Frauenblick auf Palermo

Monika Wrzosek-Müller

Palermo hat mich überwältigt

Palermo hat mich überwältigt; es ist genau die Art von Stadt, die ich liebe. Um jede Ecke wartet etwas Neues und ganz anderes, skurriles und außergewöhnliches. So viele Kulturen haben hier ihre Spuren hinterlassen und man merkt das den Bauten und allen Hinterlassenschaften an; sie haben hier gut gelebt, sich wohl gefühlt. Auf jeden Fall die oberen Zehntausend. Es ist wahrscheinlich das Entscheidende, warum die Stadt dich mit einem warmen Lächeln empfängt, trotz aller Unzulänglichkeiten, und es liegt nicht nur am Klima. All die Eroberer wohnten hier gerne: Phönizier, Griechen, Römer, Araber-Sarazenen, Spanier, Franzosen – und die eigentliche Bevölkerung, wer waren die eigentlich?

Angeblich hießen sie Sicani und Siciuli und waren ein Volk, das von Landwirtschaft und Jagd lebte und seinen Toten huldigte. Thukydides, der langjährig verbannte griechische Historiker, schreibt über sie, dass sie wahrscheinlich aus Spanien gekommen seien, da es dort ein Fluss mit dem Namen Sicano gebe. Ich habe leider nur ein Fluss mit dem Namen Cinca gefunden, was entfernt an Sicano erinnert. Die Ankömmlinge bauten ihre Kirchen, Paläste, Festungen, Märkte, legten Gärten an; manchmal bauten sie vieles um, manchmal setzten sie gleich an der alten Bausubstanz an und passten nur die alten bestehenden Gebäude, Mauern den eigenen Bedürfnissen an.

Die Römer waren etwas länger in der Stadt, in Sizilien (250-491), um auch von dort aus andere Provinzen in Sizilien und in Nordafrika zu verwalten. Dann kamen die Goten und die blieben länger, bis ca. Mitte des 8. Jahrhunderts, dazwischen waren auch Byzantiner hier, später kamen Muslime, Araber die im Jahre 827 mit einem vereinten Heer von Arabern, Persern und Berbern unter dem Kommando von Assad ibn al-Furat bei Marsala (hieß damals noch Lilibeo) den byzantinischen Führer bekämpft haben. Daraufhin besetzten sie ganz Sizilien und blieben dort, bis sie die Normannen vertrieben, das war ca. 1072. Zuerst regierte Wilhelm I., „der Böse“; unter seiner Herrschaft ist mehrmals zu heftigen Pogromen gegen die arabische Bevölkerung gekommen. Später übernahm Wilhelm II. von Sizilien, „der Gute“ (bis 1189) die Herrschaft; die Grabstätten beider Könige befinden sich in der riesigen Kathedrale von Monreale. Ganz wurden die Araber aber doch nicht verscheucht; sie lebten weiterhin in der Stadt, nur als Bewohner zweiter Klasse; besonders unter Wilhelm dem Guten konnten sie weiter unbehelligt in Sizilien leben, denn er war von ihrer Kunstfertigkeit begeistert. Natürlich wurden die Namen „der Gute“ und „der Böse“ den beiden Königen erst im Nachhinein gegeben, aber es liest, oder hört sich alles an wie aus einem Märchen für kleine Kinder. Viele der Araber unterhielten weiterhin Märkte und betrieben Handel, berühmt sind die prächtigen Stoffe: Seide, Damast, Samt, auch Ledererzeugnisse, mit denen sie handelten; bekannt ist auch ihr Einfluss, besonders der intellektuellen Araber, Dichter, Mathematiker, Astrologen, Architekten-Baumeister auf den Hof Friedrichs II., des Staufers, doch während seiner Herrschaft wurden die letzten Gruppen von Arabern aus Palermo vertrieben. Die Geschichte Siziliens ging eigentlich ganz andere Wege als die Geschichte Italiens und manchmal fragt man sich, wie es letztendlich dazu gekommen ist, dass sie sich vereint haben und zu Italienern geworden sind. Interessant; alle sprechen heutzutage wunderbares Hochitalienisch, doch untereinander benutzen sie manchmal eine Sprache, die wir gar nicht verstanden haben.

Die Zeit der normannisch-arabischen Kultur hat zahllose Objekte in Palermo hinterlassen, auch die Gärten in der Stadt sind oft nach arabischen Mustern angelegt worden, mit Springbrunnen, Wasserläufen, vielen Singvögeln und natürlich Palmen in allen Varianten. Die Bauwerke aus dieser Zeit sind für mich die schönsten, auf jeden Fall die prägnantesten, exotischsten, die von hoher Kultur und Entwicklung der Architektur zeugen. Es muss in der Epoche zu einer unheimlichen Entwicklung der Stadt gekommen sein, so viele Kirchen und Klöster entstanden, doch immer noch konnte man die Moscheen erkennen. Ein arabischer Reisender, Ibn Giubair aus Andalusien, vergleicht das Palermo seiner Zeit, also das unter der Herrschaft der Normannen im 12. Jahrhundert, mit Cordoba.

Zu den bekanntesten Bauwerken, seit 2015 als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt, gehören der Palazzo dei Normani mit seiner Cappella Palatina, aber auch die Kathedrale von Palermo, die Kirchen San Giovanni degli Eremiti und Santa Maria dell`Ammiraglio (Martorana), der Palazzo la Zisa, die Kirche San Cataldo, der Admiralspalast und natürlich in Monreale die Kathedrale und das Kloster nebenan. Es ist im 12 Jh. zu einer Verschmelzung der drei Kulturen gekommen: der arabischen, der normannischen und der byzantinischen. In Palermo befinden sich die größten Mosaikflächen der Welt überhaupt. Die Ornamente auf den Böden sind eher geometrisch gehalten und in Marmor ausgeführt, die Mosaiken an den Wänden zeigen Szenen aus dem Alten aber auch dem Neuen Testament, Szenen voller Leben, mit Pflanzen und Tieren in atemberaubenden Farben. Sämtliche Wände und Kuppeln sind mit diesen goldenen Mosaiken aus Glasurfliesen verkleidet, die nicht größer sind als ein Fingernagel – was das für eine Arbeit war, kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen. Nur vom Kopf-nach-oben-halten bekam ich Kopfschmerzen, und wie ging es wohl den Menschen, die das alles da oben anbringen mussten?

Die Geschichte Palermos ging aber ihren Weg weiter; Karl I. von Anjou, seit 1266 König von Sizilien, kämpfte gegen die Staufer und in der Schlacht bei Benevent (die berühmten Kämpfe zwischen Guelfen und Ghibellinen) siegte er. Später wurde er sogar, mit einem Trick, Herrscher von Jerusalem und unternahm mehrere Kreuzzüge gegen die Ungläubigen in Palästina. Doch er verlegte die Hauptstadt des Königreichs Sizilien von Palermo nach Neapel und ließ die Verwaltung in die französischen Hände fallen, was für Unruhen sorgte, und er gilt in Palermo als der Fremde, die Franzosen überhaupt. Ich glaube, die Spanier sind da viel beliebter, bekannter, haben auch nachhaltig das Stadtbild beeinflusst, vielleicht weil sie durch Vize-Könige vertreten wurden und näher an der Bevölkerung lebten. Viele der barocken Bauten gehen auf sie zurück; die berühmteste Kreuzung in Palermo – Quatro Canti – oder die „Fressgasse“ Via Maqueda sind auf jeden Fall sofort zu nennen, aber auch ganze Reihe von Kirchenfassaden sind mit barocken Elementen verkleidet, die auf die Spanier zurückzuführen sind. Eine Besonderheit der Habsburger Herrschaft in Palermo ist ein dichtes Netz von Oratorien, die neben den Kirchen entstanden. Es sind von außen unscheinbare Orte der stillen Einkehr, kleiner und intimer als die Kirchen, manchmal verbunden mit einer Bruderschaft und nicht immer öffentlich zugänglich. Manche von diesen Oratorien in Palermo sind echte Perlen des Barocks oder gar des Rokoko. Überhaupt hat man das Gefühl, das Leben fand in den Kirchen, Klöstern, Kapellen und eben den Oratorien statt – soweit sie nicht auf den Märkten einkauften und im Meer gefischt haben.

Eine rege Kultur der Cafés, der Süßigkeiten wurde auch entwickelt, ähnlich der in Wien, doch darüber später.

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