Frauenblick auf Blumen

Monika Wrzosek-Müller

Tulpen

Manchmal fallen einem Bücher vom Himmel und sind genau richtig für den Moment, für die Jahreszeit und überhaupt. Genauso ist es mir ergangen, als ich das Büchlein von Zbigniew Herbert „Der Tulpen bitterer Duft“ in den Händen hielt. Dass ausgerechnet mein Lieblingsdichter, der Verfasser von „Herr Cogito“, sich mit der Geschichte der Tulpen und der Tulpenmanie beschäftigt, hat mich gleich für das Büchlein eingenommen. Hinzu kam, dass es in wunderschöner Form beim Insel-Verlag, mit gut ausgewählten Abbildungen hauptsächlich niederländischer Maler, erschienen ist. Die gute Übersetzung von Klaus Staemmler tut dem Text und vor allem dem Leser gut. Die Tulpe ist außerdem eine der schönsten Schnittblumen, man freut sich schon im Februar auf immer buntere und ausgefallenere Tulpensträuße; ich liebe Tulpen in allen Farben und Formen. Leider gedeihen sie in den sandigen Böden Brandenburgs nicht besonders, und selten kommen welche mehrere Jahre hintereinander, meistens muss man sie jedes Jahr neu pflanzen. Ich erinnere mich, dass ich manchmal 50 Tulpenzwiebeln im Herbst gesetzt habe und nur einige wenige dann im Frühjahr rauskamen. Doch auf den Märkten in der Stadt machen sie sich wunderbar, und ich muss mich immer beim Kaufen regelrecht bremsen. Und nun las ich über die Geschichte dieser wunderbaren Blume:

„Die Tulpe ist ein Geschenk des Orients, wie viele segensreiche und unheilvolle Geschenke […]. Der Name stammt aus dem Persischen und bedeutet Turban. Sie war eine seit Jahrhunderten geliebte und verehrte Blume in den Gärten Armeniens, der Türkei und Persiens. Am Sultanshofe veranstaltete man alljährlich Tulpenfeste […]. Ihr Auftauchen im Westen ist das Verdienst eines Diplomaten. Er hieß Ogier Ghiselin Busbecq und war Gesandter der Habsburger am Hofe Suleimans des Prächtigen. Er war ein gebildeter und wissbegieriger Mensch, schrieb pflichtgemäß erschöpfende diplomatische Berichte, sammelte aber mit noch größerer Begeisterung griechische Manuskripte, antike Inschriften und Naturalien. 1554 schickte er an den Wiener Hof Kaiser Ferdinand I. eine Sammlung Tulpenzwiebeln. Das war der unschuldige Anfang des Bösen.

Von dieser Zeit an verbreitet sich die Blume verblüffend schnell in Europa. […] Im gleichen Jahr (1561) bewundern die Gäste der Bankiersfamilie Fugger in deren Augsburger Gärten Beete dieser noch seltenen Blume, die etwas später in Frankreich, den Niederlanden und England erscheint, wo John Tradescent, der Gärtner Karls I., sich der Züchtung von fünfzig Tulpensorten rühmt. Eine kurze Zeit lang versuchen die Gastronomen, daraus einen Leckerbissen für vornehme Tische zu machen. In Deutschland aß man die Zwiebel in Zucker, in England dagegen scharf abgeschmeckt in Essig und Öl. Auch die schändliche Verschwörung der Apotheker, aus der Pflanze ein Mittel gegen Blähungen zu gewinnen, verlief glücklicherweise im Sande. Die Tulpe blieb sie selbst, ein Gedicht der Natur, der vulgärer Utilitarismus fremd ist… und so weiter, und so fort.“1

Typisch für Engländer, machen aus alles Pickels, schon damals; ich dachte die Sitte wäre aus Indien zu ihnen gekommen. Es scheint aber, dass es umgekehrt ist. Die Deutschen tendierten zu Kaffee mit Kuchen, auch mit der Tulpenzwiebel.

Wann die Tulpenzwiebeln in die Niederlande gelangten, weiß man nicht, doch schon Mitte des 16. Jhs. wurden sie erwähnt. Bestimmt aber trug der Botaniker Carolus Clusius zur Verbreitung und Bewunderung dieser Pflanze bei; er lehrte an der Universität Leiden und sich sehr für die Tulpe interessierte – bis Diebe sie ihm stahlen. Doch da war das allgemeine Interesse schon erwacht. Tulpen sind für Züchter besonders geeignet, weil sie eine unendliche Vielzahl von Formen und Farben entwickeln und sich mit relativ geringen Aufwand und auf kleinem Raum züchten lassen. Die Holländer rühmten sich ihrer Freiheit, einer unbesiegbaren Flotte und eben der Tulpen. Die Beschäftigung mit der Züchtung immer neuer, außergewöhnlicher Sorten von Tulpen wurde ihnen aber zum Verhängnis. Manche wurden noch reich durch den Handel mit den Tulpenzwiebeln, doch für die meisten endete irgendwann die Spekulation damit in einer Katastrophe. Irgendwann wurde die Beschäftigung mit immer neuen Tulpensorten zu einer Art Manie, zur Krankheit; sie setzte Anfang des 17. Jhs. an und dauerte mehr als ein Jahrzehnt.

Herbert vergleicht das Fieber der Tulpenmanie, das das Land befallen hat, mit einer Krankheit, mit einer Droge, von der es sich nicht befreien, erholen kann. „Das ganze Land ist mit einem Netz mehr oder weniger bekannter, geheimer und fast öffentlicher „Höhlen“ des Tulpenhazards überzogen. Dahinter steht keinerlei dämonische Kraft, sondern die schlichte Regel jedes großen Spiels, jedes mächtigen Lasters – möglichst viele Menschen hineinziehen und umgarnen. Weil man den Irrsinn nicht logisch begründen kann, braucht man zu seiner Verteidigung eine gute Statistik – so handeln alle oder fast alle, auch die Politiker. Eliminieren, die Zahl derjenigen vermindern, die abseits stehen, kritisch zu schauen, das Spiel verderben. Die Welt der Tulpomanen strebt danach, eine totale Welt zu werden.“2 Die Preise änderten sich mehrmals am Tag; immer tiefer wird die Kluft zwischen dem realen Wert einer Zwiebel und deren Preis auf den Auktionen. Es war wie eine große Börse für Zwiebeln, obwohl es offiziell nichts dergleichen gab. Die Manie befiel alle Klassen, alle Schichten der Bevölkerung, jeder versuchte, sein Glück mit der „goldenen“ Tulpe zu erhaschen. Dass dabei die Armen viel mehr riskierten, war natürlich klar. 1637 krachte es mächtig in der Tulpenwelt; der Höchstpreis für die Tulpenzwiebel wurde festgelegt; er betrug von nun an nur 50 Gulden und damit war der Spekulation und der Tulpenbörse ein Ende gesetzt. Danach folgte der erste moderne Börsencrash.

Nicht nur in Holland sorgten Tulpen für finanzielle Schwierigkeiten: In Frankreich ließ der Sonnenkönig Ludwig XIV. angeblich jedes Jahr vier Millionen Tulpenzwiebeln importieren und fast wäre daran sein Staat bankrottgegangen. Nach Brandenburg gelangte die Tulpe übrigens auch ganz früh, nämlich 1661; in dem Jahr zählte der Kurfürst von Brandenburg 126 verschiedene Tulpensorten in seinen Aufzeichnungen auf.

Immer noch, jedes Jahr im Frühjahr, fahren Tausende von Menschen nach Holland, um die riesigen Tulpenfelder zu bewundern. Die Tulpen auf den Blumenfeldern werden nicht für Schnittblumen gezüchtet; diese wachsen in Gewächshäusern, wo man ihr Wachstum viel besser kontrollieren kann. Die Tulpen auf den Feldern werden für die Zwiebeln gezüchtet, sie verblühen dann im Sommer, werden aus der Erde gezogen, getrocknet und für den Verkauf bereitgestellt. Ab Mitte April beginnt die Blütensaison auf den Feldern; es gibt große Tulpenfeste, Tulpenkorsos: Die Farben- und Formenpracht ist schier unendlich; die Felder erreichen beträchtliche Ausmaße, soweit das Auge reicht, gibt es Blütenmeer.

Ich bin eine regelrechte Tulpen-Fanatikerin; es gibt kaum eine andere Blume, die so gut in die Vase passt!

1 Zbigniew Herbert, Der Tulpen bitterer Duft, Insel Verlag, 2001, S. 20
2 Ebenda, S. 44

2 thoughts on “Frauenblick auf Blumen”

  1. männerblick auf tulpe:
    szybciej niz gotuje sie szparag wird aus einen mode – ein spekulationsobjekt;
    eine sehr fragile, aber ausdarende blume, deren ausbreitung in letzten 500 jahren ein rasantes
    aufstieg ist – von den steppen asiens, rund um die welt;
    trotz ihrer popularität findet mühsam zugagng zu der literatur (und auch selten zu der malerei), dort herrscht weiterhin die rose, aber das letztes wort ist noch nicht gesprochen; wetten wir?

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