Wieder da!

Monika Wrzosek-Müller

Maremma amore mio

Vor einem Jahr schrieb die Autorin über Maremma: https://ewamaria.blog/2025/11/09/frauenblick-auf-toscana/

Wir sind wieder da, am südlichsten Zipfel der Toskana. Es ist dieses Jahr heiß, das Wasser wie lauwarmer Tee, an manchen Stellen wie Suppe. Es kommt uns eine Urwärme entgegen, die wir so in den letzten Jahren nicht hätten; alle sind hier besorgt, denn wenn jetzt jedes Jahr die Temperaturen weiter so steigen würden, könnte man nicht mehr hier leben. Dazu kommt eine unheimliche Luftfeuchtigkeit, die natürlich von den Lagunen, dem Meer, dem Wasser rundherum resultiert. Schon jetzt verfügen die meisten Häuser über eine Klimaanlage. Das wiederum bedeutet mehr Wärme draußen auf den Straßen. Die Menschen hier sortieren ihren Müll sorgfältiger als in Berlin, sammeln Plastik an den Stränden, fahren winzige Autos, viele auch Elektro…viel mehr können sie nicht tun. Trotzdem ist das Gebiet um den Monte Argentario eines der grünsten rundherum und sogar in der hitzigsten Hitze ist es hier schattig und angenehm. Die grünen Hügel sorgen für angenehmes Klima. Kaum vorstellbar, wie die Menschen Temperaturen von über 45 Grad in einer zubetonierten Stadt aushalten müssen. Hier eine kurze Bestandsaufnahme, es ist Ende September, die Temperaturen liegen in der Nacht bei 24, am Tag bei 30 Grad.

Das Thema, das mich hier die letzten Tage begleitet hat, war das Filmfestival von Venedig. Leider nicht die wunderschönen Roben der Schauspielerinnen und Anzüge ihren Begleiter, sondern wirklich ein Film, der mir nicht aus dem Kopf geht. Jetzt ist das Festival beendet und die Sieger stehen auf dem Podest; die will ich gar nicht aufzählen. Mich beschäftigt ein Film, dessen Ausstrahlung auf dem Festival mit 25-minütigem Applaus bedacht wurde. Den Film habe ich nicht gesehen, doch die Diskussion darüber wird in den hiesigen Zeitungen täglich geführt.

Es geht um den Dokumentarfilm der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor „Naza“. Wir alle wissen, dass in Gaza schreckliches passiert ist und weiter passiert. Die zivile Bevölkerung ist Zuständen ausgeliefert, die es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr geben darf. Der Film zeigt nicht einmal direkt die totale Zerstörung des Gaza Streifens, sondern er arbeitet mit Interviews, die auf den Dächern von Tel Aviv mit israelischen Militärs und Geheimdienstlern geführt wurden und aus denen eindeutig hervorgeht, dass die zivilen palästinensischen Opfer auch Ziel der militärischen Operationen waren. Natürlich werden die Stimmen der Interviewten verstellt und die Gesichter unkenntlich gemacht, aber die Informationen sind sehr detailliert und sehr glaubwürdig.

Yuval Abraham kennen wir schon von einer anderen Doku – „No Other Land“. (Über diesen Film hat die Autorin ebenfalls schon geschrieben: https://ewamaria.blog/2024/12/10/frauenblick-auf-einen-film/) Auch da schlug die Welle der Empörung seitens der israelischen Regierung hoch. Diesmal schlägt sie noch schärfere Töne an und der rechtsextreme israelische Sicherheitsminister Itmar Ben-Gvir droht den Filmemachern mit der Ausbürgerung; es ist derselbe Minister, der meinte, 40 bis 50 tote Palästinenser jeden Tag wären auch nicht schlecht. Ernsthaft kündigt er an, Abraham und Szor die Staatsbürgerschaft entziehen zu lassen. Tatsächlich ist der Entzug der Staatsangehörigkeit in Israel seit 2022 rechtlich möglich, auch für gebürtige Israelis. Damals bestätigte das oberste Gericht, dass eine solche Maßnahme möglich sei, wenn eine Person ihre „Loyalität“ gegenüber dem Staat durch Spionage oder Verrat gebrochen hätte.

Ob Minister Ben Gvir wohl Hannah Arendts klassisches Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ gelesen hat? Da heißt es: „Denaturalisierung und Entzug der Staatsbürgerschaft gehörten zu den wirksamsten Waffen in der internationalen Politik totalitärer Regierungen, weil sie hierdurch dem Ausland, das innerhalb seiner eigenen Verfassungen unfähig war, den Verfolgten die elementarsten Menschenrechte zu sichern, ihre eigenen Maßstäbe aufzwingen konnten. Wen immer die Verfolger als Auswurf der Menschheit aus dem Lande jagten – Juden, Trotzkisten und so weiter –, wurde überall auch als Auswurf der Menschheit empfangen, und wen sie für unerwünscht und lästig erklärt hatten, wurde zum lästigen Ausländer, wo immer er hinkam.“

Der Film spielt, so habe ich verstanden mit den Zahlen der Opfer: der von der Hamas am 7. Oktober 2023 getöteten 1200 Menschen und der 251 verschleppten israelischen Geiseln und der schätzungsweise 73 000 palästinensischen Kriegsopfer. Dieses Ungleichgewicht muss allen auffallen und es ist, bedenkt man, welche Technologien und Informationen, der israelischen Armee zur Verfügung stehen, ungeheuerlich. Es beweist, dass bei der Anwendung von KI-Technik gezielt mehr Opfer in Kauf genommen und zivile Objekte zerstört wurden.

Ich hoffe, ich werde den Film bald einmal sehen und mir mein eigenes Urteil bilden können, doch schon jetzt wollte ich auf den Film aufmerksam machen, denn Antisemitismus beginnt nicht da, wo man etwas kritisch hinterfragt und auf Leid und Ungerechtigkeit hinweist. Das Vorgehen der israelischen Regierung, der israelischen Armee hat dazu geführt, dass sich viele Menschen zu fragen beginnen, wie ist es möglich ist, dass Juden anderen das antun, was ihnen selbst widerfahren ist. Den Fakten und Geschehnissen kritisch gegenüber zu stehen, bedeutet nicht unbedingt Antisemitismus.

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