Frauenblick. Die Veränderungen rundherum.

Monika Wrzosek-Müller

Ich fahre immer wieder nach Warthe; in ein wunderschönes Fleckchen Erde in der mittleren Uckermark. Normalerweise dauert die Fahrt nicht lang, eine Stunde und zwanzig Minuten. Leider wird seit einem Monat die B 96 in der Höhe von Nassenheide erneuert und ist ab dort gesperrt. Dass eine Fahrbahn erneuert werden muss, ist an sich normal, und irgendwann muss das auch geschehen. Vielleicht hat man dabei sogar bedacht, dass während der Sommerferien weniger Menschen die Strecke benutzen, doch es ist auch eine touristische Region, also kommen in dieser Jahreszeit sogar mehr Menschen hierher. Der Umweg über den Berliner Ring verlängert die Anfahrtszeit um ca. 40 Minuten, so dass man jetzt doch zwei Stunden braucht. Leider sind auch auf dieser Strecke Bauarbeiten im Gang (es wurde überall Split aufgetragen, um die Fahrbahn auszugleichen), die fast die ganze Umleitung begleiten und die Fahrgeschwindigkeit auf 30 km reduzieren. Das verlängert die Fahrt noch einmal beträchtlich. Noch unverständlicher für mich war aber, dass einmal die Strecke über Nassenheide plötzlich freigegeben wurde und laut GPS die alte Strecke als befahrbar erschien, obwohl die Arbeiten gar nicht beendet worden waren. Ich habe mich darauf verlassen und dann einen Horrortrip durch die Seitenstraßen im Ort Nassenheide erlebt; natürlich war es den Häuschenbesitzern in den Wohnstraßen gar nicht recht, den ganzen Verkehr in den Norden vor ihrer Nase vorbeirollen zu sehen. Natürlich haben sie auch versucht, den Verkehr zu blockieren. Es gab unschöne Szenen.

Das ärgert natürlich, doch richtig traurig macht mich das, was in unserem Dorf in der Uckermark schon seit längerem passiert.

Das Dorf Warthe liegt an einem schönen See, umgeben von wunderbaren Buchenwäldern, in denen die Pilze bei Regen nur so in die Höhe schießen. Es ist eine Oase der Ruhe, wird aber leider immer ruhiger, fast verschwindet das Leben aus der Ortschaft gänzlich. Die alte schöne Schule wurde schon vor langer Zeit aufgegeben und wartet auf einen Investor, der darin eine Pension, eine Gaststätte oder sonst etwas einrichten könnte. Die wunderbare Dorfkneipe „Drei Eichen“ ist nach dem Tod des Betreibers, Kochs und Besitzers ebenfalls geschlossen, d.h. die Räumlichkeiten sind noch verfügbar, aber leider findet sich kein Nachfolger, der die Mühen des Gasthausbetriebs auf sich nehmen wollte. Zuletzt hat auch der letzte Treffpunkt des Dorfs, nämlich die Bäckerei zugemacht, wo man manchmal Kaffee und Kuchen, Brot und Brötchen, Milch und Zeitungen kaufen konnte. Damit sind eigentlich alle öffentlichen Orte, wo das Dorfleben zur Gemeinschaft wurde, verschwunden. Selbst die Kirche, die, wie mir schien, sehr selten aufgesucht wurde, ist nur noch sporadisch zugänglich – meistens ist sie geschlossen und der Pfarrer kommt alle vier Wochen, um einen Gottesdienst abzuhalten. Wahrscheinlich, wenn man sich mehr dafür interessiert, kann man die Gemeindemitglieder in anderen Kirchen in der Umgebung sichten und vielleicht kennenlernen.

Die Dorfgemeinschaft versucht jetzt, im Sommer, durch Dorffeste den Zusammenhalt zu stärken, das ist aber auf die Sommerperiode beschränkt und schafft keine Kontinuität. So ist es nicht verwunderlich, dass die jungen Leute aus der ländlichen Region hier verschwinden.

Noch eine Veränderung, die auf dem Waldweg um den See eingetreten ist und die teilweise schon durch die Biber und durch Windböen während der Stürme der letzten Jahre vorbereitet worden ist: unheimlich viele Bäume wurden gefällt, auch alte, schöne, gesunde Buchen neben vielen Kiefern, die vielleicht auch zu eng gestanden haben. Jemand hat offensichtlich viel Holz verkauft. Der Uferweg hat sich gänzlich verändert, es gibt jetzt viele völlig kahle Stellen; manche Leute fragen danach, was hier passiert ist. Wer hat das gemacht, erlaubt, ausgeführt? Hat es gebrannt?

Zum Glück lebt das Camp für Jugendliche im Sommer auf; es sind viele Kinder da, die ihre Sommerferien hier verbringen, im See schwimmen und im Wald herumlaufen. Sie haben auch richtig Kurse, die sie belegen können, für Malen, Fotografieren, Angeln, Schwimmkurse etc… Die Gegend eignet sich hervorragend dazu.

Doch irgendwie wäre mehr Initiative nicht schlecht.

Frauenblick: Macbeth

Monika Wrzosek-Müller

Macbeth bei den Salzburger Festspielen (und nicht nur)

In der Oberschule in Polen haben wir Shakespeares Drama Macbeth gelesen und dann auch Ausschnitte davon aufgeführt. Besonders gut erinnere ich mich an die drei Hexen, die ihren Text tanzend und singend vortrugen, denn eine von den dreien war ich. Diese Theateraufführungen liebte ich sehr; dadurch blieben mir auch viele Texte im Gedächtnis. Noch heute kann ich die Prophezeiungen der Hexen rezitieren.

Macbeths blutrünstiges Morden, die für mich schicksalhaft an den blutigen Händen von Macbeth und stärker noch an den Händen von Lady Macbeth hafteten, stellte, so schien mir, eine direkte Fortsetzung der griechischen Tragödien dar. Auch hier gab es einen Chor (eben den der Hexen), die die Ereignisse vorhersagten und kommentierten. Außerdem faszinierte mich die Person der Lady Macbeth, die eine viel wichtigere Rolle bei der Tragödie spielte als ihr Mann. Sie stiftete ihn zu den Morden an; irgendwann aber gerieten beide in den Sog der blutigen Ereignisse. Immerhin versuchte Macbeth sein Gewissen mit den Prophezeiungen der Hexen zu beruhigen, irrtümlich legte er sie immer wieder zu seinen Gunsten aus. Die Rolle der Magie, des Schicksals im Leben des Einzelnen strahlt aus diesem dunklen Drama. Shakespeare hatte und hat immer wieder Anschluss an die Gegenwart gefunden, seine literarischen Aussagen sind heute immer noch ganz aktuell.

Vor ein paar Tagen sah ich bei ARTE die Aufführung der Oper Macbeth von Giuseppe Verdi bei den Salzburger Festspielen. Wahrscheinlich habe ich die Produktion so aufmerksam verfolgt, weil sie von dem polnischen Regisseur K. Warlikowski, in der Choreographie seiner Frau Małgosia Szczęśniak, stammt. Warlikowski hebt den Gegenwartsbezug der Oper hervor, lässt den Größenwahn und die Zerstörungswut triumphieren. Das wunderbare Bühnenbild – mit einer langen Bank in einem Warteraum – erinnert mich etwas an die Gemälde von Edward Hopper; im Hintergrund kompliziert konstruierte Auf- und Übergänge, mit einem fahrbaren Kasten, in dem der Chor der blinden Hexen sitzt und steht. In gewisser Weise zu Warlikowskis festem Repertoire gehört auch die Kinderschar, ebenso das Psychologisierende der Inszenierung: dass Lady Macbeth keine Kinder gebären kann und aus diesem Grund zu einer machtgierigen, rücksichtslosen Person wird, wird sehr nachvollziehbar; eine lange Szene, auf einem riesigen Bildschirm eingespielt, zeigt die verzweifelte Lady Macbeth bei einer gynäkologischen Untersuchung – für mich eher wie ein Theaterstück als wie eine Oper wirkend.

Die wunderschönen Kostüme der Frauen aus ungefähr den 1930er Jahren und die konventionellen Anzüge der Männer, entworfen von M. Szczesniak, lassen das Mittelalterliche bei Shakespeare gänzlich verschwinden. Bei einer Szene, in der eine der Damen, Teilnehmerin an dem Fest zur Krönung Macbeths, den Kindern einen Gifttrunk verabreicht und sie damit umbringt, denkt man unwillkürlich an Magda Goebbels und ihren Mord an den eigenen Kindern und ihren Selbstmord. Allgemein zitiert Warlikowski ausgiebig Bilder aus Filmen oder anderen Genres.

Die Kinder in der Warlikowski-Inszenierung sind wehrlos, sie unterliegen ihrem Schicksal, sie werden sogar wie eine Speise auf einem Silbertablett serviert; sind sie aber nicht die heimlichen Helden des Spektakels?

Überzeugend fand ich die Sängerin Asmik Grigorian, vielleicht vor allem als Schauspielerin, bestimmt als eine schöne Frau, weniger als Opernsängerin. Im Vergleich zu ihr gerät Vladislav Sulimsky, der Macbeth im grauen Anzug, wohl etwas in den Hintergrund. Überhaupt gibt es keine klassisch opernhaften Stehbilder, in denen die Arien vorgesungen werden, die Darsteller bleiben ständig in Bewegung; auch das Gehäuse für den Chor wird rein- und rausgeschoben, eine riesige Neonröhrensonne leuchtete aber allem. Am Ende gab es standing ovations – zu Recht; die Bilder werden bleiben; an der Musik können wir uns auch anderweitig erfreuen.

Nebenbei habe ich etwas über Giuseppe Verdi erfahren: Macbeth ist die zehnte von seinen 26 Opern. Er hat den Text gekürzt und die Rolle der Lady Macbeth stark ausgebaut; damit hat er den Frauen einen Dienst erwiesen.

Frauenblick: Milan Kundera

Monika Wrzosek-Müller

Wir alle haben seinen Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gelesen, darüber diskutiert und uns ereifert. Das Schicksal, das die Tschechoslowakei mit der gewaltsamen Beendigung des „Prager Frühlings“ erleiden musste, hat uns alle beeinflusst und bewegt. Alle, die aus Polen dann später in die Emigration gingen, aber auch alle, die in ihrem Land gegen den Kommunismus kämpften. Kunderas persönliches Schicksal spiegelte die Zerrissenheit der Menschen in jenen Zeiten in der Heimat und im Exil nur allzu genau wider.

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Frauenblick. Tu zaszła zmiana.

Monika Wrzosek-Müller

Tu zaszła zmiana [Hier hat sich etwas geändert]

Da ich dieses Thema vorgeschlagen habe, fange ich mit dem Titel einer Erzählung von Maria Dąbrowska aus dem Jahr 1951 an. Der Text war in meiner Schule Pflichtlektüre und erinnere mich dunkel an die Beschreibung eines Blicks aus dem Fenster ihrer Wohnung – dessen, was da alles unten auf der Straße passierte. Sie lebte in Warschau 40 Jahre lang in derselben Wohnung und der Ausblick aus ihrem Fenster diente ihr als eine Art Brennglas, in dem sie die historischen Ereignisse betrachtete, vor allem die in Warschau aber auch in Polen insgesamt, hauptsächlich während des Krieges. War das nicht ein Stück Propaganda, was da nach dem Krieg nicht alles aufgebaut worden war…?

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Frauenblick: Arno Geiger

Monika Wrzosek-Müller

Das glückliche Geheimnis oder eher die Veränderungen in der Zeit

Meistens begleitet einen ein nicht so glückliches Geheimnis durchs Leben, doch wahrscheinlich jeder trägt eines mit sich; auf Polnisch sagt man auch: „Co chatka to zagadka“, was ungefähr so viel bedeutet wie: „In jedem Häuschen gibt es ein Geheimnis“.

Schön, dass der Schriftsteller Arno Geiger ein glückliches Geheimnis mit sich trägt und uns es auch mitteilt. Besonders für Menschen, die immer wieder schreiben, ist das Buch sehr empfehlenswert. Das eigene Geheimnis als Quelle für die Themen, die man dann bearbeitet, ist auch nicht zu verachten. Worum geht es? Der junge, aufstrebende Arno kommt auf die Idee, in Papiercontainern nach brauchbarem Material zu suchen. Einerseits bessert er seine damals noch bescheidenen Einkünfte als ewiger Student damit auf, dass er einige der unter dem Abfallpapier gefundenen Bücher und Postkarten auf Flohmärkten verkauft. Manchmal findet er auch richtige Schätze, die er entweder für seine Romane verwendet oder auch wirklich gewinnbringend verkauft. Denn immer wieder entledigen sich die Menschen ihrer Sammlungen nicht nur von Büchern, sondern auch von Briefen oder Tagebüchern, die ihrerseits dem angehenden Schriftsteller helfen, neue Themen, neue Geschichten zu finden. Er beschreibt auch die Aufarbeitung dieses Materials als die eigentliche Schule für seine Schriftstellerei; dabei lernt er, bescheiden und ehrlich mit sich und den Themen umzugehen, versteht, dass das geschriebene Wort wirklich das meint, was es besagt, dass da Vorgänge beschrieben werden, die es gegeben hat, Emotionen, Zustände, die die Menschen erlebt haben. Im Laufe der Zeit entwickeln sich seine Erkundungen, Suchen, die Runden, wie er es nennt, zu einem regelrechten Ritual. Er durchforstet bei seinen Fahrradtouren immer mehr Papiercontainer, seine Funde werden immer interessanter.

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Frauenblick: Polonia in Italien

Monika Wrzosek-Müller

Auf den Spuren der Polen in Italien

Dass 2023 das Jahr von Szymborska ist, hat uns Ewa irgendwann schon vermittelt. Der hundertste Geburtstag der Lyrikerin fiel auf den 2.06.2023; das weiß ich ganz genau, denn das war ein Freitag und da kaufen wir in Italien immer „La Repubblica“. In dieser Ausgabe gab es einen langen Artikel über „La grande Szymborska“, eine Auswahl schön übersetzter Gedichte und die Ankündigung eines Gedichtbandes, der aus diesem Anlass erschienen ist. Angeblich werden Szymborskas Gedichte vor allem von ganz jungen Menschen in Italien gelesen, sie erscheinen in den sozialen Netzwerken, werden kopiert und weitergeleitet. Klar sie sind leicht, zeitlos, oft kurz und komprimiert, eignen sich sehr gut für die digitalen Stammbücher.

In Genua wird am 15.06.2023 zu diesem Anlass eine Ausstellung zu Leben und Werk von Szymborska eröffnet. Es sollen Manuskripte und vor allem ihre Collagen gezeigt werden. Anhand von vielen Fotos und Videos wird auch das Leben der Dichterin und ihrer Freunde illustriert. Szymborska liebte Objekte, die wenig nützlich waren; die sammelte sie und produzierte dann immer und immer wieder kleine Karten mit aufgeklebten Fragmenten der Gedichte, Wörtern, getrockneter Blumen usw. In Italien heißt es, sie sammelte allerlei Firlefanz und machte daraus dann ihre Collagen, die sie wiederum oft an Freunde weiterverschenkte.

Ein Freund aus Turin auf die Frage, ob er denn die Ausgabe von Reppublica gekauft hätte: Er schickte mir gleich unzählige Fotos von verschiedenen Bücher von Szymborska, die er besitze. Erstaunlich, wieviel Aufmerksamkeit sie hier bekommt.

Einen anderen Polen, der mich immer wieder in Italien begleitet, habe ich zufällig in Capodimonte am Lago di Bolsena für mich entdeckt. Inzwischen befürchte ich fast, dass er sich als Prototyp eines russischen Oligarchen eignen würde. Gemeint sind Fürst Stanislaw Poniatowski und dessen Familie, offensichtlich wusste er ganz genau, dass es besser ist, im Ausland zu investieren in schöne Immobilien, als im damaligen Polen; buon gusto hatte er auch. Die Zahl der Villen und Palästen, die er erworben hat, scheint mir unendlich oder ich stoße immer wieder darauf bei meinen Erkundungen in Italien.

Schon in Florenz, nicht weit von der Porta al Prato, habe ich das Stadtpalais Poniatowski für mich entdeckt, darin befindet sich jetzt der Sitz der Stadtpolizei. Einige Jahre später sah ich, südlich von Rom, in San Felice Circeo, einen Palazzo Poniatowski, mit einer schön angebrachten Erklärungstafel, worum es sich handelt. In Rom selbst gibt es zwei Poniatowski-Baudenkmäler: einen sehr schönen, mittelalterlichen Palazzo, in dem sich jetzt das Archäologisches Museum befindet und das Poniatowski als Ruine gekauft hatte und restaurieren ließ. Außerdem ließ er für sich in der Via della Croce von Giuseppe Valadier ein Stadtpalais bauen. Das sind nur die Gebäude, auf die ich aufmerksam geworden bin; wahrscheinlich existieren noch andere.

Die Entdeckung des Poniatowski-Palais in Capodimonte ist insofern kurios, als die Informationstafel zur Geschichte des Gebäudes gerade einmal eine Woche vor meinem Besuch angebracht worden ist; angeblich mit großem Pomp, in Anwesenheit der polnischen Botschafterin und lokalen Größen und Prominenz aus Rom sowie aus der Region wurde die Tafel enthüllt.

Zum Schluss muss ich noch meine geliebte Pizzeria-Rosticceria „Il Fornetto“ erwähnen, die ich immer in Orbetello frequentiere, sobald wir hier ankommen. Sie wird von Polen geführt. Es handelt sich eigentlich um einen Schnellimbiss, aber von hoher Qualität, der eine Pizza bianca con patate serviert, bei deren Name mir gleich Wasser im Mund zusammenläuft. Das winzige Lokal ist sehr preiswert, unheimlich sympathisch und hat immer dieselbe Palette von Gerichten; Trauben von Menschen stehen davor. Die Polin hat an den überkommenen Rezepten nichts geändert und serviert das alte seit Generationen erprobte Essen; für mich ist es umso sympathischer, dass ich auch auf Polnisch bestellen kann.

Vertreibung aus der Hölle

Monika Wrzosek-Müller

Das Buch von Robert Menasse und der Gedanke als solcher

Ein Film, ein Buch in so kurzer Zeit zu einem ähnlichen Thema, ein Zufall?

In Cannes wurde der neue Film Rapito [die Entführung] von Marco Bellocchio gezeigt. Der Film erzählt die Geschichte eines jüdischen Kinds, das 1858 in Bologna – die Stadt gehörte damals noch zum römisch-katholischen Kirchenstaat – von der päpstlichen Obrigkeit entführt wurde. Die Familie, wohlhabend und nach jüdischen Bräuchen lebend, konnte nichts dagegen unternehmen. Das Kind, Edgardo Mortara, war von einem katholischen Kindermädchen getauft worden, da diese dachte, das Kind liege im Sterben und sie müsse seine Seele durch eine Nottaufe retten. Naiv, wie sie war, erzählte sie diese Geschichte leider auch weiter. Zu Zeiten von Papst Pius IX. war dies ein zureichender Grund für die päpstlichen Milizen, das Kind zu verschleppen und nach Rom in eine päpstliche Schule zu verbringen. Diese sehr malerisch inszenierte Geschichte steht für viele ähnliche Schicksale in der Zeit des Kirchenstaats. Die katholische Kirche versuchte, die Ausbreitung des jüdischen Glaubens mit allen Mitteln zu verhindern. Die Methode, Kinder zu entführen und sie dann im anderen Glauben zu erziehen, findet leider auch in unserer Zeit Nachahmer (siehe die Entführungen ukrainischer Kinder durch die Russen, was den Regisseur zu einer Äußerung in der Reppublica veranlasste: „Ich habe mich der Geschichte verpflichtet gefühlt, ohne zu verurteilen. Aber wenn dann jemand politische Reflexionen über die Gegenwart anstellen sollte, würde ich ihm zuhören“). Der Film zeigt auch, wie empfänglich doch Kinder sind, sie werden durch Geschenke und autoritäre Erziehung folgsam gemacht; der junge Mortara will nach der Befreiung Roms 1870 nicht zu seiner Familie zurückkehren. Er bleibt dem Katholizismus treu bis zu seinem Tod 1940. Immerhin versucht sein Vater noch einmal, sein Recht vor Gericht zu erstreiten, was ihm aber misslingt. Der Fall Mortara scheint sehr gründlich untersucht und in Archiven dokumentiert zu sein.

In dem Buch Die Vertreibung aus der Hölle von Robert Menasse las ich: „Der harmoniesüchtige Diplomat Manasseh und der machtbewusste Politiker Aboab. Nur einer von ihnen konnte Oberrabbiner werden, Nachfolger ihres Lehrers. Einer von ihnen sollte es trotz ihrer Jugend werden. Die anderen, älteren Rabbiner steckten freiwillig zurück: Herschkowicz, der Rabbi der kleinen Schar armer Ostjuden in Amsterdam, hatte zu wenig einflussreichen Anhang; ebenso Goldstücker aus Glückstadt, der von der erst in Aufbau befindlichen deutschen Gemeinde nach Amsterdam berufen worden war; Rabbi Saul Levi Mortara, ein profunder Gelehrter und Wissenschaftler ohne rhetorisches Talent oder politisches Interesse, wollte nichts als die Leitung der Yeshiva, die der Schriftgelehrte auch bald zugesprochen bekam…“ so war die Familie Mortara wohl sehr gläubig und wirklich bekannt. Damit habe ich einen Übergang zu dem wirklich faszinierenden Buch von Robert Menasse gefunden.

Es werden zwei Biographien parallel erzählt, die von Viktor Abravanel, 1955 in Wien geboren, wo er auch aufwuchs und weiterhin lebt, einem Historiker und Spinoza-Forscher, und die von Samuel Manasseh bin Israel, geboren 1604 in Portugal, dann mit seinen Eltern nach Amsterdam geflüchtet, und dort als Yeshiva-Lehrer, Gelehrter und Autor tätig. Der Einband zeigt das bearbeitete Porträt des Rabbi Menasse nach dem berühmten Gemälde von Rembrandt.

Das Interessante und fast geniale dabei: diese beiden Lebensläufe gleichen sich immer wieder, obwohl zwischen ihnen etliche Jahrhunderte liegen und die Helden ganz unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Sie werden auch so erzählt, dass man den Eindruck hat, sie überschneiden sich, und oft gelten oder passen die ersten Sätze eines Abschnitts für beide Geschichten. Noch interessanter: Viktor Abravanel scheint ein Nachkomme des Rabbiners Manasseh zu sein.

Das Buch beginnt mit einer Szene in dem Städtchen Vila dos Comecos in Portugal; da findet gerade ein Trauerzug statt, bei dem aber niemand trauert. Es wird nämlich eine Katze zu Grabe getragen, die vorher an einem Holzkreuz gekreuzigt worden war. So werden wir in die Szenerie des Kampfes gegen die Ketzer und Häretiker und das Wirken der Inquisition eingeführt. Den kleinen Manoel lernen wir mit der Schar der Kinder kennen, die in den Gassen herumlaufen und nach „Kryptojuden“ suchen. So wird die Atmosphäre des Terrors und der Angst sichtbar; dabei weiß der kleine Manoel offensichtlich nicht, dass er selbst zu den Verfolgten gehört.

Das nächste Bild oder Abschnitt beginnt genial mit einer Beschreibung eines Festessens zum fünfundzwanzigsten Abiturjubiläums der Klasse von Viktor. Wir lernen ihn also als erwachsene Person kennen. Das Essen sollte in dem renommierten Wiener Restaurant „Zum Goldenen Kalb“ unweit des Gymnasiums stattfinden. Doch Viktor verursacht willentlich einen Skandal, auf den er sich sogar vorbereitet hat. Alle sind gekommen: „vierzehn Burschen, acht Mädchen […] sieben ehemalige Lehrer und der Schuldirektor“. Alle sollen nun über ihr Leben in den letzten 25 Jahren erzählen, Viktor aber konfrontiert die ganze Lehrerschaft mit ihrer Nazi-Vergangenheit, indem er ihnen ihre NSDAP-Mitgliedsnummer vorliest. Daraufhin löst sich die ganze Gesellschaft auf; die Lehrer flüchten schneller als man sich hätte vorstellen können, auch die ehemaligen Schüler verlassen empört das Restaurant. Viktor bleibt mit Hildegunde, seiner ehemaligen Angebeteten zurück. Sie essen zusammen das bestellte Festmenü und fahren anschließend mit einem Taxi durch Wien. In der Retrospektive erfahren wir dann seine Lebensgeschichte. Auch er ist sich seiner jüdischen Herkunft lange nicht bewusst gewesen. Detailliert lernen wir Viktors Lebensweg kennen, seine Kindheit zwischen den geschiedenen Eltern und den Großeltern und seine Studienzeit mit einem unglücklichen Intermezzo mit seiner Jugendliebe Renate und dessen Folgen. Manche Kritiker werfen dem Schriftsteller eine allzu zwanghafte Komposition des Buches vor. Ich persönlich finde gerade diese Verstrickung und Ähnlichkeit der Empfindungen beider Helden sehr gelungen. Sie werden auf so geniale Weise erzählt, dass oft die ersten Sätze des nachfolgenden Abschnittes für beide Geschichten gelten und man am Anfang nicht weiß, zu welcher Geschichte sie gehören.

Denn wovon handelt das Buch eigentlich; das Leben der jüdischen (und vielleicht aller anderen Migranten, wenn auch weniger drastisch) Helden, die nicht einmal wissen, dass sie jüdisch sind, weil die Eltern, um sie zu schützen, ihnen das vorenthalten, von ihrer Einsamkeit und einem Kampf um Weiterkommen und Anerkennung. An keiner Stelle dieser beiden Schicksale hat man den Eindruck, dass der Held angekommen sei; weder in Portugal, noch in Amsterdam, noch, in Viktors Fall, in Wien, obwohl er dort geboren wurde. Im polnischen gibt es den Begriff des „Żyda tulacza“ [des ewig wandernden Juden – des Ahasver]. Ich denke, darüber erzählt das Buch, von dem ewigen Suchen und den Versuchen, eine eigene Identität, Souveränität zu finden; es liefert keine Lösungen, doch es macht sehr eindringlich deutlich, welche Schranken, Barrieren sie überwinden und mit welchen Ängsten und Unsicherheiten sie leben müssen. Das ist mehr als genug.

An einer Stelle gibt es auch ein paar Sätze über Don Quijote, in einem Gespräch zwischen Manoel und Estrela, zwischen Bruder und Schwester: „Oder denk an den Don Quijote de la Mancha. An wen? Don Quijote. Nicht gelesen? Hat das keiner bei euch hineingeschmuggelt ins Konvikt? Das neue Buch, über das jetzt alle Welt spricht. Jeder liest es. Eine Mitschülerin im Kloster hatte plötzlich ein Exemplar. Wir haben das Buch zerlegt in lauter einzelne Seiten, damit jede gelesene Seite gleich zur nächsten Mitschülerin weiterwandern konnte. Das ist ein Roman über einen Hidalgo, einen Altchristen, der natürlich alles wörtlich nimmt, was er liest. Und so und nur deshalb wird er zur lächerlichen Gestalt. Ein typischer Christenmensch. An seiner Seite einer, der es, wenn auch unbedacht, besser versteht: Samuel, genannt Sancho! Er weiß, wir wissen: Große Worte – lächerliche Taten! Ganz große Worte – mörderische Taten! Und wer hat dieses Buch geschrieben? Miguel de Cervantes Saavedra, wieder ein getaufter Jude!“ Ein Geschenk an Ewa.

Frauenblick. Kapadokien (3)

Monika Wrzosek-Müller

Derwische – der spirituelle Weg

Noch ein Text über meine Reise nach Kappadokien, in die Türkei.

Natürlich haben wir der Zeremonie der Tanzenden Derwische in einer unterirdischen Höhle beigewohnt. Auch wenn sich das sehr touristisch anfühlt, und auch ist, zwingt die Veranstaltung selbst zum Nachdenken. Denn jeder sucht seinen Weg, einen Sinn im Leben, etwas, was darüber hinausweist, was in schwierigen Momenten an etwas Höheres glauben lässt. Schon lange liefern unsere Religionen nicht genug Nahrung oder sie sind zu rigide, zu hermetisch, ihre Institutionen zu schwerfällig, als dass man sich ihnen anvertrauen möchte. Unsere Ewa macht sich mit dem Don Quijote auf die Reise und sucht auf dem alten, ewigen Weg nach konkreten Lösungen oder nach Konzepten für ein Weiterkommen.

Die Autorin hat sich auf den Yoga-Weg begeben, ohne sich dabei auf die sektenähnlichen Verstrickungen einzulassen, ohne auf ihre andere, „normale“ Lebensroutine zu verzichten. Ein bequemer Yoga-Weg, der manches besser zu verstehen, zu meistern erlaubt, der Körper und Geist einen Ausweg bietet und die Seele auch nicht vergisst.

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Frauenblick. Ballonfahrt und…

Monika Wrzosek-Müller

… die Landschaft in Kappadokien

Fliegen wurde in meiner Familie immer großgeschrieben; als Kind hörte ich die fantastischen Erzählungen über meinen Großvater, der während des Zweiten Weltkrieges in der Royal Airforce war, junge englische Piloten ausbildete und über Schottland von den Deutschen abgeschossen wurde. Irgendwann, nicht lange her, habe ich tatsächlich seinen Grabstein auf einem kleinen Friedhof unweit von Aberdeen, in Lossiemouth gefunden. Er war das große Vorbild in unserer Familie, ich das schwarze Schaf; doch das Fliegen blieb immer ein Thema für mich. Ich erinnere mich, als ich nach Deutschland, West-Berlin kam, träumte ich monatelang vom Fliegen. Dieses Fliegen war mit einem gesteigerten Gefühl der Freiheit und des Loslassens verbunden. Im Traum stand ich am offenen Fenster, stieg hinaus und flog, ohne Sorgen, ohne Angst, schwebte einfach so über ganze Landschaften, über Häuser, Kirchen mit ihren Türmen, Flüsse, Brücken, Felder, Wälder, erstaunlicher Weise aber nicht über Städte; es waren immer grüne Landschaften, keine Häusermeere. Ich sah große Seen, Meeresküsten unten; in keinem Moment empfand ich Angst. Ich wachte meistens am Ende einer solchen Reise auf.

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Frauenblick. Kapadokien.

Monika Wrzosek-Müller

Die Reise nach Kappadokien und Antalya

Die Reise liegt nun schon mehr als eine Woche zurück, trotzdem habe ich mich noch nicht wieder ganz hier in Berlin eingelebt. Es ist zu kühl, zu chaotisch und voll mit Problemen, die ich lösen sollte, einige schon vorher, oder solche, die man gar nicht angehen sollte. Eine Reise bedeutet doch ein bisschen Flucht vor dem überbordenden, routinierten Alltag, vor Verpflichtungen jeglicher Art, vor kleinen mühsamen Zusammenhängen, die einen einengen? Auf die Reise gehen, sich auf den Weg machen, aufbrechen, Neues erleben, aktiv sein, auf jeden Fall motiviert so eine Reise immer zu neuen Blickwinkeln, zu neuen Perspektiven, besonders wenn der Weg in Gebiete führt, die zu einem anderen Kulturkreis gehören.

Morgens, kurz vor Sonnenaufgang weckte mich meistens der Muezzin, nicht immer war mir das angenehm; doch wir sollten darauf achten, welchen Ton er anschlug: morgens, mittags und abends und noch zwischendurch, denn er ruft fünfmal am Tag; zweifellos war für mich der Ruf Adhan morgens am schönsten. Die immer gleichen paar Sätze: „Gott ist groß. Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Allah. Eilt zum Gebet. Eilt zur Seligkeit. Gott ist groß.“ wurden durch Lautsprecher hörbar. Angeblich gibt es noch einen Satz: „Das Gebet ist besser als Schlaf“, wird aber nur von Sunniten ausgerufen. In der Türkei Atatürks erfolgte der Ruf auf Türkisch, seit 1969 gab es wieder die arabische Variante und so ist es bis heute.

Der Flug nach Antalya mit „Sunexpress“ dauerte 3,5 Stunden und wäre an sich angenehm gewesen, nur wurde uns nichts zu Trinken angeboten, nicht einmal Wasser, das ich vergessen hatte zu kaufen. Die Gruppe, die sich nach der Ankunft zusammenfand, bestand aus eher ältlichen Teilnehmern aus Berlin und München. Die ein wenig Jüngeren konnten das Durchschnittsalter kaum senken. Der Graben zwischen Ost- und Westdeutschen hat sich, schien mir, noch vertieft, so war ich ganz selig und froh, dass ich ausgerechnet eine allein reisende Schwedin in der Gruppe traf.

Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in der Nähe von Antalya und dem Ort Manavgat sollten wir gleich in die Berge aufbrechen und bald ging es auch schon durch das Taurus Gebirge über viele Serpentinen bergauf, durch richtig viel Schnee, nach Kappadokien. Die Unterschiede bei Klima und Vegetation hätten nicht größer sein können, unten in der Antalya-Ebene blühten Orangen, Mandeln, Aprikosen, Zitronen auch Granatäpfel – ein blühendes, grünes Meer von Pflanzen, Früchten und Gemüse, aber auch Blumen mit unheimlich vielen Gewächshäusern lag auf beiden Seiten der sehr gut ausgebauten Schnellstraßen. Oben auf dem Pass, auf 1850 m, lag kniehoch Schnee, wir waren in den Wolken, es gab Tannen und Kiefern, aber auch riesige alte Zedern. Der Übergang zu der anderen Seite war weniger dramatisch, denn die Hochebene Richtung Konya liegt auf 1200 m. Kurz vor der Reise hatte ich auf ARTE eine Sendung über Pferdezüchter in der Mongolei gesehen und die weiten, breiten, hügeligen, wunderschönen Landschaften bewundert; das erlebte ich jetzt hier vor meinen Augen. Bevor die Steppe zu trocken, grau und steinig wird, gibt es einen Streifen wunderschöner Landschaft mit noch grünen Weiden und Hügeln im Hintergrund, menschenleer soweit das Auge reicht, diese Weite ist imposant, unendlich, überwältigend. An mehreren Stellen haben wir Projekte zur Aufforstung und Urbarmachung des Bodens gesehen; es ist eine Gegend, in der es kaum regnet. So sind riesige Anstrengungen nötig, um Wasser von den Bergen in die Hochebene zu leiten und die Pflanzungen zu bewässern. Bereits da unterwegs habe ich gespürt, dass die Türkei ein riesiges Land mit noch ungeahnten Möglichkeiten ist und dass sich unheimlich viel in dem Land getan hat seit meinem letzten Aufenthalt zu Ende 80er Jahre. Wir kamen dann hinter Konya in die Steppenregionen, die bedrückend leer und fast tot sind. Stundenlang graue Steppe, die auch zu dieser Jahreszeit (Frühling) ausgetrocknet ist. So, habe ich gedacht, musste die Steppe in Kasachstan ausgesehen haben, wohin meine Mutter 1940 mit ihrer Familie aus Lemberg von den Sowjets verschleppt wurden. Völlig menschenleer, ohne Tiere, aber auch ohne Bäume oder höhere Pflanzen, nichts war zu sehen, keine Dörfer, keine Häuser, stundenlang nichts. Wie hat man da überlebt, wie hat man das bewältigt, fragte ich mich immer wieder; die Steppe dort in Kasachstan war noch größer, noch leerer, noch hoffnungsloser, ohne Straßen, Zivilisation, ohne Fluchtmöglichkeiten. Von dort kamen die Nomadenvölker, die Seldschuken, die auch die Steppe in Anatolien bevölkert haben.

Inzwischen waren wir schon auf der Route der Seidenstraße und besichtigten in Aksaray, eine seldschukische Karawanserei, die es an Mächtigkeit mit einer Festung, einer Burg hätte aufnehmen können, auch hinsichtlich der unheimlichen Baukunst, mit schönen Steinmetzarbeiten an den Portalen. Man kann sich richtig vorstellen, wie die Karawanen mit ihren Waren und Transporttieren (Kamele, Esel, seltener Pferde) und die Menschen dort Unterschlupf fanden, also ein Nachtlager, Ruhe und vor allem Sicherheit. Entlang dieser Straße gab es alle 30 bis 50 km. eine solche Karawanserei, nicht alle waren so reich geschmückt und groß, doch alle wehrhaft und mit einem riesigen verschließbaren Tor versehen.

Die Hochebene von Kappadokien erstreckt sich zwischen zwei riesigen Vulkanen, Hasan Dagi (3268 m) und Erciyes Dagi (3916 m), die sich mit schneebedeckten Gipfeln in der klaren, durchsichtigen Luft sehr schön präsentierten und über die Ebene wachten. An den Hängen des Erciyes Dagi kann man angeblich sogar Skifahren; ich selbst habe abends einige junge Japaner mit Skiern in unserem Hotel unweit von Göreme gesehen. Auf jeden Fall sehen die Berge imposant aus, auch von der ohnehin schon auf ca. 1000 m gelegenen Hochebene. Tatsächlich ähneln sie für mich dem Fuji-Vulkan bei Tokio, meistens waren ihre Gipfel auch von den Wolken verhüllt.

Die Geschichte Kappadokiens begann schon in Urzeiten; seitdem zogen immer wieder viele verschiedene Nomadenvölker durch dieses erstaunliche Land. Mal blieben sie länger, mal zogen sie schnell weiter. Von den wichtigeren seien hier Hethiter, Phrygen und Perser zu nennen, auch Alexander der Große hat das Territorium besetzt. Dann gab es starke griechische Einflüsse, bis schließlich das Land zur römischen Provinz wurde. Doch gleichzeitig blühte das Christentum in Kappadokien auf, wovon auch die unzähligen Kirchen, Klöster und Abteien zeugen, die bis heute existieren. Zwischenzeitlich kamen die Araber mit dem Islam und die Kirchen wurden geschlossen, doch schon bald breiteten sich die Seldschuken aus, die die christliche Religion durchaus tolerierten. Erst danach übernahmen Osmanen die Herrschaft.

Doch es ist ein Land geblieben, das von vielen Völkern/ Ethnien bewohnt war und ist, immer wieder auch überfallen wurde. Davon zeugen die unterirdischen Städte, die 150 unterirdischen Zufluchtsstätten, über 30 davon kann man als Städte bezeichnen. Sie erstreckten sich über mehrere Stockwerke und auch in die Breite, verfügten über sehr komplizierte, raffiniert konstruierte Systeme für die Wasserversorgung und die Luftzirkulation und über Vorratskammern. Die Bewohner dieser Städte konnten sich einige Monate dort versteckt halten. Die Eingänge wurden mit riesigen flachen Steinen blockiert; diese Torsteine waren aus einem anderen harten Stein gemeißelt, sie erinnerten an Mühlsteine und waren rundlich. Eindeutig erwiesen scheint die Tatsache, dass es sich vorwiegend um christliche Bevölkerung handelte, die dort Unterschlupf fand; davon zeugen die Kirchen und Kapellen, die man gefunden hat. Diese Städte sind wirklich unheimlich und riesige Gebiete besitzen solche Anlagen. Leider wurde mir bei der Besichtigung einer solchen Stadt schon im zweiten unterirdischen Stockwerk übel; ich bin also nicht ganz nach unten vorgedrungen, so habe ich sie nur aus Erzählungen und Beschreibungen erlebt. Ganz unten befanden sich offenbar Toiletten und Grabstätten; es war an alles gedacht. Die Temperaturen blieben das ganze Jahr niedrig, um 10 Grad, deshalb werden einige Räume heutzutage als Weinkeller genutzt. Die ländliche Bevölkerung lebte noch sehr lange in den unterirdischen Räumen, den Höhlen; als in den 60er Jahren endgültig Schluss damit sein sollte, kehrten im Sommer immer wieder Leute in ihre alten Behausungen zurück. Sie wussten, dass es derart frische Temperaturen auch in modernsten Appartements nicht gab.

Das alles ermöglicht der Tuffstein; die in früheren Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden aktiven Vulkane spien Asche und vulkanische Erde aus, es strömte Lava aus, in Jahrtausenden sind diese vulkanischen Aussonderungen versteinert. Jetzt präsentieren sie sich als Tuffstein mit bizarren, wirklich außergewöhnlichen Formationen. Der Tuffstein ist so weich, dass er sich relativ leicht formen lässt und macht das Aushöhlen für unterirdische Anlagen möglich, erst in Verbindung mit Sauerstoff, also an der Luft, verhärtet sich der Stein. Noch heutzutage entstehen Bauwerke in dieser Bauweise: wir haben ein Keramik-Museum in ausgehölten Grotten, sehr schönen Räumen, besichtigt. Die Arbeiten für dieses private Güray Müse in Avanos dauerten 6 Jahre, doch das Ergebnis beeindruckt durch die Präsentationsart und die Objekte, aber auch durch die moderne Verkaufsgalerie. Es gibt ein Café, man kann auch Führungen buchen; an den ausgestellten Objekten wird die kulturelle Vielfalt und das Alter dieser Kulturregion sichtbar.

Über meine Ballonfahrt und die „Feenkamine“ berichte ich das nächste Mal.