Frauenblick. Prag 2. Barataria.

Monika Wrzosek-Müller

„Man braucht in Prag nicht verwurzelt zu sein; es ist eine Heimat für Heimatlose“ schrieb Joseph Roth.

Sie war in Prag und fühlte genau das, was ihr der berühmte österreichisch-europäisch-jüdische Schriftsteller ins Ohr geflüstert hatte und ging, spazierte und bummelte weiterhin durch die prunkvollen Straßen und die prächtigen Gassen, dabei schaute sie sich neben den wunderschönen, manchmal wirklich traumhaften Fassaden genauer die Passanten an.
Plötzlich hatte sie eine Eingebung, einen Geistesblitz: ihre Reisen nach Indien, Tunesien, Sri Lanka, Marokko, Italien, Frankreich immer und immer wieder, war das nicht auch die Suche nach Don Quixotes legendärer Insel Barataria; jedes Leben war von einer Suche und den Kämpfen mit Windmühlenflügeln bestimmt, auch solchen, die im Kopf stattfanden: nur man musste den Mut haben, sich gegen sie zu stellen und etwas für sich zu finden. Aber letzten Endes suchte jeder seine glückliche Insel, sein persönliches Barataria, wenigstens einen kleinen Hoffnungsschimmer. Insofern schrieben wir alle an einem Thema!
All die Menschen, die hier in Prag herumschwirrten, wie Heuschrecken die Baudenkmäler belagerten, von einem Baudenkmal zum anderen hinzogen: sie alle suchten offensichtlich auch nach Erlösung, nach Antworten, nach etwas, was sie ablenken würde. Sie sah das in ihren Gesichtern, in ihren Blicken; an dem manchmal hastigen und nervösen und dann wieder ganz verträumten, phlegmatischen Gesichtsausdruck. Schon die Art, wie sie gingen, ihre Gangart verriet oft, ob sie Touristen oder Einheimische waren, oder woher sie kamen: zugegeben echte Prager waren äußerst selten zu finden. Vielleicht waren sie, die echten Prager, alle emigriert, wie Madeleine Albright oder Ivana Trump oder Milan Kundera und Milos Forman, um nur die berühmtesten zu nennen. Der Gang der Touristen war schlendernd, stockend und sie waren eher in Sneakers, Doc Martens und anderen Sportschuhen bekleidet. Anders die Tschechen, die tschechischen Frauen trugen eher Stiefel, manchmal sogar mit ziemlich hohen Absätzen; sie gingen energisch, zielsicher und schnell. Viele der jungen Frauen waren auch sehr hübsch.
Meistens zogen sie die puppenhaften Gesichter der asiatischen Mädchen magisch an; sie gingen oft zu zweit oder aber auch in kleinen Gruppen, sehr schick angezogen, mit dem Handy in der Hand. Der Blick war eigentlich eher in sich gekehrt. Sie schienen die Außenwelt nur bedingt wahrzunehmen, auch wenn sie ständig Fotos, hauptsächlich aber eigentlich Selfies schossen, für die sie peinlich genau aufpassten, wie sie aussahen. Sie konnten ganz lange und geduldig ihren Schal, ihre Haare zurechtmachen, die Schminke ihrer Lippen noch mal korrigieren, sich sprichwörtlich die Nase pudern, bevor dann ein Foto gemacht wurde. Diese Mädchen kauften in den Souvenirläden und in anderen Läden, von denen es hier tausende gab, alles Mögliche ein; liefen dann mit ganz vielen Einkaufstüten herum, schauten immer wieder in die Tüten rein, so als ob sie sich vergewissern wollten, was sie denn alles eingekauft hätten. Sie versuchte herauszukriegen, was es war, doch es ging nicht, es handelte sich um ganz unterschiedliche Sachen. Manche kauften einfach neue Kleidung, andere irgendwelches Kristallglas, wieder andere etwas Bijouterie: die tschechischen Granatsteine und andere Halbedelsteine waren sehr begehrt, doch durchaus auch Mützen und Schals wurden in großen Mengen gekauft. Es gab unter ihnen Kundschaft für die ganz teuren italienischen MarkenLäden, aber nicht nur; als Verkäufer bei Gucci, Fendi, Ferragamo, Dior, Bulgari, Hogan, Geox, Luisa Spagnioli, Dior, Chanel, Escada usw… standen auch oft asiatisch aussehende junge Menschen. Es war offensichtlich ein großes Geschäft, diese Mädchen zufrieden zu stellen. Sie hatte den Eindruck, Prag bildete eine angemessene Kulisse, um so viel Geld auszugeben. Dasselbe hatte sie in Florenz, Rom und Mailand erlebt, dabei aber gedacht, es ginge um italienische Mode.
Dann gab es ganze Gruppen von hauptsächlich Chinesen, die sehr brav und diszipliniert dem Führer durch das Labyrinth der Gassen folgten. An den Gesichtern konnte sie keine Müdigkeit aber auch keine Neugierde, eigentlich sehr wenig Rührung erkennen, manchmal sahen sie etwas verschreckt aus. Sie wurden zu sechs oder siebt in die old cars gesteckt und durch die Altstadt kutschiert; die richtigen Pferdekutschen kamen offensichtlich erst im Frühjahr zum Einsatz. Wie viel sie wirklich von den historischen Verwicklungen der tschechischen Geschichte verstanden, konnte man nicht wissen. Aber man sah sie überall, auch auf dem jüdischen Friedhof und in den Synagogen, das war auch ein Teil des Pflichtprogramms. Sie dachte an sich selbst in den indischen Tempel und an die verwunderten Blicke der Einheimischen, wahrscheinlich waren sie auch überrascht, warum sie da herumging und so völlig fehl am Platz wirkte.
Erstaunlich viele Gruppen von Italienern gingen durch diese Hollywood-Kulisse, meistens mit ihren eigenen Reiseführern, die ihnen alles erklärten – wo sie zu frühstücken hätten, wo es den besten Kaffee gebe, was und wo sie zum Lunch essen sollten, und letztendlich dass alles sowieso italienisch sei, denn es seien doch die italienischen Architekten gewesen, die diese Wunder an Bauwerken vollbracht hätten. Offensichtlich liebten die Italiener sich selbst in dieser Rolle, nie hat sie so viele andächtig zuhören gesehen. Sie strömten auch in die diversen Konzertsäle der Stadt. Kauften dafür weniger, sorgten aber mit ihrer aufgeregten und empathischen Art zu reden, zu lachen, sich zu unterhalten für ein sehr fröhliches Straßenbild.
Noch eine Nationalität war ihr aufgefallen, leider sehr negativ; sie war aber so sichtbar, dass man kaum die Augen zu machen konnte, und so laut, dass man sie auch mit Ohropax noch hörte: das waren die schottischen Jungs, die manchmal in Kilts, und T-Shirts, johlend schon am Vormittag, wahrscheinlich vom Bier betrunken, über das Kopfsteinpflaster stolperten. Abends waren sie dann kaum mehr fähig ihren aufrechten Gang zu halten, doch dafür laut genug, um gehört zu werden. Die suchten wirklich nur günstige Möglichkeiten, sich volllaufen zu lassen und viel zu essen.
Es gab auch Paare, die offensichtlich ihre Flitterwochen hier verbrachten; sie machten dann auch romantische Fotos am Moldauufer, mit Aussicht auf den Hradschin, vor der atemberaubenden Kulisse der Burg. Manche brachten dann schicke Schuhe, manchmal einen besonderen Hut mit, kleideten sich schnell auf der Bank um und ein Freund aber oft auch ein professioneller Fotograf machte dann Fotos in verschiedenen Posen.
Es gab auch Nachtbesichtigungstouren durch das magische Prag; da stand plötzlich, während sie mit ihrem Hund Gassi ging, ein junger Mann mit Hellebarde und Laterne vor ihr, mit großem schwarzen Hut und Umhang bekleidet, der meistens auf Englisch die Geschichten vom Golem, vom Ghetto, dem Rabbi Löw, dem Kaiser Rudolf II erzählte. Eine Gruppe junger, meistens aus verschiedenen Länder stammenden Menschen hörten ihm zu, lachten, fragten. Der Ausflug endete meistens in einer der vielen traditionsreichen Bierkneipen

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