Frauenblick: Prag 6

Monika Wrzosek-Müller

Prag immer wieder und noch immer!

Die Wege zu manchen Parks in Prag werden sich in mein Gedächtnis einprägen: mit der roten 18 oder der kurzen 2 nach Letna, mit der alten 22 nach Petrin und mit der meist modernen 20 nach Divoka Sarka, mit der 17 zur Stromovka oder in die anderen Richtung nach Visehrad, allesamt Straßenbahnlinien. Unterwegs ein Meer von soliden alten Bürgerhäusern mit differenzierten, sehr verschiedenen Fassaden, meistens in gutem Zustand, in allen Architekturstilen. Ab und zu ragen wunderschöne Türme, Kuppeln, Dächer von Klöstern, Kirchen, Theatern auf. Die Zahl der Theater ist unendlich; fast jedes Viertel hat nicht nur eins, meistens sind es mindestens zwei; eines für das tschechische Publikum das andere (früher) für das deutsche, und manchmal sogar für das jüdische und sie heißen nicht Theater, wie in fast allen europäischen Sprachen, sondern divadlo (was in der slawischen Sprache leicht zu erklären ist: dziwować się, patrzeć: sich wundern, schauen). Das mit der großen Zahl gilt auch für die Friedhöfe; Friedhofsmauern und -tore laufen an vielen Straßen entlang, manche bilden nur noch Oasen des Grüns und werden nicht mehr genutzt, es sei denn zum Verweilen und Ausruhen, manche sind inzwischen Teil von Museen. Die Fassaden der Kirchen, oft in die Fluchtlinie der Straße eingegliedert, doch mit bewegten, wellenförmigen Ornamenten sind eine gute Unterbrechung, damit das Auge wieder konzentriert betrachten kann. Es gibt auch enorm viele Denkmäler, neben den alten bronzenen menschlichen Gestalten zu Pferd oder auch sitzend, auf einem Sockel stehend, kommen neuere Skulpturen auf kleinen Plätzen, neben einem Gebäude, vor einer Kirche; sie signalisieren meistens: wir denken noch daran, immer, immer wieder. So zum Beispiel das Denkmal für die Opfer des Kommunismus; aber auch so viele ganz moderne Skulpturen im weitesten Sinne (wie die von Cerny) habe ich bis jetzt in keiner anderen Stadt gesehen. Es gibt sogar ein Lapidarium, in dem alle nicht mehr aufgestellten Skulpturen und Denkmäler versammelt und aufbewahrt sind. Ja, eine Stadt, die über so viele Jahrhunderte kontinuierlich gewachsen ist und das meiste erhalten und gepflegt hat, gibt es in Europa mit allen seinen Kriegen wirklich selten.

In dieser Stadt laufe ich jeden Tag herum, betrachte Fassaden, Denkmäler, Straßen und grübele, wie das Leben wohl früher hier aussah. Das ist ganz nah und greifbar und eigentlich leicht vorstellbar, doch vieles oder auf jeden Fall einiges ist auch auf ewig verschwunden. Das ganze jüdische Leben ist zum Beispiel zu einem musealen Komplex in Josefov-Viertel geworden, in Corona-Zeiten regt sich da nichts mehr. Die hier lebenden Juden wurden mehrmals auch in früheren Zeiten vertrieben, von Maria Theresia 1744, später durften sie ihr Handwerk oder ihren Beruf ausüben, doch kein Eigentum erwerben. Nach 1849 wurde das Ghetto allmählich aufgelöst und wegen des schlechten Zustandes und mangelnder Hygiene aufgrund der Assanierungsgesetze von 1893 völlig neu errichtet und später der Stadt als Josefov-Viertel eingegliedert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind nun die alten Bewohner völlig verschwunden, zu denen auch die deutschen Bewohner dieser neu entstandenen prächtigen Bürgerhäuser zählten. Geblieben sind nur die alten Synagogen und der alte Friedhof als museale Objekte; einzig die Jerusalemer Synagoge wird noch für religiöse Zwecke genutzt; die heutige jüdische Gemeinde ist winzig. Fast jeden Morgen schaue ich mir auch vier Stolpersteine, die um die Ecke unserer Wohnung in das schöne Pflaster aus kleinen hellen Granit- und Marmorsteinchen eingelassen sind, sie zeugen von der Abwesenheit.

Mein Kopf geht manchmal in den schmalen, engen Gassen seinen eigenen Weg, verlässt die umgebende Realität. Seit Tagen sitze ich und übersetze Texte für einen Sammelband über die Entwicklung des Regionalismus in Polen. Die Entstehung dieser historischen Teildisziplin ist mir eher schleierhaft, aber manchmal werde ich durch diese Texte mit eigenen Erinnerungen konfrontiert. Einer der Texte handelt von der Herausbildung der Subregion Gorce-Gebirge neben der stark autonomen und folkloristisch interessanten Region Podhale. Da werde ich in die Vergangenheit katapultiert; als Kind fuhr ich nämlich jahrelang in die Gorce-Region: Rabka-Zdrój, Rabka Zaryte, Chabówka etc… das kleine Flüsschen Białka. Meine Großmutter konnte sich nicht in höheren Bergen aufhalten und so wurde die Familie nach Gorce gelenkt. Meist gleich für zwei Monate mieteten meine Eltern eine richtige Bauernhütte; ich erinnere mich an das Entsetzen meiner Oma, als wir das erste Mal in Rabka-Zaryte ankamen und das Häuschen sahen, in dem wir wohnen sollten, ein gemeinsamer Flur sozusagen für Mensch und Tier. Wir sollten auf der einen Seite, die Tiere auf der anderen Seite hausen. Ich erinnere mich an die laut summenden dicken Fliegen, und an den Geruch, um nicht zu sagen den Gestank. Meine Oma kämpfte resolut und mit allen Mitteln mit der Bäuerin und die Tiere wurden verlegt, die beiden Räume, in denen wir wohnen sollten, noch schnell geweißt. Wir blieben die ganzen zwei Monate der Ferien in den Bergen, zuerst mit der Oma, was mich am meisten freute und mir lieb war, dann kam noch meine Lieblingstante dazu, um in das Dorfleben eingeführt zu werden, meine Oma reiste ab, zum Schluss kamen meine Eltern und manchmal auch irgendwelche Freunde mit ihren Kindern. Auf den Fotos aus der Zeit sehe ich wie ein kleiner Junge aus, mit ganz kurzen Haaren und einem komischen Pony, ganz hoch, kurz geschnitten, ich fürchte von der Hand meiner Mutter; neben mir meine Schwester und zwei oder drei andere Kinder, dazu kamen dann auch oft noch die Kinder aus dem Dorf. Für uns waren das immer ganz tolle Ferien, mit verschiedenen Tieren, mit viel Auslauf und Freiheit, mit ganz anderem, fast exotischen Leben; wir lernten Butter schlagen in hohen hölzernen Gefäßen und hatten jede ein eigenes Küken, das mit der Zeit wuchs und später verspeist werden sollte, was aber jedes Mal mit einem Drama endete. Man musste Wasser aus dem Brunnen ziehen und auf einem alten Holz- oder Kohleofen heiß machen, damit man kochen konnte. Später gab es zum Wasserkochen große, kleine und mittlere Tauchsieder. Wir tobten in den Scheunen herum, gingen auf die Wiesen, um auf die Kühe aufzupassen, sammelten Eier, die die Hühner irgendwo auf dem Gelände gelegt hatten. Zum ersten Mal sah ich ganz kleine Küken, die gerade aus dem Ei geschlüpft waren. Nach Warschau kamen wir braungebrannt, gestärkt und meistens voller Läuse zurück. Dass diese Gegend so einen Aufschwung nehmen und zum Touristenmagnet werden würde, hätte ich nie gedacht. Natürlich fuhren wir wegen der guten Luft, der günstigen klimatischen Lage dorthin, aber auch und vor allem weil es da sehr preiswert war.

Mein Vater kam meistens nur für zwei Wochen dazu und nach ein paar Tagen ging er wandern. Er nahm seinen alten, rundlichen Stoffrucksack, mit zwei aufgesetzten Taschen mit ledernen Verschlüssen, und verschwand für zwei, drei Tage; es hieß, er würde den Turbacz besteigen, den höchsten der eigentlich ziemlich niedrigen Berge da. Er kam meistens voll von Erlebnissen aus dem Wald zurück, überwältigt von der Natur und den Ausblicken auf die Tatra-Gipfel; oft, das gab er auch freimütig zu, hatte er sich verlaufen, denn es gab keine vorgezeichneten Routen. Einmal hatte er eine Begegnung mit einem Luchs, der ihn den ganzen Nachmittag verfolgte und sich gegen Abend auf ihn stürzen wollte; und wohl hat er das auch getan, denn mein Vater kam mit Schrammen an Armen und Händen zurück und meine Mutter schimpfte, dass er sich solchen Gefahren aussetzte. Ich jedoch fand es fantastisch und stellte mir immer wieder vor, wie sich das abgespielt haben mochte.

Wir waren ganz in das Dorfleben integriert, spielten in der Scheune im Heu, gingen mit den Kühen auf die Weide, sangen mit den Dorfkindern Lieder; während der Ernte halfen wir, so gut wir konnten, und fuhren abends auf den hohen Heuwagen mit der ganzen müden Mannschaft nach Hause zurück. Wir gingen alle mit Eimern Blaubeeren und Himbeeren pflücken, am Ende des Aufenthalts auch Pilze sammeln. Pilze wuchsen zu Tausenden in der Gegend, man musste sie nicht besonders suchen, manchmal schnitt man sie mit einer Sichel (die Reizker und die Butterpilze), man stolperte über sie und wollte sie irgendwann gar nicht mehr sehen.

Diese Welt, so lese und übersetze ich, ist verschwunden; die Region hat sich herausgemacht, ist touristisch voll erschlossen. Man kann Appartements mieten oder im Hotel wohnen. Natürlich ist es gut, dass es den Menschen dort besser geht, doch ganz viel von dem authentischen Leben, dem aus meiner Erinnerung, ist weg. Eigentlich, denke ich, müsste man auch bestimmte Lebensformen wie die alten Denkmäler konservieren, erhalten, damit wir sehen können, wo wir waren und wohin wir gegangen sind und welche Entwicklungen dabei wirklich positiv waren.

Zurück zu Prag, die Stadt nutzt die Zwangspause und bessert alles aus: die Fassaden, die Straßenbahnschienen, die Trottoirs, die Gärten; auch viele Restaurants renovieren ihre Innen- und Außenräume, auch manche Museen sind mit Gerüsten versehen. Doch eigentlich, so geben auch unsere hiesigen Freunde zu, ist die Stadt jetzt schöner und zugänglicher mit der deutlich reduzierten Zahl an tobenden Menschenmassen; wäre das nicht ein guter Ansatz etwas zu ändern.

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