Monika Wrzosek-Müller
Manifesto
Es fing damit an, dass mein Sohn über Cate Blanchett die Nase rümpfte. Das fand ich ungeheuerlich, denn für mich präsentierte sie sich in allen Filmen wunderbar. Ja eben, würde er sagen, zu wunderbar, zu wunderschön; für ihn verkörperte sie eine unnahbare, unumgängliche, langweilige Dame, immer eigentlich die gleiche; er warf mir vor, dass ich insgeheim wahrscheinlich auch davon träumte, so wie sie zu sein. Natürlich musste ich lachen, denn meine reality war weit von ihrer entfernt, doch vielleicht hatte er etwas Recht.
Desto mehr freute ich mich, als ich auf die Beschreibung der Ausstellung von Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof stieß. Schon der Künstler versprach interessante Videoinstallationen, ich kannte seine Werke von Aufführungen in der Schaubühne. Auch wenn sie mich damals etwas genervt haben, denn ich teile die geteilte Aufmerksamkeit nicht und fühlte mich dann meistens von dem Hintergrund und der eigentlichen Handlung überfordert, doch es war eine Herausforderung für den Zuschauer und als solche nahm ich sie hin. Doch hier versprachen die Videoinstallationen im Vordergrund zu stehen und sie wurden von Cate Blanchett gespielt, die ich doch so faszinierend fand.
Ich ging also in die Ausstellung und verbrachte dort drei Stunden vor den Bildschirmen.
Eines Abends fand ich dann auf YouTube eine Diskussion über ein in Polen sehr heftig diskutiertes Buch „Świat sie chwieje“ [Die Welt wackelt], eine Sammlung von 20 Gesprächen, die Grzegorz Sroczyński, ein Journalist der Gazeta Wyborcza geführt hat. Es äußerten sich Historiker, Philosophen, Soziologen, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, die in Polen mehr oder weniger bekannt sind. Sie alle wurden nach dem Grund gefragt, warum wir das Gefühl hätten, dass „die Welt wackelt“ und dass wir mit dem, was passiert, nicht zurechtkommen. Nach Finanz-, Flüchtlings-, Moral-, Politik-, Religions- und Europakrisen, mit der Globalisierung und der rasanten Entwicklung der Medien, fühlen sich die meisten Menschen überfordert, auch wenn Krisen oft eine Möglichkeit des Aufbruchs und Neuanfangs bedeuten. Ein Rezept verspricht das Buch natürlich nicht, aber es nimmt all diese Erscheinungen unter die Lupe, die uns den Boden unter den Füßen wackeln lassen, bespricht sie und versucht, sie und die dahinter stehenden Mechanismen etwas verständlich zu machen.
Warum schreibe ich über das Buch im Zusammenhang mit der Ausstellung Manifesto? Obgleich sie diesen Titel trägt, verneint sie meiner Meinung nach all die Manifeste der Vergangenheit: von Dada, Futurismus, Expressionismus, Kreationismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Surrealismus und all der anderen -ismen. Sie werden als Mantra vorgetragen, immer im gleichen Moment, gleichzeitig alle monoton und eintönig, ihre Inhalte eher nebensächlich, umso wichtiger, was auf dem Bildschirm passiert und wie die Personen, Landschaften, Innenräume, Außenräume dargestellt werden. Die alten Manifeste haben sich überlebt, neue sind nicht entstanden; wir haben alles da, alles ist möglich und erreichbar, im Hier und Jetzt und doch gibt es keinen Protest und keinen Aufschrei, denn wir kennen sie alle, die Formen des Protestes, es hat sich vieles, „alles?“ überlebt. Die Welt wackelt, auch die der Kunst.
Dabei, Hochachtung, chapeau bas vor der Schauspielerin, die all diese Individuen verkörpert, in all diese Rollen schlüpft: in einen Obdachlosen, eine Börsenmaklerin, eine Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, wo sie lauter sinnlose Tätigkeit ausführt (die aber vielleicht in der globalisierten Welt einen Sinn haben). Sie ist genauso überzeugend als Lehrerin, die den Kindern Aufgaben stellt, an die sie sich nicht halten sollen, Nachrichtensprecherin, bei der die Nachricht überhaupt nicht wichtig ist, eine Choreografin, eine tätowierte Punkerin, die am Ende einer Party in dem verwüsteten Räumen um sich schlägt, sie spielt genauso überzeugend eine konservative Mutter in ihrer Familie wie eine Trauerrednerin bei einem Begräbnis. Besonders ist der Moment, in dem sie als Puppenspielerin und -bauerin mit einer sie selbst darstellenden Puppe spielt. Sie trägt die Texte auch in unterschiedlichen Sprechweisen vor, mit amerikanischem, englischem oder auch schottischem Akzent, auch mit dem Akzent einer russischen Tanzchoreographin. All diese kurzen Szenen, Filme, Epiloge haben etwas Beiläufiges und dann doch sehr Exaktes an sich. Der Künstler will kein Manifest aufstellen, entstehen lassen, und doch ist sein Werk ein Versuch die Welt in Szenen, die künstlich arrangiert sind, real darzustellen und sie zu einem Puzzel zu machen von Ausschnitten aus einer versteinerten und doch irgendwo auch lebendigen Welt, die auch hier wackelt, weil nicht ganz klar ist: Verneigt sich der Künstler vor diesen Kunstrichtungen oder verabschiedet er sich von ihnen?
Vielleicht spürte die Schauspielerin, Cate Blanchett, dass sie aus ihrer Rolle der dekadenten Dame ausbrechen sollte und dass sie so verschiedene Typen und Charaktere darstellen kann, dass sie sich dieses Können beweisen wollte. Es ist alles andere als einfach, für ein paar Stunden in Berlin ständig eine andere Person zu inkarnieren, bis zu vier Stunden in der Maske zu sitzen, sich mit einer Perfektion, Intensität und Aufmerksamkeit in jeder Szene auf jeweils neue Situationen zu konzentrieren; für mich schwebt aber doch über all den Szenen ein Hauch der Dekadenz, der sie und mit ihr ihre Umgebung nicht loslassen will. Das finde ich wunderbar und es soll sie nicht loslassen; es ist mit der Schönheit und Sehnsucht danach verknüpft und verbunden, und es wird immer so bleiben.
Ich höre fast schon den Aufschrei: und all die wichtigen Manifeste von all den wichtigen Personen, nicht umsonst gestaltet der Künstler die Szenen so und nicht anders. Den Vorwurf will ich so stehen lassen, für mich waren sie eben nebensächlich und ich konzentrierte mich auf die Bilder, die vor meinen Augen abliefen.
Auf jeden Fall ist die Ausstellung Wert gesehen zu werden, sich konzentriert auf die Szenen einzulassen und die Perfektion der Schauspielkunst zu erleben und zu bewundern.
Manifesto ist bis Juli im Hamburger Bahnhof zu sehen.



Am nächsten Tag beim Frühstück erfahren wir, wie die Meldung lautet, die die Polizei über den gestrigen Vorfall bei der Kreiszentrale vorgelegt hat (Löcknitz ist eine Gemeinde, Kreisstadt ist Greifswald mit Außenstellen in Passewalk und Anklam) – „großer Polizeiansatz“. Am nächsten Tag gab es schon Berichte in der lokalen Presse – „Nordkurier”, „Passewalker Zeitung” und andere. Die Journalisten schreiben von vielen Neonazis, viel mehr, denke ich mir, als wir sie gesehen haben: „die Situation war bedrohlich, richtig bedrohlich!” und „Nazis stören massiv Infoveranstaltung in Löcknitz“. Es geht weiter und höher. Es sind immer mehr Neonazis gewesen, mehr Bedrohung… Bald sind wir schon bei der “Deutschen Welle” und “Gazeta Wyborcza”. Und bei jeder lokalen Webseite.



Wir Polen kennen das Wort, vielleicht wissen wir aber nicht mehr, woher. Po polsku mamy słowo dropiaty czyli w kropki. Nie jestem pewna, ale wydaje mi się, że najpierw były trapy czyli dropy, a od nich powstało słowo: dropiaty czyli kropkowany. Vor allem Pferde waren “dropiate”


Dropy wiegen bis zu 18 Kilo, leben bis zu 20 Jahre, Weibchen und Männchen getrennt. Spotykają się tylko w okresie godowym. Właśnie pod tą wieżą za wioską Buckow. Zusammen kann man sie nur im April sehen. Da balzen sie. Bitte nach 10. April beim Sonnenaufgang (na gut, auch beim Sonnenuntergang) in Buckow (Nennhausen) kommen.
W wiosce jest kościół. Die Kirche in Buckow ist als offene Kirche angesagt. Am Palmsonntag war sie jedoch zu.








128 ist das Magazin der Berliner Philharmoniker, entsprechend der Anzahl der Musiker des Orchesters. Das Magazin widmet sich aktuellen Debatten aus der Welt der Klassik, berichtet über die Berliner Philharmoniker und bespricht kulturelle Themen über den philharmonischen Kosmos hinaus. Es erscheint 4-mal pro Jahr in der Auflage von 15.000 Exemplaren.
ES IST SCHON EIN PAAR JAHRE HER. Bei einem Beethoven-Symposion an der amerikanischen Ostküste lernte ich einen Armvoll neuer, verrückter Theorien kennen, die Musik betreffend, die ich liebe. Damals war der Begriff Genderstudies in Deutschland noch nicht in Gebrauch, aber in der Neuen Welt hatte Susan McClarys Buch ››Feminine Endings‹‹ längst Furore gemacht und eine Fülle an weiteren Grundlagenforschungen zum Sexismus in der Musik nach sich gezogen. Nur für die Praxis war dies vorerst noch folgenlos. Nach wie vor wurde das New York Philharmonic von einem kurzen, rundlichen und – streng gendermäßig sowie unter Vermarktungsgesichtspunkten doch eher unauffälligen – männlichen Dirigentenexemplar angeleitet; wohingegen die Person, die den Solopart des Beethovenschen Klavierkonzertes am Flügel bestritt, wie so oft weiblich, gertenschlank, höchst attraktiv und in Glitzerstoff verpackt war. Auch hierzulande gab es vorerst nur zwei weibliche Dirigenten, also etwa 0,1 Prozent, die es geschafft hatten, ein eigenes Orchester zu leiten. Sie hießen Pfund und Mounk. In Boston sagte man mir, Beethoven sei schuld an dieser beklagenswerten Quote.