Frauenblick (Begegnungen)

Monika Wrzosek-Müller

Jede Nacht gab es einen Ton, der wie ein Metronom, gleichmäßig und metallisch klang; er kam von verschiedenen Stellen vom Campingplatz nebenbei. Wir dachten alle, es wäre eine Art Alarm, ein Sicherheitssystem oder eine Abschreckungsvorrichtung gegen Mäuse, Ratten oder Geckos, oder vielleicht auch gegen Mücken. Der Ton setzte in der Dunkelheit ein und dauerte immer ziemlich lang. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, und nach der nächsten unruhigen oder eher durchwachten Nacht, in der nicht nur ich den Ton gehört habe, sondern noch zwei junge Leute, die bei uns zu Gast waren, lief ich zum Campingplatz und fragte ganz sachlich den Besitzer.

Was das nun eigentlich sei, wir wären doch Nachbarn und es könnte ihm doch nicht daran gelegen sein, so unsere gute Beziehungen zu zerstören. Er tat erst mal überrascht und dann verstand er sofort, worauf ich hinaus wollte, wahrscheinlich sah ich auch sehr unausgeschlafen aus. Er sagte ganz knapp: „Das ist ein Vogel.“ – „Ein Vogel?“ Ich konnte mein Staunen nicht unterdrücken, die Skepsis klang auch ganz stark mit. Er nahm ein Stück Papier und schrieb mir nur ein Wort mit Druckbuchstaben auf: L`ASSIOLO, dazu sagte er: „Schauen sie im Internet nach. Wir haben versucht ihn abzuschießen, ging nicht, ist zu klein, versteckt sich in den Baumkronen“. Er war ein netter Mann, ich habe ihn früher schon mal beobachtet, wie er die Blätter fegte und sehr ordentlich die Einfahrt zum Campingplatz sauber machte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich zufrieden zu geben; ich fragte nur um mein Mistrauen auszudrücken: „Wir kommen seit vielen Jahren hierher, der Vogel muss extra dieses Jahr gekommen sein“. „So ist es; er kommt und fliegt auch weg, manchmal bleibt aber doch länger, baut sich ein Nest“. Nun blieb mir nichts anderes übrig als „Danke“ zu sagen und zu gehen.

Natürlich schaute ich sofort im Internet nach: da fand ich otus scops, Zwergohreule. In Deutschland kommt sie eher selten vor, doch in Toskana, in Italien, ist sie sehr verbreitet. In Wikipedia fand ich folgende Beschreibung des Lauts vor: „Er ist ein peilsenderartiges, fast immer einsilbiges, etwas nasales und nicht besonders lautes ‘Djü‘, das in Abständen von zwei bis 3,5 Sekunden oft stundenlang wiederholt wird. Die Gesangaktivität beginnt kurz nach Sonnenuntergang und endet in der Morgendämmerung; nach Mitternacht geht die Rufaktivität für ein zwei Stunden deutlich zurück.“ Die Beschreibung passt, wir haben es genau so erlebt; unsere italienische Freundin wusste sofort Bescheid. Sie lachte und sagte: „Ach ihr leidet also auch unter dem Vogel“.

Dass ich in Italien immer wieder Menschen kennenlerne und mit ihnen ins Gespräch komme, läge, dachte ich, an meinen Italienisch-Kenntnissen, dem ist, war aber nicht so. An einer eher absurden Stelle, in einem kleinen italienischen Städtchen, erlebte ich in diesem Sommer eine unglaubliche Begegnung. Sonst sind die Begegnungen auch nett, von gegenseitigem Interesse geprägt, aber eher recht gewöhnlich.

In der Fischereigenossenschaft von Orbetello traf ich einen netten Fischverkäufer, der uns seine frischen Fische sehr preiswert verkaufte und dazu weit ausholende Erklärungen gab, welchen Fisch man warum nehmen sollte. Er war so freundlich und gesprächig, dass wir länger in dem kleinen Laden standen, und zwischendurch auch mal unter uns Polnisch redeten – bis wir merkten, dass an der Wand des Geschäfts eine kleine Karte mit einer Ansicht aus Litauen und auch litauische Flagge hingen. Da sprach uns der Mensch an der Theke in gutem Polnisch an; er war Litauer, der aber fließend polnisch sprach und offensichtlich sein Land sehr liebte und sich danach sehnte. Er fing an zu erzählen, wie toll es den Menschen in Litauen jetzt gehen würde und wie schön das Land sei. Ich tat unvorsichtig und ziemlich plump die Äußerung: „ach, Vilnius ist ja eine wunderschöne polnische Stadt“. Daraufhin sprang er fast in die Luft: Vilnius wäre seit Jahrtausenden eine litauische Stadt. Es prasselte die ganze Geschichte von Litauen und Polen auf mich nieder. Wahrscheinlich war es ein Hobby von ihm, die Geschichte seines Landes auf den Internetseiten zu präsentieren; auf jeden Fall bekam ich dann, beginnend mit dem Jahr 1008, in zum Glück verkürzter Version die Geschichte des kleinen Landes zu hören. Man muss sich das vorstellen, eine kleine pescheria, hier die toten Fische und da der Computer mit einem großen Bildschirm, auf dem die ganze Geschichte Litauens ablief: da ein Radziwiłł und dort ein Jagiełło und irgendwelche Schlachten und Unionen. Er kommentierte alles noch eingehend folgendermaßen: damals war Litauen viel größer als Polen etc… Natürlich kam dann auch irgendwann die Ermahnung, Vilnius wäre die Hauptstadt von Litauen und nicht eine polnische Stadt. Polen lebten dort und haben die Stadt verschönert, das gab er zu, aber sie war immer litauisch. Ich wand mich in Entschuldigungen und meinte, es wären da so viele für Literatur und Geschichte bedeutende Polen geboren, nur deswegen hätte ich das erwähnt. Er ließ mir mein Fauxpas nicht so einfach durchgehen. Ich musste beteuern, dass ich jetzt verstanden habe; es wäre die litauische Hauptstadt. Der größte Vorwurf kam dann auch gleich: wieso wären wir da noch nicht gewesen? Als Patriot und Pole müsste man Litauen gesehen haben. Wir beteuerten, dass es unser nächstes Ziel sein würde und versuchten zu verschwinden, was auch nicht so leicht war, denn er redete nun mal gerne Polnisch.

Auf jeden Fall empfahl er uns das Fischrestaurant in der Genossenschaft, an der Lagune, das offensichtlich sehr angesehen und gefragt war, denn als wir am Abend vorbeischauten und dort essen wollten, standen schon Schlangen vor der Anmeldung. Wir wurden in eine Ecke gezwängt und haben unsere Fische, ohne Beilage bekommen. Nicht, dass es irgendwie besonders geschmeckt hätte.

Die nächste Begegnung ereignete sich auf einer Fähre zu einer kleinen Insel nahe Monte Argentario. Wir fuhren mit einer Gruppe von Italienern; manche griffen sofort nach ihren Essenspaketen. Wir setzten uns auf dem Deck hin und eigentlich gleich danach, sprach mich ein junger Mann in bemüht korrekten Deutsch an. Er wäre ein Student aus Triest und würde Spanisch und Englisch studieren, aber eigentlich würde er lieber arbeiten, doch eine Arbeit bekommt ein junger Mensch in Italien sehr selten, so muss er eben studieren… und Sprachen wären doch nicht schlecht, nicht wahr? Seine Mutter würde ihm immer sagen, studieren wäre was Gutes und er hätte eben auch etwas Deutsch gelernt, damit er über Anorexie lesen könnte. Seine Schwester würde immer weniger essen und hätte große psychischen Probleme, und er würde sich Sorgen machen. Das alles prasselte auf mich in einem Gemisch aus Italienisch und Deutsch ein und er war nicht aufzuhalten. Und was würden wir auf so einem Schiff machen, mit dem eigentlich nur Italiener fahren, und ob ich denn alle toskanischen Inseln kennen würde und warum gerade die Insel Giannutri, und ohne meine Antwort abzuwarten, legte er gleich wieder los. Er würde an der Grenze zu Latio wohnen, am Lago di Bolsena, und es sei eine wunderschöne Gegend, doch so im Sommer langweilig, also macht er so einen Ausflug, außerdem hätte er beschlossen alle Inseln im Sommer zu besichtigen und das macht er also jetzt.

Bald haben wir dann auch die Insel erreicht und waren erstaunt als wir feststellen mussten, dass es kein Café und kein Restaurant auf der Insel gab. Wie das so auf einer kleinen Insel ist, bald darauf trafen wir den jungen Mann wieder, an einem Strand mit den Ruinen einer römischen Villa. Natürlich setzte er sich zu uns und setzte seine Erzählung fort… Das Beste für uns waren seine panini, die ihm seine Mutter gemacht hat und die er mit uns teilte. Wir schwammen zusammen in einem antiken Becken, schnorchelten und er erzählte immer wieder, was er denn gerne machen würde und noch nicht getan hätte.

Beim Sonnenuntergang fuhr unser Schiff nach Porto S. Stefano zurück. Ich habe mich leider nur flüchtig von dem jungen Mann verabschiedet, hätte ihm meine Telefonnummer, E-Mail geben sollen, denn Geschichten erzählen konnte er schon.

Eine nette und überraschende Begegnung geschah in einer Pizzeria, in die wir seit Jahren gehen, auch mit unserem Sohn und seiner Freundin, auch mit anderen Gästen, weil sie die netteste, preiswerteste und schmackhafteste in Orbetello ist. Nie im Leben hätten wir gedacht, dass…

Also dieses Jahr kam auch meine Schwester mit ihrem Sohn uns in Italien zu besuchen. Natürlich gingen wir in unsere kleine Pizzeria; wir bestellten meistens unsere gewöhnlichen, sehr einfachen Sachen, trinken auch dazu den Hauswein (immer gut sortiert); sie probierte alles, alle Salate und Stücke von Pizza und Crostini auch Fische etc… natürlich sprachen wir dann alle Polnisch miteinander, denn sie wollte auch alles wissen. Was das sei? Und wie es auf Italienisch heißen würde. Daraufhin sprach uns eine Bedienung in der Pizzeria im reinsten und klarsten Polnisch an und sie meinte: „seit Jahren beobachte ich sie und weiß nicht, was sie sind, Deutsche oder doch Polen. Jetzt aber traue ich mich, sie anzusprechen. Wir machen hier schon Wetten, wer sie sind. Meine Kollegin hat richtig getippt und gewonnen…“ Daraufhin stürzten noch zwei Frauen aus der Küche in den Laden; wie sich herausstellte allesamt Polinnen. Wir haben alle vorzüglich gegessen, Polnisch gesprochen und gelacht. Die Frauen, muss ich zugeben, sprachen exzellent Italienisch, sie wohnten auch da, waren verheiratet, hatten Familien…

Przychodzimy, odchodzimy 3

Przychodzimy, odchodzimy
leciuteńko na paluszkach
Szczotkujemy wycieramy
Buty nasze twarze nasze
Żeby śladów nie zostawić
Żeby śladów nie zostało
Miasta nasze domy nasze
Na uwięzi się kołyszą
Tuż nad ziemią ledwo ledwo
Jak wiatr mały to nie widać
A jak wielki wiatr się zdarzy
Wielka bieda puszczą cumy
Zatrzepocą się zatańczą
Miasta nasze domy nasze
I polecą w stratosferę
Przygarbionych w pustym polu
Bez oparcia bez osłony
Bez niteczki choćby coby
Przytwierdzała nas do ziemi
Wiatr nas porwie i poniesie
Za kołnierze podniesione
Porozrzuca gdzieś w przestrzeni
Nam to nic przeczekamy
A jak skończy jak ucichnie
To wstaniemy otrzepiemy
klapy nasze rączki nasze
Żeby śladu nie zostało
Od początku zbudujemy
Miasta nasze domy nasze
Sprzęty nasze lampy nasze
Żeby wiatr miał czym kołysać

Słowa J. Jęczmyk
Muzyka Z. Konieczny

Ewa Maria Slaska

4 listopada 2018 roku odeszła od nas, leciuteńko, na paluszkach, nasza wieloletnia przyjaciółka Ewa Bielska, germanistka, tłumaczka, nauczycielka. Współpracowała z nami od założenia Polsko-Niemieckiego Towarzystwa Literackiego WIR.

Od kilku lat ciężko chorowała, dlatego jesteśmy szczęśliwi, że możemy tu napisać, iż odeszła w spokoju, tak właśnie jak w tej piosence Piwnicy pod Baranami: leciuteńko na paluszkach…

Przedstawiała się światu powściągliwie – taka była jej strona internetowa – dalej na stronie były już tylko dane kontaktowe, dziś niepotrzebne.


Monika Wrzosek-Müller

Była gorliwą czytelniczką, czytała książki z niesamowitym zapałem i zaparciem, dyskutowała żarliwie; najczęściej miała własne oryginalne zdanie na większość tematów, czasami nie pozwalała mieć innego, jeśli była bardzo przekonana o słuszności swojego.

Była kochającą matką, która uwielbiała swojego syna-przyjaciela; wymagała też od niego bardzo dużo, ale i dawała mu całą swoją uwagę, poświęcenie i serce.

Była wspaniałą nauczycielką, którą uwielbiały generacje obcokrajowców przybywających do Berlina. Miała dla nich często więcej wyrozumiałości niż dla znajomych i przyjaciół, od których dużo wymagała ale też i wyjątkowo dużo im dawała.

Była towarzyska, lubiła życie codzienne, z kawą, papierosem i kieliszkiem czerwonego wina. Wspaniale gotowała i z wielkim poświęceniem przygotowywała uroczystości i małe spotkania, na których śmialiśmy się, gadaliśmy i dyskutowaliśmy do późnych godzin nocnych.

Była towarzyszką dla wielu osób, którym było dane ją spotkać. Potrafiła słuchać i próbowała pomagać w rozwiązaniu problemów, zapominając często o swoich własnych.

Choroba przyszła niespodziewanie, walczyła z nią przez kilka lat, nie poddając się pesmistycznym diagnozom większości lekarzy.

Dla mnie odeszła moja bardzo bliska przyjaciółka, osoba wielkiej kultury
i charyzmy.


Pogrzeb odbył się 13 listopada 2018 o godzinie 11
St. Simeon u. St. Lukas – Friedhof
Tempelhofer Weg 9
12347 Berlin

Von Inseln / O wyspach – Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Isole del arcipelago toscano – die Inseln in der Toskana

Die Italiener in der Toskana lieben ihre Inseln, ihren arcipelago toscano; vielleicht weil sie davon nicht so viele haben. Verglichen mit Griechenland oder Kroatien sind die paar Inseln an der toskanischen Küste wirklich ein Klacks. Die Inseln bedeuten aber irgendwie die Sehnsucht nach Freiheit, Stille, aber auch Flucht, Isolation oder positiv gesehen ein Zufluchtsort… sie stehen für viele für Abgeschiedenheit und reine Natur: Wasser, Vogelwelt, Wald etc… In den siebziger Jahren war es sehr en mode auf eine Insel zu fahren und „natürlich“ zu leben. Doch viele von diesen „natürlichen“ Lebensweisen bringen den Inseln nur den Dreck des Festlandes mit und kopieren die Gewohnheiten, die man anderswo hatte; wie kann man sonst erklären, dass man 20 Meter vom Meer entfernt Schwimmbäder baut?

Zugegeben, ich persönlich bin kein Freund von Inseln, denn sie geben mir ein Gefühl von Enge, von Eingeschlossen-rrrrrre und Unfrei-Sein; das ist wohl verständlich, denn oft kommt man nicht so leicht von einer Insel wieder weg. Das An- und Ablegen dauert immer lange, man wartet auf die letzten Passagiere oder gar Autos (bei den Fähren), dann ist das Meer zu bewegt und man kommt gar nicht weg. Doch man wird für die Unannehmlichkeiten entlohnt: es sind hauptsächlich Italiener, besonders auf den kleineren Inseln, die dahin reisen, die ausländischen Touristen belassen es bei Elba oder Giglio. Das Wasser ist auch immer sehr sauber, sauberer als am Festland. Dafür sind die Einkaufsmöglichkeiten immer begrenzt und die Preise höher.

Neulich bei einem Ausflug auf die private, ja wirklich private, Insel Giannutri, hat mich ein junger Italiener gefragt, wie viele toskanische Inseln ich denn kennen würde. Ich kannte fünf vom Hörensagen; gewesen bin ich nur auf dreien. Er klärte mich auf, dass es ganz viele gäbe: sieben große, da musste ich schmunzeln, und dazu noch Formiche di Grosseto (formiche bedeutet Ameisen) und nicht zu vergessen Cerboli und Palmaiola (davon hat doch niemand je gehört). Er würde auf alle Inseln fahren und sie besichtigen wollen und zählte auf: Capraia, Elba, Pianosa, Isola Montecristo, Gorgona, Isola del Giglio, Giannutri. Ohne stolzer Besitzer einer Yacht zu sein, ist die Unternehmung auch schwierig; für manche Inseln muss man sich auch anmelden und Genehmigungen einholen, zu vielen gibt es keine feste Verbindung. Doch er ist auch jung genug und kann sich seinen Traum von den Inseln noch erfüllen.

Wenn man von Monte Argentario aus (das auch eine fast Insel ist, durch zwei Landzungen mit dem Festland verbunden) ins Landesinnere fährt und die ersten Städtchen in höheren Lagen erreicht, ist der Ausblick atemberaubend. Man steht vor grünen und gelblichen Hügeln und dahinter erstreckt sich der Horizont mit Meer gefüllt und auch mit kleinen und größeren Inseln und Buchten. Fragt man allerdings die Einheimischen nach ihren Isole, beginnen sie zu streiten: ist das jetzt Giglio oder schon Montecristo oder gar Elba, nein das ist eher Giannutri, die sind doch alle zu klein, das sind doch die Formiche… etc. Niemand weiß es genau, alle haben ihre Theorien dazu.

Landschaft und Natur auf den Inseln sind erstaunlich ähnlich; meistens sind sie mit der mehr oder weniger dichten mediterranen macchia bewachsen, manche, vor allem größere Insel haben auch alte Steineichen oder verschiedene Kastanienarten, auch gibt es manchmal Pinienwälder. Es ragen hier und da Felsen in verschiedenen Ockerfarben auf; natürlich sind ihre Formen unterschiedlich, es gibt oft Grotten und kleine Buchten, selten Sandstrände, öfters muss man von einem Felsen aus ins Wasser springen. Schön ist dabei, etwas zu tauchen, allerdings immer öfters ist die Unterwasserwelt abgestorben und nicht so farbenprächtig wie man sie sich vorstellt, doch ab und zu kriegt man Fischschwärme zu sehen oder einzelne größere Fische. Ich habe auch gehört, dass früh im Sommer oder gar Frühjahr die Unterwasserwelt bunter und interessanter ist, oft sieht man Seeigel und Seeanemonen, auch Seegurken; Manchmal begleiten Delphine das Schiff, immer mehrere zusammen, sie springen wellenartig am Schiffsrumpf entlang. Natürlich kann man von den Inseln die Weite des Horizonts bewundern, und die Sonnen Auf- und Untergänge sind beachtlich.

Mit einigen Inseln verbinden mich Erinnerungen, die immer wieder hochkommen, wenn ich nach Italien fahre. Als Teenager las ich sehr fasziniert das Buch „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas; es war ein Buch aus der Bibliothek meiner Oma, die in Warschau eine private Leihbibliothek geführt hatte, die dann in fünfziger Jahren verstaatlicht wurde. Einige Bücher aus der Bibliothek sind mir geblieben, darunter eben „Der Graf von Monte Christo“. Das Buch faszinierte nicht nur mich, sondern fast meine halbe Klasse, so haben wir die Seiten vorsichtig herausgetrennt und jeder las einzelne Seite und gab sie dann weiter. Damals schon wollte ich unbedingt die Insel Montecristo sehen, wo ein Teil der Handlung spielte. Da geht es um das große Geheimnis von Faria, der vom Schatz des Grafengeschlechtes Spada auf der Insel Montecristo weiß; der Graf soll ihn da vergraben haben. Dantés sollte in Folge der Erbe des Grafen Spada werden, er entflieht aus dem Gefängnis, findet den Schatz und kehrt nach Frankreich und Paris als reicher Mann zurück und legt sich eine neue Identität als Graf von Monte Christo zu… es folgen weitere sehr komplizierte und interessante Episoden. Das Buch wurde zum großen Erfolg in meiner Klasse und in der Literaturgeschichte. Ich verbinde immer die Insel mit der Lektüre des Romans. Übrigens die Insel ist unbewohnt und schwer zugänglich.

Die Insel Elba ist mir in Erinnerung geblieben, weil wir mit unserem kleinen Sohn einmal im Oktober auf die Insel fuhren, nachdem er eine Blinddarmoperation über sich ergehen lassen musste. Auf der Insel hat er dann schwimmen gelernt und sich vollständig von der Operation erholt. Natürlich haben wir nebenbei Napoleons Wohnsitz Villa San Martino besichtigt (alle Wege auf Elbe führen dahin)… Elba ist eine der größten Inseln, sie hat auch wunderschöne kleine Sandstrände in den zahlreichen Buchten.

Die Insel Giglio, die nach der Blume Lilie genannt wird, müsste eigentlich voll von diesen Blumen sein, doch ich habe keine einzige gesehen; man müsste vielleicht im Frühjahr kommen. Ich verbinde die Insel mit einem ausgedehnten Urlaub und das Jahr darauf mit einem Schiffsunglück. Gerade von unserem Haus auf der Insel konnte man die vorbeifahrenden, erleuchteten riesigen Kreuzfahrtschiffe sehen und fast die Leute darauf erkennen, so nah kamen die Schiffe an die Felsen der Insel, bis… bis eben das Unglück passierte. Die berühmte Costa Concordia, die auf einem Felsen an der Insel Giglio aufsetzte und kippte, so dass sie Wasser aufnahm. Das Unglück kostete 32 Todesopfer, zog einen langen Prozess gegen den Kapitän Francesco Schettino nach sich und die lange Bergung des Wracks von der Insel. Es diente jahrelang als Gesprächsstoff mit den Italienern, was denn genau mit dem Kapitän passiert ist und wer jetzt das Wrack abholen soll und wie hoch die Kosten seien. Es wurde ausführlich in den Zeitungen darüber berichtet. Zu meinem Erstaunen verhalf das Unglück eher der Insel zu ihrem touristischen Boom, die Leute kamen extra, um sich das Wrack anzusehen.

Die letzte Insel, die ich persönlich besuchte, ist die Insel Giannutri; eine relativ kleine Insel (die Ausdehnung reicht an die 3 Km). Eine Insel, die sich in Privatbesitz befindet und angeblich zum Naturreservat erklärt wurde. Wie da die unzähligen Ausflügler mit ihren Booten und die kleinen Ferienanlagen, wie Bienenwaben an den Hängen, zu erklären sind, bleibt mir ein Rätsel. Sie hat eben alles, was so eine Insel haben soll, und noch eine achtbare Ruine einer römischen Villa (mit einem Hafen, römischen Straße etc…) dazu. Allerdings existiert auf der Insel (außerhalb der Saison) überhaupt keine Infrastruktur, kein Café, kein Laden; man sollte darauf vorbereitet sein.

Noch eine weitere Insel aus dem Archipel kenne ich zwar nicht persönlich, aber aus dem Buch von Francesca Melandri „Über Meereshöhe“. Lange wusste ich nicht, um welche Insel es in dem Buch geht. Doch dann erzählte mir jemand, dass auf der Insel Pianosa ein Gefängnis existiert, in dem früher Viele ihre Strafen abbüßten. Es muss sich also um die Insel in ihrem Buch handeln.

Am schönsten sehen für mich die Inseln vom Boot und aus der Ferne aus; meistens mit einem Leuchtturm bestückt, erheben sich majestätisch über das Meer und locken immer wieder Menschen an.

Frauenblick Lemberg I

Monika Wrzosek-Müller

Reise in die lebendige Vergangenheit – Lviv, Lwów, Lemberg

Das erste, was ihr wirklich und ganz lebendig auffiel, waren zwei große Käfige mit seltsam großen „Mäusen“, die auf dem um das ganze Hinterhaus gehenden Balkon standen. Diese Balkone waren das Merkmal der Stadt, sie dienten guter Kommunikation zwischen den Hausbewohnern. Am Anfang dachte sie, es wären vielleicht Ratten, doch es stellte sich schnell heraus, dass es sich um Chinchillas handelte. Chinchillas sind Nagetiere, die in freier Wildbahn in den Bergen Südamerikas leben. Sie werden sehr oft als Haustiere oder auch wegen des schönen, weichen und seidigen Felles in Farmen eben als Felllieferanten gezüchtet. Eine junge Ukrainerin hielt sich zwei Chinchillas als Schmusetierchen; das Weibchen war irgendwie unförmig und sehr unbeweglich. Sie machte sich Sorgen, dass es krank wäre. Am vierten Tag des Aufenthaltes in Lviv rief uns die Ukrainerin abends zu sich in ihre Wohnung und zeigte uns drei winzige Chinchillas, unheimlich beweglich und mit wunderbarem Fell. Sie war sehr stolz, dass gleich drei Tiere geboren worden waren, und klärte uns darüber auf, dass normalerweise zwei oder gar eins auf die Welt kämen.

Der Flughafen in Lvivwar modern und sauber, auf den Bus, der sie in die Stadt bringen sollte, warteten sie vierzig Minuten, dazwischen verschwanden fast alle Ukrainer in bestellten Taxis; sie blieben zusammen mit einem jungen Paar, vielleicht aus England, unbeirrt an der Bushaltestelle stehen. Als der Bus endlich kam, waren plötzlich doch viele Passagiere vorhanden, die in die Stadt mitfuhren. Schon beim Schauen durch das Busfenster spürte sie, dass es eine Reise in die eigene Vergangenheit, in ihre Jugend in Warschau, in Polen sein würde. Die Wohnblocks, typische Überbleibsel der Sowjetära, die die ganze post-sozialistische Welt verschandeln, die kaputten Bürgersteige, das Grau der Mauerwerke, alles erinnerte sie an die Vergangenheit, an ihre Jugend in Warschau.

Mit den älteren Häusern änderte sich doch etwas die Perspektive, die Stadt nahm Charakter und Gesicht an.  Sie stiegen bei dem Universitätsgebäude aus und versuchten verzweifelt, die Richtung zu ihrem Appartement zu finden. Natürlich dachten sie, man müsse sich auf Englisch verständigen, doch zu ihrer Verwunderung sprach fast jeder Polnisch. Das Sträßchen, in dem das Appartement lag, war offensichtlich unbekannt und so mussten sie ihren Vermieter kontaktieren und erst mit ihm um ein paar Ecken gehen. Das Appartement lag nah am Zentrum, aber sehr ruhig in einer Seitenstraße. Die Häuser waren allesamt alt und sehr heruntergekommen, die Straße noch wegen des Anstiegs und wahrscheinlich vielen Schnees mit Sand gestreut. Dieser viele Sand fiel ihr immer wieder auf. Er lag dick zwischen den Kopfsteinpflastern und drang manchmal in die Schuhe. Sie fanden ihr Appartement wunderbar, auch weil es drin eher kühl war im Vergleich zur Hitze draußen, später, als es kälter wurde und sogar regnete, stellten sie fest, es war sehr kühl und vielleicht feucht. Doch für ihre sieben Tage genau richtig.

Schon auf den ersten Blick schien ihr die Stadt wie eine Kreuzung zwischen Krakau und Wien nur dass sie viel kleiner war, aber doch eine Metropole, eine stattliche Stadt.

Während der Fahrt mit dem Bus sahen sie wunderbare alte, meistens ziemlich heruntergekommene Häuser, Villen, Bürgerhäuser. Die meisten stammten aus der Zeit um Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und sie waren seitdem kaum renoviert worden. Sie waren alle gräulich-beige und viele Balkone verschwanden in riesigen dunklen Plastikhüllen. Ziemlich schnell begriffen sie, dass es sich um den Schutz der Passanten und auch vielleicht der Balkonehandelte; die marode Substanz fiel einfach von den Fassaden ab. Ehrlich gesagt gefiel ihr dieses Heruntergekommene und Morbide sehr, es machte alles unheimlich melancholisch und sympathisch, zumal es das schönste Wetter mit frischem Maigrün, blühenden Fliederbüschen und Kastanienbäumen, noch letzten Tulpen und allerlei anderen Frühlingsblumen gab; und Lemberg ist eine grüne Stadt. Immer wieder gelangt man in Parks, manchmal kleine grüne Oasen, andermal riesige, fast waldähnliche Flächen, die sich in die umliegenden Hügel ausbreiten. Sie durchliefen den Ivan Franko-Park vor dem Universitätsgebäude und dann auch den riesigen Stryjski-Park, gelangten auf die Hügel um den Wysoki Zamek (Hohes Schloss), wollten unbedingt das Freilichtmuseum finden und bewältigten gewaltige Anstiege, um endlich festzustellen, dass sie gar keine Zeit mehr hatten in das Museum zu gehen, denn es wartete sie schon die Besichtigung der Lviver Oper und ein kleines Konzert dort.

Lemberg hat eine gute Größe, alles oder fast alles lässt sich zu Fuß erreichen; ist manchmal mit etwas Anstrengung verbunden, doch meistens waren sie sehr überrascht, dass man innerhalb von einer halben Stunde bereits an dem von ihnen angestrebten Ort war. Sie durchliefen Straßenzüge mit schönsten Fassaden und Eingängen, schauten in die Treppenhäuser und entdeckten immer wieder überraschend schöne Ecken. Es gab alte schwere hölzerne Eingangstüren und marmorne Treppen, verspiegelte Wände, manchmal bescheidener aus Gusseisen geformte Treppen und Geländer mit bunten Kacheln an den Wänden, oder ganz einfach mit Ölfarbe bis zur Hälfte angestrichene Wände und hölzerne Treppen; Das alles in unterschiedlichem Erhaltungsgrad. Von gut bis sehr gut erhalten bis verfallen, morsch, feucht unbegehbar…

Doch wenn sie jetzt, im Nachhinein, nachdenkt, erscheint es ihr sehr schade und empörend, dass diese Stadt einfach so zerfällt, dass vielleicht in baldiger Zukunft einige der Häuser ganz verschwinden könnten, denn sie sind wirklich wunderschön und sehenswert. Nur die Altstadt, das zum Weltkulturerbe zählende, ziemlich kleine Areal, wird ständig erneuert und restauriert. Für die rundum liegenden Häuser vom Ende des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts reicht das Geld bei Weitem nicht aus. Man spürt, dass es an allen Ecken an Geld mangelt, aber die Menschen bemühen sich beharrlich, das auszugleichen; die Stadt ist sauber und mit Blumen bepflanzt, die Menschen sind sehr hilfsbereit; sie ist reich nicht an Geld aber an Flair, guter Luft, Höflichkeit und Schönheit, das entschädigt für Vieles.

Überhaupt sind die Menschen sehr freundlich, beweglich und kaufmännisch orientiert; es wird gestickt und gehäkelt, gestrickt und genäht, und alles dann zum Kaufen angeboten; lange Reihen von Buden mit den verschiedensten Souvenirs stehen nicht nur auf der Flaniermeile vor der Oper, sondern an verschiedenen Ecken der Altstadt.

Die Lviver sind sehr erfinderisch, die Cafékultur erlebt ihre Blühte. Es werden verschiedenste Kuchensorten, auch diejenigen aus der Vergangenheit (wie z.B. „Pischinger“, eine Art von Waffeln mit einer 5 Sorten Nussfüllung) serviert, durch ganze Sortimente von hervorragenden Kaffee- und Teesorten ergänzt, alles sehr freundlich und professionell. Die jungen Ukrainer lieben ihre Cafékultur und sitzen stundenlang bei einem Kaffee und unterhalten sich, so dass man sich nicht als blöder, reicher Tourist einsam in einem teuren Café fühlen muss. Es gibt immer genügend Einheimische um einen herum.

Die jungen Ukrainerinnen laufen oft mit den Blumenkränzen im Haaren à la Timoschenko und es sieht nicht kitschig aus, es ist sogar oft wunderschön. Viele tragen ihre Haarpracht in Zöpfen geflochten, tragen an die in Volkstracht angelehnte Kleider. Die Stadt, der Staat und seine Bürger suchen nach ihren Wurzeln nach Identität, was angesichts ihrer Geschichte selbstverständlich ist; diese identitätsbildende Kultur ist auch an vielen Ecken dieses großen Landes sehr unterschiedlich und sie zu verbinden wird ein echtes Kunststück sein.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Feiertage, Irving Penn Centennial, Der Jahrhundertfotograf

Ostern war und ist für mich eigentlich die Zeit der Ausflüge, der Unternehmungen, wenn es geht ins Freie und weg aus der Stadt. Doch wenn das Wetter nicht anders erlaubt auch in der Stadt; sich anschauen, was die Hauptstadt so anbietet. Es herrschte immer die Meinung, Berlin sei ein Hype, wenn es um Ausstellungen geht. Lange Zeit galt das auch für mich im Hinblick auf Berlin schon, doch seit circa zwei Jahren gab es keine so großen gelungenen Ausstellungen mehr, es wird viel renoviert und restauriert, gebaut und ausgebessert, dies und jenes ist vorübergehend geschlossen, noch nicht geöffnet, gerade in Planung… doch wir leben nur einmal, und alles was nach uns kommt, ist irgendwie für uns selbst irrelevant.

Desto mehr freute ich mich, als wir am Ostersonntag beim scheußlichsten Wetter aller Zeiten in die C/O Berlin gingen und uns eine wirklich gelungene Ausstellung ansahen. Der Name des Fotografen war schon ein Versprechen, doch die Zahl der Werke und ihre Gliederung übertraf meine Erwartungen. Sie wurde vom Metropolitan Museum of Art in Zusammenarbeit mit der Irving Penn Foundation verarbeitet; zugute kamen die Schenkungen von 180 Arbeiten oben genannter Stiftung an das Metropolitan Museum, so dass man in den Genuss von 240 Arbeiten des Fotografen kommt. Es sind Arbeiten aus verschiedensten Bereichen; das Einzige, was fehlt, sind Landschafts- und Architekturfotografien, Motive, die bei vielen anderen Fotografen als Hauptmotiv gelten. Penn hat sich eindeutig der lebendigen Dingen verschrieben: den Menschen. Wir erleben verschiedene Gattungen seiner Fotokunst – Akt-, Mode- und eben Porträtfotografie; das Gros der Arbeiten sind Porträts, die er auch neu definiert und oft die ganze Gestalt des Menschen zeigen. Seine Arbeiten sind immer auf das Wesentliche reduziert, zeigen berühmte Menschen eingezwängt in eine Ecke, oder sitzend auf einem Hocker, der nur mit einem grau-beigen Teppich bedeckt wurde. Übrigens ist auch der Teppich in der Ausstellung zu bewundern. Penn arbeitete seit seinen jungen Jahren als Coverfotograf für Vogue, er soll 166 Titelbilder für diese berühmte Modezeitschrift geliefert haben. Es gibt also in der Ausstellung wunderbare Fotos der Titelseiten mit den schicksten, elegantesten Frauen der Welt. Seine zweite Frau Lisa Fonssagrives-Penn wurde zum beliebtesten Objekt seiner Modefotografie; es sind Bilder, die exquisite Eleganz und eher kühle Weiblichkeit zur Perfektion bringen. Kein Wunder, dass ihn in den folgenden Jahren die Fotografen der jüngeren Generation wie Richard Avedon, Annie Leibowitz oder Helmut Newton versucht haben zu kopieren.

Penn selbst bleibt nicht nur bei der Modefotografie; er reist auch in ferne Länder, 1948 nach Peru, später in den sechziger Jahren nach Neuguinea und Marokko, überall fotografiert er Menschen in einfachen Studios ohne aufwändigen Hintergrund. Meistens mietet er das Atelier des dortigen Stadtfotografen und wartet auf dessen Kunden, die zum Fotografieren kommen. Interessant ist, dass er die Fotografien für die Zeitungen/Magazine farbig drucken lässt, doch für größere Formate und Ausstellungen zieht er die Bilder immer schwarz-weiß ab, auch alle Porträts sind schwarz-weiß, doch da spielen die Grautöne eine große Rolle. Seine Rolleiflex-Kamera war in der Ausstellung auch zu sehen. Sein Interesse an Menschen geht noch weiter und in der Serie The Small Trades (kleines Gewerbe) stellt er sie in ihrer Arbeitskleidung und mit den entsprechenden Requisiten dar. Es finden sich darunter: Bäcker und Kellner, Friseure und eine Ballonverkäuferin, Schornsteinfeger, Metzger etc… es gilt für ihn das Alltägliche ungeschönt mit der Kamera festzuhalten.

In all den Jahren hörte Penn nicht auf zu zeichnen und zu malen, auch wenn er in diesem Kunstzweig keine Erfolge feierte, half ihm die Beschäftigung damit bei seiner Arbeit als Fotograf. Zu seinen Lieblingsmalern gehörten Surrealisten, darunter Giorgio de Chirico, dessen menschenleere Landschaften ihn faszinierten. Die Liebe zur Kunst ist besonders in späteren Jahren sichtbar, als er sich den Stillleben widmet. Da stellt er alle Details sehr bewusst zusammen, man hat das Gefühl es sind Gemälde, die im Spiel des Schattens und Lichts den Betrachter ansprechen. Manche der Arbeiten erinnern mich an die Bilder meines Lieblingsmalers Giorgio Morandi, bei denen es um Nähe und Entfernung geht. Es sind Stillleben zusammengestellt aus alten, gefundenen Stücken von Röhren in verschiedenen Größen. Wunderschön sind seine Fotos von Mohnblühten.

Es gibt auch eine Serie von weiblichen Aktfotos, die mir vielleicht am wenigsten zusagen. Es fällt auf, dass es ihm nicht um die Schönheit dieser Körper geht, sondern um die Form. Auch das Verfahren, wie er die Abzüge produziert, ist eine mühsame Arbeit an der Perfektion. Man spürt überall, in jedem Bild, dass er mit seinem Blick den Gegenstand der Fotografie veredelt, aufwertet, einmalig macht. Es sind auf keinen Fall Schnappschüsse.

In allen Genres wird seine unheimliche Faszination an der Arbeit als Fotograf sichtbar.

Eine Ausstellung, die man nicht verpassen sollte. Ist auch bis 1. Juli in C/O zu sehen.

Frauenblick 16 – Kaschmir und Indien

Monika Wrzosek-Müller

Arundhati Roy, Das Ministerium des Äußersten Glücks

Berlin begrüßte mich mit Regen und Kälte, nach dem langen warmen Monat in Italien eine Zumutung, also griff ich nach meinem Lieblingsschal, den aus Kaschmir – wortwörtlich aus Kaschmir: er ist aus Kaschmirwolle und stammt auch aus der Region Kaschmir in Indien. Ich hab ihn in der Altstadt von Cochin in einem sehr netten kleinen Laden gekauft, den zwei junge Juden aus Kaschmir führen. Sie erzählten mir, dass sie nach den Auseinandersetzungen in Kaschmir die Region verlassen mussten. Doch sie träumten jeden Tag davon, dahin zurückzukehren, sahen vor ihren inneren Augen die wunderschönen verschneiten Bergspitzen und grünen Wiesen, Felder und die Obst- und Blumengärten; sie vermissten die klare Luft, ohne Feuchtigkeit und Nebel, die kühlen Abende mit den scharfen Farben der Sonnenuntergänge; es war ganz offensichtlich sie sehnten sich sehr nach ihrer Heimat. Doch die vielen Toten jeden Tag auf den Straßen und in den Dörfern und der Terror, der überall lauerte, hielten sie davon zurück, nach Hause zurückzukehren.

Nach dem Buch von Arundhati Roy Das Ministerium des Äußersten Glücks musste ich immer wieder an die beiden denken.

Das Buch ist wie ein Puzzle, die Geschichten fügen sich ineinander, verdichten sich irgendwann zu einem Ganzen, aber sie könnten auch weiter fortgesetzt werden, oder jede für sich könnte allein stehen. Es gibt eine Hauptheldin, Anjum, oder von hinten aus gelesen Mujna. Sie ist eine hijra, halb männlich, halb weiblich, ein Hermaphrodit, aber eigentlich sind die hijras Transvestiten. Schon mit jungen Jahren flieht sie aus ihrem Elternhaus, wo sie als Junge erzogen wird, in ein Frauenhaus, doch da hält sie es nach einem schlimmen Gewalterlebnis nicht mehr aus. Sie lebt den größten Teil ihres Lebens auf einem Friedhof in Dehli, in der Altstadt, nicht weit vom Roten Fort, wo sie eine Art Kommune aufbaut und mit anderen zusammenlebt. Dann gibt es die Geschichte von den drei Freunden, die in einem College an einer Inszenierung des Stücks Norman, bist du das? mitwirken, das aber nie zur Aufführung kommt: Naga, Journalist, Tilo, Architektin und Designerin, und ein späterer Geheimdienst-Offizier in Kaschmir und Hausbesitzer, der ich Erzähler weiter Teile des Buches; sie alle verbindet die Liebe der beiden Männer zu Tilo. Später kommt ein auf der Straße gefundenes Baby dazu, um das sich Anjum und Tilo streiten, bis sie dann im äußersten Glück auf dem Friedhof zusammenwohnen. Wichtig ist auch Tilos Mann Musa, ein Unabhängigkeitskämpfer für Kaschmir und Jammu. Den Hintergrund bilden die achtziger und neunziger Jahre, mit dem Konflikt um Kaschmir, und das Leben in der Stadt Delhi.

So wie das Leben in Indien selbst ist die Erzählweise oft wirr und chaotisch, sie stockt manchmal und wird wieder fortgesetzt, eine neue Geschichte nimmt an Wichtigkeit den Platz der vorangegangenen ein. Man spürt das Brodeln, Ausufern, die Unbeherrschbarkeit der Konflikte der Charaktere, der Helden, ihre Schicksale. Die Wirklichkeit des Lebens auf den Straßen entzieht sich manchmal der literarischen Erzählung, man spürt, dass sie noch grausamer und unerbittlicher ist. Alle Helden leben ihr gefährliches aber freies Leben, so wie sie es sich vorstellen, so wie es ihnen gelingt, so wie sie es letztendlich wollen. Interessant, dass der Hauptteil des Buchs auf dem Friedhof spielt, dort, wo eigentlich Tote begraben liegen; nur dort gibt es Freiheit, Freizügigkeit und ein ziemlich sorgenfreies Leben. Draußen herrscht Terror, Menschen werden umgebracht, gefoltert. Die Muslime gegen die Hindus und umgekehrt, niemand ist besser; alle verfolgen ihre vielfältigen und komplizierten Interessen, und durch misslungene Aktionen des Geheimdienstes sterben mehr Menschen, als gerettet werden sollten. Kaschmir soll, wie das mit den Kurden im Moment passiert, auf keinen Fall unabhängig werden. Aufgeteilt zwischen Pakistan, Indien, China und Afghanistan kämpfen die Kaschmiris oft gegeneinander, sterben unnötig, immer zu heldenhaften Taten bereit und dazu auch verurteilt.

Seit den achtziger Jahren sind in dem Konflikt zwischen Pakistan und Indien mindestens 70 000 Menschen gestorben, getötet worden; 8 000 sind verschwunden, unzählige haben völlig traumatisiert überlebt und finden keine Ruhe, bis heute. Das ist der Hintergrund des Romans; doch wie die Schriftstellerin damit umgeht und die Verhältnisse beschreibt, lässt uns an den Ereignissen und Emotionen wirklich teilhaben. Die leeren Zahlen füllt sie mit Leben, Farben, Tempo. Sie hat als Journalistin und Menschenrechtlerin, Kritikerin der Globalisierung und des Kapitalismus, viel damit zu tun gehabt, kennt den Konflikt und die Situation aus eigener Anschauung, vielleicht auch als Betroffene. Die Zweitheldin des Romans Tilo, Tilottama, trägt autobiografische Züge der Autorin; in Kerala geboren, ist sie mit 16 nach Dheli gegangen, dort das Studium der Architektur, später gehen die Wege der beiden auseinander. Doch der Kampf, den die beiden Frauen führen ist bestimmt durch Arundhatis Roy Erlebnisse. Wir erfahren viel von den Ereignissen, aber wichtiger sind die Emotionen, die dabei hervorgerufen werden; die zerstörten Leben, Pläne, Familien.

Ich würde gern eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur.

F.1. Warum ist es nicht kultiviert?

F.2. Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?

Ich habe mir dann auch den Film Stern von Indien angesehen, hauptsächlich um die Orte des Geschehens zu sehen, die alte Stadt Delhi mit dem Roten Fort; im Film geht es um die Zeit gleich nach dem Krieg, da hat der Konflikt um Kaschmir angefangen, mit dem Abzug der Engländer, mit dem Vize-König von Indien Earl Mountbatten und dem Plan der Gründung von Pakistan. Gab es andere Lösung, wäre die Bildung eines Vereinten Indien besser gewesen?

Die Schriftstellerin macht in dem Roman klar, dass zwar das Erbe des Kolonialismus über Indien hängt, aber eben auch über der Literatur, die kultiviert zu sein versucht – doch die Umstände, die Grausamkeiten erlauben ihr das nicht. Doch für Arundhati Roy sind auch die Leute selbst an ihren Schicksalen schuld, sie können sich nicht hinter der großen Tragödie der Geschichte verstecken, sie erleben ihr Leben, und das kann selbst in schlimmen Zeiten gelungen sein. Das Ministerium des äußersten Glücks findet sich auf dem Friedhof, zwischen Menschen aller möglicher Orientierungen, sowohl religiös als auch geschlechtlich und sozial; sie versuchen das Beste aus ihrem Leben zu machen, ohne dabei trivial und naiv zu wirken. Es ist die große Stärke des Textes, alle diese Charaktere und Geschehnisse in einem Buch, in einer Geschichte zusammen zu bringen und sie dem Leser zu präsentieren, auch vielleicht mit Fragezeichen, das ist doch auch möglich, oder? Das Schöne dabei ist, man spürt in dem Roman viel Freiheit, Raum und Toleranz, die die Leute sich selbst geben, nehmen, oder die die Schriftstellerin ihnen einräumt. Sie sind nicht in ihre Rollen gezwängt, sie bewegen sich am Rande, aber da ist für sie in dem verrückten Indien viel Platz!

Und die Beschreibungen, die Sprache der Schriftstellerin, poetisch, leicht sarkastisch und pointiert, lässt von Anfang an vermuten, dass wir in das Buch reingezogen werden, und das aber bedeutet nicht, dass es ein Roman ist, den man verschlingt. Es wird verlangt dass man langsam und konzentriert liest, nachschaut, die historischen Hintergründe hinterfragt.

In der magischen Stunde, wenn die Sonne fort, das Licht noch da ist, lösen sich die Heere fliegender Hunde von den Banyanbäumen auf dem alten Friedhof und lassen sich über der Stadt treiben wie Rauch. Wenn die Fledermäuse wegfliegen, kommen die Kühe nach Hause. Der große Lärm ihrer Rückkehr kann die Stille nicht füllen, die die verschwundenen Spatzen hinterlassen haben und die alten Weißrückengeier, Wächter der Toten seit über hundert Millionen Jahren, die ausgemerzt wurden. Die Geier starben an Diclofenac-Vergiftung. Diclofenac, Rinder-Aspirin, das den Kühen verabreicht wird, um die Muskeln zu entspannen, Schmerzen zu lindern und die Milchproduktion zu erhöhen, wirkt – wirkte – wie Nervengas auf die Weißrückengeier. Jede chemisch entspannte, milchproduzierende Kuh oder Büffelkuh, die starb, war vergiftete Geierbeute. Während die Kühe zu besseren Milchmaschinen wurden, während die Stadt mehr Eis, Karamell, Cornettos und Nogger Chocs aß und mehr Mango-Milchshakes trank, begannen die Geier, die Hälse hängen zu lassen, als wären sie müde und konnten einfach nicht wach bleiben. Silberfarbene Speichelbärte tropften aus ihren Schnäbeln, und einer nach dem anderen stürzte von dem Ast, auf dem der saß, tot.

Nur wenigen fiel das Aussterben der freundlichen alten Vögel auf. Es gab viel anderes, worauf man sich freuen konnte.

Dass sie eine gute Schriftstellerin ist, hat Arundhati Roy schon in ihrem ersten Roman Der Gott der kleinen Dinge bewiesen, doch in ihrem zweiten zeigt sie umso mehr, dass sie genial schreibt, beobachtet, die Sachen auf den Punkt bringt. So viel Klarheit, bei so einem verwirrten und komplizierten Thema ist selten jemandem gelungen.

Frauenblick 15

Monika Wrzosek-Müller

Cherchez la femme Perücke, Burka, Ordenstracht im jüdisches Museum

Die Ausstellung wurde bis zum 27. August verlängert… es lohnt zu gehen, speziell mit einer Führung.

Aufmerksam wurde ich auf die Ausstellung durch ein Plakat geworden, das an mehreren Orten in Berlin hing. Es war die Fotografie eines androgynen Wesens, den Kopf nach vorn gebeugt, halb von hinten, das Gesicht völlig durch die Haare verdeckt, nackt; es sollte quasi wie ein Porträt aussehen. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob das ein Jüngling, ein Mädchen oder eine Frau war. Die Haare waren hinten ganz kurz, vorne aber hingen sie wie ein ganz langer Pony. Es löste bei mir ein Gefühl der Unsicherheit aus, zum einem wusste ich nichts über das Geschlecht, und das Gesicht war durch die Haare auch verdeckt, es irritierte mich.

Also ging ich ins Jüdische Museum und sah mir die Ausstellung an, zum Glück mit einer kompetenten Führung. Da die Kuratoren nicht mit Texten und direkter Vermittlung von Wissen arbeiten, hätte ich vielleicht eher hilflos dagestanden.

Zuerst sind es die Augen der Männer, die Blicke, die dich verfolgen. Unter diesen Blicken beginnt das Nachdenken über das eigene Aussehen – und die Haare haben einen wichtigen Platz in diesen Gedanken. An die Wände der Ausstellung werden Zitate aus der Bibel, dem Koran und dem Alten Testament projiziert, die von der Verhüllung des Kopfes sprechen. Eigentlich sollen in allen Religionen die Frauen ihre Haare bedecken, wenn sie aus angesehenen Schichten kommen. Das Haar wird als sehr intim und wichtig für das eigene Aussehen empfunden. In den Vitrinen sind alle möglichen Formen und Arten weiblicher Kopfbedeckungen ausgestellt; für mich fehlen vielleicht Darstellungen der Art und Weise, wie die jüdischen Frauen ihren Kopf bedecken. Es gibt auch Exponate von Ganzkörperbedeckung, den arabischen Hidschab, der im Persischen Parde genannt wird und immer Vorhang, Schleier, Bedeckung bedeutet, es gibt auch Niqab und Burka bis zum weißen Hochzeits- und dem Trauerschleier aus unserer christlichen Kultur, es gibt auch Platz für die Ordenstracht, die Kopfbedeckung der christlichen Nonnen.

Die Ausstellung will vermitteln, wie Frauen zu der Entscheidung kommen sich zu verhüllen oder auch nicht, zugegeben: nicht alle haben die Wahl. Doch der letzte Schliff oder die Eleganz liegt in den Händen der Frau, und es ist nicht zu leugnen, dass die Frauen mit Kopftuch in der Ausstellung sehr anziehend aussehen. Es werden Videos gezeigt, wie man die Tücher auf dem Kopf bindet und richtig arrangiert, damit es perfekt aussieht; ich finde, und vielleicht will die Ausstellung das auch vermitteln, dass wenn die Frauen ihren Kopf so schön und präzis umhüllen, dann wird das Kopftuch nicht mehr zum Element der Unterdrückung der Frau.

Irgendwo im Raum steht dann auch eine Skulptur, eine Installation. Sie wurde von einer persischen Künstlerin, die in Schweden lebt, Mandana Moghaddam geschaffen. Von Weiten ist sie als eine Frauenfigur erkennbar, die gänzlich aus Haaren geknüpft wurde und in einer Glasvitrine steht. Von Nahem sucht man vergeblich nach dem Gesicht, der Blick verliert sich in der Unmenge von Haaren. Sie ist zwar in einem gläsernen Kasten eingegrenzt, doch die Haare kommen unten aus dem Glas heraus. Natürlich ist das eine Anspielung, dieses schöne, kräftige schwarze Haar, das die Frauen in dem Teil der Welt haben und das sie verstecken müssen. Doch die Skulptur drückt viel mehr aus; sie ist kräftig, und zugleicht zerfließt sie, die Gesichtslosigkeit macht sie auch gruselig. Die Künstlerin hat eine Reihe von „Chelgis“, wie sie das Werk genannt hat, geschaffen. Die Chelgis ist eine Figur aus einem persischen Märchen und bedeutet so viel wie „vierzig Zöpfe“. Im Märchen geht das Mädchen mit den vierzig Zöpfen in einen wunderschönen Garten und wird dort von bösen Dämonen eingeschlossen. In der Umgebung des Gartens leiden die Menschen an Wassermangel, weil das Wasser aus den Quellen, die im Garten sind, aufgehört hat zu fließen. Doch die Menschen können die Dämonen nicht töten und nicht in den Garten eindringen. Die einzige Hoffnung für sie ist Chelgis; sie soll das Lebenselixier der Dämonen finden und es zerstören, dann beginnt das Wasser wieder zu fließen. So hängt alles von der Frau ab, sie muss die Dinge des Lebens regeln und die Menschen beschützen. Für die Künstlerin soll die Figur das repräsentieren.

An einer anderen Wand hängt eine Videoperformance einer jungen Künstlerin, Nilbar Güres; sie heißt Undressing, in der sich die Künstlerin von mehreren Schichten von Schleiern befreit, man steht lange vor dem Bildschirm und schaut gebannt zu, wie sie Schicht für Schicht entfernt, und als man fast schon glaubt, sie würde das Gesicht nie entblößen, kommt es zum Vorschein. Andere Videoinstallationen zeigen, wie die Frauen die Kopfbedeckung arrangieren, und Interviews mit einigen zeigen, wie sie sich damit fühlen und warum sie eine Kopfbedeckung bevorzugen. Es sind Frauen, die freiwillig das Kopftuch tragen. Das Foto aus dem Plakat hängt auch in der Ecke, es ist von einer US-Künstlerin, Anna Shteynshleyger, und es heißt Covered , und obwohl der Kopf bedeckt scheint, sind die nackten, entblößten Schultern und der Rücken das Gegenteil von covered.

An anderer Stelle gibt es Informationen über die Verbote von Verhüllung des Gesichts in Frankreich und vom Baden in Burkinis. Es gibt auch eine Weltkarte, auf der die Regionen farblich gekennzeichnet sind, wo die Frauen welche Kopf- und Körperbedeckung tragen.

Eine andere Welt wird in einer Reihe von Fotografien westlicher Frauen mit Kopfbedeckungen gezeigt: mit Hut, Perücke oder Mütze und ohne. Manchmal kann man die Frau mit einem Hut oder in einer Perücke gar nicht wiedererkennen.

Dann gibt es auch eine Installation von Modenschauen aus Istanbul; da wird ganz genau sichtbar, dass die Welt des Kopftuchs ihren Weg in die ‚High Fassion‘ gefunden hat, alle Elemente der traditionellen orientalischen Kleidung fließen in diese Designerstücke, in die moderne Kleidung ein.

Was sehr positiv an dieser Ausstellung ist: sie drängt niemandem etwas auf, ist neutral bis zum geht nicht mehr, und durch ihre Konzeption zwingt sie den Besucher nachzudenken und sich auseinander zu setzen mit den Fragen von Verbote und Abneigungen. Wie die Kuratorin Miriam Goldmann sagt, sei die Ausstellung „als Kommentar zur Diskussion gedacht und ganz sicher nicht als abschließende Bewertung“.

Frauenblick 14

Monika Wrzosek-Müller

Arbeit mit Flüchtlingen (nein, jetzt sagt man eher Geflüchteten oder Migranten)

Ich habe immer wieder über die Arbeit mit Flüchtlingen geschrieben und es ist nicht so, dass sie (die Arbeit) und ich aufgehört hätten. Ehrlich gesagt, wird es immer mehr und immer schwieriger. Denn am Anfang waren alle noch voll Begeisterung und Hoffnung gewesen und dann verwandelten sich diese positiven Gefühle schrittweise in Ungeduld und manchmal auch Traurigkeit, doch es gab immer wieder einen Hoffnungsschimmer und herzerwärmende Beispiele des guten Vorankommens in der Integration, und was dahinter steht auch: Beispiele für einen gelungenen und glücklicheren Lebensweg für die geflüchteten Menschen.

Auf jeden Fall bin ich dabei geblieben und unterrichte Kinder und Jugendliche in den Schulen, die Nachhilfe in Deutsch brauchen. Dabei habe ich verschiedene Modelle beobachtet, von Willkommens- über Brückenklassen bis zu Kindern, die in „normale“ Klassen gehen und eben dann nach der Schule betreut werden. Urteilen will ich darüber nicht; es wäre außerordentlich schwer zu begründen, dass das ein Modell besser sei als das andere, denn alles hänge von dem Kind ab, sehr viel vom Lehrer und von der einzelnen Schule. Auf jeden Fall haben alle ihre Schwierigkeiten und die kommen meistens erst nach einiger Zeit klarer zum Vorschein, auch wenn sich beide Seiten sehr anstrengen. Eine ungeheuer positive Tatsache ist, dass alle Kinder in die Schule gehen; auch diejenigen, in deren Ländern das gar nicht so offensichtlich und der Normalfall war.

Ich habe Kinder betreut, die sich wahnsinnig anstrengen, pauken und üben und erklären, sofort „gute Deutsche“ sein zu wollen; aber es gibt auch andere, denen alles ziemlich egal ist, solange sie etwas Geld für Kleidung (sehr wichtig!) haben. Ich habe erlebt, was es für die großen Familien mit acht, neun Mitgliedern bedeutet, in zwei Zimmern zu hocken, mit einem ständig weinenden Baby und einem pubertierenden Jugendlichen, der unbedingt laut Musik hören will. Andererseits ist das vielleicht ein gutes Training für die Zukunft, sie müssen sich durchkämpfen und Geduld aufbringen, auch Techniken der Entspannung und des zur Ruhe-Kommens entwickeln.

Inzwischen bekomme ich ganz viele Anfragen von Bündnissen und Willkommensorganisationen, ob ich nicht da und dort ehrenamtlich arbeiten könnte. Ich lese zwischen den Zeilen, dass es zunehmend schwierig wird, Leute zu finden, die diese sehr strapaziöse und doch erfüllende Arbeit machen könnten. Ist auch verständlich, es müssten eigentlich inzwischen Strukturen greifen, die die einen mit den anderen zusammenbringen, auch auf bezahlter Basis. Es müsste auch eigentlich jetzt weiter gehen und die Familien müssten in großen oder kleinen in Wohnungen (notfalls auch in kleineren Wohnungen) untergebracht werden. Mein Sohn behauptet zwar immer wieder, es sei doch gut, dass sie überhaupt Unterschlupf gefunden haben. Dagegen bin ich anspruchsvoller, ich sehe ja auch direkt vor meiner eigenen Nase sozusagen, dass es nicht ausreicht so herumzuhängen. Sie müssten arbeiten gehen können, in einer normalen Wohnung wohnen und sich halbwegs mit den anderen, den Einheimischen unterhalten können. In einigen Fällen klappt das auch, aber das sind wirklich die Ausnahmen, der normale Flüchtling sitzt immer noch in seinem Heim, geht in einen Deutschkurs, spricht aber immer nur in der Muttersprache, befindet sich in einem Vakuum, wie auf dem Mond. Versucht sich mit dem Essen und dem Zusammensein mit seinen Landsleuten zu trösten; geht öfters zum Arzt, macht wenn es gut geht etwas Sport.

Natürlich haben es die Kinder leichter und doch möchte ich betonen, dass auch die Kinder unter enormem Druck seitens der Familie stehen, die alle ihre Hoffnungen in sie setzen. Aber auch der Staat übt Druck aus, dass sie sich bitte gleich, sofort integrieren und wie deutsche Muttersprachler funktionieren. Und sie setzen sich selbst unter Druck mit ihren Ambitionen, dem Ehrgeiz voranzukommen und in der neuen Gesellschaft zu bestehen. Ich hoffe, viele werden durchhalten und ihre Träume verwirklichen, doch es ist ein steiler Weg und man müsste ihnen eigentlich noch mehr helfen.

Gerade hielt ich den Spiegel in der Hand mit dem Titel „die Lage der Nation. Wie wir leben, wie wir denken“, ein Heft über Deutschland. Das Flüchtlingsthema gehört mit dazu; es gibt ein rührendes „Porträt einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die deutscher sein möchte (und manchmal auch ist) als viele Deutsche“. Wie schaffen es diese Menschen mit unglaublicher Geduld, alle Schikanen durchzustehen und weiter an gelungene Integration zu glauben, obwohl sie sich gar nicht integriert haben, niemand sie zu sich einlädt, niemand sich für sie interessiert. Trotzdem versuchen sie in allem gute Seiten zu sehen, den Rasen vor ihrer Wohnung besser als die meisten Nachbarn zu pflegen, ihre Kinder sehr diszipliniert zu erziehen: eine bewundernswerte Kombination von Geduld, Liebe, Ergebenheit und Demut. Ich hoffe, sie kommen damit durch und ihre Kinder werden ihre Träume verwirklichen können.

Es gibt in dem Heft auch ein Interview mit Gastwirten der älteren Generation aus der Türkei, aus Italien und aus Griechenland, die in 60 Jahren nach Deutschland gekommen waren. Sie haben gut gehende Restaurants, die sie schon länger betreiben, sie sind zu Wohlstand gekommen. Ihre Kinder, die jetzt die Restaurants übernehmen, können vieles anders machen, sich überlegen, wie sie leben wollen. Sie selbst sind mit dem Leben zufrieden, haben aber sehr hart dafür gearbeitet. Ihre Integration ist durch die Küche, durch das Essen gelungen. Erstaunlicherweise aber denken sie, dass die Neuankömmlinge, also Syrier oder Afghanen, sich eher schwer tun werden mit der Arbeit in der Gastronomie, weil die eben schon durch Griechen, Italiener, Türken usw. okkupiert ist. Sie selbst sind nicht besonders neugierig auf die neuen Migranten und ihre Essgewohnheiten und ihren Geschmack. Vielleicht fürchten sie doch heimlich Konkurrenz oder finden ihre Küchen zu exotisch. Sie betonen aber immer wieder, dass sie nicht vor dem Krieg geflüchtet waren, sie kamen wegen der Arbeit. Was das für ihre Beziehung zu den Flüchtlingen bedeutet, erfahren wir nicht. Eigentlich müssten sie die Neuankömmlinge besser verstehen und ihnen helfen wollen.

Eines hat sich sicherlich sehr stark verändert, seitdem ich 1984 nach Deutschland (BRD) gekommen bin. Es wird jetzt viel mehr darüber gesprochen, diskutiert und überlegt, wie was und wo man mit den neuen Mitmenschen tun und mit ihnen umgehen soll. Ob das den Geflüchteten besonders hilft, weiß ich nicht, doch sie sind meistens in der Öffentlichkeit präsent; und das ist gut so.

In Marokko

Monika Wrzosek-Müller

Überall in Marokko sieht man das Foto mit dem Porträt vom König Mohammad VI., er begrüßt die Menschenmassen auf dem Flughafen und lächelt auch in vielen Hotels von der Wand der Lobby herab; in den kleinen Raststätten hängt er obligatorisch an der Fassade. Auch in manchen Läden findet man sein Bild, eigentlich immer das gleiche Porträt, gleich am Eingang. Es schaut und lächelt uns ein, etwas fülliger, ernster Mann an, freundlich und distanziert, etwas unglücklich aber würdevoll. Diese Omnipräsenz ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, fast unheimlich, genauso die wiederholten Erklärungen des Reiseführers, dass der Monarch dem Volk so viel Gutes täte. Denn wir leben ja im 21 Jh., absolutistische Monarchien sind passé, und Gesten des Paternalismus, dass hier eine Schule gebaut und dort eine Frauenkooperative eröffnet wird, gehören in Europa der Vergangenheit an. Doch nach längerem Aufenthalt und genauerem Hinschauen ändert sich die Beurteilung des Monarchen etwas, auch die Perspektive. Auf jeden Fall handelte er sehr weise, als die Ausläufer des arabischen Frühlings Marokko erreichten und er dem Land vorsorglich eine neue, liberalere Verfassung verpasste und offen den religiösen Extremismus kritisierte. Viele neue Projekte entstanden in der Zeit, es wurden Schulen gebaut und die Beschäftigung der Frauen gefördert. Er sorgt auch für Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit (das mit der Sicherheit, ist nach dem letzten Blog-Beitrag über Marokko nicht so offensichtlich), die man auf jedem Schritt und Tritt erlebt. Natürlich ist der König der größte Nutznießer der Entwicklung des Staats. Sein Vermögen ist legendär (er steht auf der Forbes-Liste der reichsten Monarchen der Welt), in jeder größeren Stadt steht ein Palast inmitten von Grünanlagen für ihn bereit; er verdient hauptsächlich an Phosphatminen, Landwirtschaft und vielen Unternehmungen von ONA.

Und doch müssten wir eigentlich zufrieden sein, dass es so jemanden gibt, der sich um Ordnung und Fortschritt kümmert und dafür sorgt, dass keine Flüchtlingswellen aus Marokko nach Europa überschwappen.

Im letzten Blog beschrieb ich den Weg in den hohen Atlas, doch es gibt auch noch die wunderschöne Atlantikküste, die wahrscheinlich noch mehr Touristen anlockt. Agadir haben wir uns gespart, die Hotelburgen und die Touristenmassen, aber nach Essaouira sind wir gefahren, in eine Sehnsuchtsstadt, eine atemberaubende Atlantikküste mit Nebel, Wind, Möwen und Wellen. In eine wunderschöne kleine Medina, so groß, dass sie noch authentisch wirkt, und so klein, dass man sich darin nicht verliert. Wir sind durch die Farbenpracht der kleinen Häuser mit den kobaltblauen Türen und ihren zahlreichen Geschäften gegangen, vorbei an vielen Cafés, und haben einen Flair der Freiheit, Sonne pur und Unbeschwertheit erlebt, dass sich wahrscheinlich immer nur von außen so anfühlt, aus der Entfernung. Die Weite der Strände erinnerte sie an die Bretagne, aber es war noch weiter, keine Buchten, keine Begrenzung, unendlich, es war Ebbe und der Ozean hatte sich zurückgezogen, überließ die freie Fläche den Wandernden, Joggern, weit draußen den Surfenden. Im März war es noch nicht so heiß, die Sonne kämpfte sich langsam durch die Nebelschwaden, der starke Wind wehte sogar durch die verwinkelte Medina. Es gab Pferdekutschen für Touristen und die Möwen wurden gefüttert, damit sie da blieben, wo sie Hitchcock für seinen Film wollte, der in Essaouira gedreht wurde. Jetzt aber kamen die Möwen über den Türmen der alten portugiesischen Festung für sie, sie nahm den Geruch der Meeresalgen und der Fische, des Wassers wahr. Es war viel los und es herrschte aber auch eine gewissen Stille, die sie nur an der Atlantikküste erlebt hatte, wo das Meer alles mit seiner Größe überschattet und schluckt. Die bunten Fischerboote lagen im Hafen, auf dem Fischmarkt sah man ganz außergewöhnliche Meerestiere, Meeresungeheuer.

Vom Land her kam eine andere Größe: die Sanddünen fingen hinter dem Strand an, sie sind bepflanzt mit Kiefern und Wacholdersträuchern, aber immer ragten zwischendurch nackte Sandstellen hervor. Den Hauch der Sahara, der Wüste, spürt man in Essaouira. Man atmet ihn mit dem feinen Sand ein, der manchmal von der Sahara herübergeweht wird, in Italien Scirocco genannt, hier ganz nah an der Quelle war es derselbe Wind, er trug aber viel mehr Sand, feinen Staub von der Wüste heran, manchmal rötlich, öfters gelblich-beige.

Die Landschaft im Hinterland ist sehr karg. Kaum Vegetation, keine Getreidefelder, dafür aber das sog. Gold von Marokko, d.h. Arganöl; das heiß begehrte Öl, in der Kosmetik und der Nahrungsmittelindustrie hoch geschätzt. Ein Öl, das alle Parameter erfüllt, nicht fett aber fettend, mit vielen wertvollen Stoffen, Mineralien angereichert ist. Es hat einen ganz feinen, nissigen Geschmack. 30 Kg Arganfrüchte werden für ein Liter Öl benötig, das erklärt auch den hohen Preis des Öls. Das Gebiet, in dem die Arganbäume wachsen, ist relativ klein, sie wachsen nur dort und sonst nirgendwo auf der Welt; die Versuche, die Bäume in anderen Regionen und Ländern zu pflanzen (Israel und Saudi Arabien) scheiterten, daher stehen die Bäume unter Naturschutz. Einige Tausend Familien ernähren sich durch die Bearbeitung von Arganfrüchten. Es ist nämlich sehr kompliziert, das Öl zu gewinnen, es kommt nicht aus der Nuss sondern aus ganz feinen und kleinen Samenplättchen in der Nuss der Frucht. Das Knacken, Bearbeiten und Auspressen der Samen wird den Frauen überlassen. In letzter Zeit arbeiten in Marokko die Frauen organisiert in Frauenkooperativen. Der wirklich hohe Preis des Öls kommt auf jeden Fall den Frauen zu gute. Den Baum erkennt man von Weitem an dem Grün, das etwas anders ist als das der Olivenbäume, und an der sehr ausladenden Gestalt. Die in der Presse verbreiteten Fotos von den Ziegen auf den Bäumen sind teilweise falsch, die Ziegen steigen selten so hoch auf die Zweige der Bäume, es sind die Bauern, die sie dort aufstellen, damit die Touristen sie fotografieren; wahr ist, dass die Ziegen die Früchte der Arganbäume lieben und sich von ihnen in den heißen, trockenen Monaten ernähren.

Die Frauenkooperativen arbeiten nicht nur an der Herstellung von Arganöl; Frauen sammeln die gelben Safranfädchen auf den Krokus-Feldern, sie weben auch die meisten Teppiche. Bekannt sind auch Pflanzen-Zentren z.B. für Kakteen, die auch von Frauen geführt werden. Diese Projekte werden von der Frau des Königs unterstützt und propagiert.

Inzwischen hat der König noch ein fortschrittliches Gesetz erlassen; über die Zahl der Nachfolgefrauen entscheidet jetzt die Hauptfrau, wenn sie nicht einverstanden ist, darf sich der Mann keine anderen Frauen mehr nehmen. Für unsere Ohren hört sich das unglaubwürdig an, ist aber in Marokko Realität. Doch man sieht im Straßenverkehr auch Frauen hinterm Steuer und in manchen Läden (leider wenigen) arbeiten sie auch. Allgemein ist aber die Stellung der Frau immer noch prekär.

Zum Schluss noch die Frage der Berbersprache. In vielen Regionen Marokkos gibt es jetzt Straßenschilder in drei Sprachen: Arabisch, Französisch und Berber; sie sehen wunderbar bunt aus, denn Arabisch wird rot auf orange geschrieben, Französisch grün auf blau und Berberisch in noch anderen Farben, immer wieder in neuen Variationen. Das Tamazight hat es auch in Marokko zur Amtssprache gebracht, wird an manchen Schulen unterrichtet. So sprechen viele Kinder in Marokko gleich drei Sprachen, die sehr kompliziert und völlig unterschiedlich sind. Die Berber-Sprache hat eine an griechische Lettern erinnernde Schrift, sehr kompliziert und verwinkelt, doch eigentlich pendelt sie zwischen arabisch und französisch. Das Problem besteht nur darin, dass es in Vergangenheit nie eine Schriftsprache von Berberisch gegeben hat. Sie existierte in mündlichen Überlieferungen, wurde zum Sprechen benutzt, in ganz vielen Dialekten, die die Bergvölker oder Tuareg benutzt haben; doch alte Quellentexte oder Poesie gibt es in der Sprache fast gar nicht. Es waren erst die Franzosen, die sich der Sprache annahmen und versuchten sie zu systematisieren und die Schrift festzulegen, die Grammatik und Phonetik zu beschreiben.

Eine interessante Reisebeschreibung über Marokko bietet das Buch von Edith Wharton „In Marokko. Vom Hohen Atlas nach Fès – durch Wüsten, Harems und Paläste“. Sie reiste noch in der Zeit, als es in Marokko keine Touristen gab, beklagte das Fehlen jeglicher Reiseführer und sah die Magie, Anziehungskraft, Buntheit von Marokko aber auch die Lethargie der Menschen in der sengenden Sonne, die Bettler und die Armut der Bevölkerung. Sie bewunderte Paläste, die damals noch existierten (sie reiste während des Ersten Weltkriegs), Bauten, die die Franzosen vor dem Verfall gerettet haben sollen. Da sie auf Einladung des französischen Generalresidenten Lyautey das Land bereiste, musste und wollte sie positiv über ihn berichten; vielleicht war er aber auch wirklich so bemüht, die alten Kulturschätze der Architektur und arabischen Bauweise zu erhalten; Tatsache ist, dass die neuen Bauwerke der französischen Administration meistens außerhalb der alten Medinas entstanden sind und somit diese nicht zerstört haben. Viele Medersa/Madrasa wurden restauriert und dank den Franzosen der ursprünglichen Bestimmung wieder zugeführt (als Koranschulen). Die Mederse Ben Yousef in der Medina von Marrakesch ist inzwischen ein Museum, wurde 1999 vollständig restauriert, sie bietet ein wunderschönes Beispiel der maurischen Architektur.

Die Wharton reiste noch auf unbefestigten Straßen, besuchte einige Harems, konnte Kamel- und Dromedar-Karawanen auf den großen Plätzen sowohl in Meknès als auch in Marrakesch bewundern, sie erlebte Marokko pur, auch einigen Zeremonien im Sultanspalast in Rabat wohnte sie bei; sie beschreibt eindrucksvoll die Schlichtheit der Gewänder der königlichen Familie und die übertriebene Fantasie, Glanz und Prunk der Gewänder und die komplizierten Frisuren der Lieblingsfrauen des Sultans, die Tänzer, Musiker und anderen Künstler. Ihr Bild der Frauen in Harem ist erschütternd, sie waren sehr jung, sehr unglücklich, saßen teilnahmslos auf Diwanen, wurden bedient und bewegten sich kaum; die Unterhaltung durch den Dolmetscher stockte, sie hatte immer den Eindruck, dass sie wie Spielzeuge, Puppen behandelt wurden. Bei ihren Beschreibungen spürt man die Überheblichkeit der westlichen, zivilisierten Dame, die wissend aber doch von oben herab die Zustände beurteilt. Doch die Beschreibungen sind intelligent und interessant, sie sieht das Land mit völlig fremdem Blick und kann nur mit Staunen die Realität betrachten.

Marokko 2

Monika Wrzosek-Müller

Der Tizi n`Tichka Pass etc…

Natürlich musste sie noch weiter, tiefer in das Land hinein, als sie sich eigentlich in einem schönen Hotel in Marrakesch hätte entspannen und ausruhen können; es zog sie in die Wüste und in das Hohe Atlas-Gebirge. Die Wege waren lang, kurvig, steil und gefährlich, auf schmale Serpentinen folgten langgezogene Anstiegsabschnitte; man sagte den Reisenden, die Fahrt würde vier marokkanische (?) Stunden über dem Tizi n`Tichka Pass nach Ait Ben Haddou dauern, tatsächlich waren es fünfeinhalb, gefühlt sieben Stunden. Sie fuhren von 100 Metern auf über 2.000 Meter, der Pass liegt genau auf 2260 Meter, und rundherum ragen die Berggipfel sogar 4.000 Meter auf. Auf den Gipfeln lagen noch Reste vom Schnee. Die Ausblicke und Panoramen waren wortwörtlich atemberaubend, die Farben pastell, nach oben hin immer gedämpfter.

Sie fuhren im Verlauf der Reise durch alle möglichen Landschaften; bald hinter Marrakesch verließen sie die Palmeria, einen angelegten Palmengürtel um die Stadt, der an Wassermangel leidet, und trafen auf ausgedehnte Getreide Felder; es war noch flach, aber sie bewegten sich jetzt doch unmerklich höher. Bald waren sie in einer paradiesischen Hügellandschaft angelangt, ganz grün und sehr saftig sahen die Obst- und Gemüsegärten um die Häuschen aus, an den Wegrändern wuchsen lila und blaue Schwertlilien, die sie aus der Toskana kannte, sie blühten gerade. Das Grün der sorgfältig beschnittenen Pomeranzen, die übrigens alle Avenues schmücken, war einmalig, wie das Grün der ersten zwei Blättchen der Teeplantagen, frisch, unvergesslich. Sie säumten meistens die Gärten oder auch die Straßen. Langsam gelangten sie höher und die Landschaft veränderte sich merklich, ab und zu sah man rote Felsen, rote Erde, es überwogen Olivenbäume, auch wenn dazwischen noch Gemüse angebaut wurde, hier dienten riesige Rosmarin-Büsche als Hecken. Danach kamen sie in kahlere Gebiete, da wuchsen Wacholder, die wir als Sträucher kennen, zu Bäumen, mit dicken Stämmen erreichten sie beachtliche Größen, dazwischen blühte gerade Lavendel. Der Boden war hier schon ausgetrocknet und steinig, ab und zu sah man Korkeichen, mit abgezogenen Stämmen leuchteten sie unten auch rötlich. Noch etwas höher gab es kaum mehr Vegetation. Sie erreichten den Pass, der in verschiedenen Ockerfarben der Steine, der Felsen und der Erde vor ihnen ausgebreitet lag. Sie befanden sich auf 2260 Meter Höhe, die Stelle wurde durch eine Raststätte mit vielen kleinen Lädchen markiert, wo hauptsächlich Fossilien und Touristen-Attraktionen verkauft wurden. Auf der anderen Seite erwartete sie nur Wüste, zuerst steinig noch mit Steppe und danach ging sie in Sand über; doch zu den Sanddünen gelangten sie nicht, es war einfach zu weit.

Das Weltkulturerbe-Dorf Ait Benhaddou sehen sie nur von weitem; es ist ein Berberdorf aus dunklem Lehm gebaut und gut erhalten, ähnlich den Bauten von Sanaa im Jemen, auch denen von Timbuktu in Mali. Die Kashbahs sind gut erhalten, miteinander verschachtelt, überall ragen die sich verjüngenden viereckigen Türme in den Himmel. Manche der Kashbahs sind bis heute bewohnt; es ist eine Oase, einige Palmen und etwas Grün zeugen von Wasservorräten.

Sie besichtigten noch ein Filmstudio, wo unzählige bekannte Filme gedreht wurden darunter Kleopatra, Spartakus, Babel etc…; in einiger Entfernung waren auch andere riesige Anlagen, die der Filmstudios für Asterix und Obelix und viele Fantasy-Filme zu sehen; es wirkte unwirklich und verrückt in dieser steinigen, gottverlassenen Gegend zu sehen, wie Hollywood das Land für sich einnimmt. Es ist eben Marokko, sie versuchen aus allem etwas Kommerzielles und Urbanes zu machen; auch hier gab es 5-Sterne-Hotels, wo die Stars und Starletts übernachteten, mit Swimmingpools und Bars und echten Grünanlagen rundherum.

Der Weg zurück ging über die gleiche Strecke, aber da sah sie nur schroff zerklüftete Felsenformationen, Geröllplateaus, steil abfallende Hänge, manchmal auch Canyons, zu der Jahreszeit mit Wasser gefüllt. An den steilen Felsen hingen ab und zu Berberdörfchen, ein buntes viereckiges Minarett ragte in die Höhe; die Bauten waren allesamt aus Lehm, den sie geschickt auch färbten; so erhielten die Minarette auch eine dezente Bemalung, sie sahen manchmal wunderschön aus.

Der Tizi n`Tichka Pass ist der Sage nach ein antiker Weg, von Timbuktu nach Marrakesch, der „Ziegenweg“. In der Berbersprache, bedeutet Tizi „Bergwiese“ und tichka „gefährlich“. Allerdings ist nicht ganz klar, ob der Weg wirklich von Timbuktu ausging; Timbuktu wurde wohl als Synonym für einen weit entlegenen Ort benutzt, der gar nicht zu existieren brauchte; in jedem Fall ging es um einen ein weiten Weg. Über diesen Weg, diesen Pass gelangten Karawanen nach Marrakesch, sie waren bis zu einem halbem Jahr mit 80 Mann unterwegs, transportierten ihre kostbare Ware, meist Silber, dann Gold und Edelsteine, dazu noch viele Sklaven und Eunuchen. Sowohl Timbuktu als auch Marrakesch waren Hauptumschlagplätze. Der Handel war das Leben, das Überleben in der trockenen und menschenunfreundlichen Umgebung; der Handel war auch eine ehrenhafte, sehr geschätzte Beschäftigung, die Händler waren hoch angesehene Leute, besonders wenn sie zu Reichtum gelangten. Die Routen der Karawanen waren weit verzweigt, aber sie führten schließlich alle auf den Djemaa el Fna Platz, den Nabel der Stadt Marrakesch; man kann sich heute noch sehr gut das damalige Treiben und Handeln auf dem Platz vorstellen. Selbst heutzutage überkommt einen auf dem Platz immer noch das Gefühl, in der Mitte des Lebens, der Welt der kleinen Geschäfte zu stehen. Der Muezzin ruft wie damals sanft ein paar Mal am Tag zum Gebet, nur dass es jetzt eine vom Band abgespielte Stimme ist; das Treiben ist vielleicht jetzt noch geschäftigter, denn es kommen viele Touristen hinzu, aber die Einheimischen gehen auch gerne dorthin. Auf dem Platz wird gegessen, gehandelt, gekauft, viele Gaukler führen ihre Kunststücke vor, die Schlangenbeschwörer spielen auf ihren Flöten, die Affen hüpfen von der Schulter des Besitzers auf die Schulter des Betrachters (sind aber meistens angekettet und in ein Kleidchen gezwängt, so dass sie nicht flüchten können), alle preisen ihre Waren, es ist bunt, laut bis schrill, heiß, manchmal unmöglich und manchmal magisch.

Der Handel mit Salz lag seit dem 14. Jh. in der Hand der Juden, sie hatten dafür das Monopol von den marokkanischen Königen erhalten. Salz war fürs Überleben von größter Bedeutung, es enthielt Mineralien; es hieß: Salz wurde mit Gold aufgewogen. Die Juden lebten in den Altstädten (medinas) in geschlossenen Vierteln Mellah; das Wort Mellah kommt aus dem Arabischen und bedeutet Salz. Die ersten Mellahs wurden im Mittelalter gegründet und die Juden lebten dort ziemlich abgeschieden, erst nach der Übernahme des französischen Protektorats öffneten sich die jüdischen Gemeinden der marokkanischen Gesellschaft. Während des Zweiten Weltkrieges betrieb der damals regierende Monarch Mohammed V. eine judenfreundliche Politik und beugte sich nicht der Politik des Vichy-Regimes, so fanden viele jüdische Flüchtlinge in den marokkanischen Städten Zuflucht (der Film Casablanca!). Erst nach der Gründung Israels gingen viele Juden aus Marokko weg. Noch heute ist aber die fast verlassene Medina von Marrakesch zu besichtigen, man sieht manchmal ein paar Kinder mit Schläfenlocken, doch die große Blüte jüdischer Geschäfte gehört der Vergangenheit an. Die marokkanischen Juden sind in der ganzen Welt verstreut, auch die Familie von Hilary Clinton stammt aus Marokko.

Elias Canetti, der Nobelpreisträger und vielsprachige Schriftsteller, hat das Leben der Juden in Marrakesch in einem kleinen Büchlein beschrieben, Die Stimmen von Marrakesch; in den fünfziger Jahren schien ihm deren Leben sehr ärmlich und einsam. Sie betrieben Handel, feilschten um völlig wertlose Dinge, waren in dieses kleine verschachtelte Viertel eingeschlossen. Als Jude leidet er mit ihnen, doch er kann nicht mit ihnen kommunizieren, er versteht sie nicht, wird nur zum stillen Beobachter, der ihr Leben von außen beschreibt und als fremd und somit auch exotisch empfindet.