fähigkeit etwas zu bewirken… Reblog

liebe ewa,

vielleicht was für den blog?

in einer rezension im tagesspiegel, samstag vielleicht, fand ich was von einem amerikanischen autoren den namen hatte ich mir nicht notiert. das war sicher noch vor trumps erfolg geschrieben. die systematisierung könnte auch was für eine persönliche strategie des umgangs mit diesem grausamen wahlergebnis bieten. es ging um die diskussion des machtbegriffs und er fand, mensch müsse die verengung auflösen, die seit machiavelli besteht: da geht es um zwang und gewalt und gerne auch um lug und betrug, wenn es dem machterhalt dient.

er will die definition erweitern auf: fähigkeit etwas zu bewirken, das ist natürlich sympatisch.

dafür sind individuelle fähigkeiten, sowie interpersonelle und systemische einflussmöglichkeiten zu bedenken.

  1. selbstvertrauen, ich kann etwas ausrichten
  2. auf dem teppich bleiben, wahrnehmen, dass die fähigkeiten bzw. die möglichkeit haben, sie auszuleben auch ein geschenk sind
  3. teilen und sich gegenseitig stärken
  4. respektvoll bleiben, lob, komplimente, höfliche worte, auch nonverbal respektvoll bleiben: fragen, zuhören, neugierig sein, anerkennen
  5. machtlosigkeit verhindern! also gegen ungleichheit vorgehen, armut nicht dulden, gegen bedrohung und einengung anderen menschen wert verleihen, gegen diskriminierung und rassismus auftreten. also die strukturellen settings sichtbar machen und bearbeiten.

ja, das stimmt alles, wir dürfen uns nicht erlauben, uns als machtlos zu sehen. wir bewirken was. und wir glauben ja auch zurecht, dass alles patriarchalische nicht nur frauen sondern auch männern schadet. und krieg sowieso keine lösung ist. und doch ist all dieses unter punkt 1-4 nur stückwerk, wenn wir gesellschaft nicht dazu bekommen, die weniger mächtigen zu stärken, immer wieder. bildung natürlich zuallererst, aber auch gesunderhaltung, gleichwertigkeit immer wieder einüben. wir können im eigenen leben wirksam werden, wir dürfen aber die strukturellen bedingungen nicht vergessen.

in diesem sinne ist sicher auch der angehängte artikel zu lesen.

liebe grüße

christine (Christine Ziegler)

***

Artikel auf Seite 37 der Zeitung Tagesspiegel vom So, 13.11.2016

Barbara Nolte

Festung der Ehefrauen

Manch einer verfolgte seine Partnerin mit der Axt bis vor die Tore dieser
Berliner Villa – 1976 wurde das erste Frauenhaus gegründet. Ein Modell für viele deutsche Städte.

frauenhausNachdem das mit den Zähnen passiert ist, das war das Schlimmste. Dass er mir im Hausflur wirklich die Faust ins Gesicht gehauen hat, und ich habe gemerkt: Meine Zähne vorne sind nicht mehr da, beziehungsweise einer war – wie hat die Ärztin geschrieben? – in den Oberkiefer gestaucht.

Bis zur Schließung 1999 war die Adresse geheim. Ein Eisenzaun sollte Eindringlinge abwehren.

Danach habe ich nur noch lautlos geweint. Er hat mich dann am Kragen genommen, die Treppen hochgeschleppt. Die Kinder haben oben so geschrien, die waren ja vollkommen außer sich. Er hat dann immer wieder gerufen: „Ich bin
mit eurer Mutter noch nicht fertig, die bringe ich heute noch um.“ Der Kleene hat auf der Couch gesessen und gesagt: „Papa, du bringst Mama nicht wirklich um, nein?“ Und dann hat er zu dem kleinen Kind, der war drei Jahre, hat er gesagt: „Doch. Heute noch.“ Angelika, 44.

In einem ehemaligen Kartoffelladen in der Yorckstraße standen sie manchmal in der Tür: Frauen, die Schutz vor ihren prügelnden Ehemännern suchten. „Damals wussten die nicht, wohin“, sagt Roswitha Burgard, die dort Anfang der 70er Berlins erstes Frauenzentrum mitbegründet hat. Aktivistinnen aus der Yorckstraße verbrachten deshalb einmal 14 Tage reihum bei einer Frau zuhause, die um Hilfe gebeten hatte, weil sie regelmäßig von ihrem Mann und ihrem erwachsenen Sohn misshandelt worden war. Roswitha Burgard selbst hatte weder in der Familie noch im Freundeskreis gewalttätige Männer erlebt.
Jedenfalls nicht, dass sie davon gewusst hätte. „Häusliche Gewalt wurde Anfang der 70er totgeschwiegen“, sagt sie, „als Ehekrach verharmlost, als Umgang von Asozialen weggeschoben.“

Davon erzählt Burgard heute in ihrem Behandlungszimmer einer Gemeinschaftspraxis. Um den Hals trägt sie ein elegantes Seidentuch, an den Füßen Pantoffeln, Straßenschuhe müssen an der Tür ausgezogen werden.

Anfang der 70er hatte sie gerade mit dem Psychologiestudium begonnen und war in Berlins feministischer Szene engagiert. „Als damals in London das weltweit erste Frauenhaus eröffnete, dachten wir uns: So was brauchen wir auch.“ Ein solches Haus würde die Fraueninfrastruktur, die sie in diesen Jahren begründet hatten, Frauencafés, Frauenbuchverlage, Frauenseminare an Unis, auf eine fast romantische Weise
ergänzen: Frauen helfen Frauen, die unter dem Machtgefälle zwischen den Geschlechtern am meisten leiden. Doch der Senat blockte ab. Erst müsse ermittelt werden, ob in Berlin Bedarf für eine solche Einrichtung bestünde. Für die Verwaltung schien es ein Problem, dass der Gruppe der Gründerinnen kein Mann angehörte. „Die trauten uns nicht zu, mit ihren Fördergeldern richtig zu wirtschaften.“, sagt Burgard.

frauenhauskobiety2SCHUTZENGEL. Ilona Böttcher (links) und Roswitha Burgard nahmen im ersten Jahr 615 Frauen auf.

Erst als sechs arrivierte Frauen dem Trägererein beitraten, darunter die damalige Vizepräsidentin des Roten Kreuzes, stellte das Land Berlin eine Villa für das Projekt zur Verfügung. Ein Gründerzeitbau in der Richard-Strauss-Straße 22 Grunewald, mit riesigen Aufenthaltsräumen in Erdgeschoss und Souterrain, aber nur 13 Zimmern im ersten Stock und der Mansarde. „Nicht perfekt geschnitten für unsere Zwecke“, sagt Burgard.
Die Adresse wurde unter Taxifahrern gestreut und vor Außenstehenden geheim gehalten. Um den Garten wurde ein Eisenzaun errichtet. Dahinter durfte kein Mann.
Im November 1976 war Eröffnung. Die erste Bewohnerin klingelte bereits am Abend zuvor. Es war die Ehefrau eines hohen Richters, sagt Burgard. Das Asozialen-Klischee war damit widerlegt.

Auch Ilona Böttcher erinnert sich an diese erste Bewohnerin: eine schmale Frau um die 40. Ihr Ehemann hatte ihr Geld, Schlüssel und Ausweis weggenommen. Ilona Böttcher und Roswitha Burgard übernachteten mit ihr im Frauenhaus. Sie wollten sie in der riesigen, leeren Villa nicht allein lassen.

frauenhaus2Ilona Böttcher war als Verwaltungsfrau eingestellt worden. Sie habe sich ganz profan auf eine Jobanzeige beworben, erzählt sie beim Treffen in ihrer Tempelhofer Wohnung. Doch im Frauenhaus packte sie – wie alle anderen – überall mit an: Zu jeder Tages- und Nachtzeit klingelten Frauen. Polizisten und Taxifahrer brachten sie. Jede wurde aufgenommen, selbst wenn sie betrunken war. „Wer sind wir denn, dass wir entscheiden,
wer über Nacht bleiben darf!“, sagt Böttcher. Ansonsten war Alkohol verboten. Bereits einen Monat nach Eröffnung waren alle regulären Plätze belegt. Immer neue Stockbetten wurden in die Zimmer, Gänge, Aufenthaltsräume gestellt. Im Haus, das für 70 Frauen und Kinder ausgelegt war, lebten bald bis zu 150. „Es gab Bedarf, und wie!“, sagt Böttcher.
Sie zieht ein lilafarbenes Buch aus ihrem Regal: die erste Jahresbilanz, herausgegeben im
Frauenselbstverlag. Die Gründung des Berliner Hauses war eine Initialzündung, in den meisten größeren Städten wurden fortan ähnliche Projekte geplant, die Berliner lieferten das statistische Material. Von den 615 Frauen, die im ersten Jahr in der Richard-Strauss-Straße betreut wurden, waren drei Viertel von ihren Ehemännern misshandelt worden, ein Fünftel von ihren Freunden, der Rest von Ex-Männern und Verwandten. Jede zehnte Frau hatte die Gewalt zehn Jahre und länger erduldet. 118 waren von ihren Partnern sogar in Lebensgefahr gebracht worden. „Mich hat der Zustand von Beziehungen erschüttert, am
Anfang stand ja mal Liebe“, sagt Ilona Böttcher. Eine Frau habe zu ihr gesagt: „Und dann hat er mich nicht mal mehr geschlagen.“ Schlagen sei für sie Zuwendung gewesen.
Böttcher erinnert sich, dass viele Frauen sich schämten. Sie hatten sich diesen gewalttätigen Partner ja ausgesucht. Verbreitet waren auch Schuldgefühle. Einige glaubten, dass ihr Mann nicht ausgerastet wäre, wenn sie selbst anders reagiert hätten. Im Frauenhaus hörten sie die Geschichten anderer Frauen und erkannten dabei mitunter Verhaltensmuster ihres eigenen Mannes wieder und die Unvermeidbarkeit seines
Zorns. Eine Frau habe es mal so ausdrückt: „Habe ich Salz rangemacht, habe ich eine gewischt gekriegt, habe ich kein Salz rangemacht, habe ich auch eine gewischt gekriegt.“ Oft steigerte sich der Jähzorn der Männer noch, wenn die Frauen ins Frauenhaus zogen.
12.3.77, 20.30 Uhr: Ein Herr läutet an. Er will das Haus in die Luft sprengen, sich aber zeitlich nicht festlegen. Gabi informiert die Polizei. 21.45 Uhr: Ein Herr ruft an. Er steht mit einer Pistole in der Telefonzelle gegenüber und will sich das Leben nehmen, wenn er nicht mit seiner Frau sprechen kann. Die Frau ist nicht bei uns. Da er unter Strom steht, hat Gabi Mühe, ihm das klarzumachen. Vorsichtshalber benachrichtigen wir
die Polizei. 23.15 Uhr: Ein Mann fährt mit einem Fahrrad in unserem Garten. Gabi ruft 110. Auszüge aus dem Protokoll einer Bewohnerin mit Telefondienst.
Häufig lungerten Männer vor der Tür herum, die die Adresse herausbekommen hatten. Mehrfach ist es ihnen tatsächlich gelungen einzudringen. Ilona Böttcher erinnert sich an einen Vorfall, als ein Mann eine Füllung aus der Haustür herausgebrochen hat, durchs Loch geklettert und mit der Axt ins Haus gestürmt ist. Eine Kollegin stellte sich ihm in den Weg, die Hausbewohnerinnen versteckten seine Frau. Für Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen des Frauenhauses war die Umgebung hinter dem Zaun feindlich: Während die Männer
mit roher Gewalt drohten, drohten die Grunewalder Nachbarn mit ihren Anwälten. Sie gründeten sogar eine Bürgerinitiative gegen das Projekt.
Erforderlich ist, dass das Lärmen der Kinder ab Freitag bis Sonntagabend unterbleibt. An diesen Tagen suchen die Anwohner nämlich absolute Ruhe in ihrem Garten. Die Wohngegend haben sich Anwohner ausgesucht, die in der Woche ganz besonders hart arbeiten. (…) Mehrmals habe ich die Feststellung treffen müssen, dass Kinder, soweit sie zu einem Spaziergang ausgeführt werden, auf meinen niedrigen Zaun balancieren. Mein Zaun stellt persönliches Eigentum dar, und das sollte eigentlich schon Kindern deutlich
gemacht werden, dass das Eigentum anderer zu schätzen ist. Aus einem Brief von Horst Sandner, Königlich Norwegischer Konsul (31.10.77), an Roswitha Burgard.
Der Tagesspiegel berichtete damals von einer Aussprache beider Seiten. „Wir sind gar nicht so verrückt, wir sind bloß nervlich am Ende“, habe dabei eine Bewohnerin an das Mitgefühl der Nachbarn appelliert, das aber ausblieb. Häufig, sagt Böttcher, seien sie damals zusammen mit Bewohnerinnen in der Öffentlichkeit aufgetreten. „Die wollten sich nicht verstecken.“ Die Heimlichkeit von häuslicher Gewalt, die den Tätern in die
Hände spielt, sollte durchbrochen werden. Deshalb fanden im ersten Frauenhaus die Beratungsgespräche im Aufenthaltsraum statt. Andere Frauen sollten daran anknüpfen können. „Die Betroffenen sollten sich gegenseitig unterstützen“, sagt Böttcher. In
Zweierteams wurden sie außerdem zu nächtlichen Telefondiensten eingeteilt, das sollte ihr
Selbstbewusstsein stärken. Viele, in der ersten Statistik waren es 30 Prozent, kehrten trotzdem zum Ehemann zurück. „Da konnten wir nur Wege aufzeigen, wie sie beim nächsten Mal die Situation schneller verlassen können“, sagt Böttcher. „Eine Frau war 13 Mal da, ist immer wieder zurückgegangen, bis wir in der Zeitung lasen, dass man sie tot aufgefunden hat.“
Ilona Böttcher arbeitete bis 1998 im Frauenhaus. Dann ging sie in Rente, im Jahr drauf schloss das erste Frauenhaus. Damals gab es bereits fünf weitere, rund 350 sind es mittlerweile in Deutschland. Obwohl sich das Gleichberechtigungsideal innerhalb ihres Arbeitslebens weit verbreitet hatte, habe sich dies auf die Gewalt gegen Frauen wenig ausgewirkt, sagt Böttcher. Nur der Anteil der Migrantinnen habe zugenommen.
Insgesamt registrierte die Berliner Polizei im vergangenen Jahr 15 000 Fälle von häuslicher Gewalt. Die größte Veränderung, sagt Böttcher, habe im Arbeitsverständnis der Betreuerinnen gelegen. Zum Beispiel sei eine neue Kollegin „entsetzt“ gewesen, dass es keinen Raum für Einzelberatungen gab. Den nächtlichen Telefondienst sahen manche der Jüngeren wegen einer möglichen Retraumatisierung kritisch. Am Ende, glaubt Böttcher, sei das erste Frauenhaus an einem unterschiedlichen Verständnis von Feminismus
gescheitert, denn als Feministinnen begriffen sich die Jüngeren auch. Einmal habe eine Mitarbeiterin vorgeschlagen, dass ihr Freund doch den Bus des Frauenhauses fahren könne: „Für uns völlig undenkbar: ein Mann am Steuer eines Frauenhausbusses!“
Nadja Lehmann eröffnete das Frauenhaus sozusagen neu. Lehmann war eine der jungen Kolleginnen. Zusammen mit zwei weiteren ehemaligen Mitarbeiterinnen aus dem Frauenhaus hatte sie das Konzept für das Projekt mit dem Namen „Interkulturelle Initiative“ verfasst, zu dem ein Teil der Gelder des geschlossenen Frauenhauses umgeleitet wurde. Im ersten Frauenhaus habe sie Rassismus zwischen deutschen und
migrantischen Frauen erlebt, sagt Lehmann. Deshalb schnitt sie ihr Projekt auf Migrantinnen und deren spezifische Probleme zu.
Er hat gesagt: „Du fühlst dich einfach nicht wohl in Deutschland.“ Ich habe gesagt: „Ich bin nicht in Deutschland. Ich bin in deiner Wohnung.“ Ich war eingesperrt. Ich durfte nicht raus, ich hatte keinen Schlüssel. Ich habe nur vom Fenster geguckt, wir hatten in Neukölln gewohnt, und ich hatte vor meiner Tür einen Spielplatz. () Bis mein Sohn angefangen hat, genauso zu handeln wie sein Vater. Er hat einen Gegenstand genommen und gesagt: „Hier, Papa, du kannst nehmen, und du kannst Mama wehtun, ich möchte, dass sie weint.“ Da habe ich gesagt: „Ich möchte nicht, dass mein Sohn so wird zu seiner Frau oder
seiner Lebensgefährtin. Ich habe zwei Söhne. Ich möchte nicht, dass drei Männer mich terrorisieren.“ Narin, 38, ehemalige Bewohnerin der Interkulturellen Initiative.

Die „Interkulturelle Initiative“ ist ebenfalls in einer Villa im Berliner Süden untergebracht. Da das Leben im Frauenhaus auf die Dauer belastend sei, wie Lehmann findet, bietet ihr Verein zusätzlich ein Wohnprojekt mit abgeschlossenen Apartments an sowie neuerdings Wohnungen speziell für geflüchtete Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden. Viele Migrantinnen bräuchten aufgrund schlechterer Sprachkenntnisse und ausländerrechtlicher Widrigkeiten länger, um eine Perspektive für sich und ihre Kinder zu entwickeln. Nach
einer Weile könnten sie in eigene Wohnungen umziehen. Das unumstößliche Gesetz autonomer Frauenhäuser, dass nämlich Männer draußen bleiben müssen, ist inzwischen nach Gender-Maßgaben umgeformt. Letztens wurde eine Bewohnerin aufgenommen, die zwar biologisch ein Mann ist, sich aber als Frau fühlt.

PS (Mail Nr 2):

https://i0.wp.com/www.campus.de/typo3temp/_processed_/csm_9783593399072_d83e3e2201.pngliebe ewa,

das buch, von dem ich in der anderen mail schrieb ist von Dacher Keltner „Das Macht-Paradox. Wie wir Einfluss gewinnen – oder verlieren“

ist erschienen im campus verlag und es war tatsächlich am samstag im tagesspiegel vorgestellt, ganz hinten.

liebe grüße

christine

Ta jedna w pamięci mej tkwi 3

wir3bigKinga Szpuler o tłumaczeniach
Ireny Kuran Boguckiej (po hiszpańsku!)

O tym przejmującym wierszu był już wpis na tym blogu a też i na poprzednim; wiersz w oryginale i jego tłumaczenie na polski ukazał się (po raz pierwszy po polsku) w wydawanej przez Towarzystwo Literackie WIR (Verein zur Förderung der Deutsch-Polnischen Literatur) edycji literackiej (nr 2, 1995) Poetki z ciemności – Dichterinnen aus dem Dunkel.

Kaddisch (Kadish) de Mascha Kaléko (1942)

Kaddisch

Rot schreit der Mohn auf Polens grünen Feldern,
In Polens schwarzen Wäldern lauert Tod.
Verwest die gelben Garben,
die sie gesät, sie starben.
Die bleichen Mütter darben.
Die Kinder weinen: Brot.

Vom Nest verscheucht, die kleinen Vögel schweigen.
Die Bäume klagen mit erhobenen Zweigen,
Und wenn sie flüsternd sich zur Weichsel neigen,
Gen Osten wehen ihren trüben Psalm,
In bärtger Juden betender Gebärde,
Dann bebt die weite, blutgetränkte Erde,
Und Steine weinen.

Wer wird in diesem Jahr den Schofar blasen
den stummen Betern unterm fahlem Rasen,
Den Hunderttausenden, die kein Grabstein nennt,
Und die nur Gott allein bei Namen kennt.
Sass er doch wahrlich strenge zu Gericht,
Sie alle aus dem Lebensbuch zu streichen.
Herr, mög der Bäume Beten dich erreichen.
Wir zünden heute unser letztes Licht.

(books.google.de s.f.)

Kadisz

Krwawy krzyk wznoszą maki nad Polski zielony step,
W czerni leśnych ostępów Polski czai się śmierć.
Pożółkłe stogi gniją,
Ci, co je siali, nie żyją,
Bledną matki tułacze,
Dzieci wołają z płaczem
O chleb.

Ze swych gniazd wygnane ptaki umilkły, żaden nie śpiewa.
Wznosząc w górę gałęzie lamentują drzewa,
A gdy ku Wiśle się chylą z szeptem i szelestem
Na wschód wicher unosi ich rozpaczliwą pieśń,
Z brodatych żydów modlitewnym gestem.
Drżą rozległe, krwią nasiąkłe ziemie,
Płaczą kamienie.

Kto w tym roku dąć będzie w szofar, jak każe prawo,
Zamilkłym błagalnikom, pod zwiędłą murawą,
Setkom tysięcy, co imion nie mają na grobie,
A tylko Bóg jedyny wie, jak kto się zowie.
Siadłszy na sądzie, trwa z niezłomną mocą,
Aby każdego z Księgi Życia skreślić.
Panie, niech drzew wołanie do ciebie doleci.
Ostatnie światło zapalmy dziś nocą.

(archivo privado de Ewa Maria Slaska)

Mascha Kaléko fue una poestisa alemán-judía, muy apreciada en Alemania antes de la Segunda Guerra Mundial. En el año 1938 emigró con su familia a los Estados Unidos. Esto le ayudó a ella sobrevivir los tiempos difíciles. Sin embargo, el destino de los judíos y los horrores de la guerra influyeron enormemente en su obra. El tema está presente en muchos poemas suyas, como p.ej. en Kaddisch.

Las tres estrofas del poema poseen un diverso número de versos (seis, siete y ocho). Es una obra en versos libres, entonces, también el numero de las sílabas varía de cinco hasta once. El texto no está privado de rimas, aunque las encontramos dispersadas en orden irregular.

El tema del poema está relacionado con el rezo Kadish, que crea un elemento importante de varios oficios religiosos en la religión judia. También es una parte de las oraciones fúnebres. La poetisa se refiere a este motivo para subrayar el ambiente dramático y apocalíptico del poema. En las dos primeras estrofas se nos presenta el paisaje de guerra en Polonia. Todo está destruido y en estado de descomposición, en todas partes observamos las huellas de la muerte. Las madres no están en condiciones de cuidar a sus hijos que sufren hambre. Aún en la naturaleza se manifiesta la ansia de la guerra: las amapolas tienen el color de sangre, los pájaros están muertos, las piedras están llorando. Los árboles levantan sus ramas en el gesto de desesperación, pero también de oración; parecen los rabíes con las manos arriba. En la tercera estrofa el sujeto lírico pregunta por los muertos ¿que ocurrirá con ellos? Solo los árboles se han quedado para rezar por ellos, no lo pueden hacer otras personas. Ojalá, sus vocez lleguen al Dios, que los está tachando de la lista de los vivos.

En la traducción polaca del poema Kaddisch se refleja muy claramente el tono dramático y lúgubre. La traductora mantiene la estructura del poema, aunque con una pequeña exepción, o sea, divide el último verso de la primera estrofa en dos partes: “Die Kinder weinen: Brot.”; “Dzieci wołają z płaczem/ O chleb.” No es un cambio muy significativo, porque en la versión alemana hay dos puntos, un signo de puntuación que requiere una pausa en el momento de leerlo. La traductora lo cambia por dos versos, para que el lector haga la pausa necesaria y para acentuar la realidad del hambre. Asimismo, Bogucka pretende inventar las rimas. No siempre se encuentran exactamente en los mismos versos que en el texto original, sin embargo, su cantidad es silimar. Los versos son más largos de los en la versión original, esto procede de la particularidad del alemán, es decir, de los sustantivos, adjetivos incluso verbos formados de dos palabras: “blutgetränkte, Hunderttausenden, Lebensbuch; krwią nasiąkłe, setkom tysięcy, Księga Życia”. La traductora decide también extender algunas expresiones para que sean más transparentes para los lectores polacos, p.ej.: “Rot schreit der Mohn; Krwawy krzyk wznoszą maki”, “In Polens schwarzen Wäldern; W czerni leśnych ostępów Polski”, “schweigen; żaden nie śpiewa”, “Wer wird in diesem Jahr den Schofar blasen; Kto w tym roku dąć będzie w szofar, jak każe prawo”. En el último ejemplo vemos una parte adicional que no está en el texto original, la traductora la añadió para que se rimen los versos primero y segundo.

En general, en la traducción polaca sentimos muy intensivamente que la traductora comparte los sentimientos y experiencias de la autora del texto. Esto no nos extraña al darnos cuenta que ambas mujeres habían tenido que ser testigos de la guerra.

Irena Kuran-Bogucka Xilografía del ciclo “Lorca Romancero”, 1958

 

Ein Foto aus Afrika

Meistens ist es so, dass mir die Autoren Texte und Bilder zusenden, manchmal wollen sie keine Bilder oder haben keine und ich suche sie selber im Internet. Es ist aber, glaube ich, das erste Mal, dass mir ein*e von meiner Autor*innen das Bild ohne Geschichte zugeschickt hat und ich, von dem Bild begeistert, unbedingt wollte, dass sie doch dazu etwas erzählt.

wiki-ghana

Kaum zu glauben, aber die Stilisierung (wie man es heute gesagt hätte) der beiden Frauen ist rein zufällig.

Viktoria Korb

Ghana unverändert

Als ich im Jahr 1989 als diplomatische Mitarbeiterin des International Trade Centre
(UNCTAD/GATT) in Genf,  der Stadt, wo sich alle europäische Vertretungen der Vereinten Nationen befinden, auch mit der Ghana beschäftigen mußte, schickte man mich auf eine Dienstreise in dieses afrikanischer Land. Ich war, als eine UNO „Professional officer”, an alle möglichen Reisen gewöhnt. Vorher arbeitete ich ein Jahr in Indonesien und ein Jahr auf den Philippinen. Den Umzug nach Genf fanden meine Kollegen toll, und beneideten mich sogar.

Ich aber bereute sehr, daß ich diese faszinierende südostasiatische „Multi-Kulti” Länder, insbesondere Indonesien,  verlassen mußte. Übrigens gab es dort viele Frauen in den Regierungspositionen –  in Indonesien sogar eine Präsidentin Megawati Sukarnoputri ähnlich wie in Indien, Sri Lanka, Bangladesch und einigen Ländern mehr, wie zum Beispiel Israel…
Dort gab es kein Prinzip von KKK – Kinder, Küche, Kirche wie in Europa und besonders in Deutschland und in der Schweiz, wo Frauen erst im 20. oder in manchem Kantonen sogar erst im 21. Jahrhudert die Wahlrechte bekamen…

Nach einigen Wochen in Genf habe ich langsam bemerkt, dass wir dort fast nichts zu tun hatten und uns alle langweilten. Wir durften aber Gott sei dank während unserer Arbeitszeit neue Fremdsprachen lernen und hatten eine Stunde Zeit für das Mittagessen in der UNO–Cafeteria. Ein großes Problem für mich waren aber die Genfer Erotomanen verschiedener Nationen und Rassen. Man konnte sich kaum auf die Straße rühren, auch von Kopf zu Fuß winterlich bekleidet, ohne belästigt zu werden. Ein „Fan” hat sogar meine Telephonnummer und Adresse gefunden, nachdem er sich meine Autonummer auf dem UNO-Parkplatz notiert hatte!
208054Ein anderer folgte mir auch der Straße, entdeckte meine Wohnungsadresse und behauptete, als meine Eltern dort zu Besuch waren, dass wir bald heiraten würden…
Ich las öfters das Buch von  Tadeusz Dołęga-Mostowicz „Pamiętnik pani Hanki” („Tagebuch von Frau Hanka”, das viele Ausgaben hatte) und war begeistert vom Satz „Zalewski langweilte sich in Genf”.

Ich fuhr auch öfters nach Paris, um meine 1968-Emigranten Freunde aus Polen zu besuchen. Im Zug von dort zurück nach Genf  wurden wir auf einmal an der französichen Grenze aufgehalten und mussen aussteigen, weil man verdächtigte, dass es im Zug eine Bombe gab. Wir rannten in eine Kneipe und tranken Wein, wobei mir eine französische Mitfahrerin erklärte, dass man in Genf Schi-Laufen und Segeln muss, um sich nicht zu langweilen.

Das habe in Polen schon seit meiner Kindheit getan und ich trat mit Freude in den Schi-Klub der UNO und Segel-Klub von CERN ein.  Leider herrsche dort auch eine Menge von Erotomanen aller Rasen!
Nach einem Jahr hat man mich von der langweiligen allgemeinen Planungs-Abteilung in die Afrika-Abteilung versetzt und die abenteuerliche Zeit kam zurück!
Bald schickte man mich auf eine Dienstreise nach Ghana… Zusammen mit zwei Kollegen, einem Ungar und einem Nigerianer, die allerdings nur kurz dort bleiben sollten, wogegen ich länger.

Allein der Flug mit Umsteigen war schon merkwürdig, und nach der Landung musste ich lang unter der Erde gehen, um zur Passkontrolle zu gelangen. Mit dem diplomatischen Pass der UNO mußte man nicht in der üblichen Schlange stehen, aber der ganze unterirdische Gang war sehr tief und die Kontrollere standen ganz oben. Wahrscheinlich um uns zu zeigen, dass, obwohl Afrikaner, seien sie doch wichtiger als wir…

Der Dienstwagen des Auslandsministerium, mit dem wir kooperieren sollen, war nicht erschienen und wir mussten ein Taxi nehmen, das uns ins angeblich bestes Hotel von Accra brachte. Dort wurde behauptet, dass wir keine Zimmer reserviert haben und es für uns keinen Platz gab. Wir vermuteten, dass man von uns Trinkgeld bekommen wollte. Nach langem Krach hat man uns doch Zimmer zugeteilt, denn unser afrikanischer Kollege, ein Kongolese, war in der Lage sie zu überzeugen, dass das Außenministerium doch für uns die Zimmer reserviert hatte.  Der Aufzug war kaputt und wir gingen in unsere Zimmer im vierten Stock mit den schweren Koffern zu Fuß.

Im Zimmer musste ich feststellen, dass nur eine einzige, kleine Lampe funktioniert und der Raum in der fast totalen Dunkelheit versunken ist. Und die Klimaanlage war kaputt! Erschöpft und hungrig ging ich mit meinen Kollegen in die Hotelkneipe.
Da bestellte ich zuerst Ananassaft zum trinken und bekam ein Glas Wasser mit irgendwelchen Spuren von Ananashaut.
Ich rief den Kellner und sagte, dass es doch kein Saft war, sondern eine dreckige Mischung.
Er antwortete, dass so der Saft bei ihnen ist, weil sie ohnehin nichts am stärkeren Getränk verdienen würden Ich kannte so was aus meinem früheren Leben im sozialistischen Polen und wusste, daß ich es akzeptieren musste. Es gab aber genug Whisky, so wie Vodka in Polen, das ich mit meinen Kollegen trank…

Zurück in meinem Zimmer wollte ich duschen und entdeckte, dass es kein heißes Wasser, keine Seife und kein Handtuch gab… Ich rief die Hotelleitung an und bat um die Sachen. Sie waren total erstaunt über meine freche Bitte, schickten aber zu mir eine nette Putzfrau, die es schaffte, mir Handtuch und Seife zu besorgen. Ich bat die Hoteldienste mich den am nächsten Tag morgen anzurufen, weil ich keinen Wecker hatte, und durch ganz verschiedene Zeiten, als in Europa ziemlich durcheinander war. Die waren total schockiert und ich mußte wieder die Putzfrau bitten, an meiner Tür zu klopfen.

Am nächsten Morgen gingen wir ins Wirtschaftministerium, wo im Eingangszimmer ein ghanesischer Wachschutz-Beamte am Schreibtisch saß und schlief. Wir haben gewagt, ihn zu wecken, und er war sehr sauer. Dann trafen wir eine hohe Beamtin, Miriam Holbrook-Smith (wie wir bald erfuhren, war das ein gänginer Name in Ghana!) Sie war sehr nett, lud mich bald in eine Kneipe ein und bestellte für mich ein Glas Saft, das mit einem Netz bedeckt war, damit die Fliegen nicht reingelangen… Sie kannte gut die Hotels ihres Landes und schlug vor zu versuchen wird, mir einen anderen zu finden. Sie erzählte mir auch ihre persönliche Geschichte – sie wurde mit einem ihr unbekannten Mann von ihrem Vater verheiratet und musste einige Jahre mit ihm zusammen leben. Aber als sie eines Morgens aufwachte, war er tot… Dann durfte sie einen Mann ihrer Wahl heiraten, mit dem sie glücklich war!

Am nächsten Tag wagte ich ins Schwimmbad im Garten unseres Hotels zu gehen, weil wir nichts zu tun hatten, und entdeckte, dass sein  Boden ganz kaputt war und mit Tepichen bedeckt. Dafür gab es neben dem Pool die Tanzabende, wo die Landleute enthusiastisch tanzten und flirteten.
Aber Miriam Holbrook-Smith schlug mir, Gott sei dank vor, bei einer ihrer Freundinnen, einer Togo-Diplomtin, zu wohnen. Das hat mich sehr gefreut. Beim verlassen des schrecklichen Hotels gab ich der so netten  Putzfrau einige Dosen von Thunfisch-Konserven als Geschenk, und hörte dann ihre Schreie. Einer der Wächter hat ihr die Dosen aus der Hand weggerissen und ist weggelaufen…

Kein Wunder, dass die Lieder und Filme über „Wildes Afrika” rund um die Welt in den Medien blühten… Und doch waren afrikanische Frauen viel emnazipierter als die deutschen.
Mit der Togos-Diplomatin lebte sich sehr angenehm, wir schliefen zusammen in einem Doppelbett und schauten uns Fernsehen an.  Ihr Hausmädchen kochte für uns.
Als ich dann bald die Dienstreise  an die Elfenbein küste, also Republik Côte d’Ivoire (die bestand auf den französichen Namen!) mit den beiden UNO-Kollegen machen musste, fuhren wir mit dem Auto, denn, wir wollten nicht noch von Fahrern beobachtet werden.
An der Grenze angekommen, begrüßt uns nur ein an eine Kette angebundener Affe, der dort herum sprang. Er konnte uns aber keine Paß-Kontrolle machen! Wir rannten hie und da, bis wir einige Polizisten gefunden haben, die gerade ihr Mittagsschlaf machten.

Die begannen mit meinem nigerianischen Kollegen in ihrer Landesprache zu reden, die er aber nicht verstand und versuchte mit ihnen auf Englisch zu kommunizieren. Sie wurden wütend, und erklärten ihn zu einem Rassisten! Sie dachten, dass er seine afrikanische Wurzeln ablehnte.
Schließlich ließen sie uns in Ruhe und wir landeten in einem tollen Hotel in Abidjan, wo ich mich letztlich am Strand erholenn konnte.

Erstmal genug von afrikanischen Abenteuer…

 

Parasolki Umbrellas Regenschirme

Wir protestieren heute wieder!

We do protest today again!

Protestujemy! Znowu!

23.10.2016 13:00-15:00 Warschauer Brücke Berlin

Bring your (black) umbrellas! Przynieście (czarne) parasolki! Bringt eure (schwarze) Regenschirme mit!

black-clip-umbrella
Schreibt euren Spruch drauf! Write your slogan! Napiszcie swoje hasło!
Zeichne eure Skizze! Namalujcie coś! Make your own picture!

PiS-Off

cupzgmaxyaartez

parasolkix

paniirenkaparasolkakl

parasolki6 parasolki1 parasolki2 parasolki3 parasolki4

klukos

black-clip-umbrellaKto się boi czarnej baby? piosenka /ein Protestsong (auf Polnisch) / Polish Protestsong

black-clip-umbrella

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Aus der Rede von Dr. Norbert Lammert

Interessante Überlegungen…

am Tag der Deutschen Einheit in Dresden
3. Oktober 016

Meine Damen und Herren,

vor 100 Jahren, im Dezember 1916, mitten im ersten Weltkrieg, erhielt das Eingangsportal unseres Parlaments in Berlin als Widmung die markante Inschrift: „Dem deutschen Volke“, das Reichstagsgebäude selbst war damals bereits 22 Jahre alt.

Die Festlegung auf eine Inschrift war im Kaiserreich ebenso umstritten wie die Volksvertretung selbst. Dem Kaiser, dem das Parlament ebenso entbehrlich schien wie das dafür errichtete Reichstagsgebäude, wurden die Worte „Dem deutschen Reich“ vorgeschlagen, Wilhelm II. plädierte für den Schriftzug „Der deutschen Einigkeit“ – er misstraute dem Parlament als einem Ort widerstreitender Meinungen und Interessen und beschwor die nationale Geschlossenheit.

Alles nur Geschichte? Die vor einhundert Jahren beschlossene Widmung „Dem deutschen Volke“, die dem im Kriegsverlauf zunächst gewachsenen Selbstvertrauen der meisten damaligen Parlamentarier entsprach, konnte unmittelbar vor Weihnachten 1916 montiert werden. Es war das Jahr brutaler deutsch-französischer Schlachten um Verdun und an der Somme, an deren Ende es ohne wesentliche Verschiebung des Frontverlaufs und damit ohne Geländegewinne auf beiden Seiten mehr als hunderttausend Tote gab. Die Lettern der Widmung waren aus eingeschmolzenen französischen Kanonen­kugeln gegossen – erbeutet in den Befreiungs­kriegen gegen Napoleon.

Die damit beauftragte Bronzegießerei Loewy gehörte einer jüdisch-deutschen Familie, deren Sohn sich vom Judentum abgewandt hatte. Er ließ sich taufen, und nachdem er sich 1918 hatte adoptieren lassen, glaubte er sich mit seinem neuen Namen Erich Gloeden sicher – zu sicher. Von den National­sozialisten wurde er verhaftet, weil er Verfolgten geholfen hatte – darunter auch einem General aus dem Widerstand des 20. Juli. Gloedens Frau, seine Schwiegermutter und er selbst wurden im November 1944 in Plötzensee durch das Fallbeil getötet.

Geschichte. Die Nationalgeschichte jedes Landes ist die Summe der vielen, persönlichen Geschichten von Menschen, die meist unbeobachtet bleiben oder schnell vergessen werden. Geschichten wie die Erich Gloedens zählen zu unserem historischen Erbe. Seine Geschichte zeigt beispielhaft, wie in unserem Land noch vor wenigen Generationen Menschen ausgeschlossen wurden aus der Nation, deren selbstverständliche Mitglieder sie waren, wie sie Rechte und Schutz verloren, ausgeliefert waren – in einer Zeit, da die Weimarer Republik zerschlagen, der Reichstag ausgebrannt, das Parlament entmachtet und politische Gegner an Leib und Leben bedroht waren.

Diese Erfahrungen sind uns Verpflichtung und sie lassen uns gerade am Nationalfeiertag auch darüber nachdenken, wie und was sich in den vergangenen einhundert Jahren verändert, glücklich gewandelt hat, wer und was deutsch ist und wen Deutschland heute in seine Rechtsordnung einschließt – für wen die gewählten Abgeordneten des Deutschen Bundestages unter der Widmung „Dem deutschen Volke“ Gesetze debattieren und beschließen.

Angesichts vieler Veränderungen, der objektiven Schwierigkeiten und der bisweilen auch zu Unrecht aufgetürmten scheinbaren Probleme, die uns heute beschäftigen, steht außer Frage, dass „dem deutschen Volke“ selbst aufgegeben ist, nach einer zeitgemäßen Bestimmung dessen zu suchen, was Deutschland im 21. Jahrhundert sein will. Das wissen wir gegenwärtig offensichtlich nicht so genau. Darüber darf und muss gestritten werden. Wer aber in diesem Streit das Abendland gegen tatsächliche und vermeintliche Bedrohungen verteidigen will, muss seinerseits in dieser Auseinandersetzung den Mindestansprüchen der westlichen Zivilisation genügen: Respekt und Toleranz üben und die Freiheit der Meinung, der Rede, der Religion wahren und den Rechtsstaat achten.

Dieser Staat, dessen Einheit wir heute feiern, unsere Gesellschaft, kann und will Möglichkeiten eröffnen, ein Leben in Frieden und Freiheit zu führen: „Dem deutschen Volke“, Hiergeborenen und Zugewanderten, Jungen und Alten, Frauen und Männern, Christen, Muslimen und Juden, Armen und Reichen. Vielfalt ist keine Worthülse – längst wohnen hier in Sachsen gebürtige Schwaben, aber auch Tschechen und Polen, haben Brandenburgerinnen Bremer mit türkischen Wurzeln geheiratet, sind einst aus der DDR freigekaufte Berliner vom Rhein zurück an die Spree gezogen, Westfalen haben in Mecklenburg-Vorpommern ihr Glück gemacht, Niedersachsen in Thüringen – als Ministerpräsidenten zum Beispiel. Und ein Dresdner Schauspieler beeindruckt seit Jahren ein millionenstarkes Fernsehpublikum im „Münster-Tatort“.

Deutschland ist ein vitales Land, ein attraktiver Standort, eine vielfältige, bunte Gesellschaft, durch Persönlichkeiten geprägt, die Tradition wie Innovation überzeugend verkörpern:

Ein in Bangkok geborener Oberstleutnant leitet die Big Band der Bundeswehr, eine Chinesin wurde Vizepräsidentin einer bayerischen Universität, eine Syrerin ist in diesem Jahr Weinkönigin in Trier, ein türkischstämmiger Muslim war Schützenkönig einer katholischen Schützenbruderschaft in Werl/Westfalen, und eine Fernsehmoderatorin, deren Familie aus dem Irak stammt, verteidigt die Freiheit sowie die Rechte und Pflichten der Presse in Deutschland gegen demokratie­gefährdende Anwürfe. Deutsche Fußball-, Olympia- und Paralympics-Mannschaften sind erfolgreich, auch deshalb, weil ihre Mitglieder mit ihren Mannschaftskameraden mit welcher Herkunft und Hautfarbe auch immer, gemeinsame Ziele verfolgen und zusammen kämpfen. Unter einer Flagge.

***

Fotos (aus Wikipedia)

Oben – Reichstagsgiebel mit der Inschrift “Dem deutschen Volke”

Unten – moderne Auslegung, Reichstagshof mit der Inschrift “Der Bevölkerung”

Hans-Peter Meister

Przyszedł mail:

Drodzy,
proszę mnie rozumieć tak jak piszę w tym momecie i o tej sprawie. Ja nie mam pretensji do bycia literatem, poetą lub pisarzem. Od czasu do czasu szukam w formie pisemnej (w moim odczuciu osamotnionym dialogu ze sobą samym) uiszczenia emocji, uczucia, odczucia i ślepej kiszki itp i itd.
Nie o mnie tu się rozchodzi. Intensywnymi minutami się zastanawiałem jak prawie 20 lat temu widziałem, rozumiałem, słuchałem Hansa Petera…

Przepraszam Was, przepraszam za list otwarty i zaadresowany jednocześnie do Was wszystkich.

Ewo, Moniko, Sylwio, Witku i bliscy Hansowi Peterowi, Tomek zdeklarował się do przetłumaczenia tego tekstu na niemiecki. Proszę, sami oceńcie, czy taka jest potrzeba.

Jeśli tak to: człowieki,  ciężko dobrze, kurwa i kłamać są oryginalnymi zwrotami, zaczerpniętymi z przeszłości, z naszego prze/życia.

czuwaj

Filet

***
Też znałam Hansa-Petera od dawna, od zawsze. Mnóstwo robił i dużo wymagał od nas wszystkich. Opowiedział mi kiedyś historię, którą napisałam. Pierwsze opowiadanie, jakie napisałam po niemiecku. Nie podobało mu się. Trudno, czasem i tak bywa. Ja je do dziś lubię.

EMS

hanspeter

Andrzej Filet Fikus

„Człowieki są różnymi indywidualnościami“. Tak spuentowałeś ówczesne nasze spotkanie po latach, przy ponownej okoliczności w BuchBundzie. W moim odczuciu zwróciłeś tym uwagę na moje “noże” w morzu ludzkości i próbowałeś załagodzić mój gniew spowodowany kolejnym zdemaskowaniem jakiegoś oszustwa w socjalnej branży. Pokornie usprawiedliwiałeś się, że już nie jesteś aktywny w “Social-polit-arbeit“, bo przecież prozaiczne życie, utrzymywanie rodziny. Mówiłeś z zadowoleniem o córce przebywającej w Holandii. “Własna rodzina! Ja o tym marzyłem wiele lat i teraz jest ciężko dobrze”, podkreślałeś. Byłeś i pogodny, i zatroskany opowiadając o niej, o Karin i intensywnej własnej pracy.

Sobota, 02 października 2016, kolejna, dzięki również Twoim wieloletnim wysiłkom i postawionym również przez Ciebie pod nią fundamentom, impreza Polskiej Rady Społecznej w “Familien Garten“, Oranienstraße 34. Hans-Peter nie żyje!, rzucił Witek na powitanie. Jak nie żyje? No kurwa normalnie, zmarł, nie wiem, od Jacka wiem, dzwonił do niego, byle tam coś gadał, do Lutza, tamtej i tego też dzwonił, jakby się nudził, mieli niektórzy wrażenie. Ktoś powiedział, że skrzep na płucach, szybki rak. Poczułem nagle we wnętrzu ładunek wybuchowy z opóźnionym zapłonem lub może konia podkłutego kopnięciem w brzuch. Alarm! Co mam z tym wszystkim w brzuchomózgu teraz zrobić, gdy Cię niby już żywego nie ma? Tej samej nocy, czyli z soboty na niedzielę, śniłem o Tobie, bardzo realnie, w kolorach. Szybkim krokiem, w ortalionie, w zamglonych okularach przeskakiwałeś skrzyżowania, pędziłeś z torbą przewieszoną przez ramię, wchłaniając kolejne metry, do Rady oczywiście. W deszczu, ślisko i pod prąd; wtedy wiesz, że żyjesz. A pewno jak i w tym śnie, jak i wiele razy wcześniej, biegłeś, by komuś pomóc, niekoniecznie tylko Polakom. A w tym śnie, w barwach deszczu i Kreuzbergu, widząc Twoją postać: “Kurwa! Hans-Peter, przecież Ty żyjesz! Nie kłam, wczoraj mówili, że umarłeś!” Zerknąłeś w moją stronę i w typowym Ci rytmie: ”Tak, tak, potem, pogadamy, ja muszę, ważne sprawy“. I tyle Cię widziałem. Na moje szczęście znów.

Berlin 04.10.2016

Frauenblick: Ferrante 2

Monika Wrzosek-Müller

In Sachen Ferrante

Da ich bei Ewa über Ferrantes Bücher geschrieben habe, drängt es mich, nach der letzten Affäre um die Enthüllung ihrer Identität darüber zu berichten.

Natürlich kann jeder denken, was er will: wozu sich hinter einem Pseudonym verstecken, wozu dann aber so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Dient das Spiel mit dem Pseudonym als Werbung, als geschicktes Manöver, anders zu sein, in der medial bestimmten Welt aufzufallen durch Andersartigkeit? Das mag alles stimmen und es kann auch sein Zweck wunderbar erfüllt haben. Und doch…

Die Neugier der Menschen ist geweckt worden, warum kann dann ein Schriftsteller nicht ohne Gesicht für sich in einer stillen Kammer arbeiten, schreiben, sich hinter seinen Texten verstecken. Warum darf überhaupt der Mensch nicht gesichtslos agieren; hier aber stoßen wir auf ein sogenanntes weites Feld … warum gefallen uns Burka, Niqab, Tschador etc… nicht, und im Namen der Demokratie wollen wir sie verbieten, abschaffen. Es ist schon schwer, dazu eine klare Meinung zu haben. Im Fall der Schriftsteller ist das Problem viel einfacher; lassen wir den Text sprechen, beurteilen wir den Text. Wir müssen nicht im Leben des Autors herumstöbern, herumstochern alles nach außen wenden und dabei zusehen, wie der Autor sich windet und erklärt und vielleicht nicht so rosig da steht wie in seinen Büchern. Wir sind gewöhnt, alles schnell über jeden zu erfahren, zu verbreiten und zu urteilen.

Gerade solche Bücher, wie Ferrante sie geschrieben hat, die auf Emotionen basieren und diese hervorrufen, halb autobiographisch mit Empathie, provozieren Nähe zum Autor. Doch im künstlerischen Prozess müsste man den Abstand respektieren. Überhaupt muss man dem Menschen mehr Respekt zollen. Das Wissen über den wahren Namen und das dazugehörige Gesicht ändert nichts an dem Lesevergnügen ihrer Texte. Die Romane bekommen vielleicht einen tieferen Hintergrund, aber dass sie in Neapel gewohnt haben musste, war sowieso schon bekannt. Man sollte den Willen des Schriftstellers respektieren und ihn in Ruhe lassen.

Die Art, wie der italienische Journalist ihr nachspioniert hat, finde ich abscheulich. Es müsste eigentlich verboten sein, und es ist wahrscheinlich verboten, die Menschen zu durchleuchten, ihre Steuererklärungen durchzuarbeiten, nur um den Namen und das dazu gehörige Gesicht zu finden, nur damit die Boulevardpresse wieder einen Skandal zum Ausbreiten hat. Ich hoffe, sie wird sich wehren und ihm einen Prozess machen und diesen gewinnen, so wie viele Prominente, die gegen Paparazzi geklagt und gewonnen haben. Doch eine Sache bleibt unmkehrbar: ihre Identität ist enthüllt worden, sie muss etwas damit anfangen.

Eigentlich dient ihr, der Schriftstellerin, der ganze Rummel auch sehr, die Bücher werden noch bekannter und jeder liest sie. Und das ist gut so, denn sie sind es wert und bereichern uns.

***

Für die, die nix wissen, wie ich, und vom Enthüllungsskandal nichts wussten:

Es geht um die “Enthüllungen” des italienischen Journalisten Claudio Gatti, der gestützt auf Honorarlisten und Grundbucheinträge zu beweisen versucht, dass die römische Übersetzerin Anita Raja die “große Unbekannte” sei. So nennt der Suhrkamp-Verlag die Autorin auf der eigens eingerichteten PR-Webseite. Veröffentlicht hat Gatti seine Rechercheergebnisse – übrigens nicht die ersten Enthüllungsversuche in diesem Fall – gleichzeitig in vier internationalen Medien, unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und im New York Review of Books. Und zwar offensichtlich gegen den Willen der Autorin.

Verlorene Mühe

Ewa Maria Slaska

… einer Beschwerdeschreiberin

Im letzten Jahr oder so schrieb ich vier Mal Beschwerdemails an verschiedene Institutionen bzw. Einrichtungen in Berlin, darunter zweimal zu verschiedenen Anlässen an die BVG.

Alle meine vier Beschwerden schienen mir ziemlich wichtig zu sein. Sonst hätte ich sie nicht geschrieben.

Einmal hat man mir beantwortet, es hat aber gar nichts gebracht, dreimal passierte gar nichts. Also hier mein öffentlicher Appell an alle Institutionen des öffentlichen Lebens. Macht uns nicht vor, dass ihr euch um uns kümmert. Ihr tut es nicht. So einfach ist es.

Die Beschwerde Nummer 1 war die wichtigste. Ist auch die einzige, wo man mir antwortete. Am 6. Mai 2015 fuhren wir gegen 20 Uhr mit meinem Enkelsohn im ersten Wagen der U-Bahn Linie 1. Der Wagen war voll und gerade am Abfahren am Schlesischen Tor, als jemand in das Wageninnere eine Hustenbombe warf, wobei wir alle sofort zu husten begannen. Dank Initiative eines großen starken Mannes, wurde die erste Tür des Wagens gewaltsam geöffnet. Die U-Bahn wurde zwangsläufig gestoppt und wir alle könnten weglaufen. So schnell wie möglich. Ich war mit einem Kind da und nur seine Sicherheit war mir wichtig. Vielleicht ging es uns allen so.

Ich habe in meiner Mail betont, dass sich alles im ersten Wagen abgespielt hatte und wir durch die erste Tür weggelaufen sind. Und dass mit unserer Aktion der Zug gestoppt wurde, der schon im Begriff war, abzufahren. Diese drei Tatsachen MÜSSTEN die Aufmerksamkeit des Fahrers an sich ziehen. Ich habe auch genaue Uhrzeit genannt, wann es passiert ist – in der Annahme, dass man damit den Fahrer sofort identifizieren wird.

Na ja…

Und so war die Antwort:

Sehr geehrte Frau Bogucka-Slaska,

vielen Dank für Ihre E-Mail vom 06.05.2015.

Sie berichteten uns, dass in einem unserer Züge der U-Bahnlinie U1 eine chemische Substanz ausgeschüttet worden sein soll, die bei Ihnen und anderen Fahrgäste eine Atemnot und Husten ausgelöst hätten. Sie kritisieren, dass der Fahrer des Zuges nicht eingriff, sondern einfach weiter fuhr.

Es ist uns wichtig, dass unsere Fahrgäste gefahrenlos mit unseren Verkehrsmitteln fahren können. Daher werden unsere Fahrzeuge und Betriebsanlagen regelmäßig gewartet, inspiziert und gesäubert. Wenn in einem Fahrzeug wie der U-Bahn eine Verschmutzung auftritt, kann das Fahrpersonal dies nicht immer umgehend wahrnehmen. Wir sind daher hier auf die Hilfe unserer Fahrgäste angewiesen. Da Sie von einer offenbar gefährlichen chemischen Substanz sprachen, haben wir drei in Frage kommende Zugfahrerinnen und Zugfahrer ermittelt und zum Sachverhalt befragt.

Keiner der befragten Kollegen konnte sachdienliche Angaben zum Vorfall machen. Eine Überprüfung der Aufzeichnungen der Betriebsleitstelle U-Bahn ergab ebenfalls keine Hinweise. Daher war auch ein Sichern von Videodaten nicht möglich. Uns verwundert, dass weder Sie noch andere Fahrgäste sich beim Fahrer gemeldet haben. Zudem haben wir außer Ihrer Eingabe keine weiteren Beschwerden über diesen Vorfall erhalten. Wir können uns daher den Sachverhalt nicht erklären und diesen auch nicht aufklären.

Obwohl wir Ihrem Wunsch nicht entsprechen können, freuen wir uns, Sie auch weiterhin als Fahrgast in unseren Verkehrsmitteln zu begrüßen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephanie König
Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)
Kundenservice FVS-B2 (IPLZ 43431)
Telefon: +49 30 19 449
Telefax: +49 30 256-49256
Mail: info@bvg.de

Also, man kann niemandem identifizieren, keiner weißt was und wir sollten uns selber darum kümmern, dass sich der Fahrer um uns kümmert… Danke BVG! Dies erinnerte mich an eine dramatische Situation in meinem Leben in Berlin. Jemand ist in meine Wohnung eingebrochen und erzählte mir, mich umbringen zu wollen. Nach Stunden habe ich es geschaft, ihn aus meiner Wohnung auszuschmeißen. Die Polizeit tat wenig, bis ich selber mit meinen Nachbarn entdeckt habe, dass der Einbrecher im Gartenhaus bei uns wohnt. Wir haben ihn der Polizei ausgeliefert, die mit ihm sprach und frei ließ. Ich rief die Polizei an und fragte, was es soll: Wer wird sich jetzt in solcher Situation um mich kümmern? Die Antwort war klar: Ihre Sicherheit, Frau Slaska, ist ihre Sache.

Na klar.

Jetzt lerne ich noch etwas dazu: Ihre Beschwerde, Frau Slaska, ist ihre Sache. Ich brauchte aber noch drei Beschwerden, bis ich es kapiert habe.

Die Beschwerde Nummer 2 ging auch an die BVG. Ich klagte, dass man in der U-Bahn eine neue Chemikalie anwendet (billigere Putzmittel?), die in mir eine sofortige Allergie hervorruft. Ich steige in die U-Bahn ein und beginne sofort zu niesen.

So…

Die Beschwerde Nummer 3 betraf ebenfalls Allergie und ging an Möbel Kraft. Ich kaufte einen neuen Schreibtischsessel… Es dauerte eine Woche bis ich entdeckt hatte, dass er meine plötzlich auftretende nächtliche Allergieanfälle verursacht hatte… Ich schrieb Möbel Kraft an, die Antwort… na ja, Sie ahnen schon…

Oder…

Und endlich etwas, was mit der Kultur und nicht mit meinem allergisch empfindsamen Wesen zu tun hat. Meine Beschwerde Nummer 4, eine Mail an Kino Kunst66, abgeschickt am 30. Juli bezeugt dafür meine soziale Empfindlichkeit.

Meine Lieben Damen und Herren vom Kino Filmkunst66

Ich war heute bei Ihnen mit insgesamt 8 Freunden und möchte mich beschweren.
Wir kamen in zwei Gruppen, um den Film Mit Jacqueline unterwegs zu sehen. Zuerst ich mit 4 Personen und dann weitere 4.
In meiner Gruppe waren 2 erwachsene Frauen (beide mit Berlin Pass) und 3 Kinder. Ausser mir waren alle aus der Gruppe Flüchtlinge. Und ich – Rentnerin.
Ihr Mitarbeiter verweigerte uns jedwede Ermäßigung mit der Erklärung, es ist Wochenend und am Wochenend gelten keine ermäßigten Preise.
Ich habe jedoch damit gerechnet, dass wir weniger zahlen und mir fehlte, bei so großem Ticketeinkauf sage und schreibe 2,5 €!
Ich versuchte zu erklären, dass es Kinder sind, Flüchtlinge, Berlinpass, ich dazu noch Rentnerin… Zig Gründe um Ermäßigung zu bekommen. Es wären dann 5 € weniger und mein Geld hätte gereicht, weil ich den Tag mit meinen Schützlingen sehr sorgfältig, auch finanziell, geplant habe…
Ihr Mitarbeiter zeigte sich nicht bereit, um ein Deut von dem Preis abzutreten. Es “rettete mich” die Flüchtlingsfrau, die diese fehlende 2,5 € bezahlt hat.
Und jetzt: abgesehen von alledem, was ich hier geschrieben habe, bemerken Sie auch, dass:
1/ man kann bei Euch nicht mit der Karte bezahlen!
und
2/ die Preistabelle auf Ihrer Internetseite ist keineswegs eindeutig – schauen Sie selber an. Wir haben alle verstanden, dass wir eine oder andere Ermäßigung auch heute bekommen.
Alles in allem: ich habe Ihnen heute 8 andere Kunden mitgebracht, und ich habe sowohl in meinem Blog als auch auf dem Facebook Werbung für Euch gemacht und ich bereue es sehr (obwohl ich den Film nach wie vor sehr gut finde!).

Mit freundlichen Grüßen

Ewa Maria Slaska
Bloggerin und FlüchtlingsPatin
https://www.facebook.com/ewamariaslaska
https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2016/07/30/nieulegla-krowa-czyli-porady-kulturalne-na-lato/

Und Danke für Eure Aufmerksamkeit!

fuckyou

Nord-West Passage

Diese Geschichte begleitete mich Jahrelang… Nordwestpassage: Ausgerüstet mit Proviant für drei Jahre fuhren Franklin und seine Leute 1845 los und überwinterten zweimal erfolgreich. Auf den zweiten Winter aber folgte ein Sommer, der so kalt war, dass die eingefrorenen Schiffe nicht mehr freikamen. Franklin starb, und am Ende des dritten Winters wagten die verzweifelten Überlebenden den Marsch über das Packeis.

Mein Vater Dariusz Bogucki (1927-2002) war ein Polarsegler, der im Laufe seines Seglerlebens Grünland, Labrador, Spitzbergen und die Insel Jan Mayen auf einem Yacht erobert hat. Insgesamt war er 12 Mal mit einem Yacht auf den Polarwasser, davon sieben Mal als Kapitän. 1975 fuhr er auf dem Segelschiff “Gedania” mit neun Crew-Mitglieder los, um die Nordwestpassage, einen nordlichen Wasserweg zwischen Atlantik und Pazifik, zu erzwingen. Es sollte der erste Versuch nach Franklins-Expedition gewesen sein.

Nordwestpassage

Mein Vater ist gescheitert, nicht aber wegen des Winters und des Eis, sondern wegen der kanadischen… Bürokratie, die in den 70ern keine Menschen aus dem Ostblock auf ihren geheimen Gewässer wünschte. Vater und seine Besatzung bekamen kein Erlaubnis, Nordwestpassage zu überqueren und versuchten trotzdem ohne Erlaubnis in diese berüchtigte Enge einzudringen. Eine Woche lang gingen sie hinein und die kanadische Militär hat sie gesucht. Sie wurden aufgefangen, abgeführt und zurück zu Atlantikküste gebracht. Sie segelten weiter; während dieser Segelfahrt erreichten sie ein anderes bis dahin nie erreichtes Ziel: Sie waren die erste Crew, die Arktis und Antarktis (samt Umfahrung des Capes Horn) bei einer und dasselber Fahrt anfuhren. Darüber hat mein Vater ein Buch geschrieben.

Mit dem hier reblogten Text, den mir Ania zugeschickt hat (danke Ania!), bekommen sie vielleicht den Eindruck, wie wir uns fühlten als Vater und seine Leute aus Gdańsk losfuhren. Wir wussten nicht, ob sie in drei Jahren zurück sind, oder in vier, oder gar… nein, über andere Möglichkeiten wollten wir gar nicht denken.
Vater und seine Leute kamen zurück.
Dariusz Bogucki starb am 22. September 2002. Es sind heute 14 Jahre. Du fehlst uns, Papa!


Forscher finden legendäres Arktis-Wrack 

Nach 168 Jahren haben Forscher das zweite verschollene Wrack der berühmten Franklin-Expedition gefunden. Aber was passierte 1848 genau mit den Schiffen in der Arktis? Es gibt neue Rätsel.

Es war eine eisige Katastrophe, die viele Menschenleben gefordert hat: Als der britische Polarforscher John Franklin 1845 mit der HMS “Terror” und der HMS “Erebus” aufbrach, um die damals legendäre Nordwestpassage zu finden, ahnte noch niemand, dass es Franklins letzte Reise werden sollte.

Keiner der 129 Männer, die zu der Expedition aufgebrochen waren, kehrte zurück. Welches Schicksal sie genau erlitten, ist bis heute ein Rätsel geblieben – ebenso der Standort der Schiffe. Dabei haben sich schon kurz nach dem mysteriösen Verschwinden etliche Arktisforscher in zahlreichen Expeditionen auf die Suche nach Franklin und seinen Leuten gemacht. Zudem fahndeten Generationen von Historikern und Archäologen nach Hinweisen.

Was damals genau passierte, könnte nun vielleicht geklärt werden. Denn Forscher aus Kanada haben das zweite noch verschollene Wrack der beiden Expeditionsschiffe gefunden – das erste konnte 2014 geortet werden. Laut den Mitgliedern der Arctic Research Foundation handelt es sich bei dem neuesten Fund um die HMS “Terror”. Das Wrack liegt in außergewöhnlich gutem Zustand in etwa 24 Meter Tiefe auf dem Grund einer Bucht der King-William-Insel – gut 250 Kilometer nördlich des Polarkreises und fast hundert Kilometer südlich von der bisher vermuteten Unglücksstelle.

Die Forscher konnten bereits einen ferngesteuerten Tauchroboter in das Schiff schicken, der mit einer Kamera Bilder aufgezeichnet hat. “Wir haben die Schiffsmesse identifizieren können, einige Kabinen und den Vorratsraum. Dort sahen wir noch Teller – eine Konservendose stand sogar noch im Regal”, teilte Expeditionsleiter Adrian Schimnowski dem “Guardian” per E-Mail mit. Auch zwei Weinflaschen und eine noch offen stehende Schublade mit einem Gegenstand darin sei entdeckt worden.

Die drei Masten des Schiffs seien gebrochen, die Stümpfe würden aber noch aufrecht stehen. Zudem fanden die Forscher das Schiff mit geschlossenen Luken vor. Sogar die Glasscheiben von drei der vier Fenster der Kabine von Kapitän Francis Crozier seien noch intakt. “Das Boot ist in einem so guten Zustand, dass es vermutlich schwimmen könnte, wenn man es heben und das Wasser abpumpen würde”, so Schimnowski.

Seit 2008 hatte Kanada die Suche nach den beiden Schiffen verstärkt und war jährlich in die Arktis gefahren. In den vergangenen Jahren hatte der Klimawandel die Suche erleichtert: Der meist gefrorene Seeweg der Nordwestpassage war öfter eisfrei.

Laut den Forschern ist das Schiff nun aufgrund des Hinweises eines Inuit-stämmigen Mitglieds der Crew entdeckt worden. Auf einem Jagdausflug soll der Mann vor Jahren ein Stück Holz gesehen haben, das aus dem Wasser der vereisten Bucht ragte und wie ein Schiffsmast ausgesehen habe. Dem Bericht wollten die Forscher nachgehen, bevor sie in das offizielle Suchgebiet weiter nördlich fahren wollten.

Doch die Suche in der Bucht am Morgen des 3. September hatte zunächst kein Ergebnis gebracht. Erst als das Expeditionsschiff “Martin Bergmann” dann direkt über das Wrack gefahren sei, wären auf dem Display des Sonargeräts Umrisse erkennbar gewesen. Anschließend untersuchten die Forscher das Wrack mit dem Tauchroboter. Die Aufnahmen verglichen sie mit Bildern und den Bauplänen der “Terror”, um sicherzugehen, dass es sich um das gesuchte Schiff handelt.

Ein typisches Merkmal der “Terror” sei ein auffälliges Abgasrohr der Dampfmaschine gewesen, die dem Segler zusätzlichen Antrieb im Eis geben sollte. Ein solches Rohr rage bei dem Wrack an genau derselben Stelle aus dem Deck. Laut Schimnowski müsse das etwa 31 Meter lange Schiff sehr sachte und langsam gesunken sein, das verrate die Lage auf dem Meeresboden. Nun sollen Unterwasserarchäologen das Schiff untersuchen und die Aufnahmen auswerten, um endgültige Klarheit über die Identität des Schiffs zu erlangen.

Die Arctic Research Foundation wurde von dem kanadischen Millionär Jim Balsillie gründet, der auch Initiator der Expedition war. Zum Ablauf der Katastrophe vor 168 Jahren hat er eine neue Theorie: Die Lage und der gute Zustand des Wracks ließen den Schluss zu, dass das Schiff von einigen Crewmitgliedern bewusst verlassen worden sei. Es seien dann aber Seeleute an Bord der HMS “Erebus” gegangen, um so weiter nach Süden zu gelangen.

Bisher gingen Historiker davon aus, dass beide Schiffe von allen Expeditionsteilnehmern am 22. April 1848 verlassen worden waren, um auf dem Landweg vor den Eismassen zu flüchten – ein Plan, der bekanntlich tragisch scheiterte. Aber eine später in einem Steinmahl gefundene Notiz, die von Francis Crozier, dem Kapitän der “Terror”, unterzeichnet worden war, berichtete von dem Vorhaben. Doch nach den neuesten Erkenntnissen könnte ein Teil der Crew eine Rückkehr mit der “Erebus” versucht haben. Auch das Abdriften der Wracks im Treibeis wird vermutet – das hat die Suche besonders schwierig gemacht.

Die Überreste der “Erebus” wurden vor zwei Jahren weiter südlich gefunden. Das Wrack lag in elf Meter Tiefe, war aber in einem deutlich schlechteren Zustand. Archäologen konnten bisher neben einigen Gegenständen auch die Schiffsglocke von Franklins Flaggschiff bergen.

***

Am 19. Mai 1845 war der verdiente britische Admiral und erfahrene Polarforscher Sir John Franklin mit zwei Schiffen und 129 Mann Besatzung ausgelaufen, um die Nordwestpassage zu finden. Ausgerüstet mit Proviant für drei Jahre überwinterten sie zweimal erfolgreich. Auf den zweiten Winter aber folgte ein Sommer, der so kalt war, dass die eingefrorenen Schiffe nicht mehr freikamen. Franklin starb, und am Ende des dritten Winters wagten die verzweifelten Überlebenden den Marsch über das Packeis.

Die britische Marine unternahm für die aufwendig ausgerüstete Expedition diverse Rettungsversuche: Auf zunächst drei erfolglose Expeditionen folgte die größte Suchaktion des 19. Jahrhunderts: 1850 schwärmten 14 Schiffe aus, um Franklin und seine Crew zu finden. Es war der Beginn einer ganzen Folge von Suchexpeditionen, die sich bis 1855 hinzogen. Nicht wenige der Expeditionsteilnehmer gerieten selbst in Gefahr und mussten gerettet werden. Am Ende fanden bei den Suchaktionen mehr Menschen den Tod als durch die Franklin-Expedition.

Die Retter fanden zunächst einige wenige Zeugnisse und Nachrichten, die von Krankheiten und Todesfällen berichteten. 1854 schließlich stieß der Polarforscher John Rae auf Inuit, die Gegenstände besaßen, die offensichtlich Franklins Männern gehört hatten. Sie berichteten von verzweifelten Hungergestalten, die sterbend über das Eis zogen – und davon, dass sich die Männer am Ende gegenseitig gegessen hätten.

Die Bestätigung dieser Geschichte, die in England und Kanada auf Empörung stieß, lieferte 1859 der von Franklins Witwe direkt beauftragte Francis Leopold McClintock. Er fand Knochen und verstümmelte Leichen, die Spuren von Kannibalismus aufwiesen.

Die Suche nach Franklins Schiffen aber sollte für den Rest des 19. Jahrhunderts nie ganz aufgegeben werden. Noch 1913 finanzierte der kanadische Staat Expeditionen – sieben Jahre nachdem Roald Amundsen die Durchfahrt der Nordwestpassage erstmals gelang. 1992 erklärte Kanada den Ort, wo Franklins Schiffe sanken, zu einem Ort von nationaler Bedeutung.

Frauenblick: L´Amica geniale

Monika Wrzosek-Müller

Elena Ferrante, „Meine geniale Freundin“

Wieder fuhr ich nach Italien und atmete meine Luft der unbegrenzten Toleranz und Neugier für alle und alles. Ich las viel Zeitung, schaute Nachrichten im Fernsehen und spürte, wie anders die Welt mit den Augen der Italiener aussah; obwohl es nicht weniger Probleme gab. Sie wurden nur anders angegangen und obwohl die Zahlen und die politische Ereignisse für Pessimismus sorgten, konnte ich auf der menschlichen Ebene alles andere als Kälte, Abweisung und Unverständnis erleben und ich wünschte mir, Europa würde Italien helfen. Dem Land, das inzwischen zum Hotspot der Flüchtlinge geworden ist, das von Erdbeben immer wieder erschüttert wird und doch wirklich menschlich und hilfsbereit bleibt.

Auf diesem Hintergrund stoße ich auf eine Schriftstellerin, von der ich in Berlin schon gehört habe. Im Flugzeug, im „Spiegel“, las ich ein Interview mit einer italienischen Schriftstellerin, die sich hinter einem Pseudonym versteckt und mit ihren letzten Büchern über das Leben in Neapel für Begeisterung sorgte. Hier angekommen besorgte ich mir das erste Buch aus der Reihe L´Amica geniale, das in diesen Tagen auch in deutscher Übersetzung erscheinen soll. Es sind vier Bände mit über 1500 Seiten, in Italien schon alle vier Bestseller, in Deutschland hoffentlich bald auch. „Meine geniale Freundin“ erscheint im Herbst in Suhrkamp Verlag mit 422 Seiten, weitere Bände sollen bald folgen.

Schon im Interview spürte ich, dass mir die Schreibart und das Thema gefallen würden. Dazu kam die Tatsache, dass die Schriftstellerin ihre Identität hinter dem oben angegebenen Namen versteckt, also existiert sie nach außen nur in ihren Büchern und den schriftlichen Interviews, die sie sporadisch und dann aber sehr ausführlich gibt. In Italien erscheinen ständig Bücher von ihr; das letzte gerade eine neue Ausgabe von Frantumaglia: eine Sammlung von Aufsätzen, Interviews, Essays. Das Paradoxe bei Ferrante ist, man weiß fast alles, was sie denkt, doch wer sie als reale Person ist, bleibt immer noch geheim. Aus kleinen Fetzten in Interviews baute man inzwischen einige Fakten der Biografie zusammen; dass sie in Neapel und Turin gewohnt hat, dass sie eine Frau ist (war lange umstritten), dass sie einen anderen Beruf auch noch ausübt, dass sie Familie mit Kindern hat… Das sorgt natürlich für mehr Aufmerksamkeit und Interesse, doch die Schriftstellerin beharrt auf ihrem Inkognito auch als Programm, ihr Schreiben sei wichtig, da teilt sie alles mit, sie selbst wolle im Schatten bleiben. In der Zeit, in der alles allen mitgeteilt, fotografiert und zugänglich gemacht wird, eine scheinbar seltsame Verhaltensweise.

Ich stürzte mich auf das Buch, meine Kenntnisse des Italienischen reichen gerade so, dass ich den Text und Kontext verstehe, doch nicht alle Nuancen und Redewendungen, besonders die aus dem Neapolitanischen Dialekt. Das Buch liest sich wie ein Fluss, die Sätze und die darin enthaltenen Gedanken folgen einer Strömung, die man nicht anhalten kann und die einen in den Zustand des Entzückens und fast der Hypnose versetzen; man will unbedingt weiter. Die beiden Protagonistinnen Lena, von allen Lenù genannt, und Lila (Greco und Cerullo mit Familiennamen) treffen und lernen sich kennen in einem verfallenen barocken Bürgerhaus (Pallazo) in einem heruntergekommenen Stadtteil von Neapel und suchen nach ihren Puppen Tina und Nu, die sie im Streit, während einer Mutprobe, in den Keller geworfen haben. So beginnt ihre Freundschaft und Rivalität und ihr Leben, das die Schriftstellerin uns vorführt. Wir verfolgen die Jahre mit den Augen von Lenù, der ruhigeren und ausgewogeneren, die sich immer wieder mit ihrer Freundin messen und sie überholen will und doch eine zarte Zuneigung und Hochachtung für die andere hegt. Die Erzählerin ist auch diejenige, die dann schreiben wird. Wieviel Klugheit und Wissen über das Leben in den engen Straßen wir dabei erfahren, verdanken wir der Beobachtungsgabe und Empfindsamkeit der Schriftstellerin. Manchmal kommen mir die beiden Mädchen mit ihren zwölf oder dreizehn Jahren unheimlich erwachsen und klug vor, weit erwachsener als die heutigen 25-jährigen, die keine wirklichen Mutproben zu bestehen haben. Wir erfahren das Leben mit allen seinen Facetten: es ist grausam und brutal, bis aufs Blut wird geschlagen, mit Hass und Liebe, die zärtliche und unschuldige aber auch die zerstörende und schmutzige Liebe; und vor allem sehen wir, wie unheimlich kompliziert die Entscheidungen waren, wer was im Leben geworden war; trotz der markanten Charaktere, trotz des starken Willens. Wir bemerken erstaunt, wie wichtig die Lehrer damals waren, wie weit sie das Leben der Schüler bestimmen konnten, weit mehr als ihre eigenen Eltern. Die Eltern kommen immer wieder auch vor und da treffen wir auf Leute, die fast nie aus ihrem Stadtteil herausgekommen sind, geschweige denn sich ans Meer (in Neapel!) nach Ischia, Capri oder die Costa Amalfi hinaus gewagt haben. Vor allem aber sind wir gespannt, wie ich schon seit langem nicht mehr, auf die weiteren Ereignisse. Dieses Panorama des Lebens entführt uns und zeigt, dass alles möglich, alles erlebbar ist. Und dabei ist es kein bisschen kitschig, die beiden Mädchen sorgen dafür.

Es ist auch ein Buch über Freundschaft, die da in Neapel unheimlich viel bedeutet hat und vielleicht auch noch bedeutet, denn hier geht es gar nicht um die ferne Vergangenheit; es sind die sechziger Jahre. Die Freunde, amici, helfen einem, können aber auch vernichten. Der wirtschaftliche Aufbruch im rione (dem Stadtteil) wird an den vielen Unternehmen, die dort entstehen, sichtbar; das Geld, wie man reich wird, ist auch ein Thema. Die eine will es mit Bildung versuchen, die andere träumt von einer Manufaktur für exzellente Schuhe, braucht aber Startkapital, das sie durch eine Heirat zu bekommen hofft. Doch was das Leben weiter gehen lässt, sind die Emotionen: Freundschaft, nicht nur zwischen den Mädchen, sondern auch ihre männlichen Freunde, die sie beschützen und umgarnen, Liebe, Hass und Unmut, die Gegensätze. Das Buch ist bunt von Stimmungen, von den Erwartungen und Kämpfen der jungen Mädchen, die zum Schluss des Romans als erwachsene Frauen angesehen werden und sich selbst so empfinden und eine von ihnen heiratet mit ihren gerade vollendeten 18 Jahren. Vor allem erfahren wir glaubhaft nah und nachvollziehbar, wie das Leben in Neapel in der Zeit ausgesehen hat, wie die Menschen arbeiteten, wie sie untereinander Konflikte ausgetragen haben, wie sie ihre Freizeit verbrachten (immer in der Bar und mit ausgedehntem Promenieren an der Hauptstraße).

Für mich, die Neapel und Ischia sehr gut kennt und die Straßen und Viertel, die im Buch beschrieben werden, auch selbst abgelaufen hat, fühlt es sich an, wie ein langer, ein sehr dichter, emotionaler Spaziergang zurück in die so schöne und aber leider sehr vernachlässigte, an vielen Ecken fast zerstörte italienische Stadt.

Von ganzem Herzen empfehle ich das Buch zu lesen.