„Der perfekte Faschist“


Victoria de Grazias Buch über die Karriere des Attilio Teruzzi: „Der perfekte Faschist. Eine Geschichte von Liebe, Macht und Gewalt“ (deutsch Berlin 2024)

Michael G. Müller

Wenn jemand etwas über das Innenleben des italienischen Faschismus sagen kann, dann ist das Victoria de Grazia. International berühmt geworden ist die italienisch-amerikanische Historikerin schon vor langer Zeit durch zwei bahnbrechende historische Studien: The Culture of Consent: Mass Organization of Leisure in Fascist Italy (Cambridge 1981) und How Fascism Ruled Women: Italy, 1922–1945 (Berkeley 1993). Ihr neuer, eben bahnbrechender Ansatz: Anstatt die Ideologie des italienischen Faschismus und die „große Politik“ des Mussolini-Regimes zum Gegenstand zu machen, interessierte und interessiert sie sich dafür, wie der Faschismus in der italienischen Gesellschaft funktionierte. Wie wurden ganz normale Italiener zu Faschisten? Was bedeutete, ein Faschist zu sein und wie konsequent faschistisch waren eigentlich die führenden Faschisten selbst?

Attilio Teruzzis Geschichte ist die eines ehrgeizigen kleinen Mannes aus der Provinz, der mit allen Mitteln und um jeden Preis nach oben kommen will. 1882 in einem kleinen Ort nicht weit von Mailand geboren und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, musste er, um die erträumte militärische Karriere zu machen, stets mehr leisten als seine Altersgenossen aus den „guten Familien“. Freiwillig meldete er sich 1911 zum Einsatz in Italiens schmutzigem und blutigen Kolonialkrieg in Lybien – und wurde immerhin mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Auch im Ersten Weltkrieg kämpfte er an den Brennpunkten des Kriegs, bei den Vorstößen nach Slovenien und in den Isonzo-Schlachten; 1916 wurde er erneut ausgezeichnet und endlich auch zum Hauptmann befördert. Doch endete dieser bescheidene Aufstieg mit dem Kriegsende erst einmal abrupt. In der jetzt drastisch verkleinerten Armee war für ihn kein Platz mehr und wie viele andere deaktivierte Offiziere verbrachte er seine Tage in den Mailänder Kaffeehäusern, wo sich die enttäuschten, nicht nur um ihr Ansehen, sondern auch um ihr Auskommen gebrachten „Kriegshelden“ trafen.

Die Rettung aus der Misere brachte ihm der Faschismus. Nicht dass Teruzzi große Sympathien für Mussolinis politisches Programm gehabt hätte (das es ja eigentlich auch nicht gab). Aber der kämpferisch-maskuline Habitus der Faschisten und deren Aufbegehren gegen das „System“, die alten Eliten, mochten ihn beeindruckt haben. Doch vor allem boten sie ihm eine neue Aufstiegschance: Mussolini brauchte Männer wie ihn – kriegserfahren und gewaltbereit – für seine paramilitärische Schlägertruppe, die „Squadristi“ (Squadre d’azione – „Aktionskommandos“), die für eben jenen Terror auf den Straßen sorgte, welchen die faschistische Partei dann zu überwinden und zu beenden versprach.

Tatsächlich bewährte sich Teruzzi hier glänzend, als Organisator der Squadristi-Verbände, als Drahtzieher von Anschlägen und Mordaktionen, auch als interner Ordnungsstifter, wenn der Aktionismus der Schlägertruppen aus dem Ruder zu laufen drohte. Seit dem „Marsch auf Rom“ (1922) war er ständig an Mussolinis Seite und er blieb ihm treu bis zur letzten Stunde. Dafür belohnt wurde er mit Ämtern und Würden: Parlamentsabgeordneter, Staatsekretär im Innenministerium, Gouverneur der Cyrenaika (Lybien), Afrika-Minister, Generalleutnant der Armee, Inspekteur der „Freiwilligen Miliz für die nationale Sicherheit“ usw. Hunderte von zeitgenössischen Pressefotos zeigen ihn denn auch auf denselben Podien mit dem Duce, bei jeglichen offiziellen Anlässen – in wechselnden Uniformen, aber mit immer derselben selbstgefälligen Miene. Besondere militärische und politische Fähigkeiten brauchte er für seine neuen Funktionen nicht, es genügte die unbedingte Gefolgschaftstreue, um derentwillen der Duce ihm auch seine eklatanten Misserfolge und Fehlentscheidungen verzieh.

Vielleicht waren es aber auch und gerade seine Fehler und seine menschlichen Schwächen, die ihn zum idealen Faschisten machten. Wie bei den meisten führenden Faschisten standen auch in Teruzzis Fall das persönliche Leben und Fühlen in ziemlich krassem Widerspruch zu den propagierten Idealen vom „neuen Menschen“ – sauberes Familienleben, Selbstdisziplin, Respekt der weiblichen Selbständigkeit. Die Komplizenschaft in der Umgehung solcher Normen schweißte die Machtelite aber gewissermaßen zusammen. Frauenaffären, Ausschweifungen jeder Art, schamlose Selbstbereicherung – für die „neuen“ Eliten galt all das als selbstverständliches, allgemein akzeptiertes Privileg.

Ein Riesenproblem wurde für Teruzzi die 1926 eingegangene Ehe mit der von ihm heiß geliebten und verehrten, aus reicher New Yorker Familie stammenden jüdischen Opernsängerin Liliana Weinman. Die Ehe funktionierte nicht und seit 1926 betrieb Teruzzi einen hoffnungslos langen, letztlich ergebnislosen Scheidungsprozess bei der Römischen Kurie. Lilianas Jüdischsein spielte dabei keine Rolle; auch die Lebensgefährtin seiner späten Jahre war Jüdin. Eher scheint Teruzzi enttäuscht gewesen zu sein, dass Liliana Weinman nicht die traditionelle italienische Ehefrau sein wollte – eine Frau, die auf eigene Karriere verzichtete, dem Gatten ein behagliches Heim sicherte, auch dessen außereheliche Affären still hinnahm. Ebenso wenig war Liliana eine typische italienische mama, die die Geschicke der Familie mit fester und sicherer Hand steuerte, ohne doch die Rolle des pater familiae nach außen in Frage zu stellen. Teruzzis eigentliches Frauenideal verkörperte seine Mutter, um die er einen pathetischen Mutterkult betrieb.

Dass Teruzzi ansonsten kein „gläubiger“ Anhänger des Faschismus war, kein erklärter Überzeugungstäter, rettete ihm am Ende wohl auch den Hals. Die letzten Tage des Regimes waren auch für ihn mehr als gefährlich. Um ein Haar wäre er, so wie Mussolini, von den anti-faschistischen Partisanen einfach an Ort und Stelle geschnappt und aufgehängt worden. Doch er schaffte es, in „ordentliche“ alliierte Gefangenschaft zu kommen, und der folgende Strafprozess gegen ihn endete mit einer (übrigens mehrfach verkürzten) Haftstrafe im Zuchthaus auf der Insel Procida. Eine direkte Verantwortung für die Verbrechen des Mussolini-Regimes gegen die Menschlichkeit konnte ihm nicht nachgewiesen werden, obgleich seine willige Beteiligung an diesen Verbrechen in der Rückschau nicht zu bezweifeln ist.

Teruzzis Geschichte endet in einem fast rührenden Szenarium. Er wurde 1950 aus der Haft auf Procida entlassen, wo seine Lebensgefährtin schon Jahre zuvor eine kleine Pension eröffnet hatte. So konnte er jetzt noch ein paar Monate im Kreis der trauten Familie verbringen, mit der Gefährtin und der gemeinsamen Tochter, konnte seine Geschichten von Gott und der Welt und von seinen „Heldentaten“ erzählen.

Der ideale Faschist war kein von großen politischen Visionen oder von rassistischen Umgestaltungsfantasien getriebener Mensch. Er war ein Durchschnittsmensch, der sich mit seinen ganz individuellen Erfahrungen, Lebensentwürfen und Lebenserwartungen in die Versprechen der „Bewegung“ Mussolinis hineingedacht hat. Woran denken wir da heute?

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