Erik Albrecht
Kehrtwende in Preston
Englische Stadt hat genug vom Kapitalismus
Frisch renovierter Busbahnhof in Preston – eigentlich sollte hier eine Shopping Mall entstehen.
Großbritannien ist das Land der Privatisierung: Bahn, Gefängnis, Verwaltung, alles privat. Aber es läuft nicht gut. Deshalb versucht man es in der britischen Stadt Preston anders, erprobt sozialistische Ideen – und setzt auf lokale Wirtschaft.
Weiß strahlt der Beton des frisch renovierten Busbahnhofs in der Sonne. Die geschwungenen Parkdecks oberhalb der Wartehalle wirken ein wenig wie die Flügel eines übergroßen Raumschiffs. Dass der futuristische 60er-Jahre-Bau überhaupt noch steht, erzählt viel über Prestons enttäuschte Liebe zum Kapitalismus. Denn eigentlich sollte an seiner Stelle ein Einkaufszentrum entstehen. Neuer Schwung für die Wirtschaft der Stadt, die wie so viele im Norden Englands immer noch unter der Deindustrialisierung leidet.
Auf die große Pleite folgt ein Umdenken
Doch dann kam die Finanzkrise von 2008. Die auswärtigen Investoren zogen sich aus dem umgerechnet 800 Millionen Euro schweren Projekt zurück.
Matthew Brown, Stadtrat für Wirtschaftsförderung in Preston, hat genug vom Kapitalismus.
Preston stand mit leeren Händen da. Gleichzeitig kürzte die Regierung in London im Zuge ihrer Sparpolitik den Kommunen ihre Budgets.
„Stellen Sie sich vor, die Regierung kürzt der Kommune Gelder und überweist von heute auf morgen deutlich weniger. Und dann zieht sich auch noch die Wirtschaft zurück und will nichts mehr von Ihnen wissen. Was bleibt Ihnen da noch übrig? Sie können nur noch die Dinge selbst in die Hand nehmen.“
Matthew Brown sitzt in seinem Büro im historischen Rathaus von Preston. Neben dem schweren Eichenschrank hängt ein Poster der Sex Pistols. „Anarchy in the UK“ steht dort auf einer zerfledderten britischen Flagge. Brown gehört zum linken Flügel der Labour-Partei. Als Stadtrat für Wirtschaftsförderung musste er seit 2011 Preston einen Weg aus der Krise weisen.
„Wir haben immer versucht, große Investoren und multinationale Konzerne anzuwerben. Dann ist uns aufgefallen, dass wir hier auch ohne sie viel zu bieten haben. Wir haben großartige Firmen und wir haben all diese Organisationen, die niemals einfach weiterziehen werden, wie es viele Multis machen.“
Lokale Unternehmen statt große Konzerne
Nach der großen Pleite setzte Brown deshalb auf lokale Unternehmen statt auf große Konzerne. Mit Erfolg: Preston wurde vor kurzem in einer Studie zum Spitzenreiter unter den aufstrebenden Städten Großbritannien gewählt. Heute ist sein „Prestoner Modell“ Teil des Wahlprogramms der Labour-Partei unter Jeremy Corbyn. Und Brown erklärt regelmäßig Politikern aus anderen Landesteilen den Ansatz.
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Apartments ab 115 Pfund pro Woche: Billig wohnen im neuen Studentenwohnheim
Großbritannien ist wirtschaftlich tief zwischen dem boomenden London und den alten Industriegebieten im Norden Englands gespalten. Prestons Aufschwung ist da Inspiration für viele abhängte Städte.
Vielen seiner Kollegen bringt Brown, stets mit Schiebermütze und im schwarzen Anzug unterwegs, in die Friargate, um ihnen seine Politik zu erklären.
„This is it. This is the new student accommodation.“
Brown zeigt auf einen modernen Neubau an der Straßenecke vor ihm. Im Erdgeschoss wirbt ein großes Plakat für schicke Apartments ab 115 Pfund pro Woche. Das Pub nebenan setzt klar auf hippe Studenten. Bis zu Universität von Central Lancashire sind es nur wenige hundert Meter. Vor kurzem habe hier sogar eine Gin-Bar eröffnet, erzählt der Stadtrat fast ein wenig ungläubig.
„Friargate war noch vor fünf Jahren eine sehr heruntergekommene Gegend. In diesem Block standen 80 Prozent der Ladenlokale leer. Aber jetzt haben wir hier diesen Neubau. Das ist toll.“
Preston gehört immer noch zu den 20 Prozent der ärmsten Gemeinden Englands. Entsprechend unbeschwert freut man sich hier über eine zaghafte Gentrifizierung.
Studentenheim als Anlage für die örtliche Pensionskasse
Bauherr des neuen Studentenwohnheims ist die Pensionskasse der Angestellten der Stadt. Etwa 20 Millionen Euro hat sie in das Projekt gesteckt. Insgesamt will der Fonds umgerechnet etwa 110 Millionen Euro vor Ort investieren – viel Geld für eine Stadt mit 140.000 Einwohnern.
„In der Regel legen öffentliche Pensionskassen ihr Vermögen ja nicht dort an, wo es herkommt – das Geld stammt ja aus den Beiträgen der Angestellten des öffentlichen Dienstes dieser Region. Aber das ist jetzt anders. Unser Fonds investiert einen Teil in die lokale Wirtschaft. Und damit schaffen wir eine Aufwärtsspirale.“
Es ist das Herz des „Prestoner Modells“: Öffentliche Einrichtungen vergeben Aufträge nicht an den günstigsten Anbieter, sondern danach, was der lokalen Wirtschaft am meisten nutzt. Möglich macht das eine Gesetzesänderung, die seit einigen Jahren „sozialen Mehrwert“ als Entscheidungskriterium bei Ausschreibungen erlaubt.
Brown brachte sieben solcher sogenannter Anker-Institutionen in Preston an einen Tisch. Neben dem Pensionsfonds die Verwaltungen von Stadt und Grafschaft, die Universität, die Polizei, das Krankenhaus sowie die größte Wohnungsgenossenschaft mit über 6000 Häusern in der Stadt. Gemeinsam verwalten sie ein Jahresbudget von umgerechnet etwa 850 Millionen Euro. Heute geben sie doppelt so viel davon in der Grafschaft Lancashire aus wie noch vor sechs Jahren – umgerechnet etwa 220 Millionen Euro. Und das, obwohl etwa die Stadt Preston im Zuge der Sparpolitik der konservativen Regierung in London 30 Prozent ihrer Haushaltmittel eingebüßt hat.
Die Leitfrage: Was nutzt der lokalen Wirtschaft?
Doch gerade deshalb brauche die Wirtschaft das Mehr an Aufträgen, so Brown. Für ihn ist es auch der Einstieg in eine neue Wirtschaftsstruktur. Statt großer nationaler Servicedienstleister, die öffentliche Aufgaben im ganzen Land übernehmen, kommen kleinere lokale Unternehmen zum Zug.
Zugfahrt nach Manchester. Dumpf erfüllt das Wummern der Dieselmotoren den abgenutzten Waggon des Vorortzuges. Kaum irgendwo ist der Wunsch der Briten nach mehr Staat so ausgeprägt wie auf der Schiene. Bahnfahren auf der Insel ist teuer. Staatliche Aufsicht über die privaten Eisenbahngesellschaften lasch. Vielerorts fahren Dieselloks, da Oberleitungen fehlen. Die Mehrheit der Briten wünscht sich deshalb den Zugverkehr zurück in staatliche Hand – und nicht nur ihn.
Im Mutterland von Privatisierung und Neoliberalismus verdienen breit aufgestellte private Konzerne viel Geld, indem sie Gefängnisse führen, städtische Buslinien betreiben oder die Planungsabteilung von Stadtverwaltungen übernehmen. Doch in letzter Zeit sei dieses Modell zunehmend in die Kritik geraten, beobachtet Sarah Longlands vom Institute for Public Policy Research IPPR in Manchester.
„Ich denke, wir haben beim Outsourcing den Zenit überschritten. Es gibt eine immer größer werdende Diskussion darüber, dass wir diese Dienste zurückholen müssen, weil es wichtig ist, dass Staat und Kommunen diese selbst betreiben.“
Aushängeschild für den neuen wirtschaftlichen Erfolg: Auf die neue Markthalle sind die Prestoner stolz.
Denn 2018 war kein gutes Jahr für diese Art des Outsourcings. Gleich zu Beginn ging der Dienstleister Carillion pleite, der im ganzen Land Krankenhäuser baute oder Schulkantinen betrieb. Später musste die Regierung eine Bahnlinie sowie das Gefängnis von Birmingham zwangsweise rückverstaatlichen.
Auch deshalb wollen heute über drei Viertel der Briten Wasser, Strom und Gas sowie die Eisenbahn zurück in öffentlichem Besitz sehen. Doch das „Prestoner Modell“ treffe noch aus einem Grund weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Nerv in Großbritannien. Denn gerade jenseits von London und dem wohlhabenden Südosten des Landes hätten die Menschen vielerorts das Gefühl, der Globalisierung schutzlos ausgeliefert zu sein.
„In einer mittleren Stadt, die von der Deindustrialisierung betroffen ist, hat die Stadtverwaltung sehr wenig Verhandlungsspielraum, wenn es darum geht, Investoren anzuziehen. Wenn also Amazon auftaucht und 1000 schlecht bezahlte Jobs anbietet, kann man das nur sehr schwer ablehnen. Man ist diesen Firmen einfach ausgeliefert.“
Kommunen wollen Einfluss auf Entscheidungen
Longlands sieht hier auch einen zentralen Grund für den EU-Austritt des Landes. Schließlich hätten die Brexiteers mehr Kontrolle versprochen. Preston liefere dagegen ein konstruktives Modell dafür, wie Kommunen wieder mehr Einfluss auf ihre wirtschaftliche Entwicklung nehmen können.
„Preston versucht, die Wirtschaft von der anderen Seite her zu beeinflussen. Preston fragt: Was haben wir, worauf wir aufbauen können? Und wie können wir die Menschen dabei mitnehmen, unsere Stärken zu nutzen und etwas aufzubauen?“
„Wir treten jetzt von der Old Street her durch eine Doppeltür in die Markthalle. Wenn sie nach oben schauen, sehen sie eine wunderschöne denkmalgeschützte Dachkonstruktion.“
Zurück in Preston betritt John Bridge zügigen Schrittes den Glaskubus der Markthalle neben dem Rathaus.
Metzger und Fischhändler preisen ihre Waren an. Gemüsestände wechseln sich ab mit hippen Cafés und Street-Food-Imbissen. Doch Bridges Blick wandert zunächst zu dem schmiedeeisernen Unterbau, der das Dach hält.
„Das ist ein Wunder der Ingenieurskunst. Niemand versteht, wie es so stabil sein kann, ohne jede Art von Stützen in der Mitte.“
Eine Markthalle als Aushängeschild
Seit ihrer Eröffnung im Februar ist die Markthalle das Aushängeschild für den neuen wirtschaftlichen Erfolg der Stadt. Und für die neue Art, solche Großprojekte umzusetzen. Bridge hat den Glaskubus entworfen. Durch den Auftrag konnte sich der Architekt aus Preston selbstständig machen.
In der Regel hätte die Stadt das Projekt an eine der großen nationalen Baufirmen vergeben, etwa an Carillion – vor dessen Pleite im vergangenen Jahr. Stattdessen ging der Stadtkämmerer Andy Ridehalgh einen anderen Weg:
„Wir haben überlegt, wie wir den Auftrag aufteilen können und was für die Auftragnehmer dabei entscheidend ist.“
Denn vielen kleineren Betrieben fehlten schlicht die Kapazitäten, um ein drei Millionen Pfund teures Projekt vollständig abwickeln zu können, stellte Ridehalgh fest. Statt eines Gesamtauftrags, schrieb er deshalb die beiden Markthallen gesondert aus und ermunterte gezielt kleine Baufirmen aus Preston, ein Angebot zu machen.
„Im Ergebnis ist das historische Ensemble erhalten geblieben und kleine und mittlere Unternehmen hatten die Chance, mitzubieten.“
Kleine, in der Region verankerte Betriebe, statt großer multinationaler Konzerne. Wie auch die britische Labour-Partei will Andy Ridehalgh diese Art der Wirtschaftsstruktur in seiner Stadt fördern. Gerade in Großbritannien seien die Innenstädte überall von den immer gleichen Ketten dominiert. In Prestons neuer Markthalle sei das anders, sagt er fast ein wenig stolz.
„Die drei großen Café-Ketten sieht man auf unserem Markt nicht. Hier kann man stattdessen Kaffee an sechs verschiedenen Ständen kaufen.“
Im großen Versammlungssaal des Rathauses verteilt Alison Namensschilder und Programme. Einen Tag lang wollen hier Aktivisten aus ganz England über das „Prestoner Modell“ diskutieren. Eingeladen hat „The Larder“ – zu Deutsch: die Speisekammer – eine Genossenschaft, die in Preston für eine gerechtere Nahrungsmittelindustrie kämpft.
Eine andere Wirtschaftspolitik ist möglich
Diskutiert wird ein linker Gegenentwurf zu herkömmlichen Wirtschaft. Vielen geht es auch hier um eine andere Wirtschaftsstruktur. Statt großer nationaler Anbieter setzen sie auf dezentrale Angebote und auf die Rückbesinnung auf lokale Anbieter im Mittelpunkt, sagt Kay Johnson, Gründerin von „The Larder“:
„In Lancashire bauen wir tolles Gemüse an. Und ich will, dass das auch in Lancashire bleibt. 70 Prozent unserer Nahrungsmittel gehen in andere Regionen. Und dabei kreuzen sich die LKWs mit denen, die uns hier in Lancashire versorgen. Ich möchte gerne ein System schaffen, in dem wir uns zwar nicht selbst ernähren, das aber doch mehr in diese Richtung geht.“
Bereits vor ein paar Jahren hat die Verwaltung die Belieferung der Schulkantinen in der Grafschaft Lancashire neu organisiert. In Preston liefert nun ein Familienbetrieb das Gemüse, ein anderer das Fleisch, ein dritter den Joghurt. Wo bislang noch von außen hinzugekauft werden muss, sollen in Zukunft Genossenschaften wie „The Larder“ die Lücken in der Wirtschaft vor Ort schließen. Auch das ist Teil des Prestoner Modells, erklärt Brown auf der Konferenz.
Die Rückbesinnung aufs Lokale – vielen in Großbritannien erscheint das als eine Form von lokalem Protektionismus. Jedes Pfund, das zusätzlich in Preston ausgegeben werde, fehle anderswo. Matthew Brown sieht darin dagegen eher eine Möglichkeit, das Ungleichgewicht zwischen London und dem Rest des Landes ein wenig auszugleichen. Schließlich hätten die meisten der großen Outsourcing-Firmen ihren Sitz in der britischen Hauptstadt.
„Diese Firmen sind sehr gut darin, öffentliche Aufträge im Norden Englands zu gewinnen. Der Gewinn fließt dann nach London und oft auch ins Ausland. Dieses System stellen wir infrage.“
Die Auftragsvergabe an lokale Unternehmen ist für ihn da nur der erste Schritt. Derzeit arbeitet Preston an der Gründung einer Bank nach dem Vorbild deutscher Sparkassen, die Unternehmen der Region gezielt fördern soll, wo die großen Londoner Banken Kredite verweigern.
„Das neue Modell sucht nach neuen Formen öffentlichen Eigentums und Strategien, eine demokratischere Wirtschaft zu schaffen. Dafür müssen wir auf die Auftragsvergabe schauen, um lokale Firmen zu unterstützen, aber wir sollten auch neue Genossenschaften gründen. Es kann auch um Unternehmen in Staatsbesitz gehen, aber so, dass die Bürger Einfluss darauf haben.“
Am Ende steht für Brown eine Alternative zum derzeitigen Finanzkapitalismus. Die britische Labour-Partei geht hier noch einen Schritt weiter. Auch große Konzerne sollen nach ihren Vorstellungen einen Teil der Aktien in die Hände der Belegschaft geben. Ob sich dafür in der britischen Gesellschaft eine Mehrheit findet, ist ungewiss. Doch 40 Jahre nach den marktorientierten Reformen von Premierministerin Margaret Thatcher diskutiert Großbritannien wieder über Wirtschaftspolitik.

August Bebel Institur lädt heute, am Di 15. Januar um 18–22 Uhr zu einem Film & Diskussion ein.
Adamowicz war von 1998 bis zu seinem Tod der Stadtpräsident von Danzig. Bis 2015 gehörte er der Bürgerplattform (Platforma Obywatelska) an, seitdem parteilos; gründete eine Wählervereinigung „Alles für Danzig“.



Die Autorin des wunderbaren Fotos, die man auf der Einladung findet, ist Silja Korn, eine faszinierende, “bunte”, engagierte Frau. Sie ist farb- und modebewusst, sie gründete eine Stiftung zur Verbesserung der Lebensqualitet blinder und taubblinder Menschen, sie malt, sie kann euch porträtieren und ich vermute in der Tat ist sie vieles mehr. Siehe 
Nie im Leben habe ich mit so vielen Priestern geredet, wie jetzt, als ich den Text über Ulitzka schreibe. Nicht mal zwei Wochen nach meinem Besuch in Biesenthal fahre ich nach Templin, wo ich mich mit Pfarrer Beier treffe. “Haben Sie ihn gekannt?” stelle ich noch am Telefon meine übliche Frage. “Nein, das nicht, aber sein Wirken war in der Gemeinde immer wichtig“.
Solange er als Politiker in Berlin zu weilen hatte, wohnte er im Hospital der Grauenschwester in der Niederwallstr. 8-9 im Bezirk Stadtmitte. Die Schwestern führten ihr Krankenhaus bis 1993. Heute ist es Sitz des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin.
Am 1. September zogen die Schwestern, die Kranken, die Ärzte und der Prälat in ihr neues Domizil: Ehemaliges Etablissement „Hotel Bellevue“ in Friedrichshagen, direkt am Müggelsee. Es war vor dem Kriege ein legendärer Ort für Reiche und Neureiche gewesen. Im Tanzsaal gab es eine Rosendiele, statt der es jetzt einen großen Hospitalsaal für 50 Mann gab. Ulitzka bekam ein kleines Zimmer zugewiesen, mit Blick auf den Müggelsee. Es sollte für die nächsten acht Jahre sein Zuhause werden. Eines änderte sich jedoch nicht: Schwester Bernhildis führte auch in Friedrichshagen seinen Haushalt und kümmerte sich um seinen Hund Frigga. Hitze hat noch 1994 mit Bernhildis über Ulitzka sprechen können. Sie starb 1999 und liegt auf dem Schwestergrabfeld auf dem katholischen Friedhof Tempelhof.

Das Krankenhaus am Müggelsee existierte bis 2001, 2013 wurden die Häuser abgerissen, jetzt sind da neue Wohnblocks in der Entstehung. Als ich dort war, um den Ort zu sehen, wo Ulitzka seine letzten Lebensjahre verbrachte, fotografierte ich die Baustelle und eine schöne Stadtvilla nebenan. Aus einer Baracke kam ein Wächter und sagte, ich dürfe erst fotografieren, wenn ich die Genehmigung vom Bauherren habe. Er zeigte mir die Bauinfotafel. “Ja, natürlich”, sagte ich. “Auf Wiedersehen”.
Schwester Walburga
Der Friedhof
Carl Ulitzka wurde hier am 19. Oktober 1953 zu Grabe getragen. Die Totenmesse zelebrierte man in der katholischen Pfarrkirche St. Marien der Unbefleckten Empfängnis in der Gundelfinger Straße in Karlshorst. Es ist ein denkmalgeschützter Kirchenbau, errichtet 1935-1937 im Stil der Neoromanik. Die Kirche diente nach 1945 vorübergehend als Depot und wurde erst seit 1949 wieder als Gotteshaus genutzt.
Die katholische Gemeinde in Bernau wurde 1849 gegründet. Ulitzka kam 1901 hierher. Jung, gerade erst 28 geworden, gutaussehend, groß. Ausdrucksvoller Profil, Gesicht mit prägnanter Knochenstruktur. Ein kluger Mensch, intelligent, charismatisch. Ein katholischer Seelsorger wie geschaffen fürs vorwiegend protestantische Umfeld. Die Gemeinde war arm, hatte keine Kirche und nutzte die Bonifatiuskapelle im Missionshaus in der Tuchmacherstraße als Gotteshaus. Dort bewahrte man das sog. Mariahilf-Bild auf, das später in die Kirche übernommen wurde.
Schon früh kam Ulitzka in den Sinn, dass man hier eine Kirche bauen muss. In jeder Stadt, wo die Katholiken und Protestanten miteinander oder nebeneinander wohnen, hat man mindestens zwei Kirche. So wollte es Ulitzka auch in Bernau haben und später überall, wo er als Priester tätig war. Dies ist jedoch nicht so einfach, eine Kirche zu bauen. Erst müssen bürokratische Hürden überwunden werden, oft, wie es der Fall in Bernau war, politische, und dann auch finanzielle. Man braucht viel Geld – und dieses muss vorerst gesammelt werden, bevor man mit der Grundsteinlegung beginnt. Der ehemalige Pfarrer der Herz-Jesu-Kirche, Peter Beier, der 33 Jahre Gemeindepfarrer in Bernau war, erzählte mir, dass er zwar Ulitzka persönlich nicht kannte, aber seinerzeit in Bernau Johannes Lipinski, einen Mitarbeiter von Ulitzka, getroffen habe. Seine Aufgabe war es, in der heißen Phase des Geldsammelns, die ‘Bettelbriefe’ per Hand zu kopieren. Er erinnerte sich, man habe sich dabei die Finger wundgeschrieben!
Pfarrer Kort organisierte 2007 Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum des Kirchenbaus. Die Schulkinder spielten dabei ein Theaterstück über Ulitzka und seinen Vorhaben. Der Junge, der Ulitzka gespielt hatte, ist danach selber Priester geworden und bat darum, seine Primiz in Bernau feiern zu dürfen.
Kurz danach, am 20. August 1999 ging Pfarrer Beier in Ruhestand und somit nach Templin.
Ja, ich bin auch der Meinung, dass man mit dem, was gemacht wurde, nicht besonders glücklich sein kann. Die auseinandergenommenen Teile des alten Altars, 1968 von schon erwähnten Friedrich Schötschel neu gemacht, sind sehr schön, aber unvorteilhaft platziert. Das Tabernakel steht auf einem kleinen Tisch rechts vom Altar, der Lesepult – links. Vorne an der Apsis-Wand sind drei Altarteile in Form eines Tryptychons angebracht, schmucklose Spanplatten, auf der mittleren die alte Christus-Figur aus der Entstehungszeit. Merkwürdig. Originell, aber merkwürdig. Genauso merkwürdig scheint mir der kleine, irdene Weihwasserbehälter, der wie ein polnischer Gurkentopf aussieht. Oder gar einer ist. Bevor ich mit meinen Recherchen fertig werde, werde ich noch ein paar solche bescheidenen Behälter sehen. Wir sind in der Uckermark, es ist ein armes Land. Gewesen.
Eine wunderschöne Kirche, ruhig, schlicht, elegant. Auch sie ein Baudenkmal wie die Kirche in Bernau. Den Bau dieser Kirche begründete Ulitzka somit, dass in der Sommerzeit ca. 100 katholische Schnitter aus Polen in die Gemeinde kommen, um bei der Ernte zu arbeiten. Sie hatten Anspruch an einen würdigen Gottesdienst, den er, Ulitzka, ihnen doch auf Polnisch halten kann.
Pfarrer Horst Pietralla von Biesenthal erzählte mir, dass man Ulitzkas Spendenaufrufe für seine Kirchen nicht mehr hören wollte. Dann kam er auf eine erfolgreiche Idee. Ich werde, sagte er, eine barocke Kirche bauen. Dies hat geholfen, zumal seine Geldgeber und Spender aus dem Bayrischen stammten, wo man große Stücke von der barocken Kirchenarchitektur hielt. In Windeseile hat derselbe Architekt, Paul Überholz, der bereits in Bernau tätig war, eine neue Kirche entworfen und gebaut, eine der ganz wenigen barocken Kirchenbauten im Erzbistum Berlin. Pfarrer Beier sagte mir, dass die Salvator Kirche in Lichtenrade ebenfalls barocke Züge vorweist.
Die Biesenthaler Kirche wurde am 10. Oktober 1910 eingeweiht. Die Bänke, die Fußbodenplatten, die Farbgebung sind authentisch, aus der Bauzeit also. Dh. im Gegensatz zu der Kirche in Bernau ähnelt die Kirche sehr dem, wie sie zu Zeiten ihres Stifters ausgesehen hat. Sie ist auch sehr gepflegt und sehr gut besucht. Leider ist Pfarrer Pietralla, der kurz vor dem Kriege geboren ist und 1953 sein Abitur machte, der letzte Pfarrer in der Gemeinde. Ist er weg, wird die Kirche geschlossen. Schade, weil sie sehr gut besucht ist. Es kommen ca. 80 Personen zu Hochmessen, darunter etwa 20 Kinder. Es gibt 15 Ministranten (mehr Mädchen als Jungs!) und eine achtköpfige Blaskapelle, deren Chef Biesenthals Bürgermeister ist. Im wunderbar gepflegten Garten steht eine Campanile mit einer Glocke, die noch zu Ulitzkas Zeiten aus Hildesheim geliefert wurde, zuerst nach Bernau, dann nach Biesenthal. Da der Glockenturm aber für drei Glocken gebaut wurde, hat sich Pfarrer Pietralla um den Erwerb zwei weiterer Glocken bemüht. Mit Erfolg. Neue Glocken werden noch im Jahre 2015 eingesetzt. Sie waren nicht teuer, erklärt mir Pfarrer Pietralla, die kleinere kostete 3000 Euro, die größere – 5000. Mehr wird das Bestimmen der Glocken kosten, zumal sie auch mit den Glocken in der evangelischen Kirche abgestimmt werden. Pfarrer Pietralla betont dabei, dass die dafür ausgegebenen Gelder nicht für soziale Zwecke vorgesehen waren. Ich brauche diese Erklärung überhaupt nicht, sie ist für Kritiker gedacht.
In der Kirche gibt es einen wunderbaren Altartisch, der ebenfalls von Friedrich Schötschel angefertigt wurde. Seine Werke (u.a. Tabernakel und Taufbeckendeckel) hatte ich bereits in Bernau gesehen. In Biesenthal war er lange Zeit zwischen 1969 und 1986 tätig. Aus seiner Hand stammten nicht nur der Altartisch im schlichten Barockstil, der gut mit der Kirche harmoniert, sondern auch ein Vortragekreuz und das Kirchenportal. Auf der Innenseite des Portals sind Verse von Gertrud von le Fort und Rainer Maria Rilke in Kupfer eingearbeitet.
Pfarrer Pietralla stellt mir die Kirchenchronik zur Verfügung. Was wirklich rührt ist der erste Eintrag der Chronik: 25.3.1902: Am Fest Maria Verkündigung hält der Pfarrer von Bernau, Carl Ulitzka, den ersten katholischen Gottesdienst seit der Reformation in Biesenthal in einer Notkapelle. Als Notkapelle dient das Gartenhäuschen des Herrn Neumann in Biesenthal, Schulstraße 28. Die Laube bestand aus Stube und Küche. Der Trennwand wurde entfernt und so entstand ein Raum von 9 m Lange und 3 m Breite. Die Höhe betrug 1,9 m. Dies hat ein Maler festgehalten und das Motiv wurde als Postkarte und zugleich Bittbrief gedruckt:
Jeder Journalist, der über etwas schreibt, prüft heutzutage nach, was sich über sein Thema im Internet finden lässt. Auch ich tat nichts anderes. Und dabei überkamen mich Zweifel. Zuerst fand ich Hunderte und Aberhunderte Texte über Ulitzka. Auf Deutsch und auf Polnisch.
Interessant, dachte ich, dass er für Menschen, die ihn nicht persönlich kannten, immer noch „ihr Prälat“ war. 60 Jahre und mehr nach seinem Tod bewahrt ihn die kollektive Erinnerung. Das wollte ich näher untersuchen. So begann die Spurensuche, deren Etappen Bernau bei Berlin, Biesenthal bei Bernau, Templin, Lobetal, Berlin-Karlshorst, Berlin-Friedrichshagen, Berlin-Lankwitz und Potsdam wurden. Ich wurde mit einer Empfehlung von einem Ort in den nächsten geschickt. Nur die erste Etappe bestimmte ich selber, ich ging dorthin, wo ich sicher war, etwas zu finden: Auf den Friedhof. Das heißt, mein Ausgangspunkt war das Ende – von da rollte ich seine Geschichte auf.






