Der Tod eines Dissidenten

40 Jahre nach dem Regenschirm-Attentat
“Ich werde sterben, Sie können nichts mehr tun”

7. September 1978. Georgi Markow wartet auf einen Bus in London, als der Fremde mit dem Regenschirm kommt. Ein Rempler, ein Stich, Tage später ist der bulgarische Dissident tot. Die Geschichte eines rätselhaften, wieder aktuellen Giftmords.

17. März 2018

Bulgarian defector Georgi Markov, 49, in an undated photo, whose murder is being investigated by military intelligence, anti-terrorist specialists from Scotland Yard and scientists at Porton Down erm warfare center near Salisbury, Wiltshire. Markov died on Sept. 11, 1978, believing he had been poisoned by the point of an umbrella jabbed in his right thigh. (AP Photo/Press Association)

Er hat ihn verspottet und beleidigt, immer wieder: in den bulgarischen Programmen der BBC, der Deutschen Welle, von Radio Free Europa.
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Jetzt ist für den Verspotteten, Bulgariens kommunistischen Diktator Todor Schiwkow, der Tag der Rache gekommen. Ein besonderer Tag, der 7. September 1978. Schiwkows 67. Geburtstag. Dieser Tag, so ordnet er an, soll seinem verhassten Gegenspieler Georgi Markow den Tod bringen.

Längst trennen die beiden Männer Welten. Markow, einst ein glühender Kommunist und beliebter Schriftsteller in Bulgarien, hat sich mit dem Regime überworfen und ist 1969 ins Exil geflohen. Erst nach Italien, dann nach London. Hier wettert der Dissident und Journalist ab 1972 in seinen “Reportagen über Bulgarien aus der Ferne” scharfzüngig gegen seinen alten Freund Schiwkow und dessen Tyrannei. Hier fühlt er sich sicher.

Also denkt er sich nichts dabei, als ihn am 7. September 1978 ein Mann an der Londoner Bushaltestelle Waterloo Bridge anrempelt. Der Fremde murmelt ein paar Entschuldigungen und eilt dann mit seinem Regenschirm davon. Markow wundert sich nur kurz über den Stich, den er beim Zusammenprall in seinem rechten Oberschenkel verspürt hat.

Alles halb so wild. Bis ihn hohes Fieber packt. Und sein Blutdruck völlig verrückt spielt.
In der Notaufnahme, kurz bevor er ins Koma fällt, erzählt Markow dem Arzt von dem Fremden mit dem Schirm. “Er seufzte und lachte und sagte: Ich bin vom KGB vergiftet worden und werde sterben, da können Sie nichts mehr tun”, wird der Arzt Jahrzehnte später dem deutschen Filmemacher Klaus Dexel erzählen. Vier Tage später stirbt Markow an Herzversagen.

Der Zucker bringt den Tod

Erst die Obduktion liefert die Erklärung für seinen Tod, der bald als “Regenschirmattentat” weltbekannt wird: In Markows Bein steckt ein Platinkügelchen mit einem Durchmesser von 1,7 Millimetern. Es hat zwei winzige Öffnungen, in denen Spuren des Pflanzengiftes Rizin nachgewiesen werden. Offenbar waren die Löcher der Kugel mit Zuckerguss verschlossen – ein raffinierter, biologischer Zeitzünder: Durch die Körperwärme löste sich der Zuckerguss auf und gab das Gift frei.

Das alles wirft Berge an Fragen auf: Wer sind die Täter und Hintermänner? Wurde die Giftkapsel per Schirm in Markows Körper injiziert oder geschossen? Steckt tatsächlich der KGB dahinter?

Knapp 40 Jahre später erschüttert wieder ein rätselhafter Mordanschlag Großbritannien: Der einstige russische Spion Sergej Skripal, der später für den britischen Geheimdienst arbeitete, und seine Tochter sind vergiftet worden. Beide schweben seit Tagen in Lebensgefahr, während ihr Fall eine schwere internationale Krise entfacht hat. Die britische Regierung behauptet, die hochtoxische Substanz sei Nowitschok, ein einst in der Sowjetunion entwickeltes Nervengift. London wirft russische Diplomaten raus, auch die USA, Frankreich und Deutschland machen Russland verantwortlich. Moskau streitet alles ab.

Auffällig morden

Die Fälle trennt vieles. Und doch gibt es Parallelen, etwa die Frage: Warum wurden beide Attentate derart kompliziert ausgeführt, dass zwangsläufig Geheimdienste in Verdacht geraten mussten? Natürlich gibt es in London nichts Unauffälligeres als einen Regenschirm. Aber eben auch nichts Auffälligeres als einen Mord mit einem Schirm.

Ähnlich verhält es sich mit dem Gift, mit dem die Familie Skripal in einer Pizzeria in Kontakt kam: Es war den Ermittlern zufolge derart massiv verteilt, dass der kontaminierte Essenstisch und andere Gegenstände zerstört werden mussten. Entweder wollten die Täter alles versuchen, damit ihre Opfer sterben. Oder dafür sorgen, dass man ihren Gift-Fingerabdruck findet.

Sollten die Attentate auf Skripal, Markow (und auf den 2006 mit Polonium ermordeten russischen Ex-Spion Litwinenko) bewusst abschrecken? Sollten sie Angst verbreiten, mit einer Botschaft, die kein Diplomat sagen kann: Seht her, wir verschonen Verräter nicht? Oder hat jemand falsche Fährten gelegt, wie Moskau gern suggeriert?

Der Fall Markow lehrt zumindest: Mit einer schnellen Aufklärung ist nicht zu rechnen. Es dauerte Jahrzehnte und benötigte eine politische Revolution, bis die Umstände der Ermordung langsam deutlicher wurden. Und immer noch sind nicht alle Details geklärt – selbst die vermeintliche Mordwaffe wirft Fragen auf.

“Brüderliche Hilfe” aus Moskau

Fest steht immerhin: Die Spur führt, trotz vieler Dementis, direkt nach Moskau. Dokumente, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gesichtet werden konnten, und die Aussagen des ehemaligen KGB-Agenten Oleg Kalugin belegen, dass spätestens 1977 “alle Mittel” genehmigt waren, um Regimekritiker wie Markow zu liquidieren. Weil der bulgarische Geheimdienst dazu nicht allein in der Lage war, bat er Kalugin zufolge beim KGB um “brüderliche Hilfe”. Der Wunsch zum Anschlag kam dabei vom bulgarischen Diktator Schiwkow.

Der KGB zögerte und machte nur unter der Bedingung mit, nicht richtig mitzumachen: Man schickte Berater, lieferte Gift und Know-how – aber stellte nicht den Mörder.

So begann Kalugin zufolge eine “Komödie” voller “Fehler”, der den Tod Markows zu einem Zufallsprodukt machte. Der bulgarische Geheimdienst setzte offenbar auf einen zweifelhaften Agenten, den er selbst als “kleinen internationalen Betrüger ohne jegliche Aufklärungsmöglichkeiten” eingestuft hatte. Wenn der Mann mit dem Tarnnamen “Piccadilly” schon nicht ordentlich spionieren konnte, sollte er nun wenigstens töten.

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