Ich erkläre den Krieg

Monika Wrzosek-Müller

Als Kinder spielten wir ein Spiel, das mir jetzt, wahrscheinlich wegen des Krieges in der Ukraine, immer wieder in den Sinn kommt. In der Wohnsiedlung des Elektrotechnischen Instituts, wo mein Vater arbeitete und wir nebenan wohnten, lebten ganz viele Kinder in der unmittelbaren Nachbarschaft. Sie waren im gleichen Alter wie ich, die starken Nachkriegsjahrgänge machten sich bemerkbar; wir bildeten Banden, die untereinander rivalisierten. Die Häuser standen mitten im Wald, sie waren verschieden groß, zwei und vier-Stockwerke hohe Wohnblocks, darin lebten alle Mitarbeiter des Instituts, aus verschiedenen Berufsgruppen, also aus diversen gesellschaftlichen Schichten. Eigentlich nie in meinem verwickelten Leben später fühlte ich mich so wohl und sicher wie dort auf diesem Gelände; die Kinder konnten sich sehr frei und sehr geschützt bewegen, obwohl das Terrain sehr groß war; es gab nämlich einen Zaun rundherum, und die Eltern ließen uns stundenlang allein spielen. Wer dieses konkrete Spiel initiiert, mitgebracht hatte, weiß ich nicht mehr, doch wir spielten es immer wieder, mit den Namen diverser Länder, aber mit den gleichen Kindern, und der Ausgang, der blieb immer offen…

Das Spiel ging so: Ein großer Kreis wurde mit einem Stock auf der Erde oder mit Kreide auf der Straße gezogen. Damit der Kreis ordentlich aussah, stellte sich ein Kind in die Mitte und hielt mit ausgestreckten Armen ein anderes und drehte sich um eigene Achse; das andere zog mit dem Stock eine Linie auf dem Boden. Wenn wir ganz viele waren, mussten sich zwei Kinder an den Händen halten und das äußere Kind zog dann den Kreis. Das war gar nicht so einfach und wir versteiften uns darauf, einen schönen, gleichmäßigen Kreis hinzukriegen. Dann wurde der Kreis wie eine Torte oder eine Pizza (die wir aber damals nicht kannten) in so viele Stücke geteilt, wie es mitspielende Kinder gab. Die Kinder wählten sich Länder aus, die sie repräsentieren sollten aus, stellten sich an den Aussenrand ihres Stücks, mit dem Gesicht zur Mitte und schrieben die Kürzel für ihre Länder auf den Boden, z.B. P für Polen. Ein Kind lief außen um den Kreis herum, hielt ein Stock oder ein Steinchen und rief: „ich erkläre den Krieg, Pick, Pick gegen, erkläre den Krieg gegen, gegen, Pick, Pick, gegenz.B. gegen Polen“ und warf den Stock auf das Territorium mit dem Buchstaben P. In dem Moment liefen alle anderen schnell weg; das Kind aber, dem der Krieg erklärt worden war, musste ganz schnell den Stock aufheben und „Stopp“ schreien. Daraufhin sollten alle stehenbleiben und das Kind in der Mitte suchte die ihm am nächsten stehende Person aus und warf den Stock in deren Richtung; wenn es traf, durfte es sich von deren Territorium ein Stück abschneiden. Dafür aber durfte die Person, deren Territorium beschnitten worden war, jetzt den Krieg, also das Spiel anführen. Es gewann natürlich derjenige, der am Ende das meiste Territorium hatte. Oft dauerte es sehr lange und es wurde nicht immer ganz klar, wer letztendlich gewonnen hatte; die durcheinander geratenen Grenzen waren irgendwann nicht mehr erkennbar…

Das Spiel weckte große Emotionen. Nicht nur, dass manche Kinder Ländernamen wählten, die die anderen nicht kannten – Brasilien, Argentinien oder Bolivien waren mir damals (ich war vielleicht neun Jahre alt) völlig unbekannt. Sondern man erregte sich auch darüber, dass manche öfter drankamen als andere und deshalb gewannen. Oft spielten irgendwie doch die Jungs gegen die Mädchen, oder wir spielten gegen jemanden, den wir nicht mochten. Es gab auch unbeliebte Länder wie Deutschland oder Sowjetunion, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, dass jemand wirklich die Sowjetunion wählte. Sehr beliebt dagegen waren die USA und Frankreich. Oft endete das Spiel in einem richtigen Streit, die Verlierer wollten nie wieder mit dem Gewinner spielen.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, so erscheinen mir zwei Dinge dabei sehr prägnant und erstaunlich: es verblüfft mich, wie lange nach dem Krieg (ungefähr 20 Jahre), doch noch Krieg gespielt wurde, auch von den Mädchen, d.h. wie lebendig er auch in unserer Generation eigentlich noch war. Er dominierte offensichtlich unsere Wirklichkeit, war also im Familienleben immer weiter präsent. Je weniger man darüber sprach, je mehr über bestimmte Tatsachen geschwiegen wurde, desto präsenter waren sie für uns Kinder. Zweitens staune ich, wie klug und vielseitig so ein Spiel war, wir lernten neue Ländernamen kennen, wir mussten schnell reagieren, uns konzentrieren und miteinander kämpfen. Es weckte nicht immer ganz saubere Instinkte und wurde nicht immer ganz korrekt ausgetragen, doch das gehörte auch zum Leben. Überhaupt denke ich, dass das Ambiente eines freien, großen Geländes, eines riesigen Hofs, auf dem alle miteinander spielten, für unsere Entwicklung sehr hilfreich, prägend war.

Nicht zuletzt: Dass mir gerade dieses Spiel in der letzten Zeit in den Sinn gekommen ist, spricht Bände. Der Ukraine-Krieg hat uns in seinen Bann gezogen; wenn ich jetzt überlege, wie lange es dauern wird, bis das Gespenst des Krieges aus den Träumen und aus dem Leben der ukrainischen Kinder, der Mütter und der Väter (die aktiv daran teilnehmen) verschwindet; wie lange man in den bestimmten Denkweisen gefangen ist, die einen prägen, ohne dass man es will oder sich auch nur darüber im Klaren ist. Es braucht Generationen kluger Erziehung, um die Leute wirklich an den Frieden heranzuführen, und meistens bedarf es auch des Wohlstands, der Hoffnung auf bessere Zukunft; sonst sind die Bemühungen um den Frieden noch langwieriger und schwieriger.

4 thoughts on “Ich erkläre den Krieg

  1. REKLAMA DZWIGNIA HANDLU

    niech to diabli, ten pogrubiony tytuł
    rzuca sie natychmiast w oczy!
    (pierwszy od lat 10 -ciu)
    kto wie, może już za tysiac lat,
    gdy sztuczna inteligencja bedzie rzadziła w naszej galaktyce,
    na skraju mlecznej drogi, czyli na bezdupiu,
    bedzie sie o pani wspominało, szanowna pani,
    jak o atalii słynnej królowej amazonek (lol).

    1. wiesz Tiborze, że to pogrubienie zrobiło się automatycznie, bo tytuł był w cudzysłowie. Nie dało się tego inaczej zmienić – usunęłam cudzysłów. Dziękuję za zwrócenie mi uwagi

  2. prosze bardzo, kochana gospodyni,
    wojna jest, a wpis sam jest w sobie z bardzo ciekawy
    – gry dzieciece!
    na ten temat chcialem nawet magisterke pisac,
    ale nie wyszlo, bo kaziuk et consortes powiedzieli wtedy – njet -,
    a dzisiaj powtarzaja, ale po kanadyjsku -no – ,
    czyli pozostalo tak jak bylo
    i nic sie kurcze blade nie zmienilo na naszym gumnie;

  3. kinder an die macht, sang herbert grünemeier vor einem halben ( gefülten) jahrhundert…und hat sich was geändert (greta thunberg abgesehen)
    – nichts

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