Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Manifesto

Es fing damit an, dass mein Sohn über Cate Blanchett die Nase rümpfte. Das fand ich ungeheuerlich, denn für mich präsentierte sie sich in allen Filmen wunderbar. Ja eben, würde er sagen, zu wunderbar, zu wunderschön; für ihn verkörperte sie eine unnahbare, unumgängliche, langweilige Dame, immer eigentlich die gleiche; er warf mir vor, dass ich insgeheim wahrscheinlich auch davon träumte, so wie sie zu sein. Natürlich musste ich lachen, denn meine reality war weit von ihrer entfernt, doch vielleicht hatte er etwas Recht.

Desto mehr freute ich mich, als ich auf die Beschreibung der Ausstellung von Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof stieß. Schon der Künstler versprach interessante Videoinstallationen, ich kannte seine Werke von Aufführungen in der Schaubühne. Auch wenn sie mich damals etwas genervt haben, denn ich teile die geteilte Aufmerksamkeit nicht und fühlte mich dann meistens von dem Hintergrund und der eigentlichen Handlung überfordert, doch es war eine Herausforderung für den Zuschauer und als solche nahm ich sie hin. Doch hier versprachen die Videoinstallationen im Vordergrund zu stehen und sie wurden von Cate Blanchett gespielt, die ich doch so faszinierend fand.

Ich ging also in die Ausstellung und verbrachte dort drei Stunden vor den Bildschirmen.

Eines Abends fand ich dann auf YouTube eine Diskussion über ein in Polen sehr heftig diskutiertes Buch „Świat sie chwieje“ [Die Welt wackelt], eine Sammlung von 20 Gesprächen, die Grzegorz Sroczyński, ein Journalist der Gazeta Wyborcza geführt hat. Es äußerten sich Historiker, Philosophen, Soziologen, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, die in Polen mehr oder weniger bekannt sind. Sie alle wurden nach dem Grund gefragt, warum wir das Gefühl hätten, dass „die Welt wackelt“ und dass wir mit dem, was passiert, nicht zurechtkommen. Nach Finanz-, Flüchtlings-, Moral-, Politik-, Religions- und Europakrisen, mit der Globalisierung und der rasanten Entwicklung der Medien, fühlen sich die meisten Menschen überfordert, auch wenn Krisen oft eine Möglichkeit des Aufbruchs und Neuanfangs bedeuten. Ein Rezept verspricht das Buch natürlich nicht, aber es nimmt all diese Erscheinungen unter die Lupe, die uns den Boden unter den Füßen wackeln lassen, bespricht sie und versucht, sie und die dahinter stehenden Mechanismen etwas verständlich zu machen.

Warum schreibe ich über das Buch im Zusammenhang mit der Ausstellung Manifesto? Obgleich sie diesen Titel trägt, verneint sie meiner Meinung nach all die Manifeste der Vergangenheit: von Dada, Futurismus, Expressionismus, Kreationismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Surrealismus und all der anderen -ismen. Sie werden als Mantra vorgetragen, immer im gleichen Moment, gleichzeitig alle monoton und eintönig, ihre Inhalte eher nebensächlich, umso wichtiger, was auf dem Bildschirm passiert und wie die Personen, Landschaften, Innenräume, Außenräume dargestellt werden. Die alten Manifeste haben sich überlebt, neue sind nicht entstanden; wir haben alles da, alles ist möglich und erreichbar, im Hier und Jetzt und doch gibt es keinen Protest und keinen Aufschrei, denn wir kennen sie alle, die Formen des Protestes, es hat sich vieles, „alles?“ überlebt. Die Welt wackelt, auch die der Kunst.

Dabei, Hochachtung, chapeau bas vor der Schauspielerin, die all diese Individuen verkörpert, in all diese Rollen schlüpft: in einen Obdachlosen, eine Börsenmaklerin, eine Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, wo sie lauter sinnlose Tätigkeit ausführt (die aber vielleicht in der globalisierten Welt einen Sinn haben). Sie ist genauso überzeugend als Lehrerin, die den Kindern Aufgaben stellt, an die sie sich nicht halten sollen, Nachrichtensprecherin, bei der die Nachricht überhaupt nicht wichtig ist, eine Choreografin, eine tätowierte Punkerin, die am Ende einer Party in dem verwüsteten Räumen um sich schlägt, sie spielt genauso überzeugend eine konservative Mutter in ihrer Familie wie eine Trauerrednerin bei einem Begräbnis. Besonders ist der Moment, in dem sie als Puppenspielerin und -bauerin mit einer sie selbst darstellenden Puppe spielt. Sie trägt die Texte auch in unterschiedlichen Sprechweisen vor, mit amerikanischem, englischem oder auch schottischem Akzent, auch mit dem Akzent einer russischen Tanzchoreographin. All diese kurzen Szenen, Filme, Epiloge haben etwas Beiläufiges und dann doch sehr Exaktes an sich. Der Künstler will kein Manifest aufstellen, entstehen lassen, und doch ist sein Werk ein Versuch die Welt in Szenen, die künstlich arrangiert sind, real darzustellen und sie zu einem Puzzel zu machen von Ausschnitten aus einer versteinerten und doch irgendwo auch lebendigen Welt, die auch hier wackelt, weil nicht ganz klar ist: Verneigt sich der Künstler vor diesen Kunstrichtungen oder verabschiedet er sich von ihnen?

Vielleicht spürte die Schauspielerin, Cate Blanchett, dass sie aus ihrer Rolle der dekadenten Dame ausbrechen sollte und dass sie so verschiedene Typen und Charaktere darstellen kann, dass sie sich dieses Können beweisen wollte. Es ist alles andere als einfach, für ein paar Stunden in Berlin ständig eine andere Person zu inkarnieren, bis zu vier Stunden in der Maske zu sitzen, sich mit einer Perfektion, Intensität und Aufmerksamkeit in jeder Szene auf jeweils neue Situationen zu konzentrieren; für mich schwebt aber doch über all den Szenen ein Hauch der Dekadenz, der sie und mit ihr ihre Umgebung nicht loslassen will. Das finde ich wunderbar und es soll sie nicht loslassen; es ist mit der Schönheit und Sehnsucht danach verknüpft und verbunden, und es wird immer so bleiben.

Ich höre fast schon den Aufschrei: und all die wichtigen Manifeste von all den wichtigen Personen, nicht umsonst gestaltet der Künstler die Szenen so und nicht anders. Den Vorwurf will ich so stehen lassen, für mich waren sie eben nebensächlich und ich konzentrierte mich auf die Bilder, die vor meinen Augen abliefen.

Auf jeden Fall ist die Ausstellung Wert gesehen zu werden, sich konzentriert auf die Szenen einzulassen und die Perfektion der Schauspielkunst zu erleben und zu bewundern.

Manifesto ist bis Juli im Hamburger Bahnhof zu sehen.

Zwei Bilder einer Wirklichkeit

Ewa Maria Slaska

Ein Treffen in Löcknitz

Ende Januar bekam ich eine Einladung aus Löcknitz vom Projekt Perspektywa: Vom Grenzraum zum Begegnungsraum.

Die Akteure von Perspektywa, lese ich im beigefügten Flyer, sind die Bewohnerinnen und Bewohner der Amtbereiche Löcknitz-Penkun im Landkreis Vorpommern-Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) und Gartz (Oder) im Landkreis Uckermark (Brandenburg). Ihre Ideen und Vorschläge für das Zusammenleben in der Region stehen im Zentrum von perspektywa. Unser Projektteam unterstützt und begleitet sie dabei, neue Impulse für Begegnungen zwischen deutschen und polnischen Bürgern und Bürgerinnen im Alltag zu entwickeln und auszuprobieren. Mehr dazu: http://www.raa-mv.de/pl/content/perspektywa-od-pogranicza-do-spotkania.

Und weiter im Brief:

In Antwort auf die aktuelle politische Situation bietet unser Projekt die Unterstützung des polnisch-deutschen Engagements für Flüchtlinge an. Wir arbeiten mit der Stettiner Gruppe „Refugees welcome in Pomerania” zusammen, die solche Aktionen durchgeführt hatte wie Fahrräder-Sammeln zu Gunsten der auf der deutschen Seite lebenden Flüchtlinge. Leider, angesichts der Bedürfnisse, reichen diese Initiativen noch nicht aus, und die Haltung einiger Menschen ist nicht immer angenehm oder annehmend. Ich habe den RBB-Beitrag vom Dezember letzten Jahres gesehen, in dem man über Sie und ihr Engagement für Flüchtlinge in Berlin berichtete. So ist mir etwas eingefallen. Um dem fremdenfeindlichen Verhalten und fehlender Toleranz entgegenzuwirken, werde ich gern im März eine Diskussion für in Löcknitz und Umgebung lebende polnische Bürger organisieren, damit sie dabei einerseits über die Situation der Flüchtlinge informiert werden und andererseits eine Gelegenheit bekommen, ihre Fragen zu stellen.

Deshalb würde ich Sie gern fragen, ob Sie bei solcher Veranstaltung bereit wären als Referentin zu wirken?

RAA Mecklenburg-Vorpommern e. V.
www.raa-mv.de  www.facebook.com/perspektywaDE  www.twitter.com/perspektywaDE

Bild I

Ich stimmte zu, wir haben uns geeinigt, dass es zwei Treffen sein werden, in Löcknitz und in Tantow, dass ich in Löcknitz übernachten werde und dass ich in der zweiten Märzhälfte komme. Irgendwann danach verschoben wir den Termin auf Anfang April. Am Mittwoch den 7. April kam ich mit dem Zug über Neubrandenburg nach Löcknitz. Eine Mitarbeiterin des Projekts wartete auf mich auf dem Bahnhof. Wir aßen zu (Nach)Mittag und meldeten mich dann in der Burg-Pension neben dem Burgfried an. Dieser Burgfried ist alles, was von der mittelalterlichen Burg aus dem Jahre 1212 übriggeblieben ist. Auf dem Turm wohnen Dohlen. Sie sammeln die Haselnüsse in den benachbarten Garten, schmeißen sie nach unten, um sie zu zerbrechen und den Kern zu essen. Die ganze Turmumgebung ist bestreut mit Haselnussschalen.

Das Treffen mit den polnischen Bewohnern von Löcknitz fand in einer Alten Schule statt, die jetzt als Bürgerhaus fungiert. Auf der 2. Etage befinden sich Büro und Veranstaltungssaal von RAA – Perspektywa. Das Einladungsplakat ist auf Polnisch und richtet sich an die Polen, die in Stadt und Umgebung wohnen. Manche werden es als eine Beleidigung wahrnehmen. Dazu ein Zettel auf Deutsch:

Das Projekt perspektywa der RAA Mecklenburg-Vorpommern e.V. behält sich vor, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

Manche werden es als eine weitere Beleidigung wahrnehmen.

Kurz danach ist der Saal schon voller Gäste, darunter zwei Kinder im Grundschulalter und vier syrische Flüchtlinge aus einer Notunterkunft in der Nähe. Jemand kommt mit der Kunde, dass draußen vor der Tür lokale Neonazis stehen. Der Saal reagiert, scheint mir so, mit der stoischen Ruhe. Ich auch.

Gleich kommt er hoch zu uns, Herr Bahlmann, der NPD Leader und, wie ich später erfuhr, Mitglied des Gemeinderats. Der Saal reagiert weiter nicht, die Meisten kennen ihn vielleicht, wie es halt in einer kleinen Stadt üblich ist. Dann wissen sie auch, was ich nicht weiß, dass er zwar vorher, irgendwann Mal, vorbestraft war, jetzt aber ist er Gemeinderats-Mitglied und wird sich nicht tätlich aggressiv zeigen. Auch verbal hält sich alles mehr oder weniger im Rahmen.

Herr Bahlmann schreit etwas, ich weiß nicht was, weil ich gar nicht zuhöre. Ich sitze an meinem Tisch und schaue die Menschen an, die gekommen sind, um zu erfahren, was ihnen eine gewisse Śląska (so wurde ich angesagt) sagen wird, weshalb sie keine Angst vor den Flüchtlingen haben sollen. Der einsam im Türrahmen stehende Schreier interessiert mich zuerst nicht. Vielleicht in dieser Phase sagt Herr Bahlmann Wörter, wegen denen er später beschuldigt wird und die ich nicht wahrgenommen habe: dass die Polen Parasiten sind und sich verpissen sollen.

Ich erhebe mich von meinem Platz erst dann, als ich wahrnehme, dass sich ihm eine blonde Frau aus dem Publikum nähert. Sie versucht ihm etwas zu erklären. Intuitiv denke ich, dass man sie dort nicht alleine stehen lassen soll. Ich trete also an die Beiden heran und stelle mich neben Herrn Bahlmann. Da der Saal höher als der Flur liegt und vom Flur her über zwei Stufen zu erreichen ist, und Herr Bahlmann im Flur steht, überrage ich ihn ein bisschen, was mir, einer ziemlich kleinen Frau, selten passiert. Dies ist selbstverständlich ein verstärkendes Gefühl. Im Flur sehe ich zwei Begleiter von Herrn Bahlmann. Er selbst ist ein typischer kahlgeschorener Haudegen mit dickem Nacken, breiten Armen und Beinen. Seine zwei Kameraden sehen dagegen ganz anders aus. Es sind ein älterer schlanker Herr mit einer Brille und ein kleiner schmächtiger Typ ungewissen Alters in einer rot-schwarzen Windjacke. Bewusst analysiere ich es nicht, unbewusst aber klassifiziere ich die vor mir stehenden Volksvertreter: Ein Schreihals-Muskelprotz, ein Intellektueller und ein von niemandem geliebtes Männeken, ein Mitläufer, der der Gruppe angehört, um nicht einsam zu verrecken.

Ich höre mir an, worüber die Blondine und der Bahlmann miteinander reden. Ich glaube nicht, viel verpasst zu haben davon, was er vorher gesagt hat, weil er sowieso nur ein paar Floskeln zu sagen hat, die er immer wieder erneut losbrummt. Zwei Sätze und drei Fragen…

Mit welchem Recht hält man das Treffen nur auf Polnisch?
Mit welchem Recht hat man beschlossen, dass die Teilnehmer nur Polen sein dürfen?
Mit welchem Recht wurde auf dem Zettel geschrieben, dass er und seinesgleichen kein Zutritt haben?

herrbahlmann

Man kann nicht umhin – seine Fragen haben eine gewisse Berechtigung. Ich weiß nicht, was das Gesetz sagt (später erfahre ich, dass ein Verein so seine Treffen organisieren darf, und denke, klar, Jäger und Angler auch), aber vielleicht, Gesetze hin oder her, in Berlin hätte man ein Treffen nicht so organisiert, auch wenn man darf. Denn wenn es schon Konflikte gibt, dann verschärft man sie nur.

Schlimmer hören sich Bahlmanns Kernsätze an. Wir sollen uns unsere polnischen Treffen in Polen organisieren und nicht in Deutschland mit dem Geld von deutschen Steuerzahlern. Er zahlt Steuer und hat das Recht, den Saal zu betreten. Und die Flüchtlinge bedrohen die Reinheit der deutschen Rasse…

Es ist wie eine Tibetische Gebetsmühle, die sich dreht und dreht… Die Frau neben mir argumentiert, sie zahle auch Steuern, sie wohne in Deutschland, sie hat das Recht… Ich höre noch immer nur zu. Als aber der Satz über Verunstalten der deutschen Rasse das dritte Mal kommt, mische ich mich ein, und frage, ob der Schreiende selber Kinder hat?

– Ja. Zwei. Eigentlich drei…
– Wieso „eigentlich drei”? – frage ich.
– Eins ist gestorben.
– Wie gestorben, wieso?
– Krankheit…
– Och, wie es mir leid tut…

Ein winziger Dialog, der jedoch den Duktus und die Rhetorik der Kommunikation unter uns ändert. Er schreit nicht mehr, meine Nachbarin spricht mit ruhigerer Stimme, wir reden miteinander. Der Inhalt ist immer noch der gleiche, aber wir reden miteinander. Ein wesentlicher Schritt in Richtung Deeskalation des Konflikts. Meine Gesprächspartnerin und ich stellen gemeinsam fest, dass wir beide nichts dagegen hätten, wenn Herr Bahlmann und seine zwei Compagnons zu uns in den Saal gekommen wären und an unserem Treffen teilnähmen. Man kann über all die Meinungen diskutieren. Bahlmann pariert, dass es unmöglich wäre, da das Treffen auf Polnisch stattfindet. Macht nichts, beteuern wir beide, wir werden es übersetzen, nicht alles, aber so, dass er immer weiß, wovon die Rede ist.

Der Vorschlag kommt jedoch zu spät, die Polizei ist schon unterwegs. Ich bin total baff. Wieso die Polizei? denke ich. Wofür die Polizei? Es gibt doch keinerlei Bedrohung! Mindestens ich sehe keine…

Die Polizei tritt ein, schmeißt Herrn Bahlmann und seine zwei Kameraden aus dem Flur, aus dem Haus, aus dem Markt, wo das Bürgerhaus steht. Um die Gebäude herum stellen sich die Polizisten in schwarzen Kampfmonturen. Unsere Sicherheit wird von 30 Polizisten und neun Polizeiautos geschützt!

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Der Platz vom Bürgerhaus. Foto gemacht während der Veranstaltung.

Bild II

loecknitz-gazetaAm nächsten Tag beim Frühstück erfahren wir, wie die Meldung lautet, die die Polizei über den gestrigen Vorfall bei der Kreiszentrale vorgelegt hat (Löcknitz ist eine Gemeinde, Kreisstadt ist Greifswald mit Außenstellen in Passewalk und Anklam) – „großer Polizeiansatz“. Am nächsten Tag gab es schon Berichte in der lokalen Presse – „Nordkurier”, „Passewalker Zeitung” und andere. Die Journalisten schreiben von vielen Neonazis, viel mehr, denke ich mir, als wir sie gesehen haben: „die Situation war bedrohlich, richtig bedrohlich!” und „Nazis stören massiv Infoveranstaltung in Löcknitz“. Es geht weiter und höher. Es sind immer mehr Neonazis gewesen, mehr Bedrohung… Bald sind wir schon bei der “Deutschen Welle” und “Gazeta Wyborcza”. Und bei jeder lokalen Webseite.

***

Erst als ich dass alles aufgeschrieben habe, habe ich im Netz das Foto gesehen. Und die Unterschrift – auf Polnisch: Neonaziści zaatakowali Polaków. Neonazis greiften Polen an.

neonaziscizaatakowalipolakow

Ich möchte nicht behaupten, das Foto zeigt etwas, was nicht da war. Ich war im Saal, im Haus, also drinne, ich habe nicht gesehen, wer draußen stand und ob, und wenn ja, wie viele es wären. Ich kann nur sagen, ich nahm nichts dergleichen wahr. Es war ruhig, man hörte weder Schreie noch Parole, auch keine Befehle seitens der Polizei. Nicht Mal den Gemurmel, den man hört, seien viele Menschen beisammen. Zwei Frauen nacheinander gingen raus, um die Kinder nach Hause zu bringen, und kamen zurück. Leute schauten aus den Fenster, machten Fotos. Kein Mensch sagte, dass da eine massive Präsenz der Neonazis zu beobachten wäre. Keiner hatte Angst, scheint mir, wir lachten. Meines Erachtens war es, alles in allem, ein sehr eingenehmes Treffen.

Ich schaue mir genau das Foto an. Irgendetwas stimmt da nicht.

Herr Bahlmann hatte an dem Tag einen blau-weissen Sportanzug an. Es gab keine Sonne, er hatte, glaube ich, keine Sonnenbrille an, und hier haben sie alle Anwesenden an. Alle Streifenwagen, die ich später gesehen habe, waren blau. Auf “unseren” Fotos sind sie auch blau. Auf dem Foto oben ist der Wagen grün.

Unheimlich.

Haben die Journalisten aus einer Mücke einen Elephanten gemacht? Oder bin ich leichtsinnig und bagatelisiere die Gefahr?

 

Gül heißt Rose (3)

Anne Schmidt

Fragen

Frau Schulz saß geschockt und völlig ratlos auf ihrem Stuhl. Wie sollte sie nach diesen Enthüllungen mit ihren Schülerinnen umgehen? Sollte sie sie alle umarmen und mit ihnen weinen?

Sie schaute auf Gül, die mit aufgerissenen Augen an ihren Haaren drehte und keinen Ton von sich gab.

War sie die Einzige, die bisher unbeschädigt geblieben war? Der Vater hatte bei Elternversammlungen bisher immer einen sehr bemühten Eindruck gemacht und sein “kleines” Mädchen zärtlich auf dem Schoß gehalten, was einen etwas absonderlichen Eindruck machte. Aber so war Gül nah an seinem Ohr und konnte ihm die Übersetzung der Lehrerinformationen zuflüstern.

Dennoch war bei Frau Schulz und ihrem Kollegen immer ein Gefühl der Befremdung zurückgelieben, wie sie sich später eingestanden.    Jetzt war Gül die Einzige, die sich nichts Belastendes von der Seele reden wollte.

Frau Schulz fragte die bedrückten Mädchen, ob sie bereit seien, mit ihr zu “Wildwasser” zu gehen, um mit professionellen Beraterinnen über das Erlebte zu reden. Jenny fand diesen Vorschlag gut und versuchte die Anderen zum  Mitgehen zu überreden. Marie klinkte sich aus mit der Begründung, dass sie keine Erinnerung an die alte Geschichte habe und mit ihrer Mutter genügend darüber geredet hätte.

Jenny akzeptierte Maries Entscheidung und wandte sich fragend an Nuren und Betty. Nuren zupfte nervös an ihrem Taschentuch und meinte, das Ganze sei eigentlich das Problem ihrer Eltern und sie wolle auf keinen Fall, dass die von ihrem “Verrat” etwas erführen.  Sie schaute unsicher zu Betty hoch, die aufgestanden war.

Betty  fing an zu stottern, wie sie es früher oft getan hatte, wenn sie unsicher war. Sie sah Jenny mit einem flehenden Gesichtsausdruck an, denn Jenny war cool und ihre Meinung war für sie maßgeblich.  Sie hatte Betty immer verteidigt, wenn einer der Jungs sie wegen ihrer plumpen Figur oder ihres Stotterns hänselte.

Jetzt nickte Jenny ihr zu und sagte: “Wir gehen nur zusammen zu der Psycho-Tante rein, keine Angst.”

Betty lächelte dankbar und versprach mitzukommen, wenn auch Nuren sich bereit erklärte; Nuren nickte.

Für alle war klar, dass Gül nicht zur Beratung mitkommen würde, denn sie hatte keine Probleme offenbart; sie war in den Augen ihrer Freundinnen das verträumte kleine Mädchen, das noch am Daumen lutschte und verschämt lächelte, wenn man es darauf ansprach.

Als Marie rief, dass die Schulstunde schon längst um sei, war klar, dass Frau Schulz bei “Wildwasser” einen Termin besorgen würde.

Glückliche Tage

Kurz vor der Klassenreise tauchte Güls Vater – nach langer Abwesenheit –  auf der Elternversammlung auf, die für die Teilnahme an der Reise wichtig war. Er hörte still den Informationen der Lehrer  und Fragen der Eltern zu und wartete zum Schluss als Letzter auf Frau Schulz. Als er sicher war, dass kein anderes Elternteil in Hörweite war, flüsterte er: “Probleme mit Gül. Gül macht manchmal Bett nachts nass. Darf sie trotzdem mitfahren?”

Auf der Klassenreise passierte nichts dergleichen. Gül war fröhlich, ging mit den anderen im Badeanzug schwimmen, machte sich abends schick für die Jungs der eigenen und der Nachbarklasse und hörte mit den anderen aus der Clique Jennys Lieblingsmusik, wenn die Nachtruhe beginnen sollte.

Alles war gut!!

Wiedersehen

Frau Schulz ist unterwegs auf der Bergmannstrasse und hat den Wochenendeinkauf gerade auf ihrem Fahrrad verstaut, als sie von einer hübschen jungen Frau angesprochen wird. Sie durchforstet ihr Gedächtnis, sieht noch einmal genau hin und freut sich: Gül steht vor ihr. Sie hatte über sie erfahren, dass sie auf ein OSZ gegangen war, das nicht weit von Kreuzberg seine SchülerInnen auf Berufe im Verkehrswesen vorbereitet.

Nun steht Gül unsicher lächelnd vor ihr und schaut auf sie herab; sie ist einige Zentimeter größer als Frau Schulz, trägt  ihre langen schwarzen Haare immer noch Schulter lang, ist kaum geschminkt und trotzdem sehr hübsch.

Frau Schulz umarmt sie impulsiv, was Gül zögernd zulässt. Sie wirkt erfreut, aber angespannt.

Frau Schulz schlägt vor, zusammen einen Kaffee in der Menagerie zu trinken, in die sie nur zu besonderen Anlässen geht. Gül zögert, was Frau Schulz auf einen schmalen Geldbeutel zurückführt. Sie wundert sich zwar, da Gül inzwischen mit ihrer Ausbildung fertig sein müsste, lädt sie aber selbstverständlich ein.

Kaum sitzen sie an einem Tisch in der hintersten Ecke, wohin gül zielstrebig gesteuert ist, als Frau Schulz nach ihrer beruflichen Karriere fragt. Gül senkt den Kopf und flüstert: ” Ich durfte meine Ausbildung nicht zu Ende machen.”  Frau Schulz wird klar, dass dieses Gespräch länger dauern wird, wenn sie die richtigen Fragen stellt und genügend Empathie zeigt.

“Wer hat Dich gehindert?”

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Junge Flüchtlinge mit den Augen einer älteren Lehrerin gesehen

Ewa berichtet jetzt seltener über Flüchtlinge. Da sich aber die Situation im Lande und besonders in Berlin sehr verkompliziert hatte, wollte sie doch über ein paar positive Eindrücke von der Arbeit mit den jungen Flüchtlingen schreiben.

Sie unterrichtete Deutsch, zuerst in einer Jugendherberge, wo ungefähr 80 männliche Jugendliche untergebracht waren, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen waren. Die ärztlichen Untersuchungen hatten alle absolviert; man hatte sie weiterhin als Jugendliche eingestuft, obwohl sie einige von ihnen eindeutig für älter hielt. Sie wurden geimpft und in Willkommensklassen untergebracht. Manche waren wirklich extrem begabt und fleißig; sie wurden in einem Talentcampus gesammelt und einen Monat lang besonders gefördert; zu ihrer Überraschung waren das eher Jugendliche aus Afghanistan als solche aus Syrien, von denen alle behaupteten, sie wären so gebildet und kultiviert.

Leider musste die Gruppe die Herberge räumen und weit weg in die Stadt ziehen, doch soweit sie sah, kümmerte man sich wirklich gut um sie; nur dass der Weg zur Schule, also der Willkommensklasse so lang werden würde, hatte man nicht bedacht.

Es gab ein Abschlussfest mit persischem, afghanischem und deutschem Essen (Letzteres: Hähnchenschenkel mit Pommes). Wir – die Lehrer, die Sozialarbeiter und die Betreuer – stürzten uns auf Humus, die vielfältigen Salate und die Auberginen-Zubereitungen, die köstlich und bunt auf einem Buffet aufgebaut waren; die Jungs beluden ihr Teller mit Pommes, Hähnchen, Ketschup und Mayonnaise; jedem das seine, dachte sie. Selbstgebackener Kuchen und Süßes, auch Obst waren von den Lehrern mitgebracht worden. Die Jugendlichen halfen bei den Vorbereitungen, und sie hatten einen Film über ihren ersten Aufenthalt in Berlin gedreht. Das schöne dabei war, dass sich wirklich alle gegenseitig kenngelernt hatten. Die afghanische Gruppe wusste inzwischen, welche Städte es in Syrien, dem Irak gab und umgekehrt; sie wohnten immer noch in getrennten Zimmern unter sich, doch es waren auch Freundschaften quer zu den Nationalitäten geschlossen worden; auch die wenigen Schwarzen fühlten sich wohl in der Gruppe.

Nachdem die Aufgabe in der Jugendherberge zu Ende gebracht war, tat sie sich um, wo sie weiterhin Jugendliche unterrichten konnte. Sie fand in einem anderen Unterbringungsort Gruppen von Teenagern, die mit ihren Familien gekommen waren. Sie warteten länger auf die Aufnahme in die Wilkommensklassen. Ihr fiel auf, wie viel unbeschwerter und einfach netter sich in einer koedukativen Klasse mit Mädchen und Jungen unterrichten ließ. Sie waren alle auch ruhiger und „normaler“, unaufgeregt – wie viel doch die Anwesenheit von Angehörigen bedeutete, sah man hier ganz deutlich. Die Jungs räumten sogar den Klassenraum auf, fegten den Gang ohne Murren, und die Mädchen brachten Lächeln und Lockerheit, auch Schönheit in die Klasse.

Sie dachte, bei gut organisierter Hilfe würde man diese Jugendlichen leicht in die heutige deutsche Gesellschaft integrieren können. Man musste sich nur weiterhin sehr intensiv um sie kümmern, sie begleiten und fördern, auch persönlich, jeden Tag. Viele von ihnen schienen sowieso von der westlichen Kultur fasziniert zu sein, kleideten sich in Jeans und Nike-Sportschuhe, dazu kamen bei den Jungen die in ihren Augen besonders hässlichen modernen Frisuren. Die Mädchen trugen ihre Kopftücher sehr locker, es lugten immer Haare hervor, und ihre engen Pullover und Jeans beinahe gleich aus wie hier üblichen. Wichtig war, dass sie dieses „beinahe“ nicht als Demütigung empfanden, sich ihrer Vergangenheit nicht schämten und einen Weg für sich zu finden schienen.

Besonders für die Mädchen würde das viele Chancen eröffnen; sie würden dann ihr eigenes Leben leben können, entscheiden, was sie lernen und ob sie Familien gründen, arbeiten oder beides zusammen versuchen wollten. Sie dachte, dass man ihnen das kommunizieren müsse, immer wieder vor Augen führen, damit sie sich nicht in ihrer Vergangenheit gefangen und daran gebunden fühlten. Dazu würde man viele Lehrer, Begleiter brauchen; sie würden sich nicht so schnell auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen, aber mit genug Geduld und Offenheit würde man ihnen etwas Neues für sie entwickeln können. An jungen Psychologen, die nur darauf warteten, alle in jeder Lebenslage zu beraten, fehlte ihres Wissens nicht; man musste sich nur eben auf diese Situation wirklich einlassen und die Jugendlichen fördern, unterstützen und informieren.

Und dann das große, alles übergreifende Wort „Integration“. Dazu fiel ihr nur eine Anekdote ein, ein Witz: Ein Flüchtling begegnet eine gute Fee und klagt über sein schweres Schicksal und das Leben in der Fremde. Darauf sagt die gute Fee zu ihm: „Dann will ich dir helfen. Ich erfülle deine drei Wünsche sofort“. Der Flüchtling denkt nicht lange nach. Er sagt: „Ich will ein schönes Haus haben“. Und schwupp die wupp steht ein schönes Haus vor ihm. Dann sagt er: „Ich brauche natürlich auch ein schnelles, schickes Auto“. Auch dieser Wunsch wird sofort erfüllt. „Und was ist mit dem dritten Wunsch“, fragt ihn die gute Fee. Ja, sagt der Flüchtling, „ich will ein Deutscher werden, mich nicht mehr fremd fühlen“. Da verschwinden sowohl das Haus als auch das Auto; der Flüchtling schaut die gute Fee ganz erschrocken an: „wohin sind meine zwei Wünsche verschwunden?“. „Du willst ein Deutscher werden? Dann musst du dir das alles schwer erarbeiten, fang gleich an“, sagt die gute Fee ganz ruhig.

 

Gül heisst Rose

Anne Schmidt

Bekenntnis 3

Frau Schulz will Gül nicht bedrängen und wendet sich Nuren zu, die während des – automatisch gewordenen – Kämmens mit gesenktem Kopf Sätze vor sich hinmurmelt, wie: “Ich kann keine Nacht durchschlafen, weil mein Vater meine Mutter durch die Wohnung jagt.” Betty schaut verständnislos zu Nuren hoch. Es fällt Nuren schwer, weiterzusprechen. Die anderen Mädchen rücken geräuschlos näher. “Er will jede Nacht mit ihr schlafen, aber sie hat keinen Bock. Deshalb rennt sie vor ihm weg und er rennt hinterher.”

Frau Schulz steht vor dem Abwaschbecken, traut sich jedoch nicht, jetzt Lärm zu machen. Sie muss an ihren Urlaub in der Türkei denken, als nachts im Zimmer über ihr Stunden lang Möbel gerückt wurden und ein kindliches Wimmern zu hören war. Am nächsten Morgen  erfuhr sie, dass kein Kind Ursache der nächtlichen Ruhestörung gewesen war, sondern sich ein eheliches Drama abgespielt hatte. An der Rezeption sah sie eine junge, verschleierte Frau, die von einem ernsthaften jungen Mann ihren Pass gereicht bekam. Sie schienen auf Hochzeitsreise zu sein.

Nuren erzählt weiter: “Meine Mutter droht immer damit, sich umzubringen, wenn er sie nicht in Ruhe lässt. Einmal hat sie es auch versucht und ganz viele Schlaftabletten genommen. Mein Vater hat den Notarzt gerufen, als sie morgens nicht aufstehen wollte. Seitdem bewahrt mein Vater alle Medikamente an einem geheimen Ort auf.  Aber er hört nicht auf, meine Mutter zu bedrängen. Wenn er sie endlich ins Bett gezerrt hat, höre ich die Bettfdern quietschen, auch wenn ich mir die Decke über den Kopf ziehe.”

Frau Schulz kann es nicht fassen, dass die Fünfzehnjährige immer noch mit den Eltern in einem Zimmer schläft.

Nuren bricht in Tränen aus. Betty steht auf und nimmt sie in den Arm. Sie streichelt Nuren über das Haar und zieht sie auf ihren Schoß. Ihre blauen, inzwischen malerisch betonten Augen füllen sich wieder  mit Tränen. Jenny kann ihre Empörung nicht zurückhalten: “So ein Schwein. Das hätte ich nie von ihm gedacht, dass er so ein Schwein ist. Ich dachte immer, er sei total nett. Von unserem Küchenfenster aus kann ich quer rüber in Nurens Hof schauen und Nuren kann in unseren Hof schauen. Wenn ich im Hof bin und an meinem Fahrrad etwas reparieren muss, ruft er meistens rüber, ob er mir helfen kann. Letztens hat er mir die Kette wieder auf den Zahnkranz gelegt. Ich war froh, dass er mir geholfen hat, aber jetzt will ich keine Hilfe mehr von ihm.”  Jenny lässt geräuschvoll das Besteck ins Spülbecken knallen. Frau Schulz überlegt, ob sie Nurens Vater schon mal bei einer Elternversammlung gesehen hat. Sie erinnert sich schwach an einen kleinen rundlichen Mann mit Brille, der sich am ersten Elternsprechtag in der siebten Klasse nach den Noten seiner Tochter erkundigte und ihre Erfolge in der Grundschule pries. Nie wäre Frau Schulz auf die Idee gekommen, dass dieser kleine besorgte Mann ein Vergewaltiger ist und seiner Frau und Tochter jede Nacht die Hölle bereitete.

Jetzt kann sich Frau Schulz Nurens Müdigkeit und häufige Konzentrationsschwäche im Unterricht erklären.  Was kann sie als Lehrerin tun, wie kann sie Nuren helfen? Kann sie sich in fremde Eheprobleme einmischen? Sie steht vorm Spülbecken und überlegt krampfhaft.

Bekenntnis 4

Während Frau Schulz grübelt, hört sie hinter sich eine Stimme sagen: “Ein Glück, dass sich meine Mutter von meinem Vater getrennt hat, als ich noch ein Baby war.” Betty und Nuren heben ihre Köpfe, Gül steckt ihren Daumen wieder in den Mund. Marie merkt, dass alle, auch Jenny sie anschauen und fährt fort: “Meine Mutter hat mir erzählt, dass er mich missbraucht hat, als ich noch ein Baby war. Sie hat es sehr früh entdeckt und hat ihn sofort rausgeschmissen. Sie hat mich vom Arzt untersuchen lassen und der hat ihren Verdacht bestätigt. Ich weiss nicht genau, was sie noch getan hat, um sich möglichst schnell scheiden lassen zu können; das war alles noch in der DDR . Ich bin in Tangermünde geboren und mit meiner Mutter  in meinem ersten Lebensjahr nach Magdeburg gezogen.”

Marie sagt das alles so lakonisch, als berühre sie dieser frühkindliche Missbrauch wenig. Frau Schulz weiss, dass Maries Situation in ihrer gegenwärtigen Familie nicht einfach ist; nachdem sie Jahre lang mit der Mutter allein gelebt hat, muss sie sie jetzt mit einem neuen Vater und zwei kleinen Halbbrüdern teilen.

Aber Marie erzählt immer euphorisch von den Wochenenden im Garten am Rande des Flughafens Tempelhof.

Sie machen nie Urlaub in einer anderen Umgebung , weil dafür das Geld fehlt; zwar arbeitet die Mutter als Altenpflegerin, aber für einen Urlaub ausserhalb des Schrebergartens reicht der Verdienst der Eltern nicht aus.

Frau Schulz kennt Maries Mutter von den Elternabenden als resolute und optimistische Frau, die auf ihre Tochter stolz ist und trotz aller beruflichen Belastung die schulischen Aufgaben und Leistungen nie aus dem Blick verliert.

Wahrscheinlich hat Marie es ihr zu verdanken, dass sie keine traumatischen Gefühle zurück behalten hat.

Oder ist ihr Selbstbewusstsein nur Show?

Gül, Rose ohne Dornen

Anne Schmidt

Bekenntnis 1

Gül schaute nach Innen, so schien es. Sie lutschte am Daumen und wickelte eine Strähne ihres schwarzen Haares um den rechten Zeigefinger.  Sie war 15 Jahre alt, verhielt sich aber wie eine müde Fünfjährige.

Frau Schulz bemerkte dieses Verhalten nur am Rande ihres Blickfeldes, denn ihre Aufmerksamkeitwurde  von vier Mädchen beansprucht, die mit ihr in der Schulküche Spagetti gekocht hatten und gerade dabei waren, diese zu verzehren.

Anfangs hatten sie herum gealbert und Küchenutensilien kreisen lassen, aber Frau Schulzens Frage hatte  sie während der Mahlzeit verstummen lassen.

“Kennt Ihr Mädchen, die sexuell missbraucht worden sind und Hilfe brauchen?”, hatte Frau Schulz ohne jegliche Einleitung gefragt. Die vier schauten auf ihre Teller, nur Gül schien weiter vor sich hin zu träumen.

Jenny brach als Erste das Schweigen. “Ich kenne niemanden, aber mir wäre so etwas beinahe selber passiert.”

Zögernd erzählt sie, dass ein Kollege ihres Vaters sie vom Garten im Auto mitnehmen und zu Hause absetzen sollte.   Unterwegs habe er ihr komische Fragen gestellt und seine Hand auf ihren Oberschenkel gelegt.

Sie habe ihm seine intimen Fragen teilweise beantwortet und versucht, seine Hand wegzuschieben. Aber er habe gelacht und sie kindisch und naiv genannt. Als sie merkte, dass er in eine ruhige Parallelstr. zu ihrere eigenen fahren wollte, habe sie damit gedroht, aus dem Fenster zu schreien oder aus dem Auto zu springen.

Er habe weiterhin gelacht, sie eine Zicke genannt, sie aber am Friedhof aussteigen lassen.

Jenny fängt in Erinnerung an ihre Hilflosigkeit an zu weinen.
Das Schlimmste sei für sie aber gewesen, dass ihr Vater, als sie ihm das Erlebte schilderte, ärgerlich geworden sei.  Er habe gebrüllt, sie solle sich  nicht so anstellen, es sei doch gar nichts passiert.

Jenny schnieft noch ein bisschen und sagt trotzig: “Männer halten immer zusammen; sie sind halt Schweine.”

Bekenntnis 2

Betty umarmt Jenny und meint, sie könne gut verstehen, dass das Unverständnis des Vaters für Jenny sehr schmerzhaft gewesen sei.   Sie selber sei von ihrer Mutter angeschrien worden, als sie sich die Pulsadern aufgeschnitten habe. Alle starren Betty ungläubig an und Jenny hört auf zu schluchzen.

“Du wolltest dich umbringen? Warum?”

Alle stellen gleichzeitig diese stumme Frage, nur Jenny spricht sie laut aus. Betty zögert verschämt mit ihrer Antwort; sie schaut ziellos zu Tür, als sie flüstert: “Ich war für meine Eltern völlig unwichtig. Für sie gab es nur meinen Bruder; bei ihm war ein Tumor im Kopf festgestellt worden und er musste operiert werden. Als er wieder zu Hause war nach der Operation, wurde er von vorne bis hinten verhätschelt, besonders wenn er angeblich Kopfschmerzen hatte.  Ab und zu bekam er einen Tobsuchtsanfall und alle hatten Angst, er könne jemanden angreifen oder die Wohnung zertrümmern. Einmal hat er meine Mutter mit der Gabel bedroht, weil sie ihm kein Bier geben wollte. Keine Ahnung, ob er vorher schon mal Bier getrunken hatte, aber Alkohol ist für ihn absolut tabu, immer noch. Seit diesem Ausraster bekam er so ziemlich alles, was er wollte. Mich kommandierte er immer herum, als sei ich seine Sklavin.

Meine Eltern haben mich nie in Schutz genommen vor ihm. Sie haben mich entweder gar nicht beachtet oder auf mir herum gehackt. Mein Vater war tagsüber arbeiten und kam immer so müde nach Hause, dass er früh schlafen ging. Aber meine Mutter war tagsüber zu Hause, weil sie wegen Jens ihren Job an der Kasse vom Supermarkt aufgeben musste.  Sie ging am späten Abend hin zum Regale einräumen. Wenn ich von der Schule kam, passte sie mich immer schon an der Tür ab. Meistens war ich müde und hätte mich gern auf mein Bett geschmissen, aber sie hatte immer irgendwelche Arbeiten für mich. Putzen und Bügeln schaffte sie nicht, wenn sie kochen musste. Aber meistens hatte sie auch das nicht gemacht.  Ich kam mir vor wie der letzte Dreck.”

Betty fängt in Erinnerung an ihre häusliche Hölle an zu weinen. Jenny und Marie streichen ihr beruhigend über die Haare.

“Als mich mein Vater mit blutenden Armen nachts ins Krankenhaus bringen musste, schnauzte meine Mutter mich an. Du machst Papa nur Arbeit, du solltest dich schämen.”

Die Mädchen können ihrer Empörung nur Ausdruck verleihen, indem sie Bettys Mutter mit wüsten Schimpfworten belegen. Betty scheint das ein wenig zu beruhigen, denn sie hört auf zu weinen und schaut ihr Freundinnen dankbar an.  Nuren holt einen Kamm aus ihrer Tasche und beginnt Bettys strähniges Haar zu kämmen.

Jenny bringt Eyeliner und Wimperntusche und konturiert Bettys grüne Augen, die noch nie jemandem aufgefallen sind.

Gül schaut unsicher lächelnd der Verschönerung ihrer unscheinbaren Freundin zu und nimmt sogar den Daumen aus dem Mund. Marie fragt sie, ob ihr noch nie etwas Gemeines passiert sei.   Güls Gesicht, das vorher noch Erstaunen gezeigt hatt, verschließt sich und sie schüttelt ablehnend den Kopf. Sie dreht sich um und räumt die Teller vom Tisch.

Gül heisst in Wirklichkeit anders und war eine Schülerin von mir; alles, was ich geschrieben habe, ist authentisch und mir so von den Mädchen erzählt worden.
Fortsetzung nächsten Donnerstag

W namiotach na ulicy. Głodówka. / Hungerstreik in Warschau

Achtung: Bekanntmachung über Hungerstreik auf Deutsch – bitte nach unten scrollen

Monika Saczyńska

Miasteczko

Drodzy, jestem winna – a dług ten spłacam z przyjemnością – relację z mojej dzisiejszej wizyty w namiotach KOD PP pod Urzędem Rady Ministrów w Alejach Ujazdowskich w Warszawie. Przekazałam Wasze prezenty i słowa podziękowania i uszanowania oraz płynące od Was – Polaków z zagranicy – wsparcie. Rozmawiałam dłuższą chwilę z Andrzejem i Dagmarą.

Z jednej strony duży podziw dla odwagi i determinacji, z drugiej zwykły ludzki strach o tych ludzi. Kobiety podobno są emocjonalne. Ja się o nich martwię. Wrażenie ogólne jednak na plus. Andrzej jest osobą zdeterminowaną ale wyważoną. Jest nastawiony na długą głodówkę i na powolny efekt swych działań. Omawia strategie i posunięcia z Jackiem Parolem, który jest odpowiedzialny za logistykę zewnętrzną. Dagmara jest bardziej bojowa i bardziej niecierpliwa. Ot inna natura. Myślę, że dobrze się uzupełniają.

Jest spokojnie. Policja czuwa. „Prawdziwi Polacy” ich nie niepokoją. Mają w miarę zorganizowane warunki bytowe (ogrzewanie, ocieplenie namiotów, śpiwory itp). Osobom towarzyszącym też  stworzono względne warunki. Przychodzą ludzie i ich wspierają (także różnej natury pomocą). To oczywiście nie oznacza, że nie potrzebują dalej pomocy i wsparcia (chociażby agregat potrzebuje paliwa itp.)
Protestującym – tak jak mi mówili – chodzi o poruszenie opinii publicznej. O to, żeby zwrócić uwagę, że spór o TK, to nie są jakieś tam zagrywki prawników, które szarego człowieka niezbyt dotyczą. I tu mają rację. Ten spór jest bardzo ważny dla każdego z nas i każdego z nas dotyczy. My to wiemy, ale jesteśmy w mniejszości. Głodówka wprowadza w całą sytuację element emocji – różnych emocji: podziw, poparcie, strach i obawa, zaniepokojenie, irytacja, sprzeciw itp. itd. Te wszystkie emocje tworzą inną atmosferę wokół sporu prawnego, który jest wszak sporem o fundamenty prawa. Spór ze sfery polityki, prawa, kazusów, reguł i przepisów przenosi się do sfery osobistych odczuć. O ile obok spierających się prawników łatwo przejść obojętnie (choćby o przyszłość tego państwa się spierali), o tyle obok głodujących ludzi trudniej przejść obojętnie. A zauważywszy dramatyczny protest jednostek, ludzie zaczną zastanawiać się nad przyczyną tak desperackiego kroku. Poruszenie opinii publicznej – to jest cel protestujących. No i zmuszenie rządu do przestrzegania prawa, choć w tej materii oni sami mają wątpliwości (zwłaszcza Dagmara). Myślę, że ogromnie istotne jest, abyśmy przekazywali informację o tym co się dzieje w Warszawie – o głodówce. Właśnie informację, nawet bez zajmowania własnego stanowiska. Czystą informacja do mediów, do znajomych, do wszystkich. I to możemy robić. I to możemy świetnie robić jako Polacy mieszkający za granicą.

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PROTEST-HUNGERSTREIK VOR DEM GEBÄUDE DES MINISTERRATES IN WARSCHAU

BEKANNTMACHUNG:

Im Akt der öffentlichen Bekundung zum Schutze der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Respektierung von grundlegenden Prinzipien eines demokratischen Staates treten wir in einen unbefristeten Protest-Hungerstreik, und verlangen:

  1. eine umgehende, zeitnahe Veröffentlichung durch die jetzige Regierung, des Urteils des Verfassungsgerichts in Warschau, vom 09. März 2016,
  1. eine offizielle Einberufung (Vereidigung) durch den Staatspräsidenten der RP, Andrzej Duda, der drei VG-Richter, die in voriger Regierungskadenz durch das Parlament gewählt wurden,
  1. Eine sofortige Einstellung von Gebrauch der hasserfüllten Sprache, die durch die Regierung propagiert wird. Wir sind gegen Destruktion, gegen Vernichtung der Grundrechte der Demokratie in Polen, gegen das offensichtliche Bestreben der Regierenden, eine Politik der autoritären Diktatur zu situieren, gegen ihre der europäischen Zusammenarbeit im Rahmen der EU drohende Aktivitäten. Stattdessen bieten wir an, einen Weg der Mediation, der Konfliktbearbeitung, in dem alle Konfliktpartner und Vertreter der politischen Mächte, die der katholischen Kirche sowie der Europäischer Union teil nehmen können, um die entstandene Krise aufzulösen. Angesichts der gesellschaftlich vorhandenen politischen und kulturgesellschaftlichen Probleme, bitten wir die polnischen Bischöfe um eine weise Mediation sowie um die Einhaltung der politischen Neutralität, bzw. der Allparteilichkeit.Wir rufen alle Menschen des Guten Willens zur moralischen, medialen sowie einer materiellen / finanziellen Unterstützung unseres Protests!GEMEINSAM beschützen wir die Demokratie!

– Dagmara Chraplewska-Kołcz und Andrzej Miszk –

list wspierajacy glodujacych

 

Trappen czyli dropy

Ewa Maria Slaska

Achtung, der Text wurde w języku słubfurckim geschrieben. Zrozumiały w pełni tylko dla tych, die sowohl Deutsch als auch Polnisch sprechen.

Dla Brigitte von Ungern-Sternberg

Trappengang czyli w poszukiwaniu dropów

Wir Polen kennen das Wort, vielleicht wissen wir aber nicht mehr, woher. Po polsku mamy słowo dropiaty czyli w kropki. Nie jestem pewna, ale wydaje mi się, że najpierw były trapy czyli dropy, a od nich powstało słowo: dropiaty czyli kropkowany. Vor allem Pferde waren “dropiate”.

Wie gesagt, ich denke mir, dass das Wort aus dem deutschen Namen von Trappen kommt. Drop zwyczajny, drop, drop wielki (Otis tarda) – gatunek dużego ptaka, jedyny przedstawiciel rodzaju Otis. Die Großtrappe (Otis tarda) ist ein Vogel aus der Familie der Trappen (Otididae). In Polen gibt es sie praktisch nicht mehr. W Polsce praktycznie już ich nie ma. Czasem “zalatują”. In Deutschland leben sie an der Havel, in drei Dörfer, insgesamt ca. 220 Familien.

Trapy są w plamki czyli dropiate.

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Na, also. Wir wollten sie sehen und am ersten Frühlingstag unternahmen wir eine Trappenwanderung. Trappen haben wir zwar nicht gesehen (sie waren “gestern” da), den Frühling aber schon. Tym razem nie zobaczyliśmy dropi, podobno trzeba pojechać do wioski Buckow po 10 kwietnia, wyjść za wioskę, dojść do wieży obserwacyjnej.

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Sie sind big, the biggest birds in Europe. Imposant! Sfotografowaliśmy jedynie obrazki w wiosce i w stacji naukowej. Christine schrieb darüber: Der uns dort gegebene Vortrag über die Großtrappen war ein Geschenk, so voller Humor und Sachkenntnis. Wir waren alle entzückt. Doch danach war gar keine Zeit mehr, den Beobachtungsturm anzusteuern und weil ja auch das Wetter so balzunfreundlich war, haben wir also die großen Vögel nicht mehr live sehen können.

dropy-trappen (z)dropy-trappen (y)Dropy wiegen bis zu 18 Kilo, leben bis zu 20 Jahre, Weibchen und Männchen getrennt. Spotykają się tylko w okresie godowym. Właśnie pod tą wieżą za wioską Buckow. Zusammen kann man sie nur im April sehen. Da balzen sie. Bitte nach 10. April beim Sonnenaufgang (na gut, auch beim Sonnenuntergang) in Buckow (Nennhausen) kommen.

Im Dorf Buckow. Frühling. Wiosna.

dropy-trappen (e)

dropy-trappen (k)  dropy-trappen (i) dropy-trappen (h)W wiosce jest kościół. Die Kirche in Buckow ist als offene Kirche angesagt. Am Palmsonntag war sie jedoch zu.

dropy-trappen (j)

dropy-trappen (f)  dropy-trappen (d) dropy-trappen (c)

Picknick auf der Bushaltestelle. Jedliśmy sałatkę ziemniaczaną i szarlotkę. Jako miejsce piknikowe posłużył nam przystanek autobusowy.

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Wir besuchten die Vogelstation in Buckow und wanderten beim Sonnenuntergang zurück.

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Powrót do stacji kolejowej Nennhausen o zachodzie słońca. / Zurück nach Nennhausen. Direkt in die Sonne.

dropy-trappen (zachod01)dropy-trappen (zachod02)dropy-trappen (zachod1)

To było bardzo piękne powitanie wiosny i piękna Niedziela Palmowa. Na zdjęciu pióro dropa, zebrane po drodze bazie i kupiona za “co łaska” książka z likwidowanego właśnie księgozbioru stacji naukowej w Buckow.

dropy-trappen (zbiory2)

Fotos: Christine, Martin, Johanna & ich/ja. Der Mickiewicz ist auf Deutsch :-), herausgegeben 1956…

Im Stil von Frank O’Hara (2)

Ewa Maria Slaska

Rapport von einer Reise

Ich kam aus dem Land der Poeten und Propheten

Eines Tages kam ich nach Berlin
Hierher
Es war Januar
Es war kalt
Mein Sohn war klein
Und ich war jung

Eines Tages kam ich nach Berlin
Hierher
ins Land der Dichter und Denker
ins Land von Hermann Hesse und Thomas Mann

Es war das Jahr 1985
Die die in diesem Jahr kamen
waren keine Helden
mehr
Und keine „liebe polnische Gäste“
mehr

Es war das Jahr 1985
Die die in diesem Jahr kamen
waren keine Europäer
noch
und keine Bereicherung unserer Multikultur
noch

Sie waren
Sie waren
Sie waren Putzfrauen und Bauarbeiter
Sie waren
Ich auch

Ich kam ins Land das
von den Dichter und Denker
nichts wusste
mehr
und von Richter und Henker
nicht wissen wollte
noch

Ich kam ins Land
wo keiner mehr Hesse und Mann las
weil man nur Frauen las
die schrieben
Mary Daly Julia Kristeva Susan Sonntag

Und natürlich Alice Schwarzer
noch

Es war kalt
der Winter was coming
and coming

Ich brauchte etwas warmes
und ich wusste nicht
was

Ich dachte es wäre Essen
Pfannkuchen
Krapfen
Blini

Ich dachte mir fehlen
Waffeln
Nuddeln
und Piroggi

Meine Welt war ein kalter Punkt
von Italo Calvino

Wir waren alle Bewohner des Null-Raums. Es war kalt.

Selbstverständlich befanden wir uns alle dort, sagte der alte Qfwfq – wo den sonst? Dass es einem Raum geben könne, wusste noch keiner. Ebensowenig eine Zeit. What use did we have for time, packed in there like sardines? Es war ein Punkt, in dem sie alle waren und alle ihre Dingen, und Sachen, und Taten. Wir fühlten alle diesen Punkt aus. Alle unsere polnischen Ellbogen und Knie.

Und dann sagte Frau Ph(i)Nkos mit einemmal: Kinder, wenn ich ein bisschen Raum hätte, wie gern würde ich euch Nudel machen. Und in dem Augenblick dachten wir alle an dem Raum, den ihre runden Arme einnehmen würden, sich vorwärts und rückwärts mit dem Nudelholz über den Teig beugend, wie ihre Brust (ich war jung) sich über den Haufen Mehl und Eier senken würd, der das große Nudelbrett fühlte, während ihre Arme kneteten…

Und so ist die Welt entstanden. Felder zum Anbau des Getreides, Berge von denen das Wasser käme, Raum, der nötig wäre, damit die Sonne mit ihren Strahlen hinkäme, Raum damit die Sonne sich kondensiere… Die Sonne, um mich zu wärmen.

Und so kam ich in die Regenbogenfabrik
Wo ich Blini briet
Salate mischte
Nudel mit Nudelholz
vorwärts und rückwärts
walzte

So ist der Raum entstanden

Wo eine Frau mich in die Regenbogenfabrik holte

Vor 20 Jahren war es
oder gar 30
Und so war es
auch wenn sie behauptet
es waren höchstens 12 Jahre
oder sagen wir Mal
17

Und wir kochten
Und aßen
Und badeten
Und lasen Bücher
Und redeten oder schwiegen
Und machten
Und organisierten
Vorwärts und rückwärts
Vorwärts und rückwärts
Vorwärts und rückwärts

Die Zeit wuchs
und sich dehnte
und dehnte
Mit Puderzucker
bestreut

Sie war und ist
meine einzige dicke wahre warme deutsche Freundin
deutsch-polnisch
Wie Maultaschen und Piroggi
Wie Karpfen und Pączki
Wie deutsch-polnische Waffeln

Und eisgekühlte wyborowa

Danke Christine!

waflwRF

PS.

Dieses Gedicht trug ich am 17. März 2016 in der Regenbogenfabrik vor und dabei machte ich (live auf der Bühne) die Waffeln, natürlich mit Puderzucker bestreut. Es war ein Teil eines wunderschönen Abends zum 35sten Geburtstag von der Regenbogenfabrik und zugleich ein Teil des Festivals “Berlin erzählt!”

Werbung:

Wir stehen (zeitlang mindestens) auf der RBF-Kulturwebseite mit dem Link: http://www.regenbogenfabrik.de/kultur-news-anzeigen/aufbrechen-ankommen-weitersuchen.html

Hier ist der Link zum Erzählnetzwerk Berlin, dessen Festival “Berlin erzählt!” unser Programm umrahmt: http://www.berlin-erzaehlt.de/2016_veranstaltungen.htm

128 (Reblog)

Für Dorota Kot mit dem Dank für ihr Geschenk zum Frauentag 🙂

coverfrauen128128 ist das Magazin der Berliner Philharmoniker, entsprechend der Anzahl der Musiker des Orchesters. Das Magazin widmet sich aktuellen Debatten aus der Welt der Klassik, berichtet über die Berliner Philharmoniker und bespricht kulturelle Themen über den philharmonischen Kosmos hinaus. Es erscheint 4-mal pro Jahr in der Auflage von 15.000 Exemplaren.

Die Nr. 1 im Jahre 2015 wurde den Frauen in der Klassik gewidmet, Sängerinnen, Komponistinnen, aber auch Musikjournalistinnen. Eine von ihnen, Eleonore Büning, schrieb einen Text, der mich heute, ein Jahr später, als ich ihn gelesen hat, sehr stark getroffen hat. Online habe ich ihn nicht gefunden, ich fotografiere also, lasse durch OCR laufen und korrigiere. Eine Arbeit, sage ich Euch.

bueningbeethoven winietaES IST SCHON EIN PAAR JAHRE HER. Bei einem  Beethoven-Symposion an der amerikanischen Ostküste lernte ich einen Armvoll neuer, verrückter Theorien kennen, die Musik betreffend, die ich liebe. Damals war der Begriff Genderstudies in Deutschland noch nicht in  Gebrauch, aber in der Neuen Welt hatte Susan McClarys  Buch ››Feminine Endings‹‹ längst Furore gemacht und  eine Fülle an weiteren Grundlagenforschungen zum Sexismus in der Musik nach sich gezogen. Nur für die Praxis  war dies vorerst noch folgenlos. Nach wie vor wurde das  New York Philharmonic von einem kurzen, rundlichen  und – streng gendermäßig sowie unter Vermarktungsgesichtspunkten doch eher unauffälligen – männlichen Dirigentenexemplar angeleitet; wohingegen die Person,  die den Solopart des Beethovenschen Klavierkonzertes am Flügel bestritt, wie so oft weiblich, gertenschlank, höchst  attraktiv und in Glitzerstoff verpackt war. Auch hierzulande  gab es vorerst nur zwei weibliche Dirigenten,  also etwa 0,1 Prozent, die es geschafft hatten, ein eigenes Orchester zu leiten. Sie hießen Pfund und Mounk. In Boston sagte man mir, Beethoven sei schuld an dieser beklagenswerten Quote.
Ein male chauvinist par excellence, habe Beethoven  eine virile Instrumentalmusik geschaffen, die, postum  weltweit durchgesetzt und zu einem Leitbild für andere  Komponisten, ja, zur Alphatier-Musikform eines neuen  Klassikzeitalters geworden, Ausdruck eben dessen sei:  frauenfeindlich. Die Durchführung des ersten Satzes der  Neunten wurde analysiert als die gewalttätigste Episode der Musikgeschichte überhaupt. In der Struktur der

Sonatenhauptsatzform, wie sie den meisten ersten Symphoniesätzen seit Beethoven zugrunde liegt, mit ihrem männlichen und weiblichen Thema, erkannte man den Reflex der hierarchischen Denkformen einer männlich dominierten alten Welt, welche demnächst dem Untergang geweiht sei. Und sogar die hehre Idee der absoluten Musik entpuppte sich, mit ihrer philosophisch unterfütterten Meinungsherrschaft, als ein verkapptes Unterdrückungsinstrument.
Natürlich konnte ich, nachdem ich zurückgekehrt war, Beethovens Neunte oder auch Schumanns Vierte nicht mit anderen Ohren hören als zuvor. Ich sah auch nicht plötzlich weniger Musikerinnen in den großen Symphonieorchestern herumsitzen, es wurden, im Gegenteil, nach und nach immer mehr. Hier hatten administrative Gleichstellungsmaßnahmen offenbar teilweise Erfolg. Es gibt mittlerweile Orchester, bei denen Probespiele hinter einem Vorhang stattfinden, womit die Fragen, ob Frauen emotionaler phrasieren oder Männer sich von Geigerinnendekolletés ablenken lassen, ebenso obsolet geworden sind wie die, ob ein Kontrabassist den Betriebsablauf stört, wenn er seine Tage hat. Geschlechtszugehörigkeit ist kein relevantes Kriterium mehr für die (Nicht-)Einstellung. Für die Beförderung aber mitunter doch noch.
Auch di Zahl der Dirigentinnen hat sich seither vervielfacht, in der laufenden Opernsaison haben zum Beispiel gerade drei neue junge Generalmusikdirektorinnen im deutschsprachigen Raum ihre Arbeit aufgenommen. Trotzdem ist die Quote hier immer noch mies. Was Führungspositionen anbelangt, hinkt der Musikbetrieb anderen Kulturbereichen mit kreativem Personal hinterdrein. Es gibt ganz selbstverständlich erfolgreiche Museumsdirektorinnen, Intendantinnen, Pilotinnen, Regisseurinnen. Wir haben eine Kanzlerin. Eine Verteidigungsministerin. Aber eine Wunschkandidatin für die Rattle-Nachfolge? Die ist so was von nicht in Sicht, dass ich mich selbst ein bisschen auslachen muss in dem Moment, da mir der Gedanke kommt und ich ihn aufschreibe.

Nur, was kann Beethoven dafür? So durchgeknallt, wie mir diese Frage einst vorkam, ist sie vielleicht doch nicht. Einerseits wird der Kanon des Orchester-Repertoires, dieser großartige erfolgreiche Fortsetzungsroman der Symphonie, von Überwältigungsmetaphern und antagonistischen Prinzipen geradezu durchwuchert. Überall tummeln sich Helden. Fast alle groß besetzten, öffentlichen Instrumentalmusiken des 19. und 20. Jahrhunderts berichten von Märschen, Kämpfen, Opfern, Krieg und Sieg, Überwindung und Apotheose, das reicht von Beethoven über Mahler bis Schostakowitsch. Gewiss ist das genuin kein Genderproblem, eher ein wie auch immer gebrochener Spiegel der realen Zeitläufte, und betroffen sind von solchen politischen und sozialen Erschütterungen Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen. Allerdings werden Kriege nicht von den Krankenschwestern geführt, sondern von Generälen. Auch in diesem gesellschaftlichen Bereich ist Gleichberechtigung noch lange keine Selbstverständlichkeit.
Dagegen herrscht sie in der Vokalmusik zu fast hundert Prozent, zumal in der Gattung Oper schon seit über vierhundert Jahren (oder, enger gerechnet, wenigstens seit die letzten Kastraten, immerhin auch eine Art Mann, haben abtreten müssen). Madrigalkomponistinnen reüssierten in der Renaissance. Operndiven regierten die Barockoper, und sie gaben diese Führungsrolle auch nicht auf in der französischen Revolutionsoper, in der Grand Opéra, im Belcanto, bei Rossini, Donizetti, Verdi und Wagner, wo die stärkste Figur, die am Ende fackelschwingend übrig bleibt, Brünnhilde heißt, nicht Siegfried.
Dieser Siegfried ist ein Kindskopf, Wotan impotent. Von der Oper lernen, heißt siegen lernen. Möglicherweise war es also doch kein Zufall, dass ausgerechnet Beethoven, der Held der absoluten Instrumentalmusik, nur ein einziges Werk zu dieser zukunftsträchtigen Gattung hat beisteuern können, und das auch noch unter heftigen Wehenschmerzen. Doch drückte er dabei, und das war gut so, der Frau die Pistole in die Hand.