Frauenblick. Prag.

Monika Wrzosek-Müller

Mein Prag, die ersten Tage

Prag hat sie in Beschlag genommen. Eine Stadt, die wirklich verzaubert und vereinnahmt, so dass man an wenig anderes denkt, denken kann. So viel Schönheit aus allen Epochen, so viel Vielfalt hat sie selten erlebt. Alle Stilrichtungen der Architektur sind vertreten: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus, Jugendstil, der böhmische Kubismus, Bauhaus und eine Menge der modernen experimentellen Architekturstile, die sie nicht zu benennen wüsste, die sich aber auch stolz präsentieren. Vieles sticht richtig ins Auge und breitet sich aus, wie in einem Lehrbuch für Architektur bei einem Spaziergang, besonders im Letna-Park, von dem ihr der Wahnsinnsausblick immer wieder den Atem stocken lässt. Im Moment sind wenig Touristen unterwegs, sie könnte sogar auf der Karlsbrücke verweilen und die Ausblicke genießen. Sie fühlt, dass in der Stadt verschiedene Kulturen aufeinander trafen und treffen, aber in weicher Variante, man erlaubt den anderen zu leben. Zugleich aber spürt sie so etwas, als ob die Stadt niemanden gehören würde, als ob sie für sich da stünde, eine wirklich globale europäische Stadt, weder deutsch noch jüdisch, aber tschechisch auch nicht. Wenn am Samstagabend die Kassiererin an der Kasse bei „Tesco“ zehn Personen auf Tschechisch immer wieder fragte, ob sie Kleingeld hätten, konnte ihr niemand in der Sprache antworten. Sie lächelte verschmitzt, als ich ihr dekuji sagte.

Zwar stehen in Prag viele tschechische Regierungsgebäude, doch den Tschechen gehöre sie auch nicht wirklich. Seit Jahrhunderten lebten hier Deutsche, Tschechen und Juden zusammen; dann kamen Vietnamesen und jetzt abertausende Touristen aus wirklich allen Ecken der Welt, erstaunlich viele aus asiatischen Ländern; Gruppen von sanft lächelnden asiatisch aussehenden Mädchen streifen durch die Straßen, kaufen in den tausenden Geschäften tausende Kleinigkeiten ein. Sie bestimmen das Bild der Stadt; auf sie stellt die Stadt sich um und davon lebt sie.

Für sie war aber erst mal wichtig, dass es eine weiche, harmonische, helle barocke Stadt ist, in sanftes Licht getaucht; oft steigen Nebelschwaden aus der Moldau hoch und die Sonnenstrahlen zerstreuen sich und tauchen die Stadt in einen goldenen Heiligenschein. Dann sieht man von oben nur die Konturen der Brücken, dadurch wirkten sie leichter, beschwingter, die Konturen der Kuppeln und der Türme; von da oben (den Letna-Park) scheint alles weit weg zu sein, am Horizont, hinter der Brücke, in Wirklichkeit aber ist fast alles zu Fuß zu erreichen in 10, 20 Minuten kann man in der Altstadt aber auch auf der Kleinseite alles erreichen. Natürlich geht sie auf den Wegen der Touristen, die waren auch sehr geschickt angelegt, so dass die Menschenströme später dann im Frühjahr oder Sommer gelenkt werden können: nach oben zum Hradschin, zum Veitsdom, nach unten zur Karlsbrücke, in die Mitte zum Altstädter Ring. Dafür wird man mit schönen Ausblicken belohnt, die Wege sind auch extra so gebaut, mit einer Bank zum Verweilen, oder einer Balustrade um sich daran anzulehnen, dass man länger sich auf ihnen aufhalten kann. Überall gibt es Hinweisschilder und man kann schnell zu einzelnen Denkmälern gelangen. Die Situation erinnert sie an Florenz, eine Stadt, die sich den Touristenmassen ergeben hat und eigentlich für sie existierte. Doch hier ist die Vielfalt und Größe vielleicht noch überwältigender.

Man kommt mit der Straßenbahn leicht überall hin; es gibt auch eine U-Bahn, doch die Stationen gehen so steil in die Tiefe hinunter, dass sie immer wieder Angst bekommt und die Straßenbahn vorzieht, außerdem kann man von der Straßenbahn am Fenster klebend die Fassaden der Häuser, der vorbei huschenden Bauten bestaunen. Natürlich gibt es für Touristen Kutschfahrten auch Bootsfahrten, allerdings in einem begrenzten Areal der Moldau, denn sie bildet Stufen. Man kann sich aus der Flotte von alten Automobilen in verschiedenen Farben eins aussuchen und durch die Altstadt rasen. Die jungen Leute ziehen neuerdings E-Roller, E-Scooter vor, auch wenn die meisten Straßen sich dafür eigentlich gar nicht eignen, sie sind nämlich mit Kopfstein gepflastert. Die Zahl der Cafés, Restaurants, Kneipen, Bistros ist schier unendlich; von edel bis Schnellimbiss ist alles dabei; auch Musik-, Jazzkneipen sind überall zu finden. Die Qualität des Essens ist gut bis sehr gut; die Touristen verschlingen alles, so dass es frisch ist, jeder kann für sich etwas finden.

Die Tschechen scheinen den Touristenrummel mit stoischer Ruhe zu ertragen, sie fallen nicht auf; ja sie sind fast unsichtbar in der Altstadt und auf der Kleinseite und doch müssten sie diese Stadt von irgendwoher dirigieren, leiten. Die meisten scheinen ihr sehr angenehm und zurückhaltend. Viele sprechen mehrere Sprachen, die jungen Leute meist eher Englisch.

Der Fluss Moldau bildet Mäander und kleine Inseln, die sich zum Spazieren sehr gut eignen. Wegen des Hundes entdeckte sie auch Kampa, die auf der Kleinseite gelegene Insel; durchzogen mit Kanälen, mit kleinen Brücken, kleinen alten Häuschen, wunderbaren Cafés, einem Museum für moderne Kunst und einen Skulpturenpark, das Ensemble präsentiert sich prachtvoll, wurde von Exiltschechen Jana und Medy Mladovych errichtet. Sie nannte es Kleinvenedig, jetzt, in Februar, ist noch alles eher leer und mühelos zu erreichen und zu durchwandern.

Auch hat sie Plattenbauten in den Peripherien von Prag entdeckt. Wie die französischen banlieues ziehen sich die Wohnblocks in die Täler und Hügel sternenförmig aus der Stadt hinaus, sie sind von Streifen mit Natur durchzogen, die wirklich sehr schön, naturbelassen wirken. Der Reiz dieser Landschaftsstreifen beruht auf den felsig-hügeligen Formationen, mit kleinen Waldabschnitten, dazwischen gibt es oft große Wiesen, die mit Obstbäumen bepflanzt sind; das müsste in Frühjahr toll aussehen, denkt sie. Die Plattenbauten sind selbst für sie, die aus Warschau kommt, gewöhnungsbedürftig, sie ziehen sich kilometerlang und haben somit mit der Altstadt und ihren Baudenkmälern nichts zu tun. Doch, wie ihre jungen Freunde feststellen, man lebt da angenehm, ist schnell in der Stadtmitte und vor Ort mit aller Infrastruktur ausgestattet.

Sie hat das Gefühl, die Stadt ist harmonisch und lebenswert, trotz der Touristen, wahrscheinlich doch wegen der Sehenswürdigkeiten und den jahrhundertealten, von Menschen für Menschen geschaffenen, gewachsenen Strukturen, auch die Lage mit den Hügeln, die Aussichten über größere Entfernungen erlauben, ist herrlich. Das bedeutet nicht, dass alles perfekt ist; dass alles zu bewundern gilt. Doch man merkt, dass Prag wieder zu seiner Größe zur Goldenen Stadt zurückgefunden hat.

Die ersten Tage waren sehr angenehm, hoffentlich nicht zu sehr…

Frauenblick (colle caelius)

Monika Wrzosek-Müller

Monte Celio

Diesmal war die Zeit in Italien so schnell und unbemerkt vergangen, dass sie gar keine Zeit und keine Themen gefunden hatte, über die sie schreiben wollte. Lag es daran, dass sie dort so viele niederländische Autoren gelesen hatte und im Kopf irgendwie weg war von Italien? Eher nicht, sie war doch mit Herz und Seele da, genoss das gute Wetter und das Essen, die wunderbaren Ausblicke und das warme Meerwasser, sie traf sich mit ihren Freunden, war auch zu dem Litauer in der pesceria gegangen, um ihm zu erzählen, wie toll sie Litauen fand. Doch wieder hat er sie mit unheimlich vielen Bildern auf seinem Computer zugemüllt und nur gefragt: waren sie auch da, und da, und da? Und irgendwie war die Kommunikation gerissen, er reagierte eigentlich gar nicht auf ihre Erzählung, hatte nur seine Bilder im Kopf; da hatte sie den Rückzug angetreten, es waren auch kaum Fische zu kaufen.

Vielleicht war eben alles zu perfekt und zu leicht, so dass der Kopf wirklich abgeschaltet hatte, nicht aufmerksam genug, um sich etwas genau einzuprägen?

Doch einer von den niederländischen Autoren führte sie auch im Kopf immer wieder nach Rom. Seine Helden speisten da vorzüglich und kauften in exquisiten Boutiquen ein, tranken immer wieder die tollsten Weine bis sie todmüde umfiehlen und sich in vier Sterne Hotels ausruhten. Die Vorstellung vom dolce vita in Rom war allgegenwärtig. Die Helden ließen sich vom Kopf bis Fuß neu einkleiden, natürlich für aberwitzige Summen, die sie eigentlich gar nicht hatten aber doch ausgeben konnten. Alles schien möglich zu sein. Das gefiel ihr und sie konnte nicht widerstehen, also machte sie sich auf den Weg dahin, wo sowieso alle Wege hinführen, in die ewige Stadt. Die Reise mit dem Zug dauerte eigentlich ganz kurz, eine Stunde 50 Minuten, davon 25 Minuten innerhalb von Rom. Natürlich ist Rom nicht überall atemberaubend und schön; die Gegend um den Bahnhof Termini selbst sollte man am besten meiden; es ist so ein Geknäuel, dass man richtig auf sein Hab und Gut aufpassen muss. Doch dann, ein paar Schritte weiter, ändert sich wieder alles und man gerät ins Schwärmen.

Von den alten sieben Hügeln Roms (Quirinal, Viminal, Kapitol, Esquilin, Palatin, Aventin, Caelius) kannte sie inzwischen fast alle. Es kamen sogar einige dazu, von denen man wunderbare Aussichten auf Roms Dächer, Kuppeln und Türme hat: Gannicolo oder Pincio, auch Monte Testaccio nicht zu vergessen. Doch die ersten bildeten die alten sieben Hügel, auf denen Rom gebaut wurde, dabei waren Aventin und Celio/Caelius diejenigen, die etwas später dazu gekommen waren. Es ist schon erstaunlich, wenn man von der touristisch verstopften Gegend um das Kolosseum in ein paar Schritten in eine ruhige, fast ländliche Landschaft entschlüpfen kann. Da sie einen kleinen Hund dabei hatten, musste es auch etwas Auslauf geben.

Deswegen wählten sie diesmal den Monte Celio mit seinen Kirchen, Gärten und der Villa Celimontana. Der Weg führte gleich auf einer mit Kopfstein gepflasterten Straße nach oben, der Turm der Kirche des SS Giovanni e Paulo ragte schon von weitem auf. Das Sträßchen war menschenleer und winzig. Große Backsteinbögen spannten von einer zur anderen Straßenseite. Unter der Kirche befinden sich Ausgrabungen der case romane del Celio. Die Ausgrabungen sind für die Öffentlichkeit seit 2002 zugänglich; nach zahlreichen Restaurierungs- und Erhaltungsarbeiten wurden ungefähr 20 Räume unterirdisch für das Publikum geöffnet. Das Museum ist sehr schön gemacht, und seine Geschichte lang. Schon 1887 begann ein Mönch aus der darüber liegenden Basilika mit Ausgrabungen und legte diese alten, auf verschiedenen Niveaus gelegenen und zum Teil mit Fresken und Mosaikböden ausgeschmückten Räume frei. Es wird gemunkelt, dass es sich um das Privathaus von Johannes und Paulus handelt. Doch später wurde festgestellt, dass die Räume aus ganz verschiedenen Perioden der Antike stammen. Ein Raum ist dem Antiquarium gewidmet, in dem unter der Basilika ausgegrabenen Funde ausgestellt werden. Es sind verschiedene Vasen und Arbeitsgeräte, in die Augen sticht eine Sammlung islamischer Keramik, die ursprünglich den mittelalterlichen Turm der darüber liegenden Kirche schmückte.

Leider waren fast alle Kirchen unzugänglich. Zwei befinden sich im Moment in Restaurierung und stehen verstellt durch Baugerüste, bei zwei anderen hätten sie zwei Stunden warten müssen, um hineineingehen zu können. Monte Celio ist reich an wunderschönen Kirchen: die Basilika Santi Giovanni e Paulo; Santo Stefano Rotondo ist eine der ältesten Rundbau-Kirchen in Rom, man betritt die Kirche durch die Wand von Neros Aquädukt, sie ist von einer hohen Mauer umgeben und in einem waldähnlichen Park versteckt. Dann gibt es die Kirche von San Gregorio Magno, hinter der barocken Fassade versteckt sich eine frühchristliche Kirche, umgeben von kleinen Kapellen. Wenn man durch den kleinen Park am Monte Celio geht, an den Ruinen der Villa Celimontana vorbei, steht man vor der Kirche Santa Maria in Domenica, die mit wunderschönen Mosaiken aus dem 9. Jahrhundert ausgestattet ist. Etwas weiter weg, geleitet durch Zeichen auf dem Bürgersteig (als Pilgerweg) gelangt man zur Kirche des Klosters Santi Quattro Coronati. Viele von den Kirchen auf dem Monte Celio sind den Märtyrern gewidmet, die sich weigerten, den Götzen zu huldigen, und sich der christlichen Gemeinde angeschlossen haben; es mutet wie Publicity für Christentum an.

Die einzige weitere Kirche, die geöffnet und zugänglich war, befand sich auch in ein paar Minuten Entfernung und ist unter den Touristen sehr bekannt: die Basilika von San Clemente, dem Märtyrer. Mit ihren drei Ebenen, die übereinander liegen, ist sie wirklich faszinierend. Gleich beim Eingang wird man von dem herrlichen Apsismosaik und dem Marmormosaik auf dem Fußboden überwältigt. Die darunter liegenden Kirchen stammen aus dem 4 Jh. und man kann noch tiefer gelangen zu den Resten von Gebäuden aus dem 1. Jh. Ein Korridor führt zum Eingang einer Mithraeums, einer Mithras gewidmeten Kultstätte, der Weg hinaus führt durch Räume aus dem 1. Jh. Diese Kirche hatte sie schon bei früheren Besuchen in Rom gesehen, jetzt, im Kontext der ganzen Geschichte, dieses Teils von Rom, sah man, dass die Kirchen auf dem Monte Celio immer auf den Resten anderer Bauten entstanden waren. Die Gegend hier galt in der Antike schon als gute, wohlhabende Wohnlage, unweit vom Zentrum, sprich dem foro romano gelegen.

Man ist irgendwann wirklich überwältigt und müde von den vielen Kirchen-Besuchen, aber auch berauscht vom Atem der Geschichte und überrascht, wie unprätentiös die Römer mit ihren herrlichen Bauwerken umgehen. Sie dachte, sie würde gerne länger in dieser Stadt wohnen und leben können, um sich das alles einzuprägen und um besser verstehen zu können, wie das normale alltägliche Leben in diesen Denkmälern möglich ist. Neben den Kirchen gab es eine schöne, einfache Bar, in der man ganz preiswert essen und trinken konnte. Auch der Hund kam auf seine Kosten, er ist gelaufen, ohne auf Menschenmassen zu stoßen.

Frauenblick: Klimawandel

Monika Wrzosek-Müller

Als letztes Jahr die Trockenheit und Hitze Berlin beherrschten, wäre sie fast krank geworden. Die Trockenheit breitete sich wie eine Heuschreckenplage in den Parks, über die Wiesen aus, es war alles gelb und staubig, sah kränklich aus, ohne Saft und Leben. Sie trauerte um jeden Baum, jeden Strauch, der einging. Besonders Bäume haben es ihr angetan, alte, hundertjährige Bäume, deren Äste herunterfielen, erschienen ihr wie Lebewesen, die daran litten, was um sie herum geschah. Auch die Luft war trocken, es brannte in den Augen und kratzte im Hals.

Jetzt, in diesem Jahr saß sie in Warschau und sah die großen, neu angelegten, aber schon vergilbten Rasenflächen, die Blätter der Bäume, die jetzt schon, wie im Herbst, abfielen und auf dem Boden lagen. Die Weichsel konnte man durchwaten, sie war angeblich nur noch 40 cm tief. Die Schifffahrt war eingestellt. Die Trockenheit war überall sichtbar, in der Luft spürbar, auch im grünen Speckgürtel der Stadt sah man sie überdeutlich.

Schon letztes Jahr spürte sie, dass es ernst um die Welt war, um ihr Leben und dass es darum ging, wirklich etwas zu unternehmen, sollten wir noch weiter existieren wollen, vor allem die Generationen nach uns, unsere Kinder und dann deren Kinder. Doch weder die Grünen stellten für sie eine Alternative dar noch die Bewegung Fridays for future, die vielleicht zu jung war, zu sehr auf die Person von Greta Thunberg fixiert. Es war wirklich etwas, worum man kämpfen sollte, oder gar musste. Es war nicht ausgedacht, nicht künstlich zum Politikum gemacht, nicht durch die Medien kreiert; es geschah so überdeutlich und mit fortschreitender Konsequenz, dass man blind sein musste, es nicht zu sehen. Manchmal machten die Politik und die Politiker sie wütend mit ihrer Beschränktheit und Gehemmtheit, auch Langsamkeit, ihrer Abhängigkeit von der Großindustrie. Sahen sie nicht, dass es wirklich  höchste Zeit war zu handeln? Seit den 80er Jahren, seitdem sie nach Deutschland gekommen war, hörte sie ständig von der Verlegung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene, doch es passierte genau das Umgekehrte; die Autobahnen wurden immer breiter, zwei Spuren reichten schon lange nicht mehr aus und die Staus und der Verkehr nahmen rasant zu. Jetzt war Osteuropa auch den Gesetzen der Autoindustrie unterworfen, immer mehr, immer schneller,  scheinbar immer bequemer, also immer größer. Mitten durch kleine Dörfer und Städtchen in der Uckermark rollten riesige Laster mit Anhängern, alles rollte und verpestete die Luft, und die Sonne brannte unermüdlich und gnadenlos.

Zum Glück gab es doch noch die Kunst als einen großen Befreier, als Epigonen, Vorreiter dessen, was passieren sollte, konnte und nicht dürfte. Schon immer war die Kunst Vorbote der großen Themen, von Veränderungen; die Künstler spürten als erste Bedrohungen und bearbeiteten ihre Ängste in ihren Werken, sie entwickelten Visionen, die von der Realität betroffen waren.

So sah sie auch die Ausstellung in Warschau, im Zentrum für Gegenwartskunst (CSW) im Ujazdowski-Palais, sie handelte genau davon; schon der Titel war bezeichnend: Menschenleere Erde im Rahmen des Projekts Plastizität des Planeten. Das Wort Plastizität bezog sich sowohl auf die Möglichkeiten der Veränderung als auch auf die ungeheuren Mengen von Plastik, die der Mensch produziert und den Planeten damit zumüllt. Die Künstler versuchen ihre Sorge um den Planeten global auszudrücken. Sie gingen von einem Buch von Alan Weisman aus,  Die Welt ohne uns: Reise über eine unbevölkerte Erde, in dem spekuliert wird, was passieren würde, wenn die Menschen verschwänden. Könnten die Wälder sich wieder in Urwälder verwandeln, würden fast ausgestorbene Tiergattungen sich wieder vermehren, würde die Luft wieder sauber werden und das Abschmelzen der Gletscher aufhören? Als Beispiel nennt er auch den Urwald von Białowieża in Polen und mehrere andere unberührte Orte der Welt. Doch die Menschen werden nicht verschwinden und all die Auswirkungen ihrer Existenz werden bleiben. Das Buch des US-Autors erschien 2007, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erreichte große Popularität, stand auch monatelang auf den Bestsellerlisten.

Die Künstler schlagen vor: bei den Problemen zu bleiben, aktiv zu werden, bei sich selbst anzufangen. Nicht darauf vertrauen, dass irgendwo, irgendjemand eine neue technische Revolution startet und CO² verwandelt, die Gewässer säubert etc… darauf sollte man nicht vertrauen und sich damit abfinden. Die Künstler versuchen in ihren Arbeiten zu zeigen, wie dramatisch die Konsequenzen der Veränderungen in der Natur sind, die den Plastikmüll absorbiert hat, integriert hat und sich dadurch auch endgültig verändert hat. Sie zeigen, wie in den Organismen Plastik weiter existiert und etwas neues, nicht Natürliches, Unnatürliches schafft. Es ist eben diese Plastizität des Planeten, die neue Formen schafft, neues Leben herstellt, doch ob der Mensch darin noch überleben kann, ist fraglich.

Die Arbeiten sind ganz verschieden und haben mit der KUNST, wie ich sie früher verstanden habe, wenig zu tun; sie zeigen eine Art Sensibilität für die Probleme, die auftreten, eine sehr gezielte und unheimlich akribische Umgangsweise mit verschiedenen Materialien wie Pilze, Wasser, Steine, Grünpflanzen. Es sind Video-Installationen, Objekte die an etwas erinnern, das mal war und jetzt verwandelt weiter existiert, was darin schön ist, denn KUNST ist immer irgendwo mit Schönheit verbunden, muss man in fragilen und ganz zufälligen Momenten suchen. Und doch sind diese Arbeiten wichtig und richtig, denn sie beschäftigen sich mit dem wichtigsten Problemen, vor die unsere Welt gestellt worden ist.

Ein kleiner Teil der  Ausstellung konfrontiert den Betrachter mit  dem gezielten und bewussten Handeln der Menschen, die zur ökologischen Katastrophen (wie Entwaldung und Verwüstung) führen und meistens als Folge nach Kriegshandlungen auftreten.  Forensic Architecture ist eine Gruppe an der London University, Menschen aus unterschiedlichen Berufen: Architekten, Künstlern, Filmemacher, Journalisten, Archäologen, Programmierer, Juristen und anderen Wissenschaftlern; sie alle beschäftigen sich damit, Beweise zu sammeln und zu bearbeiten, so dass sie an internationalen Foren vorgestellt werden können. Im CSW werden zwei Aspekte vorgestellt: Herbizide-Krieg in Kolumbien und Palästina. In Kolumbien dachte man, mit den Unkrautbekämpfungsmitteln der Drogenproduktion Herr zu werden, es wurden ganze Waldgebiete vernichtet; in Palästina haben die Israelis um den Gaza Streifen alle grünen Pflanzen weggesprüht. Es entstanden Streifen von wüstenähnlichen Gebieten, auf denen jede Bewegung der Menschen sichtbar wird. Es sind eigentlich eher Dokumentationen der Prozesse der Veränderungen, die Bilder vorher, nachher veranschaulichen, was wirklich passiert ist und welch schreckliche Wirkung solche Anwendungen mit sich bringen.

Beide Ausstellungen habe ich mit großem Interesse aber auch mit Traurigkeit angeschaut; unheimlich, dass so viel Wissen auch nicht weiter hilft und die Welt sich weiter in den einmal eingeschlagenen Bahnen bewegt.

Frauenblick: So will ich von dir singen

Monika Wrzosek-Müller

Litauen! Wie die Gesundheit bist du, mein Vaterland;
Wer dich noch nicht verloren,
der hat dich nicht erkannt.
In deiner ganzen Schönheit
Prangst du heut ‘vor mir,
So will ich von dir singen,
Denn mich verlangt nach dir!

Adam Mickiewicz, Pan Tadeusz

Die Invokation zu Adam Mickiewiczs Epos Herr Tadeus kennt jeder Pole; und es stimmt immer noch irgendwie: Litauen erscheint einem gesund und schön. Zwischen dem Polen-Mythos in den Städten Vilna und Kaunas und dem Ostpreußen-Mythos in Klaipeda (Memel) und auf der Kurischen Nehrung wächst eine Selbständigkeit, Leichtigkeit und ökologische Sauberkeit, die man sich auch hierzulande wünschen würde. Klar, alles ist leichter, wenn man nur 2,8 Millionen Einwohner hat, doch es ist auch schwieriger. Viele von den jungen Litauern gehen länger in den Westen, um Geld zu verdienen, denn mit 600 € Durchschnittslohn kommt man nicht allzu weit. Aufgrund der Migration sank die Einwohnerzahl auch so dramatisch; 1990 zählte Litauen noch 3,7 Millionen. Aber es sind natürlich auch noch die Russen, die das Land verlassen haben, freiwillig oder doch etwas gedrängt.

Auf jeden Fall werde ich dem Litauer in der pescheria in Orbetello in Italien sagen können: „Ihr Land ist wirklich wunderschön und vor allem so gut organisiert“. Manchmal fast überorganisiert; an der Kurischen Nehrung sind die vorwiegend menschenleeren Strände in einzelne Abschnitte unterteilt. Neben einem Strand für Familien gibt es Abschnitte für Raucher und für Männer, für Hunde auch für die Frauen getrennt, es existieren auch Strände für die Textilfreie; schwierig wird es wohl, wenn ein Raucher, alleinstehender Mann mit Hund textilfrei sonnenbaden will. Super füllt man sich allerdings als Fußgänger in den Städten, da alle Autos ausnahmslos an den Zebrastreifen halten und die Fußgänger vorlassen. Nun gibt es nicht so viele Fußgänger auf den Straßen der litauischen Großstädte, doch das Gefühl der totalen Sicherheit ist sehr angenehm. Alkohol kann man nach 19.00 Uhr in Klaipeda weder kaufen noch eigentlich trinken; die einzige Bar, die wir gegen 20.00 Uhr noch offen fanden, war in einem Vier-Sterne-Hotel und sehr teuer; es gibt zusätzlich irgendwelche extra Bestimmungen fürs Wochenende, aber spezielle Läden, wie die in Schweden, das sog.: Systembolaget, gibt es nicht. Doch man spürt allgemein einen starken Einfluss der skandinavischen Ländern: Volvos und alte Saab fahren überall herum, in den Appartements stehen hauptsächlich Elektrogeräte der Marke Elektrolux und die Möbel etc. sind von IKEA.

Natürlich ist Vilnius eine wunderschöne Stadt mit altem Kern und moderner Skyline – sie präsentiert sich vom Gediminas-Turm in ihrer ganzen Pracht. Der 360 ° Blick erlaubt aber auch die Sicht auf die zerfallenden, sozialistischen Wohnblocks, auch die aus der Chruschtschow Ära; es gibt sehr viele davon, manche scheinen unbewohnt. Doch gerade diese Überbleibsel der kommunistischen Zeiten ziehen sie magisch an, dazu zählen auch die ungeraden, unebenen und mit Löchern übersäten Trottoire, das gefühlt Heimische, Bekannte, alles Unperfekte, noch Verbesserungswürdige steigert das Gefühl, zu Hause zu sein. Richtung Altstadt stechen vor allem unheimlich viele Kirchtürme in die Augen, mit ganz verschiedenen Kreuzen. Manche sind so nah nebeneinander gebaut, dass sie zusammenwachsen; wie das Ensemble von zwei Kirchen, der St. Anna-Kirche und, etwas dahinter, der Bernhardiner-Kirche mit den angeschlossenen Klostergebäuden. Auf dem Gelände wurde später, im 19. Jh., der neugotische Turm gebaut. Von oben schauend hat man den Eindruck, als wurde kräftig um den ersten Platz gerungen – wer von den polnischen Magnaten des 17. oder 18. Jh.s wohl die schönste, prachtvollste Kirche gebaut hat. Die Zahl ist schier unendlich, die Innenräume gleichen sich oft sehr; die Kirchen sind meist im Barockstil erbaut worden, jetzt sind alle herausgeputzt, renoviert in allen Rosatönen. Von oben verströmt Vilnius eine milde, harmonische Atmosphäre, hinterlässt auf dem Betrachter durch die hellen, renovierten Fassaden den Eindruck einer fröhlichen, zufriedenen Stadt. Den Eindruck kann man auch eher schwer verifizieren, denn Litauisch ist eine unendlich schwierige Sprache und ähnelt eigentlich gar keiner europäischen Sprache und die Litauer sind eher wortkarg; auch wenn die jungen Leute das Englische allgemein verstehen, scheitern eigentlich alle Versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ja, das Litauische; man sucht vergeblich irgendwelche Einflüsse des Slawischen, es ist angeblich eine der ältesten Sprachen in Europa und am ehesten an Sanskrit angelehnt.

Lange hat sie überlegt, wodurch sie Vilnius an Lemberg erinnert und warum für sie die beiden Städte sehr polnisch wirken. Natürlich steht die Geschichte der beiden Territorien dahinter, doch irgendwo im Stadtbild, in den melancholisch-pastellfarbenen, meistens barocken Bauten, den Kirchen steckt ein Stückchen alten Polens, das auch im jetzigen Polen selten zu finden ist. Sind das vielleicht die unierten, katholisch-orthodoxen Kirchen, die von außen so sehr an katholische Kirchen erinnern, doch im Innenraum, mit der riesigen Ikonostase einen mystischen Raum bilden? Meistens saßen alte Frauen in Kopftüchern darin und murmelten ihre Gebete; in Lviv zahlreicher als in Vilnius. Besonders in Lviv hat sie das sehr fasziniert, diese dunklen Räume, mit prächtigen Farben und Vergoldungen, mit all den Heiligen, die einen beobachten. Die Kirchen schienen ihr Leben zu leben, nicht als Baudenkmäler, sondern als Stätten der Begegnung. In Vilnius war die Zahl der Kirchen schier unendlich, einige wurden in Museen umgestaltet. Sie fotografierte unzählige Innenräume und dann konnte sie sie nicht mehr auseinander halten, so sehr glichen sie sich; fast alle entstanden in derselben Zeit. Sie fungierten auch unter dem Namen katholische Ostkirchen und die Mehrzahl gab es in der Ukraine, in den ehemaligen polnischen Gebieten. Sie wiesen sowohl Merkmale der katholischen als auch der orthodoxen Kirche auf.

Noch eine Sache hat sie in Litauen fasziniert; es war die Geschichte der langen Menschenkette, die, 650 km lang, von Vilnius über Riga bis nach Tallin fortgesetzt wurde. Sie nannten sie später den Baltischen Weg in die Freiheit. Über eine Million Menschen aus Litauen, Lettland und Estland nahmen daran teil, um am 23. August 1989 gegen die Sowjetmacht zu protestieren und für die Unabhängigkeit zu kämpfen. Die Fotos davon hat sie im Gediminas-Turm gesehen und sie haben sie sehr berührt; es war eine ähnliche Stimmung zu spüren wie die, die sie vom Kongress der Solidarność in Gdańsk 1981 kannte; Euphorie und Begeisterung gepaart mit Angst und Zweifeln. Zum Glück siegte die Begeisterung und die neu entstandenen Republiken konnten ohne Blutvergießen ihre Unabhängigkeit erlangen und leben.

Doch eine Spur von Angst und eine totale Abhängigkeit vom Westen sind immer noch wahrnehmbar. Kein Wunder, denn wie die Hauptheldin, eine alte Bäuerin aus einem Buch über Litauen, das sie gerade gelesen hat, sagt: „Unser Litauen hat es am schwersten. Wir liegen auf diesem Punkt, wo es kritisch ist. Da will Moskau uns haben, da wollte der Deutsche uns haben. Da will der Pole uns haben. Alle reißen von uns.“1/ Die Bäuerin aus dem Buch von Ulla Lachauer erlebt alles, sie ist Deutsche, spricht aber litauisch, heiratet einen Litauer und gerät ins Visier des KGB, wird nach Sibirien verschleppt und überlebt. Dann irgendwann kehrt sie zurück und wird als Deutsche weiter schikaniert. Ein Leben zwischen vier Stühlen und doch mit Bravour gemeistert, eine Liebe zu ihrem Land, zu ihrer Memelregion prägt sie. Alle aus ihrer Jugend und jüngeren Jahren verschwinden, die meisten landen in Deutschland, manche aber auch in Australien oder Amerika, sie bleibt alleine und versucht ihr einfaches Bauernleben mit großen Optimismus weiterzuleben. Ein tolles Buch mit großer Sympathie für das Land Litauen geschrieben.

Eigentlich genauso, wie sie das Land erlebt hat, im Aufbruch zu neuer Identität, fleißig und offen.


1/ Ulla Lachauer, Paradiesstraße. Lebenserinnerungen der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit, Rowohlt 1996, S. 129

Frauenblick. Petersburger Hängung

Monika Wrzosek-Müller

Sammlung Hoffmann

Es war die „Petersburger Hängung“; der Begriff ist ihr im Ohr geblieben. Da nahm ihre Aufmerksamkeit zu. Eine Freundin hatte die hohe Wand in ihrer Wohnung mit den unbeholfen aufgehängten Bilder betrachtet und, da sie freundlich sein wollte, sagte sie: Ach, Petersburger Hängung. Es war aber eigentlich eine bunte Mischung aus allen möglichen Bildern, die sie an diese Wand gehängt hatten, in unregelmäßigen Abständen, von verschiedener Couleur, Größe und Techniken, nicht immer zueinander passend, doch insgesamt irgendwie die Wand bedeckend. Sie wollte diese weißen, hohen Wände füllen, ihre Wohnung heimischer und gemütlicher gestalten.

Das zweite Mal hörte sie den Begriff: Petersburger Hängung kurz darauf in der Sammlung Hoffmann, während einer Führung, fast gleich im ersten Raum der neuen Installation von Joelle Tuerlinckx. Man stand in einem Raum, der von ausgeschnittenen Kartons verklebt war, die wiederum deutliche Spuren der roten Farbreste trugen, so als ob sie Schablonen für rote Bilder wären. Sie bildeten eine Art von Tapete, die die Wände bedeckten. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine umgestaltete Installation des Roten Zimmers handelte, die die Künstlerin für die Ausstellung in der Eremitage in Sankt Petersburg geschaffen hatte. Hier, für die Sammlung Hoffmann, hat sie die roten Kartons umgedreht; geblieben waren die weißen Flächen mit roten Rändern und Ausschnitten für die dort vorhandenen Gegenstände an den Wänden: Steckdosen, Lichtschaltern, Röhren, Heizung und offensichtlich auch irgendwelche Bilder. Sie hat es in Petersburger Hängung arrangiert. Die Fenster wurden mit roten Kartons von außen verklebt, so als ob das Rot das Licht am Eindringen in die Räume hindern würde. Der Raum übt eine starke Wirkung auf den Betrachter aus; eben politische Kunst, wie viel konnte man mit so einfachen Mitteln ausdrücken, wie viel hätte man in so einen Raum hinein interpretieren können.

Es ist eine Besonderheit der großen Städte, der Metropolen, dass man sich private Sammlungen anschauen darf. In Berlin sind gleich mehrere solche Plätze vorhanden: neben der genannten Sammlung Hoffmann, der Boros-Bunker, die Camaro-Stiftung, das Atelier der Malerin Jeanne Mammen und viele andere.

In die Sammlung Hoffmann gelangt man durch die Hackeschen Höfe, sie befindet sich in den Sophie-Gips-Höfen, in einer ehemaligen Fabriketage, sehr schön restauriert, nicht überrenoviert, sondern so, dass das Alte gerade noch herausgeholt und wohnlich gemacht wird. Die Sammlung nimmt die 3., 4. und Teile der 5. Etage ein. Man fährt mit dem Lift nach oben und landet in großen, lichtdurchfluteten oberen Räumen der Fabrik; die übergroßen Filzpantoffeln, die man über die eigenen Schuhe ziehen soll, erinnerten sie sofort an die Klassenausflüge in die Warschauer Museen, wo das früher immer der Fall war, man schützte die Böden und polierte sie zugleich, auch wurde wahrscheinlich so der Staub abgewischt. Damals versuchten wir mit den Filzpantoffeln über die Flächen, wie mit den Schlittschuhen zu gleiten, wer kam als erster an, wie weit konnte man mit Schwung rutschen.

Die Sammlung – das sind zugleich Ausstellungs-, Wohn- und Arbeitsräume der Familie. Für den Besuch muss man sich anmelden und eine Führung buchen, damit die Leitung der Sammlung auch den Überblick hat, wie viele Menschen darin unterwegs sind. Jedes Jahr wird die Ausstellung neu konzipiert und trägt jeweils einen interessanten Titel und wird unter einem Aspekt arrangiert. Die diesjährige läuft unter dem Titel „Zweifel“. Die Geschichte der Sammlung war für sie interessant; auch wenn man das meiste im Internet nachlesen kann, erzählte der junge Mann, der sie durch die Räume führte, Folgendes: Sie ist in den 60er Jahren entstanden. Da begannen Erika und Rolf Hoffmann Werke meist befreundeter Künstler zu kaufen. Nach dem Verkauf des Unternehmens, in den späten 80er Jahren, steigerten sie ihr Engagement für die Kunsteinkäufe deutlich. Mit der Wiedervereinigung wollten sie aktiv am Prozess der Einigung teilnehmen und es gab die Idee einer Kunsthalle in Dresden, sie sollte nach einem Entwurf von Frank Stella gebaut werden. Zum Glück für Berlin und zum Nachteil für Dresden wurde diese Idee nicht realisiert. 1994 fanden die Hoffmanns eine leer stehende Fabrik, die sich dem Ziel der Unterbringung der Sammlung und als Wohn- und Arbeitsräume eignete. Ab 1997 ließen sie an jedem Samstag auch die Öffentlichkeit an ihrer Sammlung teilhaben. Im März letzten Jahres hat Erika Hoffmann die Sammlung doch den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden geschenkt. Bis 2022 bleiben Teile der Sammlung mit immer wechselnden Ausstellungen zu verschiedenen Themen doch in Berlin zugänglich.

Der Titel „Zweifel“ erlaubt alle möglichen Formate der Kunst vorzustellen, zwingt jedoch den Betrachter noch mehr zum Nachdenken. Die Führung beschränkt sich jeweils auf ausgewählte Objekte und dauert meistens nicht länger als anderthalb Stunden. Der Eingang mit der umgedrehten roten Tapete wurde bereits erwähnt. Vieles weitere lässt zweifeln, manchmal lächeln oder gar schmunzeln, das ist hier auch Programm. Besonders herausfordernd fand sie einen Künstler der die Werke, Bilder oder Fotografien anderer Künstler einfach übermalt hat. Arnulf Rainer fordert den Betrachter sehr heraus, indem er z.B. im Bild „Schwarze Zumalung“ Selbst begraben einfach fast das ganze Bild schwarz übermalt, überlässt nur ein helles Zipfelchen des alten Werk sichtbar. Was kann uns mehr zum Zweifeln bringen, oder ein Werk von Bruce Nauman Hanging Cat – die plastische Nachbildung eines abgeheueten Tieres, die von der Decke hängt.

Ein Wohnzimmer mit der Nr. 17 hat ihr sehr gut gefallen; ein Triptychon von Sean Landers hängt an einer Wand und erzählt über Meerwasser, das sich den Gesetzen der Physik entzieht, und auf der gegenüber liegenden Wand seine zwei riesigen Ölwände mit den Titeln: The Ether of Memory und Looking für Mr. God Bar. Der Künstler schreibt seine Gedanken mit dem Pinsel dicht und erstaunlich gleichmäßig auf Englisch auf die Leinwand über seinen Zustand, Gedanken und Gefühle auf (das zweite Gemälde angeblich sehr erotisch). Sowohl die Bilder vom Meer als auch die mit seinen Notizen haben etwas beruhigendes, monotones fast meditatives in sich und zugleich zweifelt man an ihrer äußeren Schale; beim näheren Hinsehen wird klar, dass das Meerwasser und die Wellen nie so schlagen und die Notizen sehr aufgewühlte Zustände beschreiben, alles ist anders, als auf den ersten Blick erscheint…

Auch die mehr privaten Räume, wie das Wohnzimmer mit dem Kamin eigerichtet mit echten Mies van der Rohe Möbeln, Barcelona Sesseln und Liege, einem Glastisch und Vitrine sind wunderschön. Die Wand hoch ist mit Acryl-Farben von Katharina Grosse gesprayt und harmoniert wenigstens von der Farbgebung mit zwei großen Acryl-Gemälden. An der seitlich liegenden Wand ist ein Gebilde von Frank Stella zu sehen: Of Whales in Paint, in Teeth, in Wood, in Sheet Iron, in Stone, in Mountains, In Stars (Moby Dick Series) aus bemalten Aluminium; es sieht wie ein bunter, ästhetischer Drache aus. Im Esszimmer bestaunt man wunderbare Lampen (4) von Bauhaus und Esstisch mit Stühlen von Eero Saarinen und ganz feines Teegeschirr in einer Glasvitrine.

Eine andere Art von Kunst bringt das Projekt von Katarzyna Kozyra, einer polnischen Installationskünstlerin, die einen langen Film Looking for Jesus/Szukając Jezusa in Jerusalem gedreht hat, der sich hauptsächlich mit dem Thema oder dem Phänomen des Jerusalem-Syndroms beschäftigt. Den Film hat sie in der Sammlung leider nicht gesehen, doch Kozyra ist für sie eine so gute Künstlerin, dass sie sich sofort im Internet alles Zugängliche angesehen hat. Kozyra hat sechs Jahre lang immer wieder mit Menschen in Jerusalem und Umgebung gesprochen, die sich für Jesus halten, sie hat dann das Material zusammengeschnitten und auf 73 Minuten gekürzt. Die Menschen berichten von ihrem Leben, Glauben und dem Platz des Glaubens, der Religion in ihrem Leben und in der heutigen Welt von den Werten, die ihnen wichtig sind. In einer der Szenen, die auf dem Trailer zu sehen ist, hören wir folgenden Dialog: „Are you Jesus or you think you are Jesus?“ – „Yes, I am Jesus“- „So we have to follow you“, und wir sehen wie der Mensch flüchtet und die Künstlerin ihn verfolgt. Bei einigen Treffen mit polnischen Zuschauern erzählt Kozyra, wie sie ihre Helden gefunden hat und warum sich für sie dieses Projekt zu einem Mammut-Projekt entwickelt hat. Sie sagt, natürlich ist das nicht objektiv, sie filtert alles durch ihr eigenes Interesse und ihren eigenen Willen, eine Antwort zu finden. Doch das, was wir sehen, ist ein gewaltiges Bild und ein Dialog über Religion und Glauben. Im heutigen Polen, gerade jetzt, nach mehreren Filmen über die Katholische Kirche und Missbrauchsfälle in der Kirche, müsste es mit sehr großem Interesse verfolgt und aufgenommen worden sein. Leider hat sie nicht am Treffen zwischen Erika Hoffmann und Kozyra teilgenommen, das am 24.01. 2018 stattfand, als der Film zum ersten Mal in der Sammlung gezeigt worden ist. Da wäre ihr wahrscheinlich klar geworden, warum diese Installation unter dem Titel der Ausstellung „Zweifel“ läuft.

Viele Räume hat sie nicht gesehen und sie nimmt sich vor, sie beim nächsten Besuch doch zu betreten (wenigstens), was sie Allen empfiehlt. Bis 2022 haben wir noch Zeit!

Fuga / Fugue

Uwaga, jak się poszuka, znajdzie się też króciutką opinię o filmie po polsku – niebieską 🙂

Aus der Pressemappe des Festivals:

Kategorie: Neues Polnisches Kino
Polnischer Titel: Fuga
Deutscher Titel: Fugue
Produktionsjahr: 2018
Dauer: 01:40:00
Festivalausgabe: 2019
Regie: Agnieszka Smoczyńska
Drehbuch: Gabriela Muskała
Kamera: Jakub Kijowski
Darsteller: Łukasz Simlat, Zbigniew Waleryś, Halina Rasiakówna, Gabriela Muskała, Małgorzata Buczkowska
Musik: Filip Míšek

W Berlinie dziś jeszcze do obejrzenia / Heute noch im Kino
19:00 / Wolf Kino

Pressetext:

Nach ihrem gefeierten, furiosen, bunten Horror-Trash-Musical Córki dancingu/ Sirenengesang/ The Lure überrascht Smoczyńska mit einem ernsten Psycho-Kammerspiel, zu dem die Hauptdarstellerin Gabriela Muskała das Drehbuch schrieb. Sie verkörpert eine Frau mit einem doppeltem Knick in ihrer Biografie: Vor zwei Jahren war die brave Mutter aus der Gegend von Wrocław plötzlich verschwunden und hatte sich ohne jegliche Erinnerung in Warschau neu erfunden. Als starke, selbstbewusste Frau hat sie sich durchs Leben geboxt, bis eine TV-Sendung ihre Identität offenlegt. Nun ist sie zurück in den Armen ihrer Familie und könnte sich dort kaum fremder fühlen.

In dunklen Bildern und mit mutigem Sounddesign entblättert die Regisseurin das zerrissene Innere ihrer Hauptfigur, der sie stets dicht auf den Fersen bleibt. Dass diese nicht zwingend sympathisch, aber stets nachvollziehbar bleibt, ist neben einem gekonnten Schnitt vor allem der grandiosen Leistung der Hauptdarstellerin zu verdanken, welche Blicke tief in die Seele ihrer Figur zulässt, ohne sie vollständig zu enträtseln.

Ela Kargol napisała:

Pomiędzy flizą, płytą, kaflem jest fuga. Większa mniejsza, szersza, węższa, trwała, krucha….
Fuga wypełniona pewną masą łączy części w całość. Zabrakło w filmie spoiwa wypełniającego fugę. Może się wykruszyło, tak jak pamięć głównej bohaterki, a może z powodu zaniku pamięci nie da się już nic scalić i fuga zostaje pusta.
Mój tata miał takie widzimisię, że kładł fugi kolorowe, potem blakły, tak mi się tylko przypomniało…


Jetzt werden hier Texte von drei weiteren Frauen folgen. Wir trafen uns alle im Kino, aber wir haben nicht miteinander über den Film gesprochen. Das, was wir über den Film denken, trifft sich erst hier.

Ewa Maria Slaska

Ich lese solche Texte stets erst nachdem ich den Film gesehen habe. Ich versuche, mich vor den Spoilern zu schützen. Ich hasse es, schon vorher belehrt zu werden, was ich zu denken habe. Besonders in der deutschen Kritikpraxis ist es eigentlich gang und gäbe, dass einem der Inhalt, das Ende und der Sinn des Filmes von den Rezensenten gnadenlos enthüllt werden. Ist es die unterbewusste Überzeugung, dass der Rezipient keine Ahnung hat und Auslegung braucht, ist es der Wunsch des Publikums, oder ist es blosse Machtlosigkeit der Kritik, die selber nichts weiß und doch über irgendetwas schreiben muss?

Dies aber nur am Rande. Ich bin also ins Kino gegangen ohne jedwede Vorkentnisse. Ich ließ den Film auf mich wirken und… und der ließ mich unberührt. Mir hat der Film nicht gefallen. Vielleicht bin ich aber nur die Einzige im Kino, die das dachte, weil ich vermute, von den Zuschauerinnen (es waren überwiegend Frauen im Kino) bei dem Weggehen kleine Anerkennungssätze zu schnappen.

Ich kann aber nicht anders. Auch wenn alle andere anders denken. Die Geschichte scheint mir unlogisch und voller Lücken konstruiert zu sein. Und damit meine ich nicht den künstlerischen Anspruch der Regisseurin und der Drehbuchautorin, ihre Protagonistin geheimnisakzeptierend und nicht entblössend darzustellen. Nein, ich meine Konstruktionsfehler des Films selber, das Ignorieren der Tatsachen und Prozedern, das Weglassen der nüchternen Fakten. Nichts in der Geschichte von Alicja könnte so gewesen sein, wie es im Film gezeigt ist. Alles stimmt nicht, alles ist nur bloßes Fantasieren um ein Frauenschicksal herum, unterlegt mit frecher Gewissheit der Filmmacherinnen, dass wenn es Frauengeschichte ist, wird sie aufgenommen sein, weil 2019 Frauengeschichten einfach aufgenommen werden und niemand wird sie hinterfragen.

Die Geschichte entwickelt sich nicht, sie dreht sich nur rum. Man weißt nicht, weshalb etwas im Film gerade gezeigt wird, es ist wurscht und egal, was die Menschen im Film machen und weshalb gerade jetzt. Die einzelnen Szenen sind lose nacheinander geworfen. Irgendwas. Irgendwie. Irgend… Ich fühle mich als Zuschauerin regelrecht verarscht und hab’ Gefühl, die große Worte des Pressetexts wollen mich nur einschüchtern, damit ich es doch nicht tue, was man (frau) sich nicht wünscht: nicht frage.

Auch die große schauspielerische Leistung der Hauptprotagonistin, die im Pressetext hochgepriesen ist, scheint mir ein Humbug zu sein. Frau Muskała verfügt, meiner Meinung nach, nur über zwei Gesichtausdrücke – entweder ist sie weit weg vom Hier und Jetzt und somit traurig oder hat einen delikaten fast unmerkbaren Lächeln parat, der sicher ihre Stärke ist, wird aber so oft und so sinnlos eingesetzt, dass es schon gar nichts bedeuten kann.

Also bei der Frage Hit oder Kitt, sage ich Kitt, obwohl mir sehr bewusst ist, dass der Film beste Chancen hatte, den Filmfestivalpreis zu bekommen. Und weisst der Kuckkuck, weshalb er ihn nicht bekam?

Monika Wrzosek-Müller

Irgendwie beschäftigen sich übermäßig viele Filme des diesjährigen Neuen Polnischen Kinos mit psychologischen Problemen, wenn nicht Anomalien. Schon die Titel weisen daraufhin: 7 Gefühle, Panikattacken, Fugue, Over the Limit. Ich habe nun den 2018 von Agnieszka Smoczynska gedrehten Film Fugue gesehen. Eigentlich könnte man bei diesem Film von der Illustration eines dissoziativen Phänomens, nämlich der Dissoziativen Fugue, auch psychogene Fugue genannt, sprechen. Die Hauptdarstellerin Gabriela Muskała, die übrigens auch das Drehbuch schrieb, spielt hervorragend; doch der Film war für mich an manchen Stellen künstlich und überzogen.

In der Klassifikation nach ICD-10 der psychischen Störungen wird Dissoziative Fugue unter der Nummer F44.1 aufgelistet. Zu den Symptomen gehören eine unerwartete, desorientierte Flucht aus der gewohnten Umgebung (Zuhause, Arbeitsplatz), teilweise Amnesie in Bezug auf Teile der Vergangenheit, Verwirrung über die eigene Identität, manchmal die Annahme einer neuen. Die Störung kann von ein paar Stunden bis zu mehreren Monaten dauern. Nun im Film dauert sie zwei Jahre, die Frau nimmt eine neue Identität an und kämpft sich an einem neuen Ort, in Warschau, durchs Leben, bis sie durch eine TV-Sendung erkannt wird. Der Vater ruft die Moderatorin an und entschlüsselt ihre Identität.

Es folgen berührende Szenen, in denen die ganze Familie und besonders der Vater versuchen, sie wieder an ihre Vergangenheit heranzuführen. Doch alle Versuche scheitern, sie scheint sich an nichts zu erinnern. Man sieht nur, dass all das sie quält und ihr unangenehme Gefühle bereitet.

Eigentlich stellt sich für mich in dem Film als wichtigste Frage, warum sie das getan hat, warum sie „geflüchtet“ ist. Das erfährt der Zuschauer peu à peu, in kleinen Schritten – bis er erfährt, dass sie einen Autounfall im Wald hatte. Sie wollte vor ihrem Mann fliehen, der ihr gedroht hatte, sich scheiden zu lassen und ihr den Sohn wegzunehmen. Nach dem Unfall dachte sie, ihr Sohn sei dabei gestorben, und daraufhin, aus Entsetzen über die eigene Tat, wäre sie von der Unfallstelle geflohen und hätte das Geschehene vergessen. Doch ihr Psychotherapeut spricht von dissoziativer Fugue und hilft ihr dabei, ihre wahre Identität zu finden. Aber ihr früheres Leben, in dem sie sich gar nicht mehr zurecht findet, stellt für sie keine Alternative für eine Fortsetzung dar. Am Ende des Films verlässt sie ihren Mann und ihren Sohn. Die Sentenzen, die Szenen mit ihrem Sohn, einem Jungen von 5 oder 6 Jahren, sind sehr berührend: das Kind ist klug und mein Herz zog sich regelrecht zusammen, als ich sah, wieviel der Junge von der Situation auf sich übertrug und wie ihn das direkt betraf. Insofern eine Warnung an alle Eltern, wie direkt ihr Leben das ihrer Kinder betrifft.

Doch letztendlich verdankt der Film seine ganze Wirkung dem enormen, perfekten und mutigen Spiel der Hauptdarstellerin. Trotzdem habe ich den Saal mit einem Gefühl des leisen Missmuts verlassen.

Anne Schmidt

Liebe Ewa,
Der Titel des Films Fuga beschäftigt mich, seitdem ich mir diesen Film angeschaut habe.
Leider konnte ich nicht bis zum Gespräch mit der Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin bleiben, denn sie hätte mich vielleicht darüber aufgeklärt, ob die musikalische Fuge oder die handwerkliche Fuge gemeint ist. Vielleicht hast Du die Gelegenheit Gabriela Muskala nach der Bedeutung des Titels zu fragen.
In der Anfangsszene des Films kraxelt eine zierliche junge Frau in Stöckelschuhen über den Schotter einer unterirdischen Bahntrasse (Fuge), bis sie in einem unterirdischen Bahnhof ankommt. Dort zieht sie sich mühsam zum Bahnsteig hoch, taumelt unter den Augen der indigniert schauenden Passagiere ein paar Schritte vorwärts, hockt sich nieder, lupft ihren seriösen Trenchcoat und uriniert auf den Bahnsteig.
Ich frage mich, ob sie damit den Ruf nach der Polizei und einem Arzt provozieren wollte, denn in der nächsten Szene sehen wir sie in einer psychiatrischen Klinik. Sie wird dort zwei Jahre lang als Frau ohne Gedächtnis unter dem Namen Alicja von einem sehr engagierten Professor behandelt bis dieser auf die Idee kommt, sie im Fernsehen der Öffentlichkeit vorzustellen. Sofort nach der Ausstrahlung meldet sich ein Mann, der sie als seine Tochter, die vor zwei Jahren verschwunden ist, erkannt hat.
Ab jetzt wird die Geschichte kompliziert, denn Kinga, wie Alicija richtig heisst, reagiert auf ihre “Heimführung” in ihr ehemaliges Zuhause mit Mann und Kind aggressiv und ablehnend. Auch ihr Mann wirkt weder erfreut noch erleichtert darüber, dass seine Frau wieder zurück ist. Der kleine Sohn scheint sie nicht als seine Mutter wiederzuerkennen und fühlt sich mehr zu einer ehemaligen Kollegin von ihr hingezogen.
Die Frage, was stimmt in dieser Familie nicht, wird erst zum Schluss beantwortet.
Die Frage, hat Kinga wirklich ihre Vergangenheit vergessen, bleibt bis zum Schluss bestehen, denn manche Dinge kann sie seltsamerweise richtig zuordnen.
Nachdem ihr ihr Ehemann den letzten Tag ihres alten Lebens ins Gedächtnis zurückgerufen hat, zieht sie daraus eine unerbittliche Konsequenz. Ob sie damit ihrem Kind das verlorengegangene Gleichgewicht wiedergibt und ihrem Mann ein glückliches Leben ermöglicht, sei dahingestellt.
Aber was wird aus ihr? Kann sie ohne ihren Psychiater nicht mehr leben? Hat er aus ihr eine Kurwa gemacht?
Wie beurteilst Du ihr Verhalten und ihre Zukunftsaussichten, Ewa?
Mich haben die Geschichte und die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin sehr beeindruckt.
Die Tatsache, dass sie die Verwirklichung ihres Drehbuches über mehrere Jahre verfolgt hat, deutet meiner Meinung nach auf ein starkes persönliches Interesse an diesem Stoff hin. Leider kann ich sie nicht nach den Gründen für ihre starke Ambition fragen, aber Du hast vielleicht noch diese Chance.

Ewa Maria Slaska

Liebe Anne, ich glaube Fuga ist hier als lateinsches Wort Flucht gemeint. Mit Bach und seiner berühmten Fuge (fliehende musikalische Motive geben der Fuga ihren Namen her) hat die Geschichte wohl wenig zu tun. Ob es damit aber (auch) die handwerkliche Fuge gemeint ist, also ein Spalt zwischen den Kacheln, die man zusammenbinden muss, damit sie nicht auseinander geraten? ich weiß es nicht. Möglich wäre es. Man sieht, dass in dieser Familie etwas fehlt, dass hier alle auseinander geraten. Monika meint, die Fugue ist der Name einer psychischen Krankheit.

Fotos: FUGUE_Stills_2_4_6 © Alpha Violet

Weitere Filmkritiken folgen

Frauenblick auf Museum an der Weichsel

Monika Wrzosek-Müller

Gedanken zu der Ausstellung von Daniel Rycharski im Museum an der Weichsel

Der Taxifahrer sprach immer wieder von seinem Schwager aus der Provinz, genauer aus einem Dorf. Irgendwie würden die auf dem Land immer nur klagen, nichts lohne sich, jede Anstrengung sei zu viel; zwar hätte sich viel verändert, doch die Bereitschaft, Verantwortung für etwas Größeres (ein richtiges Unternehmen) zu übernehmen, würde fehlen; oder es wagen doch nur ganz wenige. Sollen sie doch in die Stadt kommen, sich hier ausprobieren, bitte schön… usw… usf.

Das war der Anfang meiner Episode mit dem Nachdenken über das Landleben, die Dörfer, die Bauern in Polen. Mehrere Faktoren haben zusammengespielt. Vor einigen Monaten erzählte mir eine Freundin von einer fantastischen Ausstellung in Krakau, die Stanisław Wyspiański gewidmet war und unheimlich viele seiner Werke versammelte. Er war der Hauptvertreter der „Bauernmanie“ [Chłopomania] aus der Kunstrichtung Junges Polen [Młoda Polska] in der Zwischenkriegszeit. Als Künstler war er nicht nur Maler, Projektant von Glasfenstern und Bildhauer; er schrieb auch – und sein bekanntestes Drama „Die
Hochzeit“ [Wesele] wurde immer wieder aufgeführt; es zeigte das stilisierte, farbenfrohe, manchmal bedrohliche Bauernleben, das die Vertreter dieser Kunstrichtung feierten. Andrzej Wajda drehte 1997 einen monumentalen Film aufgrund des Dramas, „Die Hochzeit“.

Ein anderer wichtiger Schriftsteller dieser Richtung, allerdings eher aus dem Realismus kommend, war Władysław Reymont. Er verfasste das Epos „Die Bauern“ [Chłopi] und erhielt dafür, so lernte ich in der Schule, den Literaturnobelpreis. Er lebte längere Zeit in einem Dorf, das damals Lipce hieß (später erhielt das Dorf den Beinamen Reymontowskie), wohin ich als Kind in die Sommerferienlager (sog. kolonie) fuhr. Im Dorf gab es ein Museum, es sollte sein Haus gewesen sein, mit vielen bunten Stuben, wo kleine Betten standen mit aufgetürmten Kissen darauf. So jedenfalls war meine Erinnerung daran. Der Roman „Die Bauern“ war lang, zog sich über vier Bände, die nach
Jahreszeiten unterteilt waren, und langweilte mich. Doch wir mussten ihn lesen, denn er stand auf der Lektüreliste. Er enthielt wohl auch viele Wahrheiten und treffende Beobachtungen über das Bauernleben in Polen. Für die meisten von uns Städtern meiner Generation existierte das Dorf eigentlich kaum – und wenn dann nur als Fluchtort aus dem mühsamen, strapaziösen Stadtleben; Ort für Ferien, um sich zu erholen. Ein Bewusstsein für Land, Dorf wurde nicht entwickelt, kaum jemand beschäftigte sich damit. Die Tatsache, dass die Bauern diejenigen waren, die uns ernährten, drang gar nicht zu uns vor.

Vor zwei Jahren war ich auf Einladung einer Freundin in ihrem Sommerhäuschen auf dem tiefen polnischen Land. Wir haben uns wunderbar amüsiert, wurden auch auf ein Dorffest eingeladen. Dort wurde so heftig getrunken, getanzt und geredet, dass ich es ungeheuerlich fand, mich fast davor fürchtete. Die Menschen erzählten mir, was für sie die „500 plus“ bedeuteten, das von der PiS-Regierung eingeführte großzügige Kindergeld; einige von ihnen hatten zum ersten Mal so viel Geld auf einmal gesehen, konnten zum ersten Mal nachdenken, was sie mit Geld anfangen würden, ob sie zum ersten Mal irgendwohin weg fahren würden. Neuerdings rücken die Bauern, das Landleben, die Landwirtschaft mehr in den Vordergrund, in das moderne Bewusstsein aller Menschen; sei es durch das zunehmende ökologische Bewusstsein, besonders nach dem heißen und trockenen Sommer des letzten Jahres, oder als Alternative zum Stadtleben, schließlich durch die Suche nach Wählerstimmen, die da noch zahlreich zu gewinnen waren.

Bei meinem letzten Besuch in Warschau habe ich eine Ausstellung in dem neu entstandenen Museum für Moderne Kunst („Museum an der Weichsel“) gesehen, die sich auch mit der Bauernproblematik auseinandersetzt, auf sehr interessante Weise. An jenem Abend war eine herrliche Stimmung schon vor dem Gebäude zu spüren. Auf den schönen Holzterrassen, und an Deck der Schiffe am Weichselufer saßen Unmengen von jungen Leuten, in einer fröhlichen, ausgelassenen Stimmung, die sich echt und ohne Events und viel Alkohol ausbreitete und in der Luft vibrierte. Die letzten Sonnenstrahlen schienen auf die wunderschöne neue Swiętokrzyski-Brücke und das Nationalstadion.
Das frische, feine Frühlingsgrün der Bäume und Sträucher auf dem anderen Weichselufer hob sich bewusst von dem regulierten, verbauten auf der Museumsseite ab. Drinnen, in dem provisorisch errichteten Gebäude, gab es eine Ausstellung, die mich gefesselt und gebannt hat, wie seit längerer Zeit keine mehr.
Es handelte sich um die Ausstellung von Daniel Rycharski „Strachy“ [Angst, Furcht, Schreck, Vogelscheuche]; sie enthält Arbeiten aus der langen Zeit der Suche des Künstlers nach Antworten auf die Fragen nach religiöser, gesellschaftlicher Identität, nach Gemeinschaft, nach der Andersartigkeit. Der Künstler kehrte nach seinem Studium an der Krakauer Kunstakademie in sein Heimatdorf zurück und setzte sich mit dem dortigen Leben auseinander. Er selbst suchte einen Weg, um sich mit der Kirche zu versöhnen und seinen Glauben zu praktizieren, obwohl er zur Gruppe der LGBT-Leute gehört und somit von der Kirche eher ausgegrenzt wird. Alle Exponate, die in der Ausstellung gezeigt werden, fand der Künstler irgendwo auf dem Dorf herumliegen und bearbeitete sie so, dass er sie als tragende Objekte seiner Ideen hinstellen oder aufhängen konnte. Doch sie haben ihre eigene Geschichte und diese schimmert durch die vom Künstler erzählte hindurch. So finden wir eine Tafel mit einem eingravierten Text aus dem Katechismus, aus dem hervorgeht, dass Homosexuelle zu den Riten der Kirche zugelassen werden sollen. Die Objekte sprechen den Betrachter durch ihre authentische Geschichte an und zugleich sind sie Stellungnahmen des Künstlers zu den bewussten Fragen. Er ist gläubig und will den Glauben auf eigene Art praktizieren. Seine Vogelscheuchen entstehen aus alten Kreuzen verschiedener Bekenntnisse, die er sammelt und in fröhlichen Farben bemalt und
entsprechend verkleidet. Hinter den bunten Farben verstecken sich aber bei näherem Hinsehen viele grausame Praktiken. Zu den Vogelscheuchen gelangt man durch ein bunt bemaltes Tor – für mich ein Tor, das man immer durchschreiten muss, um ins Innere zu kommen, um sich zu erklären, wozu man gehören will. Diese Momente der bewussten Entscheidung für eine Gemeinschaft bilden den Kern der Aussagen in seinen Arbeiten; es gibt auch einen Ornat, dem Rycharski eine Ku Klux Klan-Haube aufgesetzt hat. Er geht mutig mit den sakralen Gegenständen um, ohne in irgendeinem Moment die Institution zu
verletzen, doch er hinterfragt einige ihrer Praktiken, setzt sich mit ihnen auseinander. Seine eigene Biografie und seine familiäre Situation bilden den Ausgangspunkt für seine Reflexionen. Er setzt sich mit Vorurteilen und eben mit der Angst vor Neuem, vor dem Unbekanntem auseinander und da er das sehr intensiv, intuitiv aber auch leidenschaftlich tut, wird der Betrachter angesprochen und muss sich selbst mit den Fragen beschäftigen.

Ich fand die Ausstellung sehr gut und fühlte mich so direkt angesprochen, dass ich die Exponate lange nachdem wir die Ausstellung verlassen hatten, vor meinen Augen immer wieder sah. Es wurde mir plötzlich auch bewusst, wie wenig wir uns mit den Fragen der Menschen, die auf dem Land leben, auseinandersetzen. Und dann kamen mir auch all die Gedanken, die ich oben aufgeschrieben habe.

Frauenblick auf Blumen

Monika Wrzosek-Müller

Tulpen

Manchmal fallen einem Bücher vom Himmel und sind genau richtig für den Moment, für die Jahreszeit und überhaupt. Genauso ist es mir ergangen, als ich das Büchlein von Zbigniew Herbert „Der Tulpen bitterer Duft“ in den Händen hielt. Dass ausgerechnet mein Lieblingsdichter, der Verfasser von „Herr Cogito“, sich mit der Geschichte der Tulpen und der Tulpenmanie beschäftigt, hat mich gleich für das Büchlein eingenommen. Hinzu kam, dass es in wunderschöner Form beim Insel-Verlag, mit gut ausgewählten Abbildungen hauptsächlich niederländischer Maler, erschienen ist. Die gute Übersetzung von Klaus Staemmler tut dem Text und vor allem dem Leser gut. Die Tulpe ist außerdem eine der schönsten Schnittblumen, man freut sich schon im Februar auf immer buntere und ausgefallenere Tulpensträuße; ich liebe Tulpen in allen Farben und Formen. Leider gedeihen sie in den sandigen Böden Brandenburgs nicht besonders, und selten kommen welche mehrere Jahre hintereinander, meistens muss man sie jedes Jahr neu pflanzen. Ich erinnere mich, dass ich manchmal 50 Tulpenzwiebeln im Herbst gesetzt habe und nur einige wenige dann im Frühjahr rauskamen. Doch auf den Märkten in der Stadt machen sie sich wunderbar, und ich muss mich immer beim Kaufen regelrecht bremsen. Und nun las ich über die Geschichte dieser wunderbaren Blume:

„Die Tulpe ist ein Geschenk des Orients, wie viele segensreiche und unheilvolle Geschenke […]. Der Name stammt aus dem Persischen und bedeutet Turban. Sie war eine seit Jahrhunderten geliebte und verehrte Blume in den Gärten Armeniens, der Türkei und Persiens. Am Sultanshofe veranstaltete man alljährlich Tulpenfeste […]. Ihr Auftauchen im Westen ist das Verdienst eines Diplomaten. Er hieß Ogier Ghiselin Busbecq und war Gesandter der Habsburger am Hofe Suleimans des Prächtigen. Er war ein gebildeter und wissbegieriger Mensch, schrieb pflichtgemäß erschöpfende diplomatische Berichte, sammelte aber mit noch größerer Begeisterung griechische Manuskripte, antike Inschriften und Naturalien. 1554 schickte er an den Wiener Hof Kaiser Ferdinand I. eine Sammlung Tulpenzwiebeln. Das war der unschuldige Anfang des Bösen.

Von dieser Zeit an verbreitet sich die Blume verblüffend schnell in Europa. […] Im gleichen Jahr (1561) bewundern die Gäste der Bankiersfamilie Fugger in deren Augsburger Gärten Beete dieser noch seltenen Blume, die etwas später in Frankreich, den Niederlanden und England erscheint, wo John Tradescent, der Gärtner Karls I., sich der Züchtung von fünfzig Tulpensorten rühmt. Eine kurze Zeit lang versuchen die Gastronomen, daraus einen Leckerbissen für vornehme Tische zu machen. In Deutschland aß man die Zwiebel in Zucker, in England dagegen scharf abgeschmeckt in Essig und Öl. Auch die schändliche Verschwörung der Apotheker, aus der Pflanze ein Mittel gegen Blähungen zu gewinnen, verlief glücklicherweise im Sande. Die Tulpe blieb sie selbst, ein Gedicht der Natur, der vulgärer Utilitarismus fremd ist… und so weiter, und so fort.“1

Typisch für Engländer, machen aus alles Pickels, schon damals; ich dachte die Sitte wäre aus Indien zu ihnen gekommen. Es scheint aber, dass es umgekehrt ist. Die Deutschen tendierten zu Kaffee mit Kuchen, auch mit der Tulpenzwiebel.

Wann die Tulpenzwiebeln in die Niederlande gelangten, weiß man nicht, doch schon Mitte des 16. Jhs. wurden sie erwähnt. Bestimmt aber trug der Botaniker Carolus Clusius zur Verbreitung und Bewunderung dieser Pflanze bei; er lehrte an der Universität Leiden und sich sehr für die Tulpe interessierte – bis Diebe sie ihm stahlen. Doch da war das allgemeine Interesse schon erwacht. Tulpen sind für Züchter besonders geeignet, weil sie eine unendliche Vielzahl von Formen und Farben entwickeln und sich mit relativ geringen Aufwand und auf kleinem Raum züchten lassen. Die Holländer rühmten sich ihrer Freiheit, einer unbesiegbaren Flotte und eben der Tulpen. Die Beschäftigung mit der Züchtung immer neuer, außergewöhnlicher Sorten von Tulpen wurde ihnen aber zum Verhängnis. Manche wurden noch reich durch den Handel mit den Tulpenzwiebeln, doch für die meisten endete irgendwann die Spekulation damit in einer Katastrophe. Irgendwann wurde die Beschäftigung mit immer neuen Tulpensorten zu einer Art Manie, zur Krankheit; sie setzte Anfang des 17. Jhs. an und dauerte mehr als ein Jahrzehnt.

Herbert vergleicht das Fieber der Tulpenmanie, das das Land befallen hat, mit einer Krankheit, mit einer Droge, von der es sich nicht befreien, erholen kann. „Das ganze Land ist mit einem Netz mehr oder weniger bekannter, geheimer und fast öffentlicher „Höhlen“ des Tulpenhazards überzogen. Dahinter steht keinerlei dämonische Kraft, sondern die schlichte Regel jedes großen Spiels, jedes mächtigen Lasters – möglichst viele Menschen hineinziehen und umgarnen. Weil man den Irrsinn nicht logisch begründen kann, braucht man zu seiner Verteidigung eine gute Statistik – so handeln alle oder fast alle, auch die Politiker. Eliminieren, die Zahl derjenigen vermindern, die abseits stehen, kritisch zu schauen, das Spiel verderben. Die Welt der Tulpomanen strebt danach, eine totale Welt zu werden.“2 Die Preise änderten sich mehrmals am Tag; immer tiefer wird die Kluft zwischen dem realen Wert einer Zwiebel und deren Preis auf den Auktionen. Es war wie eine große Börse für Zwiebeln, obwohl es offiziell nichts dergleichen gab. Die Manie befiel alle Klassen, alle Schichten der Bevölkerung, jeder versuchte, sein Glück mit der „goldenen“ Tulpe zu erhaschen. Dass dabei die Armen viel mehr riskierten, war natürlich klar. 1637 krachte es mächtig in der Tulpenwelt; der Höchstpreis für die Tulpenzwiebel wurde festgelegt; er betrug von nun an nur 50 Gulden und damit war der Spekulation und der Tulpenbörse ein Ende gesetzt. Danach folgte der erste moderne Börsencrash.

Nicht nur in Holland sorgten Tulpen für finanzielle Schwierigkeiten: In Frankreich ließ der Sonnenkönig Ludwig XIV. angeblich jedes Jahr vier Millionen Tulpenzwiebeln importieren und fast wäre daran sein Staat bankrottgegangen. Nach Brandenburg gelangte die Tulpe übrigens auch ganz früh, nämlich 1661; in dem Jahr zählte der Kurfürst von Brandenburg 126 verschiedene Tulpensorten in seinen Aufzeichnungen auf.

Immer noch, jedes Jahr im Frühjahr, fahren Tausende von Menschen nach Holland, um die riesigen Tulpenfelder zu bewundern. Die Tulpen auf den Blumenfeldern werden nicht für Schnittblumen gezüchtet; diese wachsen in Gewächshäusern, wo man ihr Wachstum viel besser kontrollieren kann. Die Tulpen auf den Feldern werden für die Zwiebeln gezüchtet, sie verblühen dann im Sommer, werden aus der Erde gezogen, getrocknet und für den Verkauf bereitgestellt. Ab Mitte April beginnt die Blütensaison auf den Feldern; es gibt große Tulpenfeste, Tulpenkorsos: Die Farben- und Formenpracht ist schier unendlich; die Felder erreichen beträchtliche Ausmaße, soweit das Auge reicht, gibt es Blütenmeer.

Ich bin eine regelrechte Tulpen-Fanatikerin; es gibt kaum eine andere Blume, die so gut in die Vase passt!

1 Zbigniew Herbert, Der Tulpen bitterer Duft, Insel Verlag, 2001, S. 20
2 Ebenda, S. 44

Frauenblick: Inselrätsel

Foto Tanja & Joasia

Monika Wrzosek-Müller

Auf der Insel

Der Regenbogen über der Insel schließt sie ganz ein, breitet sich über den weiten Horizont aus. Die Insel ist auch rund, mit einem kleinen Zipfel im Norden, wo sich auch die Hauptstadt befindet.

Drei Klimazonen durchqueren die Insel: im Norden herrschen mäßige Temperaturen, doch mit relativ vielen Regenfällen und bunter, üppiger Vegetation (prachtvoll die Bougainvilleas in allen Farben), auch vielen Palmen mit Terrassenfeldern, auf denen Bananenplantagen angelegt sind und manchmal Wein angebaut wird, westlich und östlich kommen mehr Sonnentage dazu, der Süden dagegen ist mit seinen sommerlichen Temperaturen und so gut wie keinem Regen eine Stein- und Touristenwüste, die aufgeschütteten Sandstrände und das relativ warme Meerwasser machen den Süden zur Touristenattraktion pur. Doch in einem Ort, wo sich tausende Touristen tummeln, gibt es eine unheimliche Dünenlandschaft, die sich über Kilometer erstreckt.

In der Mitte der Insel thronen mehrere Vulkane, von denen manche fast 2000 m erreichen, man kann angeblich auch Krater sehen. Sie eignen sich hervorragend zum Wandern.

Columbus landete hier mindestens drei Mal, bevor er nach Amerika aufbrach. Es gibt ein „Columbus-Haus“, ein wunderschönes Kolonialbauwerk in der Hauptstadt der Insel, wo einem die Geschichte seiner Reisen buchstäblich vor die Augen geführt wird. Auch ein Modell seines Schiffes Santa Maria kann man da bewundern – oder eher sich wundern, dass er und die Crew auf so einer Nussschale die große Reise über den Atlantik wagten.

Die Menschen, die auf der Insel wohnen, sprechen zwar spanisch, aber sie bezeichnen sich als Insulaner und schimpfen über die reichen Spanier, die Hotel- und Restaurantketten oder Golfplätze einrichten und die Infrastruktur der Insel missachten. Sonst sind sie sehr freundlich, fast herzlich, hilfsbereit und nett.

Das Klima ist über das ganze Jahr mild, Temperaturen sommerlich warm, das Meerwasser erfrischend; kein Wunder, dass sie Tausende von Touristen anzieht.

Um welche Insel handelt es sich?

Frauenblick: Unrast

Zu unserer Ansage schreibt jetzt

Monika Wrzosek-Müller

Eine rastlos theatralisch-musikalische Reise nach Motiven von Olga Tokarczuks >Unrast<

Für uns, aufgewachsen in der Tradition von Grotowski, Kantor oder später Szajna, ist das Experimental/Avantgarde-Theater eine Selbstverständlichkeit. Das Spiel mit dem Körper, weg von der Sprache, vom Text, nah an Bild, Musik, Bewegung, das alles habe ich als Gymnasiastin im Polen der 70er Jahre erlebt. Arbeit mit Schatten, mit Pantomime, Gesang, direkte Interaktion Schauspieler-Zuschauer während des Stücks war nichts Neues für mich. Ich kann mich an eine Aufführung von Jozef Szajna im Theater Studio in Warschau im Kulturpalast erinnern, in der die Schauspieler mit Schüsseln voll Wasser zu den Zuschauern gingen und sagten: „wascht eure Hände“, und jemand antwortete ganz laut und unvorhersehbar: „Wasch dir selbst die Hände, ich habe für den Theaterbesuch gebadet“…

Ende der 70er Jahre habe ich an einem Ausbildungsworkshops von Grotowski teilgenommen. Ich wog mich wie Ähren auf einem imaginären Kornfeld im Wind oder verrenkte mich wie eine Wolken am stürmischen Himmel. Schwieriger waren komplizierte Nachahmungen aller möglichen Kriechtiere, den Unterschied zwischen einer Eidechse und einer Schlange körperlich herauszuarbeiten… und zu lernen versuchen, wie man auf der Stelle verharrend mit viel Anstrengung Distanzen bewältigt, die in Metermaßen 0 betrugen, doch von Weitem als sehr effektvolles sich Vorwärtsbewegen aussahen. Wenn ich jetzt auf meine Biographie zurückschaue, war die Beschäftigung mit meinem Körper immer für mich wichtig, ich brauchte es, um weiterleben zu können. Deshalb meine Ausbildung zur Yogalehrerin und meine jahrelange Yogapraxis.

Umso mehr erstaunt mich, dass in Berlin meistens ganz traditionell im Sinne eines Sprechtheaters inszeniert wurde und die Spektakel von Bob Wilson sich so großer Popularität und so riesigen Interesses erfreuten, weil sie etwas Anderes, Neues waren. Zwar existierte seit 1984 in Berlin eine von Teresa Nawrot, einer Assistentin von Grotowski, gegründete Theaterschule, die nach ihm Schauspieler (mit Körper-, Stimmarbeit, Rhythmus und Text) ausbildet, doch bei den hiesigen Theaterinszenierungen traf man solche Choreographien und Inszenierungen sehr selten.

Warum ich soweit aushole: Es war für mich ein Vergnügen, die letzte Aufführung von „Unrast“ von Elzbieta Bednarska in der Spandauer Zitadelle zu sehen. Die Fülle der Bilder, die physische Präsenz der Schauspieler, der Ort der Aufführung, alles sprach mit der starken, emotionalen und deutlichen Sprache des polnischen Avantgardetheaters. So viel Kraft und Vision kann man kaum in einem normalen Zuschauerraum erzeugen, auch wenn das Thema Reisen, Flüchten, sich von Ort zu Ort Bewegen sehr aktuell in unserer so bewegten Zeit ist. Wir wurden auf die Reise mitgenommen und konnten Textpassagen, Bilder und Musik wirklich miterleben; auch wenn das Wetter den Schauspielern übel mitspielte (es stürmte und regnete stark), so waren die Bilder umso suggestiver und expressiver. Auch die Auswahl aus den Texten der heute in Deutschland vielleicht bekanntesten zeitgenössischen polnischen Schriftstellerin kam uns entgegen; in verschiedenen Sprachen, Kulturen, das sich Bewegen als Ziel, nie erreicht und immer vor neue Fragen oder auch Herausforderungen stellend. Das Ziel ist auch andere Menschen zu treffen, sie mitzunehmen, sich auszutauschen, aber auch sich zu verlieren, das Alte aufzugeben, zu flüchten oder letztendlich zu pilgern. Doch deutlich zeigte sich: So wichtig auf der einen Seite die Reise, das Sich-Bewegen, für den modernen Menschen ist, ihn fast formt, so deutlich kommt auf der anderen Seite die Suche nach Verwurzelung und nach Identität zum Vorschein.

Die Schriftstellerin selbst dazu: „Die Reise ist wohl die größtmögliche Annäherung an das, was unsere moderne Welt zu sein scheint: Bewegung und Instabilität. Jede Epoche sieht sich versucht, den Zustand des zeitgenössischen Menschen mit irgendeinem schlauen Wort zu beschreiben. Mir scheint, dass für unsere Zeit Unrast ein solches Wort sein könnte“.

Wunderbar waren auch die Musik von Chopin und die Geschichte der „Reise“ seines Herzens, das seine Schwester Ludowika, in französischen Cognac getaucht, nach Warschau transportierte und dort in der Heiligkreuzkirche beisetzen ließ. An der Tafel in der Kirche steht bis heute der biblischer Satz „Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“. Für Tokarczuk war eben Chopin einer der Reisenden, aber auch eine Identifikationsfigur, bessere kann man nicht finden, oder doch wie bei den Szenen, die an eine katholisch-orthodoxe Messe erinnern…

Auf jeden Fall sah ich in den Gesichtern der Zuschauer um mich herum tiefe Gefühle, reges Interesse; die Schauspieler, Musiker und die Regisseurin wurden mit Ovationen verabschiedet. Schade, dass es nur drei Vorstellungen dieses gelungenen Spektakels gab.