Nico, eine Mondgöttin

Sie liegt auf dem Selbstmörder Friedhof in Berlin begraben, obwohl sie gar keine Selbstmörderin ist, sondern ist auf Ibiza vom Fahrrad gefallen und gestorben. Am 18. Juli 1988.

Nico…

Von Andy Warhol entdeckt, kam sie zu Ruhm als weib­liche Stimme des ersten Albums von The ­Velvet Underground  und, wie Berliner TIP behauptet, werden ihre Soloplatten bis heute immer dann angehört, wenn man einmal so richtig tief depressive Musik hören möchte.

Sie war vielleicht keine Selbstmörderin, das ja, aber, na ja, sie war heroinsüchtig und depressiv, wirkte selbstzerstörerisch und ihr Leben war zu letzt lediglich ein Haufen dubiöser Umstände…

Ihr Grab ist eine Pilgerstätte für viele ihre todessehnsüchtigen Fans aus aller Welt, die dort eine Blume, aber auch einen Joint, eine Schnapsflasche oder eine ­Heroinspritze niederzulegen pflegen.

Anne Schmidt

schrieb über sie zum Buss- und Bettag letztes Jahres…

Es gibt Gräber, die muss man suchen, wenn man sie besuchen will.

Sie wurden anonym angelegt, weil die dort begrabenen Personen mit ihren Geschichten zur Zeit ihres Todes als Aufrührer oder gar Verbrecher galten, deren Gräber keinesfalls zu Pilgerstätten werden sollten.

Andere wiederum wünschten sich schon zu Lebzeiten ein idyllisches Plätzchen an einem weltfernen Ort für ein ewiges Ausruhen nach einem ruhmreichen, turbulenten,

Christa Päffgen, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen „Nico”, hatte sich schon in noch unbeschwerten Jugendjahren den Waldfriedhof am Schildhornweg im Grunewald als letzten Ruheort ausgesucht. Dort findet man auf einem Grab unter dem Stein mit ihrem und dem Namen ihrer Großmutter ein gerahmtes Foto von ihr, das in ihrer glücklichen Zeit als Sängerin und Muse von Jim Morrison gemacht sein dürfte.

Wie lange man sie dort noch besuchen kann, ist der Wilmersdorfer Gemeinde überlassen, die den Friedhof aus Kostengründen schließen will.

Die russichen Selbstmörder, nach denen der Friedhof benannt ist, die vielen Toten einer Bombennacht im Jahre 1945 würden dann genau wie Nico und Rolf von Zukowsky umgebettet werden müssen oder dem Verfall preisgegeben werden.

Die Wildschwein rotten um den Friedhof herum, warten schon jetzt auf ein Offenlassen der Pforte.

Foto Elżbieta Kargol


Im Kino gibt es jetzt ein Film über sie. Ein, wie TIP Berlin es bezeichnet, beeindruckendes Biopic über die Spätphase der gefeierten Popikone: Nico, 1988.
I/B 2018, 93 Min., R: Susanna Nicchiarelli, D: Trine Dyrholm, John Sinclair, Anamaria Marinca.
Eine Geschichte über zwei letzte Jahre Nicos Leben.
Trine Dyrholm, die Nico spielt, singt im Film alle Lieder selbst.

Der Film ist fantastisch. Und es gibt gar eine merkwürdige halluzinatorische Vision Polens AD 1987 im Film. Polen an Allen Toten Tag.

Zwei ihre Aussagen, die sich einem für eine Ewigkeit einprägen.
– Bin ich hässlich? Ja? Gut. Ich war sehr unglücklich, als ich schön war.
Und
– Ich war ganz oben und ich war ganz unten. Auf den beiden Orten ist man verdammt allein.


Im TIP erzählt der Musiker Lüül (Lutz Graf-Ulbrich) über seine einstige Liebe und ihr Grab. Er war Musiker der Berliner Krautrockbands Agita­tion Free und Ashra, Mitglied des Kollektivs 17 Hippies – und Nicos ehemaliger Gitarrist und Liebhaber.

„Es gab niemanden, der etwas Vergleichbares machte“, sagt Lüül. Er hat ein Buch geschrieben über seine Jahre mit Nico und es „Im Schatten der Mondgöttin“ genannt. Darin beschreibt er seine erste Begegnung mit ihr in der Pariser Opéra Comique 1973: „Nur ein Scheinwerfer. Dann kam sie. Nico. Überirdisch. Unnahbar schön. Allein mit ihrem indischen Harmonium.“ Magisch hat das damals auf Lüül gewirkt. Ja, und auch er hat sie angehimmelt. „Sie war ­sagenumwoben“, erinnert er sich. Wie von einem Nebelschleier umgeben, all die Geschichten, die man so von ihr erzählte und die sie über sich selbst erzählte, blieben vage, halb erlebt, halb erdacht. Die Kult- und Kunstfigur Nico lebte von ihrer Aura und dem Mysterium, das sie um sich herum schuf. „Sie war unergründlich“, sagt Lüül.

Schleierhaft ist ihm bis heute auch, weshalb sie sich ausgerechnet ihn ausgesucht hat, damals bei der ­Party des gemeinsamen Managers Assaad und später im Backstage-Zelt eines Festivals in Frankreich. Weshalb sie sich im Hotel vor ihm auszog und nackt aufs Bett legte. Vielleicht waren sie sich ja doch gar nicht so fern: Sie aufgewachsen in Schöneberg, im KaDeWe als Model entdeckt, er Musiker aus Charlottenburg, beide Kinder des Nachkriegsberlins. So jedenfalls kam die Mondgöttin ins Leben des 14 Jahre jüngeren Lutz Ulbrich und verlieh ihm ungeahnte Größe. Es folgte: „die wilde Zeit“. Ein Leben aus dem Koffer, von Paris nach Amsterdam, immer dem billigen Heroin nach, die Konzertreisen durch die USA. Apropos Heroin: Es machte sie selbstsicherer, sagt Lüül, aber auch selbstsüchtiger. „Sie war die egozentrischste Person, die ich je kennengelernt habe. Alle halten sie ja so hoch, aber hey, sie war auch eine Bitch! Sie hat Menschen betrogen.“ Doch so wie sie nicht vom Heroin loskam, kam er nicht von ihr los.

Dann das große Finale im Chelsea Hotel, New York. Einem Drehbuchautor würde man diese Szene wohl aus seinem Skript streichen, weil maßlos übertrieben: Nico auf Methadon und Alkohol, es kommt zum Streit, ein Bügeleisen fliegt durchs Fenster (Lüül: „Ich hätte es sonst voll in die Fresse gekriegt.“), sie spuckt ihm ins Gesicht, er würgt und schlägt sie, bis sie fällt und liegen bleibt (Lüül: „Ich dachte schon: Jetzt biste ein Mörder!“), doch sie lebt, die Polizei kommt, der Vorhang fällt. Im wahren Leben geht die Geschichte weiter, die beiden bleiben „in Freundschaft verbunden“, wie man so sagt, sie singt das Lied „Reich der Träume“ für ihn ein, er organisiert ihr letztes Konzert im Planetarium Berlin, sechs Wochen vor ihrem Tod, von dem Lüül am Telefon erfährt. Am 18. Juli 1988 fällt sie in Ibiza vom Fahrrad. Gehirnblutung.


Ein Kinotrailer, huch, so was habe ich noch nie gesehen. Ist 20Uhr51, ich klicke den Trailer an und lese eine merkwürdige Zeile: Aus jugendschutzrechtlichen Gründen darf dieser Trailer nur zwischen 23:00 Uhr und 06:00 Uhr abgespielt werden. Sogar den link zum Trailer kann man vor 23 Uhr nicht kopieren…

Hmmmm… Na egal… Der Trailer

Reblog: Lyrische und drastische

Urszula Usakowska-Wolff

Feministische Kunst aus Indien

Die in der Ausstellung »Facing India« gezeigte Kunst ist ohne Zweifel feministisch, politisch und engagiert. Aber unabhängig davon, wie man sie nennt, ist es eine Kunst, die äußerst suggestiv wirkt und lange im Gedächtnis bleibt. Der Einfallsreichtum, das Wissen und der Weitblick der Künstlerinnen, die Dynamik und Energie, mit der sie ihre perfekt ausgeführten Werke realisieren, die Vielzahl von Techniken, Materialien und überraschenden Lösungen kommen in allen Arbeiten, die im Erdgeschoss des Kunstmuseums Wolfsburg präsentiert werden, zum Ausdruck.


Reena Saini Kallat, Woven Chronicle

Die von mehr als 1,3 Milliarden Menschen bewohnte Republik Indien ist die bevölkerungsstärkste Demokratie der Welt. Dieses riesige Land, das den größten Teil des südasiatischen Subkontinents einnimmt, ist ein nationales, religiöses und sprachliches Konglomerat voller Kontraste. Es gibt dort extreme Armut und unvorstellbaren Reichtum, das Kastensystem ist vor allem in ländlichen Gebieten gang und gäbe. Trotz der in der Verfassung verbrieften Gleichberechtigung ist die Situation der Frauen tragisch: Sie werden erniedrigt, vergewaltigt, verbrannt oder auf andere grausame Art umgebracht. Blutige ethnische- und Grenzkonflikte dauern bis heute an, religiöser Fanatismus und Nationalismus breiten sich aus. In den Metropolen gibt es kaum Luft zum Atmen und selbst heilige Flüsse sind kontaminiert. Andererseits ist Indien eine der sich am dynamischsten entwickelnden Volkswirtschaften der Welt, die indische IT-Industrie wird seit vielen Jahren international als konkurrenzlos angesehen, während ein Drittel der indischen Bevölkerung Analphabeten sind. Die Nutznießer der Globalisierung, die soziale Ungleichheiten festigt und vertieft, ist die Mittel- und Oberschicht.

Blick in die Ausstellung „Facing India“ mit Arbeiten von Vibha Galhotra 

Sechs Frauen im fast gleichen Alter

Weniger bekannt ist, dass in diesem großen Land auch Kunst gedeiht, nicht nur die Koch- oder die Filmkunst aus Bollywood und Tollywood, sondern auch die zeitgenössische Kunst, in der vor allem Frauen den Ton angeben. Während die japanische und chinesische Kunst schon seit längerer Zeit international ausgestellt und gesammelt wird, hat die indische erst jetzt begonnen, sich im Westen zu etablieren. Das liegt vor allem an der Unsichtbarkeit dieser Kunst, denn in Indien gibt es kaum Ausstellungsorte und Ausstellungsmöglichkeiten. Um sich also eine Meinung über die indische Kunst zu bilden, muss man nicht nach Mumbai, Delhi oder Bengaluru fahren, sondern in die etwas kleinere Stadt Wolfsburg in Niedersachsen. Dort befindet sich bekanntlich der Hauptsitz des VW-Konzerns, der Autos auch in Indien produziert. Aber das ist mitnichten der einzige Grund, warum die erste so umfangreiche Schau der indischen Kunst gerade im Kunstmuseum Wolfsburg stattfindet. Als sein Direktor vor zwei Jahren Ralf Beil wurde, versprach er, das Museumsprogramm globaler zu gestalten und vor allem den Künstlerinnen und ihrer Sicht auf die Dinge dieser Welt mehr Platz als bisher einzuräumen. Er hielt sein Wort, was die Ausstellung »Facing India« vorführt, in der sechs indische Künstlerinnen das Gesicht, konkreter: die vielen Gesichter ihres Landes zur Schau stellen.
Bharti Kher (* 1969), Mithu Sen (* 1971), Reena Saini Kallat (* 1973), Vibha Galhotra (* 1978), Tejal Shah (* 1979) und Prajakta Potnis (* 1980), von der Kuratorin Uta Ruhkamp während ihrer drei Indienaufenthalte ausgewählt, gehören größtenteils der Generation der 30- und 40jährigen an. Obwohl sie aufgrund ihrer Herkunft zur privilegierten Klasse zählen, behandeln sie in ihren Werken mehr oder weniger radikal soziale, politische, ökologische und moralische Probleme, die an der Schnittstelle zwischen Modernisierung und Tradition auftauchen: Das ist in der Tat eine recht explosive Mischung, nicht nur in Indien.


Bahrti Kher, Sing to Them that Will Listen, Reiskörner Metallschale und Marmorsockel

Digitalisierung, Degradierung, Globalisierung

Die in der Ausstellung »Facing India« gezeigte Kunst ist ohne Zweifel feministisch, politisch und engagiert. Aber unabhängig davon, wie man sie nennt, ist es eine Kunst, die äußerst suggestiv wirkt und lange im Gedächtnis bleibt. Der Einfallsreichtum, das Wissen und der Weitblick der Künstlerinnen, die Dynamik und Energie, mit der sie ihre perfekt ausgeführten Werke realisieren, die Vielzahl von Techniken, Materialien und überraschenden Lösungen kommen in allen Arbeiten, die im Erdgeschoss des Kunstmuseums Wolfsburgs präsentiert werden, zum Ausdruck. Man kann unmittelbar spüren, dass die Kunst für sie eine Mission, eine Botschaft oder eine Art ist, die verschwiegenen, sorgfältig vor den Augen versteckten, unsichtbaren und nicht ausgesprochenen, also nicht existenten Probleme ans Tageslicht zu bringen. Und, was besonders wichtig erscheint, haben die von den Künstlerinnen in ihren Arbeiten aufgegriffenen und dargestellten Themen einen universellen Charakter, denn es gibt sie schon oder wird es bald auch in unserer Weltgegend geben. »Doch machen wir uns nichts vor: So drastisch all dies von Europa aus auf den ersten Blick wirkt, es sind in jedem einzelnen Punkt auch unsere Probleme und Gegenwartsfragen, die hier – zum Teil sogar für uns – verhandelt werden«, schreibt Ralf Beil, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, im exzellenten Ausstellungskatalog. »Indien ist eines der Labore für das Gelingen oder Scheitern unserer globalen Zukunft. Ob Geschlechter-, Umwelt-, Digitalisierungs- oder Nationalitätsfragen, alles ist auf das Extremste verdichtet.« Es ist nicht einfach zu verstehen, was in Indien wirklich geschieht, denn, nach Meinung der Schriftstellerin Arundhati Roy, »dreht sich ganz Indien um Grenzen. Im Westen hält man Indien fälschlicherweise für eine anarchische, chaotische Gesellschaft. Dabei ist Indien ein Meister im Grenzziehen. Jenseits des chaotischen Verkehrs ist die Gesellschaft durch ein eisernes Gatter aus Kasten, Regionen, Religionen getrennt.« Die aus der Tradition resultierenden Spaltungen sowie die von der Tradition und Gesellschaft sanktionierte Gewalt sind eines der Themen der Gruppenschau »Facing India« im Kunstmuseum Wolfsburg.

Faktische geografische und metaphorische Grenzen

Das Erste, was direkt am Eingang der Ausstellung ins Auge fällt, ist eine riesige Weltkarte, die aussieht, als sei sie aus farbiger Wolle gehäkelt worden. Beim näheren Hinschauen merkt man jedoch, dass diese riesige kartographische Installation namens »Woven Chronicle«, die die gesamte grau gestrichene Wand einnimmt, aus Elektrokabeln gefertigt wurde. Aus acht Lautsprechern, die auf sechs Kontinenten platziert sind, ertönt eine Kakophonie von Geräuschen, ein Mix aus knisternden Hochspannungsleitungen, blubberndem Wassers, dem Besetztzeichen eines Telefons, heulenden Fabrik- und Schiffssirenen, den Geräuschen der Flügel und Stimmen der Zugvögel. »Die gewebte Chronik« ist, wie ihre Autorin Reena Saini Kallat (Foto oben) erklärt, eine Kartographie historischer und gegenwärtiger Migrationsbewegungen. Obwohl sich heute dank der Mobilität der Menschen und des schnellen Informationsflusses verschiedene Kulturen viel schneller vermischen als je zuvor, wurden die Grenzen paradoxerweise nie so streng kontrolliert und überwacht wie jetzt. » Elektrokabel sind für mich eine ambivalente Metapher: einerseits verbinden sie, andererseits bilden sie lineare Formationen in Gestalt von Netzen und anderen Zäunen, sodass sie teilen. Der Glaube daran, dass dank der globalen, das heißt grenzenlosen Kommunikation die faktischen geographischen, ethnischen und sozialen Grenzen aufhören zu existieren, hat sich als illusorisch erwiesen. Im Gegenteil: Dank fortschrittlicher Technologien können regressive Inhalte umgehend verbreitet werden: Stereotypen, zweifelhafte Ideologien, Nationalismen«.

Die provokanten Mutanten

Reena Saini Kallat, Hyphenated Lives (Installationsfragment)

Reena Saini Kallat ist eine vielseitige Künstlerin: Sie schafft Wand- und Klanginstallationen, ist Malerin, Bildhauerin und Fotografin. Man sieht und hört, dass die Kunst der Erinnerung ihre Leidenschaft ist. In der Fotoserie »Crease / Crevice / Contour« möchte sie das Leid der Frauen vor dem Vergessen bewahren, die nicht nur während der Kriege zwischen Indien und Pakistan um Kaschmir die erste Kriegsbeute waren. Sexuelle Gewalt, Komponente eines jedes Krieges, hat blutige Male auf der Haut der Frauen hinterlassen. Auch wenn sie unsichtbar sind, erinnert sich der Körper daran. Kallat ist auch Autorin der Installation »Hyphenated Lives«, die wie der Saal eines Naturkundemuseums anmutet, mit Bildern der Fauna und Flora an den Wänden und Fossilien in den Vitrinen. Wenn man sie genauer betrachtet, handelt es sich um Porträts von Mutanten, die die geteilten, aber historisch miteinander verbundenen Länder symbolisieren, welche um die Kontrolle über natürliche Ressourcen kämpfen, hauptsächlich über das Wasser. Sie tragen doppelte Namen, zum Beispiel Sun-Poe, eine Kreuzung zwischen dem palästinensischen Sonnenvogel (Sunbird) und dem Wiedehopf (Hoopoe), dem Nationalvogel Israels. Auf diese farbigen Gouachen, die mit handschriftlichen Kommentaren der Künstlerin versehen sind, klebt sie Stacheldraht. Geopolitik teilt Länder, obwohl es schwer ist, die Natur in streng nationale Teile zu zerlegen. »Diese Bindestrich-Porträts können als poetische Provokationen einer Spezies, die es in der Vergangenheit nicht gegeben hat – oder als ein Vorschlag für die Zukunft verstanden werden«, sagt Reena Saii Kallat.

Äquilibristik der (Un)linguistik

Auch Mitu Sen (Foto) liebt Provokationen. Die begnadete Sprachkünstlerin, Bildhauerin und Malerin begann ihre künstlerische Laufbahn als bengalische Dichterin. Nachdem sie 1997 nach Delhi gezogen war, musste sie Hindi und Englisch lernen, was ihr zunächst recht schwer fiel. Die meisten ihrer Werke tragen Titel, in denen die Vorsilbe »un« steht. Sie ist eines der Hauptelemente ihrer Un- oder Nichtsprache. Es ist offensichtlich, dass es mit eigenen Zähnen oder mit dem Zahnersatz leicht fällt, sich in jeder Sprache oder Nichtsprache zu artikulieren. Wie alle Arbeiten von Mitu Sen ist auch die Installation »Border Unseen« Ausdruck eines absurden Sinns für Humor. Im Deutschen klingt »Unseen« phonetisch ein wenig wie Unsinn. Künstliches Zahnfleisch, in dem künstliche Zähne stecken, sieht natürlich wie eine Grenze aus, die im geschlossenen Mund unsichtbar ist, aber man kann sie nicht übersehen, wenn sie an einer Wand als Zahnrad hängt.

Mithu Sen, Phantom Pain 2

Mitu Sen nennt ihre Zeichnungen und Skulpturen Performances, denn das Publikum soll sich daran aktiv beteiligen. Eine großartige Idee ist zum Beispiel die Serie der 40 Grafiken und Zeichnungen unter dem Titel »The Same River Twice« (Derselbe Fluss zweimal), die in einem geschlossenen Raum betrachtet werden kann. Es ist eine Kunst der Camouflage, die sich vielleicht vor dem Auge des Zensors tarnt, denn nur, wenn man mit einer Taschenlampe weiße Papierblätter beleuchtet, sieht man ihren zweiten Boden: erotische, leicht pornografische Spiele nicht heterosexueller Paare. Die benachbarte Installation »Mou (Museum of Real Estate) beherbergt eine Sammlung von Kitschartikeln, Souvenirs und anderen Nippes in einer runden Vitrine, die einer leicht zu transportierenden Wunderkammer gleicht.

Mithu Sen, Mou (Museum of Real Estate)

Symphonie der Zeit oder Kakofonie

»Wir leben in einer sich schnell verändernden Welt und betrachten uns als anpassungsfähig«, sagt Vibha Galhotra (Foto oben). »Gleichzeitig berücksichtigen wir kaum das Ausmaß der Umweltverschmutzung und akzeptieren sie passiv als die neue Realität.« In multimedialen Rauminstallationen, in Filmen und Fotografien stützt sich die Künstlerin auf die platonische Theorie der fünf Elemente und zeigt, was mit dem Wasser des heiligen Flusses Yamuna, mit Luft, Erde, Äther und Feuer geschieht. Nach dem Eintauchen eines weißen Tuchs in Yamuna wird es sofort schwarz. Neu-Delhi ist die am meisten verschmutzte Stadt der Welt, die, wie Vibha sagt, einer Gaskammer gleicht, sodass die Menschen ständig Masken tragen müssen, in denen sie aussehen, als ob ihnen, wie in Nostradamus’ Prophezeiung, anstelle der Nasen Schweinerüssel wachsen würden. In den Städten ist jedes Stückchen Boden zugebaut, und sogar in den Vierteln, die von getarnten Sicherheitsmännern bewacht werden (Installation »Neo Camouflage«), liegen die Häuser extrem dicht beieinander: Das ist eine bunte Betonwüste, ohne einen Grashalm. Eine große Weltkarte unter dem Titel »Time Symphony Or Cacophony« wird immer dunkler, schreckliche Geräusche dringen aus ihr nach Außen: Die klassische Symphonie der Zeit verschwindet, ersetzt durch eine Kakophonie der Zerstörung.




Vibha Galhotra, Neo Camouflage (Installationsfragmente)

Gedemütigte, schweigende und gequälte Frauen

Wenig optimistisch sind auch die Arbeiten von Bharti Kher (Foto), der einzigen Teilnehmerin der Wolfsburger Ausstellung, die nicht in Indien, sondern in Ostlondon geboren wurde, und seit 1992 dauerhaft in der Hauptstadt Indiens lebt. Die Künstlerin, deren Werk um die Situation der indischen Frauen kreist, ist eine Perfektionistin und Ästhetin, die die sogar in den überraschendsten Materialien verborgene Energie und Schönheit an die Oberfläche zaubert. Neben Skulpturen aus Bronze, Kleiderstoff, Reis und Reliefs aus Bindis zeigt sie in Wolfsburg auch eine Säule aus roten Armreifen, den Bangles, unter dem Titel »Bloodline« (Stammbaum): Frauen sind zwar die Stützen und die treibende Kraft der indischen Gesellschaft, leben aber oft in einem »Deaf Room« (Tauben Zimmer), das von einer Mauer des Schweigens umgeben ist. Diese beindruckende Plastik besteht aus zehn Tonnen Glasziegeln, die Bharti Kher aus geschmolzenen Armreifen und Ton errichtete. Das Schicksal der Frauen, die im ältesten Beruf der Welt arbeiten, ist auch nicht einfach, wie die Gipsskulptur der sechs Sitzenden unter dem Titel »Six Women«, also sechs Sexarbeiterinnen aus Kolkata, zeigt. Bharti Khers Werke sind Monumente für die extrem müden, gequälten und tagtäglich gedemütigten Frauen in Indien.

Bharti Kher, Six Women

Dem dritten Geschlecht geht es häufig sehr schlecht

Tejal Shah ist auch vielseitig begabt, sie macht fantastische Zeichentrickfilme, sie zeichnet und fotografiert meisterhaft, wovon die Fotoserie » Women like us« zeugt. Sie stellt »Frauen wie wir« dar, also solche, die nicht einverstanden sind, die ihnen zugeschriebenen Geschlechterrollen zu spielen, weil sie sich wie Männer fühlen. Die Genderfrage ist das, was diese Künstlerin, die lange Zeit in Indien nicht ausstellen durfte, am meisten interessiert. Sie befasst sich nämlich mit Themen, die verschwiegen werden sollen wie die Gewalt gegen Hijras, die offiziell als Göttinnen des dritten Geschlecht verehrt werden, aber in Wirklichkeit den Massenvergewaltigen zum Opfer fallen, verletzt, bepisst und umgebracht: zu sehen in der erschütternden Foto- und Videoinstallation »Untitled (On Violence)«.

Prajakta Potnis mit Dr. Uta Ruhkamp (links)

In der Ausstellung »Facing India« gibt es auch weniger drastische, witzige und ironische Arbeiten. Ihre jüngste Teilnehmerin, die 28jährige Prajakta Potnis, arrangiert und fotografiert seltsame Landschaften und Stillleben in spezifischen Interieurs. Die Digitaldruckserie »Capsule« wartet mit Rollteppen auf, die auf einer Plastikserviette im Kühlschrank stehen. Eines der »Still Lifes« zeigt Blumenkohls in Gefrierfächern, die wie Atompilze aussehen. Kann die Natura (morta) eines Blumenkohls explosiv sein oder nicht explosiv sein, das ist hier die Frage.

Prajakta Potnis, Capsule

Alle Fotos © Urszula Usakowska-Wolff


FACING INDIA
Kunstmuseum Wolfsburg
29.04-7.10 2018
Katalog, 38 Euro
www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Barataria 74 Wyspy

Tibor Jagielski

tauben an moens klint
hochsommer

gołębie na moens klint
szczyt lata

moen

chwila
rudzik wskakuje na łodygę rokitnika
tyle farb daje mi wiatr

moen

ein moment
das rotkelchen springt auf den sanddornzweig
so viele farben gibt mir der wind

moen

eichelhäher im garten
herbstwind wartet

moen

sójka w ogrodzie
wiatr jesienny nadchodzi

koniec poezji
haiku, jako ostatni,
uchyla kapelusza

ende der poesie
haiku, als letzter,
lüftet den hut

10/01/13

 

Wird der “große Text” in der Ära der Blogs überleben?

Wer will, kann noch Einiges aus dem Programm miterleben…

Julia Kissina

Eine Rede zum URBAN DICTIONARY BERLIN_NEW YORK LITERATUR FESTIVAL 2018

Worüber sprechen wir, wenn wir über Literatur sprechen? Sprechen wir über Unterhaltung? Ist Literatur ein Rohstoff für Massenkultur oder eine Grauzone zwischen Philosophie, Politik und Emotionen?

Spielt die Literatur noch eine Rolle bei der Meinungsbildung?

Was ist für uns wichtiger: Politik oder Poesie?

Welche Art von Lesen wird uns von den Verlagen und der Presse aufgezwungen?

Wessen Urteil über Bücher kann man vertrauen?

Es gibt eine neue Ethik. Es gibt neue Spielregeln: politische Korrektheit, Diversity, Gleichheit der Geschlechter und so weiter. Kann politische Korrektheit die Literatur töten?

Was ist der literarische Underground heute?

Was ist eine unabhängige Presse?

Ob die “Creative Writing” die Seele frisst? Weder Cervantes noch Dostojewski noch Rimbaud haben jemals solche Creative Writing Kurse besucht.

Im Laufe unseres Lebens haben sich die Grenzen unserer Wahrnehmung verändert. Jetzt reden wir über den Mangel an Aufmerksamkeit, den Mangel von Zeit, wir reden über Blogs. Wird der “große Text” in der Ära der Blogs überleben?

Wozu braucht man Verlage im Internetzeitalter?

Brauchen wir veröffentlicht sein? Homer veröffentlichte keine Bücher.

Das Konzept des kulturellen Gedächtnisses hat sich verändert. Wo ist die Grenze zwischen Literatur und Journalismus? Gibt es wirklich einen Unterschied zwischen Fiktion und Dokument?

Wie wird Literatur zur Ware? Zur Zeit des Aristoteles gab es nur drei Hauptgenres der Literatur; Komödie, Tragödie und Drama. Heute habe ich in der deutschen Wikipedia 226 aufgezählt, darunter solche mysteriöse, wie Elf-Punk, Eco-Horror und andere – das ist pure Marktwirtschaft.

Was wollen wir lesen?

Warum New York und Berlin?

Man sagt, dass die Amerikaner nichts über uns wissen. Stimmt das?

Was wissen wir über New York? Ich glaube: gar nichts.

Diese und viele andere Themen werden wir im Rahmen von Urban Dictionary diskutieren.

Die Landkarte der Kultur und die Landkarte der Literatur haben sich verändert. Es wurde offensichtlich, dass es keine einzelne, allgemien-gültige Karte der Literatur gibt, da es keine universelle Geschichte und kein gemeinsames Gedächtnis gibt. Heute reden wir nicht über Literatur, sondern über Literaturen. Jedes Land hat seine eigene Vorstellung von Sprache, Wort und Mythos. Wir sprechen nicht über die Literatur der Nationen, wir sprechen über Literatur in tongues, im weitesten Sinne sprechen wir über Grammatik. Jedes Land hat seine eigenen hundert Romane, die jeder in dem jeweiligen Land lesen muss. Die hundert Romane eines Landes sind radikal anders als die hundert eines anderen.

So unterscheiden sie sich ebenfalls in zwei Epizentren der Kultur: Nordamerika und Europa, Berlin und New York.

Um sich zu definieren, um unseren Platz zu finden, um zu verstehen, was wir lesen, müssen wir eine neue Literatur-Karte zeichnen.

Mit dem Berlin New York Festival schaffen wir den Rahmen, die Bedingungen, eine Plattform, einen Arbeitstisch, um diese neue Karte zu zeichnen.

Nicht nur die Lesungen unserer Autoren, sondern auch Seminare zu folgenden Themen finden statt:

Metaphysik versus Politik ist eine Spannungszone zwischen Poesie und Prosa, zwischen Poesie und der Verteidigung nationaler und sozialer Interessen.

Die unabhängigen Verlage werden uns von ihren Überlebensstrategien erzählen.

Darüber hinaus werden wir diskutieren, was gewöhnlich und bequem ist, und über das Vertaute und das Fremde sprechen, und jedem, der das Wort “Exotic” verwendet, die Zunge abschneiden.

Ludzie, których znałam / Bartoszewski-Ausstellung in Berlin

Pamiętam taki moment na Targach Książki we Frankfurcie. Dawno. Odwiedziłam właśnie stoisko polskie, stała nas grupka osób, gdy nagle zrobił się szum i przy wejściu na stoisko pojwiło się kilka osób, a wśród nich Władysław Bartoszewski. Wszystkie rozmowy umilkły. Wszyscy obrócili się jak słoneczniki w tę samą stronę. Zaaferowani “urządnicy polskiej książki” prowadzili wielkiego gościa na zaplecze. On szedł jak zwykle lekko pochylony, uśmiechał się, ale tak raczej do ogółu niż do nas indywidualnie, i nagle wyszedł poza szereg, podszedł do mnie, podał mi rękę i powiedział, “dzień dobry, pani Ewo”.
Poszli. Ja zostałam, z niedowierzaniem oglądając własną dłoń. Obecni na stoisku zasypali mnie pytaniami. Znasz go? Dobrze? Jak to się stało, że przywitał się właśnie z tobą? Odpowiadałam bezmyślnie: tak, nie, znam, nie znam, poznałam, dawno, nie wiem…
Jest oczywiście wielka różnica pomiędzy znać a poznać. Kurt Vonnegut, nazwał to kiedyś “znajomość nowojorska”, ale wtedy nie było jeszcze świata globalnego i Nowy Jork coś znaczył. Zresztą powiedzonko się nie przyjęło. Ale ja je wysoko cenię. Już go TU kiedyś użyłam.
Tak, znałam Bartoszewskiego. Była to znajomość nowojorska…

Władysław Bartoszewski (1922 – 2015)
Widerstand – Erinnerung – Versöhnung
Eröffnung der Ausstellung – Mo 11.06.2018, 18.00 Uhr
10178 Berlin, Berliner Rathaus (Wappensaal), Rathausstr.
15 Lebensstationen eines großen Politikers und Brückenbauers zwischen Deutschland und Polen

Programm zur Ausstellungseröffnung

18.45 Uhr: Vorabführung durch die Ausstellung
mit dem Kurator Marcin Barcz

19.30 Uhr: Grußwort
Staatssekretär Christian Rickerts, Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Berlin

Festrede: Kosmopolit und Brückenbauer – Erinnerungen an Władysław Bartoszewski
Prof. Dr. Joachim Rogall, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung und Vorsitzender des Vorstandes des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen

Einführung in die Ausstellung
Marcin Barcz, Kurator der Ausstellung und langjähriger persönlicher Referent von Władysław Bartoszewski

Die Ausstellung ist vom 12. Juli bis 31. August 2018 für Einzelbesucher und Gruppen von Montag bis Freitag von 9.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Aufgrund des täglichen Veranstaltungsbetriebes sowie aus Sicherheitsgründen kann es jedoch zu vorübergehenden Schließungen des Rathauses kommen.

Über die Ausstellung
Die Ausstellung widmet sich dem Lebenswerk des im April 2015 verstorbenen polnischen Auschwitz-Überlebenden, Außenministers und Historikers Władysław Bartoszewski.

Die Ausstellungsmacher führen entlang der Themen Widerstand, Erinnerung und Versöhnung durch die Lebensbereiche von Władysław Bartoszewski, die ihm selbst am wichtigsten waren und den besten Einblick in seine facettenreiche Persönlichkeit geben. In Bartoszewskis Biografie spiegeln sich die Schattenseiten und Hoffnungsschimmer der miteinander verwobenen deutsch-polnisch-jüdischen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert. Zugleich erzählt die Ausstellung vom Widerstand des frei denkenden Menschen gegen jede Form von Unterdrückung, erinnert an die Opfer von Verfolgung und zeigt, wo Versöhnung trotz vergangenen Leids möglich ist. Weil Władysław Bartoszewski jahrzehntelang aktiv an wichtigen historischen Prozessen beteiligt war, ist diese Ausstellung auch eine Erzählung über die neueste polnische und mitteleuropäische Geschichte.

Die Ausstellung wurde aus Anlass seines Todes vor drei Jahren nach einem Konzept von Cyryl Skibiński und Marcin Barcz unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Andrzej Friszke realisiert. Sie wurde im September 2015 am Sitz der polnischen Regierung in Warschau der Öffentlichkeit vorgestellt, wo Bartoszewski bis zum Ende seines 93-jährigen Lebens beruflich tätig war. Erstmalig ist die Ausstellung jetzt in Deutschland zu sehen. Die Texte in polnischer Sprache werden durch deutsche Übersetzungstafeln ergänzt.

Im letzten Jahr wurde in Berlin die eine Bartoszewski-Initiative gegründet. Sie hat einen wesentlichen Anteil daran, dass dank einer Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien diese Ausstellung an weiteren Standorten in Deutschland gezeigt werden kann.

Veranstalter:
– Deutsch-Polnische Gesellschaft Berlin e. V.
– Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei

Das Märchen von den Zwillingen 3

Krzysztof Jagielski
übersetzt von Tibor Jagielski

Die Königin der Nymphen Tuende und ihr Land

Die Wanderer kamen rasch voran, da der Weg nur sanft anstieg und es keine Hindernisse gab. Sie wussten nicht, wie weit es noch bis zum Land der Nymphen war, doch sie kannten die Richtung, und das versetzte sie in gute Stimmung. Um das Essen brauchten sie sich nicht zu kümmern, weil sie unterwegs Früchte, Kräuter, süßen Harz und Käferlarven in Mengen fanden.

Das Ziel ihrer Reise schien immer näher zu kommen. Ein glänzender Nebel umhüllte sie. In der Luft schwirrten goldene Faden und der Rabe Hollo flatterte ihnen nach, um sie mit dem Schnabel einzufangen.

„Ich werde mir ein goldenes Nest bauen, ein goldenes Nest!“, krähte er begeistert.
„Wenn du hier bleiben wirst, dann tue es“, machte sich die Feldmaus Okosch über ihn lustig. „Doch pass auf, dass du nicht zu viel runterschluckst, sonst kannst du nicht mehr fliegen“.
Der vorausgeeilte Schäferhund Lusto kam fast atemlos zurück und rief:
„Ein Schloss, ein goldenes Schloss! Riesig! Kommt schneller..!“

Der Nebel löste sich auf, und sie sahen die, hoch in die Luft ragenden Türme des Schlosses, das mit saphirgrünen Wassern umgeben war. Da es noch weit entfernt zu sein schien, entschlossen sich unsere Freunde, ein Nachtlager aufzubauen und erst am nächsten Morgen den Weg fortzusetzen. Auf einer saftiger Wiese, wo Unmengen von farbenprächtigen Schmetterlingen schwirrten, ließen sie sich nieder und entfachten ein Feuer.

Plötzlich sprang der Schäferhund Lusto auf:
„Seht! Seht! Ein Knochen! Ich habe davon geträumt, und er liegt da!“
„Ich will ein Stück Käse…“, piepste die Feldmaus Okosch. Doch nichts geschah.
„Du musst träumen, träumen!“, bellte Lusto.
Okosch schloss die Augen und fing aus ganzen Kräften zu träumen an. Und… vor ihr lag ein prächtiges Stück goldgelben Käses.
Der Rabe Hollo wollte auch mitmachen und bedeckte seinen Kopf mit den Flügeln… und rief voller Begeisterung:
„Hurra!“… Vor ihm stand ein Topf voller fetter Würmer.

Jetzt waren Aranka und Orsolya an der Reihe. Sie träumten von einem warmen Bad und neuen Kleidern und… vor ihnen dämpfte gleich eine Badewanne und daneben stand eine Kiste mit zauberhaften Kleidern…

Es könnte nichts anderes bedeuten, als sie im Land der Wunschträume angekommen sind.
Nach dem Bad träumten die Mädchen von einer guten Nacht und schliefen augenblicklich fest ein. Doch dieser Schlaf sollte nicht lange dauern. Ein Löwengebrüll weckte sie auf:

„Steht auf! Ihr sollt uns zum Palast begleiten. Unsere Herrin Tuende, die Königin der Nymphen, ruft euch.“
Aus dem tiefen Schlaf erwacht rieben sich die Mädchen erschrocken die Augen. Vor ihnen standen tatsächlich die Löwen. Der älteste von ihnen, mit einer Silbermähne bedeckt, sagte:
„Unsere Herrin hat schlechte Laune. Doch, obwohl sie für Fremde ein Herz aus Eis hat, wird sie euch nichts antun. Reisst euch zusammen und kommt mit uns mit.“

Millionen von Sternen der Milchstrasse glänzten über den Köpfen der Zwillinge. Orsolya und Aranka erinnerten sich an des Großvaters Worte: „Die Sterne sind die Seelen unserer Vorfahren und helfen euch bei jeder Gefahr“. Sie fassten Mut und standen auf.

Viele Tiere schauten den Wanderern zu: der Wolf und das Reh, der Hase und der Fuchs, die Katze und die Maus, der Falke und das Kaninchen. Und alle schienen in Eintracht und in Freundlichkeit verbunden zu sein.

Unterwegs entpuppte sich der alte Löwe als gesprächig, und so erfuhren die Mädchen nicht nur, dass er Hofmarschall war, sondern auch vieles über das Land der Nymphen und seiner Königin.

„In unserem Königreich bauen wir die Häuser nur aus Gold. Und darauf sind wir stolz. Die Königin Tuende herrscht schon seit einer Ewigkeit. Unser Land wird auch das Land des Ewigen Lebens genannt. Wir altern sehr langsam. Ich selbst bin schon über hunderttausend Jahre alt, obwohl ich viel jünger aussehe, nicht wahr?“, fragte der alte Löwe und wackelte kokett mit seiner silbergrauen Mähne.

„Bei uns gibt’s ewigen Frühling und die Blumen blühen ständig. Und weil hier jeder Traum in Erfüllung geht, haben wir schon alles und brauchen eigentlich nicht mehr zu träumen. Und alle Einwohner, Nymphen und Tiere, leben hier in Eintracht und in gegenseitiger Liebe, wie könnte es auch anders sein, nicht wahr?“, plapperte der alte Löwe, während sich die Wanderer dem goldenen Schloss immer mehr näherten.

Es kamen immer mehr Tiere als Schaulustige hinzu. Die Kunde von der Ankunft der Zwillinge verbreitete sich wie Lauffeuer. Die Mäuse wunderten sich, dass die Feldmaus Okosch ihnen so ähnlich sah. Die Hunde jedoch konnten in Lusto kaum einen Verwandten erkennen, da die Siebenbürgischen Schäferhunde eher einem Wollknäuel ähnelten als einem richtigen Hund. Der Rabe Hollo stellte fest, dass sein Schnabel viel größer war, als der der einheimischen Raben.

Der alte Löwe sprach unterdessen weiter:

„Unsere Königin ist eine Göttin des Lichts und des Lebens, der Sonnenstrahlen und aller Tiere. Sie liebt ihre Untertanen grenzenlos, doch für Fremde hat sie ein Herz aus Eis. Ich kann mich an eine Begebenheit erinnern…,“ seine Stimme stockte kurz „ Ah… wir sind schon vor dem Haupttor.“

An den Seiten der Hängebrücke, die zum Schloss führte, standen in Habachtstellung die Wachen, die aus Rehen und Hunden bestanden. An ihnen vorbei gingen die Wanderer, vom alten Löwen geleitet, auf das Schloss zu.

Die Straße war mit Silber gepflastert. In den Häusern aus Gold gab es Fenster ohne Scheiben, und die Türen waren weit geöffnet. Hier regnete oder schneite es nie und es gab keine Winde. Es gab auch keine Geschäftshäuser, da man sich doch alles, was man brauchte, erträumen konnte.

Schließlich kamen sie an den Palast der Königin. Er war von wunderbaren Gärten, voll von prächtigen Blumen und wundersamen Bäumen umgeben. Vor dem Eingangstor salutierten die aus Adlern und Kaninchen bestehenden Wachen. Der alte Löwe kämmte sich noch schnell seine Mähne glatt. Auch Aranka und Orsolya ordneten ihre Kleider und Haare. Die Feldmaus Okosch nahm Platz auf dem linken Arm von Aranka, während der Rabe Hollo auf dem rechten Arm von Orsolya Platz fand. Der Schäferhund Lusto schüttelte sorgfältig sein Fell. Und so betraten sie das Schloss.

Fortsetzung folgt.
Bild – Tibor Jagielski

Die Heilige Mutter der „Solidarität“ (Berlin – West)

Tibor und ich haben uns in Mały książe, einem polnischen Café gegenüber von der polnischen Kirche an der Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg verabredet. Ich bekam einen Strauss von Kornblumen (meine Lieblingsblumen!), bevor wir aber zum Kaffeetrinken kamen, sagte mir Tibor, wir sollen uns etwas in der Kirche anschauen. Erst nach einer Weile erfuhr ich, dass wir ein Bild suchen. Es gab es aber nicht. Die Büroangestellte in der Kirche wusste sogar nicht wovon wir überhaupt reden. Erst Herr Priester wusste es. Wir gingen in die… Kaiserloge. Der Name klang vielversprechend, die Realität war wie immer… nich besonders reizend. 

Tibor Jagielski

Das Bild wurde von einer Vereinigung der polnischer Exilanten in Auftrag gegeben und in Westdeuschland,
von einem Flüchtling aus, durch den Kriegszustand (1981-83) erschütterten, Polen gemalt,
Wie die Ikone genau enstanden ist weiss ich nicht zu berichten, ausser daß hier auch meine Mutter, Magdalena Jagielska,
eine Rolle gespielt hat.
Die Einweihung fand (1985?) in der kleinen polnischen Kirchengemeinde in Mariendorf statt, und es hing dort,
bis zum Mauerfall an der Wand und fand allgemeines gefallen sowie genoss verehrung.
Doch, vermutlich nach dem Umzug der Gemeinde in die geräumige Basilica in
Kreuzberg verschwand es,
wie ich und Frau Ewa Maria es neulich festellen mussten, in der Rumpelkammer.
Persönlich finde ich das Bild schön, harmonisch, sanft und milde,
und vielleicht gerade deswegen passt
sie, diese Mutter der Hoffnung, nicht in die, ehrlich gesagt, grauenvolle und gruftartige Austattung der Kirche.

Das Märchen von den Zwillingen 2

Krzysztof Jagielski
übersetzt von Tibor Jagielski

Der Himmelhohe Birnbaum

Die Mädchen gingen zu der ausgebrannten Eiche. Dort warteten schon der Rabe Hollo, der Schäferhund Lusto und die Feldmaus Okosch auf sie.

„Ich komme, oder besser gesagt, ich fliege mit euch,“ krähte von dem Ast der Rabe Hollo „ Ich werde euch zu Mut verhelfen“

„Ich werde auf euch aufpassen,“ bellte der Schäferhund Lusto im Bass und wedelte mit dem Schwanz.

„Auch ich werde euch in der Not nicht verlassen. Ich habe euer Gespräch mit Opa Ferenc mitbekommen,“ piepste die Feldmaus Okosch, die auf dem Rücken des Hundes saß.

Die Zwillinge steckten die aus der Baumhöhle herausgenommene Äxte, das Glöckchen, den Feueranzünder, und die kraftspendenden Tropfen in ihre Taschen, schulterten die Bögen und die Schnüre, nahmen die Stöcke in die Hände und gingen, gemeinsam mit den Tieren, in Richtung des höchsten Berges los.

„…Und hinter diesem Berg wird es sechs und sieben Flüsse geben. Auf der anderen Seite werdet ihr den schlafenden Riesen finden. Im linken Ohr hält er einen Schlüssel versteckt, mit dem man den Pass zum Himmelshohen Baum öffnen kann. Hütet euch, den Riesen zu wecken, sonst wird er euch auffressen…“ – so sprach Janos im Traum zu den Mädchen.

Nach vielen Tagesmärschen überquerten sie sehr müde den letzten Fluss.

Am Fuße des senkrecht aufsteigenden, spiegelglatten Berges, dessen Gipfel sich in den Wolken verlor, schlief ein Riese, so groß, dass sein Cousin Goliath, ihm gegenüber, wie ein Zwerg aussah.

Ich sage Euch das nur, damit Ihr Euch vorstellen könnt, wie riesig er war. Sein Zeigefinger war hundert Meter lang.

Das Hindernis schien unüberwindlich zu sein. Und so standen alle hilflos und ratlos herum.

Nur die Feldmaus Okosch lief an dem schlafenden Riesen entlang und sagte schließlich:

„Ich hole den Schlüssel und lasse ihn zu euch runter fallen“

Hollo rief: „Warte mal. Setz dich auf meinen Rücken, ich flieg dich auf seinen Arm.“

So gelang es Okosch, das Ohr des Riesen zu erreichen, das so groß war wie dreißig Elefantenohren.

Sie hatten Glück. Der Schlüssel lag am Ohrenrand und kam duch das Schnarchen des Riesen immer mehr zum Vorschein. Ohne zu warten, da sich der Riese gefährlich zu drehen begann, zog Okosch den Schlüssel und ließ ihn herunterfallen. Sie selbst rutschte auf dem Ärmel des Riesen wie auf einer Eisbahn mit großer Geschwindigkeit herunter, machte einen Purzelbaum über seine Finger und landete weich auf dem Rasen.

Der Schlüssel war nicht groß, ebenso wie das Schloss in der Felsspalte. Und als Oronka ihn drehte, sprangen plötzlich zwölf Riesenriesen heraus und fingen an zu klagen, dass man sie aufgeweckt hatte. Zum Glück waren sie zahm wie Rehe und riefen mit milden Stimmen:

„ Wem sollen wir helfen? Wem sollen wir helfen?“

Der Rabe Hollo flog um ihre Köpfe und krähte so laut wie möglich:

„Passt auf! Passt auf! Unter euren Füßen warten die Zwillinge Orsolya und Aranka, eure Gebieterinnen aus Siebenbürgen. Verneigt euch vor ihnen.“

Die Riesenriesen konnten die Mädchen und ihre Begleiter kaum sehen. Doch sie vernahmen ihre Stimmen:

„Seid gegrüßt, verehrte Onkel. Bitte, macht uns den Felsen auf. Wir sind unterwegs zum Himmelhohen Birnbaum, um Großvater Ferenc zu retten. Gott soll euch gesund erhalten.“

So schön sprachen die beiden, dass die Riesenriesen sich mit ihren schon geweckten Brüder, sich auf die Felsen stürzten und sie zur Seiten schoben. Das war nicht einfach, weil der Berg selten geöffnet worden war und mächtig verrostet zu sein schien.

Eine grüne Ebene öffnete sich vor ihnen, die wie die Puszta aussah, und weit, weit weg am Horizont sahen sie einen einsamen Birnbaum. Wie groß mochte er sein, dass man ihn von hier aus sehen konnte?. Die Reisenden bedankten sich herzlich bei den Riesenriesen für deren Hilfe.

„Stets zu Diensten,“ antworteten die Riesenriesen, „vor allem für so nette und gut erzogene Gäste. Solltet ihr in Not sein, ruft uns zu Hilfe. Wir kommen gleich.“

Das Gras roch nach frischem Thymian, der Himmel war wolkenlos, und Lerchen schwirrten in der Luft und begleiteten die Wanderer mit ihrem Gesang. Die Feldmaus Okosch reiste auf dem Rücken von Lusto, und der Rabe Hollo nahm Platz auf dem Arm von Orsolya und gönnte sich ein Nickerchen, während die Mädchen unermüdlich, Stunde um Stunde, in Richtung des langsam größer werdenden Baumes liefen. Spät am Abend erreichten sie ihr Ziel – den Himmelhohen Birnbaum. Man brauchte mindestens vier Stunden, um ihn zu umkreisen. Seine Wurzeln waren so dick wie eine Scheune. Sein poröser Baumstamm, war mit Moosen und Flechten übersät. Er bot Platz für unzählige Vögel und andere Tiere und reichte hoch über die Wolken. Der Rabe Hollo, als Kundschafter ausgeschickt, kam atemlos zurück, doch er hatte nicht einmal die Hälfte der Strecke nach oben geschafft.

Die Reisenden machten Rast unter einer haushohen Wurzel. Die Zwillinge entfachten ein Feuer und kochten eine Suppe, die sie aus den unterwegs gesammelten Kräutern und Früchten zubereiteten.

Die Feldmaus Okosch lud ihre hier zahlreich wohnende Verwandtschaft ein. Der Rabe Hollo besuchte seine lange nicht gesehenen Freunde, die hier wohnten. Als das Feuer ausging, kuschelten sich beide Mädchen an den Schäferhund Lusto und schliefen fest ein.

Am Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, fing die mühsame Kletterpartie an. Für den Schäferhund Lusto erwies sie sich als besonders schwierig. Die Zwillinge benutzten also die Leinen, um an den unüberwindlichen Stellen den Hund hochzuziehen. Dort, wo der Stamm sehr glatt war oder die Risse in der Rinde zu weit, benutzten sie die Äxte. Der Rabe Hollo flog unbekümmert um ihre Köpfe herum und machte überflüssige Bemerkungen, bis Orsolya den Geduldsfaden verlor und rief:

„ Wenn du uns nicht hilfst, werden wir den Wipfel nie erreichen! Nimm die Leine in den Schnabel und winde sie um den Ast….Ja, so ist es richtig; jetzt hält sie, danke.“

Die Feldmaus Okosch suchte ständig nach dem besten Kletterweg. Ihre scharfen Nägel erwiesen sich als ideal auf diesem beschwerlichen Weg. Als Gebirgsbewohner, war sie ein ausgezeichneter Kletterer und ging allen anderen voran. Orsolya und Aranka

haben ihr diese wichtige Aufgabe anvertraut, und die Maus löste sie ausgezeichnet. Manchmal kamen Augenblicke des Grauens, als Okosch auf einen Uhu, einen Falken oder einen Adler traf.

Doch der Rabe Hollo flog voraus und warnte sie von den drohenden Gefahren.

Sie kamen sehr langsam voran auf dieser gefährlichen Besteigung. Ein einziger Augenblick der Unaufmerksamkeit könnte den Tod bedeuten. Oft fielen Riesenbrocken von Baumrinde wie eine Gebirgslawinen herunter.

Spät am Abend fanden die Wanderer eine große Baumhöhle. Dort gab es einen kleinen Teich aus dem man trinken und in dem man sogar baden konnte. Aranka entfachte das Feuer und Orsolya fand eine Harzader, die sich als schmackhaft und süß wie Honig erwies. Auf diese Art bekamen sie ein ausgezeichnetes Abendessen. Und wie am Vorabend kuschelten sich die Zwillinge an den Schäferhund Lusto. Auch die Feldmaus Okosch fand im Riesenfell des Hundes ihren Platz. Nur der Rabe Hollo hielt schläfrig Wache am Rande der Höhle.

Die Mädchen hatten schon aufgehört, die Tage des Kletterns zu zählen. Sie wussten nicht mehr, ob es Donnerstag oder schon Sonntag war. Doch sie kamen den Wolken immer näher. Es wurde merklich kälter, und die Zwillinge zogen ihre Schaffelljacken an. Die Winde wurden so stark, dass der Rabe Hollo Schwierigkeiten mit dem Fliegen bekam. Aranka und Orsolya fingen zu zweifeln, ob sie das Ziel je erreichen würden. Sie waren sehr, sehr müde, und das Klettern wurde für sie immer schwieriger. Manchmal weinten sie in Erinnerung an die warme Stube zu Hause…Dann griffen sie zu dem Glöckchen, und sein Klang gab ihnen Trost, Wärme und neue Kräfte.

Eines Tages gerieten sie in schwarze, undurchdringliche Wolken. Eine klebrige Dunkelheit umhüllte sie; die Zwillinge spürten sie an ihren Gesichtern und Händen. Und in dieser Dunkelheit vernahmen sie plötzlich unheimliches Weinen, Winseln und Klagen. Etwas Unbeschreibliches näherte sich den Wanderern und flößte ihnen Angst ein.

Okosch schlüpfte unter das Hemd von Aranka und zitterte erschrocken; der Rabe Hollo versteckte sich unter dem Bauch des Schäferhundes, und selbst der blieb an den Beinen der Mädchen stehen und knurrte.

Die Zwillinge zündeten Fackeln an und hielten sie hoch über ihre Köpfe. Sie sahen, dass sie sich an einer Weggabelung befanden. Auf dem rechten Ast, der größer als ein Weg war, sahen sie ein Riesennest, in dem hundert oder mehr Kühe Platz gefunden hätten. Überall lagen Knochen und dampfende Körperreste von Tieren und Vögeln, und aus seiner Mitte stiegen beißende Schwaden von Schwefelrauch.

Plötzlich ertönte ein so schreckliches Geheul, dass der ganze Ast zu beben begann.

Die Mädchen fielen um, doch glücklicherweise gingen die Fackeln nicht aus. Lusto kugelte sich wie ein Ball in Richtung des Nestes herunter, doch er blieb am Rande des Nestes inmitten der abscheulichen Gerippe stecken. Der Rabe Hollo verschwand in einem Versteck.

„Wer wagt mich zu wecken? Wer zu mir kommt, wird aufgefressen!“, heulte der Teufel unvermittelt.

Er schwebte über den Mädchen auf seinen Drachenflügeln und war mit schwarzen Schweineborsten bedeckt, seine Beine hatten Hufe, und seine Tatzen waren mit säbellangen und messerscharfen Klauen bestückt. Aus seinem Rachen ragten die mit grünem Speichel bedeckten, spitzen Zähne. Zwischen seinen hervorquellenden Augen wuchs ein spiralförmiges Horn.

Aranka und Orsolya erstarrten zuerst vor Schreck, doch sie erinnerten sich sogleich an den Rat des Janosch und warfen mit einer Fackel nach dem Teufel.

Der bekam einen solchen Schreck, dass er von dem Nest wegflog und anfing wie Espenlaub zu zittern. Die Macht der Mächte, die den Himmelhohen Birnbaum bewacht hatte, fiel von ihm ab. Jetzt sah er wie ein alter, hilfloser Hahn.

„Sei gegrüßt, Herr Teufel, hab keine Angst. Wir kommen zu dir auf der Suche nach der Frucht des Lebens. Sei so nett und zeige uns den Weg, dann lassen wir dich in Frieden.“

Der Teufel beruhigte sich, als er merkte, dass die Mädchen ihm nichts antun wollten.

Die Feldmaus Okosch schlüpfte aus dem Hemd von Aranka heraus und nahm Platz an ihrer Schulter; der Rabe Hollo flatterte – der Teufel weiß woher! – hervor und nahm auf dem Kopf von Orsolya Platz, und der Schäferhund Lusto richtete sich auf und fing an mit dem Schwanz zu wedeln.

„Kehrt um,“ sagte der Teufel mit der Stimme, die lieblich klingen sollte, aber nicht überzeugend klang. „Kehrt um, hier endet der Baumstamm. Der Erzengel bewacht mit den Schwert der Wipfel, rechts von ihm befindet sich das Land der Drachen, über dem Baum herrscht der Gott Isten, und links ist das Land der Nymphen, dessen Königin jeden Eindringling von dem Baum herunterstürzt. Doch wenn ihr sagt, ihr wollt in ihre Dienste eintreten, dann wird sie euch verschonen, und euch vielleicht, wenn sie zufrieden mit euch ist, die Frucht des Lebens schenken.

Ich rate euch jedoch umzukehren. Wenn ihr wollt, fliege ich euch zu der Ebene zurück.“

„Vielen Dank für deine kostbare Anweisungen und Ratschläge,“ antworteten die Mädchen. „Ohne sie wären wir verloren. Doch wir müssen weiter, Opa Ferenc wird von Tag zu Tag schwächer. Wir gehen ins Land der Nymphen. Obwohl du ein Teufel und Feind des Lichtes bist – Gott sei dir gedankt.“

Als der Teufel diese Worte hörte, griff er sich an die Ohren, verlor das Gleichgewicht und stürzte aus dem Nest mit einem Winseln hernieder.

Der Platz blieb aber weiterhin unheimlich. Die Wanderer verließen ihn schnell und wandten sich nach links, zu dem Land der Nymphen.

Fortsetzung folgt.
Bild – Tibor Jagielski

Lato…

Wyginam

Tak się czuję, nie mam siły na więcej… Dorota Kot – dziękuję, że to znalazłaś!

Unbeholfene Übersetzung für deutsche Leser:
Was tust du?
Aussterben.
Ich bitte die Puristen, das, was oben steht, nicht zu korrigieren.
Es soll so sein: Was tust du? Aussterben (tue ich).
Ich hab’ fertig!
(Auf Polnisch ist es wirklich lustig :-))


Poza tym… / Ausserdem

ComicInvasionBerlin am 16./17. und 23./24. Juni 2018

Tag der Architektur

48 Stunden Neukölln

Es gibt dabei durchaus auch polnische Akzente, obwohl man sie auf den ersten Blick nicht sofort erkennt.

Dimensionen

Fiszbach und Hartmann zeigen Zeichnungen und Fotos von Leuten ohne Namen.
Sa 16:00 bis 22:00

Mehr umsonst / Więcej za darmo

Und wenn es kosten darf (Achtung: ab 60 Euro, aber Tickets für Rolling Stones, als ich sie last minute gestern kaufen wollte, begannen ab 105 euro… Es war Konzert Ü70, aber Jungs waren in Form und Olympiastadion voll. Als Zugabe gab es „Satisfaction“ mit Feuerwerk – ein passender Schlusspunkt, schreibt Meike Schulz in Berliner Zeitung)

Fast & Furious in der Mercedes Benz Arena


Und sonst, ein Schönes Wochenend

HIER / TU

Das Märchen von den Zwillingen 1

Krzysztof Jagielski

aus dem Polnischen von Tibor Jagielski

Einführung

Es gab einmal vor langer, langer, sogar sehr langer Zeit, in Siebenbürgen, ein ungarischer Dorf namens Kaszoningyar. Dort wohnte ein Bauer, der Zsigmond Gabosi hieß.

Er hatte so viele Kinder, dass er – wie er lachend sagte – nicht einmal wußte, welche im Frühjahr und welche im Herbst geboren waren.

Um die Wahrheit zu sagen, es gab deren elf, sechs Söhne und fünf Töchter.

In diesen alten Zeiten sagte man: “Hut geht vor der Haube“, darum war der Bauer Gabosi traurig, daß so wenig Söhne im Hause herumliefen. Aber er hatte die Hoffnung, daß seine Frau Terezia, die gerade wieder schwanger war, ihm noch einen Sohn gebären würde. Es kam jedoch nicht dazu…Aber der Reihe nach.

Die Bäuerin Terezia gebar ihre Kinder in ihrem Haus, in der Küche. Das war der größte Raum, dessen Löwenanteil ein gemauerter Ofen einnahm, man konnte auf ihm nicht nur viele Töpfe unterbringen, Brot backen und während der Feiertage ein Ferkel oder ein paar Gänse braten, man konnte auf ihm sogar sehr bequem schlafen. Während des strengen Winters strahlte er wärme aus, so daß man sich nicht wundern darf, daß die Bewohner sich dort am liebsten versammelten.

Eines Novembernachmittags, als der Schnee schon bis zum Dachrand reichte und die rote Sonne sich hinter den hohen Berggipfeln zu verschwinden schickte, konnte das geschäftige Treiben der Nachbarinnen in der Küche, das Gurgeln des heißen Wassers in den Töpfen, die leere, mit duftendem Stroh ausgelegte Wiege, nur eines bedeuten – die Vorbereitungen auf die Ankunft des zu erwartenden Kindes.

Und so erblickte ein zartes Mädchen das Licht der Welt, und, als man den Bauern rief, damit er sich mit dem frisch Geborenen freuen durfte, passierte etwas Unerwartetes: fünf Minuten später gebar die Bäuerin noch ein zweites.

Es wurde still. Man konnte nur das Rauschen des brennendes Holzes hören. Auch die Neugeborenen schrien, wie es üblich ist, nicht. Der Bauer, an den Tisch gelehnt, schwieg erschüttert, und die Brüder und Schwestern, die inzwischen in die Küche gedrängt waren, beobachteten mit großen Augen dieses Naturwunder. Zwei Mädchen?! Das konnten sogar die Erwachsenen nicht verstehen. Bis heute hatten sogar die Ältesten nichts von einem solchen Ereignis berichtet, ja, nicht einmal davon gewusst, jedenfalls hier, im Gebirge, im Komitat Nagykaszon. Und Bauer Gabosi, der mit allen Wassern gewaschen war, konnte kein Wort über die Lippen bringen.

Endlich erinnerten sich die Zwillinge an ihre Pflicht und fingen an zu schreien; man weiß nicht, ob vor Kälte oder Hunger, oder ob sie einfach ein Zeichen setzen wollten, daß sie geboren worden waren und man sich mit ihnen beschäftigen sollte.

Schon goss man warmes Wasser in den Trog, in dem man üblicherweise Brot knetete, schon

fing die Geschwisterschar auch zu schreien und zu drängen an, um den Schwestern näher zu kommen, schon half man der Bäuerin, schon genossen die Mädchen ihr erstes Bad.

Der Bauer rief den Opa Ferenc und goß in die Kelche Birnenschnaps. Und als sie ein und ein zweites Mal getrunken hatten, setzten sie sich auf die Bank, um über die Namen für die Mädchen zu beraten. Dann legten sie sie fest – die ältere soll Aranka, die jüngere Orsolya heißen; wie die Großmutter. Und so wurden sie getauft.

Als die Neugeborenen, eingewickelt in saubere Leinentücher, schliefen und die Bäuerin Terezia auf dem warmen Ofen ruhte und die Dunkelheit von den Öllampen erhellt wurde, saßen am Tische der Bauer Zsigmond, Großvater Ferenc, Großmutter Ildiko, Bäuerinnen, die bei der Geburt geholfen hatten, sowie die ältesten Söhne. Man langte zu dem speziel für diesen Tag gebackenen Kuchen Pogatsch, trank vorsichtig den starken Birnenschnaps oder genoss den alten Wein aus den Tonkrügen.

Kein Gespräch kam zustande. Der Bauer schaute manchmal die Zwillinge an. Doch sein Gesicht war trübe, man weiß nicht, ob aus Enttäuschung, dass es die Mädchen und nicht den erhofften Jungen gegeben hatte, oder ob schwarze, abergläubische Gedanken ihn plagten. Aus Achtung schwiegen alle.

Großvater Ferenc räusperte sich, zog zweimal an der Pfeife und sagte:

„Heute haben wir den 13.November, dreizehn Kinder wurden geboren, und wie ich gerade zähle, sitzen wir in der Stube, deren Decke von dreizehn Balken getragen wird, auch zu dreizehn; ich heiratete die Großmutter auch am Dreizehnten. So sehe ich, dass 13 eine glückliche Zahl sein muss. So war es früher. Ich sage euch, es ist ein gutes Zeichen, ein Geschenk des Erzengels und nicht, pfui!, der Teufelsmacht“.

Als in der Küche die Aufbruchstimmung einzusetzen begann, kam plötzlich ein unerwarteter Gast herein und fegte den Schnee von der Schafskutte und von seinen langen, weißen Haaren herab. Im Halbdunkel konnte man zuerst sein Gesicht nicht erkennen, aber als er an den Tisch, ins Öllampenlicht trat – erhoben sich die Anwesenden und riefen durcheinander:

„ Janosch Kovacs, um Himmelswillen…!“

„ Sei gegrüßt Bauer, seid gegrüßt Leute. Mich friert und ich habe Hunger von der langen Reise, erlaubt es mir, ein Weilchen auszuruhen“. Und ohne auf die Erlaubnis zu warten, warf er die Kutte auf die Bank und kam an die Wiege. Die Zwillinge öffneten die Augen und lächelten ihn an. Dann setzte er sich an den Tisch und aß gierig, tunkte Brot in die Soße und langte oft zum Weinkrug, ohne sich um seinen langen Schnurbart zu kümmern.

Obwohl jeder tausend Fragen stellen mochte, schwiegen alle und ließen den unerwarteten Gast seinen Hunger stillen. Man beobachtete aufmerksam jede seiner Bewegungen.

Vor vielen Jahren war er im Dorfe ein angesehener Schmied gewesen und lebte gut, bis eines Frühjahrs die Bäche über die Ufer gestiegen waren und die Täler überschwemmt hatten, die Anwesen vernichtet und viele Menschen getötet wurden. Auch die Familie von Janosch – die Frau und seine vier Kinder gehörten zu Unglücklichen.

Seitdem war er verschunden, als ob ihn die Erde verschluckt hatte, und es wurde still um ihn.

Jetzt war er zurückgekommen. Aber wie hatte er den meterhohen Schnee überwunden, der die Wege versperrte?

Bis jetzt war das keinem gelungen; auch im Sommer brauchte man aus dem nächstgelegenen Dorf viele Stunden, um hierher zu gelangen. Die Zwillinge, die Rückkehr des Janosch, der dreizehnter November – sollte das ein Zufall sein? Alle warteten auf Kovacs Worte.

Der hörte auf zu essen und setzte sich auf den Ofen, angelehnt an den warmen Kamin. Großvater Ferenc reichte ihm eine seiner langen Pfeifen und das Säckchen mit Tabak. Janosch stopfte langsam den Pfeifenkopf, zündete ihn mit einem Holzstück an und zog ein paarmal.

In der Stube war es so still, dass man das Zischen der Öllampendochte hören konnte.

„ Vielen Dank, Bauer, für Speis und Trank“ – sagte Janosch endlich. Obwohl seine Haare weiß und sein Gesicht mit Furchen gepflügt auf ein hohes Alter hinwiesen, klang seine Stimme hell und kräftig, und seine Augen brannten wie Glut im Halbdunkel.

– “Vielen Dank für die Gastfreundschaft. Einen langen Weg habe ich hinter mir, ich wollte hier sein, wenn die Zwillinge geboren werden. Woher ich von diesem Ereignis wusste und wie ich den Schnee überwand, das kann ich euch nicht berichten.

Mein Leben wäre sonst in Gefahr. Ich bin zurückgekommen und werde hier bleiben. Wenn der Frühling kommt, werde ich auf meiner Erde ein Haus bauen und dort wohnen. Jetzt erlaubt mir, Bauer, in die Scheune zu gehen und auszuruhen, da ich sehr müde bin, und auch die Zwillinge brauchen ihre Ruhe.“

Die Versammlung löste sich zögernd auf. Janos unerwartete Rückkehr, die Geburt der Zwillinge, der dreizehnte November, all das erfüllte die Menschen mit abergläubischer Furcht. Alle waren Christen, doch seit Menschengedenken glaubte man in Siebenbürgen an Zauber und Hexen. Die umliegenden Berge und Wälder waren voll von Geistern, die in Tiergestalten herumwanderten und fähig waren, in Menschenleiber einzudringen; in den Schluchten und Grotten wohnten Drachen und Lindwürmer, die unermessliche Schätze argwöhnisch bewachten. Man sprach vom Himmelhohen Birnbaum, dessen Früchte jede Krankheit heilen sollten, und von Wagemutigen, die auf der Suche nach ihm vom Teufel gefressen worden waren. Doch wo dieser Baum wuchs, wusste niemand. Vielleicht sind die Geister von Bären oder Bergadler in den Zwillingen wiedergeboren worden? Fragen über Fragen…

In Erwartung des Frühlings und um sich bei dem Bauern für Obdach und Bewirtung zu bedanken, half Janos Kovac´s auf dem Hof. Er reparierte nicht nur kaputte Schlösser, Pflüge und andere Feldgeräte, sondern nahm eine dampfgetriebene Dreschmaschine in Betrieb. Die meiste Zeit verbrachte er im Stall. Die Pferde wieherten zufrieden, ihre Haut glänzte, man sah, dass Kovacs Obhut ihnen gut tat. Er sprach mit den Rössern wie mit den Menschen, doch keiner wunderte sich. In Ungarn war das Pferd nicht nur ein Freund, es gehörte einfach zur Familie. So war es seit jeher, als die Ungarn noch in den Steppen wohnten.

Kovac´s zweites Steckenpferd waren die Zwillinge. Obwohl sich, nach altem Brauch, ausschließlich die Frauen um die Kinder zu kümmern hatten, wurde Janos Kovacs ihr ständiger Begleiter. Großmutter Ildiko fluchte laut über diese Unanständigkeit, aber der Schmied lies sich nicht beirren und tat das Seine. Unter die Wiege zimmerte er Kufen und zog sie überall mit hin, wo er sich bewegte. Und da er die meiste Zeit im Stall verbrachte, so kann man sagen, dass die Zwilinge mit den Pferden aufwuchsen. Seine Liebe zu den Mädchen wurde von den Dorfbewohnern mit der Sehnsucht nach den eigenen, in der Katastrophe umgekommenen Kindern erklärt.

Doch Janos Kovacs war der einzige im Siebenbürgenland, der die Wahrheit kannte. Aranka und Orsolya waren sein Trost auf dieser Erde, und er brachte den beiden die Sprache der Tiere bei, wie es der Wille der Königin der Nymphen vom Himmelshohen Birnbaum war.

Sie hatte ihm auferlegt, auf die Erde zurückzukehren, in sein Dorf Kaszoningyar, um die Zwillinge in seine Obhut zu nehmen. Obwohl Kovacs die Liebe und den Frieden in dem Königreich der Nymphen wahrlich genossen hatte, beugte er sich dem Befehl der Königin, die ihm während der Wanderung zu dem Himmelshohen Birnbaum das Leben gerettet hatte, als er die lebensspendenden Früchte für seine Frau und Kinder gesucht hatte. Aber diese lebten schon glücklich im Siebten Himmel. Und der Erzengel, Wächter der Sieben Himmelsphären, ließ ihn einen Einblick gewähren.

Und so war Janos Kovacs zurückgekommen auf dem siebenbeinigen, geflügelten Ross, das schneller als die schneeschwangeren Wolken und der Abendfrost war, und war vor dem Haus des Bauers Gabosi unbemerkt gelandet, wo alle so mit der Geburt beschäftigt gewesen waren.

Die Tage vergingen, die Monate vergingen. Die Zwillinge wuchsen rasch und genauso prächtig heran wie ihre Zeitgenossen, obwohl man munkelte, dass sie „anders“ seien. Vielleicht waren sie doch etwas kräftiger, reger, aufmerksamer. Ihre Augen funkelten, pechschwarze Zöpfe fielen auf die Arme, die Gesichter waren braungebrannt von Sonne, Wind und Regen. Man hörte sie mit Schwalben, Kühen, Pferden, Mäusen, sogar Käfern, sprechen. Doch keiner nahm es ihnen ab; andere Kinder lachten sie aus, und die Erwachsenen zeigten ihnen einen Vogel.

Je älter sie wurden, desto kürzer wurde die Zeit für Spiele. Es kamen neue Hausaufgaben auf sie zu. Die Mädchen waren sehr tüchtig und halfen gerne überall mit. Sie fegten mit den Gänseflügeln Haus und Hof; sie tränkten die Pferde, melkten die Kühe und weideten, gemeinsam mit den älteren Geschwistern, die Schafe auf der Alm. Das strenge Klima, die schwere Hofarbeit, das Klettern auf den Felsen, das Sammeln von Beeren, Kräutern und Pilzen, härteten sie ab.

Sie durchstreiften nicht nur das Gebirge und halfen der Mutter, sondern lernten ihre Welt genau kennen. Und sie hatten zwei ausgezeichnete Lehrer dabei – Opa Ferenc und Janos Kovacs.

Im Hause Gabosi gab es, außer der Bibel, alte, schon vergilbte Zeitschriften, diverse Bauernkalender und sogar ein Kochbuch. Das waren die Wissensquellen für Orsolya, Aranka und ihre Geschwister. Opa Ferenc bemühte sich redlich, allen Kinder Lesen und Rechnen beizubringen.

Die Zwillinge erwiesen sich als erstaunlich lernfähig. Im Alter von fünf Jahren hatten sie schon ihre Geschwister überflügelt.

An die Stelle des alten, durch die Flut vernichteten Anwesens, baute sich Janos Kovacs eine kleine Hütte. Den Schmiedeberuf hängte er an den Nagel. Er half den anderen Dorfbewohnern bei den täglichen Arbeiten, doch vor allem widmete er jede freie Minute Orsolya und Aranka. Er kümmerte sich um sie und wurde zu ihrem Schatten. Die Mädchen hingen an ihm, da er die Sprache der Tiere kannte und ihnen die Geheimnisse der Natur offenbarte.

Er lehrte sie die Kraft der Kräuter, die Heilkraft der Bäume, der Steine und Felsen kennen. Gemeinsam durchwanderten sie kniehohe Moraste, voll von Blutegeln und Mücken; gingen durch halshohen Schnee; kletterten auf steile, bemooste Wände, übersät von scharfen Steinen; durchquerten hohe Gebirgspässe, um dorthin zu gelangen, wo die Familie des Steinadlers wohnte und der Bär seine Höhle hatte; sie wateten durch Bäche, wo sich Forellen versteckten und Krebse im Krebsgang krochen; durchstreiften die Täler, wo Murmeltiere huschten und Steinböcke sprangen; beobachteten das Leben der Ameisen, der Spechte und schauten zu, wenn der Falke das Kaninchen fing; sie spürten die Winde und den Lauf der Wolken und lernten das Wetter vorauszusagen – ob sonnige Tage, ob Gewitter voll Regen oder Schnee zu erwarten wären

So lehrte Janos Kovacs die Mädchen, die Welt zu lieben und zu achten.

Doch über den Himmelshohen Birnbaum schwieg er.

Die Zwillinge wurden erwachsen. Man beäugte sie im Dorfe inzwischen nicht mehr, sondern brachte ihnen viel Achtung entgegen, da sie imstande waren, viele Dorfbewohner von ihren Krankheiten zu heilen. Auch kranke Tiere wussten sie zu pflegen – auch ein gebrochenes Kuh– oder Schafsbein vermochten sie zu richten.

Doch der Großvater bereitete ihnen Sorgen. Er blieb immer öfter auf dem Ofen liegen. Geplagt von Schmerzen, die seine Hände krümmten, konnte er nicht mehr seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen – dem Schnitzen von Stöcken, die Bauer Gabosi oft auf den umliegenden Märkten verkauft hatte. Großvater hatte selbst mehrere davon: einige für den Alltag, und andere für die Feiertage.

Nur einen außergewöhnlichen, der auf dem Ofen hing, lies er niemanden anfassen, nicht einmal die Zwillinge. Warum? Das blieb Großvaters Geheimnis.

Keine Medizin, weder Kräuterbäder, Murmeltier- oder Bärensalben, weder Janos Kovacs’ Besprechungen noch Gebete der Nächsten, vermochten ihm zu helfen. Der Großvater bereitete sich auf den Tod vor.

Orsolya und Aranka waren verzweifelt und baten sogar die Tiere und Vögel um Hilfe. Doch keiner wusste Rat – und Opa Ferenc wurde von Tag zu Tag schwächer.

Eines Sommernachmittags kamen die Zwillinge auf der Rückkehr vom Forellenfang, bei Janosch vorbei. Im Schatten der Eiche im Garten, als sie die, sehr schmackhaft vorbereitete, Fischsuppe gegessen hatten, hörten sie Janoschs Erzählung zu. Er offenbarte den beiden sein Geheimnis. Er sprach von der Reise zum Himmelshohen Birnbaum und seiner Suche nach den Früchten des Lebens. Die Mädchen wurden murcksmäuschenstill, ergriffen von der Ungewöhnlichkeit der Geschichte. Es fing schon an zu dämmern, als Janosch, das Gesicht in den Händen vergraben, sichtlich erschöpft, seine Geschichte beendete. Orsolya und Aranka schmiegten sich an den Mann, um ihn zu trösten und zu zeigen, wie nah er ihnen war. Jetzt begriffen die Zwillinge, dass die einzige Rettung für den Großvater die Früchte des Lebens sein könnten. Sie waren zum Aufbruch bereit, trotz aller Gefahren und Ängste, die sie, nur auf die eigenen

Kräfte bauend, würden überwinden müssen. Doch wie könnten sie aufbrechen ? Die Eltern würden es bestimmt verbieten, und der Großvater würde davon abraten.

Janosch merkte ihre Ängste, ihre Zweifel. Er wusste, dass die Königin der Nymphen ihn auf die Probe stellte. Die Zwillinge waren sein Trost, er liebte sie wie seine eigenen in der Flut verlorenen Kinder. Doch jetzt musste er über den Abschied entscheiden. Wenn sie zurückkommen würden, würde er nicht mehr da sein, sondern bei seinen Nächsten, im Siebten Himmel.

Die Entscheidung aber war schon gefallen. Die Mädchen waren entschlossen, diese abenteuerliche Reise zu wagen. Und keiner konnte sie mehr aufhalten, nicht einmal Janosch selbst.

So musste er sie vorbereiten und ihnen viele Ratschläge erteilen. Doch nicht jedes Geheimnis konnte er preisgeben, da ihm das doch die Königin der Nymphen strengstens verboten hatte.

Sie müssten alleine zurecht kommen, selbst lernen, richtige Schlüsse zu ziehen, die Angst und eigenen Schwächen zu überwinden.

Als über den Wipfeln die rote Sonne herunterfloss und der Schatten der Tannen immer länger wurde, entfachte Janosch Kovacs ein Lagerfeuer und ging zurück in die Hütte.

Nach einer Weile, genau bei Einbruch der Dunkelheit, hörte man rhythmische Trommelschläge, und Janosch trat heraus. Mit einem Spitzhut mit Eulenfeder und Hirschledermantel verkleidet, mit Glöckchen und Krimskrams behangen, kam er an das Feuer heran und fing an zu tanzen, gleichzeitig mit den hölzernen Stöckchen auf die Trommel schlagend. Er stieß dabei kaum verständliche Laute raus. Die Mädchen erkannten den Ruf des Falken, das Heulen des Wolfes, und Schrei eines Schafes, das zerrissen wird.

Plötzlich fing er an zu singen:

Ko – ho –i ke – ho oj – kej –kou
Ko – ho – i … Alle toten Geister,
Wenn ich euch darum bitte,
oj – kei – kou!
Hört auf die verzauberte Stimme meiner Trommel!

Die Bewegungen des Tänzers wurden immer ruhiger, und die Stöcke wirbelten immer langsamer, und seine Stimme wurde farblos und monoton.

Orsolya und Aranka schliefen ein. Und ihnen träumte, dass Janosch mit ihnen sprach.

Er wies den Mädchen den Weg zum Himmelhohen Birnbaum; er zeigte ihnen den über den Gebirgspass wachenden Riesen, in dessen Ohr sich ein Schlüssel befand; er erzählte von dem Teufel über den Wolken, der den Birnbaum hütete und wie man ihn mit Feuer besiegte; er erzählte und erzählte…

Die Mädchen wachten am nächsten Morgen in ihren Betten auf und wunderten sich, wie sie wohl nach Hause gelangt waren. An den Traum konnten sie sich beide jedoch genau erinnern : sie sollten zur Eiche mit der ausgebrannten Höhle gehen, dort einen Stock nehmen mit dem Knauf in Gestalt des Kopfes der Königin der Nymphen; Äxte mit kurzen Griffen, mit Silber beschlagene Bögen aus Knochen, deren Saiten aus Hirschgedärmen gefertigt waren; meterlange, elastische Schnüre; das Glöckchen und den Feueranzünder sowie wundersame Krafttropfen. Dort sollten auch Tiere auf sie warten.

Doch welche, hatte Janosch nicht erwähnt.

Den Eltern konnten sich Orsolya und Aranka bezüglich ihrer Reise zum Himmelhohen Birnbaum nicht offenbaren; sie wären dann sicher in einer dunklen Kammer eingesperrt und streng bewacht worden. Sie gingen zum Opa Ferenc.

Großvater hörte ihnen schweigend zu, weinte , schloss sie in die Arme, küsste und bekreuzigte sie. Dann zeigte er auf den Stock, der an dem Ofen hing und sagte:

„Nehmt ihn mit. Er kann euch in vielen gefährlichen Situationen behilflich sein. Ich weiß, dass ich euch nicht aufhalten kann. Ich warte auf euch.“

Die Zwillinge packten Käse, Pogatsch, Räucherspeck und warme Sachen in die leinenen Säcke und verließen das Haus.

 

Fortsetzung folgt
Die Bilder – Tibor Jagielski