MINSK, Kollektive Osmose von Oscar Murillo

Monika Wrzosek-Müller

Ein Besuch im Kunsthaus Potsdam

Leicht zu erreichen war Potsdam am Pfingstwochenende mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus Charlottenburg nicht. Es gab wieder einmal „Busersatzverkehr“ bei der Ringbahn und beim ersten Mal sind wir in den Ersatzbus in die falsche Richtung eingestiegen. Es ist schon schwierig, mit den vielen ständigen Änderungen, Busersatzverkehren oder einfach ganz gestrichenen Verbindungen auf dem Laufen zu bleiben. Wie gesagt sind wir beim ersten Versuch sozusagen rückwärts anstatt vorwärts gefahren und konnten erst an einer weit entfernten Station aussteigen. Schade, dass beim Busersatzverkehr auch nicht vorgesehen ist, an den normalen Bushaltestellen zu halten; wir hätten es da viel näher gehabt. Doch am nächsten Tag ist uns das alles dann gelungen und wir sind mit einigen Wenigen nach oben zu dem Kunsthaus oberhalb der Schwimmhalle, die jetzt zum Eventbad „Blu“ ausgebaut wurde, auf dem Brauhausberg in Potsdam hochgestiegen.

Ich denke, Potsdam hat mit seinem Mäzen Hasso Plattner wirklich Glück gehabt. Erst bekam die Stadt das Barberini Museum und dann dieses weitere Haus; schön renoviert, erneuert und dem Publikum zugänglich gemacht. Das Gebäude ist in der Tat faszinierend und es trägt zur historischen Wahrheit der Stadt bei; tatsächlich muss man nicht alles abreißen und neu bauen, man kann die alten Objekte ihre Geschichte erzählen lassen. Würde das Haus KIEV heißen, hätte Ukraine der DDR diese Gaststätte geschenkt, wäre jetzt wahrscheinlich viel mehr Trubel darum entstanden; doch es wurde der DDR damals von der Belarussischen Republik geschenkt, als eine Folkloregaststätte „Minsk“, und dafür hat sie die dann das Restaurant „Potsdam“ in Minsk bekommen. So war das damals. Warschau hat auch den Kulturpalast geschenkt bekommen, ob die Warschauer das wollten oder nicht, doch jetzt leben viele damit sehr zufrieden weiter. Das Gebäude im Potsdam ist im modernistischen Stil an einem Hang gebaut, mit breiten Treppenläufen und weißen Treppengeländer und einer großen Terrasse zwischen 1971-1977. Dahinter, noch höher, liegen das verfallene Gebäude des ehemaligen Brandenburgischen Landtags, auch das ein imposantes Ensemble.

2019 erwarb dann Hasso Plattner-Stiftung das Haus des Restaurants Minsk und rettete es damit vor dem Abriss. Zum Glück wurde bei der Renovierung und Erneuerung des ganzen Ensembles vieles nach dem alten Vorbild hergerichtet und beibehalten, nicht nur außen, sondern auch in den Innenräumen. die imposante Wendeltreppe und der abgerundete Bartresen sind geblieben. Doch die jetzt wunderbaren cremeweiß-braunen Kacheln wurden ausgewechselt und stammen aus den Werkstätten von Hedwig Bollhagen aus Brandenburg. Das ganze Ensemble erscheint mir sehr stimmig und funktional, nicht aufdringlich aufgehübscht, besonders für die Ausstellungen, die sich der modernen Kunst widmen. Von der Eröffnungsausstellung sind drei Skulpturen von Wolfgang Mattheuer: Fuss (Teil des Jahundertsschritts), Maskenmann, Liegendes Liebespaar ständig in den Räumen ausgestellt. Auf dem Gelände, an der Seitentreppe befinden sich noch ein Kachelmosaik von Ruth Wolf-Rehfaldt Cagy Being und die monumentale Bronzeskulptur Apron von südafrikanischen Künstler William Kentrige.

Auf den jetzt ausgestellten Künstler wurde ich durch ein Programm im ZDF – „Ausstellungstipp“ – aufmerksam: Oscar Murillo stand vor seinem riesigen vielfarbigen Bild, das mich sofort an die Seerosen von Monet erinnert hat, und er erklärte etwas. Die Pastellfarben: das besondere Rosa-Lila und Hellgrün, die Schichten, die Bewegung darin, alles erinnerte mich an Monet, noch bevor ich wusste, dass es sich tatsächlich um eine Auseinandersetzung mit diesem Künstler handelt. Leider habe ich ausgerechnet dieses Bild im MINSK nicht zu sehen bekommen, es hängt nämlich im Barberini Museum und ich hätte noch mal 16 Euro zahlen müssen, um surge/ die Woge, das große Triptychon von Oscar Murillo, betrachten zu können. Doch vielleicht ging es mir gar nicht ums Geld, sondern darum, dass meine Perzeptionsfähigkeit im MINSK ausgeschöpft und befriedigt wurde.

Die Ausstellung fängt schon draußen an, auf der ersten unteren Terrasse, wurde eine riesige Leinwand aufgestellt und alle Besucher sind dazu eingeladen, an der partizipativen Malaktion Collective painting, unabhängig vom Alter teilzunehmen. Farben und Pinsel sind ausgelegt. Diese Malaktionen fanden schon an mehreren Orten statt: bei der Sao Paolo-Biennale in Brasilien, in der Tate Modern in London, Monterrey, Mexiko (die Stadt mit den ganzen Flüchtlingen an der Grenze zu Texas), im Museo Tamayo Arte Contemporáneo, Mexiko-Stadt. Der Künstler Oscar Murillo versteht seine Kunst als eine Form der Kommunikation; demselben Zweck dient auch seine andere Aktion: Social mapping: auf großen Leinwänden soll gemeinsam gemalt und gezeichnet werden. All die bemalten Leinwände liegen eingerollt im Erdgeschoss des MINSK in Regalen und wir dachten, sie würden immer als neue Ausstellungsobjekte ausgestellt. Aber dem ist nicht so. Die großen Bilder an den Wänden hat der Künstler selbst gemalt. Angeblich sollen doch die Leinwände auf der Terrasse irgendwann ausgestellt werden. Die Aktion des social mapping fand auch an ganz verschiedenen Orten statt: Sao Paulo, Marrakesch, Daressalam, Valle del Cauca, Douala und Limbe in Kamerun, Abidjan, London, Nottingham, Nantes, San Juan, New York, Warszawa, Kingstown, St. Vincent und die Grenadinen, Durban, Buenos Aires, Margate, Jakarta, Manila, Shipibo-Konibo in Peru. In Deutschland soll sie in Baden- Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, eigentlich in allen Bundesländern stattfinden.

Schon 2013 fing Oscar Murillo sein Projekt Frequencies mit Schulkindern im Alter von 10 bis 16 Jahren aus aller Welt an. Für die Durchführung dieses Projekts werden Leinwände für ca. 6 Monate an die Schulbänke befestigt und die Schüler werden eingeladen sich auf den Leinwänden auszutoben. Diese „kollektive Vorstellungskraft“ gibt vielleicht Auskunft über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Wünsche, Phantasien von Kindern in der ganzen Welt, unabhängig von ihrer Herkunft, dem sozialen Status der Eltern, der Geografie etc… Tatsächlich konnten wir dann auch in einem Raum ein ganzes Archiv mit unheimlich vielen Leinwänden sehen, die nach Ländern und Schulen geordnet. Ich habe länger mit der dort arbeitenden Frau gesprochen und wir fanden, dass die Leinwände sich nicht dramatisch unterscheiden. Neben Kritzeleien über die Liebe, mit Herzchen und Küssen, gab es immer wieder Aufschriften in der jeweiligen Muttersprache. Nur in Deutschland und in Großbritannien achteten die Kinder (oder Lehrer) darauf, dass alle, aus allen in der Klasse Ethnien vertretenen geleichberechtigt teilnahmen. Sichtbar wurde das besonders an einer deutschen Leinwand, wo ungefähr 30 Fahnen aufgezeichnet wurden und Striche für die jeweils Teilnehmenden gemacht wurden. Die hübschesten, buntesten und künstlerisch am besten aufgearbeiteten fand die Frau bei den Arbeiten aus einer Schule in Italien (Turin). Ein Teil dieser Arbeiten wurden schon 2015 auf Biennale von Venedig als All the World´s Futures ausgestellt. In Brandenburg wurde das Projekt an folgenden Schulen durchgeführt, es können sich noch Schulen für das Projekt anmelden: AWO-Grundschule „Marie Juchacz“, evangelisches Gymnasium Hermannswerder, Gesamtschule Am Schilfhof in Potsdam, Städtisches Gymnasium in Wittstock und Goethe-Schiller-Gymnasium in Jüterbog. Diese Arbeiten sollen im MINSK ausgestellt werden.

Murillo bearbeitet auch diese Arbeiten mit seiner Crew; eine Richtung geht zur digitalen Bearbeitung der ausgewählten Leinwände. Daraus entstehen animierte Videofilme – einen davon haben wir gesehen. Es knüpft an bestimmte Symbole z.B. Gotteshäuser, Bäume, Meer, Sonne, Blumen, Häuser an; die generative KI wird an diesem Material trainiert und es entstehen bewegte, fließend ineinander übergehende Bilder, die manchmal wunderschön farbig, harmonisch sind. Gerade diese Arbeiten und die Überarbeitung wird Territorial Osmosis genannt, denn es entsteht eine neue Geografie, die Grenzen existieren nicht mehr, aus allen Kontinenten fließen Impulse und erzeugen ein künstlerisches Werk. Eine andere Methode ist die physische, wirkliche Patchwork Arbeit mit den Leinwänden, die durch Vernähen den Prozess der geografischen Trennungen aufhebt und neue zusammengesetzte Arbeiten entstehen lässt.

Da ich eigentlich nie Fotos in meinen Texten verwende, kann ich die ausgestellten Werke des Künstlers selbst kaum vorstellen. Auf jeden Fall bildete den Ausgangspunkt für die Ausstellung die Auseinandersetzung mit dem Maler Claude Monet, die Farbpalette erinnerte mich von Anfang an daran, an diesen Künstler, an seine Seerosen und an die Brücke im Park von Giverny. Im MINSK werden auch dazu drei Bilder von Monet ausgestellt: das Londoner Parlamentsgebäude, Getreideschober und eben die Seerosen in Giverny. Nach dem Grund für diese Auswahl gefragt, antwortete der Künstler folgendes: „Monets grauer Star wird dazu genutzt, um eine Auseindersetzung mit Leid und Dunkelheit anzustoßen – um durch das Leiden dieses großen Meisters zum Mitgefühl zu gelangen. Ich glaube, gerade weil Monet für die Kultur – und insbesondere für die Malerei – so bedeutend ist, möchte ich ihn als jemanden zeigen, der eine schwere Last zu tragen hatte. Hinter allen schönen Dingen verbirgt sich Leid.“ (Oscar Murillo im Gespräch mit Anna Schneider).

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