Heiraten wie ein Kirgise

Über Zeitler schrieb ich vor einer Woche. Inzwischen finde ich Freude daran, seine Erinnerungen zu lesen.

Carl Ludwig Zeitler

Wie ich meine Ehefrau kennengelernt und geheiratet habe?

In der ruhigen Winterszeit 1863/64 besuchte ich zufällig ein Musik- und Ballfest, welches mir befreundete Familien veranstaltet hatten. Ich fand drei gleichmassig in weiss gekleidete, junge Damen mit grünen Besatz und Schärpen an ihren Kleidern. Zweien derselben, Kinder der Eos, war ich schon früher vorgestellt worden, der Dritten mit rundlichen Armen, kleinen blendend weissen Zähnen, wohlgeformten Kopfe, Ohren und Kinn wurde ich vorgestellt. Sie war die Schwestei einer Offiziersfrau, deren Mann, wie ich später hörte, ein Patenkind Kaiser Nicolaus wegen def überaus schlechten Karriere, zu langsamen Aufrüekens in Preussen, nach Petersburg gegangen war. Ich sah die Dame zum ersten Male. Sie wurde später meine Frau. Ich sah sie dann noch einige Male im Konzertsaal, verzichtete aber aus Furcht, meine Freiheit zu verlieren, auf ein Wiedersehen, die beginnennde Arbeit an den Neubauten vorschützend. Erst nach mehr als Jahresfrist sah ich sie wieder.

Ich hatte die Gewohnheit, meine Mitmenschen, wenn ich mit ihnen sprach, mehr noch wenn ich sie stillsitzend betrachten konnte, darauf hin anzusehen, ob und wie ihre Kopfform, der scheinbare Inhalt, das Fassungsvermögen des Schädels, ob die Ohren oval, die innere Rundung derselben mit dem Aussenrand gleichlaufend; ob die Zipfel angewachsen, freihängend oder schippenartig nach vorn oder nach hinten gerichtet, fleichig oder durchsichtig seien. Ob »und wieviel an der Nase und an den Augen symmetrisch oder mongoloid oder mandelförmig; ob die Nase grade oder adler- oder henkelartig sei, und wie das Verhältnis der geraden oder zurückfliehenden Stirnhöhe zur Nasen- und Oberlippenlänge und zum Kinn sei.
Menschen, die für einander bestimmt sind, haben ebenso wie die, welche lange bei und miteinander leben und gleiche Nahrung, gleiche Sorgen haben, eine Anzahl gleicher Gesichtszüge. Jeder hat, sei es beim Lachen oder Weinen, Sprechen oder Schweigen einen Gesichtszug, der den Gegenübersitzenden sympatisch oder abstossend erscheint. Menschen mit gleichem sympathischen Zug scheinen für einander vorher bestimmt zu sein.
Die Eltern der jungen Dame waren durch den 1857 von Amerika ausgehenden, in Deutschland an dem Uebermass der auf schwachen Füssen stehenden Neugründungen nach dem beendeten Krimkriege, reichliche Nahrung findenden Börsenkrach, verarmt. Die Mutter, schon einmal Witwe und ein zweites Mal geschieden, hatte in Magdeburg ein blühendes Bettfedern-Geschäft gehabt, welches zu der Beschãftigung ihres dritten Mannes, eines zwar begabten, aber nur seiner Musik lebenden, unpraktischen Musikers und Organisten durchaus nicht passte. Auch scheint die Verbindung ihrer Tochter aus zweiter Ehe mit einem armen Offizier der Familie zu viel gekostet zu haben, genug, das Geschäft wurde aufgelöst, das Haus verkauft, die Familie ging auseinander. Die jüngste Tochter musste die oberste Kiasse der höheren Tochterschule verlassen, ging mit Hilfe einer befreundeten Lehrerin auf das Lans, um auf einem Gute bei Brandenbburg die Wirtschaft zu erlernen und für sich selber zu sorgen. Sie hat für alle, welche ihr damals Hilfe leisteten, immer Anhänghchkeit und 0ffene Hand bewahrt. Sie hatte eine ausgezeichnete Altstimme, welche die Kirche und grösstenn Konzertsaal füllte, dabei feinstes musikalisches Gehör, Klavierfingerfertigkeit und war auch in Küche und Hausarbeit nicht bloss bewandert, sondern auch gern tätig. Ihre und später meine Wasche war nur von ihrer Hand genaht. Dasjenige, was der Mensch mit seiner Hand und mit Muhe selbst macht und erwirbt, wird vielmehr in acht genommen, als dasjenige, was er fertig gekauft oder gar als Geschenk erhalten hat.
Ich wünschte, dass meine Braut nichts von ihren Eltern erhielte. Wenn ein junger Kirgise heiraten will, verabredet er, wie man sagt, mit seinem Mädchen, dass es sich an der Türe des Zeltes ihres Vaters aufstelle, damit er sie von da rauben könne. Er darf sich natürlich nicht erwischen lassen. Nach einiger Zeit geht er zum Vater seiner Frau und fragt, wieviel er für das geraubte Eigentum zu zahlen habe; ich wollte nicht weniger als ein solcher Kirgise sein.
Es hat mich immer unheimlich berührt, dass Eltern ihre Töchter grossziehen und mit allen guten Eigenschaften des Geistes und des Gemütes ausstatten, bis sie 100 oder 120 Pfund und mehr schwer werden und nur zu dem Zwecke, dass ein fremder, junger Fant kommt, sich daran zu erfreuen. Er erhält dann noch mehr oder weniger Gold oder Werte dazu, je nach dem Vermögen der Eltern.

***

Die Zustimmung meines Vaters zu erlangen, den ich nicht fragen wollte, machte ich mir schwer. Ich hatte zu viel junge und schöne Damen, auch reiche und wirtschaftliche feingebildete Damen, auch unvermutet in der Häuslichkeit mit der Küchenschürze vor kennen gelernt. Mein Vater konnte nicht begreifen, warum ich ein so so leichtes Geschaft bei dem hunderflausend Taler spielend zu gewìnnen waren, nicht machen wolle. Er warnte mich, in eine Familie zu heiraten, deren Mitglieder ich nicht kenne; sie könnten mir später, wie auch  geschehen und noch geschieht, zur Last fallen. Solche Erwägungen nutzen bekanntlich selten. Nach der Militärzeit (…) hatte ich als meines Vaters Generalbevollmächtiger, ihm meinen gesamten Grundbesitz grundbuchlich übertragen, um ihn die Befürchtung zu überheben, mich möglicherweise beerben zu müssen und mit Dritten zu tun zu haben. Um jede Anfrage, jede Einwilligung zu vermeiden, schob ich die Verbbindung lange hinaus, auf die baldige Einführung der Zivil-Ehe hoffend. Erst durch das, zwei Stunden vor der Trauung meinem Vater gegeben Versprechen, dass ich das nächste, dritte Haus noch für Rechnung der Gesamtfamilie errichten wolle und nach dessen Vermietung erst zwischen ihm und mir geteilt werden solle, erhielt ich die Zusischerung, dass er mich zum Traualtar begleiten würde.

Der biblische Jakob habe nicht schwerer um seine Rahel arbeiten müssen. Nachher war mein Vater, wie schon vorher meine Mutter mit ihrere neuen Schwiegertochter sehr zufrieden. Er half mir noch bei dem Umzuge aus dem alten ins neue Haus.

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