Frauenblick. Prag.

Monika Wrzosek-Müller

Mein Prag, die ersten Tage

Prag hat sie in Beschlag genommen. Eine Stadt, die wirklich verzaubert und vereinnahmt, so dass man an wenig anderes denkt, denken kann. So viel Schönheit aus allen Epochen, so viel Vielfalt hat sie selten erlebt. Alle Stilrichtungen der Architektur sind vertreten: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus, Jugendstil, der böhmische Kubismus, Bauhaus und eine Menge der modernen experimentellen Architekturstile, die sie nicht zu benennen wüsste, die sich aber auch stolz präsentieren. Vieles sticht richtig ins Auge und breitet sich aus, wie in einem Lehrbuch für Architektur bei einem Spaziergang, besonders im Letna-Park, von dem ihr der Wahnsinnsausblick immer wieder den Atem stocken lässt. Im Moment sind wenig Touristen unterwegs, sie könnte sogar auf der Karlsbrücke verweilen und die Ausblicke genießen. Sie fühlt, dass in der Stadt verschiedene Kulturen aufeinander trafen und treffen, aber in weicher Variante, man erlaubt den anderen zu leben. Zugleich aber spürt sie so etwas, als ob die Stadt niemanden gehören würde, als ob sie für sich da stünde, eine wirklich globale europäische Stadt, weder deutsch noch jüdisch, aber tschechisch auch nicht. Wenn am Samstagabend die Kassiererin an der Kasse bei „Tesco“ zehn Personen auf Tschechisch immer wieder fragte, ob sie Kleingeld hätten, konnte ihr niemand in der Sprache antworten. Sie lächelte verschmitzt, als ich ihr dekuji sagte.

Zwar stehen in Prag viele tschechische Regierungsgebäude, doch den Tschechen gehöre sie auch nicht wirklich. Seit Jahrhunderten lebten hier Deutsche, Tschechen und Juden zusammen; dann kamen Vietnamesen und jetzt abertausende Touristen aus wirklich allen Ecken der Welt, erstaunlich viele aus asiatischen Ländern; Gruppen von sanft lächelnden asiatisch aussehenden Mädchen streifen durch die Straßen, kaufen in den tausenden Geschäften tausende Kleinigkeiten ein. Sie bestimmen das Bild der Stadt; auf sie stellt die Stadt sich um und davon lebt sie.

Für sie war aber erst mal wichtig, dass es eine weiche, harmonische, helle barocke Stadt ist, in sanftes Licht getaucht; oft steigen Nebelschwaden aus der Moldau hoch und die Sonnenstrahlen zerstreuen sich und tauchen die Stadt in einen goldenen Heiligenschein. Dann sieht man von oben nur die Konturen der Brücken, dadurch wirkten sie leichter, beschwingter, die Konturen der Kuppeln und der Türme; von da oben (den Letna-Park) scheint alles weit weg zu sein, am Horizont, hinter der Brücke, in Wirklichkeit aber ist fast alles zu Fuß zu erreichen in 10, 20 Minuten kann man in der Altstadt aber auch auf der Kleinseite alles erreichen. Natürlich geht sie auf den Wegen der Touristen, die waren auch sehr geschickt angelegt, so dass die Menschenströme später dann im Frühjahr oder Sommer gelenkt werden können: nach oben zum Hradschin, zum Veitsdom, nach unten zur Karlsbrücke, in die Mitte zum Altstädter Ring. Dafür wird man mit schönen Ausblicken belohnt, die Wege sind auch extra so gebaut, mit einer Bank zum Verweilen, oder einer Balustrade um sich daran anzulehnen, dass man länger sich auf ihnen aufhalten kann. Überall gibt es Hinweisschilder und man kann schnell zu einzelnen Denkmälern gelangen. Die Situation erinnert sie an Florenz, eine Stadt, die sich den Touristenmassen ergeben hat und eigentlich für sie existierte. Doch hier ist die Vielfalt und Größe vielleicht noch überwältigender.

Man kommt mit der Straßenbahn leicht überall hin; es gibt auch eine U-Bahn, doch die Stationen gehen so steil in die Tiefe hinunter, dass sie immer wieder Angst bekommt und die Straßenbahn vorzieht, außerdem kann man von der Straßenbahn am Fenster klebend die Fassaden der Häuser, der vorbei huschenden Bauten bestaunen. Natürlich gibt es für Touristen Kutschfahrten auch Bootsfahrten, allerdings in einem begrenzten Areal der Moldau, denn sie bildet Stufen. Man kann sich aus der Flotte von alten Automobilen in verschiedenen Farben eins aussuchen und durch die Altstadt rasen. Die jungen Leute ziehen neuerdings E-Roller, E-Scooter vor, auch wenn die meisten Straßen sich dafür eigentlich gar nicht eignen, sie sind nämlich mit Kopfstein gepflastert. Die Zahl der Cafés, Restaurants, Kneipen, Bistros ist schier unendlich; von edel bis Schnellimbiss ist alles dabei; auch Musik-, Jazzkneipen sind überall zu finden. Die Qualität des Essens ist gut bis sehr gut; die Touristen verschlingen alles, so dass es frisch ist, jeder kann für sich etwas finden.

Die Tschechen scheinen den Touristenrummel mit stoischer Ruhe zu ertragen, sie fallen nicht auf; ja sie sind fast unsichtbar in der Altstadt und auf der Kleinseite und doch müssten sie diese Stadt von irgendwoher dirigieren, leiten. Die meisten scheinen ihr sehr angenehm und zurückhaltend. Viele sprechen mehrere Sprachen, die jungen Leute meist eher Englisch.

Der Fluss Moldau bildet Mäander und kleine Inseln, die sich zum Spazieren sehr gut eignen. Wegen des Hundes entdeckte sie auch Kampa, die auf der Kleinseite gelegene Insel; durchzogen mit Kanälen, mit kleinen Brücken, kleinen alten Häuschen, wunderbaren Cafés, einem Museum für moderne Kunst und einen Skulpturenpark, das Ensemble präsentiert sich prachtvoll, wurde von Exiltschechen Jana und Medy Mladovych errichtet. Sie nannte es Kleinvenedig, jetzt, in Februar, ist noch alles eher leer und mühelos zu erreichen und zu durchwandern.

Auch hat sie Plattenbauten in den Peripherien von Prag entdeckt. Wie die französischen banlieues ziehen sich die Wohnblocks in die Täler und Hügel sternenförmig aus der Stadt hinaus, sie sind von Streifen mit Natur durchzogen, die wirklich sehr schön, naturbelassen wirken. Der Reiz dieser Landschaftsstreifen beruht auf den felsig-hügeligen Formationen, mit kleinen Waldabschnitten, dazwischen gibt es oft große Wiesen, die mit Obstbäumen bepflanzt sind; das müsste in Frühjahr toll aussehen, denkt sie. Die Plattenbauten sind selbst für sie, die aus Warschau kommt, gewöhnungsbedürftig, sie ziehen sich kilometerlang und haben somit mit der Altstadt und ihren Baudenkmälern nichts zu tun. Doch, wie ihre jungen Freunde feststellen, man lebt da angenehm, ist schnell in der Stadtmitte und vor Ort mit aller Infrastruktur ausgestattet.

Sie hat das Gefühl, die Stadt ist harmonisch und lebenswert, trotz der Touristen, wahrscheinlich doch wegen der Sehenswürdigkeiten und den jahrhundertealten, von Menschen für Menschen geschaffenen, gewachsenen Strukturen, auch die Lage mit den Hügeln, die Aussichten über größere Entfernungen erlauben, ist herrlich. Das bedeutet nicht, dass alles perfekt ist; dass alles zu bewundern gilt. Doch man merkt, dass Prag wieder zu seiner Größe zur Goldenen Stadt zurückgefunden hat.

Die ersten Tage waren sehr angenehm, hoffentlich nicht zu sehr…

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