Blut im Stein, zwei Stimmen

Michael Meinicke

Ein Tag im August

Sommerliche Hitze. Vom nahen Badesee klingt Kinderlachen herüber. Ich begebe mich auf den Weg zum deutschen Haus. Links und rechts gesäumt von Bäumen und Buschwerk. Das Grün ist besonders dicht und kräftig. Sehr gut gedüngt sind diese Pflanzen. Ich laufe auf eine pompöse Mauer aus Naturstein zu. Eine eindrucksvolle Kulisse für Politiker. Hier halten sie Reden. Hier steht schwarz über ihren Köpfen: DEN OPFERN. Ein schmaler Pfad führt um dieses Bauwerk. Versteckt dahinter befindet sich das deutsche Haus. Auf den ersten Blick ein Pissoir. Eine Hütte. Die Wände roh gemauert. Backstein von seltsamer Art. Durchsetzt von Löchern. Vollgesogene, aufgeschichtete Schwämme. An der einen Seite befinden sich zwei hölzerne, verschlossene Tore. Emaillierte Schilder mit EINS und ZWEI darüber. Abgesägte, verrostete Stahlträger eines ehemaligen Vordaches ragen aus den Fugen. Fenster in uralten Eisenrahmen. An der anderen Seite zwei Öffnungen, die in Schwärze führen. Hinein in den Hinrichtungsschuppen des Strafgefängnisses Plötzensee. Von 1933 bis 1945 gingen durch diese Löcher über zweitausendfünfhundert Menschen ins Nichts. Im ersten Raum sind schwach beleuchtete Texttafeln an die Wände gehängt worden. Dieselben Texte sind in bereitliegenden Broschüren zu lesen. In der Ecke ein Wandschrank, aus dem touristische Abfälle quellen.

Menschen, die ermordet werden sollten, wurden zuerst hier hineingeführt. Die Hände schon seit Tagen gefesselt. Mehrere Männer standen hinter einem Tisch. Funktionsträger: Der Vorsteher des Totenhauses Appelt, Staatsanwalt Stoltz, der Richter Manfred Roeder, Professor Stieve vom Anatomisch-Biologischen Institut der Friedrich-Wilhelm-Universität und mit gedruckter Einladungskarte in der Tasche Kommissar Strübing. Liane Berkowitz wurde gebracht. Sehr klein und zierlich. Neunzehn Jahre alt. Im Mai 1942 hatte sie eines Nachts Flugblätter auf dem Ku’damm geklebt. Gegen die Propaganda- Ausstellung “Das Sowjetparadies”. Am 26. September 1942 wurde sie morgens um sechs Uhr verhaftet. Sie lebte bei ihrer Mutter. Sie erwartete ein Kind. Im April 1943 wurde ihre Tochter Irene im Frauengefängnis geboren. Vier Monate später “verstarb” das Kind im Krankenhaus der SS in Eberswalde. Diese Nachricht wurde der Mutter noch übermittelt. Der Staatsanwalt sagte: “Scharfrichter, walten sie ihres Amtes!” Zwei kräftige Helfer packten die junge Frau und warfen sie unter das Fallbeil. Der Henker Roettker drückte auf den Knopf. 19 Uhr und 45 Minuten am 5. August 1943. Liane war die letzte von 13 Frauen, die seit 19 Uhr ermordet wurden. Roettker hatte dabei seine Zigarette nicht aus dem Mund genommen. Pro Kopf erhielt er 80 Reichsmark Prämie. Nun begann Professor Stieve mit seiner Auswahl. Hart hatte er in den vergangenen Wochen verhandelt. Seit Kurzem wurde nur noch abends gemordet. Eventuell störende Luftangriffe waren um diese Zeit seltener. Der Professor wollte aber den Anteil für seine Anatomie-Studenten rechtzeitig bekommen. Wenigstens die letzte Straßenbahn sollten sie nach dem Unterricht noch erreichen. Stieve zeigte selektierend auf die offenen Kisten. Die Frauen wurden ausschließlich gynäkologisch seziert. Die zerschnittenen Leichen wurden als Abfall beseitigt. Kommissar Strübing hatte für Lianes Vernehmungen 5.000 Reichsmark Prämie erhalten. 1.1967 verstarb er, geehrt als Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes. 1951 wurde Roeder angeklagt. Das demokratische Gericht der Bundesrepublik verurteilte nicht ihn. Es sprach gegen die anklagenden Angehörigen der Ermordeten Geldstrafen wegen Verleumdung aus. Roeder lebte rehabilitiert im Kreise der Familie in seiner Villa. Der zweite Raum des Hinrichtungsschuppens enthält nicht einmal Texte an den Wänden. Ein dicker Berliner hat seinen spanischen Freund hergeführt. Er schimpft: „Wieso ist das Waschbecken abmontiert? Nur die gelben Kacheln dahinter sind geblieben. Wo sind die Holzstufen zum Galgen? Weshalb fehlen am Doppel T-Träger drei der ehemals acht Haken? Wo ist das Fallbeil geblieben?” Wir stehen in leerem Raum. Die Erinnerung soll schwinden. Der spanische Besucher geht hinaus. Unter Tannen ein idyllisches Häuschen. Der uniformierte Wächter öffnet. „Haben Sie die Gedenkbroschüre auf Spanisch?” „Nee! Jibs nich’!” „Französisch ginge auch.” „Französisch is’ aus!” Der Wächter schließt die Tür. Mit seinem guten deutschen Schäferhund geht er um die Ecke. Tischzeit. Mahlzeit. Über sechs Meter hohe Mauern weht der Geruch von Sauerkraut und Bauchfleisch. Plötzensee ist heute ein riesiges Knastgelände für Jugendliche. Für Frauen. Bei der Einweihung erwähnten die Politiker mit Stolz die Mutter-und-Kind-Zellen. Das Blut der bestialisch Gemordeten haben die Steine aufgesogen. Es lief in die Abwasserkanäle. Es düngte die Bäume und Pflanzen. Es klebt am Geld der damals Beteiligten. Überall in Deutschland lebten sie. Bauten den Nachkommen Häuser. Von Flensburg bis Freiburg quillt dickes Rot aus den Wänden…

***

Tibor Jagielski

tod im tegel

XXV SEPTEMBER

für hannelore

zuletzt schleppte sich eitelberg auf das dach
und sprang in die tiefe
er lebte im siebten stock und unter seiner loggia
wuchsen die zwergkiefern
er wollte auf numer sicher gehen,
darum erklomm er
mit letzter kraft die sechs etagen und stürzte sich
vom dreizehnten stock
auf die betonplatten; genau dort wo siebenhundert bewohner des hauses tagein tagaus
vorbeigehen; einen monat lang trat aus den poren des steines sein blut heraus
und färbte rostrot das grau, zwei handflächen gross.
neunundvierzig tage wollte ich an ihn denken.
manchmal legte ich eine wildrose, zog die mütze ab und blieb eine minute stehen,
doch meistens blieb es nur beim rose werfen
und mütze ziehen
(szybciej, franek, szybciej);
einmal wachte ich in der nacht auf, genau um die zeit als er sprang, und fragte mich: warum?
(ich suchte dann die brahmsplatte aus, weil bei ihm die träne, die von dem auge fällt das herz erleichtert);
ein paar mal sprach ich für ihn das vaterunser 
(so wie ich es die ganze kindheit und jugend tat,
wenn jemand starb);
manchmal meditierte ich am seeufer oder dachte an ihn beim schwimmen;
doch es gab auch tage wo ich eitelberg komplett vergaß;
es ging schnell – so reisst sich leben von dem tode weg und versucht zu fliehen.
es ging schnell: zuerst verschwand die leiche,
dann die polizei, die gaffer und die reporter;
reinigungsarbeiter schütteten den sand und kamen
drei tage hintereinander mit den besen;
keiner legte einen blumenstrauss oder zündete eine kerze – tschüss, erledigt;
– eeyyy!!! läßt es liegen…- rief ich einmal so laut
wie ich konnte,
als irgendwelche idioten meine blume zertraten 
(sie wurden plötzlich zehn zentimeter kleiner und bogen im rudel brav um die ecke), es war mitternacht und
später, viel später, 
kurz vor dem sonnenaufgang,
flog das reiherpaar mit dem jungen am rostroten himmel vorbei und dahin.
am siebenunddreißigsten tag fing es zu regnen an; 
die wolken kamen aus dem westen
und brachten näße drei tage lang; 
dann fuhr ich weg auf die insel gepeitscht vom wind
und von zweifel; doch die ließen bald nach, als ich die wellen umarmte, sanddorn pflückte und schnitt ab den
flundern die köpfe; es wurde stiller und stiller; bis die feuerquallen an den strand kamen
und tanzten im seichten
gewässer; 
sie waren rostrot;
doch ich ging am fünfzigsten tag
mit undine
in das blau
an ihnen vorbei.

2009

Joanna, trzeci piątek miesiąca i my trzy

Joanna Pfaff

Universitäten des Lebens: Wissen, Ohn-macht, Zugehörigkeit

Dr. Joanna Pfaff-Czarnecka ist Sozialanthropologin, mit dem regionalen Schwerpunkt in Südasien (Nepal und Indien). Sie arbeitet als Senior-Professorin an der Universität Bielefeld. Ihre Forschungsgebiete sind Universitäten und die Prozesse des Studierens, sowie die Kreation von Wissen mit dem Fokus auf Ohn/Macht und Ungleichheit. Theoretisch erkundet sie Konstellationen von Zugehörigkeit; methodologisch beschäftigt sie sich mit qualitativer Erforschung asiatischer Gesellschaften und Kulturen über Verflechtungen und Vergleiche.

Über Ihr Vortrag schreibt sie: Die Welt des Wissens ist stark hierarchisch organisiert und sie zeichnet sich durch zahlreiche
Exklusionen aus. Wie benachteiligend und ausschließend die Welt des Wissens – das heißt Orte, wo Wissen kreiert und weitergegeben wird – sein kann, haben beispielsweise die südasiatischen Dalits, vormals: in Indien und Nepal als ‚unberührbar‘ bekannt, einschneidend erlebt und erfahren. Mein Vortrag schildert den Kampf der Dalits um Anerkennung und um den Zugang zu Orten des etablierten Wissens, etwa zu Universitäten. Dabei zeige ich auch, wie mir diese Thematik zu Einsichten über die Bedeutung des nicht-akademischen Wissens verholfen hat, und welche Möglichkeiten des Engagements ich heute wahrnehme.

Im Rahmen des Projekts „Wir Drei” werden
Ewa Maria Slaska, Elżbieta Kargol und Krystyna Koziewicz
am Freitag, den 17. October 2025
Joanna Pfaff
zu Gast haben.

Od Adminki:

My trzy, Ela Kargol, Krysia Koziewicz i Ewa Maria Slaska zapraszamy do SprachCafé Polonisch na spotkanie z niezwykłą podróżniczką po światach, kulturach i językach, naukowczynią z kategorii tych, których niemal się nie spotyka, a jacy powinni być zawsze i wszędzie, żebyśmy mogli poczuć na twarzy prawdziwy jesienny powiew nauki (nauka się zaczyna jesienią,przychodzi razem z grzybami i kolorowymi liśćmi, wszyscy to wiemy), która jest czymś znacznie więcej, niż zbieraniem punktów za publikacje.

My trzy
Ewa Maria Slaska, Elżbieta Kargol, Krystyna Koziewicz
zapraszamy na spotkanie w Polskiej Kafejce Językowej

w piątek 17 października o godzinie 19

Schulzestr. 1
13187 Berlin – Pankow
Stacja kolejki Wollankstrasse (tylne wyjście!!!!)

Staszek Pyjas, zwei Stimmen / dwa głosy

Tibor Jagielski

pamięci pokolenia staszka pyjasa
twoje pokolenie
spadło ze schodów
w wieku lat 24

wczoraj
– po wielokrotnych denuncjacjach i inwigilacjach,
wiwisekcjach i ekshumacjach –
ogloszono na fesjsbuku:

było pijane
i samo sobie winne.

z cyklu: “wizje tylko lokalne”

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Michael Meinicke

Staszek Pyjas – 7. Mai 1977 – Kraków

Mit den Leuten, die alle schwarze Regenschirme halten, stehe ich vor einem alten Haus im Zentrum der Stadt und versuche, die Rede eines polnischen Studenten zu verstehen. Er steht im Hauseingang, von schwarzen Todesfahnen umgeben. Links und rechts kleine Plakate an den Wänden, vor denen Sterbelichter flackern. Als ich das Haus betrete weiß ich, dass hier Staszek das letzte Mal an unsere Welt dachte, an seine Freunde, seine Liebe, an Arbeit, an den Kampf, den er im unerwünschten Komitee zur Unterstützung der Arbeiter führte, an Hass und Freude. Vielleicht auch an sein Philologiestudium, seine Artikel im Studentenmagazin und seine Pläne für die Zukunft, die Hoffnungen auf die Schönheit unseres menschlichen Lebens – bis er über das Treppengeländer stürzte und Schädel und Herz auf den alten Fliesen zerbrachen. Ich sehe auf die Blumen dieser Stelle und auf das kleine Passfoto, auf die Totenwache einer Studentin und eines bleichen Kumpels, den ich für eine Wachsfigur halte, als sich mein Körper verkrampft. Ich denke an meine Freunde und mein Leben und das alles in unserer Welt gleich ist, auch wenn wir durch Grenze und Sprache getrennt sind. Und ich fühle den Händedruck und das mutbringende Lächeln der Polen in der soeben besuchten Totenmesse in der Dominikanerkirche. Welches Entsetzen, welche Macht, welche tödlichen Erlebnisse lassen uns unsere Liebe und Sehnsucht vergessen? Ich schäme mich, weil ich nicht schreie, weil ich lebe und liebe in dieser Finsternis, weil ich nicht mehr helfen kann. Weil ich das hier begreifen, geschehen lassen muss. Nichts ist mehr möglich, nur durchhalten, um die winzige Flamme, diesen kleinen, fast vergessenen Traum des Glücks weitertragen zu können. Es wird die Zeit kommen, wo wir nicht mehr Straßen, Plätze mit den Namen der Opfer benennen müssen. Wo es keine Denkmäler und Tafeln mit Trauerblumen an den Wänden geben wird. Alles wird dann in uns selbst existieren. Wir werden daraus bestehen. Eins sein mit unserer Hoffnung und glücklich in jeder Sekunde. Glücklich, wenn Worte wie Terror, Kampf und Sieg vergessen sind. Endlich wird uns bewusst sein, dass wir leben ohne Angst, die Zukunft verlieren zu müssen. Wir werden uns mit dem unbekannten Staszek treffen und mit allen, die Schmerz und Entsetzen in die Musik einer kommenden Gemeinschaft verwandelt haben. Einmal werden wir uns ohne inneres Grauen lieben.

***

Erst nach Veröffentlichung dieses Beitrags, schickte mir Autor dieses Foto:

Beschreinung vom Autor: Foto – 1977 Kraków. Unser Treff. Links Sue, mit der ich immer befreundet bin. Rechts meine 1. Ehefrau. Unten heimlich von mir aufgenommen – sie stehen an, um Abschied zu nehmen. Hier wurde er ermordet.

Deutsche Oscar-Nominierung (gegen meine)

Anne-Sophie Scholl

In die Sonne schauen, Reblog

 Im Corona­winter von 2020 zog Mascha Schilinski gemeinsam mit ihrer Freundin und Co-Drehbuch­autorin Louise Peter auf einen alten Bauernhof in der deutschen Alt­mark. Dort sind sie auf einen Schnapp­schuss aus den 1920er-Jahren gestossen – und eine Idee ist geboren. Der Film In die Sonne schauen spielt auf diesem Hof und reiht kurze Szenen, manchmal auch nur Blitz­lichter aus vier Epochen des letzten Jahrhunderts aneinander. Der Film ist ein Ereignis, ja eine Offenbarung, schreibt Feuilleton-Autorin Anne-Sophie Scholl. 

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Affari tuoi oder Deal or no deal

Monika Wrzosek-Müller

Wie jedes Jahr gehört der September meiner geliebten südlichen Toskana, der Maremma. Seit vielen Jahren pilgern wir hierher; ich schreibe bewusst „pilgern“, weil es sich für mich auch etwas wie eine spirituelle Reinigung anfühlt. Von weitem grüßen die riesigen Schirme der Pinien, das Meer glitzert, die Menschen lachen, die langen Fahrradpisten sorgen auch für sportliche Herausforderungen, der Kaffee kostet immer noch 1,60, ein budino di riso (eine Spezialität in der Toskana, ein Reisküchlein) 1,50, das Eis gibt es in unmöglichsten Geschmacksrichtungen, auch Dubai-Schokolade ist dabei, das Essen schmeckt überhaupt hervorragend; das hört sich wie eine Ansammlung von Klischees an, doch es ist die reine Wahrheit, die wir hier Jahr für Jahr erleben. Dieses kleine Paradies befindet sich unter dem Monte Argentario, und auch wenn rundherum in der Welt vieles den Bach runter läuft und wir als passive Beobachter untätig bleiben, bilde ich mir ein, hier darf ich das Paradies genießen.

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Der Tag danach

Monika Wrzosek-Müller

Prolog: der Text ist während einer Sitzung der Schreibwerkstatt im Polnischen Sprachcafé entstanden. Unverständlich für mich kamen Einwände von einer angeblich polnischstämmigen Teilnehmerin, dass sie über den Warschauer Aufstand nichts wüsste und nichts wissen wolle. Ihre Eltern hätten ganz andere Erfahrungen…

  1. August 2025

Der Tag danach. Gestern um 17.00 Uhr stand ganz Warschau still, hörte auf die Sirenen, dann wurden Lieder angestimmt, die polnische Nationalhymne. Unheimlich, dachte ich, als ich auf meinem Handy die Videos aus Warschau sah, die wissen jetzt mehr über den Warschauer Aufstand von 1944 als ich, die ich mein Leben lang neben meinem Vater lebend gewusst hatte. Er hat so lange geschwiegen, die Angst vor möglichen Konsequenzen war größer als sein Wille, seine Erlebnisse im Warschauer Aufstand mit uns zu teilen. Zum Glück hat er noch den Bau des Museums des Warschauer Aufstands erlebt, konnte noch aktiv daran mitwirken, indem er seine Erinnerungen aufschrieb und dem Museum übergab, sich interviewen ließ. Vielleicht hat ihn das erleichtert; da war er schon sehr alt und sehr krank… und ich war in Deutschland. Er gehörte dem Bataillon junger Pfadfinder „Parasol“ an, fast alle kamen bei den Kämpfen ums Leben, nur einige wie mein Vater verwundet, wurden aus dem völlig zerstörten Warschau in Gefangenenlager in Deutschland abtransportiert. Doch ihr Mythos lebte in Polen weiter.

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Berlinski Tour w SprachCafé Polnisch – śladami Polaków w Berlinie.

Im Rahmen des Projekts „Wir Drei” werden
Ewa Maria Slaska, Elżbieta Kargol und Krystyna Koziewicz
am Freitag, den 19. September 2025

Dorota Danielewicz
mit ihrem Audioguide Berlinski Tour
vorstellen.

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Zum Tod von Giorgio Armani

Monika Wrzosek-Müller

Mit 91 Jahren ist am 4. September Giorgio Armani gestorben, gerade noch hatte er in Paris seine Haute-Couture-Show gemanagt, noch vor Kurzem hat er ein Club, ein Kultlokal „La Capannina di Franceschi“ in Forte dei Marmi in der Toskana gekauft. Überhaupt, seine Umtriebigkeit in Sachen Immobilien war fast mit seiner Liebe zum Design, zur Mode vergleichbar. Vielleicht sammelte er seine zahlreichen Domizile wie er seine Kollektionen entwarf. Für mich war er der Guru, wenn es um Mode ging. Es gab niemanden, der solche zeitlose Eleganz zelebrierte. Seine Farbpalette war immer gedeckt und trotzdem gab es die auffälligsten Kleider, die von den schönsten Frauen auf den roten Teppichen getragen wurden. Doch das war erst viel später.

Geboren wurde er in Piacenza, seine Liebe zur Mode vertiefte er im Kaufhaus Rinascente in Mailand, direkt am Dom. Die Schneiderkunst der Herrenanzüge erlernte er beim Altmeister Cerruti. Doch bald gründete er seine eigene Marke, eigene Firma. Er war in der Mode wirklich ein Revolutionär; selbst trug er als erster ein schwarzes T-Shirt zum Jackett oder gar zu einem Anzug, abgerundet mit weißen Sportschuhen. Später war auch Nachtblau seine Lieblingsfarbe. Er baute richtiges Imperium auf, entwarf nicht nur Kleidung für Männer und später auch für Frauen, nebenbei auch die Unterwäsche, sondern auch Inneneinrichtungen mit Kochutensilien, Parfüms, Schmuck, Accessoires wie z.B. Sonnenbrillen. Er besaß unzählige Immobilien, die er selbst einrichtete, darunter auch Hotels. Die Firma gliederte sich in einzelne Unternehmen, wie Emporio Armani, Armani Jeans für jüngeres Publikum, dann besagtes Armani Privé für große Anlässe, AX. Interessant ist, dass er angeblich selbst Kontrolle über sein Unternahmen besaß und Übernahmeangebote von anderen großen Modehäusern regelmäßig abgelehnte.

Ich erinnere mich, wie ich mir bedächtig, wie in einer Kirche, seine Kollektionen in Florenz in den frühen 90er Jahren anschaute und bewunderte. Die Geschäfte waren wunderschön eingerichtet mit aber unheimlich netten Verkäuferinnen, die mich immer aufforderten: „probieren sie, Madame, das kostet nichts…“. Manchmal sagten sie mir auch, wann der nächste Schlussverkauf beginnt. Sie waren in ihrer ganzen Schönheit gar nicht hochnäsig und arrogant. Ich liebte seine Stoffe, weich und manchmal durchsichtig, fein und edel. Gekauft habe ich damals ein Seidentuch, das ich immer noch habe und trage. Es umgab ihn und sein Modeimperium eine Art von Leichtigkeit, von künstlerischem Nimbus, niemand war eifersüchtig, dass er wirklich der Modezar war und unheimlichen Reichtum angesammelt hatte.

Legendär sind seine Anwesen, von denen er sieben besaß, dazu eine Luxusjacht. Das in Forte dei Marmi, war sein erstes Urlaubsdomizil, unweit von Florenz und Viareggio an der ligurischen Küste verbrachte er auch die letzten Tage mit der Familie. Doch wunderschön anzusehen ist auch ein Komplex von historischen Bauten mit Kuppeldächern aus Lavasteinen auf der Insel Pantelleria. In der Nähe von Pavia besaß er ein kleines Schlösschen, das er als Ruine kaufte und ausbauen ließ. Auch in Paris besaß er ein Appartement, wo er sich während der Modeschauen aufhielt. Dann in Saint Tropez kaufte er ein Anwesen direkt am Meer und legte einen großen Park rundherum an. In Sankt Moriz besaß er ein Ensemble aus dem 17. Jh., wo er im Winter längere Zeit verbrachte. Nicht zu vergessen verschiedene Immobilien in Mailand, die wichtigste, die ihm als sein Wohnhaus diente, in der Via Borgo Nuovo. Alle diese Häuser stattete er mit selbst entworfenen oder gekauften Möbeln aus, ließ sehr gute Architekten für sich arbeiten, ansonsten beschäftigte er ganze Armeen von kreativen Mitarbeitern.

Ich erinnere mich, dass ich in Berlin, in der Neuen Nationalgalerie 2003 eine Armani Ausstellung mit dem Titel: „Giorgio Armani – The Style of Milano“ gesehen habe. Die Ausstellung wurde von einem sehr guten Regisseur, Bob Wilson, inszeniert in Kooperation mit der S. Guggenheim Foundation. Es war eine wunderschöne Ausstellung, die Tendenzen im Armanis Schaffen zeigte, z.B. die Rolle des Smokings in der Frauenkleidung. Natürlich spielte auch die Farbpalette von Sandfarben eine Rolle. Es waren himmlisch schöne sandfarbene bis grünlich angehauchte Smoking-Anzüge für die Frauen zu sehen. Auch die Einflüsse ferner, exotischer Kulturen wie China, Indonesien, Japan oder Polynesien waren sichtbar, aber alles in der zurückgezogenen, stillen Armani Art präsentiert, mit wirklich fantastischen Kollektionen von Anzügen, Kleidern, auch denen vom roten Teppich. Es war teilweise eine Modeschau, nur wurde sie durch ausgewählte Skizzen, Modefotos und Dokumentarfilme ergänzt. Man tauchte richtig in die Armani-Welt ein. Ich erinnere mich an ein Spektakel aus Licht, Ton und Bildern und natürlich Defilees von Mannequins in schönsten Kleidern der Welt.

Jetzt ist der Mann gestorben, doch sein Werk, seine Firma wird weiter von seiner Kusine fortgeführt. Doch der große Geist wird fehlen. Ich empfinde seinen Tod als großen Verlust für unsere Welt…

Literaturfestival

Berlin, 15. August 2025
English Version below
Liebes Publikum,
es steht viel auf dem Spiel! Die Weltordnung, wie wir sie kennen, gerät ins Wanken: Europa schwächelt, die USA scheint wie in Trance, Russland rutscht tiefer in den Wahn, China festigt seine ökonomische Vormachtstellung… Wie gehen wir um mit der immer deutlicheren Verschiebung von demokratischen hin zu autokratischen Gesellschaftsformen? An der Schwelle zu einer Epoche, in der Konflikte und Ideologien den Ton angeben, suchen wir das Gespräch mit Autor:innen und Wissenschaftler:innen, die dem kollektiven Unbehagen mit Fachwissen und klarem, erhellendem Geist begegnen.
Freuen Sie sich mit uns auf spannende und lebendige Dialoge und Diskussionen, die zum Gedankenaustausch und Reflektieren über die brennenden Fragen unserer Zeit anregen.  
© Lennart Woithe
Wie es um die deutsche Sicherheitspolitik im europäischen Kontext steht, werden der Militärhistoriker Sönke Neitzel und der Sicherheitsexperte Carlo Masala zusammen mit der Journalistin Anna Engelke in »Ernstfall Zeitenwende« beleuchten.

Die beiden Nobelpreisträgerinnen Swetlana Alexijewitsch und Irina Scherbakowa sprechen in »Im Recht des Menschen«  darüber, was sie antreibt, ihren Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen und Staatsterror niemals aufzugeben. [ACHTUNG: Der Termin wurde vom 18.9. auf den 13.9. vorverlegt!]

Die Schriftstellerin Aliyeh Ataei, die Sinnfluencerin Theresa Brückner und die Journalistin Shila Behjat widmen sich in »Tradwife Reloaded«  einem wachsenden post-feministischem Social Media Phänomen.

Wir setzen »Worte in Bewegung« und wechseln für einen Tag vom Haus der Berliner Festspiele ins Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Hier werden sich die Autor:innen Taqi Akhlaqi, Alhierd Bacharevič, Can Dündar, Irene Langemann, Stella Nyanzi und Uwe Wittstock auf den zwei Podien »Schreiben – Zwischen – Welten« und »Literatur im Exil – Exil in der Literatur?« über ihre persönliche Erfahrung respektive professionelle Auseinandersetzung mit Exil unterhalten. In einer Reihe kurzer Lesungen stellen zudem internationale Schriftsteller:innen in vier verschiedenen Räumen des Dokumentationszentrums ihre Texte in Intervallen vor. Während der Pausen kann zwischen diesen Orten gewandelt werden.

Welch verheerende Wirkung Sprache haben kann, wissen der Übersetzer von Hitlers »Mein Kampf«, Olivier Mannoni, der Philosophieprofessor Tim Henning und der Journalist Nikolaus Blome, worüber sie mit der Feuilletonchefin der FAS, Julia Encke, in »Sprachgewalt« diskutieren werden.

Wie es sich anfühlt und was es bedeutet, unter der zweiten Amtszeit von Donald Trump in den USA zu leben und zu wirken, berichten die Schriftstellerin Jamaica Kincaid, die Journalistin Elizabeth Kolbert und der Historiker William Hitchcock in »USA unter Trump 2.0«.

Über sein Gefühl, im sozialen Miteinander zunehmend zu vereinsamen, spricht der Autor Anton Weil mit dem Soziologen Janosch Schobin in »[Männliche] Einsamkeit«.

Zusammen mit dem PEN Berlin, dem PEN Ukraine und dem Ukrainischen Institut gedenken wir der im Krieg verstorbenen Autorin und Journalistin Victoria Amelina und veranstalten einen langen »Solidaritätsabend für die Ukraine« u.a. mit Katja Petrowskaja, Serhij Zhadan, Vassili Golod und Paul Ronzheimer.

Bevor wir das Festival mit der legendären TROPEN-Party beschließen, tauschen sich der Kultmoderator Jürgen Kuttner und die Debütromanautorin Laura Laabs in »Adlergestell. Ein Ostberliner Dschungel« über Ostberliner Sozialisation und die Nachwendezeit aus.Vom Weltgeschehen wenden wir unseren Blick auch nach Innen und hinterfragen den Druck, unter dem die derzeitige öffentliche Kulturförderung in Europa steht. In »Cultural Policy against Mistrust« sprechen Expert:innen aus Politik und Wissenschaft mit Kulturschaffenden darüber, wie eine Kulturpolitik aussehen kann, die den tatsächlichen Wert der Künste jenseits von Instrumentalisierung erschließt. Und in »Connecting Literary Festivals« lassen uns Festival-Direktor:innen aus verschiedenen Regionen der Welt hinter die Kulissen ihrer Literaturfestival-Produktionen schauen.

Wir freuen uns auf Ihre Neugier, die Sie gewiss zu einem Besuch
des 25. internationalen literaturfestival berlin verleiten wird,
und heißen Sie vom 11. bis 20. September ganz herzlich bei uns willkommen.
Beste Grüße
Dr. Nora Mengel – Kuratorin und Programm-Managerin und das ilb-Team
 ***
English Version
Dear Audience
Much is at stake. The world order as we know it is shifting: Europe is faltering, the United States appears to be in a trance, Russia is sinking deeper into delusion, and China is consolidating its economic dominance… How do we address the increasingly evident shift from democratic to autocratic forms of society? Standing at the threshold of an era in which conflicts and ideologies set the tone, we seek conversations with authors and scholars who meet our collective unease with expertise, clarity, and insight.Join us for thought-provoking, dynamic dialogues and debates that invite reflection on the most pressing questions of our time.
© Lennart Woithe
Military historian Sönke Neitzel and security expert Carlo Masala, in conversation with journalist Anna Engelke, will examine Germany’s security policy in the European context in »Ernstfall Zeitenwende« .

Nobel Prize laureates Swetlana Alexijewitsch und Irina Scherbakowa discuss in »Im Recht des Menschen« what drives them to continue their fight against human rights violations and state terror. [Please note: this event has been moved from September 18 to September 13.]

Author Aliyeh Ataei, social media influencer Theresa Brückner, and journalist Shila Behjat explore a growing post-feminist social media trend in »Tradwife Reloaded« .

With »Words in Motion« we leave the Haus der Berliner Festspiele for a day and move into the Documentation Centre for Displacement, Expulsion, Reconciliation. Authors Taqi Akhlaqi, Alhierd Bacharevič, Can Dündar, Irene Langemann, Stella Nyanzi, and Uwe Wittstock will take part in two panels – »Writing – Between  – Worlds« and »Literature in Exile – Exile in Literature?« – reflecting on their personal experiences and professional engagement with exile. In a series of short readings, international writers will present their work in four different spaces of the Documentation Centre at timed intervals. Visitors are invited to move between the venues during the breaks.

Translator of Hitler’s »Mein Kampf« Olivier Mannoni, philosophy professor Tim Henning, and journalist Nikolaus Blome, in conversation with FAS arts editor Julia Encke, will examine the devastating power of language in »Sprachgewalt«.

Writer Jamaica Kincaid, journalist Elizabeth Kolbert, and historian William Hitchcock will share their perspectives on living and working in the United States during Donald Trump’s second term in »USA unter Trump 2.0«.

Author Anton Weil and sociologist Janosch Schobin will discuss the growing phenomenon of male isolation in »[Männliche] Einsamkeit«.

Together with PEN Berlin, PEN Ukraine, and the Ukrainian Institute, we commemorate the late author and journalist Victoria Amelina with an extended »An Evening of Solidarity for Ukraine«, featuring Katja Petrowskaja, Serhij Zhadan, Vassili Golod, and Paul Ronzheimer.

Before the festival ends with the legendary TROPEN party, presenter Jürgen Kuttner and debut novelist Laura Laabs will talk about East Berlin’s social fabric and the post-reunification years in »Adlergestell. Ein Ostberliner Dschungel«.Alongside the global focus, we also turn inward, questioning the pressures currently weighing on public cultural funding in Europe. In »Cultural Policy against Mistrust«, policy-makers and scholars join cultural practitioners to discuss how cultural policy can recognise the true value of the arts beyond political or economic instrumentalisation. And in »Connecting Literary Festivals«, festival directors from different regions of the world will take us behind the scenes of their literature festival productions.

We look forward to your curiosity – and to welcoming you to the
25th international literature festival berlin from September 11 to 20.
Kind regards,
Dr. Nora Mengel – Curator and Program Manager
and the ilb team
Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik e.V.
25. internationales literaturfestival berlin
Frankenallee 13, 14052 Berlin
Tel.: +49 30 27 87 86 0
info@literaturfestival.com