

Wäre es nicht angemessen, wenn der Deutsche Bundestag am 1. September eine Gedenkstunde abhalten würde – aus Anlass des Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen, mit dem Deutschland 1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselt hat? Ein solcher Akt könnte in Deutschland das Bewusstsein für die Verbrechen schärfen, die Deutsche zwischen 1939 und 1944 an Polen begangen…
Ja, meine liebe Leserinnen und Leser, soviel kann man on-line lesen, ohne dem Tagesspiegel zahlen zu müssen. Hier der ganze Text:
Michael G. Müller
Gedenken an den 1. September 1939?
Wäre es nicht angemessen, wenn der Deutsche Bundestag am 1. September eine Gedenkstunde abhalten würde – aus Anlass des Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen, mit dem Deutschland1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselt hat? Ein solcher Akt könnte in Deutschland das Bewusstsein für die Verbrechen schärfen, die Deutsche zwischen 1939 und 1944 an Polen begangen haben. Die deutsche Gesellschaft erinnern an die weit über drei Millionen Polinnen und Polen, die als Opfer des deutschen Besatzungsterrors gegen die Zivilbevölkerung, der Bekämpfung des polnischen Widerstands oder der Versklavung durch Zwangsarbeit ums Leben kamen. Gleichzeitig wäre das ein heute wichtiges Signal in Richtung unserer polnischen Nachbarn. Eine Botschaft, dass Deutschland seine historische Verantwortung gegenüber Polen ernst nimmt, ein Beitrag zur Wiederherstellung des gegenseitigen Vertrauens, das in den letzten Jahren massiv erodiert ist.
Diese Gedanken hat eine Gruppe von deutschen WissenschaftlerInnen, die intensiv mit Polen und den deutsch-polnischen Beziehungen befasst sind, unlängst der Präsidentin des Deutschen Bundestags in einem Brief dargelegt. Die VerfasserInnen teilen die Sorge, die der polnische Parlamentspräsident (Sejm-Marschall) Włodzimierz Czarzasty bei seinem Berlin-Besuch im vergangenen Dezember artikuliert hat: Die Enttäuschung und Resignation über Deutschlands Umgang mit den Gräueln des Zweiten Weltkriegs, so Czarzasty, ist inzwischen in der Mitte der polnischen Gesellschaft angekommen. Nicht nur die politische Rechte, sondern auch das liberale Polen hat den Glauben an Deutschlands Willen zu einem ehrlichen Vergangenheitsdialog verloren. Dadurch werden nicht nur Beziehungen zwischen den beiden Nachbarn vergiftet. Vielmehr gerät auch das Fundament für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit beider Staaten in Europa in Gefahr. Deshalb die Anregung, der Deutsche Bundestag möge mit einer Gedenkstunde zum 1. September ein positives Zeichen der Dialogbereitschaft setzen.
Bundestagspräsidentin Klöckner reagierte darauf verhalten bis ablehnend. In Ihrem Antwortschreiben bekennt sie sich zwar grundsätzlich zur historischen Schuld Deutschlands gegenüber Polen und zu der daraus erwachsenden Verantwortung, die deutschen Verbrechen angemessen aufzuarbeiten. Doch sieht sie hier derzeit keinen zusätzlichen Handlungsbedarf von deutscher Seite. Dafür hat sie zwei Argumente. Zum einen: Die Besorgnisse der Briefschreiber in Bezug auf das gegenwärtige Verhältnis zwischen Polen und Deutschen seien unbegründet. Bundestag und Bundesregierung hielten bei der Politik der Verständigung und Versöhnung mit Polen klaren Kurs, in der Tradition der Versöhnungspolitik Willy Brandts und Helmut Kohls. Die gegenwärtigen politischen Beziehungen seien eng und vertrauensvoll, auch im Hinblick auf den Erinnerungsdialog. Davon zeuge nicht zuletzt die dichte Kommunikation zwischen den Parlamentspräsidenten beider Länder. Zum andern gedenke der Deutsche Bundestag ohnehin regelmäßig aller Opfer deutscher Gewalt im Zweiten Weltkrieg, also auch der polnischen – nämlich mit der „Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus“, welche der Bundestag jährlich am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, begeht.
Was macht die deutsche Seite falsch? Abwegig wäre natürlich, den Deutschen, auch dem politischen Deutschland, die Bereitschaft zum Erinnern grundsätzlich abzusprechen. Die vielfältigen öffentlichen Bekenntnisse zur deutschen Schuld gegenüber Polen bei politischen und kulturellen Anlässen sind eindeutig. Deutsch-polnischen Stiftungen, Institutionen und wissenschaftlichen Projekte, die sich mit den wechselseitigen Beziehungen und deren Geschichte beschäftigen, werden mit beträchtlichen Summen gefördert.
Wahr ist aber auch: Im Vergleich zu anderen Schwerpunkten der deutschen Erinnerungspolitik nimmt die Vergegenwärtigung der deutschen Verbrechen an Polen nicht annähernd den Raum ein, der ihr gebührt. Von dem Defizit an Wahrnehmung zeugt, dass es in der Bundeshauptstadt Berlin bis heute noch keinen würdigen Ort des Gedenkens an die Millionen polnischer Opfer deutscher Gewalt im Zweiten Weltkrieg gibt – weder einen physischen Ort noch einen symbolischen Ort, in Gestalt eines etablierten Gedenkrituals. Dem soll allerdings nach dem Willen des Bundestags nun ein in Berlin zu errichtendes „Polen-Denkmal“ abhelfen. Nur: Wann kommt es? Seit der ersten Anregung dazu seitens des prominenten polnischen Intellektuellen und Politikers Władysław Bartoszewski sind inzwischen dreizehn Jahre vergangen, neun Jahre, seitdem eine deutsche Initiativgruppe den Bundestag dafür gewann, sich mit einer Entschließung für die Errichtung des Denkmals zu engagieren.
In diesem Jahr hat laut den Verantwortlichen die „Umsetzungsphase“ des Vorhabens begonnen. Wieviel Zeit die weitere Planung, die Finanzierung und der Bau des Denkmals noch beanspruchen werden, kann allerdings niemand sagen. Schon 2025 wurde deshalb auf dem Gelände der ehemaligen Kroll-Oper ein provisorisches Denkmal eingeweiht, ein, so das Kulturstaatsministerium, „vorläufiges Gedenkzeichen“. Auf durchschnittliche polnische Berlin-Besucher, die nichts über die Gründe für das Provisorium wissen, wirkt der schlichte Stein aber offenbar eher als eine Provokation, denn als ein Zeichen der Empathie. Wenn das gute und wichtige Vorhaben Polen-Denkmal nicht wirklich zügig realisiert wird, könnte es selbst Teil des Problems werden anstatt Teil der Lösung.
Auch im Geschichtsunterricht unserer Schulen ist die nachbarliche Beziehungsgeschichte praktisch nicht präsent, trotz jahrzehntelanger Bemühungen der „Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission“. Letztere hat ihre Arbeit 2020 mit der Vorlage eines gemeinsam erarbeiteten vierbändigen Lehrwerks („Europa. Unsere Geschichte“) gekrönt – eines Schulbuchs, das dem Anspruch, eine multiperspektivische Betrachtung der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte, auch der Katastrophen des Zweiten Weltkriegs, zu bieten, auf vorbildliche Weise gerecht wird. Seine Einführung in den Schulunterricht beider Länder kommt aber nicht voran, auch wegen der geringen Unterstützung seitens der politischen Akteure auf beiden Seiten.
Aus wissenschaftlichen Untersuchungen deutscher wie polnischer ErxperInnen wissen wir auch, dass sich in der deutschen Gesellschaft das Wissen über die Nachbarschaftsgeschichte in den Jahrzehnten seit 1989 eher verringert als vergrößert hat. Irritiert und zunehmend verständnislos reagiert man daher in Polen, wenn Deutsche z.B. bekunden, nie etwas vom Warschauer Aufstand von 1944 gehört zu haben (den die deutschen Besatzer mit der totalen Zerstörung der Hauptstadt und der Ermordung oder Verschleppung Hunderttausender von zivilen Einwohnern ahndeten). Konsterniert sind Polen auch wenn sie sehen, dass die meisten Deutschen nichts wissen über die massenhafte Vertreibung von Polen aus den 1939 annektierten polnischen Westgebieten oder etwa über die „Aktion Zamość“, bei der Ende 1942 mehr als 100.000 polnische Einwohner der Region verschleppt vertrieben oder ermordet wurden, um „deutschen Siedlungsraum im Osten“ zu schaffen. Die Liste der Weltkriegsverbrechen, die Deutsche in Polen begangen haben, die aber kaum erinnert werden (Zwangsarbeit, ethnische Säuberungen, Verschleppung von Zivilisten in KZs), ist lang.
Bei einer Fachtagung zu dem Projekt Polen-Denkmal, die im Mai dieses Jahres in Berlin stattfand, kommentierte der polnische Historiker Maciej Górny ironisch: An der Ahnungslosigkeit der meisten Deutschen in Bezug auf die deutschen Verbrechen in Polen im Zweiten Weltkrieg habe sich tatsächlich kaum etwas verändert. Doch nähme auch in Polen das Wissen darüber und das Interesse daran in der jüngeren Generation deutlich ab. So könne man wohl damit rechnen, dass junge Polen und junge Deutsche sich irgendwann in gleicher Ahnungslosigkeit begegnen werden – auch eine Art von „Dialog auf Augenhöhe“.
Darauf zu warten, wäre zynisch und gefährlich. Es muss jetzt etwas von deutscher Seite geschehen und dafür braucht es nicht mehr als den politischen Willen. Eine Gedenkstunde des Deutschen Bundestags zum 1. September wäre ein leicht zu setzendes, wichtiges Zeichen. Man muss nur wollen.
