Frauenblick: Unrast

Zu unserer Ansage schreibt jetzt

Monika Wrzosek-Müller

Eine rastlos theatralisch-musikalische Reise nach Motiven von Olga Tokarczuks >Unrast<

Für uns, aufgewachsen in der Tradition von Grotowski, Kantor oder später Szajna, ist das Experimental/Avantgarde-Theater eine Selbstverständlichkeit. Das Spiel mit dem Körper, weg von der Sprache, vom Text, nah an Bild, Musik, Bewegung, das alles habe ich als Gymnasiastin im Polen der 70er Jahre erlebt. Arbeit mit Schatten, mit Pantomime, Gesang, direkte Interaktion Schauspieler-Zuschauer während des Stücks war nichts Neues für mich. Ich kann mich an eine Aufführung von Jozef Szajna im Theater Studio in Warschau im Kulturpalast erinnern, in der die Schauspieler mit Schüsseln voll Wasser zu den Zuschauern gingen und sagten: „wascht eure Hände“, und jemand antwortete ganz laut und unvorhersehbar: „Wasch dir selbst die Hände, ich habe für den Theaterbesuch gebadet“…

Ende der 70er Jahre habe ich an einem Ausbildungsworkshops von Grotowski teilgenommen. Ich wog mich wie Ähren auf einem imaginären Kornfeld im Wind oder verrenkte mich wie eine Wolken am stürmischen Himmel. Schwieriger waren komplizierte Nachahmungen aller möglichen Kriechtiere, den Unterschied zwischen einer Eidechse und einer Schlange körperlich herauszuarbeiten… und zu lernen versuchen, wie man auf der Stelle verharrend mit viel Anstrengung Distanzen bewältigt, die in Metermaßen 0 betrugen, doch von Weitem als sehr effektvolles sich Vorwärtsbewegen aussahen. Wenn ich jetzt auf meine Biographie zurückschaue, war die Beschäftigung mit meinem Körper immer für mich wichtig, ich brauchte es, um weiterleben zu können. Deshalb meine Ausbildung zur Yogalehrerin und meine jahrelange Yogapraxis.

Umso mehr erstaunt mich, dass in Berlin meistens ganz traditionell im Sinne eines Sprechtheaters inszeniert wurde und die Spektakel von Bob Wilson sich so großer Popularität und so riesigen Interesses erfreuten, weil sie etwas Anderes, Neues waren. Zwar existierte seit 1984 in Berlin eine von Teresa Nawrot, einer Assistentin von Grotowski, gegründete Theaterschule, die nach ihm Schauspieler (mit Körper-, Stimmarbeit, Rhythmus und Text) ausbildet, doch bei den hiesigen Theaterinszenierungen traf man solche Choreographien und Inszenierungen sehr selten.

Warum ich soweit aushole: Es war für mich ein Vergnügen, die letzte Aufführung von „Unrast“ von Elzbieta Bednarska in der Spandauer Zitadelle zu sehen. Die Fülle der Bilder, die physische Präsenz der Schauspieler, der Ort der Aufführung, alles sprach mit der starken, emotionalen und deutlichen Sprache des polnischen Avantgardetheaters. So viel Kraft und Vision kann man kaum in einem normalen Zuschauerraum erzeugen, auch wenn das Thema Reisen, Flüchten, sich von Ort zu Ort Bewegen sehr aktuell in unserer so bewegten Zeit ist. Wir wurden auf die Reise mitgenommen und konnten Textpassagen, Bilder und Musik wirklich miterleben; auch wenn das Wetter den Schauspielern übel mitspielte (es stürmte und regnete stark), so waren die Bilder umso suggestiver und expressiver. Auch die Auswahl aus den Texten der heute in Deutschland vielleicht bekanntesten zeitgenössischen polnischen Schriftstellerin kam uns entgegen; in verschiedenen Sprachen, Kulturen, das sich Bewegen als Ziel, nie erreicht und immer vor neue Fragen oder auch Herausforderungen stellend. Das Ziel ist auch andere Menschen zu treffen, sie mitzunehmen, sich auszutauschen, aber auch sich zu verlieren, das Alte aufzugeben, zu flüchten oder letztendlich zu pilgern. Doch deutlich zeigte sich: So wichtig auf der einen Seite die Reise, das Sich-Bewegen, für den modernen Menschen ist, ihn fast formt, so deutlich kommt auf der anderen Seite die Suche nach Verwurzelung und nach Identität zum Vorschein.

Die Schriftstellerin selbst dazu: „Die Reise ist wohl die größtmögliche Annäherung an das, was unsere moderne Welt zu sein scheint: Bewegung und Instabilität. Jede Epoche sieht sich versucht, den Zustand des zeitgenössischen Menschen mit irgendeinem schlauen Wort zu beschreiben. Mir scheint, dass für unsere Zeit Unrast ein solches Wort sein könnte“.

Wunderbar waren auch die Musik von Chopin und die Geschichte der „Reise“ seines Herzens, das seine Schwester Ludowika, in französischen Cognac getaucht, nach Warschau transportierte und dort in der Heiligkreuzkirche beisetzen ließ. An der Tafel in der Kirche steht bis heute der biblischer Satz „Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“. Für Tokarczuk war eben Chopin einer der Reisenden, aber auch eine Identifikationsfigur, bessere kann man nicht finden, oder doch wie bei den Szenen, die an eine katholisch-orthodoxe Messe erinnern…

Auf jeden Fall sah ich in den Gesichtern der Zuschauer um mich herum tiefe Gefühle, reges Interesse; die Schauspieler, Musiker und die Regisseurin wurden mit Ovationen verabschiedet. Schade, dass es nur drei Vorstellungen dieses gelungenen Spektakels gab.

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