Juhuuu! Ich! Ich und mein Blog! Ich!

Ewa Maria Slaska

Die Sache ist vielleicht nicht ernst, aber die Zusammenarbeit, die hier gelobt ist, entstand durch diesen Blog und ich bin stolz drauf!

Der Anfang aller Freuden war ein kleiner schöner SF Text von Anna Rosner aus Warschau über die Sprottauer Kleinbahn, den ich vor fast genau einem Jahr veröffentlichte, und der hier zu lesen ist… Bez biletu wysiadasz (Ohne Fahrkarte aussteigen)
https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/06/17/nowa-polska-proza/

szprotka3

Ich fand den Text so lustig, und schön, und lesewert, dass ich den obigen link hierher schickte mit der kleinen Frage, ob es für die Adressaten vielleicht interessant wäre… usw. Das “hierher” bedeutete in diesem Fall die Internetseite über die Kleinbahn in Schlesien und Lebuserland:

Die prompte und sehr freundliche Antwort kam von dem Koordinator der Seite Mieczysław Bonisławski samt den Text Wiadukt – ebenso ein SF Text über die Sprottauer Kleinbahn. Und ebenso lustig, schön, lesewert…

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/07/04/zima-mgla-pociagi/

Als Redakteurin fand ich es merkwürdig, dass diese kleine, nicht mehr existierende Bahnlinie zugleich zwei schöne Texte inspiriert hat, beide  aus der Gattung Science Fiction (aber nicht diese SF mit den Drachen und Magie, sondern – beide – in dieser angenehmer Form, wo alles fast real ist und nur die kleine Zeit- und Raumverschiebungen stattfinden).  Noch mehr: In den beiden ist auch die Wetterlage gleich – es ist kalt, dunkel und neblig…

szprotka2

Beide Autoren – Anna Rosner und Mieczysław Bonisławski – publizierten noch hier weitere Texte (und ich hoffe, dass sie mir jetzt auch weitere zusenden:-).

Mieczysław Bonisławski stellte mir aber zugleich mehrere Fragen betreffend die Geschichte “seiner Kleinbahn” und Archivalien, die man eventuell gerade in Berlin aufbewahrt. Die Fragen konnte ich selber nicht beantworten, wusste aber sofort, dass ich dazu  Dr. Andreas Jüttemann brauche, den ich aus unserer gemeinsamen Zeit im Verein Städtepartner Stettin kannte, dessen Vorsitzende ich (jetzt) bin (damals war ich aber noch keine ebenso wie er noch kein Doktor war) und der sich schon immer für Verkehrswesen interessierte… Wir haben uns aus den Augen verloren, aber doch jeder ist heutzutage zu finden, was eigentlich erschreckend ist, nun andersum – jeder ist früher oder später zu finden. Auch Andreas. Ich schrieb ihn an.

Er meldete sich umgehend, wir traffen uns zum Kaffee, schmieden mehrere Pläne miteinander…

Ja, wie man sieht, bei uns hat er dann im Oktober einen Vortrag gehalten, der unglaublich spannend war (glaubt mir – man hätte nie gedacht, dass das Verkehrswesen so spannend sein kann) und mit Mieczysław Bonisławski machten sie gemeinsam eben Folgendes:

Der Architekten- und Ingenieurs-Verein zu Berlin lobt bis heute alljährlich einen Wettbewerb unter Architekturstudenten aus, um besondere architektonische und stadtplanerische Herausforderungen zu bearbeiten. Im Jahre 1925 war das Ziel des sog. “Schinkelwettbewerbs”, Bauideen für die Sprottauer Kleinbahn, eine unter chronischem Fahrgastmangel leidende Nebenbahn zwischen der schlesischen Kreisstadt Grünberg (Zielona Góra) und dem Ort Sprottau (Szprotawa) an der Bahnstrecke Berlin-Breslau, einzureichen.

Der junge Student der heutigen TU Berlin, Gerhard Weiler, gebürtig aus Rauscha () stammend, nahm daran teil und gewann. Später sollte er als Architekt bei der Reichsbahn anfangen.

Weilers filigran ausgearbeitete Pläne verschwanden in den Schubladen, da der Personenverkehr auf der Kleinbahn immer weiter zurückging und nach dem Zweiten Weltkrieg dann sukzessive eingestellt wurde. Vor einigen Jahren entdeckten polnische Eisenbahnenthusiasten die Geschichte der Strecke (die heute übrigens als Radweg dient) wieder und gründeten ein kleinen Eisenbahnmuseum in Grünberg.

Faksimiles der Pläne aus dem Architekturmuseum der TU Berlin werden zunächst vom 11.7-4.8.  in den Räumen des Architekten- und Ingenieursverein zu Berlin (AIV), der 1925 den Schinkelwettbewerb auslobte, gezeigt und gehen danach in den Bestand des Eisenbahnmuseums Grünberg über. Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Fachbereich Arbeitslehre, Technik und Partizipation an der TU Berlin erstellt wurde, ist mit Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gefördert worden.

Mit einer kleinen Präsentation am Montag 11.7 um 18 Uhr (mit Wein und Snacks) wird die Schau eröffnet und ist danach jeden Dienstag und Donnerstag zwischen 10-15 Uhr (und nach Vereinbarung) in den Räumen des AIV, Bleibtreustraße 33 (am Ku’damm), zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Dr. Andreas Jüttemann

szprotka1

So also hat mein Blog es bewirkt, dass diese Ausstellung zustande gekommen ist… 🙂
Und fast ein Jahr später findet man Bericht darüber hier: 2017_10_16_Annales 2016 Arial Narrow 9.5 v7

Rettet das Luch, auch wenn Ihr nicht wisst, was Luch ist…

Ewa Maria Slaska und Christine Ziegler

Luch…

Um über Luch zu schreiben, muss man weit ausholen… Wie aber die Engländer richtig sagen first things first, das heißt: Rettet das Luch… Na dann nix wie hin, zur Petition! Der Aufruf zu unterschreiben kommt von meiner Freundinnen aus der Regenbogenfabrik, was für mich nur eins bedeutet: Da brauchst du nichts nachzuprüfen, es ist sicher richtig. Wie war es gestern in dem Film The Intern (Man lernt nie aus)? Es ist nie falsch, etwas richtiges zu tun. Na bitte… Ich unterschreibe die Petition und erst dann beginne ich meine Nachforschungen zum Thema Luch. Für mich und für Euch. Ich gehe auf die Internetseite, finde übliche Schleife mit den Fotos und dann…

luch

Na sowas…! I Even Met Happy Gypsies or something like that, isn’t it? Muss man aber früh aufstehen, um so ein Foto zu schiessen…

Die Leute aus der Wandergruppe um Christine herum stehen gern früh auf. Seit ein paar Jahren wandern sie unermüdlich um Berlin herum. Es began mit einem (gar nicht) unmöglichen Geburtstagswunsch von Christine. Sie schrieb damals an ihre Freunde:

Für mein neues Jahr, dass nun schon übermorgen beginnt, habe ich mir einen guten Vorsatz entwickelt: ich möchte einmal im Monat eine Wanderung machen. Das hält fit, erfreut das Herz und weitet den Horizont, hab ich mir gedacht. Doch jedeR weiß ja, was aus guten Vorsätzen so wird, wenn das Jahr sich hinzieht und deshalb habe ich mir weiter überlegt: Mit deiner und eurer Hilfe wird aus dem guten Vorsatz eine richtig tolle Wanderung – monatlich.

was aus fitnessgründen begann, wurde ganz allmählich ein vertieftes kennenlernen der brandenburgischen landschaft und ein neues verstehen von ökologischen zusammenhängen, ganz besonders, wenn es darum ging, die großen vögel, sei es großtrappen oder kraniche, zu beobachten. sei es, die neuen einwanderer, die wölfe, in den offengelassenen truppenübungsplätzen kennenzulernen. jeder waldlehrpfad half uns neu auf die sprünge, wie wichtig biotope sind und wie großartig das gleichgewicht der habitate ist. und wie sehr der mensch, selber der natur zugehörig, sich mit der immer schnelleren entwicklung von technik und industrie, davon entfremdet. und wir dabei in die gefahr kommen, unsere ureigenen lebensgrundlagen zu verlieren.

Die Mail von Christine kam ganz im Blau, daher ist es auch hier Blau. Auch die Schreibweise ist von ihr. Die Worte wecken mich… Großtrappen, Kraniche, Wölfe… Ich war mit der Gruppe auch ein paar Mal wandern. Einmal zu Großtrappen, einmal zu Mahlsdorf. Irgendwann dann bei der Wanderung habe ich auch das Wort Luch gehört. Etwas kaltes, nebliges, nasses… Schönes…

liebe ewa,

das malchower luch erstreckt sich zwischen der stadtrandsiedlung malchow im westen und dem fließgraben (in dem einige seltene Pflanzenarten, z.B. der Röhricht, leben) im osten auf einer Länge von ca. 2 bis 3 km.

also von uns aus gesehen ist das total osten, zwischen pankow und wartenberg.

Also Leute, bitte, rettet das Luch!

Für diejenige, die es unbedingt genau wissen müssen: Luch in Wikipedia:

Der Begriff Luch bezeichnet ursprünglich eine ausgedehnte, vermoorte Niederung in Nordostdeutschland, speziell in Brandenburg. Man findet Luche vor allem in den Jungmoränengebieten; sie kommen aber auch in der Altmoränenlandschaft vor.
Lôch, f., lateinisch ‚labina, palus‘ ein Wort für ‚Sumpfwiese, Feuchtgebiet‘.

Und für die Polen, die es wissen wollen – słowo jest typowo brandenburskie, ale coś w rodzaju mokradeł będzie tu chyba dobrze pasowało. Tłumacz z googla nie znalazł odpowiednika ani dla niemieckiego Luch, ani dla łacińskiego labina, ale palus to bagno. A jak wpisuję mokradło i każę przetłumaczyć na łacinę, to też wychodzi palus!

No! Bardzo lubię. Całe dzieciństwo prowadzano mnie na spacery albo po plażach, albo po morenach, albo po mokradłach.

Reblog: Anhalter Bahnhof

Erinnerung in einem Klavierabend
Die vergessenen Künstler

1943 wird einer der begabtesten deutschen Nachwuchs-Virtuosen wegen “Wehrkraftzersetzung” hingerichtet. Im Rahmen des “Ungespielten Konzert” des Pianisten Florian Heinisch soll nun an ihn erinnert werden.

in der Rubrik Anhalter Bahnhof (Tagesspiegel 24.06.2016)

Am 3. Mai 1943 ist in Heidelberg ein Klavierabend angekündigt. Karlrobert Kreiten, ein Jungstar der deutschen Pianistenszene, soll Werke von Bach und Chopin, Mozart, Beethoven und Liszt spielen. Doch am Abend bleibt das Podium leer. Kreiten ist am Nachmittag verhaftet worden. Vier Monate später wird er zum Tode verurteilt. Sein Verbrechen: „Wehrkraftzersetzung“. „Ein solcher Mann hat sich für immer ehrlos gemacht“, heißt es in dem vom Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, unterzeichneten Urteil. „Er ist in unserem jetzigen Ringen – trotz aller beruflicher Leistungen als Künstler – eine Gefahr für unseren Sieg.“

Am 7. September 1943 wird einer der begabtesten deutschen Nachwuchs-Virtuosen hingerichtet – weil er einer Jugendfreundin seiner Mutter gegenüber keinen Hehl daraus gemacht hat, wie sehr er die Nazis und ihren Vernichtungskrieg verachtet. Was der 27-Jährige nicht ahnte: Er saß einer „gläubigen Nationalsozialistin“ gegenüber, wie es im Urteil heißt – die es für ihre politisch-patriotische Pflicht hielt, ihren Gast bei der Geheimen Staatspolizei zu denunzieren. Von Heidelberg wird Karlrobert Kreiten direkt nach Berlin gebracht, ins Gestapo-Gefängnis unweit des Anhalter Bahnhofs, also an jenen Ort, an dem heute die „Topographie des Terrors“ über die Verbrechen informiert, die hier begangen wurden.

63 Jahre nach der Verhaftung des für seine leidenschaftliche Ausdruckskraft gefeierten Pianisten, der es wagte, verbal gegen den „totalen Krieg“ aufzubegehren, ist nun der 25-jährige Pianist Florian Heinisch aufgebrochen, um das Programm, das Karlrobert Kreiten damals nicht mehr spielen konnte, endlich zum Klingen zu bringen. Die Idee zu diesem „Ungespielten Konzert“ stammt vom Hamburger Kinderarzt Moritz von Bredow, der sich sowohl für die Nachwuchsförderung einsetzt wie auch für vergessene Künstler. An diesem Sonntag, dem 100. Geburtstag Kreitens, wird Heinisch in Heidelberg auftreten, am 30. Juni endet die Tournee dann im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Der legendäre „Frühschoppen“-Moderator Werner Höfer, NSDAP-Mitglied seit 1933, hatte damals im „Berliner 12-Uhr-Blatt“ über Kreitens Verurteilung geschrieben: „Es dürfte niemand Verständnis dafür haben, wenn einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrauchelten Volksgenossen.“ Als ihm die Urheberschaft des Textes – die Höfer bis zuletzt bestritt – 1987 nachgewiesen werden konnte, war er seinen Job bei der ARD los.

***

Infos

Das ungespielte Konzert – Zum 100. Geburtstag des 1943 vom NS-Regime hingerichteten Pianisten Karlrobert Kreiten: Florian Heinis

Programm   Bach: Präludium und Fuge für Orgel D-Dur; Chopin: Drei Etüden aus op. 25, Nr. 6 gis-Moll, Nr. 7 cis-Moll und Nr. 10 h-Moll, Drei Etüden aus op. 10, Nr. 2 a-Moll, Nr. 8 F-Dur und Nr. 12 c-Moll; Beethoven: Sonate f-Moll op. 57 “Appassionata”; Mozart: Sonate C-Dur; Liszt: Rhapsodie espagnole
Do
30.06
20:00

Konzerthaus Berlin

Gendarmenmarkt
10117 Berlin (Mitte)

Florian Heinisch

 Florian Heinisch Foto: promo

Vor der Morgenröte – Stefan Zweig

Auf Polnisch schrieb hier schon Dorota Cygan über den Film, und die Autorin (auf Deutsch) über Stefan Zweig

Monika Wrzosek-Müller

Irgendwie zieht es mich nach Wien, oder besser in die dekadente Wiener Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Stefan Zweig ist ein Paradebeispiel für diese Zeit; er wurde hier geboren, wuchs behütet auf, studierte hier und in Berlin und mit seinen ausgedehnten Reisen, mit seiner Übersensibilität, Emotionalität und künstlerischen aber vor allem menschlichen Unbeholfenheit schaffte er es doch auf den Olymp der Kunst. Seine zahlreichen Novellen und seine Biografien werden immer wieder gelesen, manchmal auch verfilmt; auf jeden Fall genießt er Ruhm auch nach seinem Tod. Was ihn in unserer Zeit so populär macht, ist die Aktualität seiner Gedanken über Europa in der Ausnahmesituation, über Menschen, die in der Ausnahmesituationen sind, die emigriert, geflüchtet, in der Fremde leben müssen. Und er leidet mit ihnen und leidet selbst daran, auch wenn er hätte gut leben können. Er ist ein Pazifist, bewundert Gandhi, das macht ihn bei jungen Menschen populär; in Wien heutzutage lese ich beim Vorbeigehen im Schaufenster des Cafés Central: „hier kam der Stefan auf den grünen Zweig…“, und ein Freund (25 Jahre alt) meines Sohnes erzählt mir, dass er gerade eine Gesamtausgabe von Zweigs Werken erstanden hat.

Ich glaube nicht an Zufälle und wenn ich an das Stück „Ungeduld des Herzens“ in der Schaubühne und jetzt an den Film „Vor der Morgenröte“ denke, so wird mir klar, dass seine Stimmung und seine Themen aktuell sind. Die Menschen suchen Parallelen und Beispiele, um sich die eigene Situation vor Augen zu führen – und was sie vor allem bei ihm finden, ist seine Menschlichkeit, Verletztheit und moralische Stärke und Entschlossenheit.

Zum Film habe ich mehrere Kritiken gelesen und sie fielen sehr unterschiedlich aus; manche lobten das Setting und die Kameraführung und kritisierten die Ausschnitte, die doch nicht das wahre Leben des Schriftstellers zeigten, andere hingegen wiesen darauf hin, dass gerade diese Ausschnitte essenziell seien und der Künstler sich in ihnen offenbare. Wie dem auch sei; es wurde von dem Film gesprochen und er traf den Nerv unserer Zeit, man schenkte ihm Aufmerksamkeit und beschäftigte sich damit.

Durch seine Tiefe und zugleich Oberflächlichkeit hat mich der Film fasziniert, denn einerseits bekommen wir ganz detailliert das Treffen der PEN-Club-Schriftsteller in Brasilien 1936 vorgeführt, doch wird das Leben in New York auf eine Wohnung, fast einen Raum reduziert, wo wir in einer wunderbaren Dialogszene zwischen Zweig und seiner Ex-Frau einen Einblick, ein Gefühl für sein früheres Leben, bekommen und zugleich seine Einstellung zum Exil und zur Rolle des Künstlers in seiner Zeit kennen lernen. Was mich für den Film so eingenommen hat, ist dass wir nicht endgültige Wahrheiten über den Menschen und Künstler Zweig serviert bekommen, sondern es wird vieles angedeutet, vieles denkt man sich und kann es sich vorstellen und weiterspinnen. Die Szenen enden nicht, wo der Kameraschnitt sie abbricht, und sie fangen auch nicht da an; das spürt man und fragt sich, wer schafft das; ist das der Regie von Maria Schrader, dem Kammermann Wolfgang Thaler oder dem Schauspieler Josef Hader zu verdanken; ich denke alle drei haben sich wunderbar in dem Film gefunden und haben das beste gegeben, um uns zu verführen und über das alte und neu gebeutelte Europa nachzudenken.

Schon die erste Szene, in der wir eigentlich nur eine riesige Tafel mit einem imposanten, exotischen Blumenschmuck sehen, während an dem letzten Schliff, an der Makellosigkeit des Empfangs gearbeitet wird, verführt uns. Der ganze Film verführt uns durch die Schönheit der Aufnahmen. Dann der Auftritt von Zweig – er wirkt beschämt und wird doch zugleich von den anderen gefeiert oder feierlich empfangen – der uns die Zerrissenheit des Menschen Zweig zeigt; er kann sich nicht eindeutig gegen Deutschland äußern, obwohl er schon da angekommen ist, im Exil, und darunter leidet. Er will nicht zu denjenigen gehören, die in der bequemen Position des Außenseiters leben und über die anderen lästert. Das wird ihm aber übel genommen und man verlangt von ihm eine Stellungnahme, die er nicht liefern kann. Er kann sie vor allem als Mensch nicht liefern, genauso wie es ihm peinlich ist, sich immer wieder für seine Kollegen einsetzen zu müssen und bei fremden Botschaften etc… hausieren zu gehen, was seine Ex-Frau von ihm verlangt. Ganz deutlich wird die Schwäche des Menschen Zweig gezeigt, der sich in sein Künstler-Sein flüchtet. Doch gerade diese Schwäche angesichts der vielen Entscheidungen und des Lebens außerhalb der gewohnten, sprich heimatlich verbundenen Situation, bringt uns den Film so nah.

Bei Zweig ist vieles seltsam, er ist eigentlich vorgestrig, von der Sprache und dem Pathos der Gefühle her, und doch erspüren wir bei ihm das feine, feinste Gefühl für die Schwankungen und Unvollkommenheiten des Menschen und das macht ihn liebenswürdig und wahrhaftig. Das verkörpert meisterhaft der Schauspieler Josef Hader, dem man jedes Hadern und Zweifeln ansieht.

Und doch ist der Film keineswegs todernst und traurig, es gibt sogar komische Momente. So wenn Zweig mit seiner zweiten Frau nach ihrem Ausflug in die brasilianische Dschungelwelt von einem Bürgermeister empfangen werden sollen – was ihnen nicht behagt, weil sie sich eigentlich auf den Flug nach New York, in den kalten Winter, hätten vorbereiten sollen; aber auch der Bürgermeister gerät in Stress, weil die Ehrengäste offensichtlich zu früh ankommen und er nicht ganz mit den Vorbereitungen fertig ist und die Blaskapelle trotzdem die ersten falsch gespielten Takte des Donauwalzers von Strauß zum Besten gibt; in der Hitze, fast mitten im Dschungel, stehen plötzlich alle ganz gerührt, betroffen still.

Schließlich der Epilog, der Tod der beiden wird nicht direkt gezeigt, wir erfahren ihn durch das Trauern der anderen, und wir bekommen die Toten bis zum Schluss nicht zu Gesicht, auch wenn der Spiegel fast das ganze Zimmer zeigt, in dem sie liegen.

Es ist auf jeden Fall ein Film für uns alle, die heimatlos und auf der Suche sind.

Gül im Auto

Anne Schmidt

“Und jetzt habe ich Aids,”  flüstert Gül, ” dieser Junge hat mich angesteckt.”

Frau Schulz ist irritiert.

Wie weit hat Gül sich mit diesem Erol eingelassen? Es ist, als hätte Gül diese Frage gehört, denn sie beginnt, sich trotz ihrer offensichtlichen Scham zu einer Erklärung durchzuringen.

“Nach dem Abend in der Disco rief er mich täglich an. Er wollte sich unbedingt wieder mit mir treffen. Ich habe immer Ausreden erfunden, denn ich hatte Angst vor ihm; ich fühlte mich nicht stark genug, ihm zu widerstehen, sowohl psychisch als auch physisch.

Eines Tages stand er vor unserem Haus, als ich gerade zu meiner Friseurin gehen wollte. Er tat überrascht, war freundlich und zurückhaltend. Er erzählte mir, dass er jeden Tag in die Moschee gehe und darum bete, mich wiederzufinden. Dann machte er Witze über seine Freunde und brachte mich gegen meinen Willen  zum Lachen.

Er begleitete mich bis zum Frisiersalon und wartete in einem Cafe nebenan bis ich fetrig war. Dann brachte er mich wieder nach Hause und schenkte mir zum Abschied eine CD von Tarkan. Ich hätte sie nicht annehmen sollen, denn ab jetzt fühlte ich mich verpflichtet, seinen Bitten nachzugeben und ihn wieder zu treffen.

Bald trafen wir uns jeden Tag, gingen spazieren oder ins Café am Urbanhafen. Er war immer lustig und erzählte Geschichten, die mich aufheiterten. Ich kam nie auf die Idee, dass er kiffte oder drückte. Ich fand nur die Gestalten, denen wir manchmal begegneten und die er immer mit Handschlag oder sogar Umarmung begrüßte, etwas unappetitlich.

An einem kalten Regentag  kam er auf die Idee, dass es praktisch wäre, ein Auto zu haben, um damit ein bisschen herumzufahren oder auch warm und trocken einfach nur darinzusitzen. Ein Freund hätte ganz in der Nähe einen Autohandel, zu dem wir zu Fuß gehen könnten. Ich muss völlig verrückt gewesen sein, dass ich mit Erol zu diesem Freund gegangen bin. Die beiden schienen sich gut zu kennen und kicherten ständig, ohne dass ich den Grund erkennen konnte. Ich musste in mehreren Autos Platz nehmen, bekam die Vorteile jedes Typs erklärt und Preise zu hören, die völlig illusorisch waren.

Zum guten Schluss präsentierten sie mir einen knallroten Fiat mit Liegesitzen für nur 500,-Euro.  So ein Schnäppchen würde ich nie wieder angeboten bekommen, meinten sie und lachten verschwörerisch.

Ich hätte sofort gehen sollen, aber der Regen hatte sich zu einem Sturmregen entwickelt und ich hatte keinen Schirm dabei. Der Verkäufer meinte, ich bräuchte nicht alles sofort zu zahlen, ich könne den Preis in Monatsraten abstottern.

Erol hatte in der Hütte des Händlers Tee gemacht und brachte mir eine Tasse ins Auto. Der Tee war ekelhaft süß und heute weiss ich, dass der Zucker den Geschmack von einer Droge überdecken sollte.

Ich wurde schläfrig und kann mich nicht daran erinnern, dass ich einen Kaufvertrag unterschrieben habe.

Ich kann mich auch nicht erinnern, was Erol mit mir noch angestellt hat. Ich weiss nur, dass ich abends spät auf einem Liegesitz in einem roten Fiat halb ausgezogen aufwachte und mich an nichts erinnern konnte.”

Gül schlägt die Hände vor`s Gesicht.  “Ich habe Angst, dass ich jetzt Aids habe,” schluchzt sie.

Frau Schulz legt beruhigend ihre Hand auf ihren Arm.  “Hast Du gewusst, dass er HIV positiv ist?  Aber auch in dem Falle müsstest Du Dich nicht inbedingt angesteckt haben; Aids kann nur durch Blut übertragen werden. Hast Du an dem Abend geblutet?”

Gül schüttelt den Kopf. “Ich weiss nicht, was er alles mit mir gemacht hat. Ich weiss nur, dass er immer kaputt aussah und ich mich jetzt auch kaputt fühle. Was soll ich machen?”

Sie sieht Frau Schulz verzweifelt an. “Ich will nicht zu unserem Hausarzt gehen, weil ich mich schäme; ausserdem würde er vielleicht alles meiner Mutter erzählen und die würde wieder ein Riesentheater machen.”

Frau Schulz hält es für müßig, Gül an das Arztgeheimnis zu erinnern. Sie nimmt eine Serviette und schreibt Gül die Adresse von Pro Familia auf. Sie rät ihr, dort anzurufen und sich einen Termin geben zu lassen. Gül steckt die Serviette in ihre Tasche, wischt sich die Tränen ab und verabschiedet sich mit einem dankbaren Lächeln  von Frau Schulz.

Ein halbes Jahr später findet Frau Schulz einen Anruf auf ihrem Anrufbeantworter vor, den sie nicht sofort einordnen kann.

“Mir geht es gut. Was ich Ihnen wegen Aids erzählt habe, war alles Unsinn. Ich wohne jetzt bei Emine und arbeite in ihrem Laden. Ich melde mich später noch mal. Vielen Dank noch für Ihre Hilfe.”

Nach diesem Lebenszeichen hört Frau Schulz nie wieder etwas von Gül.

Reblog: Ein Syrer in Polen

Johanna Rubinroth

So 12.06.2016 | 18:32 | Kowalski & Schmidt

Gemeinsame Werte?

Der syrische Soziologe Ziad Abou Saleh lebt seit 33 Jahren in Polen. Der Hass auf Flüchtlinge quält ihn: Er fürchtet, dass er nun auch noch seine Wahlheimat Polen verlieren könnte, sollte das feindliche Klima gegenüber Ausländern weiter zu nehmen. Dabei könnte die Integration arabischer Migranten in Polen bestens funktionieren – ist ihnen vieles doch vertraut.

http://www.rbb-online.de/kowalskiundschmidt/archiv/20160612_1832/fluechtlinge_polen_syrer_ziad_abou_saleh.html

Die Bedeutung der Religion, der Familie, die Liebe zum Feiern, Loyalität unter Freunden – all das macht Polen wie Araber einander ähnlicher, als sie denken würden…

Ziad Abou Sale:
Der durchschnittliche Pole hat nie im Leben einen Araber gesehen, nie einen Moslem. Die Politiker haben dieses Defizit genutzt, und ein sehr ungerechtes – ja, ein Horrorbild des Arabers, des Moslems geschaffen.

Nach Breslau kam Ziad Abou Saleh vor 33 Jahren, um Informatik zu studieren. Der Syrer verliebte sich in die Stadt, in das Land. Bald entdeckte er seine Begeisterung für die unterschiedlichen Kulturen, studierte Soziologie dazu, und promovierte. Er ist der einzige syrische Soziologe in Polen.

syryjczyk

Heute unterrichtet er an einer Breslauer Hochschule Arabisch und versucht, seinen Studenten die Welt des Orients zu vermitteln. Und ist immer wieder überrascht, wieviel er erklären muss…

Ziad Abou Saleh:
Aus meinen Fragebögen geht hervor, dass auch bei den polnischen Studenten das Wissen über die arabische Kultur sehr klein ist. Und ebenso klein ist die Möglichkeit, einen Araber persönlich kennen zu lernen. Eigentlich ist sie gleich Null.

Seine Vorträge über die arabische Gesellschaft nutzt er, seinen Studenten zu vermitteln, dass ein enges, nationalistisches Europa keine gute Zukunft hat.

Ziad Abou Saleh:
Niemand will zu uns nach Polen kommen. DAS ist ein Grund zur Sorge. Mit unserem demografischen Tief werden wir in dem heutigen Europa ohne die Emigranten nicht überleben. Wir wollen, dass es bei uns schön ist – ohne die Fremden geht das nicht, wirklich nicht!

Bei solchen Begegnungen stelle ich mich als das vor, was der Pole – beeinflusst durch die Medien – als das Schlimmste überhaupt begreift: ich bin aus Syrien, ich bin Araber, Moslem, Emigrant, Flüchtling. Damit gebe ich den Menschen die Möglichkeit, mit genau so einem zu sprechen! Das ist für sie die Chance, selbst einzuschätzen, ob ihre Angst begründet ist oder nicht.

Abou Saleh hatte in Damaskus geheiratet und mit seiner Familie abwechselnd in Polen und in Syrien gelebt. Vor drei Jahren, als der Krieg seine erste Heimat zerstörte, zog er mit seiner Frau und den vier Kindern ganz nach Polen.

Zu sechst wohnen sie nun auf 54 qm. Die Kinder haben sich dennoch gut eingelebt, sie sprechen Polnisch – die Älteste so gut, dass sie kürzlich ihr Abitur machte. Doch der Soziologe hat derzeit weniger Zeit für seine Familie – seit er es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Menschen hier aufzuklären. Es beunruhigt ihn, was er in Polen beobachtet und wahrnimmt.

Ziad Abou Saleh:
Ich hatte das Glück, dass Polen für mich ein zweites Zuhause wurde. Aber in der letzten Zeit passieren hier leider ungute Dinge. Das Schlimmste für mich wäre – auch nur der Gedanke daran – bald eine dritte Heimat suchen zu müssen.

Hier in Breslau hat Ziad Abu Saleh einen großen polnischen Freundeskreis, der ihm über die Jahre ans Herz gewachsen ist. Er ist überzeugt davon, dass die Integration der arabisch/muslimischen Bürger in Polen – wenn es diese Möglichkeit denn gäbe – wunderbar klappen könnte. Denn beide Völker haben überraschend viele Gemeinsamkeiten:

Ziad Abou Saleh:
Der Syrer ist gastfreundlich und der Pole ist es auch. Der Syrer ist ein bisschen religiös, aber nicht radikal, so ist auch der Pole. Der eine liebt das Feiern und der andere ebenso. Der eine kann gute Arbeit leisten, der andere auch. Der eine ist nicht immer so pünktlich – der andere aber zum Glück auch nicht. Ich bin absolut überzeugt davon, dass wir in bestem Einvernehmen miteinander leben könnten!

Und was könnten diese Beobachtungen eines Soziologen besser bestätigen als die Tatsache, dass er seine syrische Familie um ein polnisches Mitglied erweitert hat:

Ziad Abou Saleh:
Durch den arabisch-israelischen Krieg – da war ich vier – musste ich die Golan-Höhen verlassen, und so habe ich den Kontakt zu meinen Großeltern verloren. Als ich nach Polen kam, habe ich, wohl für das psychische Gleichgewicht, eine Oma gebraucht.

Und die hat er dann auch vor 33 Jahren gefunden: Babcia Stefcia, er nennt sie seine “polnische Oma”!

Gül und Erol

Anne Schmidt

Erol im Disc

“Wir fuhren mit der U-Bahn zum Kotti und liefen noch ein Stückchen die Reichenbergerstraße runter.

Das Jugendzentrum, in das Jenny mich zog, kannte ich von einem Schulfest. Die Musik dröhnte und die Jugendlichen in dem großen abgedunkelten Saal sangen den türkischen Text mit. Ich erkannte den Sänger Tarkan, dessen Lieder gerade überall, sogar in deutschen Sendern, zu hören waren. Das Lied, das gerade gespielt wurde, mochte ich besonders gern; ich ließ mich mitreißen und sang den Text leise mit, aber hochhüpfen, wie die anderen, konnte ich nicht. Ich stand wie eingewurzelt an der Tür und versuchte Jenny zu erkennen; sie war weg und als der Song zu Ende war, kam eine kitschige türkische Ballade, bei der mir sofort die Tränen in die Augen schossen.

Ich wollte mich gerade umdrehen und rausgehen, als mich ein junger Mann von der Seite ansprach. Er musste sehr laut schreien, um sich verständlich zu machen und zog mich an der Hand aus dem Saal. Draussen fragte er mich, ob ich nicht auch auf der Karagöz-Schule gewesen sei, er könne sich an mich erinnern. Ich sei immer mit vier anderen Mädchen zusammen gewesen, die so unterschiedlich ausgesehen hätten, wie Tag und Nacht. Mich hätte er immer am hübschesten gefunden. Ich konnte mich überhaupt nicht an ihn erinnern; erst, als er sagte, er habe die 10. Klasse wiederholt, um einen erweiterten mittleren Schaulabschluss zu machen, dämmerte es mir:

Er hatte immer mit ein paar Kiffern und Schulschwänzern herumgehangen, die Spaß daran hatten, Feueralarm auszulösen oder Buttersäure zu versprühen. In den abgelegenen Treppenhäusern fühlten sie sich sicher genug, um zu rauchen oder Stoff zu verkaufen.

Jetzt war er sehr charmant, machte Witze über einige Lehrer und brachte mich mit Parodien über besonders skurrile Typen zum Lachen. Wir setzten uns in das Café des Disc und weckten ununterbrochen Erinnerungen an die Schulzeit.

Als Jenny uns fand, hatte ich einen leichten Schwips von der Cola mit Rum, den er heimlich dazugegossen hatte. Jenny sah sofort, was los war und schnauzte Erol an, er solle mich in Ruhe lassen und mir keinen Alkohol einflößen. Sie nahm mir das Versprechen ab, auf sie im Café zu warten, denn sie wolle noch ein bisschen tanzen. Als sie verschwunden war, lachte Erol verschwörerisch und fragte, ob er mich im Taxi nach Hause bringen solle. Ich dachte an mein Versprechen, stand auf und schwankte. Erol stützte mich, bis ich einigermaßen sicher auf den Beinen stand. Ich setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und tastete mich zur Toilette.

Im Waschraum traf ich auf ein Mädchen aus meiner ehemaligen Schule, das auch Jenny kannte. Ich bat sie, Jenny zu sagen, dass mir schlecht sei und Erol mich im Taxi nach Hause bringen würde.

“Erol, der Freund von Deniz und Orhan?”, sie sah mich erschrocken an, aber ich war zu müde, um über ihre Reaktion nachzudenken. Ich wollte nur noch nach Hause. Als ich aus dem Waschraum kam, stand Erol  schon vor der Tür, hakte mich unter und bugsierte mich nach draussen. Passenderweise stand ein Taxi genau vor der Tür und Erol schob mich- ohne den Fahrer zu fragen – auf den Rücksitz und setzte sich neben mich. Der Fahrer schien seinen Auftrag schon zu kennen, denn er fuhr sofort los. Erol fingerte mein Handy aus meiner Tasche und rief sich selber an; ich bekam es nur im Halbschlaf mit und dachte mir nichts dabei. Erol, der meine Straße kannte, fragte nach der Hausnummer und wechselte ein paar Worte mit dem Taxifahrer, den er duzte.

Vor meiner Haustür gab ich ihm meine Schlüssel und war froh, dass er mich die Treppen bis zu unserer Wohnung hochschleppte. Er schloss für mich die Wohnungstür auf und ich kroch auf allen Vieren hinein, um keinen Lärm zu machen. Am nächsten Morgen wachte ich angezogen vor meinem Bett auf.”

Gül stöhnt, als spüre sie jetzt noch die Kopfschmerzen vom Morgen danach. Sie wirkt matt und erschöpft vom endlosen Reden.

Frau Schulz winkt die Bedienung herbei, um zu zaheln, aber Gül will noch nicht gehen. Sie möchte nur etwas Wasser für ihren ausgetrockneten Mund und schaut Frau Schulz bittend an. Der heimliche Blick auf die Uhr hat Frau Schulz gezeigt, dass sie schon seit zwei Stunden mit Gül in diesem Café sitzt. Zu Hause werden ihr Mann und ihre Kinder auf die eingekauften Zimtschnecken warten, aber sie kann sich von Gül auf keinen Fall lösen. Irgendetwas scheint sie noch zu quälen. Frau Schulz bestellt bei der Bedienung eine große Flasche Wasser und wartet, bis Gül sich erfrischt hat.

4 czerwca / 4. Juni / 4th of June

W Polsce i w Berlinie

Z Warszawy…

Zdjęcia z sobotniej manifestacji, było pięknie, myślę, że było około 50 tysięcy osób.

5.06.2016

Andrzej Rejman

32 2 3 7 8 11 12 13 18 25 27 30 31

Z Berlina (reblog)…

04 czerwca w Berlinie, pikieta demokratyczna pod budynkiem byłej Ambasady RP na ulicy Unter den Linden

Pikieta w odbyła się w pięknej, ciepłej i serdecznej atmosferze. Mamy w Berlinie przyjaciół demokracji i ludzi rozumiejących o co toczy się gra.
Przyszliśmy świętować pierwsze wolne, bądź jak niektórzy chcą częściowo wolne, wybory z 1989 roku. Wybory, które zmieniły Polskę, Europę i w konsekwencji świat. Ten czas w Polsce, ta energia i ci ludzie dokonali czegoś wielkiego. Wywalczyli nam bez rozlewu krwi prawdziwą wolność.

Dla mnie czymś niesamowitym jest fakt, że mogłam stać z mikrofonem w ręce, parę metrów od Bramy Brandenburskiej i głośno po polsku mówić o tym czym jest wolność i demokracja. Fakt, że mogliśmy się właśnie w tym miejscu spotkać, gdzie 27 lat temu byłoby to absolutnie niemożliwe! Nie ma już Niemieckiej Republiki Demokratycznej i nie ma wrogich Zachodnich Niemiec. Nie ma granic.
Po pikiecie pożegnaliśmy się z przesympatyczną ekipą policyjną, która ochraniała nasze spotkanie i spokojnie przeszliśmy przez Bramę i zjedliśmy bagietkę w Tiergarten. Ta zwykła scena z życia mówi więcej czym jest sukces projektu Europa niż tysiące haseł.

Zawaliliśmy przez lata sprawę tworzenia naszego, polskiego mitu wolności, mitu zwycięstwa. Jesteśmy niesamowitym narodem, który nie wie, bądź nie dowierza, jak wielki jest. Nie wierzymy, że i od nas zależy powodzenie tego, czym jest wspólna Europa. Zachowujemy się jakbyśmy nie wiedzieli, że wygraliśmy w roku 1989 mistrzostwa świata i ciągle oczekujemy, że inni nas dowartościują. Czas z tym skończyć. Osiągnęliśmy sukces, którego nikt nam nie odbierze.
Podkreślaliśmy, że jesteśmy częścią wspólnej Europy. Podkreślaliśmy dumę z osiągnięć Polski wypracowanych przez ostatnie 27 lat. Pokazaliśmy, że jesteśmy. My, Polacy, obywatele Europy.

Dziękujemy każdemu, kto się do nas w to upalne popołudnie dołączył! Dziękujemy za mocne wsparcie i obecność grupy KOD z Kolonii. Rozmawialiśmy o tym czym jest wolność, pisaliśmy „Jakiej Polski chcemy”. Byliśmy razem.

Na koniec wspomnieliśmy też i tych, którym się nie udało w 89 roku i chwilę później spotkaliśmy, stojącego dosłownie sto metrów od nas, samotnego chłopaka z Chin z plakatem o masakrze na placu Tienanmen w 89 roku. Dziękował nam Polakom za słowa wsparcia, powiedział, że przez cały dzień podchodzą do niego Polacy i z nim o tym rozmawiają. Bardzo, ale to bardzo poruszyło mnie to spotkanie.
Wolność jest jak powietrze.

Ula Ptak
Berlin, 5.06.16

W Gdańsku… Piknik w parku Reagana

Pięknie i wesoło. Mnóstwo znajomych. Kto chce – może się zapisywać do KOD! Podobno formularze są już na stronie KOD, ale tak naprawdę to jeszcze nie ma…

piknik

piknikkolage

5.06.2016 Ewa Maria Slaska

Eine kleine Seite auf der Strasse…

Ewa Maria Slaska

Auf der Strasse gefunden…

Meine Leser wissen es schon, ich finde Sachen. Ich erfinde sie auch, klar, dafür bin ich eine Schriftstellerin, aber ich bin auch eine Archäologin und dies, weil ich eben Sachen finde. Egal welche… Ganz einfach: Sachen. Diesmal war es wieder eine Buchseite. Es war schon Mal hier, im Laufe der Zeit wird es immer öfter Sachen geben, die schon Mal hier waren.  Sehr oft Bücher, ab und zu aber auch Buchseiten. Eine mit einem Bild. Einem guten Bild. Ich bin Tochter einer Graphikerin und auch wenn sie im Dreck und Schlamm liegt, bin ich imstande eine gute Graphik zu erkennen. Eine sehr gute…

kasack1

Schon vom Weitem dachte ich, es wären die 40er. Und so war es. Es ist eine Seite aus dem Buch von einem Kasack. Das weiß ich: Hermann Kasack. Ein deutscher Schriftsteller. Die Stadt… Dies weiß ich schon selber nicht, aber mein Iphon sagt es mir sofort. Die Stadt hinter dem Strom, herausgegeben beim Suhrkamp in Berlin 1947.

kasack4

Wikipedia ist sofort hilfsbereit zur Stelle, um mir weitere Informationen zu liefern:

Das existentialistische Werk gehört zu den bedeutenden Romanen der deutschen Nachkriegsliteratur. Hans Vogt komponierte nach dem Werk eine Oper in 3 Akten, welche am 3. Mai 1955 in Wiesbaden uraufgeführt wurde.

kasack2

Hauptfigur des Romans ist der Orientalist Dr. Robert Lindhoff, der durch einen unklaren Auftrag mit dem Zug in eine fremde Stadt reist. Diese stellt sich für ihn rätselhaft und undurchschaubar dar, er begegnet Menschen, die in seiner Erinnerung eigentlich bereits verstorben sind, unter anderem seinem Vater und seiner ehemaligen Geliebten Anna.

Lindhoff wird als offizieller Chronist der Stadt eingestellt, um die Gebräuche und Geschichte der Stadt festzuhalten. Diese erschließen sich ihm jedoch nicht, die Personen denen er auf seinen Streifzügen begegnet, verrichten sinnlose Tätigkeiten, ohne erkennbaren Nutzen. Schließlich erkennt der Protagonist, dass er sich in einem Reich der Toten befindet. Es ist für ihn unmöglich, seinen Auftrag, eine Chronik zu verfassen, auszuführen, doch diese schreibt sich auf übernatürliche Art selbst.

Der Roman schließt sich kreisförmig, wenn Robert Lindhoff am Ende des Romans wieder in einem Zug sitzt und, diesmal als Toter, in die Stadt hinter dem Strom reist.

Also Totenhorn. Über das polnische Buch in genau diesselber Weise konstruiert, habe ich vor kurzem auf Polnisch geschrieben. Es ergibt sich die Frage, ob der Pole Wyganowski den Kasack kannte und ob er seine Vision von dem deutschen Schriftsteller hat, oder ob beide an die Jenseitsfahrten und -visionen der griechischen Antike (wie die Geschichte von Orpheus oder Ulysses) oder an Dantes Göttliche Kommödie anspielen. Es kann aber auch Kafka sein, der den Paten für beide Autoren stand. Kasacks Figur, Dr. Robert Lindhoff, ist ein Alt-Orientalist, ein Keilschriftforscher.  Solche Reisende wiederholen sich in der Literatur. Raimund („Mundus“) Gregorius aus dem Paul Merciers Roman Nachtzug nach Lissabon, ist ein Altphilologe, genauso wie Hermann Mussert im mysteriösen Roman Cees Notebooms Die folgende Geschichte, der ebenfalls so eine Reise zwischen dem Leben und dem Tod schildert.  Sind die Altphilologen besonder anfällig?

Der Roman entstand in zwei Teilen, zunächst während des Zweiten Weltkrieges 1942-44, sowie in den Nachkriegsjahren 1946/47.

Der zeitgenössiche Kritiker schrieb im Spiegel 1948:

Zweimal hat Hermann Kasack angesetzt, um sein Buch zu schreiben. 1942 fing er in Potsdam an. Es gab in seiner Umwelt noch kein vergleichbares Abbild der Ruinenstadt, wie sie ihm visionär vor Augen stand. 1945, nach mehr als einjähriger Pause, holte er das halbfertige Manuskript wieder hervor und brachte es dann zu Ende. Da war die Vision “vorweggenommene Wirklichkeit” geworden.

1942 hatte Kasack geglaubt, mit zwei bis drei Schreibmaschinenseiten auszukommen, um die ihn bedrängenden Gesichte zu bannen. Es wurden genau 600 Druckseiten daraus.

In Wikipedia liest man weiter:

Der Roman wird als eines der wichtigsten Werke der inneren Emigration bezeichnet, da sich Kasack, anders als viele seiner Kollegen, nicht zur Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland entschlossen hatte.

Nach seinem Erscheinen wurde der Roman begeistert aufgenommen und in den Folgejahren in mehrere Sprachen übersetzt. Man interpretierte die geisterhafte Stimmung der Stadt, an der Schwelle zwischen Welt und Unterwelt, als ein Gleichnis für die Stimmung in Deutschland in den letzten Kriegsjahren. Wie andere Nachkriegsschriftsteller beschäftigt sich Kasack mit der Hilflosigkeit des Individuums in Konfrontation mit Grenzsituationen. Damit verbunden wird die Frage nach dem Wesen der eigenen Existenz.

Kasack ist 1896 geboren i starb 1966. Siebzig ist er geworden (fast siebzig – ein paar Monate fehlten). Es hat natürlich keine Bedeutung, aber 2016 jährt sich sowohl sein Geburts- als auch sein Todestag.

Das Buch habe ich also sofort identifiziert, seine Bedeutung auch fast sofort erkannt. Ich weiß auch schon, dass es seit Jahren nicht mehr heraussgegeben wird. (Rechts: die Originalausgabe aus dem Jahre 1947)

Jetzt muss ich aber noch eine Information finden und zwar: Wie heisst der Autor der Grafiken in Kasackss Buch? Dies wird schwieriger, Graphiker und Übersetzer sind gern vergessen, übersehen oder weggeräumt. Und so ist es. Im Internet gibt es keinerlei Information… Eigentlich Schade, vielleicht auch Schande. So ein guter Graphiker, total ignoriert!

In allen Internetangeboten sieht man nur nichts sagendes meistens voller Flecken Leinenumschlag des Buches in seiner Ausgabe vom 1947. Ich finde es in der Universitäts Bibliothek, wo es aber in einem geschlossenem Raum liegt, man wird es mir erst nach dem Wochenend zukommen lassen. Nun nach dem Wochenend bin ich für eine Woche weg. Erst übermorgen schreibe ich Euch hier, wie der Graphiker heißt…

***
Ich habe sie gefunden. Eine Sie, eine Künstlerin, die Beate Dietrich hieß. Mit 17 Holzschnitten illustrierte sie die DDR-Reclam-Ausgabe des Buches im Jahre 1989 in Leipzig. Sie machte auch Zeichnungen zu Kiepenheuer Ausgabe von Tess d’Uberville von Thomas Hardy (1989). Ebenfalls 1989 lieferte sie ein Werk für ein Leipziger Graphic Portfolio ‘liberté – egalité – fraternité‘. Merkwürdig. Als ob sie nur in Leipzig und nur 1989 tätig wäre.

***

Am Ende zitiere ich den letzten Absatz des Buches, weil er erklärt, wie die Buchseiten aus dem Buch entfernt, irgendwohin gelangen…

kasackdiestadt-oklAls sich der Zug einer großen Flußbrücke näherte, trat er an das Fenster. Während sein Wagen langsam über den Strom fuhr, warf er einen Stoß von Blättern, die er aus einem Buch gerissen hatte, in die Tiefe, so dass er zuletzt nur noch die blaue Hülle des Einbandes in Händen hielt. Die Papiere flatterten rasch durch die Luft und trieben in dem modrigen Wasser, wo sie allmählich zerfielen.

Der Reisende war unterdessen schon an der Endstation ausgestiegen. Er ging, einer von vielen, im Zwielicht der frühen Morgendämmerung einer Stadt entgegen, die ihm sonderlich vertraut war, obwohl er sich nicht
erinnern konnte, sie schon früher
einmal betreten zu haben.

Was nun, Gül?

Anne Schmidt

Haushaltsgeld

Unsicher schaut Gül Frau Schulz an; diese nickt zornig.

“Hast du deinen Bruder angezeigt?” Sie ist ziemlich sicher, dass Gül es nicht getan hat. So ist es!

Gül, die  nach dem Aufenthalt im Krankenhaus und danach im Frauenhaus in die Wohnung ihrer Eltern zurückgekehrt war, hatte sich völlig in sich zurückgezogen. In ihrem Handy waren die Nummern ihrer Freundinnen gelöscht, sodass sie niemandem – ausser Emine – ihr Herz ausschütten konnte. Emine redete ihr immer gut zu und überzeugte sie davon, dass sie mal wieder ausgehen müsse, um andere Menschen kennen zu lernen. Aber Gül traute sich nicht, saß den ganzen Tag in ihrem Zimmer, hörte Musik und horchte auf die Schritte auf dem Korridor.

Ihr Bruder schlich nicht draussen herum, denn der wohnte inzwischen am Kottbusser Tor. Ihre Schwestern hatten inzwischen geheiratet und wohnten ein paar Straßen weiter; sie kamen nur selten zu Besuch. Ihr Vater hielt sich kaum zu Hause auf: Entweder war er im Teehaus oder in der Moschee am Columbiadamm.

Ihre Mutter ging einmal in der Woche in die Passionskirche, um sich von Laib und Seele Lebensmittel gegen einen kleinen Obulus einpacken zu lassen; der Vater gab ihr zu wenig Haushaltsgeld.

Gül litt darunter, sich von ihrer Mutter bekochen zu lassen, gespendeten Kuchen zu essen.

Eines Tages raffte sie sich auf und ging zur Bank. Sie hatte immer gespart, was sie in den Ferien und später als Putzfrau verdient hatte. Ihre Mutter wusste nichts von ihrem Konto, denn die hätte sonst alles Geld für sich reklamiert, für die vielen Ausgaben, die sie wegen ihrer Tochter gehabt hatte. In diesem Punkt war Gül hart geblieben: Ihr Konto war ihr einziger geheimer Besitz.

Der Gang zur Bank brachte für Gül die Wende, denn auf der Bank sprach sie eine junge, hübsche Frau an, die sie nicht sofort erkannte. Es war Nuren, ihre Freundin aus der Schulzeit. Nuren umarmte sie und sprudelte über vor Freude. Gül erinnert sich mit glänzenden Augen an das Wiedersehen. “Von da an war meine Einsamkeit weg. Nuren gab mir die Telefonnummern von Jenny und Betty und ab sofort konnte ich von meinem Zimmer aus täglich mit ihnen quatschen. Ich habe ihnen nichts von meinem Bruder erzählt, nur von meiner Zwangsheirat. Nuren kennt viele Frauen, denen dasselbe passiert ist. Meistens wurden sie in die Türkei gelockt unter dem Vorwand, eine sterbende Oma oder einen todkranken Opa zum letzten Mal besuchen zu müssen. Nuren selber hatte eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und sich eine eigene Wohnung gesucht. Betty war inzwischen Lageristin geworden und Jenny Fachverkäuferin für Kosmetika.

“Jenny war – wie früher – die unternehmungslustigste von den Dreien und überredete mich eines Tages, am nächsten Abend mit mir in eine deutsch-türkische Disco zu gehen. Als Jenny mich am nächsten Abend abholen wollte, war ich fest entschlossen, nicht mitzukommen. Ich hatte den ganzen Tag gegrübelt und fühlte mich kraft- und lustlos. Meine Mutter hatte mehrmals an die Tür geklopft und mir Essen und Tee angeboten, aber ich hatte nicht reagiert. Plötzlich stand Jenny vor der Tür. Meine Mutter hatte ihr die Wohnungstür aufgemacht, obwohl sie sie nicht leiden kann. Sie ist für sie der Inbegriff der deutschen Schlampe. Als Jenny mich sah, reagierte sie sehr einfühlsam: Sie nahm mich an den Arm und redete mit mir, wie mit einem Kind. Ich hatte noch mein Nachthemd an und Jenny ahnte, dass ich nicht mitgehen wollte. Sie drückte mich auf einen Stuhl und fing an, ganz vorsichtig mein Haar zu bürsten. Während der Zeit summte sie einen der gängigen türkischen Popsongs und immer, wenn das Schmatzen vom Küssen kam, drückte sie mir ein Küsschen auf die Wange. Sie zog mich ins Badezimmer, damit ich mir den Schlaf aus dem Gesicht wusch und schob mich vor den Spiegel. Sie holte ihr Schminktäschchen aus ihrem Rucksack und zog meine Lippen nach. Mehr bräuchte ich nicht, meinte sie, ich sei schön genug, so wie ich sei. Nur die Mundwinkel müsse ich aus ihren Ecken heben, damit nicht jeder mich für eine übellaunige Tussi halte. Dann holte sie ihr Handy aus der Tasche, umarmte mich und machte ein Selfie von uns. Sie zeigte es mir und ich sah, dass meine Mundwinkel immer noch zu tief hingen.

>>Nun ist Schluss mit Trauer<<, sagte sie, holte ein Top aus dem Schrank, befahl mir, meine engsten Jeans und das Top anzuziehen und ließ mich vor dem Spiegel im Flur Maß nehmen. >>Turnschuhe genügen, du brachst keine High Heels<<, meinte sie und lachte bei der Vorstellung. Sie rief meiner Mutter einen frechen Abschiedsgruß zu, den die nicht verstand, aber freundlich erwiderte und zog mich auf die Straße.”