Russlands Krieg gegen die Ukraine

und Deutschlands „Lehren aus der Geschichte“

Michael G. Müller (Historiker)

Es liegt nahe, dass die Deutschen, wenn es um ihre Einstellung zum Krieg in der Ukraine geht, darüber nachdenken, was ihre historischen Erfahrungen bzw. die der Ukrainer und der Russen ihnen an Orientierung geben sollten. Eher überraschend ist dagegen, dass sich eher nicht die Befürworter einer entschlossenen Unterstützung der Ukraine in diesem Krieg auf die „Lehren aus der Geschichte“ berufen, sondern – lautstark – die Skeptiker gegenüber dem Engagement der Bundesrepublik und der NATO, die unbeirrbar Friedensbewegten, die sofortige Friedensverhandlungen verlangen, sei es mit, sei es gegen den Willen der Ukrainer.

Aber welche Lehren wollen sie aus welchen historischen Erfahrungen ziehen? Geht es ihnen darum, im Sinn der deutschen Verantwortung dafür zu handeln, dass in dem deutschen Eroberungs- und Vernichtungskrieg in Osteuropa zwischen 1941 und 1944 etwa 5 Millionen Ukrainer, Soldaten und Zivilisten, ums Leben kamen, dass mehr als 2 Millionen Ukrainer als Zwangsarbeiter verschleppt und vielfach dem Tod überantwortet wurden? Eher nicht, denn von dieser historischen Verantwortung spricht in Deutschland heute erstaunlicher Weise so gut wie niemand. Was sind also die „historischen“ Argumente der Friedensbewegten? Hier einige Beispiele.

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Imperien – Imperialismus – Russland heute

Brigitte von Ungern-Sternberg

Es jährt sich der russische Überfall auf die Ukraine, der Kriegszustand ist ein dauerhafter geworden mit allen Begleiterscheinungen weit über die Ukraine hinaus.

Im gedanklichen Austausch mit einem ‚Putinversteher‘ habe ich angefangen, ein paar Überlegungen anzustellen, die sich mit weiter zurück liegenden geschichtlichen Entwicklungen befassen.  

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Frauenblick auf Inisherin

Monika Wrzosek-Müller

Der Film Banshees of Inisherin

Lange war ich nicht im Kino gewesen, in Berlin eigentlich zuletzt vor der Pandemie, also vor drei Jahren. Der Genuss, etwas auf der großen Leinwand zu sehen, ist schon beeindruckend, besonders bei einem Film, der visuell so fesselt. Der Film, aufgehängt zwischen einem weiten, dramatischen Himmel und der sehr schweren, von Steinmauern durchzogenen Erde, den wunderschönen grünen Wiesen, ist für mich ein Meisterstück. Die Pracht der Bilder strengt fast an, macht beinahe abhängig, alles wirkt wie ein Märchen, der Betrachter ist leicht benebelt. Zwar wissen wir, dass drüben auf der großen Insel ein Kampf im Gange ist, in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, genauer es handelt sich um den irischen Bürgerkrieg von 1922-1923, doch auf der kleinen Insel wird darüber wenig gesprochen, man ist kaum davon betroffen. Für das alltägliche Leben bleibt jämmerlich wenig Platz, Einsamkeit, Not und Armut sind erdrückend. Die Chance auf eine gute, interessante Neuigkeit dagegen gering; es passiert einfach zu wenig, nur der Himmel wechselt ständig sein Kleid. Die Menschen tragen immer dieselben alten, eher lumpigen Klamotten – außer der Schwester eines der beiden Haupthelden; sie ist überhaupt die kluge und schöne Prinzessin des Films.

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Wiersze z brodą i bez 12

Rose Ausländer (1901 -1988)

Plaster

Plaster czasu
Pijesz
ten słodki
i ten gorzki miód

Każda kropla
jeden dzień

heute linsensuppe mit pilzen, liebe hannelore, 
und wie wir es gefunden haben am liepnietzsee
habe ich auf polnisch beschrieben

straszny mam charakter,
jeszcze tydzień temu skakałem z radości na widok kurek,
a teraz zaczynają mi się nudzić:

– patrz – mówię do hannelore – to był prawdziwek…
– gdzie?
– tutaj – wskazuję na coś jasnobrunatnego, wielkości dębowego liścia, 
na którym siedzi metalicznieniebieskawy żuk – 
została tylko skóra z kapelusza…
– bierzemy – mówi hannelore nie mrugając okiem,
strzepuje żuczka na ziemię i wkłada resztkę grzyba do koszyka;

——————————————————-

prawdziwek – steinpilz

metalicznieniebieskawy – metalischblau

żuk – käfer

to był – es war (einmal)

Buchstaben einer Ausstellung

Ewa Maria Slaska

Nochmals zu Paris Magnetique

Letzte Woche gingen wir, Ela Kargol, Krysia Koziewicz und ich, das erste Mal zu dieser wunderbaren Ausstellung. Ich schreibe hier “das erste Mal”, weil ich vermute, wir werden öfter hingehen. Ela Kargol hat auch sofort HIER darüber berichtet.

Ich fand die ganze Ausstellung sehr spannend, begeistert hat mich aber vor allem DIE SCHRIFT. Da die oberflächliche Suche in ausgelegten Infomaterialien sowie Befragung der (sichtbaren) Ausstellungamitarbeiter keine Geheimnisse preis gaben, schrieb ich die Presseabteilung des Jüdischen Museums an:

Sehr geehrte Frau Karsch, ich wollte fragen, ob Sie etwas über Buchstaben / Font wissen, den man bei der Ausstellung Paris magnetique benutzt?
Den Font finde ich sehr schön, er sieht nach selbst für diese Ausstellung erfundene Form aus. Ich habe bei der Ausstellung gefragt und im Katalog und Pressemappe gesucht, fand jedoch keine Informationen.
Da die Moderne sich sehr für die Schriften interessierte, werde ich gern etwas mehr darüber erfahren.
Ich bin eine Journalistin, Schriftstellerin und Bloggerin.
Mit freundlichen Grüßen
Ewa Maria Slaska

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Heute

Jüdisches Leben in Stettin vor und nach dem Holocaust

Vortrag und Diskussion

Dienstag, 14. Februar 2023, 19 Uhr

Topographie des Terrors
Niederkirchnerstraße 8
10963 Berlin

Erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts war es Jüdinnen und Juden gestattet, sich dauerhaft in Stettin niederzulassen. Fortan trugen sie wesentlich zur kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der pommerschen Hafenstadt bei. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann die systematische Ausgrenzung, Verfolgung und schließlich Ermordung der jüdischen Bevölkerung Stettins. Einen tiefen Einschnitt markierte am 12./13. Februar 1940 die Deportation von über tausend Jüdinnen und Juden aus dem Regierungsbezirk Stettin in das Generalgouvernement. Es war die erste Deportation aus dem »Altreich« in ein deutsch besetztes Gebiet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Stettin vorübergehend zu einem wichtigen Zentrum der Ansiedlung für polnische Jüdinnen und Juden, von denen viele jedoch bis Ende der 1960er Jahre Polen verließen. Seit den 1990er Jahren ist das lange vergessene deutsch­-polnisch-jüdische Kulturerbe Stettins Thema vielfältiger Kunst- und Theateraktionen sowie fester Bestandteil deutsch-polnischer Bildungs- und Kulturarbeit.

PROGRAMM

Begrüßung: Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Impulsvortrag: Prof. Dr. Jörg Hackmann, Stettin/Szczecin
Podiumsgespräch mit Prof. Dr. Jörg Hackmann, Dr. habil. Eryk Krasucki und Róża Król, alle Stettin/Szczecin

Moderation: Dr. Helga Hirsch, Berlin

Jörg Hackmann ist Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Stettin/Szczecin und Leiter des BKM-geförderten Forschungsprojekts »Topographie jüdischen Lebens in Stettin: Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Shoah«.

Eryk Krasucki ist als Historiker an der Universität Stettin/Szczecin tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Nachkriegsgeschichte Stettins und Westpommerns.

Róża KróI ist Vorsitzende der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Polen, Abteilung Stettin/Szczecin.

Helga Hirsch ist Publizistin und Buchautorin. Zu ihren Publikationen gehört Gehen oder bleiben? Juden in Schlesien und Pommern 1945–1957 (2011).

Die Veranstaltung findet in deutscher und polnischer Sprache statt. Es wird eine Simultanübersetzung angeboten.
Sie ist eine Kooperation zwischen der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der Stiftung Topographie des Terrors und dem Deutschen Kulturforum östliches Europa.

Pressekontakt

Dr. Magdalena Gebala
Arbeitsbereich Polen
Deutsches Kulturforum östliches Europa
Tel. +49 (0)331 20098-18
gebala@kulturforum.info

______________________________________________________________________

Deutsches Kulturforum östliches Europa e.V.
Berliner Str. 135
14467 Potsdam
Tel.  +49 (0)331 20098-0

deutsches@kulturforum.info
www.kulturforum.info

Wiersze z brodą i bez (10)

Tibor Jagielski

Rose Ausländer (1901 – 1988)

Nowe znaki
Płoną
na firmamencie

lecz

nie przybywa jasnowidz
który by je wyjaśnił

i

moi umarli
milczą głeboko


Prośba II

Prawdę
powiedz mi prawdę

Nieś mnie
na ramionach
aż do gwiazd

Chcę
tobie pomóc w dźwiganiu
róży i miecza

Rozkaz

Wiersz
Czai się

Przechodzę beztrosko
obok niego
Rzuca się na mnie
Szepcze mi słowa
do ucha
rozkazuje: pisz

Nie mogę się uwolnić
niecierpliwie
piszę

Papier jest cierpliwy


eselsohren

w niedzielę zrobiliśmy wycieczkę nad jezioro

i szliśmy skrajem lasu a ja (jak zazwyczaj)
rozglądałem się za grzybami w przydrożnych chaszczach i zagajnikach
 
 nagle moja dziewczyna zawołała

– sieh! da kommt eine frau mit einem weissen pferd –

– das ist kein pferd, das ist ein esel, ich erkenne es an den ohren –
 powiedziałem do niej,

– ein esel?! – fragte sie erstaunt

die alte frau nickte zustimmend mit dem kopf
und ging energisch mit dem tier an uns vorbei
am rande des feldes richtung see
das hinter dem buchenwald lag

pomyślałem wtedy
że na takim ośle wjechał chrystus do jerozolimy;
i rzekłem do dziewczyny
– właściwie powinniśmy byli upaść na kolana –
a ona roześmiała się
– nur du kommst auf solche ideen!

liepnitzsee, X 2017

Lallende Laute à la Lunologie

Urszula Usakowska-Wolff

Zusammenstellung und Foto Urszula Usakowska-Wolff, Berlin-Wedding, 20.04.2019

…in des Lichtes und des Dunkels Flaute

Für einen uneinschätzbaren unnachtdichtbaren Poeten

I. Des Dichters seine Welt

alles quält ihn den fremden im eigenen land
und darüber hinaus
auch wenn er schläft macht er kein auge zu
wacht auf wie ich und du huhu
eine fratze
lacht haha vor dem besten hause am platze
victoria leider ohne gloria lala mehr meer mehr sand
sonne kratzer der schreibenden hand
am strand ist er der nachbarbar mal mit rosshaar mal mit glatze
glotzt verdutzt miaut haut auf die katze duzt die maus
husch husch hinterm busch
liegt unter spaniens schnee o weh beißt ins gras
kein ade schade reißt die wade
die ihn nährt
reich hihi macht ihn lunas himmelreich nicht
von dieser welt gell
so dunkel wie hell er gern chichi schi bergauf fährt
und sich quält und sich in dieser rolle soso gefällt
dass er unaufgefordert staccato lallt & bellt
au au… wau wau … ciao ciao … mau

II. Poète maudit sans esprit

mondäner mond mit mohn im mund
firmiert am firmament malmt
manchen mumpitz minuziös
comme un vin de vigueur
noch so ein vager
ein versager assis au bord des routes
träumt dass er
(die
linke himmelsklinke?)
putzt
so blass & händenass und sans couleur
wie die bösen blumen mösen damen buben im öden land
sich nach altem brauch ohne schminke schmiegen
an lunas feurigen schoss an des mondes vollmohnbauch
und fliegen un doux frou-frou verweht vom eisigen windes stoß
er / der / die / das / greift zu kurz ach so fern
nach dem pulverstern und schnee und einer nachtschippe ohne beule
ER WER ICH WILL MEHR – MALHEUR – HEULE LOS?!
jetzt aber STOP
stutzt eine ameise Muse! le plus horrible denn ein wal
beißt sich durch wie diese miese vom mumpitz maliziöse
und kranke (voll?)schlanke schranke wird sie schlucken allemal
befleißt und (mit paradontose?) ohne pardon bis zum fanal
wie ich wie du wie er wie sie auf der kippe
in einem flip-flop und dreiviertelknall im al

III. Irr im Wirrwarr

er steht da
harrt wie ein held aus zweiter hand
weißer mann mit weißem haar
bart schulterlang gewellt brust und bauch geschwellt
er steht da
und ist sich selbst schirm herr
über die ahnen tyrannen
malt satanas und thanatos an die wand
glotzt in den spiegel putzt die zähne
der frühe hat die meiste zeit migräne
denkt nachher an vorher
an das nacheinander übereinander
an die behüteten heldentaten
als die andren nachsicht in der nachtschicht hatten
er harrt da
narrt irrt im wirrwarr der stilblüten
schreibt ungeschriebene drehbücher
über namenlose ähren und tempotaschentücher
schreibt sich in rage
missglückt ohne punkt semikolon komma
pflegt seine marotten in obsttüten
ein drama samt uniform ohne sinn und norm
das sogar die sprotten nebeneinander verspotten
er steht da
ein poet umkränzt von motten glänzt
in der garage und tritt nicht aus
was komplett geboten

IV. Didaskalia aus der damaligen Damaligkeit

Vor pi mal Auge XXXL Jahren

man nähme ein rosa ross samt rüstung und reiter
stelle sie in die manege tombe la neige
schicke sie in den kampf
kohl dampf zieht durch die gassen
ameisen frösche bestien grimassen u.s.w.
bilder erblassen und bleichen zu beige
chimären kuscheln sich unter die massen
zerschmettern zitate mit zweischneidigen tassen
in einer spelunke haust ein halunke
er trinkt er sinkt er träumt
dass er das nichts nicht versäumt
er purzelt er runzelt die stirn
gedanken an gerüche geistern durch sein gehirn
hin und her an die haare der gräser
volle champagner gläser
an das kreuz am hügel
in der weinplantage tombe la neige
man blicke in den spiegel wo die nacht
sich sacht
auf den sattel schwingt
wo ein stummer statist erklingt und so singt:
die zeit ist gereift
wenn die peitsche nicht pfeift
wächst dem ross ein flügel
rosa und beige wie neige in der manege

V. Adieu, monsieur

dass die blütenlese auf der wiese genese
kämpft er wie ein riese
rezitiert kleinoden ohne grund und boden
eine schwarze katze leckt an seiner tatze
begegnet einer mujere auf der mondlandefähre
eine diligence bringt ihn fix in trance
gerät in extase bei jeder fiesen phrase
sieh dich vor – haucht ein chor in sein ohr – sonst adieu
du steckst bis zum hals im moor – monsieur

VI. Viel Tamtam am Damm

einer dame dämmert es am damm
dass sich vaganten mutanten
und revolutionstanten
alle über ihren kamm scheren
schwamm drüber bleib munter
geh mit ihnen den bach runter
und ernte lorbeeren

2022

Frauenblick: Zinkjungen

Monika Wrzosek-Müller

Von schwarzen Tulpen und Zinksärgen

Wahrscheinlich war die Wahl des Stoffes für die jüngste Arbeit von Elżbieta Bednarska, einer polnischen Regisseurin und Theatermacherin, nicht durch die Ereignisse des Angriffskrieges auf die Ukraine bestimmt. Wahrscheinlich hat die Regisseurin schon vorher die Vorlage gewählt, nämlich das Buch von Swetlana Alexejewitsch, Zinkjungen Afghanistan und die Folgen. Doch Krieg bleibt Krieg, seine Zustände, Begleitumstände und Folgen sind ähnlich und so erleben wir ein einzigartiges Spektakel, für 90 eiskalte Minuten tauchen wir in die Absurdität des Krieges und seiner Grausamkeiten ein. Die Kälte der wunderschönen, doch nicht beheizten riesigen Vierung der Parochialkirche erinnert uns umso eindringlicher an das, was die Menschen in der Ukraine jetzt erleben: Kälte, Dunkelheit, Unsicherheit, Krieg, Detonationen, Sterben… Schrecken.

Der Reihe nach; am 19. 01. 2023 fand in der Parochialkirche in Berlin-Mitte die Premiere des Stücks Zinkjungen – Von schwarzen Tulpen und Zinksärgen statt. Das Konzept, die Auswahl der Texte und die Regie hat Elżbieta Bednarska besorgt, eine polnischstämmige Regisseurin. In Zinksärgen wurden die sterblichen Überreste der jungen russischen Soldaten, die im Afghanistankrieg gestorben waren, nach Hause gebracht; die Särge waren verschlossen, damit die Eltern nicht den entstellten Zustand der Leichen sehen konnten; sie wurden von den Schwarzen Tulpen, den Flugzeugen, „nach Hause“ gebracht, in die auseinanderfallende Sowjetunion, in der die Parolen des Kommunismus nichts mehr galten. Ihr Unglück war ein doppeltes: sie kehrten nicht als Helden zurück, der Krieg wurde nicht als großer Vaterländischer gefeiert, sondern sie wurden nur zu Opfern der Lüge und der Fehler gemacht. Den Eltern wurde eine Entschädigung in den damals gerade inflationären Rubel ausbezahlt, die auch bald nichts mehr Wert waren.

Zwar schreibt Alexejewitsch: „Es geht nicht darum, möglichst viel Schreckliches zu erzählen, das ist keine Literatur. Wichtig ist eine neue Perspektive“; doch ihre dokumentarische Erzählung, so nah am Kriegsgeschehen, bietet ein Bild des schrecklich sinnlosen Krieges, der für nichts und wieder nichts geführt wurde – dessen Opfer, die zu Tausenden gefallenen Soldaten, dann sehr schnell vergessen werden sollten. Ihre Stimme ist dreifach mächtig. Sie ist selbst dahin, also nach Afghanistan, gereist und hat darüber Tagebuch geführt; sie hat mit verschiedenen Soldaten gesprochen, nach der Rückkehr dann aber auch mit den Eltern, hauptsächlich Müttern. Es wurde sogar ein Gerichtsverfahren gegen ihre vorgeblich lügnerischen Berichte angestrengt; in einigen Anklagepunkten wurde sie schuldig gesprochen und sie musste für die Gerichtskosten aufkommen. Es entspann sich danach eine längere Diskussion darüber, was es denn eine „dokumentarische Erzählung“ im literarischen Sinn bedeutet, welchen Zwängen, Pflichten unterliege sie, aber auch welche Freiheiten bringt das Genre mit sich. Es gibt nämlich den Raum der Erkenntnis, dass jeder Angriffskrieg sich früher oder später als eine Lüge, als ein Unglück für die betroffen Menschen auf beiden Seiten entpuppt.

Die große stärke aller Inszenierungen von Bednarska sind die Orte, an denen sie stattfinden; immer ausgefallen, ungewöhnlich, bildstark, unterstreichen das Thema und verstärken den visuellen Charakter des Spektakels. Mir fielen im Vorraum der Kirche sofort der Totenschädel und das Skelett auf. Die Größe und die Pracht des leeren Raumes, der kreuzartig angelegt ist, mit einer riesigen Kuppel darüber, mit ganz schlichten freiliegenden Backsteinwänden eignet sich hier wunderbar. Bei der Kirche handelt es sich um den ältesten in Berlin reformierten Gemeindebau. Auf jeden Fall spielt der Raum mit und ist Teil der Aufführung. Auch die von Aljosa Dakic gestaltete Beleuchtung mit den Fresken, die auf das Gewölbe oben durch Handbewegungen immer neu projiziert werden – sich zwischen Helligkeit und Dunkelheit ständig verschiebende Sandmengen – spielen mit. Der Zuschauer muss sich immer wieder neu orientieren und konzentriert auf das Geschehen auf der riesigen Bühne reagieren. Diesmal wurden wir eigentlich auch sitzengelassen (was angesichts der Kälte fast eine „Zumutung“ war), wir konnten uns nur umdrehen und aufstehen, normalerweise (in anderen Aufführungen von Bednarska) wurden wir auf die Reise des Geschehens wortwörtlich mitgenommen. Die wunderbar gesungenen russischen, sowjetischen Lieder runden das Geschehen ab.

Mir ist besonders die junge Schauspielerin (Florentine Schara) auf den Rollschuhen aufgefallen, die mit Tempo und Bravour mit einer riesigen roten Fahne durch den Raum rast, zu pathetischer Musik; dieses Bild gibt dem ganzen Stück zusätzliche Dynamik, überzeugt auch mit symbolischer Kraft. Dem entgegengesetzt sind die fast in Zeitlupentempo vorgeführten Bewegungen der Soldaten auf der Bank; gelungenes Spiel mit den Gegensätzen.

Mir fehlten eindeutig die Särge, ich hätte sie in den Raum gestellt, sie sind so aussagekräftig. Die Schwarzen Tulpen haben wir richtig sehen können und ihre Landung beobachten. Die Texte von Swetlana Alexejewitsch sind für etliche Kriege repräsentativ; es reicht, das Wort Sowjetunion in Russland zu ändern – und dann passt der Text auch zu dem anderen, aktuell geführten Krieg. Diese Wahrheit über die Lügen des Krieges transportiert die Aufführung ganz klar und eindeutig.