Momente am Valentins Tag

Tibor Jagielski

so, noch ein tag, mit sitzplatz – weil ferien;
ehrlich, man atmet richtig auf wenn die kleinen ungeheuer mit ihren roller,
die s-bahn und tram regelrecht verstopfen, verschwunden sind;
auch die fahrkartenkontroleure, diebe und bettler scheinen jetzt urlaub zu haben,
wie angenehm der lange weg hin und zurück.
erna erwartet mich mit vorwürfen:
wo bist du so lange gewesen? gib zu, du hast eine andere zum schmusen….
– natürlich – erwidere ich und kraule sie hinter den ohren zart und fein
– und nicht nur eine…
jetzt endlich ruhe für eine zigarette, für die wolken auf dem abendhimmel, für mich.

Jacek Dehnel in Berlin

Polnisches Institut Berlin                        literatur                        11 . 02 . | 19 . 00

JACEK DEHNEL

Wir laden zu einem Gespräch mit Jacek Dehnel (geb. am 1. Mai 1980 in Gdańsk), einem berühmten polnischen Schriftsteller, Dichter und Maler ein. Zuletzt trat er als Ko-Autor des Drehbuchs zum Oscar-nominierten animierten Kunstfilm „Loving Vincent“ in Erscheinung, der weltweit Aufsehen erregte, weil er gleichzeitig Leben und Werk Vincent van Goghs in seiner Bildsprache filmisch nachstellte.

Der Schwerpunkt von Dehnels künstlerischem Interesse liegt in der Vergangenheit – sowohl stilistisch als auch thematisch, wo er sich u. a. auf den polnisch-jüdischen Zwischenkriegs-Klassiker Bruno Schulz bezieht.

Für sein Debüt “Żywoty równoległe” mit Laudatio von Czeslaw Milosz erhielt Dehnel 2005 den renommierten Literatur-Preis der Kościelski-Stiftung (Nagroda Fundacji im. Kościelskich), ein Jahr später wurde er mit dem Preis „Paszport Polityki“ (Polityka) in der Kategorie “Literatur” ausgezeichnet. Zu seinen wichtigsten Werken gehören „Lala“ und „Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya“ – beide Romane wurden von Renate Schmidgall ins Deutsche übersetzt. Dehnels Bücher erschienen auch in vielen anderen Sprachen.

Jacek Dehnel übersetzt auch selbst ins Polnische, u. a. Gedichte von Philip Larkin und Osip Mandelstam. 2008 erhielt Dehnel dafür vom Rat der Polnischen Sprache den Titel eines „Ehrenkonsuls für polnische Sprache“.

Moderation: Arkadiusz Łuba

Einlass: 18:30 Uhr

Eintritt: frei

Ort: Galerie des Polnischen Instituts,
Burgstraße 27, 10178 Berlin

Tytuł zdjęcia

Am nächsten Tag, Dienstag 12. Februar beginnt um 14:00 Uhr im Institut eine Konferenz, bei der Jacek Dehnel als Vortraghaltende teilnimmt

Nationale Identität in Europa

Das Jahr 1918 stellt eine grundlegende Zäsur in der Geschichte Europas dar, zerfiel doch eine internationale und gesellschaftliche Ordnung, die letztlich bis auf den Wiener Kongress zurückging und vielen Menschen als unwandelbar schien. Während ein Teil der europäischen Gesellschaften die neue Ordnung, welche aus dem Chaos der Nachkriegsjahre entstand, als eine Katastrophe empfand, wurde das neuentstandene Staatensystem von Ländern wie Polen enthusiastisch begrüßt. Schließlich hatte das Land dem Zusammenbruch der Vorkriegsordnung nach 123 Teilungszeit seine neu gewonnene Unabhängigkeit zu verdanken.

Aus der Perspektive des frühen 21. Jahrhunderts mag das Festhalten am Prinzip des Nationalstaats oftmals anachronistisch erscheinen und doch zeigt nicht nur das Unabhängigkeitsstreben einzelner Regionen wie Katalonien, Flandern, Norditalien oder Schottland, sondern auch das Erstarken patriotischer Kräfte, dass der Nationalstaat alles andere als überholt ist. Betrachtet man dazu noch die gegenwärtige Situation der EU, welche sich in einem ungewissen Zwischenzustand zwischen Staatenbund und Bundesstaat befindet, stellt sich nun mit zunehmender Dringlichkeit die Frage, welche Rolle der Nationalstaat in der voranschreitenden europäischen Integration weiterhin spielen kann, spielen soll – und spielen darf.

Diese Fragen sollen den Ausgangspunkt für eine öffentliche Podiumsdiskussion bieten, die mit verschiedenen hochrangigen Denkern und Politikern besetzt und in drei Panels gegliedert ist:

Panel 1: Europäische Konzepte des Nationalstaats

Panel 2: Die polnische nationale Identität vor europäischem Hintergrund

Panel 3: Die Rolle der Nationalstaaten in der Europäischen Union

Veranstalter:
Instytut Zachodni in Poznań und Deutsche Nationalstiftung
in Kooperation mit dem Polnischen Institut Berlin

Algorithmus des Facebooks

czyli Algorytm Facebooka

Jest chłodny, niczym nie wyróżniający się poranek, 5 lutego 2019 roku. Wtorek. Nie mamy się dziś obżerać jak np w Tłusty Czwartek, nie mamy się ściskać, nie mamy głodować. Nie strajkujemy. Dzień jak co dzień. Wstajemy, idziemy do pracy. Wracamy. No może niektórzy dotrą na Berlinale, ale może nie. Berlińczyków aż tak to nie bierze, to rozrywka dla przybyszów. Postanawiam sprawdzić, co zjedliśmy tego dnia na śniadanie i co na ten temat przekazaliśmy potomności (bo przecież przechowujemy zdjęcia naszego jedzenia dla potomności). Nie wybieram, nie szukam, patrzę, co przychodzi czyli co podsuwa algorytm.

Es ist ein kühler, unauffälliger Morgen am 5. Februar 2019. Kein Tag an dem das Grosse Fressen angesagt wäre, wie zB am Weiber Donnerstag, wir müssen uns nicht umarmen, auch nicht hungern. Es ist nichs Besonderes für heute vorgeschlagen. Ein Tag wie immer. Dienstag. Wir stehen auf, wir gehen zur Arbeit. Wir kommen zurück. Nun, vielleicht gehen einige zur Berlinale, aber vielleicht auch nicht. Berliner nehmen das nicht so, es ist eh etwas für Ankömmlinge, Kulturturis oder so. Ich beschließe, zu überprüfen, wie wir heute gefrühstück haben und was wir an die Nachwelt weitergegeben haben (weil das tun wir schließlich, oder? Wir halten Bilder unserer Nahrung für die Nachwelt). Ich wähle nicht, ich schaue, was kommt oder was der berühmte Algorithmus vorschlägt.

1. Rosyjskie śniadanie Russisches Frühstück (Aleksij Tichonsson)

DAS 1. RUSSISCHE FASTFOOD IN BERLIN🍗🍛🥟🥧:
https://bit.ly/2sSSwUo
PS: auch mit vegetarischen & veganen Optionen

2. Nowy Rok / Chinesisches Neujahr

No i proszę, od razu się okazuje, że dzień wcale nie taki zwykły. Bo dziś wietnamski i chiński Nowy Rok czyli święto Wiosny.  Zaczął się wczoraj i potrwa do 9 lutego. Skończył się rok psa, zaczyna się rok ziemskiej świni czyli dzika! Ich hasło brzmi: ciężką pracą można osiągnąć każdy cel. Świnia (Dzik) reprezentuje beztroską zabawę, szczęście i bogactwo. No to hop, Biedroń, zaczynamy! Chyba jedzą tę bedną świnię, ale na FB nikt się niczym nie chwali.

Sofort erfahre ich, dass der heutige Tag gar nicht so gewönlich ist – gestern begann der Chinesische Neujahr, Feierlichkeiten werden bis 9. Februar dauern. Auch in Berlin. Es beginnt das Jahr der Erde-Schwein oder des Ebers. Und es beginnt der Frühling, Gestern in Polen hat Robert Biedroń neue Partei gegründet, deren Name Frühling lautet. Alles Gute zum Neujahr Frühling!

3. Wyjedź do Ameryki Południowej i zjedz owocki / Fahr’ nach Südamerika und esse (diese) Früchte

4. Anna Sikora, zdjęcie z cyklu Polska (ale raczej niejadalna) / Foto aus dem Zyklus Polen (eh nicht essbar)

5. Keto dieta

Nie interesuje mnie, ważę 10 kilo mniej i podobno mam BMI super normalny, ale nawet jeśli nie, to właśnie przeczytałam na FB, że grubi żyją lepiej i dłużej… Nota bene ci, co czytają książki też żyją o dwa lata dłużej, a ci co się opiekują wnukami – mniej chorują…

Nix für mich. Zuerst bin ich 10 Kg “leichter” als die Person mit dem Ausgangsgewicht 73; zweitens (und daher) ist mein BMI super normal, aber auch wenn es nicht so wäre, habe ich grade im FB Folgendes gelesen: Die Übergewichtigen leben länger und besser! Die, die lesen, leben auch zwei Jahre länger. Und die Grosseltern, die sich um Enkelkindern kümmern, sind weniger krank… na also!

6. Kolejna firma z algorytmu – sprawdź florę bakteryjną i dowiedz się, co jeść i na pewno okaże się, że mam sobie kupić jakieś suplementy / die Nächste Firma, die für mich mein FB-Algorithmus ausgesuht hat: Hab nachtzuprüfen wie meine Darmflora ist und sicher danach irgendwelche Diäts-Suplements kaufen!

7. Ale Algorytm jest wielostronny, zaraz potem czekolada… / Na ja, der Algorithmus kann auch anders: 7 Sorten feinster belgischer Schokolade warten auf mich…

8. I pierwsze prawdziwe jedzenie prawdziwych ludzi – Kamila Sng w Lizbonie w Baixa-Chiado. Nie widzę dokładnie – bułki, wino, makaron, a w patelni? Może muszle. / Das erste richtige Essen – in Lisabon: Brötchen, Nuddeln, Wein und vielleicht Meeresfrüchte oder Muschel, irgendwas in der Pfanne…


9. Dwie piękne martwe – żywe natury z przeszłości (Wydawnictwo Wielka Izera) / Zwei schöne Stilllebens aus der Vergangenheit (Verlag Wielka Izera)

10. I znowu firma z algorytmu – Pyszności. / Und wieder eine Firma, diesmal polnische Leckereien.

Po kilku godzinach walki z algorytmem mam dość. Nasz świat tonie w obrazach jedzenia,
a NIKT tak naprawdę nic nie ugotował i nikt tak naprawdę nie zjadł śniadania ani nie przygotował prawdziwego lunchu.

Nach ein paar Stunden des Kampfens mit dem Algorithmus höre ich auf. Niemand hat tatsächlich etwas gekocht und nur eine Peson hat überhaupt vor, etwas zu essen. Ich habe fertig und gehe kochen. Smoothie, Champignons mit Blaukäse und Tostada.

Jest godzina 12. Koniec zabawy z Facebookiem. Pora na realne jedzenie. Pójdę sobie ugotować coś smacznego na brunch. Smoothie, pieczarki zapiekane z serem pleśniowym
i tostada.

Smacznego!

PS. Na śniadanie algorytm nic nie dał porządnego do zjedzenia, ale na podwieczorek
– z okazji imienin Agaty (najlepszego, Agato!) – i owszem:

Reblog: Abkehr vom Kapitalismus

Erik Albrecht

Kehrtwende in Preston
Englische Stadt hat genug vom Kapitalismus

Reblog

Frisch renovierter Busbahnhof in Preston – eigentlich sollte hier eine Shopping Mall entstehen.

Großbritannien ist das Land der Privatisierung: Bahn, Gefängnis, Verwaltung, alles privat. Aber es läuft nicht gut. Deshalb versucht man es in der britischen Stadt Preston anders, erprobt sozialistische Ideen – und setzt auf lokale Wirtschaft.

Weiß strahlt der Beton des frisch renovierten Busbahnhofs in der Sonne. Die geschwungenen Parkdecks oberhalb der Wartehalle wirken ein wenig wie die Flügel eines übergroßen Raumschiffs. Dass der futuristische 60er-Jahre-Bau überhaupt noch steht, erzählt viel über Prestons enttäuschte Liebe zum Kapitalismus. Denn eigentlich sollte an seiner Stelle ein Einkaufszentrum entstehen. Neuer Schwung für die Wirtschaft der Stadt, die wie so viele im Norden Englands immer noch unter der Deindustrialisierung leidet.

Auf die große Pleite folgt ein Umdenken

Doch dann kam die Finanzkrise von 2008. Die auswärtigen Investoren zogen sich aus dem umgerechnet 800 Millionen Euro schweren Projekt zurück.

Matthew Brown, Stadtrat für Wirtschaftsförderung in Preston, hat genug vom Kapitalismus.

Preston stand mit leeren Händen da. Gleichzeitig kürzte die Regierung in London im Zuge ihrer Sparpolitik den Kommunen ihre Budgets.

„Stellen Sie sich vor, die Regierung kürzt der Kommune Gelder und überweist von heute auf morgen deutlich weniger. Und dann zieht sich auch noch die Wirtschaft zurück und will nichts mehr von Ihnen wissen. Was bleibt Ihnen da noch übrig? Sie können nur noch die Dinge selbst in die Hand nehmen.“

Matthew Brown sitzt in seinem Büro im historischen Rathaus von Preston. Neben dem schweren Eichenschrank hängt ein Poster der Sex Pistols. „Anarchy in the UK“ steht dort auf einer zerfledderten britischen Flagge. Brown gehört zum linken Flügel der Labour-Partei. Als Stadtrat für Wirtschaftsförderung musste er seit 2011 Preston einen Weg aus der Krise weisen.

„Wir haben immer versucht, große Investoren und multinationale Konzerne anzuwerben. Dann ist uns aufgefallen, dass wir hier auch ohne sie viel zu bieten haben. Wir haben großartige Firmen und wir haben all diese Organisationen, die niemals einfach weiterziehen werden, wie es viele Multis machen.“

Lokale Unternehmen statt große Konzerne

Nach der großen Pleite setzte Brown deshalb auf lokale Unternehmen statt auf große Konzerne. Mit Erfolg: Preston wurde vor kurzem in einer Studie zum Spitzenreiter unter den aufstrebenden Städten Großbritannien gewählt. Heute ist sein „Prestoner Modell“ Teil des Wahlprogramms der Labour-Partei unter Jeremy Corbyn. Und Brown erklärt regelmäßig Politikern aus anderen Landesteilen den Ansatz.

Apartments ab 115 Pfund pro Woche: Billig wohnen im neuen Studentenwohnheim

Großbritannien ist wirtschaftlich tief zwischen dem boomenden London und den alten Industriegebieten im Norden Englands gespalten. Prestons Aufschwung ist da Inspiration für viele abhängte Städte.

Vielen seiner Kollegen bringt Brown, stets mit Schiebermütze und im schwarzen Anzug unterwegs, in die Friargate, um ihnen seine Politik zu erklären.

„This is it. This is the new student accommodation.“

Brown zeigt auf einen modernen Neubau an der Straßenecke vor ihm. Im Erdgeschoss wirbt ein großes Plakat für schicke Apartments ab 115 Pfund pro Woche. Das Pub nebenan setzt klar auf hippe Studenten. Bis zu Universität von Central Lancashire sind es nur wenige hundert Meter. Vor kurzem habe hier sogar eine Gin-Bar eröffnet, erzählt der Stadtrat fast ein wenig ungläubig.

„Friargate war noch vor fünf Jahren eine sehr heruntergekommene Gegend. In diesem Block standen 80 Prozent der Ladenlokale leer. Aber jetzt haben wir hier diesen Neubau. Das ist toll.“

Preston gehört immer noch zu den 20 Prozent der ärmsten Gemeinden Englands. Entsprechend unbeschwert freut man sich hier über eine zaghafte Gentrifizierung.

Studentenheim als Anlage für die örtliche Pensionskasse

Bauherr des neuen Studentenwohnheims ist die Pensionskasse der Angestellten der Stadt. Etwa 20 Millionen Euro hat sie in das Projekt gesteckt. Insgesamt will der Fonds umgerechnet etwa 110 Millionen Euro vor Ort investieren – viel Geld für eine Stadt mit 140.000 Einwohnern.

„In der Regel legen öffentliche Pensionskassen ihr Vermögen ja nicht dort an, wo es herkommt – das Geld stammt ja aus den Beiträgen der Angestellten des öffentlichen Dienstes dieser Region. Aber das ist jetzt anders. Unser Fonds investiert einen Teil in die lokale Wirtschaft. Und damit schaffen wir eine Aufwärtsspirale.“

Es ist das Herz des „Prestoner Modells“: Öffentliche Einrichtungen vergeben Aufträge nicht an den günstigsten Anbieter, sondern danach, was der lokalen Wirtschaft am meisten nutzt. Möglich macht das eine Gesetzesänderung, die seit einigen Jahren „sozialen Mehrwert“ als Entscheidungskriterium bei Ausschreibungen erlaubt.

Brown brachte sieben solcher sogenannter Anker-Institutionen in Preston an einen Tisch. Neben dem Pensionsfonds die Verwaltungen von Stadt und Grafschaft, die Universität, die Polizei, das Krankenhaus sowie die größte Wohnungsgenossenschaft mit über 6000 Häusern in der Stadt. Gemeinsam verwalten sie ein Jahresbudget von umgerechnet etwa 850 Millionen Euro. Heute geben sie doppelt so viel davon in der Grafschaft Lancashire aus wie noch vor sechs Jahren – umgerechnet etwa 220 Millionen Euro.  Und das, obwohl etwa die Stadt Preston im Zuge der Sparpolitik der konservativen Regierung in London 30 Prozent ihrer Haushaltmittel eingebüßt hat.

Die Leitfrage: Was nutzt der lokalen Wirtschaft?

Doch gerade deshalb brauche die Wirtschaft das Mehr an Aufträgen, so Brown. Für ihn ist es auch der Einstieg in eine neue Wirtschaftsstruktur. Statt großer nationaler Servicedienstleister, die öffentliche Aufgaben im ganzen Land übernehmen, kommen kleinere lokale Unternehmen zum Zug.

Zugfahrt nach Manchester. Dumpf erfüllt das Wummern der Dieselmotoren den abgenutzten Waggon des Vorortzuges. Kaum irgendwo ist der Wunsch der Briten nach mehr Staat so ausgeprägt wie auf der Schiene. Bahnfahren auf der Insel ist teuer. Staatliche Aufsicht über die privaten Eisenbahngesellschaften lasch. Vielerorts fahren Dieselloks, da Oberleitungen fehlen. Die Mehrheit der Briten wünscht sich deshalb den Zugverkehr zurück in staatliche Hand – und nicht nur ihn.

Im Mutterland von Privatisierung und Neoliberalismus verdienen breit aufgestellte private Konzerne viel Geld, indem sie Gefängnisse führen, städtische Buslinien betreiben oder die Planungsabteilung von Stadtverwaltungen übernehmen. Doch in letzter Zeit sei dieses Modell zunehmend in die Kritik geraten, beobachtet Sarah Longlands vom Institute for Public Policy Research IPPR in Manchester.

„Ich denke, wir haben beim Outsourcing den Zenit überschritten. Es gibt eine immer größer werdende Diskussion darüber, dass wir diese Dienste zurückholen müssen, weil es wichtig ist, dass Staat und Kommunen diese selbst betreiben.“

Aushängeschild für den neuen wirtschaftlichen Erfolg: Auf die neue Markthalle sind die Prestoner stolz.

Denn 2018 war kein gutes Jahr für diese Art des Outsourcings. Gleich zu Beginn ging der Dienstleister Carillion pleite, der im ganzen Land Krankenhäuser baute oder Schulkantinen betrieb. Später musste die Regierung eine Bahnlinie sowie das Gefängnis von Birmingham zwangsweise rückverstaatlichen.

Auch deshalb wollen heute über drei Viertel der Briten Wasser, Strom und Gas sowie die Eisenbahn zurück in öffentlichem Besitz sehen. Doch das „Prestoner Modell“ treffe noch aus einem Grund weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Nerv in Großbritannien.  Denn gerade jenseits von London und dem wohlhabenden Südosten des Landes hätten die Menschen vielerorts das Gefühl, der Globalisierung schutzlos ausgeliefert zu sein.

„In einer mittleren Stadt, die von der Deindustrialisierung betroffen ist, hat die Stadtverwaltung sehr wenig Verhandlungsspielraum, wenn es darum geht, Investoren anzuziehen. Wenn also Amazon auftaucht und 1000 schlecht bezahlte Jobs anbietet, kann man das nur sehr schwer ablehnen. Man ist diesen Firmen einfach ausgeliefert.“

Kommunen wollen Einfluss auf Entscheidungen

Longlands sieht hier auch einen zentralen Grund für den EU-Austritt des Landes. Schließlich hätten die Brexiteers mehr Kontrolle versprochen. Preston liefere dagegen ein konstruktives Modell dafür, wie Kommunen wieder mehr Einfluss auf ihre wirtschaftliche Entwicklung nehmen können.

„Preston versucht, die Wirtschaft von der anderen Seite her zu beeinflussen. Preston fragt: Was haben wir, worauf wir aufbauen können? Und wie können wir die Menschen dabei mitnehmen, unsere Stärken zu nutzen und etwas aufzubauen?“

„Wir treten jetzt von der Old Street her durch eine Doppeltür in die Markthalle. Wenn sie nach oben schauen, sehen sie eine wunderschöne denkmalgeschützte Dachkonstruktion.“

Zurück in Preston betritt John Bridge zügigen Schrittes den Glaskubus der Markthalle neben dem Rathaus.

Metzger und Fischhändler preisen ihre Waren an. Gemüsestände wechseln sich ab mit hippen Cafés und Street-Food-Imbissen. Doch Bridges Blick wandert zunächst zu dem schmiedeeisernen Unterbau, der das Dach hält.

„Das ist ein Wunder der Ingenieurskunst. Niemand versteht, wie es so stabil sein kann, ohne jede Art von Stützen in der Mitte.“

Eine Markthalle als Aushängeschild

Seit ihrer Eröffnung im Februar ist die Markthalle das Aushängeschild für den neuen wirtschaftlichen Erfolg der Stadt. Und für die neue Art, solche Großprojekte umzusetzen. Bridge hat den Glaskubus entworfen. Durch den Auftrag konnte sich der Architekt aus Preston selbstständig machen.

In der Regel hätte die Stadt das Projekt an eine der großen nationalen Baufirmen vergeben, etwa an Carillion – vor dessen Pleite im vergangenen Jahr. Stattdessen ging der Stadtkämmerer Andy Ridehalgh einen anderen Weg:

„Wir haben überlegt, wie wir den Auftrag aufteilen können und was für die Auftragnehmer dabei entscheidend ist.“

Denn vielen kleineren Betrieben fehlten schlicht die Kapazitäten, um ein drei Millionen Pfund teures Projekt vollständig abwickeln zu können, stellte Ridehalgh fest. Statt eines Gesamtauftrags, schrieb er deshalb die beiden Markthallen gesondert aus und ermunterte gezielt kleine Baufirmen aus Preston, ein Angebot zu machen.

„Im Ergebnis ist das historische Ensemble erhalten geblieben und kleine und mittlere Unternehmen hatten die Chance, mitzubieten.“

Kleine, in der Region verankerte Betriebe, statt großer multinationaler Konzerne. Wie auch die britische Labour-Partei will Andy Ridehalgh diese Art der Wirtschaftsstruktur in seiner Stadt fördern. Gerade in Großbritannien seien die Innenstädte überall von den immer gleichen Ketten dominiert. In Prestons neuer Markthalle sei das anders, sagt er fast ein wenig stolz.

„Die drei großen Café-Ketten sieht man auf unserem Markt nicht. Hier kann man stattdessen Kaffee an sechs verschiedenen Ständen kaufen.“

Im großen Versammlungssaal des Rathauses verteilt Alison Namensschilder und Programme. Einen Tag lang wollen hier Aktivisten aus ganz England über das „Prestoner Modell“ diskutieren. Eingeladen hat „The Larder“ – zu Deutsch: die Speisekammer – eine Genossenschaft, die in Preston für eine gerechtere Nahrungsmittelindustrie kämpft.

Eine andere Wirtschaftspolitik ist möglich

Diskutiert wird ein linker Gegenentwurf zu herkömmlichen Wirtschaft. Vielen geht es auch hier um eine andere Wirtschaftsstruktur. Statt großer nationaler Anbieter setzen sie auf dezentrale Angebote und auf die Rückbesinnung auf lokale Anbieter im Mittelpunkt, sagt Kay Johnson, Gründerin von „The Larder“:

„In Lancashire bauen wir tolles Gemüse an. Und ich will, dass das auch in Lancashire bleibt. 70 Prozent unserer Nahrungsmittel gehen in andere Regionen. Und dabei kreuzen sich die LKWs mit denen, die uns hier in Lancashire versorgen. Ich möchte gerne ein System schaffen, in dem wir uns zwar nicht selbst ernähren, das aber doch mehr in diese Richtung geht.“

Bereits vor ein paar Jahren hat die Verwaltung die Belieferung der Schulkantinen in der Grafschaft Lancashire neu organisiert. In Preston liefert nun ein Familienbetrieb das Gemüse, ein anderer das Fleisch, ein dritter den Joghurt. Wo bislang noch von außen hinzugekauft werden muss, sollen in Zukunft Genossenschaften wie „The Larder“ die Lücken in der Wirtschaft vor Ort schließen. Auch das ist Teil des Prestoner Modells, erklärt Brown auf der Konferenz.

Die Rückbesinnung aufs Lokale – vielen in Großbritannien erscheint das als eine Form von lokalem Protektionismus. Jedes Pfund, das zusätzlich in Preston ausgegeben werde, fehle anderswo. Matthew Brown sieht darin dagegen eher eine Möglichkeit, das Ungleichgewicht zwischen London und dem Rest des Landes ein wenig auszugleichen. Schließlich hätten die meisten der großen Outsourcing-Firmen ihren Sitz in der britischen Hauptstadt.

„Diese Firmen sind sehr gut darin, öffentliche Aufträge im Norden Englands zu gewinnen. Der Gewinn fließt dann nach London und oft auch ins Ausland. Dieses System stellen wir infrage.“

Die Auftragsvergabe an lokale Unternehmen ist für ihn da nur der erste Schritt. Derzeit arbeitet Preston an der Gründung einer Bank nach dem Vorbild deutscher Sparkassen, die Unternehmen der Region gezielt fördern soll, wo die großen Londoner Banken Kredite verweigern.

„Das neue Modell sucht nach neuen Formen öffentlichen Eigentums und Strategien, eine demokratischere Wirtschaft zu schaffen. Dafür müssen wir auf die Auftragsvergabe schauen, um lokale Firmen zu unterstützen, aber wir sollten auch neue Genossenschaften  gründen. Es kann auch um Unternehmen in Staatsbesitz gehen, aber so, dass die Bürger Einfluss darauf haben.“

Am Ende steht für Brown eine Alternative zum derzeitigen Finanzkapitalismus. Die britische Labour-Partei geht hier noch einen Schritt weiter. Auch große Konzerne sollen nach ihren Vorstellungen einen Teil der Aktien in die Hände der Belegschaft geben. Ob sich dafür in der britischen Gesellschaft eine Mehrheit findet, ist ungewiss. Doch 40 Jahre nach den marktorientierten Reformen von Premierministerin Margaret Thatcher diskutiert Großbritannien wieder über Wirtschaftspolitik.

Frauenblick: Unrast

Zu unserer Ansage schreibt jetzt

Monika Wrzosek-Müller

Eine rastlos theatralisch-musikalische Reise nach Motiven von Olga Tokarczuks >Unrast<

Für uns, aufgewachsen in der Tradition von Grotowski, Kantor oder später Szajna, ist das Experimental/Avantgarde-Theater eine Selbstverständlichkeit. Das Spiel mit dem Körper, weg von der Sprache, vom Text, nah an Bild, Musik, Bewegung, das alles habe ich als Gymnasiastin im Polen der 70er Jahre erlebt. Arbeit mit Schatten, mit Pantomime, Gesang, direkte Interaktion Schauspieler-Zuschauer während des Stücks war nichts Neues für mich. Ich kann mich an eine Aufführung von Jozef Szajna im Theater Studio in Warschau im Kulturpalast erinnern, in der die Schauspieler mit Schüsseln voll Wasser zu den Zuschauern gingen und sagten: „wascht eure Hände“, und jemand antwortete ganz laut und unvorhersehbar: „Wasch dir selbst die Hände, ich habe für den Theaterbesuch gebadet“…

Ende der 70er Jahre habe ich an einem Ausbildungsworkshops von Grotowski teilgenommen. Ich wog mich wie Ähren auf einem imaginären Kornfeld im Wind oder verrenkte mich wie eine Wolken am stürmischen Himmel. Schwieriger waren komplizierte Nachahmungen aller möglichen Kriechtiere, den Unterschied zwischen einer Eidechse und einer Schlange körperlich herauszuarbeiten… und zu lernen versuchen, wie man auf der Stelle verharrend mit viel Anstrengung Distanzen bewältigt, die in Metermaßen 0 betrugen, doch von Weitem als sehr effektvolles sich Vorwärtsbewegen aussahen. Wenn ich jetzt auf meine Biographie zurückschaue, war die Beschäftigung mit meinem Körper immer für mich wichtig, ich brauchte es, um weiterleben zu können. Deshalb meine Ausbildung zur Yogalehrerin und meine jahrelange Yogapraxis.

Umso mehr erstaunt mich, dass in Berlin meistens ganz traditionell im Sinne eines Sprechtheaters inszeniert wurde und die Spektakel von Bob Wilson sich so großer Popularität und so riesigen Interesses erfreuten, weil sie etwas Anderes, Neues waren. Zwar existierte seit 1984 in Berlin eine von Teresa Nawrot, einer Assistentin von Grotowski, gegründete Theaterschule, die nach ihm Schauspieler (mit Körper-, Stimmarbeit, Rhythmus und Text) ausbildet, doch bei den hiesigen Theaterinszenierungen traf man solche Choreographien und Inszenierungen sehr selten.

Warum ich soweit aushole: Es war für mich ein Vergnügen, die letzte Aufführung von „Unrast“ von Elzbieta Bednarska in der Spandauer Zitadelle zu sehen. Die Fülle der Bilder, die physische Präsenz der Schauspieler, der Ort der Aufführung, alles sprach mit der starken, emotionalen und deutlichen Sprache des polnischen Avantgardetheaters. So viel Kraft und Vision kann man kaum in einem normalen Zuschauerraum erzeugen, auch wenn das Thema Reisen, Flüchten, sich von Ort zu Ort Bewegen sehr aktuell in unserer so bewegten Zeit ist. Wir wurden auf die Reise mitgenommen und konnten Textpassagen, Bilder und Musik wirklich miterleben; auch wenn das Wetter den Schauspielern übel mitspielte (es stürmte und regnete stark), so waren die Bilder umso suggestiver und expressiver. Auch die Auswahl aus den Texten der heute in Deutschland vielleicht bekanntesten zeitgenössischen polnischen Schriftstellerin kam uns entgegen; in verschiedenen Sprachen, Kulturen, das sich Bewegen als Ziel, nie erreicht und immer vor neue Fragen oder auch Herausforderungen stellend. Das Ziel ist auch andere Menschen zu treffen, sie mitzunehmen, sich auszutauschen, aber auch sich zu verlieren, das Alte aufzugeben, zu flüchten oder letztendlich zu pilgern. Doch deutlich zeigte sich: So wichtig auf der einen Seite die Reise, das Sich-Bewegen, für den modernen Menschen ist, ihn fast formt, so deutlich kommt auf der anderen Seite die Suche nach Verwurzelung und nach Identität zum Vorschein.

Die Schriftstellerin selbst dazu: „Die Reise ist wohl die größtmögliche Annäherung an das, was unsere moderne Welt zu sein scheint: Bewegung und Instabilität. Jede Epoche sieht sich versucht, den Zustand des zeitgenössischen Menschen mit irgendeinem schlauen Wort zu beschreiben. Mir scheint, dass für unsere Zeit Unrast ein solches Wort sein könnte“.

Wunderbar waren auch die Musik von Chopin und die Geschichte der „Reise“ seines Herzens, das seine Schwester Ludowika, in französischen Cognac getaucht, nach Warschau transportierte und dort in der Heiligkreuzkirche beisetzen ließ. An der Tafel in der Kirche steht bis heute der biblischer Satz „Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“. Für Tokarczuk war eben Chopin einer der Reisenden, aber auch eine Identifikationsfigur, bessere kann man nicht finden, oder doch wie bei den Szenen, die an eine katholisch-orthodoxe Messe erinnern…

Auf jeden Fall sah ich in den Gesichtern der Zuschauer um mich herum tiefe Gefühle, reges Interesse; die Schauspieler, Musiker und die Regisseurin wurden mit Ovationen verabschiedet. Schade, dass es nur drei Vorstellungen dieses gelungenen Spektakels gab.

Rosa Luxemburg & Paweł Adamowicz

Sie ist vor Hundert Jahre gestorben. Eine Jüdin, eine Polin, eine Frau, eine Geh-Behinderte. In der Tat viermal behindert. Oder gar fünf, sie war doch noch eine Linke.

In meinem Land verhasst wie die Pest. In Deutschland respektiert, viel mehr als in ihrem Heimatsland. Man hatte letztens ihre Gedenktafel vom ihren Haus in Zamość entfernt.
Geboren 1871, ermordet am 15. Januar 1919 in Berlin.

August Bebel Institur lädt heute, am Di 15. Januar um 18–22 Uhr zu einem Film & Diskussion ein.

Rosa Luxemburg – 100 Jahre danach

Die Person Rosa Luxemburgs bewegt ein Jahrhundert nach ihrem Tod noch immer die Gemüter. Der Film Margarethe von Trottas aus dem Jahr 1986 bringt sie uns nahe. Aber wie authentisch ist der Film? Was hat sie politisch vertreten und was hat sie uns heute noch zu sagen?
Mit: Ernst Piper (Historiker, Luxemburg-Biograf) und Franziska Drohsel (Juristin, ehem. Juso-Bundesvorsitzende)

Ort und Kooperationspartner: Moviemento Kino, Kottbusser Damm 22 (U Schönleinstr.), www.moviemento.de l Eintritt: 5 €, Reservierung: Tel. (030) 692 47 8


Paweł Adamowicz – 1 Tag danach

Geboren 1965 in Gdańsk, am 13. Januar 2019 mit einem Messer während einer Wohltätigkeitsveranstaltung (Das Große Orchester der Weihnachtshilfe) ebenda niedergestochen; gestorben am 14. Januar 2019.

Adamowicz war von 1998 bis zu seinem Tod der Stadtpräsident von Danzig. Bis 2015 gehörte er der Bürgerplattform (Platforma Obywatelska) an, seitdem parteilos; gründete eine Wählervereinigung „Alles für Danzig“.

Seine Stadt verabschiedete sich von ihm am Abend seines Todestages (siehe Foto). Ähnliche Veranstaltungen fanden in vielen Städten in Polen statt, aber auch im Ausland, in Berlin, Budapest…

In Berlin gab es zuerst eine Schweigen-Zeremonie vor dem Brandenburger Tor und danach gingen wir (informell und illegal) zum Reichstag. Dort steht ein Fragment der Werftmauer aus Danzig mit einer Tafel zur Ehre der Solidarność. Sie wurde seiner Zeit von Paweł Adamowicz enthüllt.

Es war eine schöne Idee von polnischer Journalistin, Dorota Danielewicz (und auch ihr Foto unten), dass wir dorthin gehen. Und sogar die Berliner Polizei hat die Verlegung der Gedächtnisversammlung anerkannt.

Fragment der Danziger Werftmauer an der Rückseite des Deutschen Bundestags (Reichstag) wurde am 17. Juni 2009 von Paweł Adamowicz enthüllt


Znałam go, tak jak znało go wielu ludzi z Gdańska.
Chodził do tej samej szkoły, do której i ja (wcześniej, wcześniej) chodziłam (i do której uczęszczał też Donald Tusk) – I Liceum Ogólnokształcącego im. Mikołaja Kopernika, tuż koło bramy Stoczni Gdańskiej. Kilkakrotnie, gdy już mieszkałam w Niemczech, przyjeżdżałam na spotkania z nim. Omawialiśmy różne projekty polsko-niemieckie, które odbywały się (lub miały się odbyć i nie zostały zrealizowane) w Gdańsku i Berlinie. Kiedyś rozmawialiśmy o podobieństwach między tymi miastami, o ich osobnej pozycji, o roli, jaką odegrały w historii Niemiec, Polski, Europy i świata. Raz czy drugi widzieliśmy się w Berlinie, ostatnio podczas spotkania miast partnerskich w niemieckim Ministerstwie Spraw Wewnętrznych.

Ale może najmilsze wrażenie zostawił mi podczas pewnej niemal-że rodzinnej uroczystości w Ratuszu Gdańskim. Był 24 czerwca 2016 roku. Moi przyjaciele obchodzili 50 rocznicę ślubu. Oni i kilkanaście innych starych dobrych małżeństw. Ceremonię prowadził właśnie Paweł Adamowicz. Zachowywał się świetnie, swobodnie, serdecznie. Przemawiał, gratulował, ściskał, obejmował, całował w rękę lub w policzki, a potem, gdy nadeszła pora tańców –  tańczył. I nie był to taniec gwiazd, tylko serdeczna wspólnota prezydenta
i obywateli miasta, którym rządził (Foto Kasia Bogdanowicz).

Na pożegnanie z Panem Pawłem Adamowiczem przyleciał Donald Tusk.

Barataria 100 Chaconna (auch auf Deutsch)

Für Deutsch – bitte nach unten scrollen!

Chaconna Bacha

Od Bacha i Chaconny się zaczęło 100 odcinków temu. Dziś fragment nt Chaconny z książki Wolfa Wondratschka Mara. Tłumaczenie własne, co oznacza, że nie znalazłam książki po polsku. Zatem po raz kolejny znakomita propozycja – jakby jakieś wydawnictwo się zainteresowało, to jest to świetna książka, inna niż wszystko, co dotychczas czytaliśmy (czytaliście) o muzyce. I chętnie ją przetłumaczę! Na przykład taki WAB – Beato, mam wrażenie, że czekasz na tę książkę, tylko jeszcze tego nie wiesz…

Kto nie chce cierpieć, twierdził Starkie, powinien zadowolić się graniem muzyki tanecznej, to w końcu też jest coś dobrego, ale niech się trzyma z daleka od wielkich partytur, które wszak nie są niczym więcej jak dowodami nieogarnionych cierpień. Palce wykręcone artretyzmem, zanik kości, zapalenia, ołów we krwi, napady niepoczytalności, nieodwzajemniona miłość, wywołany kiłą paraliż postępowy, a właściwie, nie warto tego przecież ukrywać, po prostu syfilis, alkoholizm, ataki serca, ależ, panowie, proszę – do woli, wszystko, dla klawesynistów, pierwszych skrzpków, celistów, poerkusistów, trębaczy. Potworność!

– Proszę spojrzeć na pierwszy lepszy życiorys. Jeden bardziej nieśmiertelny niż drugi. Bellini śmiertelnie chory przez własną niepohamowaną porywczość, Chopin – gruźlica płuc, co pozwala podejrzewać, że preludium kropli deszczu w istocie oznacza krople opium. (Schönberg, mój miły Starkie, skomponował muzykę do własnego ataku serca – 1946, trio smyczkowe, op. 45), Johann Sebastian Bach komponuje dźwięczące nagrobki… spojrzał na swych studentów. Gdzie na przykład?

– Chaconne, część piąta, partitaD-Moll na skrzypce solo.

– (…) Tak jest. I dlaczego nagrobki?

– (…) Bo umarła mu żona.

– Nieprzyjemna sprawa, czyż nie? zwłaszcza, jeśli założymy, że ją kochał. Nie było go, jak umarła. Udał się w Podróż z Księciem Panem i jeszcze nie wrócił, jak składano jej szczątki pod ziemię. A gdzie był?

– W Karlsbadzie (Karlovych Varach)

– W całej Chaconnie (…) zawarł wszystko, co było wyryte na nagrobku, wszystkie liczby i litery, daty urodzin i śmierci, litery jej imienia – wszystko stało się systemem według którego skomponował Chaconnę.

I cóż to oznacza? Czy nie był smutny, czy nie płakał? W końcu w tym grobie leży też kilkoro jego dzieci. Ich daty urodzin i śmierci, i imiona też weszły w skład kompozycji. I cóż to znaczy? No cóż, powiedziałbym, iż znaczy to, że był genialny.


Und über dasselbe Thema auf Deutsch

Fotografie in Berlin, zwei Einladungen

Einladung 1

Seit Jahren führt der Fotograf Karsten Hein Projekte für und mit den Blinden. Er hat ein Fotostudio für Blinde Fotografen gegründet, eine Webseite eingerichtet, wo die Sehenden für die Blinden ihre Fotos interpretieren. Er hat auch Modenschauen mit den Blinden organisiert, ein Projekt, das ihm viel Renommee brachte.

Morgen gibt es im Kunger-Kiez eine neue Vernissage aus dieser Reihe.

XXX
Für Diejenigen, die einen Text bevorzugen, HIER kann man dasselbe lesen.


Die Autorin des wunderbaren Fotos, die man auf der Einladung findet, ist Silja Korn, eine faszinierende, “bunte”, engagierte Frau. Sie ist farb- und modebewusst, sie gründete eine Stiftung zur Verbesserung der Lebensqualitet blinder und taubblinder Menschen, sie malt, sie kann euch porträtieren und ich vermute in der Tat ist sie vieles mehr. Siehe HIER.

Ach, und noch eins… sie sucht uns:

Liebe Leser,

ich suche fotobegeisterte Menschen, die ehrenamtlich (oder für Vortrag, Bachelor, Masterarbeit, usw.) mit mir gemeinsam mit der Fotokamera durch Berlin streifen wollen.
Ich habe im Laufe der Zeit schon viele Erfahrungen als blinde Fotografin sammeln können.
Darüber könnt Ihr Euch gerne hier informieren.
Mein Wunsch ist es, mein Gefühl zur Kamera und dem erwünschten Objekt noch genauer ins Visier zu bekommen, damit die Themen die ich fotografieren möchte, gezielter abgelichtet werden.
Bisher bin ich auch oft allein mit der Fotokamera unterwegs gewesen. Dabei entstand schon so manches tolle Foto.
Es kann auch als ein Tandem gesehen werden. Wir beide fotografieren das gleiche Objekt und später stellen wir daraus eine gemeinschaftliche Serie her.
Alles weitere können wir dann bei näherem Kontakt noch genauer ausarbeiten. Ich freue mich schon sehr auf Eure Zuschriften!
E-Mail: sk@siljakorn.de

Mit besten Grüßen
Silja


Einladung 2

Peter Bialobrzeski: Bei Wismar, 2012. Aus der Serie: »Die zweite Heimat«, 2011-2016 © Peter Bialobrzeski

Peter Bialobrzeski – Die zweite Heimat

Für Die zweite Heimat reiste Peter Bialobrzeski von 2011 bis 2016 mit seiner Kamera
durch Deutschland. Mit seinen Fotografien versucht der Künstler, die soziale Oberfläche
des Landes zu beschreiben, das ihm seit 50 Jahren eine Heimat bietet. Ihn interessiert die
Frage: Wie sieht das Land aus, in dem ich lebe, wenn ich es im Bild festhalte? Wie sieht die
Gegenwart aus, wenn sie als Vergangenheit betrachtet wird?
Bialobrzeski fotografiert den vom Menschen geprägten Außenraum: Stadt, Land, Architektur. Er fokussiert dabei auf häufg übersehene Objekte, die vordergründig keine Bedeutung zu haben scheinen und erst dann ihr Wesen zeigen, wenn sie wahrgenommen und in einen Kontext gebracht werden. Treffend beschreibt Henning Sußebach im Vorwort zum gleichnamigen Buch (2017) den Fotografen als „… unterwegs im weiten Dazwischen, im Fremdvertrauten eben, wo sich Garagentore, Laternen und Tankstellen aneinanderreihen …“
Die entstandenen Fotografen sprechen für sich selbst. Sie legen künstlerisch Zeugnis ab und erlauben, auch in soziologischen, dokumentarischen und damit historischen
Zusammenhängen verstanden zu werden.

Peter Bialobrzeski (geb. 1961) ist einer der bekanntesten und international erfolgreichsten deutschen Fotografen der Gegenwart. Er lehrt seit 2002 als Professor für Fotografe an der Hochschule für Künste in Bremen. Seine Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet. Der Künstler stellt weltweit aus, seine Fotografien befinden sich in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen.
11.1. – 31.3.2019
HAUS am KLEISTPARK
Grunewaldstraße 6– 7, 10823 Berlin, Tel 90277- 6964, Di bis So 11 – 18 Uhr, Eintritt frei, kein barrierefreier Zugang
Verkehrsanbindung: U7 Kleistpark, Bus M48, M85, 106, 187, 204; http://www.hausamkleistpark.de, http://www.bialobrzeski.de
Eine Ausstellung des Fachbereichs Kunst, Kultur, Museen Tempelhof-Schöneberg.

Ausstellungseröffnung
Donnerstag, 10. Januar 2019 um 19 Uhr
Es sprechen:
Barbara Esch Marowski
Leiterin der kommunalen Galerien Tempelhof-Schöneberg
Jutta Kaddatz
Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Soziales Tempelhof-Schöneberg
Ingo Taubhorn
Kurator Haus der Photographie | Deichtorhallen Hamburg

Unten noch ein pdf, um das alles in Ruhe zu lesen:

2018-11-12 hak einladung bialobrzeski web

Vergessene Texte 3

Ewa Maria Slaska

Nicht nur die Kirchen

Fortsetzung

In Templin

Nie im Leben habe ich mit so vielen Priestern geredet, wie jetzt, als ich den Text über Ulitzka schreibe. Nicht mal zwei Wochen nach meinem Besuch in Biesenthal fahre ich nach Templin, wo ich mich mit Pfarrer Beier treffe. “Haben Sie ihn gekannt?” stelle ich noch am Telefon meine übliche Frage. “Nein, das nicht, aber sein Wirken war in der Gemeinde immer wichtig“.

Unterwegs vom Bahnhof zu seiner Wohnung besuchen wir noch eine Kirche, wieder eine Herz-Jesu-Kirche, eine katholische Kirche in Templin, wo Pfarrer Beier trotz seiner 86 Jahre jeden zweiten Sonntag die heilige Messe zelebriert. An den Wechselsonntagen ist er in Zehdenick. “Sport hält fit”, lacht er, “in meiner Studienzeit spielte ich Fußball, dann ganzes Leben lang bin ich viel geschwommen bis noch vor zwei Jahren, und ich fahre immer noch Rad”.

Als ich die kleine Wohnung in der Am-Eulen-Turm-Straße in Templin betrete, die Pfarrer Baier seit seiner Emeritierung bewohnt, wartet schon eine Sammlung von Büchern und Ordnern auf mich, die er auf seinem Wohnzimmersofa gestapelt hat. Sein Ulitzka-Fundus. Das Buch von Guido Hitze gibt’s gleich zweimal – die normale Ausgabe, die ich ja auch (aus der Bibliothek geliehen) habe, außerdem aber auch ein umfangreiches maschinengeschriebenes Manuskript mit persönlicher Widmung des Autors.

“Der war mal einen Tag lang in Bernau”, meint Pfarrer Beier, “sonst hat man sich auch woanders oft getroffen. Ich hatte ihm viel zu zeigen und zu erzählen. Das ganze Archiv.”

Wir reden und reden, und reden. Ich fotografiere. Wir reden. Nicht nur über Ulitzka. Dann gehen wir essen und spazieren. Dann begleitet er mich noch zum Bahnhof. Ich komme nach Berlin mit dem Gefühl, einen den schönsten Tage in meinem beruflichen Leben erlebt zu haben. Ich würde gern wiederkommen, in diese schöne kleine Stadt, zu diesem Menschen, mit dem man sich so gut unterhalten kann.

Die Politik

Im März 1910 verließ Ulitzka Bernau und kehrte nach Oberschlesien zurück, wo er dreißig Jahre, bis 1939 Pfarrer in Ratibor-Altendorf war.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war Ulitzka Zentrumsabgeordneter Oberschlesiens in der Weimarer Nationalversammlung, und anschließend von 1920 bis 1933 Zentrumsabgeordneter im Reichstag.

Solange er als Politiker in Berlin zu weilen hatte, wohnte er im Hospital der Grauenschwester in der Niederwallstr. 8-9 im Bezirk Stadtmitte. Die Schwestern führten ihr Krankenhaus bis 1993. Heute ist es Sitz des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin.

Man erzählt, dass er seinerzeit als Politiker fast jeden Samstagabend in Berlin den Nachtzug nach Schlesien nahm und im Zug schlief, um in Ratibor in „seiner“ Nikolai-Kirche um 9.15 Uhr die heilige Messe zu halten. Oft auf Polnisch! 14 Jahre lang, von 1919 bis 1933. Der Biograf nennt es sogar das „Doppelleben“ des Geistlichen. Möglich war es, schreieb er, dank der außergewöhnlichen Glaubenstiefe, eiserner Disziplin, großem Fleiß und einem beachtlichen Organisationstalent.

1939 wurde Ulitzka wegen seines Eintretens für den Gebrauch der polnischen Sprache in der katholischen Kirche aus Schlesien ausgewiesen und wurde Krankenhausseelsorger im St. Antonius-Hospital in Berlin-Karlshorst.

Er beschloss, sich nicht mehr politisch zu engagieren. Die Politik wollte es aber anders. Am 28. Oktober 1944 wurde Ulitzka von der Gestapo verhaftet und am 21. November 1944 in das Konzentrationslager Dachau verbracht. Nach der Entlassung aus Dachau am 29. März 19455 ging er zuerst ins Pfarrhaus von Kösching bei Ingolstadt, wo er bei den Pfarrer Landgraf  wohnte, den er im KZ kennengelernt hat. Erst am 22. Juni begann seine  mühselige und gefahrvolle Reise nach Berlin und von dort weiter nach Schlesien. Er kam am 5. August 1945 in Ratibor an, im kommunistischen Polen! Er wollte sein Pfarramt in Ratibor zurück bekommen. Bereits am 12. August 1945 musste er Ratibor fluchtartig wieder verlassen, nachdem ihm von den Polen Morddrohungen zugingen.

Es ist die Ironie des Schicksals, dass ihn die beiden totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts verfolgt und in seiner Wirkung gehindert haben. Vielleicht kann man sagen, dass es ihnen gelungen war, den politisch engagierten Menschen aus der Politik zu verbannen. Der Geistliche ist er aber geblieben. In seinen letzten Lebensjahren war er der Krankenhausseelsorger in den Hospitälen.

St. Antonius-Krankenhaus in Karlshorst

Köpenicker Allee 39
10318 Berlin

Heute Katholische Hochschule für Sozialwesen

Das Krankenhaus wurde von der Breslauer Kongregation der Marienschwestern von der allerseligsten und unbefleckten Jungfrau Maria gebaut. Insgesamt hatte die Kongregation circa 100 Krankenhäuser in Deutschland. Das St. Antonius-Hospital wurde 1930 eröffnet. Der Architekt Felix Angelo Pollak aus Wien ließ es im Bauhaus-Stil errichten. Er hat in seinem einfachen, im schlichten Stil gebauten Krankenhaus, die Figur des Heiligen Antonius, Patrons des Hospitals, eingebaut.

Mit den Schwestern verband Ulitzka eine innige Beziehung, die schon 1897 begann. Ulitzka war am 21. Juni dieses Jahres zum Priester geweiht und seine Primiz – die erste von einem angehenden Priester zelebrierte Messe – durfte er im Orden der Marienschwester in Breslau feiern. Als er, aus Ratibor verbannt, 1939 nach Berlin kam, wandte er sich wie selbstverständlich an die Schwestern und bekam die Stelle im Krankenhaus.

Das Krankenhaus galt seinerzeit als die modernste Hospitalanlage Deutschlands und verfügte über 350 Betten (später – 375) für Innere Medizin (besonders Tuberkulose), Geburtsheilkunde und Chirurgie. Es gab eigene Wäscherei, Fleischerei, Bäckerei, eigene Stromversorgung, eigenes Wasserwerk (Tiefbrunnen im Garten).

In einem Referat von Professorin Angelika Pleger sind folgende Eigenschaften des Krankenhauses aufgelistet:
• Parkähnliche Gartenanlagen („Kurklinik“)
• Verbindung der Architektur und Natur
• Von der Individualmedizin zur Sozialmedizin
• „Ganzheitliche“ Medizin
• Patientenfunk, Radio und Kopfhörer am Patientenbett
• Hygienische Vorlesungen für die Patienten
• Schwesternausbildung
• Dachliegeterrassen auch für Nachtaufenthalte geeignet
• 150 Diäten im Angebot
• Therapiebegleitende Frischluftgymnastik auf dem großen Gartengelände
• Therapien: Hydrotherapie, Elektrotherapie, „Lichtkuren mit Höhensonne“ sowie Radium-Tiefentherapie

Die Kapelle des St. Antonius-Hospitals wurde mit gestauchten Spitzbögen gebaut – eine sehr expressionistische Formensprache. Man hielt sehr viel von dem besonderen Licht – „gelbes Licht“ – das die Kapelle durchströmte. Die Schwestern verfügten auch über einen nahezu abgeschlossenen Innenhof, konzipiert in Anlehnung an mittelalterliche Kreuzganggestaltungen, wo sich Klausur und Wohntrakt befanden. Die Kapelle fungiert heute als eine Aula, den Kreuzgang gibt es nicht mehr.

Hier, in einer kleinen separaten Wohnung lebte Ulitzka bis zu seiner Inhaftierung. Schwester Bernhildis führte seinen Haushalt. Später wird mir Schwester Walburga erzählen, die mit Schwester Bernhildis befreundet war, dass Ulitzka große Stücke von Bernhildis hielt und sich sein Leben ohne sie gar nicht vorstellen konnte. Das Schicksal wollte es zwar anders, aber als Ulitzka tatsächlich nach der Inhaftierung und einem misslungenen Versuch, sich in Ratibor niederzulassen, zurück kam, übernahm Bernhildis wieder ihre Dienste. Sie ist 1919 geboren, dh. sie war erst 20 als Ulitzka 70 jährig nach Karlshorst kam, und 30 als er starb.

Nach 1945 änderte sich dramatisch die Nutzung des Hauses und des ganzen Bezirks. Die Sowjets kamen in die Stadt. Als Sieger und Befreier, aber auch als Besatzer. Am 7. Mai 1945, also noch vor dem offiziellen Kriegsende, wurde das Krankenhaus geräumt – der Bezirk wurde zum sowjetischen Sperrgebiet erklärt. Nachdem die Sowjets 1964 das Haus verlassen hatten, wurde es vom Ministerium für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft der DDR benutzt. Nach der Wende wurde das Haus wieder den Marienschwestern rückübertragen. Man erwartete, dass sie das Hospital wiederaufbauen würden. Sie haben sich aber anders entschieden, das Haus wurde verpachtet und 1991 wurde hier die Katholische Hochschule für Sozialwesen eröffnet, die sich sehr gut entwickelt und jährlich ca. 1400 Studenten immatrikuliert.

Interessant, dass weder die Sowjets noch die DDR-Funktionäre die religiösen Symbole des Krankenhauses zerstört hatten. Die Figur des heiligen Antonius an der Außenwand wurde nur umhüllt, die Kapelle wurde mit provisorischen Wänden verdeckt, und lediglich der Altarbogen wurde umgebaut, um für eine kleine Bühne Platz zu machen. Überhaupt ging man mit der Bausubstanz sehr sorgsam um. Es blieben aus der Gründerzeit noch gebogene Wände, alte Fenster und farbige Fußbodenkacheln im Bauhausstil.

Das Krankenhaus in Müggelsee

Josef-Nawrockistraße 34 (ehem. Waldowstr. 8/9)
12587 Berlin

Heute Wohnhäuser im Bau

Das Krankenhaus zog im Mai 1945 aus Karlshorst zunächst in das Restaurant „Wilhelmshallen“ im Hirschgarten um. Als Prälat Ulitzka aus Ratibor zwangsweise ausgesiedelt wurde und im August 1945 wieder nach Berlin kam, ging er zu den Schwestern in den Hirschgarten.

Am 1. September zogen die Schwestern, die Kranken, die Ärzte und der Prälat in ihr neues Domizil: Ehemaliges Etablissement „Hotel Bellevue“ in Friedrichshagen, direkt am Müggelsee. Es war vor dem Kriege ein legendärer Ort für Reiche und Neureiche gewesen. Im Tanzsaal gab es eine Rosendiele, statt der es jetzt einen großen Hospitalsaal für 50 Mann gab. Ulitzka bekam ein kleines Zimmer zugewiesen, mit Blick auf den Müggelsee. Es sollte für die nächsten acht Jahre sein Zuhause werden. Eines änderte sich jedoch nicht: Schwester Bernhildis führte auch in Friedrichshagen seinen Haushalt und kümmerte sich um seinen Hund Frigga. Hitze hat noch 1994 mit Bernhildis über Ulitzka sprechen können. Sie starb 1999 und liegt auf dem Schwestergrabfeld auf dem katholischen Friedhof Tempelhof.

 

 

 

Ehrw. Schwester Bernhildis Kawalle, geb. 13.1.1919, gest. 1.6.199914. Ebenso wie Schwester Walburga, war auch Bernhildis Zeitlang die Oberin der Marienschwester-Kongregation in Berlin.

Ulitzka war mit über 70 Jahren, als er nach Friedrichshagen kam, immer noch aktiv. Er kümmerte sich nicht nur um seine Patienten und seine Friedrichshagener Gemeinde, sondern auch um seine Landsleute, die aus der Heimat ausgesiedelten Oberschlesier. Er schrieb über sie: Wer sind denn die, die heimatlos und obdachlos geworden, ausgeplündert, abgehärmt und ausgehungert, oft krank, ja nicht selten sterbend an die Türen ihrer Volksgenossen im Reich klopfen? Er half als Seelsorger, als Vorsprecher und Verfasser unzähliger Artikel und Schriften, aber auch als Sozialarbeiter. Er versuchte für seine Landsmänner Arbeit zu finden, brachte notwendige Kontakte zustande und half mit Sach- oder Gelspenden aus, oft aus der eigenen Tasche. Vor allem aber, so Hitze, schrieb er Zeugnisse für seine Gemeindemitglieder aus Ratibor.

Sein Alltag war genau geregelt. Um 6:00 Uhr zelebrierte er die Frühmesse, um 7:00 gab es Frühstück, dann die Büroarbeit bis 10:00 und anschließend Zeit für eine Tasse Kaffee und eine Zigarre. Dann schrieb er seine Predigten, Texte, Artikel, Manifeste, manchmal auch Gedichte. Um 12:00 Uhr gab es ein Mittagessen, bis 14:00 Uhr die Mittagsruhe; ab 14:00 Uhr Spaziergänge (mit Hund), Krankenbesuche, Religion-Unterricht für Schwesterschülerinnen, und um 18:00 Uhr das Abendessen. Was die Patienten an ihm schätzten, und zwar auch konfessionsunabhängig, waren Ulitzkas Sinn für Humor und die Bereitschaft, über durchaus profane Themen zu sprechen.

1947 feierte Ulitzka das 50-jährige Jubiläum seiner Priesterweihe. Man versuchte, leider vergeblich, eine Feier auch in Ratibor zu organisieren. Die Schwestern machten für ihn eine große Feier im Krankenhaus.

Am 24. September 1953 wurde Ulitzka 80 Jahre. Diesmal feierte man im Konvikt der Marienschwestern in Berlin-Lankwitz. Er war schon sehr krank, vielleicht sogar teilweise gelähmt. Es kamen wieder massenweise Gäste, auch aus der Politik, und tonnenweise schriftliche Glückswünsche, von Konrad Adenauer etwa oder Ernst Reuter, oder von Papst Pius XII. In einer Tischrede beim feierlichen Essen spottete Ulitzka, dass ihm diese Feierlichkeiten wie eine Generalprobe zu seinem Begräbnis vorkommen. Ein paar Wochen später starb er.

Das Krankenhaus am Müggelsee existierte bis 2001, 2013 wurden die Häuser abgerissen, jetzt sind da neue Wohnblocks in der Entstehung. Als ich dort war, um den Ort zu sehen, wo Ulitzka seine letzten Lebensjahre verbrachte, fotografierte ich die Baustelle und eine schöne Stadtvilla nebenan. Aus einer Baracke kam ein Wächter und sagte, ich dürfe erst fotografieren, wenn ich die Genehmigung vom Bauherren habe. Er zeigte mir die Bauinfotafel. “Ja, natürlich”, sagte ich. “Auf Wiedersehen”.

Marienschwester in Lankwitz

Maria Trost Krankenhaus
Galwitzallee 115
12249 Lankwitz

Heute Parkplatz des neuen Krankenhauses Galwitzallee 123-143.
Die Schwester wohnen jetzt im benachbarten Kloster St. Augustinus in der Galwitzallee 143.

Müggelsee und Karlshort, das war zuerst die Sowjetische Besatzungszone und danach die DDR. Lankwitz lag im Westen. Man muss es sich in Erinnerung rufen – sie wohnten im Ostteil der Stadt, durften aber noch ungehindert zwischen verschiedenen Zonen verkehren. Die Mauer wurde erst Jahre später errichtet.

Ich versuche das Konvikt in Berlin-Lankwitz anzurufen. Sie haben eine Handynummer, aber man bekommt nur eine Ansage zu hören: Der gewählte Gesprächspartner wünscht keine Gespräche, bitte haben Sie Verständnis dafür.

Ich fahre trotzdem hin. Haltestelle Marienkrankenhaus. Schneller Blick ins Internet sagt mir, dass der Träger des St. Marien-Krankenhauses Berlin Kongregation der Marienschwestern v.d.U.E. ist.
Ich weiß nicht, was “v.d.U.E.” bedeutet. Vor Ort erst lese ich auf einer Infotafel, dass es die Kongregation der Marienschwestern von der Unbefleckten Empfängnis ist, die Mitte des 19. Jahrhunderts von Pfarrer Johannes Schneider, einem Breslauer Diözesanpriester, gegründet wurde. Der Auftrag lautete damals – wie auch heute noch – für junge Frauen in Not da zu sein und sie auf vielfältige Art zu unterstützen.
Ja, also diese Schwestern sind es, die man aus Bildern, der Literatur und den Filmen kennt, die sich für „gefallene Mädchen“ einsetzen. Es sieht heue natürlich anders aus. Um gefallene Mädchen kümmert sich eh der eingetragene Hydra-Verein oder Sozialamt als ein Schwesternorden. Darüber kam über die Jahre die Arbeit mit Kranken und alten Menschen.

Und überhaupt das Dogma von der unbefleckten Empfängnis, eines der vielen Missverständnisse in der katholischen Religion: Fast jeder, auch ein gestandener Intellektueller, wird schwören, es handle sich darum, dass Maria Jungfrau war, als sie Jesus gebar. Kaum jemand weiß, dass es um die Geburt Marias selber geht, die ohne Makel der Erbsünde auf die Welt kam. Es ist ein Dogma sehr neuen Datums: Erst am 8. Dezember 1854 verkündet.

Auf der Webseite der Marienschwestern gibt es noch eine Handynummer, die ich jetzt wähle. Diesmal ist sofort Schwester Walburga am Telefon. Ich erzähle die Geschichte meiner Recherche, die mit jedem Tag länger wird. Schwester Walburga reagiert wie alle, denen ich sage, dass ich über Ulitzka schreibe: “Ach ja“. „Der Name sagt Ihnen etwas?” frage ich. “Natürlich.” “Pfarrer Beier meinte, ich sollte mit Ihnen sprechen”, sage ich. “Selbstverständlich”.

Am Nachmittag fahre ich zum Kloster, um erst pünktlich um 15 Uhr von der Schwester Pförtnerin zu erfahren, dass ich mich in Lankwitz befinde und Schwester Walburga auf mich im Seniorenstift in Karlshorst wartet. Nichts desto trotz ist auch diese Fahrt im tropisch heißen Berlin nicht umsonst. Ich frage Schwester Pförtnerin, ob sie mir den Saal zeigen könnte, wo Ulitzka seinen 80. Geburtstag feierte. Nein, sagt die Schwester, es muss im Krankenhaus Marias Trost gewesen sein, hier ist doch alles neu, das Kloster und das Krankenhaus. Die alten Gebäude sind alle abgerissen.

Im Internet finde ich eine Postkarte aus den 1970er Jahren und die Adresse von Maria Trost: Galwitzallee 115. Ich glaube das Haus unterwegs gesehen zu haben. Ich fahre nochmals hin. Aber nein, da wo das alte Krankenhaus stand, gibt es jetzt nur einen ummauerten Parkplatz, nun, an der Straße sehen viele Häuser so wie Maria Trost mal ausgesehen hat – graue, einstöckige Häuserreihen, Polizei, Apotheke, Wohnhäuser.

Schwester Walburga

Seniorenstift St. Antonius
Rheinpfalzallee 46-66
10318 Berlin

Dem Plan kann man entnehmen, dass der Stift ein Bestandteil der alten Krankenhausanlage St.-Antonius ist. Zwei Schritte trennen ihn von der Katholischen Hochschule, ein paar Hundert Meter von dem Eingang zum Friedhof. Der Kreis schließt sich. Das Pflegeheim in Berlin-Karlshorst bietet sowohl stationäre Pflege als auch betreutes Wohnen an. Das Heim ist auf Demenz, Wachkomapatienten und Palliativpflege spezialisiert. Zudem wird zusätzlich Ergo- und Physiotherapie angeboten.

Schwester Walburga ist nicht viel älter als ich, sie ist 1946 geboren, ich drei Jahre später. Ich finde sie auf Anhieb sympathisch. Nein, sie kannte Ulitzka persönlich nicht, aber er hat sie immer interessiert. Teilweise, weil Schwester Bernhildis ihr von ihm erzählt hatte. Er war ein charismatischer Mann und zog die Menschen in seinen Bann. Einfach so. Daher sammelte sie sehr vieles über ihn, Bücher, Fotos und Zeitungsausschnitte. Auch ein Büchlein von Jendryssek ist darunter. Schwester Walburga erzählt mir von den Versuchen Jendrysseks, Ulitzkas Leiche nach Ratibor zu überführen. Sie hat in den letzten Jahren den Neffen von Ulitzka kennengelernt, der entschieden gegen die Umbettung ist. Ich bekomme seine Visitenkarte. Ein Abgeordneter der CDU aus Bonn. Er wird es nie erlauben, meint Schwester Walburga, solange er lebt. Ich versuche es selber von ihm zu erfahren, aber er geht nie an keine von seinen vier Telefone und antwortet auch nicht an die Mails.

Der Friedhof

Friedhof “Zur frohen Botschaft”
Robert-Siewert-Str. 67 (ehem. Warmbader Straße)
10318 Berlin-Lichtenberg (Karlshorst)

Der Besuch am Grabe war der erste Schritt meiner Reise auf den Spuren Ulitzkas in Berlin und Umgebung. Im Text kommt er aber nun zuletzt. Carl Ulitzka starb am 12. Oktober 1953 in Berlin Friedrichshagen.

Ich rufe bei der Friedhofsverwaltung an. Ja, es gibt immer noch „unseren Prälat Ulitzka“, ja, ich könne kommen, das Grab sehen, eine kleine Ausstellung besichtigen und mit Herrn Thürling sprechen, dem Friedhofsdirektor, der sich für die „Sache Ulitzka“ einsetzt.

Die Ausstellung über die wichtigsten Persönlichkeiten und Personengruppen, die dort beigesetzt sind, darunter Pfarrer Ulitzka und die Marienschwester, gibt es auf dem Friedhof Karlshorst gleich zweimal – im Friedhofsgebäude und dann in einem Glaspavillon mitten im Friedhof.

Carl Ulitzka wurde hier am 19. Oktober 1953 zu Grabe getragen. Die Totenmesse zelebrierte man in der katholischen Pfarrkirche St. Marien der Unbefleckten Empfängnis in der Gundelfinger Straße in Karlshorst. Es ist ein denkmalgeschützter Kirchenbau, errichtet 1935-1937 im Stil der Neoromanik. Die Kirche diente nach 1945 vorübergehend als Depot und wurde erst seit 1949 wieder als Gotteshaus genutzt.

Die Totenmesse zelebrierte Kapitelsvikar Oskar Golombek. In Anschluss am Requiem setzte sich ein langer Trauerzug mit über 60 Geistlichen und 180 Ordensschwestern in Richtung der Grabstätte der Marienschwestern in Bewegung. (…) Im märkischen Sand bestattet, wurde dem Grab Ulitzkas seinem Wunsch entsprechend Erde aus seiner oberschlesischen Heimat beigegeben; Erde, die Ulitzka selbst vor seiner Flucht aus Ratibor im August 1945 dem Grab seiner Eltern auf dem Altendorfer Friedhof entnommen hatte.

Die Totenmesse fand um 9 Uhr statt, die Beisetzung um 10.30 Uhr. Von der Kirche zum Friedhof geht es 1,5 Kilometer zu Fuß, dazu vielleicht noch 800 Meter auf dem Friedhof selbst. Wurde der Sarg getragen oder gefahren? Der Trauerzug ging zu Fuß, dessen bin ich mir sicher.

Das Grab

Auch Herr Thürling erzählt mir, dass es eine Anfrage aus Ratibor gegeben hat (oder gibt es sie noch?), ob man das Grab Ulitzkas nach Polen umbetten dürfte. Das soll er sich selbst gewünscht haben. Herr Thürling meint jedoch, dass man die Leichen, so weit wie möglich, in Ruhe lassen soll. Er möchte nicht, dass der Leichnam Ulitzkas verlegt wird. Um jedoch dem polnischen Antragsteller nicht sofort „nein“ sagen zu müssen, antwortet man ihm zugleich diplomatisch und wahrheitsgetreu, dass man eigentlich nicht weiß, wo sich die sterblichen Überreste von Ulitzka genau befinden. Sicherlich nicht da, wo jetzt der Grabstein zu sehen ist. Die Grabanlage wurde im Laufe der letzten 60 Jahre zigmal verschoben und umgestaltet worden. Ich habe selber im Abstand von nicht Mal zehn Jahren zwei verschieden aussehende Grabanlagen gesehen, wo Ulitzka begraben liegt. Nicht nur der Ort, auch die Ausgestaltung des Grabes hat sich geändert. Am Anfang stand das Grab quasi allein. Heute sieht es so aus, als ob Ulitzka im Quartier der Marienschwestern begraben liegt, ein einziger Mann unter 19 Nonnen aus dem Krankenhaus St. Antonius: …gebenedeit unter den Frauen.

Vergessene Texte 2

Ewa Maria Slaska

Auf der Spurensuche nach “unseren Prälat” Ulitzka in Berlin

Fortsetzung

Ich wohne in Berlin, meine Spurensuche umfasst bewusst nur Berlin und Umgebung. Ulitzka war auch jahrelang in Ratibor tätig, aber ich bleibe bei meinem Leisten.

Ich finde Verschiedenes, auch etwas, was die Wissenschaftler, wie ich vermute, nicht gefunden haben. Darüber aber später. Zuerst zur Chronologie. Ulitzka in Berlin – das sind drei Zeitspannen: seine ersten Priesterjahre in Brandenburg (1901-1910), die Zeit nach seiner Ausweisung aus Schlesien bis zur Inhaftierung (1939-1944) sowie seine letzten Lebensjahre von 1945 bis 1953. Seit November 1939 war er ein Seelsorger im katholischen St. Antonius Krankenhaus in Karlshorst und anschließend in Friedrichshagen. Natürlich war er zwischen 1919 bis 1933 gefühlte Tausendmale als Abgeordneter der katholischen Zentrumspartei (Volkspartei) in Berlin.

Es war zuerst sein Name, der mein Interesse weckte. Das Wort Ulitzka: uliczka, eine kleine Straße. Eine Frage der Herkunft: Ulitzka ist selbstverständlich ein Deutscher gewesen, aber natürlich kommt mir dabei ein Satz aus dem Buch von Anna Poniatowska in den Sinn: Die ältesten Adressbücher oder Telefonbücher Berlins enthalten auf jeder Seite mehrere polnische Namen. Nicht alle Namensinhaber sind der Meinung, sie seien Polen, aber ihre Ahnen und Urahnen kamen aus dem Gebiet Polens hierher.

Und im Falle Ulitzka werde ich ergänzen: oder aus Tschechien. Das heißt, auch wenn Carl Ulitzka zweifellos in einer deutschen Familie in Oberschlesien geboren worden war, waren seine Ahnen und Urahnen Tschechen oder Polen. Der Historiker Guido Hitze, Autor einer umfassender Biografie des Prälats, schreibt, die Familie stamme aus dem Tschechisch-Mährischen her.

Das ist aber eigentlich unwichtig. Denn unabhängig davon, welche nationale Abstammung seine Familie vorweist, situierte er sich selbst im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen. Er sprach beide Sprachen (Polnisch erlernte er während seines Theologiestudiums) und setzte sich für seine Landsleute ein, unabhängig von deren Muttersprache, selbst wenn es unbequem oder gar gefährlich war. Mein Freund Engelbert Kremser, der selber aus Ratibor stammt, meint die polnische und die deutsche Sprache waren in der Umgebung gründlich gemischt, „wie in einem Streuselkuchen – ein Streusel sprach Deutsch, ein anderer, gleich nebenan – Polnisch“. Und das Polnische war oft uralt, eine Sprache, die selbst die Polen in Polen seit Jahrhunderten nicht mehr sprachen, eine Sprache aus den Zeiten von Kochanowski (1530-1584), eines Renaissance Dichter, der als erster die Gedichte auf Polnisch schrieb. Bis dahin schrieben alle Wortmenschen Polens Latein .

Sicher ist eins: Ulitzka war ein Oberschlesier und baute um Berlin herum mehrere Kirchen.

Die Kirche in Bernau

Katholische Herz-Jesu-Kirche
Börnicker Str. 12 (Pfarramt) / Ulitzka Straße / Bahnhofstr. 9 (Hauptportal)
16321 Bernau bei Berlin

Die katholische Gemeinde in Bernau wurde 1849 gegründet. Ulitzka kam 1901 hierher. Jung, gerade erst 28 geworden, gutaussehend, groß. Ausdrucksvoller Profil, Gesicht mit prägnanter Knochenstruktur. Ein kluger Mensch, intelligent, charismatisch. Ein katholischer Seelsorger wie geschaffen fürs vorwiegend protestantische Umfeld. Die Gemeinde war arm, hatte keine Kirche und nutzte die Bonifatiuskapelle im Missionshaus in der Tuchmacherstraße als Gotteshaus. Dort bewahrte man das sog. Mariahilf-Bild auf, das später in die Kirche übernommen wurde.

Übrigens: Wegen des Bildes pilgerte man seit 1869 aus Berlin dorthin. Eine Idee von rebellierenden Pfarrer Eduard Müller, dem man die älteste Wahlfahrt des Erzbistums Berlin verdanke.

Schon früh kam Ulitzka in den Sinn, dass man hier eine Kirche bauen muss. In jeder Stadt, wo die Katholiken und Protestanten miteinander oder nebeneinander wohnen, hat man mindestens zwei Kirche. So wollte es Ulitzka auch in Bernau haben und später überall, wo er als Priester tätig war. Dies ist jedoch nicht so einfach, eine Kirche zu bauen. Erst müssen bürokratische Hürden überwunden werden, oft, wie es der Fall in Bernau war, politische, und dann auch finanzielle. Man braucht viel Geld – und dieses muss vorerst gesammelt werden, bevor man mit der Grundsteinlegung beginnt. Der ehemalige Pfarrer der Herz-Jesu-Kirche, Peter Beier, der 33 Jahre Gemeindepfarrer in Bernau war, erzählte mir, dass er zwar Ulitzka persönlich nicht kannte, aber seinerzeit in Bernau Johannes Lipinski, einen Mitarbeiter von Ulitzka, getroffen habe. Seine Aufgabe war es, in der heißen Phase des Geldsammelns, die ‘Bettelbriefe’ per Hand zu kopieren. Er erinnerte sich, man habe sich dabei die Finger wundgeschrieben!

Mit dem Bau begann man 1907. Die Kirche wurde am 13. September 1908 feierlich eingeweiht. Georg Kardinal Kopp kam aus Breslau zu diesem Anlass nach Bernau! Interessant ist, dass praktisch zu gleicher Zeit Ulitzka zuerst eine Kapelle für eine Arbeiterkolonie des Pastors Friedrich von Bodelschwingh in Lobetal bauen wollte und mit dem Bau einer anderen Kirche in der Gemeinde, der Maria-Verkündigungs-Kirche in Biesenthal, begann.

Pfarrer Kort organisierte 2007 Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum des Kirchenbaus. Die Schulkinder spielten dabei ein Theaterstück über Ulitzka und seinen Vorhaben. Der Junge, der Ulitzka gespielt hatte, ist danach selber Priester geworden und bat darum, seine Primiz in Bernau feiern zu dürfen.

1998 (90 Jahre Kirchenweihe, 125. Geburtstag und 45. Todestag des Prälaten) hat Pfarrer Beier erreicht, dass ein kleiner Abschnitt der Breitscheidstraße, zwischen der Börnicker Straße und der Bahnhofstraße, genau dort, wo die Kirche steht, in die Ulitzka-Straße umbenannt wurde.

Kurz danach, am 20. August 1999 ging Pfarrer Beier in Ruhestand und somit nach Templin.

Es gab einen weiteren Versuch, an den Kirchenerbauer zu erinnern, diesmal von einem Gemeindemitglied vorgeschlagen: An der Giebelseite des Pfarrhauses der Herz-Jesu-Kirche sollte ein Porträt des Kirchenerbauers angebracht werden. Der Vorschlag fand jedoch keine breite Zustimmung und letztlich ganz fallen gelassen wurde.

Die Kirche kann man schon von der S-Bahn aus sehen. Ich bin um 12 Uhr mit Pfarrer Eberhard Kort verabredet, gehe aber zuerst um die Kirche herum. Eine schöne neugotische Kirche, mit einem blau-weißem Schild des Denkmalschutzes. Und das seit 1977, d.h. seit der DDR-Zeit! Als Erklärung dazu findet man nur einen Satz, der doch keine Erklärung liefert: Die Kirche wurde in den Jahren 1907/1908 nach Plänen des Charlottenburger Architekten Paul Ueberholz als einschiffige Hallenkirche im Stil norddeutscher Backsteingotik erbaut.

Ich vermute, dass es der Turm ist, der dem Denkmalschutz so gut gefallen hat. 66 Meter hoch! Und sehr schön. Pfarrer Baier wird mir später erzählen, Ulitzka wollte den Turm noch höher haben, damit er die evangelische Kirche überragt. Oh, du fromme Bescheidenheit!

Ich fotografiere fleißig. Neogotische Kirchen sind mir vertraut wie keine anderen. Ich wuchs im Danziger Stadtteil Langfuhr auf, wo alle Kirchen das Prädikat „neo“ tragen. Meine – Herz Jesu Kirche, wie die in Bernau und Templin – ist ebenfalls neogotisch.

Pfarrer Kort zeigt mir seine Kirche, die seit Ulitzkas Zeiten intensiv umgebaut wurde. Einfluss darauf hat das Jahr 1965, meint Pfarrer Kort, das 2. Vatikanische Konzil, die Änderung der Liturgie, die Entstehung der Volkskirche. Der Gemeindehirt kommt den Menschen näher. Die Kanzel wird nicht mehr benutzt, der Priester steht den Gläubigen zugewandt hinter einem schlichten Tisch oder – beim Vorlesen – am Pult. Jede katholische Kirche in der Welt wurde nach diesem Muster umgebaut.

Die Umgestaltung der Kirche in Bernau, die 1964-1966 unter Pfarrer Alfons Schneider erfolgte, ist nicht besonders gelungen. Zuständig für den Umbau war Herr Architekt Gottfried Zawadski aus Kamenz. Ende April 1966 war die Weihe des neuen Altares. Pfarrer Beier wurde kurz danach, am 19. Juni eingeführt. „Ich war nicht gerade glücklich über die völlig umgestaltete Kirche. Der Tabernakel auf einer Stelle und das Relief am Ambo stammen von Herrn Schötschel. Die große Herz-Jesu-Figur kam erst einige Jahre später in den Altarraum zurück. Zum 100-Jahr-Feier werden noch einige Dinge verändert, u.a. kamen die Platten in den Altarraum. Das Abendmahl-Relief, seitlich von Tabernakel, stammt aus dem einstigen Hochaltar und fand dort seinen Platz in Erinnerung an früher.“

Ja, ich bin auch der Meinung, dass man mit dem, was gemacht wurde, nicht besonders glücklich sein kann. Die auseinandergenommenen Teile des alten Altars, 1968 von schon erwähnten Friedrich Schötschel neu gemacht, sind sehr schön, aber unvorteilhaft platziert. Das Tabernakel steht auf einem kleinen Tisch rechts vom Altar, der Lesepult – links. Vorne an der Apsis-Wand sind drei Altarteile in Form eines Tryptychons angebracht, schmucklose Spanplatten, auf der mittleren die alte Christus-Figur aus der Entstehungszeit. Merkwürdig. Originell, aber merkwürdig. Genauso merkwürdig scheint mir der kleine, irdene Weihwasserbehälter, der wie ein polnischer Gurkentopf aussieht. Oder gar einer ist. Bevor ich mit meinen Recherchen fertig werde, werde ich noch ein paar solche bescheidenen Behälter sehen. Wir sind in der Uckermark, es ist ein armes Land. Gewesen.

Seelsorge in Hoffnungstaler Anstalten

Bevor Ulitzka mit dem nächsten Kirchenbau – Katholisches Pfarramt St. Marien in Biesenthal – richtig anfangen konnte, fand er 1905 die nächste wichtige Aufgabe, als in seinem Pfarrgebiet die Hoffnungstaler Anstalten Lobetal durch Pastor Friedrich von Bodelschwingh gegründet wurden.

Bodelschwingh, 1905 schon ein alter Mensch, hatte damals bereits die Verwirklichung mehrerer sozialer Projekte hinter sich, die allesamt nach dem Motto Arbeit statt Almosen organisiert wurden. Eine seiner letzten Gründungen lag in der Umgebung Berlins. In dem heute 15 km nördlich gelegenen „Hoffnungstal“ ließ er eine Arbeiterkolonie anlegen – eine Zufluchtsstätte und Herberge für die Obdachlosen der Hauptstadt. Die Arbeiterkolonie umfasste drei Dörfer: Rüdnitz, das alteingesessene Dorf, und zwei neu gegründete Dörfer, Lobetal und Hoffnungstal. (Sehr passende Namen. Lobe den Herren, meine Seele, lobe und verliere niemals die Hoffnung).

Unter den Bewohnern der Anstalt befanden sich sowohl Menschen evangelischen Glaubens als auch Katholiken. Ulitzka besprach die Lage mit dem Pastor von Bodelschwingh und übernahm die Seelsorge seiner in der Arbeiterkolonie weilenden Glaubensbrüder, unter denen auch viele Polen zu finden waren.

In Lobetal gab es ein kirchenähnliches Gebäude (heute: Verwaltungshaus), das zuerst eine provisorische Kirche in Berlin gewesen war, die Pastor Bodelschwingh nach Lobetal kommen ließ.

Dieses Haus diente vor allem als Ess-Saal, man hielt dort aber Gottesdienste ab und bei Bedarf wurde es auch als Leichenhalle benutzt. Dort zelebrierte Ulitzka einmal im Monat die katholischen Messen, bei großer Nachfrage auch auf Polnisch. Danach, als die neue evangelische Kirche gebaut wurde, fanden dort auch die katholischen Messen statt.

Die zweite Gelegenheit der Betreuung der Katholiken aus den Hoffnungstaler Anstalten bot sich auf dem Gut der Begründer der Bekleidungskette Peek & Cloppenburg. Sie stellten einen Pferdestall als provisorische katholische Kapelle zur Verfügung.

Alles schien bestens geregelt zu sein. Aber nein, ein unermüdlicher Kirchenbauer wie Ulitzka konnte nicht umhin, hier eine Kirche oder mindestens eine Kapelle bauen zu wollen. Er wollte, nein, er musste sie bauen! Das Geld wurde zusammengebettelt, auch Pastor Friedrich von Bodelschwingh spendete eine erhebliche Summe. Man wählte für den Neubau ein Stückchen Wald zwischen Rüdnitz und Hoffnungstal. Es gab bereits eine Baugenehmigung und man hat schon Bäume gefällt. Auf tausend Quadratmetern ragten nur Baumstümpfe empor. Es sah wie eine Wartehalle in einem Bahnhof aus, daher wurde es unter den Koloniebewohnern katholischer Bahnhof genannt.

Guido Hitze schreibt, dass Ulitzka hier seinen zweiten Kirchenbau errichtete. Der Text ist merkwürdig vage und irgendwie unwissenschaftlich, es fehlen genaue Angaben, wo und wann die Hoffnungstaler-Kirche gebaut werden sollte. Es gibt auch keine Fotos und keine Berichte über die Gottesdienste, die dort angeblich stattgefunden haben. Ich schrieb Frau Elisabeth Kruse an, die Pastorin der Lobetaler Kirche an und stellte die Frage: Gibt es eine katholische Kirche in den Anstalten? Hat es sie je gegeben? Am nächsten Tag rief sie zurück. Nein, eine katholische Kirche oder eine Kapelle ist in den Hoffnungstaler Anstalten NIE gebaut worden! Ich soll nach Lobetal kommen und mit Herrn Andreas Buntrock reden. Der würde es mir alles genau erzählen. Am nächsten Tag bin ich nach Lobetal gefahren. Ich habe mit Herrn Buntrock, dem emeritierten Diakon der Hoffnungstaler Anstalten und Kenner der Geschichte dieser Ortschaft, gesprochen. Ja, sagte er, Ulitzka wollte hier bauen, und von Bodelschwingh wollte es auch. Und trotzdem ist es nie dazu gekommen. Wieso? Das weißt man heute nicht mehr.

In der Chronik der katholischen Kirche in Biesenthal finde ich einen interessanten Eintrag: April 1985: Wiederaufforstung unseres Waldgrundstückes in Rüdnitz. Ob damit der katholische Bahnhof gemeint ist? Herr Buntrock sagte mir, dass es die alte Waldlichtung nicht mehr gibt.

Und so habe ich erfahren, dass eine Journalistin, die lediglich mit Menschen redet, manchmal mehr erfahren kann als ein Wissenschaftler mit ungehindertem Zugang zu allen möglichen Archiven und Bibliotheken.

Kirche in Biesenthal

Katholisches Pfarramt St. Marien
Bahnhofstraße 162
16359 Biesenthal

Eine wunderschöne Kirche, ruhig, schlicht, elegant. Auch sie ein Baudenkmal wie die Kirche in Bernau. Den Bau dieser Kirche begründete Ulitzka somit, dass in der Sommerzeit ca. 100 katholische Schnitter aus Polen in die Gemeinde kommen, um bei der Ernte zu arbeiten. Sie hatten Anspruch an einen würdigen Gottesdienst, den er, Ulitzka, ihnen doch auf Polnisch halten kann.

Pfarrer Horst Pietralla von Biesenthal erzählte mir, dass man Ulitzkas Spendenaufrufe für seine Kirchen nicht mehr hören wollte. Dann kam er auf eine erfolgreiche Idee. Ich werde, sagte er, eine barocke Kirche bauen. Dies hat geholfen, zumal seine Geldgeber und Spender aus dem Bayrischen stammten, wo man große Stücke von der barocken Kirchenarchitektur hielt. In Windeseile hat derselbe Architekt, Paul Überholz, der bereits in Bernau tätig war, eine neue Kirche entworfen und gebaut, eine der ganz wenigen barocken Kirchenbauten im Erzbistum Berlin. Pfarrer Beier sagte mir, dass die Salvator Kirche in Lichtenrade ebenfalls barocke Züge vorweist.

Die Biesenthaler Kirche wurde am 10. Oktober 1910 eingeweiht. Die Bänke, die Fußbodenplatten, die Farbgebung sind authentisch, aus der Bauzeit also. Dh. im Gegensatz zu der Kirche in Bernau ähnelt die Kirche sehr dem, wie sie zu Zeiten ihres Stifters ausgesehen hat. Sie ist auch sehr gepflegt und sehr gut besucht. Leider ist Pfarrer Pietralla, der kurz vor dem Kriege geboren ist und 1953 sein Abitur machte, der letzte Pfarrer in der Gemeinde. Ist er weg, wird die Kirche geschlossen. Schade, weil sie sehr gut besucht ist. Es kommen ca. 80 Personen zu Hochmessen, darunter etwa 20 Kinder. Es gibt 15 Ministranten (mehr Mädchen als Jungs!) und eine achtköpfige Blaskapelle, deren Chef Biesenthals Bürgermeister ist. Im wunderbar gepflegten Garten steht eine Campanile mit einer Glocke, die noch zu Ulitzkas Zeiten aus Hildesheim geliefert wurde, zuerst nach Bernau, dann nach Biesenthal. Da der Glockenturm aber für drei Glocken gebaut wurde, hat sich Pfarrer Pietralla um den Erwerb zwei weiterer Glocken bemüht. Mit Erfolg. Neue Glocken werden noch im Jahre 2015 eingesetzt. Sie waren nicht teuer, erklärt mir Pfarrer Pietralla, die kleinere kostete 3000 Euro, die größere – 5000. Mehr wird das Bestimmen der Glocken kosten, zumal sie auch mit den Glocken in der evangelischen Kirche abgestimmt werden. Pfarrer Pietralla betont dabei, dass die dafür ausgegebenen Gelder nicht für soziale Zwecke vorgesehen waren. Ich brauche diese Erklärung überhaupt nicht, sie ist für Kritiker gedacht.

In der Kirche gibt es einen wunderbaren Altartisch, der ebenfalls von Friedrich Schötschel angefertigt wurde. Seine Werke (u.a. Tabernakel und Taufbeckendeckel) hatte ich bereits in Bernau gesehen. In Biesenthal war er lange Zeit zwischen 1969 und 1986 tätig. Aus seiner Hand stammten nicht nur der Altartisch im schlichten Barockstil, der gut mit der Kirche harmoniert, sondern auch ein Vortragekreuz und das Kirchenportal. Auf der Innenseite des Portals sind Verse von Gertrud von le Fort und Rainer Maria Rilke in Kupfer eingearbeitet.

Pfarrer Pietralla stellt mir die Kirchenchronik zur Verfügung. Was wirklich rührt ist der erste Eintrag der Chronik: 25.3.1902: Am Fest Maria Verkündigung hält der Pfarrer von Bernau, Carl Ulitzka, den ersten katholischen Gottesdienst seit der Reformation in Biesenthal in einer Notkapelle. Als Notkapelle dient das Gartenhäuschen des Herrn Neumann in Biesenthal, Schulstraße 28. Die Laube bestand aus Stube und Küche. Der Trennwand wurde entfernt und so entstand ein Raum von 9 m Lange und 3 m Breite. Die Höhe betrug 1,9 m. Dies hat ein Maler festgehalten und das Motiv wurde als Postkarte und zugleich Bittbrief gedruckt:

Leider reichen die vorhandenen Mittel nicht aus, schrieb Ulitzka. Ich muß daher betteln, obgleich ich weiß, wie schwer es ist, und dass weite Kreise des Gebens müde geworden sind.

Der letzte Teil in ein paar Tagen