Monika Wrzosek-Müller
Kann es sein, dass nicht alle beim schwarzen Getränk ans Kaffee denken. Es gibt natürlich dunkelbraunes Coca-Cola, doch schwarz, ohne Milch, denken wir eigentlich alle an Kaffee. Wusstet ihr, dass die größten Mengen von Kaffee pro Einwohner mit Abstand die Menschen in Finnland trinken, gefolgt von Schweden? Italien, für mich das Königreich des Kaffees, rangiert ziemlich weit unten, erstaunlich. Die Deutschen konsumieren laut dieser meiner Quelle nur etwa halb so viel wie die Finnen und die Italiener noch deutlich weniger als die Deutschen. Bei den Kaffeeproduzenten dagegen lag ich mit meinen Vermutungen eigentlich richtig; da ist Brasilien ganz vorne, aber Äthiopien, das Ursprungsland des Kaffees, steht hinter Vietnam (!), Kolumbien und Indonesien zurück… Inzwischen ist es auch nicht mehr so wichtig, ob der Kaffee nun aus 100% Arabica-Bohnen besteht, die lange Zeit als die edleren galten, oder ob auch Robusta Bohnen hinzugefügt werden. Auf jeden Fall ist Kaffee ein gutes Geschäft und viele global agierende Firmen verdienen im großen Stil enorm viel Geld damit; inzwischen glaubt man, dass der Kaffeemarkt in der Zukunft noch wachsen könnte, denn riesige Länder wie China oder Indien finden zunehmend Geschmack daran.
Doch wie es mit dem Kaffee-Genuss aber auch mit dessen Verbreitung in Europa begann, lernte ich bei meinem italienischen Online-Sprachkurs. Niemand bestreitet, dass die ursprüngliche Kaffeepflanze in Äthiopien gewachsen ist. Die Kaufleute nahmen sie jedoch mit und verbreiteten sie in Arabien, dann kam der Kaffee nach Europa und die Europäer brachten ihn dann wiederum in ihre Kolonien, um sich so vom arabischen Kaffee unabhängig zu machen. Aus den Kolonien wanderte der Kaffee zurück nach Europa.
In arabischen Ländern galt der schwarze Mocca mit Kardamon und Zucker als Begrüßungsgetränk. In Europa wurde er zunächst nur bei reichen, adeligen Familien fast wie Medizin, ja eher wie Medizin, getrunken. Die ersten Kontakte entstanden durch venezianische Kaufleute; genauer über Prospero Alpini, einen venezianischen Arzt, Chemiker und Botaniker, der Ägypten bereist hatte und über die anregende Wirkung von Kaffee erzählte und schrieb. Nach 1624, als die ersten Bohnen nach Venedig kamen, wurde der Kaffee dort zuerst nur in Apotheken verkauft. Da der Kaffee aber aus islamischen Ländern kam, wollte man ihn verteufeln und verbieten.
Doch der damalige Papst Klemens VIII. probierte den Kaffee selbst und fand ihn ausgezeichnet, und in kurzer Zeit „taufte“, eigentlich sogar segnete er den Kaffee und machte ihn damit für die christliche Welt zugänglich und attraktiv. In Venedig entstanden dann sofort die ersten Verkaufsstellen. 1720 gründete Floriano Francesconi das berühmte Café Florian, das bis zum heutigen Tag auf dem Markusplatz seine Tore öffnet – draußen, soweit das Wetter es zulässt, immer drinnen. In der damaligen Zeit war es auch das einzige Café, das auch Frauen den Genuss des Getränks erlaubte. Ich erinnere mich an unsere Reisen in die Türkei oder Tunesien in 80er oder 90er Jahren, in den Cafés saßen dort nur Männer; Frauen tranken Tee…
Obwohl…
Ich assoziiere den Kaffee mit Italien. Obwohl wir in frühen 90er Jahren auch oft in Frankreich waren, schmeckte mir der dortige Kaffee nicht besonders. Er war wässrig und oft mit einer zu großen Menge von Milch. Trotzdem kauften wir jedes Mal mehrere Päckchen Kaffee, wenn wir nach Hause fuhren, denn schon der französische oder belgische Kaffee war dunkler geröstet als in Deutschland. Irgendwie besser.
In Italien bedeutet Kaffee nicht nur ein dunkles, heißes Getränk; es ist eigentlich eine ganze Kultur des Lebens; weit entfernt vom deutschen Kaffee-und-Kuchen, im Alltag omnipräsent. Manche gehen mehrmals am Tag in ihre eigene, besondere und einzigartige Bar, um dort ihren besonderen Kaffee zu trinken. Der Barista am Tresen weiß meistens genau, welchen Kaffee so ein Kunde haben will. Es gibt unzählige Arten der Zubereitung: die Basis bildet der caffe espresso, man bestellt aber nicht einfach einen Kaffee, er kann ristretto sein, also sehr stark, auf einige Tropfen begrenzt sein, oder lungo, mit heißem Wasser verlängert. Es gibt die Variante caffe doppio, also doppelter Kaffee oder macchiato mit einem Fleck von Milch (die Milch wiederum kann heiß, kalt oder geschäumt sein), die bekannteste Art, Kaffee mit Milch zu trinken, ist dann der cappuccino, diese Variante trinkt man in Italien allerdings nur vormittags, einige trinken auch noch caffe latte, das wesentlich mehr Milch enthält. In Sommermonaten gibt es dann caffe freddo, oder eine Besonderheit caffe shekerato, das in einem Sheker kräftig mit Eiswürfeln und Zucker, manchmal auch Milch geschüttelt wird. Im Winter dagegen trinken einige caffe coretto; das ist eher die Männervariante, mit einem Schuss Grappa.
An so einer Theke treffen sich alle Menschen aus der Umgebung, denn jedes, auch das kleinste Dorf in Italien hat eine Bar, meistens heißt sie dann Bar Centrale; unabhängig davon, ob sie reich oder arm sind, gebildet oder gerade vom Feld, von der Fabrik kommend, unterhalten sich die Leute an der Theke. Es ist eine besondere Art des solidarischen Zusammenseins, ohne sich wirklich irgendwie näher zu kommen, ein paar Worte werden gewechselt, über Sport (Fußball), über Politik, Wetter… manchmal über die Familie, die Gesundheit, wenn man sich besser kennt.
Wenn man über den Kaffee in Italien spricht, muss man auch Neapel erwähnen, denn dort gehört er mehr als anderswo zum Leben, wird kultiviert, in vielen Bars-Cafés auch geröstet; es gibt Leute, die ihr ganzes Leben lang nur eine Sorte aus einer ganz bestimmten Rösterei trinken. Manchmal schmeckt dieser Kaffee auch wirklich besonders, auf Holz geröstet, ist er fast dickflüssig, mit einem nussigen, schokoladigen Geschmack. Natürlich hat so ein Kaffee seinen Preis; dafür muss es die drei c: caldo, comodo, carico [warm, angenehm, stark] erfüllen. Die Kaffeetassen werden auch extra vorgewärmt. In den Bars von Neapel gibt es eine Tradition, die ich auch selbst beobachtet habe, ohne aber genau zu wissen, worum es ging: der caffe sospeso [der aufgeschobene Kaffee]. Ein Kunde trinkt seinen Kaffee an der Bar, bezahlt aber für zwei Kaffees; der Barman notiert es sich und schenkt dann Personen, die sich den Kaffee nicht leisten können, einen Kaffee ein. Eine besondere Art, seine Freude mit anderen zu teilen; das habe ich mehrere Male in den großen Cafés in der Galeria Umberto auch wirklich erlebt. Dabei muss man betonen, dass der Kaffee an der Theke, im Stehen getrunken, eigentlich seit Jahren nicht mehr als 1,50 € kostet, die Preise am Tisch, im Sitzen können stark variieren.
Natürlich gab es mit den Jahren immer ausgeklügeltere Kaffeemaschinen, doch in jedem italienischen Haushalt trifft man die einfache Moca-Kanne, meistens die von Bialetti, auch manchmal in verschiedenen Größen, aber es gibt auch Versionen von Alessi für Designfreunde. Bevor in der ganzen Welt, aber auf jeden Fall in Europa, ein Wettbewerb von verschiedenen Modellen von Kaffeemaschinen begonnen hat, gab es die alte „Pavoni“; eine schöne mechanische Maschine, die ihre Dienste hervorragend leistet. In den Bars steht dann meistens eine riesige Gaggia-Kaffeemaschine, die den ganzen Tag läuft.
In Polen, in meinen jungen Jahren, taten wir, wenn wir Kaffee trinken wollten, einen Löffel Kaffee in ein Glas und gossen heißes Wasser dazu; dann musste man allerdings ziemlich lange warten, bevor sich der Kaffeesatz gesetzt hat.
Zum Schluss noch ein italienisches Lied, das uns auf den Kaffee vorbereitet, jeden Morgen, jede Familie.
