenen des Staates und der Gesellschaft. Alles ist auf ihn ausgerichtet. Er ist die Säule, die alles stützt. Keiner aus seinem Zirkel kann die gleiche Autorität ausüben. Ich bin mit Alexej Nawalny einer Meinung, dass man Russland als Mafiastaat beschreiben kann. Alles beruht auf informellen Beziehungen und Vereinbarungen. Ganze Ministerien oder föderale Behörden werden für Person geschaffen. Wenn Putin in den Ruhestand träte, wäre er seinem Nachfolger ausgeliefert. Er hätte keine Garantien für seine Sicherheit.“ Die Geschichte dazu erzählt das Buch; es geschah schrittweise, immer deutlicher wurden die Anzeichen, doch wir schauten nicht hin, wollten es nicht sehen. Noch klangen in unseren Ohren die verführerischen Worte wie Perestroika, Glasnost etc…, dass in Russland Gorbatschow ganz unbeliebt war, haben wir gar nicht bemerkt. Dann, als allmählich die Protestaktionen verboten wurden, später die Gouverneure nicht mehr gewählt, sondern von oben eingesetzt wurden, hat sich auch niemand besonders aufgeregt. Dann kamen die Morde an Journalisten, Politikern; die Giftanschläge und sogar die Besetzung der Krim verliefen für Putin glimpflich, das alles finden wir in dem Buch wieder. „Im Eiltempo verwandelte sich Russland von einem hybriden autoritären Regime in ein totalitäres Regime, von einer Pseudo-Demokratie in ein vollendetes faschistisches System.“ Der Schritt zum Krieg war dann ganz nah.

Der Autor liefert aber auch die Idee und den Aufbau der Organisation, die sich gegen Putin gestellt hatte; die Bildung der „Stäbe“ Nawalnys als Einheiten des Widerstands in ganz Russland und die Antikorruptionsstiftung: „Stellen wir uns die Pyramide als einen Eisberg vor, der im Meer schwimmt: die Spitze des Eisbergs ragt heraus, aber der allergrößte Teil der Eismasse befindet sich unter Wasser. Dem Kreml ist es in den vergangenen elf Jahren nicht gelungen die Protestbewegung in Russland zu vernichten.“ Aber auch horizontale Strukturen und Kommunikationsnetze wurden geschaffen, die viele Millionen Menschen verbinden.

Schön sind die Passagen über die Allmacht der Propaganda: „Der russische Fernsehzuschauer ist kein Idiot, er ist nur daran gewöhnt, in einem toxischen Informationsmilieu zu existieren. […] In der Sowjetunion gab es ein geflügeltes Wort: In der „Iswestija“ gibt es keine Wahrheit, in der „Prawda“ keine Nachrichten („Iswestija“ bedeutet Nachrichten, „Prawda“ Wahrheit- beides die wichtigsten Zeitungen Russlands). […] Und dass die neue Propaganda keinen Deut besser ist als die alte sowjetische, wissen sie auch. Das Problem ist, dass die Skrupellosigkeit und Maßlosigkeit der neuen russischen Propaganda ihr Vorstellungsvermögen schlicht übersteigt. Jeder Mensch kann nur so weit blicken, wie sein eigener Horizont reicht… Wenn heute dem russischen Fernsehzuschauer rund um die Uhr Horrorgeschichten von den blutrünstigen Nazis in der Ukraine erzählt werden, die Kinder bei lebendigem Leib auffressen, dann findet in seinem Kopf genau dieser Denkmechanismus statt. Natürlich glaubt er nicht wörtlich, was man ihm da erzählt, er weiß ja, dass er belogen wird, ein bisschen vielleicht, oder ein bisschen mehr, egal, aber doch nicht ganz und gar. Soviel er auch abzieht und herunterrechnet, am Ende bleibt ein kleiner Rest, den er glaubt. Er denkt, na gut, das mit dem Kinderfressen muss wohl stimmen, aber bestimmt nicht roh, wahrscheinlich werden sie sie vorher kochen oder wenigstens anbraten.“

Dem Ausblick in die Zukunft, die nach Putin kommen wird, widmet der Autor ein Kapitel: Szenarien und Hoffnungen. Die wichtigste Erkenntnis für mich war, dass der Putinismus Putin nicht überleben wird. „Das System, das Putin errichtet hat, kann er niemandem vererben, es ist absolut personalisiert.“ Also ist die erste Möglichkeit einer Veränderung der Tod des Diktators; es wird Kämpfe um seine Nachfolge geben, ein mögliches Interregnum auch. Ein anderes Szenario wäre ein Aufstand der Eliten, seiner Oligarchen, die nicht mehr genug verdienen, also eine Palastrevolution. Die dritte Möglichkeit ist der Massenprotest, wenn der Leidensdruck zu groß wird, zu viele Soldaten sterben, ihre Mütter es nicht mehr ertragen können. Das könnte in einen Bürgerkrieg ausufern, nur, was erlaubt uns bei all den schrecklichen Szenarien optimistisch zu bleiben? Um mit Nawalny zu sprechen, „to see the bigger picture“. Für den Autor bleibt der Ukrainekrieg nicht nur ein Horror, er hat neue und einzigartige Wege eröffnet zur Lösung von alten Problemen. Der Wandel Russlands zu einer Demokratie ist durch den Krieg viel realistischer geworden. Denn es muss eine Reinigung und Neuausrichtung des Landes geben, die Aufarbeitung und Aufklärung aller Verbrechen. Russland muss seine Lektion lernen, es gibt keine andere Option und das berechtigt uns zum Optimismus. Wichtig erscheint auch dem Autor, wie die Ära Putin endet; am besten wäre, wenn er vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Hag gestellt werden könnte, dann kämen alle seine Verbrechen und Taten ans Licht, es könnte sich kein Mythos des großen russischen Helden bilden.

Leider befinden wir uns heutzutage immer noch nicht an diesem Punkt der Geschichte und viele Menschen in der Ukraine sterben, die Städte werden bombardiert und irgendwie weiß niemand, wo, wann und wie diese Geschichte enden wird.

Brandenburg-Ticket

Nachdem wir ein Sommer lang mit dem 9-Euro-Ticket gafahren sind, beginnen wir alte Reisemöglichkeiten wieder zu entdecken. Brandenburg-Ticket für 33 Euro, 5 Personen und einen Tag gilt als schöne Neuigkeit.

Monika Wrzosek-Müller

Bericht über einen Ausflug nach Stettin

Sie wurde am 6. 10. um 6.30 Uhr von einem schrillen Ton geweckt; erst einmal wusste sie nicht, was los war: warum, wieso, um diese Uhrzeit, noch im Dunkeln, völlig in der Nacht. Allmählich klärte sich alles im Kopf, ja das war ihr neues Handy und es klingelte zum ersten Mal, kein Wunder, dass sie den Klingelton nicht kannte. Dann sprang sie schnell aus dem Bett, der Ausflug nach Stettin stand an. Jetzt musste sie sich leise anziehen, Zähne putzen und zur S-Bahn laufen. Es war ihr gar nicht klar, dass es um diese Uhrzeit noch so dunkel ist. Die S-Bahn war voll und allmählich wurde es heller. Auf dem Bahnsteig trafen sich alle Ausflugsteilnehmer, das Brandenburg-Ticket sollte sie auch bis nach Stettin bringen, sie traten als Gruppe auf.

Die Fahrt ging abenteuerlich weiter, man wurde gezwungen, auf verschiedene Verkehrsmittel auszuweichen, obwohl man eigentlich die Bahn benutzte; zwischen Angermünde und Passow gab es Schienenersatzverkehr, es wurde ein alter, ratternder Bus gestellt (alle Zugreisenden sollten in diesem einen Bus Platz finden), zum Glück waren schon in der Regionalbahn wenig Menschen und alle sprachen Polnisch. Wir fuhren mit dem Bus durch ausgedehnte Felder, auf denen noch schwarz verbrannte Sonnenblumen standen. Die Bahnstationen existierten so gut wie gar nicht mehr, sie waren im letzten Stadium des Verfalls, die Fenster verrammelt, keine Information, nichts.

Dafür begrüßte sie Stettin mit einem neuen, völlig unscheinbaren Bahnhof. Früher waren die Bahnhöfe Repräsentationsbauten, jetzt verschwanden sie zwischen den anderen Gebäuden. Doch es war gemütlich, sich in ein schickes, neues Bahnhofscafé zu setzten, zwar mit einer Dekoration für die im letzten Jahr ausgefallene Silvesterfeier, doch mit bequemen Sesseln und guter Bedienung. Nach längeren Querelen wegen des Bezahlens konnten alle das Café verlassen und wir fuhren Richtung Stettiner Westend. Zwei Brüder der Familie Quistorp, Johannes und Heinrich, haben damit den nachfolgenden Generationen gezeigt, wie man leben kann; mit prächtigsten Villen und einer Pflegeeinrichtung Bethanien. Johannes realisierte dies in Stettin, Heinrich in Berlin. Wir besichtigten eine wirklich fantastisch restaurierte, opulente, dekadente und manieristische Villa der Familie Lentz. Später wollten wir noch nachschauen, ob aus dem Anlass des 200. Geburtstags das Grab von Johannes Quistorp wieder hergerichtet worden war; leider standen wir vor einem völlig zerstörten, inexistenten Friedhof.

Sie musste immer wieder an die Polen denken, die nach dem Krieg aus den östlichen Gebieten hierherkamen, sie sah vor sich diese alten, damals zerstörten Reichtümer, die Prachtbauten, die ihnen völlig fremd waren, den Backstein, die riesigen Kirchen, das Schloss. Wie ging es ihnen, was fühlten sie, konnten sie darin leben? natürlich fragte sie damals keiner danach.

Die Quistorpsche Auenanlage mit alten Platanen auf beiden Seiten und riesigen Rasenflächen weckte ihre tiefe Bewunderung; am Ende standen die alten Amtsgebäude (der Stadtverwaltung), die etwas überdimensioniert waren, aber gut und sehr aufwendig restauriert. Im Eilgang ging es dann zu den Hakenterrassen am Oderufer, vorbei an dem Nationalmuseum und einer Marinehochschule, dem alten Rathaus, einem schönen Marktplatz mit einigen gut restaurierten Bürgerhäusern, dem Renaissanceschloss der Pommerschen Herzöge, der riesigen Jakobskathedrale zurück zu dem sehr bescheidenen Bahnhof, der aber mit allem lebenswichtigen Komfort (einem WC mit Meeresrauschen) ausgestattet war.

Die Rückreise verlief wiederum abenteuerlich, mit zwei Mal umsteigen (doch diesmal schon in gewohnter Manier) und einer Busfahrt nach Berlin. Wir sind wieder im Dunkeln angekommen, pünktlich, glücklich und zufrieden; das Wetter hat mitgespielt.


Und zum Abschluß:

Foto: Monika