Frauenblick: Prag 5

Monika Wrzosek-Müller

Der Golem aus Prag – Geschichte eines großen Helfers

Seit Wochen sind wir nun in unserer Abgeschiedenheit gefangen, verbarrikadieren uns in häuslicher Quarantäne und hoffen heil aus dem Schlamassel rauszukommen. Jeder improvisiert sein Leben und stellt bisherige Gewohnheiten auf den Kopf. Für viele wird das Lesen und Tagträumen zum Ausweg aus der Monotonie und manchmal auch aus der Langeweile der Einsamkeit.
Ich sitze alleine in Prag, ausgerechnet in einer Stadt, die im Massentourismus fast unterzugehen drohte, in der uns tausende Museen, Ausstellungen, Kirchen, Paläste mit ihren Interieurs lockten, jetzt steht man vor geschlossenen Türen überall; ich betrachte die leere Karlsbrücke und andere Plätze, die noch vor ein paar Wochen voller Menschen waren, die Leere ist bezaubernd und zugleich beängstigend. Ich denke, was für ein Wahnsinn, wie schnell ändert sich alles, was werden wir daraus lernen, wie physisch und vor allem psychisch heil da herauskommen?
Ich lasse meine Gedanken schweifen und da geht mir Herbert Grönemeyers Lied „Siebter Sinn“ durch den Kopf, in dem vom Prinzip Hoffnung die Rede ist. Daraufhin mache ich mich auf die Suche, woher dieser Begriff wohl käme, und ich erinnere mich daran, dass ich ein Buch mit diesem Titel bei uns im Regal habe stehen sehen, nämlich das Werk des deutschen Philosophen Ernst Bloch. Er schrieb es im amerikanischen Exil, zwischen 1938 und 1947, und er muss dort wohl viele dunkle und hoffnungslose Tage durchlebt haben. Doch das Buch, vor allem die Kapitelüberschriften von „ Das Prinzip Hoffnung“, scheinen mir wie geschaffen für unsere Tage hier in den Zeiten der Coronavirus-Pandemie. Kapitel eins: „Kleine Tagträume“; Kapitel zwei hat einige Unterkapitel, die sehr gut passen: „Die Kategorie Möglichkeit“ oder „Das Dunkel des gelebten Augenblicks“; Kapitel drei: „Wunschbilder im Spiegel“, Kapitel vier: „Grundrisse einer besseren Welt“ und das fünfte und letzte Kapitel: „Wunschbilder des erfüllten Augenblicks“. Hoffen wir alle, der erfüllte Augenblick kommt bald und einige Maßnahmen werden aufgehoben, weil die Zahlen der Infizierten, der Kranken und der Toten zurückgehen werden. Ich habe das Buch mehrmals in der Hand gehabt, doch leider gelesen habe ich es nicht. Aus den Besprechungen entnehme ich einige Fetzen und Leitgedanken, was für ihn das Prinzip Hoffnung hätte sein können. Zunächst mal ist die Hoffnung für Bloch eine „konkrete Utopie“. Aus Wünschen, Tagträumen und Wunschbildern der Menschen entstehen reale Möglichkeiten, an denen alle arbeiten sollen. Sein Hauptprinzip der Hoffnung ist wohl die Erwartung, eine vollkommene Geborgenheit in einer Welt zu finden, in der man arbeitet, um zu leben und nicht lebt, um zu arbeiten, und so eine Welt begreift er dann als Heimat. Ich vermute stark, dass es ein Buch sein könnte, dem man sich jetzt widmen sollte.
Eigentlich wollte ich über etwas anderes aus Prag erzählen, und zwar über die Legende vom Golem; er wurde auch als Hoffnungsträger geboren oder aus Lehm geschaffen. Wir erschaffen uns immer wieder kleinere Hoffnungsschimmer, um mit verschiedenen Situationen fertig zu werden. So waren die Juden, die seit eh und je in den europäischen Städten in Ghettos lebten, mehr schlecht als recht, dazu verleitet, sich Techniken auszudenken, um mit schwierigen Situationen umzugehen. In diesen Zusammenhang gehört auch die sehr alte Geschichte von Golem; sie tauchte schon im Mittelalter auf, doch die bekannteste Erzählung über die Erschaffung eines unförmigen, kräftigen und übergroßen Ungeheuers mit menschlichen Zügen aus Lehm stammt aus dem Prag des 16. Jahrhunderts. Der Hof Kaiser Rudolfs II. war von Alchemisten und Gelehrten verschiedenster Couleur bevölkert. Der Kaiser zögerte auch nicht, Rabbiner nach ihrer Meinung zu fragen und mit ihnen zu disputieren. Die Prager jüdische Gemeinde war zu dieser Zeit eine der größten in Europa; ihr Rabbiner Judah Löw, den es wirklich gegeben hat und der ein Philosoph, Talmudist und Kabbalist war, kümmerte sich um seine Gemeinde und wollte sie gegen Beschuldigungen des Ritualmordes an christlichen Kindern schützen.
Woher kommt das Wort Golem? in der hebräischen Sprache bedeutet es: Puppe oder Larve, aber auch alles Formlose, Unfertige; im heutigen Ivrit wird es für dumm, hilflos, naiv benutzt.
Bevor ich die Legende vom Golem nach Isaac Bashevic Singer erzähle, hier kurzer Überblick über die vielen literarischen Bearbeitungen des Themas. In der deutschen Romantik befassten sich mit dem Mythos Golem E.T.A. Hoffmann, Theodor Storm und Anette von Droste-Hülshoff. Wohl das bekannteste Buch über den Golem war der 1915 erschienene Roman von Gustav Meyrink; er gilt als Klassiker und Paradebeispiel der phantastischen Literatur. Sogar unser polnischer Science-Fiction Schriftsteller Stanislaw Lem schrieb 1981 einen Roman: Golem XIV. Die Symbolik vom Golem wurde auch in vielen Theaterstücken benutzt; das Drama von Karel Capek R.U.R ist in Anlehnung an den Mythos von der Erschaffung des Golem geschrieben. Selbst das im Stück benutzte Wort Roboter kann man darauf zurückführen. Diesen Faden könnte man noch weiter spinnen; die Erfindung der künstlichen Intelligenz nebst Robotern, die Beschäftigung mit Computern und Zahlenkombinationen beim Programmieren haben vielleicht ein und dieselbe Quelle. Auch die sehr beliebte Jugendautorin Miriam Pressler befasste sich mit dem Thema in ihrem Roman: Golem stiller Bruder.
Zurück zur Legende vom Golem, der aus dem Prag des goldenen Zeitalters, die von Singer 1982 aufgeschrieben wurde. Er widmete „dieses Buch den Verfolgten und Unterdrückten überall in der Welt, den Alten und Jungen, den Juden und Nichtjuden – in der Hoffnung wider alle Hoffnung, dass die Zeit der falschen Beschuldigungen und böswilligen Erlasse eines Tages enden wird.“
Die Legende spielt also in den Zeiten von Rabbi Löw in Prag. Ein wohlgeborener Edelmann namens Bratislawski ist durch Spielschulden in größte Geldnot geraten und versucht einen Ausweg aus dem totalen Bankrott zu finden. Er bedrängt den Bankier Reb Eliezer Polner im Ghetto, ihm Geld zu geben. Als dieser Versuch scheitert, denkt sich der Graf einen teuflischen Racheplan aus. Er lässt den Juden festnehmen und beschuldigt ihn, seine kleine Tochter Hanka entführt und vielleicht umgebracht zu haben. Es folgt ein Gerichtsprozess und der Jude verliert, weil der Graf zwei Zeugen stellt. Der Graf behauptet, seine Tochter sei umgebracht worden, um auf diese Weise an ihre Aussteuer (sprich Geld) heranzukommen. Rabbi Löw sorgt sich um das Schicksal seiner Gemeinde und besonders um Reb Eliezer. So erschafft er, einer Eingebung folgend, aus Lehm den Golem und trägt ihm auf, das Kind zu finden und zum nächsten Prozesstag als Zeugen zu präsentieren. Als die ganze jüdische Gemeinde beschuldigt wird, dass sie, um Matzen zu backen, frisches Christenblut benutze und dafür die kleine Hanka umgebracht habe, erscheint der Golem mit dem Kind des Grafen auf dem Arm. Nun endet der Prozess mit der Verhaftung des Grafen und der falschen Zeugen und die jüdische Gemeinde kann in Ruhe das Passahfest feiern. Die Nachricht von dem Riesen verbreitet sich und der Kaiser lädt Rabbi Löw und den Golem auf den Hradschin vor; und beschwört den Rabbi, dass der Golem keinen Tag länger als nötig existieren dürfe. Doch hier kommt Rabbi Löws Frau Genendel ins Spiel, die dem Golem auftragen will, einen Felsblock an der Moldau zu verschieben und den Schatz, der dort angeblich vergraben sein soll, zu heben. Sie will das Geld an die Gemeinde verteilen. Nach langem Überreden ist der Rabbi einverstanden, doch der Golem weigert sich diesen Befehl auszuführen. Dem Rabbi wird bewusst, dass er langsam die Gewalt über dem Golem verliert und dass er immer menschlichere Züge annimmt. Zwar stellt er eine große Hilfe für die Gemeinde dar, zugleich aber auch eine Gefahr für die Stadt. Es passieren ihm immer wieder Missgeschicke; er läutet z.B. den ganzen Tag die Glocken oder zertrampelt die Marktstände auf der Suche nach Essbarem. Als sich der Golem in ein Mädchen namens Miriam verliebt, beschließt der Rabbi ihn zu beseitigen. Dazu kommt noch der Befehl, dass er in die kaiserliche Armee eingezogen werden soll. So überredet der Rabbi Miriam, den Golem zu überlisten und zum Schlafen zu bringen. Sie soll ihm viel Wein verabreichen und ihn betrunken machen. Währen dieser schläft, tilgt der Rabbi den heiligen Namen von der Stirn (entweder Schem oder Emeth) des Golems und verwandelt ihn wieder in einen Klumpen Lehm. Doch das Mädchen Miriam verschwindet; sie wird in Prag nie wieder gesehen.
Die Moral aus der Geschichte ist kompliziert und vielfältig, auf jeden Fall ist der Golem aber ein Symbol für Hoffnung in Zeiten großer Not. Sie lehrt uns aber auch, dass man nicht übertreiben und alles ausnutzen, sondern sich mit weniger zufrieden geben soll. Und auch wenn wir manchmal jetzt mit unseren Gesichtsmasken und Sonnenbrillen, wie die kleinen Golems aussehen, müssen wir das eben aushalten, um der Pandemie die Stirn zu bieten.

4 thoughts on “Frauenblick: Prag 5”

  1. Danke sehr für diesen interessanten Beitrag.
    Ja, alles ist schon anders geworden und wir es schon wissen, spüren, es kommt noch mehr…
    Was lernen wir? Die Zeit danach zeigt uns das?
    Lg.T.Ru

  2. Panie Tiborze,
    po odczytaniu kabaly dla Pana widze prostą drogę do super komiksu…..
    😜🤪😝😛😍
    T.Ru
    ♠️♥️♣️♦️♥️

  3. Noch ein Info vom heute: Europa zuerst, fordert Österreich als Lehre aus der Coronakrise. Österreichs Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) fordert, Industrieproduktion wieder in die EU zurückzuholen, um autonomer von Asien und Amerika zu werden und die wachsende Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. „Ich plädiere für eine Renaissance des Produktionsstandorts Europa.

    Na bitte, also irgendwie hätte es doch gehen können.

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