Frauenblick 13

Monika Wrzosek-Müller

Hier bin ich, Jonathan Safran Foer
Kiepenheuer&Witsch, 2016 1. Auflage

Schon wieder ein dickes Buch, kann man bei 683 Seiten wohl sagen; die Bücher werden immer dicker (Paul Auster „4321“, 1259 S., Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka), 1275 S. Christoph Hein Glückskind mit Vater, 526 S. etc…). Liegt das am immer leichteren Zugang zu all den Informationen oder an dem Profitfaktor, der sich doch irgendwie pro Seite errechnen lässt: dicke Bücher sind auch teurer…
Aber vielleicht haben die Autoren auch so viel zu sagen und wir dann so viel zu lesen.
Jonathan Safran Foer hat auf jeden Fall immer viel und witzig zu sagen und zu erzählen. Sein erstes Buch, das er mit 23 Jahren schrieb „Alles ist erleuchtet“ wurde von der Kritik und den Lesern enthusiastisch aufgenommen. Darin begab er (der Held) sich auf die Suche nach einer Frau in der Ukraine, die mehreren Mitgliedern seiner Familie das Überleben während der Nazizeit ermöglicht hatte. Das Buch las sich wie man die Bilder von Chagall betrachtet, in all dem Grauen märchenhaft und poetisch; der Text verzauberte und zeigte, dass es unmöglich ist, sich der damaligen Wahrheit wirklich zu nähern, man kann sie vielleicht nur erspüren lernen. Das Buch war witzig, ironisch, heiter und schilderte, warum die dritte Generation der jüdischen Überlebenden immer wieder mit der Vergangenheit ringt und sie für sich aufzuklären, sich ihr zu nähern versucht. Es hatte auf jeden Fall etwas mit Foers eigner Biografie zu tun.
Sein neuester Roman, nach einer längeren Pause entstanden, steht wieder mitten in seinem eigenen Leben. Die Geschichte eines jüdischen Paars in Washington D.C., das sich, angetrieben von seiner Individualität, auseinanderlebt und letztlich auch trennt, erinnert sehr an seine eigene. Doch das eigentliche Thema des Buches ist das Jüdisch-Sein in Amerika und in Israel, sich dazu bekennen, stolz sein, die Traditionen zu leben und an die Kinder weiter zu geben. Auch wenn die Kinder sich gegen die Bar Mizwa wehren, ist für alle selbstverständlich, dass sie diese durchlaufen müssen, um in das Erwachsenenalter aufgenommen zu werden. Das Jüdisch-Sein nimmt ganz viel Platz in dem Buch ein, ohne dass das viel mit Religion zu tun hätte. Es ist einfach die Art, wie man lebt, was wichtig ist, wo man isst, was man unternimmt, wie man diskutiert und redet. Vielleicht ist Jüdisch-Sein eine Bereicherung, vielleicht aber erdrückt es einen.
Es gibt eine Ebene im Roman, die das alles verbindet: die Sprache, es geht um den Gebrauch der Sprache und folglich um die Kommunikation: Dialoge und Reden, auch Beschreibungen der Zustände. Sie erinnern mich an die Filme von Woody Allen, wo immer und lange geredet wird, jeder um eine eigene Pointe bemüht und nicht müde werdend, sie auch zur Geltung zu bringen. Auch hier haben wir den Eindruck, jedes Mitglied der Familie ist eigentlich ein Virtuose der Sprache, sogar der jüngste Sohn Benjy (wohlgemerkt 4 Jahre alt) kann seine Unsicherheit und alle möglichen emotionalen Zustände erstaunlich treffend zum Ausdruck bringen. Durch die Sprache leben sie alle, bewältigen ihre anwachsende Katastrophe in einer sich zerstörenden Welt, die Kommunikation darüber und das auf den Punkt bringen, rettet manchmal das Leben, verhindert das Scheitern. Es steckt darin viel, vielleicht auch unbewusste Weisheit, denn ein Roman, ein Schriftsteller leben sowieso von der Sprache, vom geschriebenen Wort. Doch so wie Foer sie einsetzt, bekommt sie eigenen Wert, die Dialoge sind manchmal Schlachten, manchmal dienen sie der Entspannung, um der Krise zu entkommen.
Jacob ging auf die Knie und nahm Benjys Hände.
„Schlecht geträumt, Kumpel?
„Sterben ist okay“, sagte Benjy.
„Was?“
„Sterben ist okay.“
„Ja, findest du?“
„Wenn alle anderen mit mir sterben, finde ich das Sterben okay. Ich habe nur Angst, wenn die anderen nicht mit mir sterben.“
„Hattest du einen Alptraum?“
„Nein. Ihr habt euch gestritten.“
„Wir haben uns nicht gestritten. Wir…“
„Ich habe gehört, wie Glas kaputtgegangen ist.“
„Wir haben gestritten“, sagte Julia. “Menschen haben Gefühle, manchmal sehr schwierige. Aber jetzt ist alles wieder gut. Geh zu Bett.“[…]
Jacob deckte Benjy zu und strich ihm über das Haar.
„Dad?“
„Ja?“
„Du hast recht damit, dass es wahrscheinlich keinen Himmel gibt.“
„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur gesagt, dass man das nicht wissen kann und es deshalb nicht sehr klug ist, sein Leben darauf auszurichten.“
„Ja, genau damit hast du recht.“
Wenn er selbst auf Trost verzichtete, konnte er sich das verzeihen, aber warum sollte er ihn auch allen anderen vorenthalten? Warum sollte sich ein Kindergarten-Kind nicht in einer gerechten, schönen und unwirklichen Welt glücklich und geborgen fühlen?
„Und worauf sollen wir unser Leben ausrichten?“, fragte Benjy.
„Die Familie?“
„Ja, finde ich auch.“
„Gute Nacht, Kumpel.“
Jacob ging zur Tür, entfernte sich aber nicht.
Nach einigen langen Momenten der Stille rief Benjy: “Dad? Ich brauche dich!“
„Ich bin hier.“
„Eichhörnchen haben buschige Schwänze, warum?“
„Um das Gleichgewicht zu halten? Um sich zu wärmen? Zeit zu schlafen.“
„Wir googeln das morgen früh.“
„Gut. Aber schlaf jetzt.“
„Dad?“
„Ja. Hier.“
„Gibt es Fossilien von Fossilien, wenn die Welt lange genug existiert?“
„Oh, Benjy. Gute Frage. Wir reden morgen darüber.“
„Ja, ich brauche meinen Schlaf.“
„Genau.“
„Dad?“
Jacob begann die Geduld zu verlieren: “Benjy.“
„Dad?“
„Ich bin da.“
Wir erleben die Familie in einer Situation, die einer Katharsis ähnelt; die innere Spannung und Unzufriedenheit spitzt sich immer weiter zu, bis die Eltern auseinandergehen, sich trennen; und die äußere Situation in Israel wird durch ein fiktives Erdbeben und den Angriff islamischer Staaten nochmal zugespitzt. Diese Zuspitzung empfinde ich als befremdlich, denn das Leben in Israel fühlt sich sowieso für einen Europäer an wie auf dem Vulkan. Im Roman geht es darum, wenn ich richtig verstanden habe, eine Zuspitzung zu schaffen, um sich zum Judentum bewusst bekennen zu müssen, endgültig sich zu erklären und festzustellen, wieviel Raum doch diese andere Heimat im eigenen Leben einnimmt. Man stellt mit Erstaunen fest, dass dieses Israel und Jüdisch-Sein ganz viel Platz im Leben vieler amerikanischen Juden einnimmt.
„Was bedeutete ihm Israel? Was die Israelis? Sie waren seine aggressiveren, unangenehmeren, verrückten, haarigeren, muskulöseren Brüder… da drüben. Sie waren grotesk, aber sie waren die Seinen. Sie waren tapfer, schöner, schweinischer und wahrhafter, weniger gehemmt, draufgängerischer, mehr sie selbst. Drüben. Dort waren die Leute so. Und sie waren die seinen.
Nach der Beinah-Zerstörung waren sie immer noch dort drüben, aber sie waren nicht mehr die Seinen.
Jacob hatte sich bemüht, jede Maßnahme Israels vernünftig zu begründen – zu verteidigen oder wenigstens zu entschuldigen. Und er hatte jedes Mal geglaubt, was er sagte. […] War es richtig, Menschen in der gleichen Notlage eine medizinische Versorgung vorzuenthalten? Ja, denn es gewährleistete die Versorgung der eigenen Bürger, die sich im Gegensatz zu den arabischen Nachbarn an niemand anderen wenden könnten. […] Und dennoch führten all diese gerechtfertigten oder wenigstens entschuldbaren Maßnahmen dazu, dass Israel dringend benötigte Hilfsmittel zurückhielt, das heikelste muslimische Territorium auf Erden eroberte und Müttern von Kindern, die nicht zwangsläufig hätten sterben müssen, zwang, an geschlossene Krankenhaustüren zu hämmern. Vielleicht gab es keine andere Möglichkeit, doch es hätte eine geben müssen.“
Nachdem der Präsident von Israel nach dem Erdbeben und dem Angriff alle Juden in der ganzen Welt aufruft, die Heimat zu verteidigen, kehren viele aus der Diaspora zurück. Interessant ist nur, dass der Hauptheld, der Vater Jacob, gegen alle erklärten Absichten doch nicht nach Israel zurückkehrt, um zu kämpfen; offenbar sieht er ein, dass er vor Ort zu nichts nütze gewesen wäre, aber auch, dass man auch Zweifel an Israels guter Sache haben konnte.
Der Titel „Hier bin ich“ hebräisch hineni steht für den Autor; es geht um die Klärung wofür man steht oder besser für wen man steht, bedingungslos und immer bereit, aufrichtig und präsent. Diese Frage prägt unsere Identität besonders in der jetzigen Welt mit all ihrem Freiheitsdrang, auch wenn sie oft nicht mehr religiös bedingt ist.

Frauenblick 12

Monika Wrzosek-Müller

Glückskind mit Vater
von Christoph Hein, Suhrkamp Verlag Berlin 2016, schon 3. Auflage

Es gibt Bücher, die in die Zeit und in die Gesellschaft wie Bomben reinfallen und kräftige Reaktionen, Diskussionen und Polemiken hervorrufen. Doch es existieren auch einige andere, für mich die sogenannten stillen Bücher, die sich fast unbemerkt in die Gesellschaft einschleichen und manchmal erst allmählich einen tiefen Eindruck hinterlassen. So erging es mir bei der Lektüre des Romans Glückskind mit Vater von Christoph Hein. Den Autor kannte ich als junge Germanistin in Polen, als einen der wenigen Dissidenten, der auch eine fantastische Novelle Drachenblut veröffentlicht hat. die wir auch lesen konnten. Erst jetzt erfahre ich, dass die Novelle auch in der DDR unter einem anderen Titel erschienen war, und zwar Der fremde Freund. Schon damals war ich von Hein begeistert, wie treffend und unkompliziert er die Sachen beim Namen nennt: sachlich, konkret, schlicht die Wirklichkeit vor dem Auge entstehen lässt, ohne emotionale Zugaben.

Das Gefühl kehrt diesmal verstärkt zurück, der Roman Glückskind mit Vater erzählt fast 60 Jahre deutscher Geschichte, unaufgeregt und doch eindringlich. Die Handlung nimmt bestimmt Bezüge auf persönliche Erlebnisse des Autors, ist aber nicht autobiographisch. Es ist eine zutiefst psychologisierende Erzählung, mit der Moral, dass man seiner Vergangenheit nicht entkommen kann – im Fall von Glückskind mit Vater eben dem kriegsverbrecherischen Vater. Der Schatten des bösen Vaters legt sich wie eine dunkle Wolke über das Leben des jungen Helden, und trotz seiner sehr mutigen Versuche, ihn abzuschütteln, gelingt ihm das nicht. In allen Lebensstadien verfolgt der Vater den Jungen, obwohl er ihn nie gekannt, nie zu Gesicht bekommen hatte. Sowohl die Namensänderung als auch der erste Fluchtversuch nach Marseille enden mit der Erkenntnis, dass es keine Fluchtmöglichkeit gibt; immer wieder wird er mit den Kriegsverbrechen des Vaters und mit dessen Namen konfrontiert. Die ganze Familie, die Mutter und der Bruder, sind in die Vergangenheit verstrickt. Dem Bruder gelingt es aber daraus materiellen Vorteil zu ziehen und reich zu werden, allerdings brechen dann die Familienbande völlig auseinander.

Erstaunlich dabei ist die Tatsache, dass sich das ganze Buch nicht pessimistisch, nicht negativ liest, eher ironisch, manchmal sogar humorvoll, und es sorgt mit erstaunlichen Momenten für Überraschungen. Die negative Pointe des Buches, dass es keine Möglichkeit gibt, der Obsession mit dem verbrecherischen Vater zu brechen, zu entkommen, ist keine Sackgasse, kein sogenanntes Schicksal; der Held meistert sein Leben, obwohl er vom Glückskind zum Unheilkind wird; er findet seinen Platz in der DDR-Gesellschaft, wird sogar, zeitweilig, zum Direktor einer Oberschule. Er behauptet sich ganz munter und tapfer und durchläuft die Stationen des Lebens immer mit der Hoffnung, sich dem Einfluss des Schattens zu entziehen. Irgendwo, ganz in der Tiefe, spürt man aber doch den bitteren Geschmack und die Enttäuschung, dass er nicht frei ist sondern immer wieder davon läuft und sehr allein mit seinen Entscheidungen lebt.

Ganz bewusst versuche ich den Plot nicht zu erzählen, die Stationen des Lebens nicht aufzuzählen, die Konflikte mit dem Bruder, den Ämtern, seine Lieben, das Verhältnis zu seiner Mutter nicht zu beschreiben. Das soll jeder in dem Roman lesen und für sich die wichtigsten Momente und Stellen finden und viel über die Vorgänge in der damaligen BRD aber auch der DDR erfahren und mit eigenen Erlebnissen vergleichen können. Auf jeden Fall ist es ein Buch für die junge Generation, die die Nachkriegszeit nicht erlebt hat, aber auch für die ältere, die sich damit konfrontiert sah. Es ist eine deutsche Geschichte par excellence, das Leben und die Probleme im Nachkriegsdeutschland werden übersichtlicher und klarer durch die Lektüre.

Iss doch wenigstens das Fleisch

oder wie man Vegetarier wird?

Ewa Maria Slaska

Diese Frage interessiert mich brennend, weil ich selber für sie eine, wie ich finde, außergewöhnliche Antwort habe. Zuerst war sie noch banal: Ich mag kein Fleisch, sagte ich, ich habe es nie gemocht.

Gut, diese Antwort kennen auch Viele in diesem Buch, und überhaupt Viele, die sich an einen Klumpen des durchgekauten Fleisch erinnern, die man nicht imstande war zu schlucken, ebenso sehr aber kein Erlaubnis hatte, den Ekel auszuspucken. Dabei haben diejenige besser, die schnell kotzen konnten, wenn man jedoch, wie ich, eine im Sternzeichen Jungfrau geborene, sich ungern physiologisch der Umwelt mitteilte,  war man stundenlang gezwungen am Tisch zu sitzen und das Restfleisch mit den Tränen vermischt in alle Ewigkeit zu kauen. Lange dachte ich, dass es eben diese Erfahrung war, die mir enorm erleichtete, sofort, als ich nur über meine Diät selber entscheiden dürfte, eine Vegetarierin zu werden.
Aber nicht. Irgendwann kam eine andere Antwort, die mir bis heute plausibler klingt, obwohl ich sie in meinem Leben nie von jemanden anderen gehört habe.
Meine Mutter, als sie mit mir schwanger war, kurz nach dem Krieg, litt an Toxoplasmose. Es ist so eine Infektionskrankheit, von Parasiten verursacht, die man von der Katzen bekommen kann, oder vom Essen des nicht ganz durchgekochten oder rohen Fleisches. Dem Träger macht die Krankheit nichts, dem Kind im Bauch dagegen kann sie Vieles antuen. Es kann mongoloid werden, oder blind, und natürlich auch beides. Soviel wurde mir damals erklärt. Erst jetzt beim Schreiben sehe ich genauer in die Materie: Die infizierten Kinder können epileptische Anfälle, kognitive Einschränkungen, Schäden an der Leber, Lunge, Gehirn, Augen, Herzmuskel und Hirnhaut aufweisen. Ein Viertel der vor der Geburt infizierten Kinder durch Toxoplasma gondii haben geistige Behinderungen, Spastiken, Epilepsie, Hydrocephalus und Verkalkungen der Hirngefäße. Jesus! Ich bin “nur” halbblind geboren, dh. eigentlich bin ich glimpfig aus der Falle rausgekommen.

Von meiner Krankheit, oder Mamas Krankheit im Grunde, gab es nie die Rede und dass meine Halbblindheit gerade diesen Grund hatte, erfuhr ich erst als ich selber hochschwanger war. Diese Nachricht kam auf mich wie ein Donner aus dem hellen Himmel. Bis dahin war ich mit meiner Schwangerschaft sehr glücklich, behauptete gar, dass es der beste Zustand in meinem Leben sei. Und dann war es plötzlich gut möglich, dass jetzt mein Kind mongoloid oder blind, und natürlich auch beides werden konnte.

Eine Woche später gebar ich meinen Sohn, ein kerngesundes Baby, dem die verdammte Toxoplasmose von Oma und Mama nichts angetan haben.

Es dauerte aber lange, dass ich selber ruhig darüber nachdenken konnte. Meine Theorie baute sich also sehr langsam auf.

Als Mama noch nicht wusste, dass es die Toxoplasmose war, die mein Leben bestimmte, erzählte sie oft darüber, dass sie während der Schwangerschaft immer wieder einen Heißhunger auf Fleisch hatte, so sehr, dass, als sie von der Kunstschule, wo sie studierte, nach Hause kam, sofort in die Küche ging und aus dem Topf, in dem Oma die Suppe kochte, nicht ganz gekochte Fleischstücke holte, um sie direkt neben dem Herd, heiß zu verzehren. Als die Sache mit der Krankheit plötzlich öffentlich diskutiert wurde, wehrte  sich Mama vehement gegen die vermeintliche Beschuldigung (kein Mensch hat sie doch beschuldigt), aber irgendwie verschwand die nicht ganz gekochte Suppe und halbblutiges Fleisch aus den Familienerzählungen.

Erst nach Jahren kam mir in den Kopf ein Bild von mir als Embryo im dunklem warmen Wasser. Wieso? Fragt mich nicht, ich weiß es nicht, sah aber, dass sich dieses noch nicht ganz fertiges Baby sehr stark mit den Armen gegen etwas wehrte. Das Bild kam ziemlich oft, ohne dass ich eine Erklärung dafür wusste. Erst als mir Jemand beiläufig sagte, er kann kein Kummin vertragen, weil seine Mama, als sie schwanger war, eine starke Allergie gegen den Kummin hatte, passten sich plötzlich alle Puzzleteile an: Die Krankheit meiner Mama, ihre Schwangerschaft, meine (gelungene!) Verteidigung gegen den feindlichen Parasiten, meine Ekel dem Fleisch gegenüber, mein kindlicher Drang, Vegetarierin sein zu dürfen (was man natürlich damals auf keinen Fall dürfte).

Mein Vater stammt aus einer tatarischen Familie. Die Tataren gelten bis heute als sehr mutiges Volk. Ich war immer der Meinung, dass ich gerade deshalb, dank meinem tatarischen Erbe, auch relativ unerschrocken und zäh bin. Jetzt sah ich in meinem Kopf ein Bild eines kämpferischen tatarischen Fötus, der sich gegen jegliche Feinde wehrt. Sollen sie sich alle zum Teufel scheren…  🙂

***

Das Buch finde ich gut und interessant, obwohl es an manchen Stellen ins so grotesk Ekelhafte ausartet, das man es beim besten Willen nicht lesen kann. Eine Erzälung finde ich aber so schön, dass ich sie direktemang hier euch zum lesen anbieten muss 🙂

E.L. Greiff, Großraumwagen

Der Autor schreibt Fantasy-Bücher und dies erklärt doch viel. Sein Herausgeber gibt von ihm relativ viel preis: E. L. Greiff, 1966 in Kapstadt geboren, lebt heute in den Niederlanden. Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik in Bochum und Berlin, anschließend zahlreiche freie Regiearbeiten. Greiff schreibt Essays, Reisereportagen, Kommunikationskonzepte und Reden für Führungskräfte.

autor-inErst von einem Foto erfährt man, dass “der Autor” in der Tat “die Autorin” ist. Genauso verhält es sich mit der / dem Protagonist/in dieser Erzählung.

https://books.google.de/books?id=p73vCgAAQBAJ&lpg=PT21&ots=Ry_L8iqhar&dq=E.L.%20Greiff%20Gro%C3%9Fraumwagen&hl=de&pg=PT21&output=embed

Die obige Möglichkeit es Euch zu lesen zu geben, die ich im Netzt gefunden hat, bricht kurz vor dem Ende der Erzählung ab. Ich nehme an, in der Annahme, jetzt werdet ihr das Buch kaufen (bitte sehr, z.B. HIER), um zu erfahren, wie es endet.

Ich bin aber ein guter Mensch und schreibe Euch die letzten 1,5 fehlenden Seiten hier ab (das Buch könnt ihr natürlich der anderen Erzälungen wegen kaufen):

Zweiundvierzig Leute sind damals aus diesem ICE ausgestiegen, der irrtümlicherweise an einem Provinzbahnhof angehalten hatte, anstatt durchzufahren. Keiner von uns bekam eine Entschädigung von der Bahn, wir hätten ja nicht aussteigen müssen, hieß es, schließlich sei dort auch nicht Endstation gewesen – eine gleichlautende Durchsage hätte es niemals gegeben. Ich jedenfalls hatte auch keine gehört. Nickelbrille gab später zu, er habe ebenfalls nichts gehört. Jemand anders hätte ihm das mit der Endstation gesagt, wer, wusste er nicht mehr.

Als wir knapp zwei Stunden später allesamt in einen verträumten Regionalzug einstiegen, erregten wir einiges Aufsehen beim Zugbegleiter, und ein Mann aus unserer Gruppe, in den Dreißigern, erklärte ihm die Situation. Oder das, was er und wir alle dafür hielten. Dieser Mann, ich nenne ihn der Einfachheit halber Herrn Erster, ist bis heute so etwas wie unser Anführer; er ließ damals eine Liste herumgehen, in die wir uns alle mit Adressen und Telefonnummern eintrugen für die Sammelbeschwerde gegen die Bahn, die er vorbereiten wollte. Die Beschwerde hat er eingereicht, aber es wurde wie gesagt nichts daraus.

„Wo ist eigentlich der Typ in dem langen Hemd?“, fragte Nickelbrille. Er ließ seine kleinen Augen über die kunstledernen Sitzenreihen des Bummelzugs huschen, während ich meinen Namen in die Liste kritzelte. Ich wusste sofort, wen er meinte.

„Ist abgehauen. Direkt nach dem Halt.“

„Junger Mann“, mischte sich die ältere Dame mit dem Halstuch ein . „Das war kein Typ. Das war eine ausgesprochen hübsche junge Asiatin. Ungewöhnlich groß allerdings.“

Wir hatten alle die Gestalt gesehen, alle etwas aus der Papiertüte genommen, alle zweiundvierzig. Es war ,wenig überraschend, bei jedem etwas anderes gewesen: ein besonderes Bonbon, eine exotische Frucht, etwas Salziges, Scharfes, Saures. Herr Erster hat im Laufe der folgenden Jahre viele Interviews mit jedem Einzelnen von uns geführt, auf unseren Treffen sind wir die Sache immer wieder durchgegangen. Es hat bei jedem etwas anderes bewirkt, nicht auf dem ersten Blick Spektakuläres. Nickelbrille hat das Rauchen aufgegeben. Die Halstuchdame, sie ist vor ein paar Jahren gestorben, hat eine Vorliebe für hochpreisige Bordeauxweine entwickelt. Ich habe aufgehört, Fleisch zu essen. Außerdem habe ich mein Leben in den Griff bekommen, und so gern ich mir das selbst zuschreiben würde und nicht einem Teigbällchen, oder zwei, weiß ich doch, dass seitdem alles besser geworden ist.

Reblog & Co: Uwe Rada

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Von Berlin nach Polen und zurück

Vortrag und Gespräch mit Uwe Rada
– in Kooperation mit Städtepartner Stettin

23.2.17 | 20 Uhr | RegenbogenKino

Seit Jahren beschäftigt sich der taz-Journalist und Buchautor Uwe Rada mit den Beziehungen Berlins zu seinem östlichen Nachbarn. Dabei führen ihn seine Wege immer wieder nach Stettin und Breslau, aber auch in die Uckermark oder ins Oderzwischenland. Davon wird Uwe Rada bei seiner Lesung berichten. Und davon, wie sich die deutsch-polnische Grenzregion der politischen Großwetterlage zwischen Berlin und Warschau zu entziehen sucht.

Uwe Rada, geboren 1963 in Göppingen, lebt seit 1983 in Berlin. Er beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit der deutsch-polnischen Grenzregion.
Zuletzt erschien das Buch “Berlin und Breslau. Eine Beziehungsgeschichte”, das er zusammen mit Mateusz Hartwich herausgegeben hat.

Und als Kostprobe, ein Text über die Oder aus Taz:

Oderdämmerung

Sie ist einer der letzten frei fließenden Flüsse Europas, manche vergleichen sie mit dem Amazonas. In Brandenburg bildet sie den einzigen Flussnationalpark Deutschlands. Doch nun soll die Oder nach dem Willen der neuen polnischen Regierung zu einer Wasserautobahn ausgebaut werden. Umweltschützer beiderseits des Flusses sind alarmiert

von UWE RADA

Gerade jetzt, im Winter, ist das Zwischenoderland besonders eindrucksvoll. Zwischen Ostoder und Westoder frieren die Altarme zu, die ersten Zugvögel kommen zurück, über der wilden Oderlandschaft liegt eine Stille, die vergessen lässt, das nicht weit von dieser naturnahen Flusslandschaft die Großstadt Stettin brummt.

Doch die Idylle täuscht, wie Brandenburger Naturschützer und Politiker vor Weihnachten erleben mussten. Vertreter der polnischen Woiwodschaft Westpommern waren nach Criewen, dem Tor zum Nationalpark Unteres Odertal gekommen, um vorzustellen, wie sie sich die Zukunft der Oder vorstellen. Für den Landrat der Uckermark, Dietmar Schulze, waren die Pläne ebenso alarmierend wie für den Nationalpark-Mitbegründer und Träger des alternativen Nobelpreises, Michael Succow.

Was hatte die polnische Delegation im Gepäck? Um Stettin besser vor Hochwasser zu schützen, hieß es, sollen im Zwischenoderland 21 Kanäle ausgebaggert und 32 seit dem Zweiten Weltkrieg verfallene Wasserbauwerke, Schleusen und Durchlässe wieder instandgesetzt werden. Darüber hinaus sollen auf 60 Kilometer die Deiche modernisiert werden. Die Kosten in Höhe von 18,2 Millionen Euro, so die polnische Delegation, würde die Weltbank übernehmen.

Anders als der Nationalpark Unteres Odertal liegt das Zwischenoderland, auf Polnisch Międzyodrze, auf der polnischen Seite der Grenze. Offiziell hat es nur den Status eines Landschaftsschutzparks, in Wirklichkeit aber ist es für Naturschützer sehr viel wertvoller als der deutsche Nationalpark. Weil die Regulierungsbauwerke dieses 5000 Hektar großen Polders aus den Jahren von 1907 bis 1932 nicht instandgesetzt wurden, regelt hier die Natur den Wasserstand, es entstand ein Paradies für Vögel und Fische. Dass der Ausbau nur der Wasserregulierung und dem Schutz Stettins vor Hochwasser dienen soll, wird in Brandenburg angezweifelt. “Nicht einmal das Jahrhunderthochwasser von 1997 hat Stettin bedroht”, heißt es im Potsdamer Umweltministerium hinter vorgehaltener Hand.

Oder soll zur Wasserstraße werden

Die Pläne für das Zwischenoderland sind nur ein Teil einer gewaltigen Kraftanstrengung, mit der die neue polnische Regierung die Oder wieder zu einer internationalen Wasserstraße ausbauen möchte. Um das ambitionierte Ziel umzusetzen, hat die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) von Ministerpräsidentin Beata Szydło sogar ein eigene Ressort geschaffen – das Ministerium für Meereswirtschaft und Binnenschifffahrt. Dessen Vizeminister Jerzy Materna erklärte gleich nach seinem Amtsantritt im Dezember, dass die gesamte Oder als Wasserstraße der Klasse IV ausgebaut werden sollte. “Von der dritten Klasse will ich nie wieder etwas hören, in dieser Frage gebe ich keinen Millimeter nach”, sagte Materna der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza.

Die Wasserstraßenklasse IV ermöglicht den Verkehr der so genannten Europaschiffe mit einer Länge von 80-85 Metern und einer Ladekapazität von 1.000 bis 1.500 Tonnen. Materna strebt in Zukunft ein Transportvolumen von 50 Millionen Tonnen jährlich an. Zum Vergleich: Derzeit wid auf der Oder so gut wie nichts mehr tranportiert. Zwischen dem oberschlesischen Kohlerevier und Stettin, so lautet der Spin der neuen Regierung in Warschau, liegen 700 Kilometer ungenutzte Wasserautobahn.

Ganz billig wird es aber nicht sein, diese Autobahn fahrtüchtig zu machen. Alleine für die Ertüchtigung der Oder müssten laut Materna etwa 20 Milliarden Złoty, das sind rund fünf Milliarden Euro ausgegeben werden. Doch der Vizeminister des neuen Ressorts hat noch weitergehende Pläne. Er will die schlesische Oder bis ins tschechische Ostrau ausbauen und auch den alten Plan eines Oder-Donau-Kanals in Angriff nehmen. Damit soll das Schwarze Meer mit der Ostsee verbunden werden. Das es die neue Regierung mit der Umwelt nicht so genau nimmt, zeigte sich im Januar. In den Wäldern von Białowieża, dem letzten Urwald Europas, wurde damit begonnen, 400.000 Bäume zu fällen.

Nach dem Hochwasser 1997

Dreißig Kilometer von der niederschlesischen Metropole Breslau entfernt, liegt die kleine Ortschaft Maltsch, auf Polnisch Malczyce. Dreitausend Einwohner leben in Maltsch, das seine große Zeit längst hinter sich hat. Als die Oder tatsächlich eine Wasserstraße war, wurde im Hafen Kohle verladen. Der Maltscher Hafen machte mehr Umsatz als der in Breslau. Das war vor mehr als siebzig Jahren.

Heute steht Maltsch für eine Investition, die in Polen ebenso Kopfschütteln hervorruft wie der Bau des Flughafens BER in Deutschland. 300 Millionen Złoty, 75 Millionen Euro, sollte die neue Oderschleuse kosten, als 1997 mit den Bauarbeiten begonnen wurde. Nach dem Jahrhunderthochwasser an der Oder, das alleine in Polen 50 Menschenleben forderte, sollte mit dem Bau neuer Staustufen das Wasser reguliert – und die Oder wieder für die Binnenschifffahrt hergerichtet werden. Der Neubau der Maltscher Schleuse war neben der in Dyhernfurth (Brzeg Dolny) der erste an der Oder seit dem Ende des Krieges. Zuvor waren zwischen dem Gleiwitzer Kanal, der Oberschlesien mit der Oder verbindet, und Breslau 26 Staustufen errichtet worden. Unterhalb von Breslau aber war die Oder bis Hohensaaten, wo der Oder-Havel-Kanal in den Fluss mündet, ein frei fließender Strom geblieben.

Die Maltscher Schleuse ist bis heute nicht in Betrieb. Inzwischen sind die Kosten von 300 Millionen Złoty auf eine Milliarde gestiegen, ein Ende des Baus ist nicht in Sicht. Dennoch bringt der Warschauer Vizeminister für Binnenschifffahrt nun den Bau weiterer Staustufen ins Spiel. Bis zu zwanzig neuer Schleusen sollen in Zukunft entstehen, sagte Materna im Januar dem Sender Radio Zielona Góra. Finanziert werden sollen sie in Public-Private-Partnership-Projekten.

Schon einmal hatte die Regierung in Warschau große Pläne für die Oder vorgelegt, das war nach dem Jahrhunderthochwasser von 1997. Doch beim so genannten Programm für die Oder 2006 setzte Warschau vor allem auf Geld aus Brüssel. Das ist nun anders. “Im Rahmen des Weltbankprojekts Odra-Vistula Flood Management Project stehen Polen bis zum Jahr 2023 1,202 Milliarden Euro zur Verfügung”, sagt Sascha Maier. Der Naturschützer engagiert sich unter anderem beim Verein der Freunde des Deutsch-Polnischen Europa-Nationalparks Unteres Odertal und war auch dabei, als die polnische Delegation im Dezember ihre Pläne für den Ausbau des Zwischenoderlandes vorgestellt hatte. “Der geplante Ausbau der Oder bekommt damit eine neue Dimension”, so Sascha Maier.

Wo bleibt der Widerstand?

Nach dem Jahrhunderthochwasser von 1997 haben sich deutsche und polnische Naturschützer zusammengeschlossen und ein Bündnis mit dem Namen “Zeit für die Oder” gegründet. Es war ein grenzüberschreitendes Bündnis gegen die geplante Zerstörung von Auwäldern und für die Ausweisung neuer Schutzgebiete. Solche Bündnisse gibt es heute nicht mehr. Stattdessen haben sich rechts und links der Oder die Befürworter eines Ausbaus zusammengeschlossen.

Fast unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit wurde bereits am “7. April 2015 von Warschau und Berlin das “Abkommen über die gemeinsame Verbesserung der Situation an den Wasserstraßen im deutsch-polnischen Grenzgebiet” unterzeichnet. Verhandlungsführer auf deutscher Seite war der Brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), der auch Polenbeauftragter der Bundesregierung ist.

Die Ziele des Abkommens lesen sich auf den ersten Blick vernünftig. Es geht um die Gewährleistung eines schnelleren Wasserabflusses bei Hochwasser sowie den Einsatz von Eisbrechern an der Grenzoder. Woidke selbst hatte sich dafür eingesetzt, dass Küstenmotorschiffe zwischen der Ostsee und dem Hafen Schwedt verkehren können. Damit soll der teure Umschlag der Waren aus den Schwedter Papierfabriken im Stettiner Hafen entfallen.

Doch es ist eine Zahl, die Umweltschützer wie Sascha Maier aufhorchen lassen. Im deutsch-polnischen Abkommen wird nämlich festgehalten, dass die Oder unterhalb der Warthemündung an neun von zehn Tagen jährlich eine Tiefe von 1,80 Meter aufweisen soll. Oberhalb der Warthemündung soll diese Mindesttiefe an acht von zehn Tagen gewährleistet sein.

Ob das realistisch ist, wird sich zeigen. Im Sommer, kurz nachdem das Abkommen in trockenen Tüchern war, fiel der Wasserstand der Oder auf ein Rekordtief. Radio Szczecin berichtete am 12. August von einem dramatischen Fall des Wasserstandes. In Küstrin (Kostrzyn) betrug er nur noch 63 Zentimeter. Im nahen Gozdowice führte der Fluss 80 Zentimeter, zu wenig für die Fähre “Ohne Grenzen”, die hier zum brandenburgischen Güstebiese verkehrt.

Wie die Mindesttiefe von 1,80 Metern realisiert werden soll, steht nicht im Abkommen, es wird jedoch auf ein Gutachten zur Stromregelegung verwiesen. “Demnach soll die Zieltiefe nicht nur über die Fahrrinnenbreite, sondern die gesamte Gewässersohle durch Modernisierung und teilweiser Erhöhung konventioneller Buhnen hergestellt werden”, erklärt Sascha Maier. Er fürchtet, dass demnächst Fakten geschaffen werden, ohne zuvor die Umweltverträglichkeit zu prüfen.

Pragmatismus in Stettin

Es ist kalt an diesem Februartag, von der Oder weht ein frischer Wind hinauf in die Stettiner Innenstadt. In einem der Altbauten in der Starszyński-Straße nahe der berühmten Hakenterrassen hat Dorota Janicka ihr Büro. Janicka ist die Chefin der Landschaftsschutzparks in der Woiwodschaft Westpommern, und als solche ist sie auch für das Zwischenoderland zuständig. Ob die Zukunft der Oder die einer Wasserautobahn ist, will sie nicht bewerten, das fällt nicht in ihre Zuständigkeit. Um die Zukunft des Zwischenoderlandes aber macht sie sich keine Sorgen. “Eine landwirtschaftliche Nutzung des Zwischenoderlandes ist nicht geplant”, versichert Janicka. “Es geht lediglich darum, die alten Anlagen wieder in Ordnung zu bringen.”

Im Gegensatz zu Umweltschützern wie Sascha Maier überwiegen bei Janicka nicht die Bedenken, sondern die Hoffnungen. Denn von den knapp zwanzig Millionen Euro, die zwischen Westoder und Ostoder verbaut werden sollen, könnte auch ein Teil für den Tourismus abfallen, glaubt die Chefin der Landschaftsschutzparks. “Wir haben bislang viel zu wenig ausgewiesene Tourismusrouten im Zwischenoderland”, sagt Janicka und überreicht zum Beweis eine Karte des Gebiets. “Auch die Infrastruktur für Paddler muss verbessert werden.”

Janicka verweist auf die breiten Radwege auf der deutschen Seite der Oder. “Ganz so schnell wird das bei uns nicht gehen, aber das ist das Ziel”, sagt sie. Naturschutz ist bei Janicka keine Sache um ihrer selbst willen, sondern immer auch verbunden mit touristischer Nutzung. Und da fehlt es dem Amazonasgleichen Überflutungsgebiet zwischen Westoder und Ostoder tatsächlich. Außer auf der Straße von brandenburgischen Mescherin ins polnische Gryfino ist das Zwischenoderland kaum zugänglich.

Grenzüberschreitender Nationalpark

Stettin will also profitieren vom Zwischenoderland und dem Weltbankgeld. Auch deshalb widerspricht Janicka einem Vorschlag des Westpommerschen Vizemarschalls Jarosław Rzepa. Der hatte vorgeschlagen, aus dem Überflutungsgebiet wie auf der deutschen Seite einen Nationalpark zu machen. Janicka dagegen meint, dass die Umweltvorschriften in den Natura 2000 und FFH-Gebieten jetzt schon streng genug seien. Ihr wichtigstes Argument aber ist ein anderes. “Für einen Nationalpark ist die Regierung in Warschau zuständig”, sagt sie. Stettin aber will seine Oder selber verwalten.

Paweł Pawlaczyk findet die Idee mit dem Nationalpark gut. Seit Jahren arbeitet gelernte Förster im Vorstand des polnischen Naturschutzclubs – und ärgert sich, dass das Zwischenoderland einen weitaus geringeren Schutzstatus hat als der deutsche Nationalpark. “Wir haben es hier mit einer Wildnis zu tun, die ihresgleichen sucht”, sagt Pawlaczyk. “Alle Voraussetzungen, das Zwischenoderland zu einem Nationalpark zu machen, sind gegeben.”

Das Weltbankprojekt hält der Naturschützer für verheerend. Und für unglaubwürdig. “Wenn es in Stettin eine Hochwassergefahr gibt, kommt sie wegen der Nordwinde vom Stettiner Haff und nicht von der Oder”, sagt er. Dieses Argument sei deshalb vorgeschoben. Aber auch die Ausweisung neuer Touristenrouten, die Dorota Janicka gerne mit den Weltbankmitteln finanzieren würde, hält er für vorgeschoben. “Hier geht es darum, den Zustand aus der Zeit vor dem Krieg wiederherzustellen”, sagt Pawlaczyk, “Was wir brauchen ist aber keine regulierte Natur, sondern Wildnis.”

Pawlaczyk hofft deshalb sehr auf die deutschen Umweltschützer. Und, dass es vielleicht doch noch gelingt, an der Oder endlich einen grenzüberschreitenden, europäischen Nationalpark zu gründen.

Rahra Avis

https://soundcloud.com/rahraavis/la-pasio-n

Eugenia Tapia. Nie gehört, was? Höchste Zeit es zu ändern! Ich habe sie einmal erlebt, sie ist unglaublich. Du sprichst mit ihr, es ist ein ganz normales Gespräch mit einer netten jungen Frau und dan PLÖTZLICH – sie ist auf der Bühne und sie ist ein Star, eine Diva, eine unglaubliche Erscheinung! Geht UNBEDINGT hin! Unbedingt.

Meine Lieben nun ist es so weit!
am 19 Januar Donnerstag spiele ich mit
—RAHRA AVIS—
meine ElectroSoul Avantgarde duo,

WO: RegenbogenFabrik KINO
Lausitzerstr 22,10999 Berlin
20.00 Uhr-23.00
Eintritt//Austritt: Eure spende ist uns wichtig 🙂

Wer uns noch nicht gesehen hat, ist es höchste Zeit,
den dies ist unser letzter KONZERT
in Berlin und Deutschland.
Es ist unser abschied. Mein College, Musiker, Composer, bester Freund
wechselt Kontinent, überquert Atlantik-Ozean direct nach Mexico.
Wir wünschen ihn und Frau alles beste!
Neues kommt, dies ist sicher!
Love and Peace! Ich will euch sehen! Sei dabei!

RAHRA AVIS
Andres Santana: Composer, Ableton Live, E Guitar
Eugenia Tapia: Singer, Composer
Visuals: (KAKITA)

Rahra Avis
Andres Patricio Santana Novoa
Eugenia Victoria Tapia Caro

www.rahraavis.com
https://soundcloud.com/rahraavis/la-pasio-n
https://www.facebook.com/events/1305537942846989/

Frauenblick 11

Monika Wrzosek-Müller

Juli Zeh „Unterleuten“

„Die Klatschsucht war ein Juckreiz und das Dorf kratzte sich.“

Es gibt Sätze, die einfach bleiben, die einen festhalten und nicht sich vorwärts zu bewegen erlauben, bis man sie auswendig kennt und sich irgendwann an sie erinnert, wie an Sprichwörter. Der Roman ist so gut, dass er jetzt schon wahrscheinlich zu den Klassikern zählt, obwohl er nicht einmal ein Jahr alt ist. Die Welt im Mikrokosmos, in Brandenburg, weit weg und nah zugleich. Das Buch ist über 600 Seiten dick, trotzdem schnell zu lesen. Die Mitwirkenden sind wie auf einer Bühne, es hat etwas von einem Welttheater, einer Weltbühne an sich und es ist wie ein antikes Drama. Ein Drama, in dem die Einheit von Ort, Zeit und Handlung im Groben beibehalten wird. Das Dorf rast auf eine Katastrophe zu und wir, die Leser, werden zum Chor stilisiert, der für sich alles kommentiert und Vermutungen anstellt. Die Handlung ist an sich einfach, doch die Charaktere und Beschreibungen der einzelnen Figuren meisterhaft. Zwar steht der Titel Unterleuten (unter Leuten) für menschliches Zusammensein, doch man spürt von der ersten Seite an, dass die Gemeinschaft des Dorfes in kleinere Parteien aufgeteilt ist, die am Anfang bedingungslos aneinander hängen. Die Schriftstellerin lässt zwei Paare aus Berlin nach Unterleuten kommen und sie dann streiten; die Paarbeziehungen gehen zu Bruch; ob man an der dörflichen Realität verzweifelt, muss jeder für sich entscheiden.

Die Ankunft der Neuen führt dazu da, dass sich die Konstellationen verändern. Man ist unter Leuten und die Konflikte werden direkter ausgetragen, man sucht ein Kind zusammen mit den anderen, man hetzt einen gegen den anderen auf, man geht von Tür zu Tür und sammelt Unterschriften; die Polizei wird immer erst zum Schluss gerufen.

Es ist ein Dorf, das alles miterlebt – in den sechziger Jahren die Kollektivierung, die Enteignungen und dann die Gründung einer LPG, und nach der Wende gründen dieselben Leute einen landwirtschaftlichen Biobetrieb, der alle mit Arbeitsplätzen versorgen soll. Und es kommen die Neuen, die Zivilisationsmüden aus der Stadt, halb Intellektuelle, Naturnaive und Freunde. Sie mischen die Bevölkerung neu auf und versuchen mitzumachen und den Lauf der Dinge mitzubestimmen.

„Für Gerhard hingegen war ständig irgendwas „unfassbar“ und er selbst dabei „fassungslos“.

Damit sorgen sie für ein Ferment, das vielleicht noch bedrohlicher wird, als es das Leben mit Leichen im Keller ohnehin ist. Sie geben ihren Frust, Durchsetzungswillen, Individualismus und einfach eigene Vorstellungen noch dazu.

Und es ist die Art, wie Juli Zeh schreibt, wie sie auf den Punkt genau formuliert und keine überflüssigen Wörter verliert und das trägt auch bestimmt zum Erfolg des Buchs bei. Es fallen Sätze, die man fast Aphorismen nennen würde, die aber ganz einfach nebenbei geäußert werden, in denen viel Klugheit und Einsicht in die zwischenmenschlichen Beziehungen steckt.

Der Epilog erklärt das Unerklärbare, wie die Schriftstellerin auf diesen Sammelsurium gestoßen ist, und er rundet die Geschichte ab. Ein gutes, wichtiges Buch für unsere Zeit und über unsere Zeit.

„Draußen legt sich die frühe Nacht dem Dorf wie eine beruhigende Hand auf den Scheitel“

Muzeum kotów

Ewa Maria Slaska (tekst), Maria Gast Ciechomska (zdjęcia)

Poszłyśmy do Muzeum Kotów, miało więc być o muzeum kotów, ale gdy siadłam do pisania przypomniało mi się nagle Muzeum Psów, dość niemiła ale świetna książka Jonathana Carolla, którą czytałam wiele lat temu w wydaniu Rebisu i tłumaczeniu Pawła Kwiatkowskiego. Wydawnictwo dołączyło do książki taki tekst:

Harry Radcliffe, sławny i błyskotliwy architekt, bez skrupułów wykorzystuje każdą nadarzającą się okazję i każdą piękną kobietę. Podejmuje się nawet zaprojektowania Muzeum… Psów, na które sułtan Saru, obawiający się zamachu na swoje życie, chce wydać miliard dolarów, by się zapisać w pamięci potomnych.

Ciekawe, wydawało mi się, że akcja powieści rozgrywa się przede wszystkim w rozmowach projektanta muzeum z synem zleceniodawcy. A że facet jest bez skrupułów, nie wiem, nie pamiętam… Chyba przede wszystkim pamiętam puste spalone słońcem górskie krajobrazy, gdzie w jakiejś rozpadlinie powstanie muzeum… W gruncie rzeczy nic nie pamiętam. A mimo to wiem, że była to świetna książka. Niespokojna.

Muzeum kotów mieści się w spokojnej mieszczańskiej dzielnicy Berlina, w spokojnej mieszczańskiej kamienicy i nie ma w nim, na szczęście, nic demonicznego… Przeciwnie – jest Helmut Glantz, miły starszy pan, który od ponad 40 lat zbiera wszystko o kotach – figurki, obrazki, porcelanę, przedmioty codziennego użytku i wyszukane obiekty kolekcjonerskie. Masową produkcję pamiętkarską i cenne unikaty. A zaczęło się wszystko od małego białego kotka, kupionego za kilka marek przez ucznia ze szkoły średniej… Teraz koty zajęły całe mieszkanie, kurator i jego rodzina (teraz już tylko żona, dzieci poszły na swoje) oraz, oczywiście, koty zajmują inne mieszkanie w tej samej kamienicy. Tu nie ma miejsca dla żywych, tu rządzą koty uprzedmiotowione. Ale jak!

Katzenmuseum
Über 30 Jahre sammelten Katzenliebhaber Helmut Glantz und seine Frau alles, was mit Katzen zu tun hat. Das Ergebnis dieser Leidenschaft macht er der interessierten Öffentlichkeit in Berlins einzigen Katzenmuseum zugänglich.

Tassen, Teppiche und Vasen mit Katzenmotiven, gestrickte Katzen, Katzen aus Holz, Spieluhren mit Katzen und über 1000 Katzen-Porzellanfiguren. Es gibt buchstäblich nichts, was nicht mit Glantz’ Lieblingsmotiv verziert wurde. Zusätzlich verfügt das in einer 3 Zimmer-Wohnung in Lichterfelde beheimatete Katzenmuseum über eine kleine Bibliothek mit Sachbüchern zur Katzenzucht und Pflege. Feste Öffnungszeiten gibt es nicht, die Besucher werden nur nach telefonischer Voranmeldung empfangen und durch das Museum geführt.

Adresse / Adres:
Luisenstraße 38
12209 Berlin
Telefon: (030) 772 51 49
Öffnungszeiten / godziny otwarcia: Besichtigung nur nach Terminvereinbarung möglich / trzeba się umówić
Eintrittspreise / Ceny: frei / bezpłatnie (Spenden willkommen, datki mile widziane)

Postdeutsches Stettin

Beata Kozak

Feministin, Chefredakteurin der Frauenzeitschrift Zadra, wuchs in Stettin auf. In ein paar Tagen wird sie aus dem unveröffentlichten Manuskript in der Regenbogenfabrik lesen.

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Poster Dorota Kot

Hier ein Prosafragment:

Wenn man das Wort „poniemieckie” bei Google eingibt, erscheinen verschiedene Vorschläge: postdeutsche, das heißt ehemals deutsche Häuser, postdeutsche Geheimfächer, Schätze, Bunker. Auf das Wort „Postdeutschsein” (poniemieckość) reagiert die Suchmaschine, als ob sie einen Fehler korrigieren würde. Sie ignoriert die Vorsilbe „post” und schlägt einfach das Deutschsein vor, konkret das Deutschsein der DDR, von Wrocław (Breslau), von Śląsk (Schlesien),von Gdańsk (Danzig). Aber was für eine Ahnung kann diese amerikanische Erfindung von der Realität der polnischen Westgebiete haben? Mehr weiß darüber das „Wörterbuch der Polnischen Sprache”, das das Adjektiv „postdeutsch” erklärt als „erstmalig gebraucht nach dem Zweiten Weltkrieg: von den Deutschen, auch von den deutschen Besatzern, übriggeblieben; früher den Deutschen gehörend”. An einer anderen Stelle präzisiert das Wörterbuch, dass man so „das Vermögen, die Gebiete, die von den Deutschen geblieben sind, [bezeichnet], welche bis zum Zweiten Weltkrieg in den westlichen Gebieten des heutigen Polens lebten”. Interessant ist, dass es in der polnischen Sprache eine ähnliche Verbindung des Präfixes „post” (po) mit einer Nationalitätenbezeichnung nur noch in der Form „postjüdisch” (pożydowski) gibt, wobei das Wort „postjüdisch” am ehesten mit Gold, Vermögen und Immobilien kombiniert wird. Die Geschichte hinterließ in der Sprache eine tiefe Spur.

Das Wort „postdeutsch” (poniemiecki) besteht im Polnischen aus vier Silben. Nur die erste, „po”, bezieht sich darauf, was später stattfand, nachher, danach. Dazu sieht diese erste Silbe zufällig wie eine Abkürzung des Wortes „polnisch” aus, was ihr, im Zusammenhang mit dem gesamten Wort „po-niemiecki”, eine zusätzliche Bedeutung verleiht. So ist eben das Postdeutsche: ein kurzes Jetzt, das die Last der Vergangenheit hinter sich herschleppt.

Die ersten zwanzig Jahre meines Lebens war ich, ähnlich wie alle meine Altersgenossen, vom Postdeutschen umgeben. Das ehemals Deutsche war in Städten wie Stettin allerorten vorhanden, es war ein Teil der Wirklichkeit. Ich besuchte postdeutsche Schulen in postdeutschen Städten und wohnte in Wohnungen in postdeutschen Häusern, in denen moderne Hochglanzschrankwände neben den postdeutschen Möbeln standen. Das Postdeutsche bedeutete etwas Großes, Erdrückendes, Dunkles, Düsteres, Bedrohliches, was in modrigen Kellern und in Dachböden lauerte. Es lauerte in finsteren gotischen Buchstaben, die unter dem Verputz an den Hauswänden hervorlugten, oder in Form schwerer Kredenzen und Deckenlampen in den Wohnungen. Postdeutsch waren auch kleine, bunte Fensterscheiben in den Treppenhäusern und der Stuck an den Zimmerdecken der Mietshäuser, der aber weiss gestrichen war und dadurch leicht wirkte. Postdeutsch waren auch Gehsteigplatten und kleine eiserne Schlitze in den schweren Wohnungstüren mit der Aufschrift „Briefe &Zeitungen”, durch die der deutsche Briefträger einst Briefe und Zeitungen hineingeworfen hatte. Auf all dieses Postdeutsche legte sich ein Jahr nach dem anderen, eine Dekade nach der anderen, eine dünne Schicht der Gegenwart. Aber das polnische Jetzt stand, ging und lief bis zu den Knien im Postdeutschen umher. Diejenigen, die in den Städten und Städtchen mit dem doppeltem Boden, mit den eisernen Türschlitzen „Briefe & Zeitungen” geboren wurden und heranwuchsen, trugen und tragen ein mehr oder weniger bewusstes Gefühl in sich, das Gefühl nämlich einer fehlenden Eindeutigkeit und Sicherheit gegenüber allem, was sie umgibt.

Es war – und ist – nichts, was aus all denen, die seit 1945 in Stettin lebten, psychiatrische Patienten machen würde. Und trotzdem empfand ich einen grossen Unterschied zwischen der Atmosphäre in Stettin, wo ich in die Grundschule und ins Gymnasium ging, und derjenigen in Krakau, wo ich nach dem Studium in Deutschland wohnte. Am deutlichsten spürte ich es an einem Sommerabend, als ich auf dem Weg vom Krakauer Bahnhof, wo ich mit einem Nachtzug aus Stettin angekommen war, über die Sławkowska Strasse, über den Markt und die Planty nach Hause ging. In den sogenannten Wiedergewonnenen Gebieten war alles doppelt, uneindeutig, kompliziert. Keine Stadt, kein Städtchen, kein Dorf hatte schon immer so geheißen, wie es jetzt hieß, jede Strasse und jeder Platz trug einen neuen Namen, der von Beamten oder von zu diesem Zweck angeheuerten Dichtern ausgedacht worden war. Auf dem Lande gab es keine traditionellen Trachten oder Volkstänze, in den Wäldern und in den Vorstädten wimmelte es von Bunkern und unterirdischen Durchgängen, die wer weiß wohin führten. Die Menschen lebten in diesen Gebieten wie Kiefern im flachen Sand. Alles, was man sah, warf einen beunruhigenden Schatten, hatte einen doppelten Umriss, vielleicht, so spürte man untergründig, war nichts so, wie es aussah. Im Vergleich dazu schien Krakau ruhig und selbstsicher, es strahlte ein ungebrochenes Selbstwertgefühl aus. Die Tuchhallen, Sukiennice, hießen nie anders, Wawel war nicht ein slawischer Name, der künstlich konstruiert werden musste, um den vorherigen deutschen Namen zu überdecken. Alles war hier authentisch und in sich ruhend, die Stadt gaukelte nichts vor, nervöse Diskussionen über Identität waren überflüssig. Die Stettiner aber, die der jahrelangen Propaganda über die piastischen, urpolnischen Gebiete, der ständig wiederholten Slogans über die historische, gerechte Rückkehr der Stadt zum polnischen Mutterland überdrüssig geworden waren, lachten schließlich darüber in privaten Gesprächen. So lautete eine ironische Antwort auf die übliche Begrüßung „schön, dass ihr gekommen seid”: „wir sind nicht hierher gekommen, wir sind hierher zurückgekehrt”.

Weiter am Dienstag in der Regenbogenfabrik!

Frauenblick: L´Amica geniale

Monika Wrzosek-Müller

Elena Ferrante, „Meine geniale Freundin“

Wieder fuhr ich nach Italien und atmete meine Luft der unbegrenzten Toleranz und Neugier für alle und alles. Ich las viel Zeitung, schaute Nachrichten im Fernsehen und spürte, wie anders die Welt mit den Augen der Italiener aussah; obwohl es nicht weniger Probleme gab. Sie wurden nur anders angegangen und obwohl die Zahlen und die politische Ereignisse für Pessimismus sorgten, konnte ich auf der menschlichen Ebene alles andere als Kälte, Abweisung und Unverständnis erleben und ich wünschte mir, Europa würde Italien helfen. Dem Land, das inzwischen zum Hotspot der Flüchtlinge geworden ist, das von Erdbeben immer wieder erschüttert wird und doch wirklich menschlich und hilfsbereit bleibt.

Auf diesem Hintergrund stoße ich auf eine Schriftstellerin, von der ich in Berlin schon gehört habe. Im Flugzeug, im „Spiegel“, las ich ein Interview mit einer italienischen Schriftstellerin, die sich hinter einem Pseudonym versteckt und mit ihren letzten Büchern über das Leben in Neapel für Begeisterung sorgte. Hier angekommen besorgte ich mir das erste Buch aus der Reihe L´Amica geniale, das in diesen Tagen auch in deutscher Übersetzung erscheinen soll. Es sind vier Bände mit über 1500 Seiten, in Italien schon alle vier Bestseller, in Deutschland hoffentlich bald auch. „Meine geniale Freundin“ erscheint im Herbst in Suhrkamp Verlag mit 422 Seiten, weitere Bände sollen bald folgen.

Schon im Interview spürte ich, dass mir die Schreibart und das Thema gefallen würden. Dazu kam die Tatsache, dass die Schriftstellerin ihre Identität hinter dem oben angegebenen Namen versteckt, also existiert sie nach außen nur in ihren Büchern und den schriftlichen Interviews, die sie sporadisch und dann aber sehr ausführlich gibt. In Italien erscheinen ständig Bücher von ihr; das letzte gerade eine neue Ausgabe von Frantumaglia: eine Sammlung von Aufsätzen, Interviews, Essays. Das Paradoxe bei Ferrante ist, man weiß fast alles, was sie denkt, doch wer sie als reale Person ist, bleibt immer noch geheim. Aus kleinen Fetzten in Interviews baute man inzwischen einige Fakten der Biografie zusammen; dass sie in Neapel und Turin gewohnt hat, dass sie eine Frau ist (war lange umstritten), dass sie einen anderen Beruf auch noch ausübt, dass sie Familie mit Kindern hat… Das sorgt natürlich für mehr Aufmerksamkeit und Interesse, doch die Schriftstellerin beharrt auf ihrem Inkognito auch als Programm, ihr Schreiben sei wichtig, da teilt sie alles mit, sie selbst wolle im Schatten bleiben. In der Zeit, in der alles allen mitgeteilt, fotografiert und zugänglich gemacht wird, eine scheinbar seltsame Verhaltensweise.

Ich stürzte mich auf das Buch, meine Kenntnisse des Italienischen reichen gerade so, dass ich den Text und Kontext verstehe, doch nicht alle Nuancen und Redewendungen, besonders die aus dem Neapolitanischen Dialekt. Das Buch liest sich wie ein Fluss, die Sätze und die darin enthaltenen Gedanken folgen einer Strömung, die man nicht anhalten kann und die einen in den Zustand des Entzückens und fast der Hypnose versetzen; man will unbedingt weiter. Die beiden Protagonistinnen Lena, von allen Lenù genannt, und Lila (Greco und Cerullo mit Familiennamen) treffen und lernen sich kennen in einem verfallenen barocken Bürgerhaus (Pallazo) in einem heruntergekommenen Stadtteil von Neapel und suchen nach ihren Puppen Tina und Nu, die sie im Streit, während einer Mutprobe, in den Keller geworfen haben. So beginnt ihre Freundschaft und Rivalität und ihr Leben, das die Schriftstellerin uns vorführt. Wir verfolgen die Jahre mit den Augen von Lenù, der ruhigeren und ausgewogeneren, die sich immer wieder mit ihrer Freundin messen und sie überholen will und doch eine zarte Zuneigung und Hochachtung für die andere hegt. Die Erzählerin ist auch diejenige, die dann schreiben wird. Wieviel Klugheit und Wissen über das Leben in den engen Straßen wir dabei erfahren, verdanken wir der Beobachtungsgabe und Empfindsamkeit der Schriftstellerin. Manchmal kommen mir die beiden Mädchen mit ihren zwölf oder dreizehn Jahren unheimlich erwachsen und klug vor, weit erwachsener als die heutigen 25-jährigen, die keine wirklichen Mutproben zu bestehen haben. Wir erfahren das Leben mit allen seinen Facetten: es ist grausam und brutal, bis aufs Blut wird geschlagen, mit Hass und Liebe, die zärtliche und unschuldige aber auch die zerstörende und schmutzige Liebe; und vor allem sehen wir, wie unheimlich kompliziert die Entscheidungen waren, wer was im Leben geworden war; trotz der markanten Charaktere, trotz des starken Willens. Wir bemerken erstaunt, wie wichtig die Lehrer damals waren, wie weit sie das Leben der Schüler bestimmen konnten, weit mehr als ihre eigenen Eltern. Die Eltern kommen immer wieder auch vor und da treffen wir auf Leute, die fast nie aus ihrem Stadtteil herausgekommen sind, geschweige denn sich ans Meer (in Neapel!) nach Ischia, Capri oder die Costa Amalfi hinaus gewagt haben. Vor allem aber sind wir gespannt, wie ich schon seit langem nicht mehr, auf die weiteren Ereignisse. Dieses Panorama des Lebens entführt uns und zeigt, dass alles möglich, alles erlebbar ist. Und dabei ist es kein bisschen kitschig, die beiden Mädchen sorgen dafür.

Es ist auch ein Buch über Freundschaft, die da in Neapel unheimlich viel bedeutet hat und vielleicht auch noch bedeutet, denn hier geht es gar nicht um die ferne Vergangenheit; es sind die sechziger Jahre. Die Freunde, amici, helfen einem, können aber auch vernichten. Der wirtschaftliche Aufbruch im rione (dem Stadtteil) wird an den vielen Unternehmen, die dort entstehen, sichtbar; das Geld, wie man reich wird, ist auch ein Thema. Die eine will es mit Bildung versuchen, die andere träumt von einer Manufaktur für exzellente Schuhe, braucht aber Startkapital, das sie durch eine Heirat zu bekommen hofft. Doch was das Leben weiter gehen lässt, sind die Emotionen: Freundschaft, nicht nur zwischen den Mädchen, sondern auch ihre männlichen Freunde, die sie beschützen und umgarnen, Liebe, Hass und Unmut, die Gegensätze. Das Buch ist bunt von Stimmungen, von den Erwartungen und Kämpfen der jungen Mädchen, die zum Schluss des Romans als erwachsene Frauen angesehen werden und sich selbst so empfinden und eine von ihnen heiratet mit ihren gerade vollendeten 18 Jahren. Vor allem erfahren wir glaubhaft nah und nachvollziehbar, wie das Leben in Neapel in der Zeit ausgesehen hat, wie die Menschen arbeiteten, wie sie untereinander Konflikte ausgetragen haben, wie sie ihre Freizeit verbrachten (immer in der Bar und mit ausgedehntem Promenieren an der Hauptstraße).

Für mich, die Neapel und Ischia sehr gut kennt und die Straßen und Viertel, die im Buch beschrieben werden, auch selbst abgelaufen hat, fühlt es sich an, wie ein langer, ein sehr dichter, emotionaler Spaziergang zurück in die so schöne und aber leider sehr vernachlässigte, an vielen Ecken fast zerstörte italienische Stadt.

Von ganzem Herzen empfehle ich das Buch zu lesen.

W parku księcia Pücklera / Beim Fürst Pückler in Bad Muskau

Mehr darüber / Jeszcze o tym samym

Pamiętajcie o Ogrodach

1 września 2016 roku w Nowym Zamku, w uwodzącym wszechobecną i kojącą zielenią Parku Mużakowskim na granicy polsko-niemieckiej otwarto wystawę Ogrody. Zwiedzenie jej to świetny pomysł na ciepły wrześniowy weekend.

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Powyżej: Park Mużakowski; poniżej: Jazzband Suan Tun Hoan (Wietnam) – gitara (lider zespołu), Marcin Włodarczyk – fortepian, Paweł Narajowski – kontrabas, Kuba Lechki – perkusja

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Wystawa zorganizowana została we współpracy Uniwersytetu Zielonogórskiego i Muzeum Ziemi Lubuskiej w Zielonej Górze z Fundacją „Park Księcia Pücklera Bad Muskau”. Jest trzecią ekspozycją z cyklu Topografia polskiej sztuki współczesnej, a zarazem wydarzeniem inaugurującym obchody 25-lecia istnienia Instytutu Sztuk Wizualnych Wydziału Artystycznego Uniwersytetu Zielonogórskiego.
Podczas wernisażu dr Cornelia Wenzel, zastępca dyrektora zarządzającego Fundacji, stwierdziła z humorem: „Pokaz prac Ogrody jest prezentem urodzinowym, który przedstawiciele Instytutu [Sztuk Wizualnych] sami sobie sprawili na jego 25 urodziny, w czym i my mogliśmy mieć swój udział. Dziękujemy Państwu za to serdecznie i gratulujemy z okazji jubileuszu.”

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Z kolei Hansjörg König, Przewodniczący Rady Fundacji, w swej przemowie przypomniał, że Park Mużakowski, który 1 maja 2015, w 200-lecie swego istnienia wpisany został na listę światowego dziedzictwa UNESCO, stał się wzorcowym przykładem ośrodka bilateralnej współpracy polsko-niemieckiej, służącej rozwojowi transgranicznego regionu kulturalnego. Podziękował serdecznie wszystkim pracownikom Instytutu Sztuk Wizualnych UZ – uczestnikom wystawy – za oryginalny wkład w te działania. Zwracając się do inicjatora cyklu wystaw Topografia polskiej sztuki współczesnej, dyrektora Muzeum Ziemi Lubuskiej, Leszka Kani, stwierdził natomiast: „właśnie tego typu współpracy polsko-niemieckiej życzyliśmy sobie w roku 2005, by aktywnie ożywiła obiekt światowego dziedzictwa kultury – Park Mużakowski. Jestem bardzo zadowolony, że właśnie dzięki Pańskiemu zaangażowaniu jest ona dziś niemal oczywistością. Oczywiście wiem, że w codziennej rzeczywistości jeszcze długo nie będzie ona wolna od ustawicznego wysiłku. Stąd też także w przyszłości chętnie wesprę ten piękny i ważny projekt. (…) jestem pewien, że prezentowane tu dzieła sztuki dostarczą nam przyjemności intelektualnej, która towarzyszyć nam będzie w drodze do domu.”
***
ogrody2-4W ramach wystawy Ogrody dwudziestu artystów z Zielonej Góry wypełnia przestrzeń czasu, wspomnień, poznania i sztuki. Tytuł ekspozycji rozumieć można dosłownie i metaforycznie. Wpisuje się ona w kontekst jedynego transgranicznego założenia ogrodowo-parkowego w Europie, jest formą międzynarodowego dialogu na temat kultury, ekologii oraz historii i współczesności stosunków polsko-niemieckich.
W recenzji katalogu wystawy prof. Beata Frydryczak zauważyła: „[Ta] polsko-niemiecka publikacja wykracza poza standardową monografię. (…) Już sam fakt jej zatytułowania Ogrody/Gärten i zaprezentowania w czasie wystawy przygotowanej przez artystów pracujących w Instytucie Sztuk Wizualnych Uniwersytetu Zielonogórskiego w Nowym Zamku w Parku Mużakowskim dodaje jej dodatkowych wartości.

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To sprawia, że dwugłos: teoretyczno-artystyczny w sposób konieczny uzupełniony jest o kontekst zewnętrzny: otoczenie parku i jego estetykę, związaną z nim historię i wspólne polsko-niemieckie działania o wymiarze ponadgranicznym i kulturowym, czego książka i zapowiadająca ją wystawa jest doskonałym dowodem. Ogrody/Gärten to publikacja (i wystawa), która buduje nową wartość w tym, co już artystyczne (Parku Mużakowskim), a podejmując dyskurs na temat ogrodów, wprowadza go na metapoziom, w którym ogród nabiera wymiaru ideowego i metaforycznego zarazem. O ogrodach w ogrodzie, o krajobrazach w krajobrazach – mówić można tylko obrazami i metaforami. Ta publikacja otwiera taką możliwość, rozbrzmiewając na trzech poziomach: teoretycznym, artystycznym i ideowym, jeżeli za ideę uznać naturalne medium Parku Mużakowskiego. (…) Projekt graficzny książki (…) doskonale współgra z jej zawartością (…) Meandry Parku Mużakowskiego mogą być refleksem meandrów myśli artystycznej oplatającej to, co ujęto wspólnym mianem ogrodów. Wprowadza do nich tekst Artura Pastuszka Il faut cultivert notre Jardin, który w eseistycznej formule próbuje znaleźć podstawy idei ogrodu jako takiego. Tekst Lidii Głuchowskiej posiada bardziej krytyczny wymiar, będąc ambitną próbą zaprezentowania obecnych na wystawie artystów i ich prac.”

ogrody2-8Wystawa Ogrody potrwa do końca października. Serdecznie zapraszamy
Nowy Zamek, Park Mużakowski/Bad Muskau
Kuratorzy: Leszek Kania (Muzeum Ziemi Lubuskiej, Zielona Góra)
prof. Paulina Komorowska-Birger (Instytut Sztuk Wizualnych UZ, Zielona Góra)
Kierownictwo naukowe: dr Lidia Głuchowska (Instytut Sztuk Wizualnych UZ, Zielona Góra)
Koordynacja: Regina Barufke, Bad Muskau
Uczestnicy: mgr Paweł Andrzejewski, mgr Basia Bańda, prof. Andrzej Bobrowski, prof. UZ dr hab. Radosław Czarkowski, prof. Jarosław Dzięcielewski, dr Katarzyna Dziuba, prof. UZ Magdalena Gryska, mgr Mirosław Gugała, dr Jarosław Jeschke, dr Helena Kardasz, prof. Paulina Komorowska-Birger, prof. Stanisław Kortyka, mgr Marek Lalko, prof. UZ dr hab. Alicja Lewicka-Szczegóła, prof. UZ dr hab. Jarosław Łukasik, mgr Maryna Mazur, dr Anna Owsian-Matyja, prof. Piotr Szurek, dr Patrycja Wilczek-Sterna, prof. UZ dr hab. Ryszard Woźniak

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Plakat: dr Piotr Czech (Instytut Sztuk Wizualnych UZ, Zielona Góra)
W projekcie plakatu i okładki katalogu wykorzystano fragmenty ekolinowego obrazu Basi Bańdy Sadzonki (2013).
Katalog/Publikacja towarzysząca Ogrody:
Red. naukowa: dr Lidia Głuchowska
Projekt graficzny: dr Piotr Czech
Tłumaczenie: Mirosława Kowęzowska, Reiner Mende, Andre Rudolph
Konsultacja naukowa: Cord Panning, Artur Pastuszek, Andre Rudolph
Redakcja językowa: Regina Barufke, Lidia Głuchowska, Cornelia Wenzel
ISBN: 978-83-88426-96-4
Prace z wystawy, fot. Lidia Głuchowska, skatalogowane w publikacji Ogrody

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Vergisst nicht die Gärten…

Am 1. September 2016 wurde im Neuen Schloss, im Fürst-Pückler-Park Bad Muskau an der deutsch-polnischen Grenze, welcher mit dem ewigen Grün besticht, die Ausstellung Gärten eröffnet. Diese Schau zu besichtigen ist eine gute Idee für ein sonniges September-Wochenende.

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Die Ausstellung entstand als Ergebnis der Kooperation der Universität Zielona Góra und des Lebuser Landesmuseums in Zielona Góra mit der Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ als die dritte Ausstellung der Reihe Topografie der polnischen Gegenwartskunst.
Gleichzeitig bildet sie den Auftakt zu den Jubiläumsfeierlichkeiten anlässlich des 25-jährigen Bestehens, welches das Institut für Visuelle Künste an der Kunstfakultät der Universität Zielona Góra in diesem Jahr begeht.

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Hansjörg König, Vorsitzender des Stiftungsrates in seiner Eröffnungsrede erinnerte daran, dass der Muskauer Park, welcher am 1. Mai 2015 in einem feierlichen Akt auf die UNESCO-Welterbe-Liste aufgenommen wurde, zum Vorbild der deutsch-polnischen Zusammenarbeit im Dienste der Entwicklung der grenzüberschreitender Region wurde. Herr König bedankte sich bei allen Ausstellenden aus dem Institut für Visuelle Künste für ihren originellen Beitrag dazu. In seiner Ansprache an den Initiator der Ausstellungsreihe Topografie der polnischen Gegenwartskunst, den Direktor des Lebuser Landesmuseum in Zielona Góra, Leszek Kania merkte er ebenfalls an: „Genau diese Art der deutsch-polnischen Zusammenarbeit haben wir uns 2005 für die aktive deutsch-polnische Bespielung der Welterbestätte Muskauer Park gewünscht. Ich bin glücklich, dass sie gerade dank Ihres Einsatzes heute fast schon selbstverständlich ist. Natürlich weiß ich, dass das in der Realität des Alltags und bei den Mühen der Ebene noch längst nicht immer der Fall ist. Dieses schöne und wichtige Projekt unterstütze ich daher sehr gern auch für die Zukunft. (…) Ich bin mir sicher, dass die Kunstwerke intellektuellen Genuss bereiten werden, der uns erfüllt nach Hause begleitet.“

ogrody2-6Im Rahmen der Ausstellung Gärten kreierten zwanzig Künstler aus Zielona Góra einen exterritorialen, mentalen Raum der Zeit, der Erinnerung, der Erkenntnis und der Kunst.Der Titel der Schau ist wörtlich und metaphorisch zu verstehen. Die Ausstellung Gärten fügt sich in den Kontext des einzigen grenzüberschreitenden Landschaftsparks Europas ein und ist Ausgangspunkt für einen internationalen Dialog über Kultur und Ökologie ebenso wie über die Geschichte und Gegenwart der deutsch-polnischen Beziehungen.

ogrody2Im Gutachten zu deren Katalog (hg. von Dr. Lidia Głuchowska) stellte Prof. Beata Frydryczak fest: „[diese] deutsch-polnische Publikation sprengt den Rahmen einer typischen Monografie (…). Einen besonderen Wert verleiht dem Buch neben dem zweisprachigen Titel Ogrody/Gärten die Tatsache, dass es während der Ausstellung im Neuen Schloss im Fürst Pückler Park in Bad Muskau präsentiert wird, wo die Werke der Künstler des Institutes für Visuelle Künste der Universität Zielona Gora ausgestellt werden. Folglich wird die theoretisch-künstlerische Zweigleisigkeit auch durch den äußeren Kontext komplementär ergänzt, nämlich durch die Parkumgebung, dessen Ästhetik und Geschichte sowie durch gemeinsame deutsch-polnische Vorhaben von grenzübergreifender kultureller Dimension. Die Ausstellung im Vorfeld und auch das nun vorliegende Buch sind der beste Beweis für eine gelungene Komplementarität der beiden Artefakte. Ogrody/Gärten sind eine Publikation (und Ausstellung), die in künstlerischer Hinsicht einen Neuwert schafft (Muskauer Park); und indem sie an den Diskurs über Gärten anknüpft, hebt sie den Garten auf eine Metaebene, auf der er eine ideelle und zugleich metaphorische Dimension gewinnt. Über Gärten im Garten und Landschaften in der Landschaft kann nur in Metaphern und Bildern gesprochen werden. Die vorliegende Publikation eröffnet solch eine Möglichkeit, indem sie auf drei Ebenen verweist: die theoretische, künstlerische und ideelle Ebene, sofern man das natürliche Medium Muskauer Park als Idee betrachten kann. (…) Die Mäander des Muskauer Parks können als Reflex der Mäander künstlerischer Reflexion um all das betrachtet werden, was unter dem Namen Muskauer Park vereinigt wurde. Eine Einführung in diese Reflexionen bietet der Text von Artur Pastuszek Il faut cultivert notre Jardin, der in essayistischer Form auf den Ursprung der Idee des Gartens an sich einzugehen versucht. Der Text von Lidia Głuchowska dagegen enthält eher eine kritische Dimension und stellt einen ambitionierten Versuch dar, die in der Ausstellung präsentierten Werke und die Künstler darzustellen.“
Die Ausstellung dauert noch bis Ende Oktober. Herzlich willkommen!

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Ausstellung Gärten
Ausstellungsdauer: 1. Sept. – 31. Okt. 2016, Neuer Schloss, Nowy Zamek, Bad Muskau
Kuratoren: Leszek Kania (Lebuser Landesmuseum, Zielona Góra)
Prof. Paulina Komorowska-Birger (Institut für Visuelle Künste, Universität Zielona Góra)
Wissenschftliche Leitung: Dr. Lidia Głuchowska (Institut für Visuelle Künste, Universität Zielona Góra)
Koordination: Regina Barufke, Bad Muskau
Ausstellende Künstler: Mag. Paweł Andrzejewski, Mag. Basia Bańda, Prof. Andrzej Bobrowski, Prof. UZ Dr. habil. Radosław Czarkowski, Prof. Jarosław Dzięcielewski, Dr. Katarzyna Dziuba, Prof. UZ Magdalena Gryska, Mag. Mirosław Gugała, Dr. Jarosław Jeschke, Dr. Helena Kardasz, Prof. Paulina Komorowska-Birger, Prof. Stanisław Kortyka, Mag. Marek Lalko, Prof. UZ Dr. habil. Alicja Lewicka-Szczegóła, Prof. UZ Dr. habil Jarosław Łukasik, Mag. Maryna Mazur, Dr. Anna Owsian-Matyja, Prof. Piotr Szurek, Dr. Patrycja Wilczek-Sterna, Prof. UZ Dr. habil. Ryszard Woźniak
Plakat: Dr. Piotr Czech (Institut für Visuelle Künste, Universität Zielona Góra)
Für das Plakat und den Cover wurden Fragmente des Ekolinegemäldes von W projekcie plakatu i okładki Basia Bańda Sätzlinge (2013) verwendet.
Katalog/Begleitpublikation Gärten:
Herausgeberin: Dr. Lidia Głuchowska
Grafische Gestaltung: Dr. Piotr Czech
Übersetzung: Dr. Mirosława Kowęzowska, Reiner Mende, Dr. Andre Rudolph
Wissenschaftliche Beratung: Cord Panning, Dr. Artur Pastuszek, Dr. Andre Rudolph
Lektorat: Regina Barufke, Lidia Głuchowska, Cornelia Wenzel
ISBN: 978-83-88426-96-4
www.muskauer-park.de   www.mzl.zgora.pl   www.wa.uz.zgora.pl   www.isw.uz.zgora.pl
FOTOS Werke aus der Ausstellung, Fot. Lidia Głuchowska, verzeichnet im Katalog Gärten