Christmas in Weißrussland/ Belarus/ Białoruś/ Беларусь

W samą wigilię Bożego Narodzenia (24 grudnia, czyli 6 stycznia według kalendarza juliańskiego), zwaną po rosyjsku soczelnikiem, obowiązuje prawosławnych najostrzejszy post w ciągu tych 6 tygodni. Powstrzymują się wówczas cały dzień od jedzenia. Wieczorem spożywa się kutię, zwaną biedną (postną). Kutia bogata ze specjalnymi dodatkami spożywana jest dopiero w noc noworoczną, czyli z 13 na 14 stycznia i w uroczystość Chrztu Pańskiego (19 stycznia).

Johanna Rubinroth & Tanja Krüger

Vom Siegesstern zum Weihnachtsstern / Od Gwiazdy Zwycięstwa do Gwiazdy Betlejemskiej

Szopa w salonie 16

Łukasz Szopa

Święta – czyli o Piekle

Święta, okres rodzinny, okres radości, miłości, podarunków, wspólnoty i innych pięknych rzeczy. Czas nadejścia zbawiciela i latających aniołków. Warto więc napisać kilka słów o piekle.

Nie, nie będę pisał o corocznym tradycyjnym piekle czy piekiełku świąteczno-rodzinnym, czyli pełnym stresu gonieniem za prezentami, nerowym przygotowywaniem żarcia i wkurzającym stawianiu choinki. Nie będzie o piekiełku między teściową a synową, między skłóconymi braćmi, chłodem i agresją między żoną a mężem, córką a braćmi, czy o pełnych emocji rozmowach o przeszłości, przyszłości, czy polityce. To każdy zna z własnego podwórka najlepiej.

Będzie ten tekst pochwałą moich rodaków – Polaków. Za wiarę. Za wiarę – w piekło.

Tak się składa, że kilka lat temu na łamach niemieckiego tygodnika pisałem (https://www.freitag.de/autoren/lukasz-szopa/wo-zum-teufel-ist-nur-die-hoelle-geblieben) o dziwiącej mnie niezmiernie, wynikającej z badań opinii publicznej na „Zachodzie“, olbrzymiej dysproporcji między odsetkiem ludzi wierzących w „niebo“, a dużo mniejszym odsetkiem wierzącym w „piekło“ (cokolwiek mielibyśmy, czy oni, pod tymi słowami rozumieć). Nie mogłem pojąć, skąd – wśród tych, co w cokolwiek „pozagrobowego“ wierzą – taka różnica. W „niebo“, czyli „fajny zaświat“, wierzy 40 do 50 procent, w piekło – prawie połowa mniej. Czy to naiwność, ta wiara, że „potem“ będzie raczej „pięknie i słodko“, niż „strasznie i boleśnie“? Czy to Wunschdenken (myślenie „życzeniowe“)? Czy nazbyt proste przeciwstawienie oceny sytuacji „przyziemnej“ (oj jak tu źle i strasznie!) to tego, co ma być potem (oczywiście – na „nagrodę“ lub nie – lepiej!), takie tanie „yin-yang“?

Tym bardziej, że – osobiście nie wierząc w jakiekolwiek „zaświaty“ i życie „pozagrobowe“ – uważam, że jeśli Bóg istnieje, i jeśli miałoby istnieć jakiekolwiek „po“ – to nie widzę powodów czy argumentów czy przesłanek, by prawdpodobieństwo „nieba“ miałoby być wyższe niż „piekła“. Gdyż wychodzę z założenia, że jeśli Bóg istnieje, i jeśli coś dla nas „na potem“ przygotował – to jako istoty ludzkie mamy zero szans i możliwości poznania i zawyrokowania, co dla nas przygotował.

W Polsce z kolei, i to od lat (ostatnie dane jakie wyłowiłem to rok 1997) – wiara w piekło jest stabilna, waha się od 56 do 61%, podczas gdy wiara w „niebo“ czy „zbawienie“ niewiele większa, w granicach 61 do 72%. Dowód, że Polacy nie tylko mocniej wierzą w jakąkolwiek „przyszłość pozagrobową“, ale i że niekoniecznie preferują wiarę w „marchewkę“ nad wiarą w „kij“. Oczywiście, dane statystycznie niestety nie mówią, czy nie jest czasem tak, że wierzą w marchewkę dla siebie, a w kij – dla innych… (męża, żony, brata, siostry, teściowej, synowej, stryjka, sąsiadki, szefa, prezesa, ojca dyrektora i tak dalej…)

Engel und Pietas

Manfred Wolff

Ich wohne nicht in einem Museum

Nein, Sie betreten kein Museum, wenn Sie mich besuchen in unserer Berliner Wohnung. Aber Sie betreten Geschichte: die Geschichte meiner Familie, die Geschichte meiner Ehe und auch meine Geschichte. Und diese Geschichte ist nicht museal tot – sie ist unser Leben.

Im Flur werden Sie begrüßt von bunten Wänden. Hinterglasbilder mit Heiligen und Räubern bedecken die Wände. Meine Frau Urszula hat diese Schätze aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gesammelt. Sie stammen in der Mehrzahl aus der polnischen Tatra, aber auch Volkskünstler aus anderen Regionen sind unter den Autoren. Gleich bei der Ankunft begegnen Sie aber auch schon Józef Chełmowski. Von oben, aus einer Ecke heraus begrüßt Sie ein Engel des kaschubischen Künstlers. Auf der Kommode zur rechten stehen einige seiner Engel und links von der Tür zum Wohnzimmer hat dieser Engel seinen Platz, mit dem unsere Sammlung von Chełmowskis Arbeiten begann: „Hominem te esse memento“, sagt er. Über der Wohnzimmertür hängt ein dramatisches Bild von Tadeusz Żak. Engel und Teufel kämpfen um die Seelen der Bewohner eines kleinen polnischen Dorfes. Wie wird das ausgehen?

Wenn Sie nun das Wohnzimmer betreten, lassen Sie den Blick nicht nach links abschweifen, denn dort gibt es nicht viel zu sehen, obwohl es ein Ort künstlerischen Schaffens ist, wo aus einfachen Dingen Werke entstehen, die auf vielfältige Weise die Sinne erfreuen und Menschen stärken, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Es ist die Küche…

Im Wohnzimmer empfängt Sie wieder ein Engel, nun aber fast mannsgroß mit vier Flügeln, ein Erzengel eben. Er trägt die Tracht einer kaschubischen Frau und blickt streng prüfend auf die Eintretenden und auf das, was sich an unserem Tisch so abspielt. Das ist unser Schutzengel, und er hat sich schon deutlich sichtbar den Kopf zerbrochen über all die Narrheiten, die unser Leben so ausmachen. Nüchternere denken da eher, dass das Holz, aus dem Chełmowski ihn geschlagen hat, wohl sehr jung war, sodass es jetzt durch den dauernden Aufenthalt in einer gut beheizten Stube einen Spalt gerissen hat.

Der Engel steht am Tisch, und um den Tisch stehen die Stühle, die meine Großeltern mütterlicherseits erwarben, als sie ihren Ehestand begründeten. Sie sind nun schon 110 Jahre alt. Mein Großvater konnte nur sieben Jahre darauf sitzen. Er fiel zu Beginn des Ersten Weltkriegs am Hartmannsweilerkopf, dem Menschenfresserberg im Elsass. Obwohl zur rechten eine gutbürgerliche Polstergarnitur einlädt, sitzen wir doch meist auf diesen Stühlen. Vielleicht sitzt Großvater ja noch manchmal dabei und freut sich, dass seine damalige Anschaffung noch immer in Ehren gehalten wird, Mittelpunkt eines Familienlebens ist, wie er es sich gewünscht hat.

Auch die Kommode und das Vertiko, beide an den Türen mit Jugendstilornamentik geschmückt, sind Erbstücke aus dem Besitz meiner Großeltern. Das Vertiko wird von einer Vielzahl bunter Vögel bewohnt, Schöpfungen polnischer Volkskünstler, und auf der Kommode stehen die Schafe Davids des Bildhauers Bronisław Chromy, in Krakau verliehen für unsere Verdienste um die Jüdisch-Polnisch-Deutsche Verständigung sowie zwei kleine Pegasusfiguren von Adam Myjak, mit denen uns die Warschauer Akademie der Künste für unsere Förderung der polnischen Kunst in Deutschland auszeichnete.

Über der Kommode hängt an der Wand das älteste Stück unserer Wohnung, eine Uhr, die mein Urgroßvater mütterlicherseits seiner Frau zur Silberhochzeit schenkte. Sie geht immer noch zuverlässig. An jedem Sonntag ziehe ich sie auf (klingt ein bisschen wie Tristram Shandy). 129 Jahre ist sie alt. Sie hat die letzten Stunden meiner Urgroßeltern, meiner Großmutter und meiner Eltern geschlagen und sie wird auch unsere letzte Stunde schlagen – hoffentlich nicht so bald…

Eine Halbwand wird von einer Schrankwand im Kajütstil eingenommen, auf der sich auch wieder zahlreiche geschnitzte Vögel tummeln: Eulen und Tukane, Störche und Gänse, und an einer Seitenwand des Schranks hämmert fleißig ein Specht.

Der Raum daneben ist Bildern unseres Freundes Edward Narkiewicz vorbehalten: Surrealistische Kompositionen von verschmitzter Heiterkeit und melancholischer Nachdenklichkeit. Gegenüber eine Wand mit Arbeiten von Jan Dobkowski in geometrischer Strenge und überschäumender Phantasie. Natürlich hängen auch über dem Sofa Bilder, aber kein brüllender Hirsch oder eine Schlittenfahrt im Winter. Es sind Gemälde von Andrzej Węcławski, Jan Aniserowicz, Dorota Grynczel, Apoloniusz Węgłowski, Piotr Lutyński, Paul Rascheja, Ellen Fuhr und Charlotte Petersen.

So viel Kunst verlangt nach einer Ruhezone für das Auge. Die Fensterfront bildet bei geschlossenem Lamellenvorhang eine große weiße Wand, ohne jedwede Kunst.

Im Durchgang zu den hinteren Räumen hängen zeitkritische Bilder des naiven Malers Stanisław Żywolewski aus Hajnówka, oben auf dem langen Bücherregal haben Schnitzereien von verschiedenen Volkskünstlern ihren Platz gefunden mit Szenen aus dem alttestamentarischen Leben. In Urszulas Arbeitszimmer füllen Grafiken und Zeichnungen die Wände. Mehrere Pietas runden hier das vielfältige Bild der polnischen Volkskunst ab. In meinem Arbeitszimmer schmücken Radierungen von Irena Snarska die Wand, und Maximilian Kolbe sowie der heilige Franziskus leisten acht Figuren des Chrystus Frasobliwy Gesellschaft.

Auf den Schränken im Schlafzimmer findet siebenmal die Weihnachtsgeschichte statt in Form von Krippen, und gegenüber den Betten hängt ein buntes Kaleidoskop von Aquarellen, Zeichnungen und Pastellen, darunter Arbeiten von Erna Rosenstein, Jan Dobkowski, Rafał Strent, Marian Nowiński, Kazimierz Furga und Jacek Dyrzyński. So ist unser letzter Blick am Abend und unser erster Blick am Morgen natürlich auf Kunst gerichtet.

Selbst in dem Raum, den andere einer streng geometrisch-konstruktivistischen Keramikkunst widmen, geht es nicht ohne künstlerische Schönheit bei uns ab. Vier Terrakottaplastiken zieren hier das sonst sehr einfallslose Umfeld.

Alles in unserer Wohnung hat eine Geschichte. Wenn man mit diesen Dingen lebt, erzählen sie ihre Geschichte und werden Teil der eigenen Geschichte, jenseits jeder Geschichtspolitik. Die Kunst macht uns Mut, den Geschichten zu lauschen und sie selbst weiter zu erzählen: Ein weiteres Kapitel polnisch-deutscher Geschichte.


Text © Manfred Wolff, siehe Blog
Fotos © Urszula Usakowska-Wolff, siehe Homepage & Blog 

1. Engel von Józef Chełmowski im Flur
2. Siamesischer Engel von Józef Chełmowski
3. Apokalyptischer Engel von Józef Chełmowski im Flur
4. Eckengel von Józef Chełmowski im Flur
5. Kaschubischer Engel von Józef Chełmowski im Wohnzimmer
6. Heinrich Heine von Józef Chełmowski im Wohnzimmer
7. Blick ins Wohnzimmer I
8. Blick ins Wohnzimmer II
9. Heilige und Christusse sitzen auf der Fensterbank in Manfreds Wohnzimmer
10. Pietas in Urszulas Arbeitszimmer

Zamiast choinki / Anstelle eines Weihnachtsbaumes

Picuture published by our friend Monika Saczyńska

Und unten (ohne abzugucken) solche Dekoration bei Dorota Kot / Poniżej podobna dekoracja u Doroty Kot, która wcale nie tu szukała inspiracji.

No i oczywiście, jak zawsze, obowiązkowa choinka z książek, tu z księgarni FiKa w Szczecinie (www.fikaszczecin.blogspot.com).

Und wie immer, ein Weihnachtsbaum aus Büchern, diesmal in FiKa-Buchhandlung in Stettin.

A tu choinka z książek Krystyny Koziewicz / Buchweihnachtsbaum von Krystyna Koziewicz.

Mein Weihnachtsbaum wanderte diesmal am 1. Adwent vom Balkon zum Überwintern ins Wohnzimmer. Noch dazu: Keine Dekoration ist gekauft worden, alles ist gefunden oder geschenkt worden, oder es sind meine Schals und Perlenketten, alltägliche Gegenstände also, die umfunktioniert wurden, damit der Mix aus Adventskranz und Weihnachtsbaum in diesem Jahr rot wirkt. Die blaue Figur oben links ist eine Skulptur von Barbara Piwarska-Ur.

Moja tegoroczna choinka przywędrowała na przezimowanie z balkonu i jest mixem wieńca adwentowego z choinką. Wszystkie dekoracje są albo znalezione, albo podarowane albo przerobione z przedmiotów codziennego użytku. Ciemnoniebieska kobieta po lewej stronie zdjęcia u góry to rzeźba Barbary Piwarskiej-Ur.

Podróżnik berliński, Maciej Łuszczyński-Łempka pokazuje, jakie są choinki w Gruzji / Hier ein Foto aus Georgien:

No i hit wszechczasów, już tu przed rokiem publikowany – choinka Sebastiana! / Und der beste Weihnachstbaum aller Zeiten, publiziert hier schon Mal im Jahre 2016 – Weihnachstbaum von Sebastian!

Szopa w salonie 15

Łukasz Szopa

Bliskie Falklandy i Malwiny

Chciałem wczoraj napisać mailowy list do Haniji. Tak, Ismaila Haniji, szefa Hamasu, dokładnie tego. Chodziło mi o pewien brak logiki w ich – Hamasu – myśleniu, i pragnąłem życzliwie zwrócić uwagę. Bo rozumiem, że nie podoba im się fakt, że USA jednostronnie deklarują Jerozolimę jako stolicę Izraela. Choć można by się kłócić, czy to komukolwiek innemu przeszkadza, by Jerozolimę zadeklarować jako stolicę Palestyny, czy choćby Niemiec (pamiętajmy, że niemieccy cesarze przez wieki byli Królami Jerozolimy!) No, ale Hamas uważa to za bezczelność, prowokację, akt wrogości, wręcz „deklarację wojny“. No dobrze, niech im będzie. Ale dlaczego w takim razie nawołują do intifady przeciwko Izraelowi??? Po pierwsze, jak są wściekli na jakiś akt polityczny USA – to podług logiki powinni im wypowiedzieć intifadę czy wręcz wojnę. Tym bardziej, po drugie, że przecież Izraela Hamas w ogóle nie uznaje – jak więc walczyć z kimś, kogo teoretycznie wcale nie ma?? Wreszcie, po trzecie, ale to już na marginesie: czy można nawoływać do trzeciej intifady, gdy jakoś nigdzie nie widać oficjalnego glejtu kończącego i pierwszą, i drugą?

Ale na szczęście, zanim znalazłem w sieci maila od Hamiji i do niego napisałem, zastanowiłem się. Nie tyle nad logiką i siłą moich argumentów (bo są niezaprzeczalnie wodoodporne), ale nad czymś innym: Czemu, drogi Łukaszku, kręci cię nagle ten temat Jerozolimy, Hamasu, Palestyny, Izraela i Trumpa? Czemu nagle chcesz pisać maile, co cię tak nakręca?, podczas gdy jakoś w sprawie wojny w Południowym Sudanie czy ataków agresji i prześladowań Rohingów w Burmie jakoś pisać ci się ostatnio nie chciało?

I czy właśnie nie dokładnie to krytykowałeś jakiś czas temu w podobnym tekście do berlińskiego tygodnika „Der Freitag“ (https://www.freitag.de/autoren/lukasz-szopa/die-besetzten-themen-gebiete)- tę przypominającą dwa obozy kibiców stronniczość i zainteresowanie Europejczyków to Izraelem, to Palestyńczykami, to „Bliskim Wschodem“ w ogóle (nota bene wymyślony termin, by uniknąć dyplomatycznych pułapek gdy jednak trzeba wymówić słowa jak „Izrael“ czy „Palestyna“. Wcześniej też myślałem, że to definicja geograficzna, taki trójkącik od Turcji po Iran na wschodzie i Jemen na południu.)

Że dla politycznie zainteresowanych (mniej lub bardziej, czyli od stammtischów po politologów) Europejczyków (a i Amerykanów czy Rosjan) śledzenie, ocena i kibicowanie „meczowi“ Izrael-Palestyna stało się hobby, głównie z uwagi na emocje. No i nawyki. Po roku 1945 większość Europejczyków z uwagi na Szoah nabrała nawyku martwienia się o los Izraela. Tak, nawyku, gdyż tylko mniejszość z nich naprawdę nosiła i nosi w sercu i głowie autentyczną troskę o los tego kraju i jego obywateli. Ale podobnie po 1967 z losem Palestyńczyków. Ich fani też tylko pielęgnują nawyk solidarności z Palestyną, przepędzonymi i okupowanymi Arabami – i też głównie nabrali tego nawyku nie z osobistych wycieczek w te strony, a po prostu – z mediów i polityki. Gdyż tak naprawdę to żadne szczere sympatie, a po prostu powierzchowne branie strony tego, który jest przeciwnikiem tego, którego nie lubimy. Nie lubimy Arabów czy muzułmanów – to bronimy Izraela, Izraelczyków i Żydów. I odwrotnie – dla antysemitów nic prostszego jak solidarność z Palestyńczykami. No i wreszcie są i tacy jak ja: nie solidaryzują się jednoznacznie z nikim (ze wszystkimi?), a mimo to na „Bliski Wschód“ i losy jego mieszkańców zerkają i reagują jednak częściej niż na Zachodnią Saharę czy choćby Libię – nota bene obywa państwa położone bliżej większości europejskich domostw niż Izrael/Palestyna.

Ale cóż, efekt taki, że właśnie tak powstał ten tekst… Więc żeby tak nie kończyć, zakończę lamentem nad własnym nie-pisaniem o Tybetańczykach, Uigurach, Sudańczykach i Kongolezyjczykach. Albo też o tym, że dzięki gwiazdom Hollywoodu o „wolnym Tybecie“ słychać częściej niż o wolności dla Xinjiangu czy Kaszmiru, a wojna w Darfurze była dzięki Jurkowi Clooney częściej na ekranach niż ta w Południowym Sudanie czy Kongu. I przypomnę, że moje zaangażowanie „polityczne“ zaczęło się już w 2 klasie podstawówki, gdy wybuchła wojna między Argentyną a Wielką Brytanią o „Falklandy-Malwiny“. Wtedy klasa – głównie chłopcy – podzielili się też dość szybko na dwa obozy „zwolenników“: Jedni byli za „Malwinami“, drudzy za „Falklandami“ – nie wiedząc, że to po prostu dwie różne nazwy tej samej grupy wysp…

Barataria 44 Atlas der Abgelegenen Insel 2 (Reblog)

Judith Schalansky

Vorbemerkung zur Taschenbuchausgabe

DIESER ATLAS ist wie jeder Atlas das Ergebnis einer Entdeckungsreise. Sie begann vor drei Jahren, als ich im Kartenlesesaal der Berliner Staatsbibliothek um den mannshohen Globus herumging, und die Namen jener winzigen Flecken Land las, die in den Weiten der Ozeane verloren gegangen zu sein schienen, und die auf mich gerade wegen ihrer Abgelegenheit besonders einladend wirkten.

Sie erschienen mir ähnlich verheißungsvoll wie die weißen Flecken jenseits der gestrichelten Linien, die auf alten Landkarten den Horizont der bekannten Welt abstecken. Ware unsere Welt noch nicht rundherum entdeckt, hätte ich vielleicht auf einem Schiff angeheuert, in der Hoffnung, als Erste noch unbekanntes Land zu sichten oder gar zu betreten, und mich durch diese bloße Tatsache in zukünftige Atlanten zu schreiben. Doch die Zeiten, in der uns jede Weltumseglung neue Küstenlinien und Namen bescherte, sind endgültig vorbei. Mir blieb nur übrig, meine Entdeckungen in der Bibliothek zu machen, angetrieben von dem Wunsch, in seltenen Kartenwerken und entlegener Forschungsliteratur meine Insel zu fnden, die ich nicht mit kolonialistischem Eifer, sondern mit meiner Sehnsucht in Besitz nehmen wollte.

Dabei entsprach meine Phantasie durchaus dem gängigen Inselbild von Idylle und Utopie, der viel versprechenden Vorstellung, alles noch einmal anders machen zu Land können, fände man nur den einen perfekten Ort, weit weg von den Zwängen des Festlandes, ein Platz, an dem man zur Ruhe, zu sich kommen und sich endlich mal auf das Wesentliche konzentrieren kann.

WAS MIR AUF MEINER FORSCHUNGSREISE begegnete, waren jedoch keine Schauplätze romantischer Gegenentwürfe, sondern Inseln, denen man wünschen würde, sie wären unentdeckt geblieben, verstörend karge Orte, deren Reichtum allein die Vielzahl furchtbarer Begebenheiten ausmacht, die sich auf ihnen zugetragen haben. Während ich also eine schreckliche Geschichte nach der anderen fand und anfing, literweise Orangensaft zu trinken, um der durch alle Berichte geisternden Vitaminmangelkrankheit Skorbut vorzubeugen, packte mich erst deprimiertes Entsetzen, dann wohliger Grusel.

Es war wie mit den Gemälden des Jüngsten Gerichts, auf denen die Hölle mit ihren furchterregenden Monstern und detailliert geschilderten Foltermethoden den Blick fesselt, und nicht der Garten Eden. Im Paradies mag es schön sein, aber interessant ist es nicht.

DIE FRAGE NACH DEM Wahrheitsgehalt dieser Texte ist irreführend. Es kann darauf keine eindeutige Antwort geben. Ich habe nichts erfunden. Aber ich habe alles gefunden, diese Geschichten entdeckt und sie mir so zu eigen gemacht wie die Seefahrer das von ihnen entdeckte Land. Alle Texte in diesem Buch sind recherchiert, jedes Detail aus Quellen geschöpft. Ob sich all jenes genauso zugetragen hat, ist schon allein deshalb nicht zu klären, weil Inseln jenseits ihrer tatsächlichen geographischen Koordinaten immer Projektionsflächen bleiben, derer wir nicht mit wissenschaftlichen Methoden, sondern nur mit literarischen Mitteln habhaft werden können. Dieser Atlas ist somit vor allem ein poetisches Projekt. Wenn der Globus rundherum bereisbar ist, besteht die eigentliche Herausforderung darin, zu Hause zu bleiben und die Welt von dort aus zu entdecken.

Berlin, im Juni 2011

DAS PARADIES IST EINE INSEL. DIE HÖLLE AUCH.

Vorwort

ICH BIN mit dem Atlas groß geworden. Und als Atlas-Kind war ich natürlich nie im Ausland. Dass ein Mädchen aus meiner Klasse tatsächlich, wie es in ihrem Kinderausweis stand, in Helsinki geboren sein sollte, war mir unvorstellbar. H-e-l-s-i-n-k-i – diese acht Buchstaben wurden für mich zum Schlüssel zu einer anderen Welt, und es ist noch heute so, dass ich Deutschen, die zum Beispiel in Nairobi oder Los Angeles geboren sind, mit unverhohlener Verwunderung begegne und sie nicht selten für bloße Aufschneider halte. Genauso gut könnten sie behaupten, aus Atlantis, Thule oder dem El Dorado zu kommen. Eigentlich weiß ich natürlich, dass es Nairobi und Los Angeles wirklich gibt. Diese Städte sind ja auf den Karten verzeichnet. Aber dass man dort tatsächlich gewesen oder sogar auf die Welt gekommen sein kann, bleibt mir nach wie vor unbegreiflich.

WAHRSCHEINLICH liebte ich Atlanten deshalb so sehr, weil mir ihre Linien, Farben und Namen die wirklichen Orte ersetzten, die ich ohnehin nicht aufsuchen konnte. Und das blieb auch so, als sich alles änderte, die Welt bereisbar wurde und mein Geburtsland samt seinen eingezeichneten und gefühlten Grenzen von den Karten verschwand.

Ich hatte mich bereits an die Fingerreisen im Atlas gewöhnt, die Eroberung ferner Welten im Wohnzimmer der Eltern, das flüstern fremder Namen. Atlas für jedermann hieß der erste Atlas meines Lebens. Dass er, wie jeder andere auch – einer Ideologie verpflichtet war, zeigte in unmissverständlicher Deutlichkeit seine Weltkarte, die so auf der Doppelseite platziert war, dass Bundesrepublik und DDR auf zwei verschiedenen Buchseiten lagen. Hier verlief zwischen den zwei deutschen Ländern keine Mauer, kein Eiserner Vorhang, sondern der zu beiden Seiten weiß blitzende, unüberwindbare Falz. Dass das Provisorische der DDR in westdeutschen Schulatlanten wiederum gern durch gestrichelte Linien und die mysteriöse Abkürzung ›SBZ‹ behauptet wurde, erfuhr ich erst später, als ich mit dem importierten Diercke die Flüsse und Gebirge der nun mehr als doppelt so großen Heimat auswendig lernen musste.
Seitdem misstraue ich den politischen Weltkarten, in denen die Länder wie bunte Handtücher auf dem blauen Meer liegen. Sie veralten schnell und geben kaum mehr Auskunft, als wer welche Farbflecken vorübergehend verwaltet.

WIE VIEL MEHR ERZÄHLT dagegen das Kartenbild, das die Natur nicht verstaatlicht, sondern sie über alle von Menschen gemachten Grenzen hinweg vergleichbar werden lässt. In den physischen Topografen können die Landmassen vom tiefebenen Dunkelgrün bis zum hochgebirgigen Rotbraun oder polaren Gletscherweiß leuchten und die Meere in allen Blautönen erstrahlen – erhaben über den Lauf der Geschichte.
Natürlich zähmen auch diese Kartenbilder die natürliche Wildnis durch gnadenlose Generalisierung, welche die Vielfalt der realen Geografie reduziert, sie durch stellvertretende Zeichen ersetzt und darüber entscheidet, ob ein paar Bäume schon einen Wald ergeben, ob eine menschliche Spur als Pfad oder Feldweg registriert wird. So ist die Autobahn auf Karten dem Maßstab widersprechend breit, wird eine deutsche Millionenstadt mit dem gleichen Viereck beschrieben wie eine chinesische, und eine arktische Bucht leuchtet genauso blau wie eine pazifische, weil beide die gleiche Meerestiefe haben. Die Eisberge, die sich in Ersterer türmen, werden hingegen einfach verschwiegen.

Landkarten sind abstrakt und gleichzeitig konkret – und bieten bei aller vermessenen Objektivität doch kein Abbild der Wirklichkeit, sondern eine kühne Interpretation.

Polnische Ausgabe des Buches (Verlag Dwie Siostry 2014)

DIE LINIEN erweisen sich dabei als wahre Verwandlungskünstlerinnen, sie durchkreuzen als kühles mathematisches Raster der Meridiane und Parallelkreise ohne Rücksicht Land und Wasser oder zeichnen als organische Höhenlinien Gebirge, Täler und Meerestiefen nach und sorgen – unterstützt von der Schatten werfenden Schummerung – dafür, dass die Erde ihre Körperlichkeit behält.

Dass der auf der Landkarte reisende Finger durchaus als erotische Geste verstanden werden kann, wurde mir vollends bewusst, als ich in der Berliner Staatsbibliothek zum ersten Mal dem pornografischen Pendant des Atlas begegnete, dem relieferten Globus, bei dem die Vertiefungen des Marianengrabens und die Höhenzüge des Himalaja geradezu obszön greifbar werden.

Natürlich entspricht der Globus der Erde eher als die Kartensammlung im Atlas und kann zudem in Juggendzimmern fernwehmütige Stimmung verbreiten. Die Kugelform ist aber so genial wie heikel. Die haltlose Gestalt der Erde hat keine Ränder, kennt weder oben noch unten, weder Anfang noch Ende und lässt eine Seite immer im Verborgenen.

IM ATLAS DAGEGEN darf die Erde noch so übersichtlich und flach sein, wie sie es lange Zeit war, bevor Entdeckungsreisen den verheißungsvollen weißen Flecken der unerforschten Gebiete Konturen und Namen gaben und die Ränder der Weltkarten von den sich dort tummelnden Seeungeheuern und skurrilen Monsterrassen befreiten. Schließlich wurde auch jener riesige Wunschkontinent auf der Südhalbkugel zum Verschwinden gebracht, dessen Name gleich doppelt falsch war: Terra ausrralis incognita – wenn das Land unbekannt war, wieso war es dann benannt?

Die Welt auf einen Blick sichtbar machen zu wollen, wirft Probleme auf, die nicht befriedigend zu lösen sind. Alle Projektionen stellen die Welt verzerrt dar. Entweder stimmen die Entfernungen, die Winkel oder die Verhältnisse der flächen nicht. So kommt es etwa zu jenem winkeltreuen Weltbild mit schamlos verzerrten Länderproportionen, auf denen der zweitgrößte Kontinent Afrika genauso groß aussieht wie die weltgrößte Insel Grönland, die in Wirklichkeit jedoch vierzehnmal kleiner ist. Es ist einfach nicht möglich, die gekrümmte Oberfläche der Erde mit gleichzeitiger Flächen-, Längen- und Winkeltreue auf eine ebene Fläche zu projizieren. Die zweidimensionale Weltkarte ist ein Kompromiss, der die Kartografie zu einer Kunst zwischen ungehörig vereinfachender Abstraktion und ästhetischer Weltaneignung werden ließ. Am Ende geht es schlichtweg darum, die Welt zu erfassen, nach Norden auszurichten und gottgleich zu überblicken. So wird ein vermeintlich objektives Weltganzes mit wissenschaftlichem Wahrheitsanspruch präsentiert, der auch nicht davor zurückschreckt, die irdischen Planisphären ›Weltkarten‹ zu nennen, so als gäbe es kein Sonnensystem oder Weltall. Natürlich müsste es ›Erdkarten‹ heißen. Es heißt ja auch nicht ›Weltkunde‹!

VOR EIN PAAR JAHREN zeigte mir meine Typografieprofessorin ein riesiges Buch, das sie in einem massigen Planschrank aufbewahrte. Ich hatte schon einiges aus ihrer Sammlung gesehen, historische Poesiealben, aquarellierte Zeichnungen von Wurstsorten, Törtchen und Schleifen sowie die längst veraltete Ausgabe eines Kompendiums mit dem vielversprechendsten Titel, den ein Buch haben kann: Ich sag Dir alles. Das war nicht untertrieben: In diesem Band folgte auf eine Schautafel sämtlicher Bartmoden ein Querschnitt des menschlichen Gebisses und auf die Daten der ökumenischen Konzile eine Tabelle der wichtigsten Attentate der Neuzeit, was den wunderbaren Kolumnentitel ›Konzile/Attentate‹ möglich machte.

Doch jetzt holte sie einen in blaues Marmorpapier eingeschlagenen Folianten aus zerknittertem Seidenpapier hervor, der selbst Ich sag Dir alles in den Schatten stellte. Jede der glatten, angegilbten Seiten war voll von geometrischen Konstruktionen, Kreuzen, Kästchen, einfachen, doppelten, dreifachen, gestrichelten und durchgezogenen Linien, von lichten, kursiven und verzierten Schriftzügen, Abkürzungen, Pfeilen und Symbolen, von aquarellierten Farbfeldern und feinsten Schraffierungen. Hier wurden alle Protagonisten der kartografischen Erzählung einzeln aufgelistet und geübt, sogar die schwarz-weiß gestreiften Rändchen und die Maßstabskalen. An manchen Stellen war der Strich der Feder noch etwas ungelenk, andere Seiten waren so vollkommen, als wären sie nicht von Menschenhand gemacht. Bei dem Band handelte es sich um die gebundene Sammlung von topografischen Zeichnungen aus der Lehrzeit eines französischen Kartografen zwischen 1887 und 1889, wie die schmuckreichen Versalien der Titelei verrieten. Im hinteren Vorsatzpapier entdeckte ich ein einzelnes, kleinformatiges Blatt. Es zeigte die Karte einer Insel, hatte einen Rahmen samt dem Trompe-lœil eines gezeichneten Knicks an der unteren linken Ecke, jedoch weder Maßstab noch Beschriftung. Auf diesem stummen, namenlosen Eiland erhob sich ein wulstiges Massiv braun aquarellierter Gebirgszüge, in deren Talsohlen kleine Seen lagen und sich Flüsse schlängelnd ihren Weg ins Meer suchten, das nur von der blauen Kontur des Küstenverlaufs angedeutet wurde.

Ich stellte mir vor, dass der Kartograf erst diese Insel zeichnen musste, ehe er sich an das Festland wagen durfte, und plötzlich wurde mir klar, dass Inseln nichts als kleine Kontinente und die Kontinente wiederum nichts anderes als sehr, sehr große Inseln sind. Dieser klar umrissene Flecken Land war ganz und gar vollkommen und gleichzeitig verloren, wie das lose Blatt, auf das er gezeichnet worden war. Jeglicher Bezug zum Festland war hier abhandengekommen. Der Rest der Welt wurde einfach verschwiegen. Eine einsamere Insel habe ich nie gesehen.

TATSÄCHLICH gibt es eine Reihe von Inseln, die so weit von ihrem Mutterland entfernt sind, dass sie nicht mehr auf die nationalen Karten passen. Meistens werden sie dann übergangen; bisweilen erhalten sie einen Platz am kartografischen Katzentisch: eingepfercht in einen gerahmten Kasten, an den Rand gedrängt, mit eigenem Maßstab, aber ohne Auskunft über ihre tatsächliche Lage. So werden sie zu Fußnoten des Festlandes, in gewisser Weise entbehrlich, aber ungleich interessanter als der gewichtige, kontinentale Korpus. Es ist ohnehin nur eine Frage des Standpunktes, ob ein Eiland wie die Osterinsel abgelegen ist. Die Einwohner, die Rapa Nui, nennen ihre Heimat jedenfalls Te Pito o te Henua, den ›Nabel der Welt‹. Auf der endlosen, kugelförmigen Erde kann jeder Punkt zum Zentrum werden. Nur vom Festland aus gesehen ist eine solche Insel, das Werk von aktiven und erloschenen Vulkanen, entlegen. Die Tatsache, dass von ihr aus das nächste Land Wochenreisen mit dem Schiff entfernt ist, macht die Insel in den Köpfen der Kontinentalbewohner zu einem idealen Ort und das vom Wasser umgebene Land zur perfekten Projektionsfläche für utopische Experimente und irdische Paradiese: Auf dem südatlantischen Eiland Tristan da Cunha lebten im 19. Jahrhundert sieben Sippen unter der patriarchalen Herrschaft des Schotten William Glass in mikrokommunistischer Eintracht. Der zivilisations- und weltwirtschaftskrisenmüde Berliner Zahnarzt Dr. Ritter gründete 1929 auf der Galapagosinsel Floreana eine Einsiedelei, in der er auf alles Überflüssige verzichten wollte – die Kleidung eingeschlossen. Und der Amerikaner Robert Dean Frisbie zog in den 20er Jahren auf das pazifische Atoll Pukapuka, wo er – einem klassischen Motiv der Südseeliteratur entsprechend – eine bemerkens- und beneidenswerte Freizügigkeit vorfand. Hier scheint die Insel ganz bei sich, noch in einem unbefangenen Urzustand, als Paradies vor dem Sündenfall, schamlos, aber unschuldig.

DIE FASZINATION SOLCH abgeschiedener Orte erlag auch der kalifornische Seemann George Hugh Banning, der Anfang des 20. Jahrhunderts als gemeiner Matrose das pazifische Meer befuhr, mit dem innigen Wunsch, irgendwo Schiffbruch zu erleiden. Wo das geschehen sollte, war ihm egal, solange es eine gottverlassene Örtlichkeit war, die das Wasser allseits umgab. Aber zunächst sollte er Pech haben und musste desillusioniert feststellen: Wir liefen nur ›interessante‹ Inseln an, wie Oahu und Tahiti, wo Kaugummihüllen und amerikanische Redensarten fast ebenso häufig sind wie Bananenschalen und Windgeflüster in Palmenwipfeln. Schließlich hatte er Glück und durfte mit zu einer Expedition in mexikanische Gewässer auf einer der ersten Dieseljachten mit elektrischem Antrieb. Die fahrt ging zu den Inseln Südkaliforniens (Socorro), von denen er sicher wusste, dass sie kaum je aufgesucht worden waren, weil dort nichts ist, wie die Leute behaupteten. Als er vor seiner Abreise gefragt wurde, was denn dort zu holen sei, antwortete er: Nichts und das ist gerade das Schöne.

ANZIEHUNGSKRAfT des schönen Nichts war es auch, die Expeditionen ins Ewige Eis lockte (Rudolf-Insel), um das buchstäbliche Nichts der polaren Punkte aufzusuchen, nachdem weltreisende Nationen die vegetations- und rohstoffreichen Welten bereits gefunden und unter sich aufgeteilt hatten. So bedeutete auch das unbetretene Land der antarktischen Peter-I.-Insel eine nicht hinnehmbare Kränkung für den menschlichen Drang, Spuren zu hinterlassen, und bot zudem die Möglichkeit, sich doch noch einen Platz in der Geschichte zu sichern. Drei Expeditionen vermochten es nicht, die fast vollständig vereiste Insel zu bezwingen. Erst 1929 – 108 Jahre nach ihrer Entdeckung – gelang eine Landung, und bis in die 90er-Jahre hinein waren mehr Menschen auf dem Mond als auf diesem Eiland.

VIELE ABGELEGENE INSELN erweisen sich als doppelt unerreichbar. Der Weg zu ihnen ist lang und beschwerlich, die Anlandung lebensgefährlich bis unmöglich, und selbst wenn sie gelingt, entpuppt sich das so lang ersehnte Land häufg genug – als hätte man es nicht schon geahnt – als öde und wertlos. Die Beschreibungen in den Expeditionsberichten ähneln sich. Leutnant Charles Wilkes vermerkte: Die Macquarieinsel bietet keinerlei Anreiz für einen Besuch. Auch Captain James Douglas befand: Diese Insel ist der erbärmlichste Ort eines unfreiwilligen, sklavischen Exils, den man sich ausdenken kann. Anatole Bouquet de la Grye stimmte der bloße Anblick der Campbell-Insel traurig, und auch George Hugh Banning, der Liebhaber einsamer Inseln, berichtete: Socorro sah wirklich trostlos aus. So wie die lnsel da lag, erinnerte sie mich an einen halb verbrannten Strohhaufen, den der Regen gelöscht hat und der, ohne die Kraft, wieder in Flammen aufzugehen, in einer Tintenpfütze ruht.

EINEM ABERWITZIGEN AUFWAND STEHT oft kärglichster Nutzen gegenüber; die meisten dieser Unternehmungen sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. So schickte die Académie des sciences einst zwei Expeditionen mit teurer Ausrüstung ans andere Ende der Welt, um dort, auf der Campbell-Insel 1874 die Venus-Passage beobachten zu lassen – ein Naturereignis, das schließlich von einer mächtigen Wolke verdeckt wurde.

Um von solchen Misserfolgen abzulenken, verbringen die Wissenschaftler viel Zeit damit, jeden Winkel des Eilandes zu vermessen oder Exemplare endemischer Arten zu finden, deren Auflistung in langen Tabellen die Appendixe der Expeditionsberichte anschwellen lässt. Für die empirische Forschung ist jede Insel ein fest, ein Labor der Natur; hier muss der Untersuchungsgegenstand endlich einmal nicht mühsam abgegrenzt werden, die Wirklichkeit bleibt zumindest so lange greifbar und zählbar, bis Flora und Fauna von invasiven Tierarten ausgerottet oder die Bevölkerung von eingeschleppten Krankheiten dahingerafft wird.

NICHT SELTEN macht sich bei den wenigen Besuchern vor Ort das blanke Entsetzen breit, und im Angesicht des deutlich begrenzten Raumes schleicht sich wie von selbst der beunruhigende Gedanke an das Risiko ein, zurückgelassen zu werden und bis ans Ende der Tage hier, auf einer einsamen Insel, ein Dasein fristen zu müssen.

Der schwarze Felsen St. Helena wurde zu Napoleons Verbannungs- und Toteninsel, die fruchtbar grüne Norfolk-Insel trotz ihrer paradiesischen Üppigkeit zur gefürchtetsten Sträflingskolonie des Britischen Imperiums, und für die schiffbrüchigen Sklaven der Utile erwies sich die winzige Insel Tromelin zunächst zwar als schicksalhafte Rettung, aber die vermeintlich zurückgewonnene Freiheit auf der nicht mal einen Quadratkilometer großen Insel geriet schnell zum Kampf ums nackte Überleben.

Die abgelegene Insel ist von Natur aus ein Gefängnis; eingeschlossen von den monotonen, unüberwindbaren Mauern eines hartnäckig anwesenden Meeres und fernab der Handelsrouten gelegen, welche die Überseekolonien wie Nabelschnüre mit dem Mutterland verbinden, eignet sie sich als Sammelplatz für alles Unerwünschte, Verdrängte und Abwegige.

Tikopia

In der Abgeschlossenheit dieser Räume können ungehindert schreckliche Krankheiten ausbrechen und befremdliche Sitten herrschen, wie die mysteriösen Kindstode auf St. Kilda und die furchtbare und zugleich zwingend erscheinende Praxis der Kindstötung auf Tikopia. Verbrechen wie Vergewaltigung (Clipperton-Atoll), Mord (Floreana) und Kannibalismus (St. Paul-Insel) scheinen im insularen Ausnahmezustand geradezu vorprogrammiert zu sein. Und dass dabei selbst heute noch Gebiete mit Gesetzen entstehen, die unserem Rechtsempfinden widersprechen, zeigt der Missbrauchsskandal auf Pitcairn, wo die kleine Gemeinde von Nachfahren der Bounty-Meuterer lebt: 2004 wurde die Hälfte der auf der Insel ansässigen erwachsenen Männer schuldig gesprochen, über Jahrzehnte regelmäßig Frauen und Kinder vergewaltigt zu haben. Zu ihrer Verteidigung beriefen sich die Angeklagten auf ein jahrhundertealtes Gewohnheitsrecht, denn schon ihre Vorfahren waren sexuelle Beziehungen mit minderjährigen Tahitianerinnen eingegangen. Das Paradies mag eine Insel sein. Die Hölle ist es auch.

BESCHAULICH IST DAS LEBEN auf den übersichtlichen Landstrichen jedenfalls in den seltensten fällen, kommt es doch öfter zur Schreckensherrschaft eines Einzelnen als zur Verwirklichung der Utopie einer egalitären Gemeinschaft. Inseln werden als natürliche Kolonien wahrgenommen, die nur darauf warten, unterworfen zu werden. Nur so ist es möglich, dass sich ein mexikanischer Leuchtturmwärter zum König vom Clipperton-Atoll und eine österreichische Hochstaplerin auf Floreana zur Kaiserin von Galapagos ausruft.

Aus den kleinen Kontinenten werden Miniaturwelten, in denen unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit Völkerrechtsbrüche begangen (Diego Garcia), Atombomben gezündet (Fangataufa) oder ökologische Katastrophen in Gang gesetzt (Osterinsel) werden können.

An den Rändern der endlosen Erdkugel lockt kein unberührter Garten Eden. Stattdessen werden die weit gereisten Menschen hier zu den Monstern, die sie in mühevoller Entdeckungsarbeit von den Karten verdrängt haben.

JEDOCH SIND ES GERADE die schrecklichen Begebenheiten, die das größte erzählerische Potenzial haben und für die Inseln der perfekte Handlungsort sind. Während die Absurdität der Wirklichkeit sich in der relativierenden Weite der großen Landmassen verliert, liegt sie hier offen zutage. Die Insel ist ein theatraler Raum: Alles, was hier geschieht, verdichtet sich beinahe zwangsläufig zu Geschichten, zu Kammerspielen im Nirgendwo, zum literarischen Stoff. Diesen Erzählungen ist eigen, dass Wahrheit und Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten sind, Realität fktionalisiert und fiktion realisiert wird. Schon die Entdecker wurden für ihre Entdeckungen gerühmt, als handele es sich dabei um schöpferische Leistungen, als hätten sie neue Welten nicht nur aufgefunden, sondern überhaupt erst erfunden. Dabei spielt die geografische Namensgebung eine bedeutende Rolle – so als würde der Name dem Ort erst zu seiner Existenz verhelfen. Wie bei der Taufe wird auch hier ein Bund besiegelt, zwischen Entdecker und Entdecktem, und die Besitznahme des vermeintlich ›herrenlosen‹ Landes legitimiert, selbst wenn dieses nur aus der ferne gesichtet wurde oder längst bewohnt und benannt ist. Dabei gilt wie bei allen Leistungen: Scribere necesse est, vivere non est – nur das ist wirklich geschehen, worüber geschrieben worden ist. Wer also die Flagge in den Boden steckt, bemüht sich, den nationalen Anspruch mit allerlei Informationen zu untermauern: Er berechnet die Koordinaten, kartografiert das Land und verteilt geografische Namen in seiner Sprache. Indem Norwegen die einzige aktuelle Karte der Peter -I.-Insel anfertigen ließ, betonte es sein Besitzrecht, wenngleich laut der Antarktisverträge jeglicher Gebietsanspruch zu ruhen hat. Das Kartografieren folgt dem Entdecken, der neue Name ist eine Geburt. Die fremde Natur wird gleich doppelt besetzt und besessen, der Eroberungsakt in der Karte wiederholt. Erst wenn etwas genau verortet und vermessen wurde, ist es wirklich und wahr. So ist jede Karte das Ergebnis und die Ausübung kolonialistischer Gewalt.

DASS INSELKARTE UND INSELLAND bisweilen verschmelzen und nicht mehr voneinander zu trennen sind, zeigt die Geschichte von August Gissler, für den die Schatzkarte bei seinen jahrelangen Grabungen Ende des 19. Jahrhunderts auf der Kokos-Insel irgendwann zum Ersatz für das gesuchte Gold wurde. Das Versprechen der Karte war am Ende mehr wert als der nicht auffindbare Schatz. Eine selbst gezeichnete Inselkarte war es auch, die Robert Louis Stevenson zu seinem Abenteuerroman anregte: Die Gestalt dieser Insel befruchtete meine Phantasie außerordentlich. Da waren Hafenplätze, die mich entzückten wie Sonette, und im Bewußtsein einer Schicksalbestimmung nannte ich mein Erzeugnis Die Schatzinsel‹.

Ein anderer Romantitel schrieb sich nicht nur gattungsbezeichnend in die Literaturlexika, sondern auch in die Atlanten. Eine Insel des chilenischen Juan-Fernandez-Archipels wurde 1970 umbenannt, um Touristen anzulocken. Auf dieser ehemals Más a tierra – ›näher zum Land gelegen‹ – genannten Insel hatte Alexander Selkirk avant la lettre seine Robinsonade erlebt. Heute trägt dieses Eiland nun allerdings nicht seinen Namen, sondern den seines literarischen Wiedergängers: Isla Robinsón Crusoe. Um die Verwirrung komplett zu machen, heißt nun aber die 160 Kilometer weiter westlich gelegene, ehemals Más Afuera – ›weiter draußen gelegen‹ – genannte Insel Isla Alejandro Selkirk, obwohl dieser niemals dort gewesen ist.

In den Karten ist jener quälend monotone Horizont überwunden, der auf Inseln tagein, tagaus das Blickfeld trennt und auf dem sich in der ferne vielleicht ganz schwach – als überraschender Deus ex machina – das ersehnte Schiff abzeichnet, das Nahrung bringt oder die Heimkehr verspricht.

Und in den geografischen Namen lässt sich Rache an dem entdeckten Land nehmen, das die Erwartungen nicht erfüllt. So nennen 1521 Ferdinand Magellan und 1765 John Byron einige Atolle der Tuamotu-Inseln Inseln der Enttäuschung. Ersterer, weil er auf den trockenen Eilanden weder das bitter benötigte Trinkwasser noch Essbares fand, Letzterer, weil ihm die Einwohner der mittlerweile besiedelten Inseln unerwartet feindlich gesinnt waren. Viele Namen muten mythisch und märchenhaft an. Auf der Possession-Insel verläuft der Fluss Styx, und die Hauptstadt von Tristan de Cunha heißt Edinburgh of the Seven Seas, wenngleich die Einheimischen den Ort nur The Settlement – ›die Siedlung‹ – nennen; wie auch sonst, ist es doch die einzige im Umkreis von 2400 Kilometern?

Vor allem spiegeln die geografischen Namen die Wünsche und Sehnsüchte der Einwohner und auch der Bewohner wider, wie ich in diesem Atlas alle diejenigen nenne, die nur zeitweilig auf der abgelegenen Insel leben. Bei den Stationierten von Amsterdam heißt ein ›Kap Jungfrau‹, zwei Vulkane ›Brüste‹, und ein dritter Krater trägt ganz offiziell die Bezeichnung ›Venus‹. Hier wird die Insellandschaft endgültig zum Pin-up und erotischen Ersatz. Die Insel scheint ein Ort zu sein, der zugleich Wirklichkeit und seine eigene Metapher ist.

DIE KARTOGRAFIE sollte endlich zu den poetischen Gattungen und der Atlas selbst zur schönen Literatur gezählt werden, schließlich wird er seiner ursprünglichen Bezeichnung Theatrum orbis terrarum – ›Theater der Welt‹ – mehr als gerecht.

Das Konsultieren von Karten kann zwar das Fernweh, das es verursacht, mildern, sogar das Reisen ersetzen, ist aber zugleich weit mehr als eine ästhetische Ersatzbefriedigung. Wer den Atlas aufschlägt, begnügt sich nicht mit dem Aufsuchen einzelner exotischer Orte, sondern will maßlos alles auf einmal – die ganze Welt. Die Sehnsucht wird immer groß sein, größer als die Befriedigung durch das Erreichen des Ersehnten. Ich würde einen Atlas heute noch jedem Reiseführer vorziehen.

Berlin, Stadt der Flüchtlinge

Im März 2017 hieß es:

Das größte Berliner Containerdorf für Flüchtlinge entsteht derzeit auf dem Tempelhofer Feld, im Spätsommer sollen die ersten Flüchtlinge einziehen. Doch das Dorf mit 1200 Plätzen hat einen entscheidenen Makel: Statt drei Jahre wie üblich wird es nur zwei Jahre betrieben werden können. Bei Baukosten von 16 Millionen Euro ein entscheidender Nachteil. Die Investition müsste schon nach zwei Jahren abgeschrieben werden. Die Initiative 100 Prozent Tempelhof kritisiert den Bau als „Massenunterkunft“. Die Flüchtlinge sollten besser in Wohnungen untergebracht werden.

Anne Schmidt

Am 3. Dezember um 13:00 durfte die interessierte und ambitionierte Öffentlichkeit auf dem Vorfeld der Flugzeughangars in Tempelhof den Innenbereich der dort aufgebauten Flüchtlingshütten in Augenschein nehmen. Im eisigen Wind warteten Kameraleute und Reporter mit Mikrofonen in den klammen Händen auf die Einführungsrede des Vertreters der Landesflüchtlingshilfe ab, um dann noch einen Disput zwischen der Bürgermeisterin von Tempelhof/Schöneberg und dem Flüchtlingsrat mit aufzunehmen.

Die Nachbarn des Tempelhofer Feldes entrannen dem eiskalten Wind zwischen den Hütten, indem sie die Dikussionen draussen nicht abwarteten, sondern sich in einer Musterhütte die Raumverteilung ansahen: Zwei Zimmerchen mit jeweils zwei Betten, ein winziges Duschbad und eine kleine Küche mit Herd und Kühlschrank erregten das bloße Missfallen einer ehemaligen Sozialarbeiterin und ehrenamtlichen Flüchtlingshelferin.
In der Tat fragte auch ich mich, wo das dritte, vierte… Kind einer Familie schlafen soll, das eventuell schon in der Pubertät ist und rein des Geschlechtes wegen in einem anderen Zimmer schlafen muss als die Geschwister. Wahrscheinlich werden Papa und Söhne sich in einem zusammengeschobenen Kingsize-Bett drängeln, während im zweiten Schlafraum die weiblichen Mitglieder der Familie sich betten dürfen.
Mich beschäftigte besonders die Enge im Duschbad, wo die Kleinen von einem Erwachsenen versorgt werden müssen, der zwischen Dusche und Wand kaum Platz finden wird. Da ist es von besonderem Vorteil, dass die Flüchtlingsfrauen zum großen Teil sehr dünn sind.

Die Temperatur in der Hütte war überraschend angenehm, obwohl die Aussentür offen stand (Tag der offenen Tür).

Meine Frage, wie im Sommer eine Überhitzung der Kunststoff-Container vermieden werden könne, behielt ich, ob der hitzigen Diskussion draussen zwischen den Vertretern es Flüchtlingsrates und der Bezirksbürgermeisterin, für mich. Die strahlenden Augen der einzigen Flüchtlingsfamilie, die an der Besichtigung teilnahm, versöhnte mich mit dem Provisorium.
“Wir haben sogar ein Frauenzimmer”, verkündete die etwa 9-jährige Tochter. Mutter und Vater gaben der Hoffnung Ausdruck, dass sie am folgenden Tag einziehen könnten. Lange genug haben sie darauf gewartet, denn den ganzen Sommer über sah ich vom Zaun aus, der das Container-Dorf vom Tempelhofer Feld hermetisch abtrennt, dass in den Hütten, die fertig zu sein schienen, Bauarbeiter ein und aus gingen, deren Privatautos vor den Türen geparkt waren.

Es hieß damals in den Medien, es  habe noch kein Betreiber gefunden werden können. Jetzt erfuhr ich, dass der Betreiber der Hangar-Unterkunft auch für das Hüttendorf zuständig ist. Wahrscheinlich musste seine Eignung erst einer langen Kontrolle unterzogen werden. In einem der Hangars müssen demnächst alle Neuankömmlinge die ersten drei Tage nach ihrer Ankunft in Berlin verbringen. Dort müssen sie sich zwischen Zeltplanen und unter einem Gemeinschaftsdach auf ihr Asylverfahren vorbereiten, obwohl es in der Stadt inzwischen genügend Heimplätze – laut Flüchtlingsrat – gibt.

Barataria 43 Atlas der abgelegenen Inseln

Judith Schalansky, die Autorin des Buches, ist, ob sie es weiß und will oder nicht, eine Barataristin erster Klasse. Für die, die es (noch) nich wissen, zur Erklärung: Barataria ist eine imaginäre Insel, die im 2. Teil des Romans Don Quijote durch einen grausamen Witz dem guten Sancho Pansa als sein Gouvernement gegeben wurde. Ich bin die erste Barataristin der Welt, da ich diese Wissenschaftssparte entdeckt, genannt und entwickelt habe. Ihr Hauptziel und -sinn ist, in der Kultur, Sprache, Geschichte und – ja auch – Geographie die Ursprünge und Nachfolgen des literarischen Urmusters zu suchen. Als Gründerin dieses Wissensbereiches bin ich mächtig, manche von mir gefundene (und erfundene) Wissenschaftler zu Barataristen zu ernennen. Natürlich bin ICH die wichtigste Barataristin der Welt :-). Ich schreibe meistens auf Polnisch, aber es kamen schon ab und zu die baratarischen Aufsätze auf Deutsch, wie z.B. HIER oder HIER, aber auch HIER oder Englisch wie HIER. Sowieso ist Polnisch, besonders unter der jetzigen Obrigkeiten, eine Sprache, die schlechthin dafür vorbestimmt wurde, über fantastische, nicht existente Insel zu berichten – bedenken wir nur die letztens so berühmte Nichtinsel (das Nichtland) San Escobar – siehe z.B. HIER oder HIER.

Und noch eine letzte Erklärung. Man könnte meinen, die berühmteste Nichtinsel der Welt ist Atlantis und nicht Barataria. Wohl schon, aber weil sie von vielen doch für eine echte Insel gehalten wird, eignet sie sich nicht besonders gut als Stoff für Wissenschaftler. Man verwickelt sich sofort in die Debatte, gab es sie, oder gab es sie nicht? Dafür ist Barataria als Gründungsmythos ganz klar eine Nichtinsel, eine fiktive Erfindung, die man als Projektionsfläche für viele Theorien und Abenteuern nutzen kann. Man geht nur auf den verflochtenen Wegen der Kultur und muss sich nicht für so was Flüchtiges wie Wahrheit kümmern. Die Barataria als Erfindung wird immer wider benutzt und damit gewinnt die Metapher immer wieder ihre neue Aktualität. Das letzte Mal, dass jemand Gubernator von Barataria genannt wurde, notierten die Barataristen im September dieses Jahres, als die Katalonen versuchten, ihre Unabhängigkeit zu erzwinge. Es ist ihnen nicht gelungen und die spanische Zeitung El Pais schrieb:

La Ínsula de Barataria

Soñé que Don Quijote anda convencido de que Sancho se irá pronto a gobernar la nueva República Catalana. / Ich habe geträumt, dass Don Quixote glaubt, Sancho Pansa sei bald Gubernator der neuen katalanischen Republik. (…) Aber es war nur ein grausamer Witz.

                                        Puigdemont umarmt Artur Mas. LLUIS GENE AFP

Lieber Leser / liebe Leserin, sorge dich nich um den roten Faden dieses Essays. Er geht nicht verloren. Ein Essay ist ein Versuch und es scheint charakteristisch für die Barataristik, dass man in den Text schlangenschaft wandert, um nicht zu behaupten: irrt. Aber irgendwann kommt man zurück.

Also: Judith Schalansky und ihr Taschen-Atlas der abgelegenen Insel. Herausgegeben 2009.

Eine junge Autorin, geboren 1980, schrieb schon im Titel, dass es in ihrem Buch um Träume geht. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde. Wie wahr. Lesen wir die Liste: St. Helena, Diego Garcia, Amsterdam, Tristan da Cunha, Socorro… Wieviele von uns waren auf einer von diesen 50 Inseln? Jeder, schreibt Wikipedia, ist eine Doppelseite im Buch gewidmet, die geographische, demographische und historische Angaben, anekdotenhafte Bruchstücke aus der Geschichte der Insel sowie eine Karte im Maßstab 1:125.000 enthält. Gestaltet wurde das Buch ebenfalls von der Autorin. Als Schrift verwendet sie Sirenne.

***
Sie ist in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign, unterrichtete typografische Grundlagen an der Fachhochschule Potsdam und lebt heute als freie Schriftstellerin und Buchgestalterin in Berlin. 2006 veröffentlichte sie ihr typografisches Kompendium »Fraktur mon Amour«. 2008 erschien ihr literarisches Debüt, der Matrosenroman »Blau steht dir nicht« (mare). Für ihren »Atlas der abgelegenen Inseln« (mare, 2009) wurde sie mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Im Herbst 2011 erschien ihr Bildungsroman »Der Hals der Giraffe« im Suhrkamp Verlag, der 2012 wieder zum »Schönsten deutschen Buch« gekürt wurde. Judith Schalanskys Bücher sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Seit dem Frühjahr 2013 gibt sie im Verlag Matthes & Seitz Berlin die Reihe NATURKUNDEN heraus.

Berlin liegt im Osten

Unter diesem Titel macht das Literaturbüro von Martin Jankowski ab und zu Veranstaltungen mit anderssprachigen Autoren, die in Berlin leben und arbeiten. Dh. schreiben. Im Rahmen des Projektes PARATAXE – die internationalen Literaturszenen Berlins fand am 23. November 2017 das Symposium “Ostpol Berlin – mittel-&osteuropäische Autor*innen in Berlin” statt. Literarisches Colloquium Berlin, Literaturport, die Berliner Literarische Aktion e.V. und zahlreiche Gastautor*INNen, Wissenschaftler*INNen und Literaturaktivist*INNen präsentierten Geschichte und Gegenwart der mittel-/osteuropäischen Literaturen Berlins.

Panel 1.

11.00 – 13.00: Fluchtpunkt Charlottengrad? Literaturenklaven gestern und heute. Mit Ekaterina Vassilieva, Alexander Filyuta, Boris Schapiro, Ekaterina Sadur, Grigorii Arosev. Moderation: Natalia Gagarina.
Featured Poet: Dora Kaprálová.

Panel 2.

14.30 – 16.00: Noch ist Kreuzberg nicht verloren. Literarische Grenzüberschreitungen. Mit Dorota Stroinska, Ewa Maria Slaska, Dorota Danielewicz, Brygida Helbig, Emilia Smechowski. Moderation: Arkadiusz Łuba.
Featured Poet: Ilia Ryvkin.

Panel 3.

16.30 – 18.00: Berlin liegt im Osten? Neue Literatur aus Berlin. Mit Irina Bondas, Dorota Kot, Dora Kaprálová, Radka Franczak, Kinga Toth, Marijana Verhoef. Moderation: Boris Schumatsky.
Featured Poet: Milena Nikolova.

Von links: Boris Schumatsky, Dorota Kot, Irina Bondas, Dora Kaprálová, Radka Franczak und ich als Übersetzerin für Radka (Foto Olga Horn)

Lesung

20.00: Die Sprache gibt den Löffel ab – multilinguale Lesung (Georgisch, Ungarisch, Russisch und Deutsch) mit Iunona Guruli, Orsolya Kalász und Julia Kissina. Moderation: Katerina Poladjan. Dt. Sprecherin: Nina West.



PARATAXE ist ein Projekt der Berliner Literarische Aktion e.V. und wird gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Die Parataxe Symposien finden in Kooperation mit dem LCB und Literaturport statt.


Wir waren dabei, wir Polinnen – Dorota Danielewicz, Radka Franczak, Brygida Helbig, Dorota Kot, Emilia Smechowski, Dorota Stroińska und ich (EMS), sowie ein Pole (ein einziger, es sei denn, es waren welcher im Publikum) – Arkadiusz Łuba. Darüber hinaus ein polnischer Imbiss vom Mr. P.


Aber wie es immer so ist, das Symposium war das eine und die Gespräche in den Pausen – das andere und vielleicht (sorry Martin! aber auch: danke Martin!) wichtiger :-). Gespräche, Vernetzung, Projekte, Bekanntschaften. Wie mit Boris Shapiro und seiner Frau!

Boris, ein russischer Dichter, schrieb für eine von uns (ach, leider, leider, nicht für mich, sonder für Dorota Kot – und wie neidisch ich bin!) ein wunderbares ad hoc Gedicht, an ihr leichtes und lustiges Paper Literatur to go anknüpfend.

Dorota publizierte dieses Foto auf dem Facebook mit einem Kommentar: Stało się. Es ist passiert. Niesamowite uczucie… Ein unglaubliches Erlebnis…

Wenn man sich fragt, was also “ist passiert”, lautet die Antwort: ein Dichter hat für Dorota ein Gedicht geschrieben. Nicht nur gewidmet – geschrieben!

Darunter schrieb der Dichter Boris Schapiro: Da ist die fertige Variante:

Für Dorota Kot

LITERATUR to go.
Das Leben to go.
Das Denken to go.
Nur du bist zu bleiben.
Was ist das „to bleiben“ und wo?

Das Wo to go.
Das Wann to go.
Das Jetzt to go.
Nur du bist für immer.
Ist das Immer to go?

Nein!
Du bist
das Go-to-immer.
Du bist.


Neidisch wie ich bin, kaufte ich mir das Buch von Boris Shapiro und verlangte eine Widmung. Die kam mit wunderbarer Anspielung an mein parallel laufendes Handy-Gespräch mit jemandem, der mir grad erzählte, in Polen bei einer Parlament-Sitzung fand  eine Offenbarung von Muttergottes statt, die bekannt gab, dass wir NARÓD WYBRANY sind – das auserwählte Volk.

Wir sind, glaube ich, ein Volk der Idioten, die sich aus dem Mittelalter hinüber ins 21. Jahrhundert gerettet haben, aber als Schlüsselwort für meine (MEINE!) Widmung tat die neuste polnische Offenbarung einen witzigen Wunder!

Boris Schapiro, geboren 1944 in Moskau, ist seit 1975 in Deutschland und lebt heute in Berlin. Er schreibt Russisch und Deutsch.

Blind wähle ich im Buch ein Gedicht, das ich hier abschreiben werde.

Seite 58. Geschrieben am 3. Juni 1996. Kein Titel.

DIE JUDEN sind kein Thema,
nur das Überleben,
der Glaube, das Irren, Atemnot,
das Lernen, die Geduld
und – Gott.

Na saksy 2 Die Reichen und die Geiziger

Text Łucja Fice / Übersetzung Małgorzata Behlert

BESUCH BEI DEN REICHEN

Ich irrte herum und fand die Strasse nicht. Ich blieb an einem Auto stehen, und fragte den Mann, der unter die Motorhaube guckte:
“Guten Tag! Wo ist Schubert Strasse?”
Er schaute auf und antwortete:
“Ich weiß nich. Ich arbeiten hier”, ich erkannte sofort diesen Akzent.
“Bist du aus Polen?”, lächelte ich süß. “Ich arbeite auch hier. Ach, wir Polen, wohin es uns doch überall verschlägt.”
“Ich bin erst zwei Wochen hier, als Arbeitstourist sozusagen. Ich kenne die Gegend nicht” , antwortete er auf Polnisch.
Er hatte eine kräftige, dennoch schüchterne Stimme. Mein Gott! Es war so schön, die Muttersprache hören zu können. Die Heimatliebe lugte hervor, von der ich nichts ahnte, wäre nicht der besagte Arbeitstourismus gewesen. Also identifizierte ich mich doch mit meinem Volk. Ich bin eine Polin und fühle das im jeden Blutstropfen. Ich verabschiedete mich und suchte weiter.

Im nächsten Haus reparierte ein älterer Mann etwas in der Garage. Ich fragte ihn auch nach der Adresse.
“Ach, ja! Ist es dieser Architekt? Dieser Millionär? Das ist das große Haus, das da zwischen den Buchen versteckt steht.” Er wies mit dem Finger darauf. Ich bedankte mich und war nach einem Augenblick an dem Haus angekommen. “Ein Millionär? Ist es ein Schimpfname oder etwa Tatsache?”, überlegte ich.

Das Gartentor stand offen. Ich erblickte eine grandiose Terrasse mit einem massigen Tisch und Sesseln. In der Ecke stand ein großer Grill. Die breite Terrassentür, die in die Wohnung führte, war auch offen. Ich ging auf Zehenspitzen hinein und blickte mich in dem Salon mit antiken Möbeln um. In einer Ecke stand ein geschnitzter Sekretär, in der Ecke gegenüber ein Ledersofa und mehrere Sessel. An einer Wand hingen Bilder im Stil Picassos, an der anderen im Stil Goyas. Alles in Allem sehr geschmackvoll. Die Gemälde machten mich neugierig.
“Goya? Picasso? In diesem Haus? Es sind bestimmt Kopien. Aber es ist ja nicht so wichtig”, dachte ich.

Als ich rein kam, saß die Familie steif am üppig gedeckten Tisch und allesamt, auch Ilona, sahen aus, als hätten sie sich für eine Filmaufnahme über leckere Fressalien vorbereitet.
Es roch nach Mittagessen. So hungrig, eigentlich so ausgehungert, wie ich war, sog ich diese Gerüche genüsslich ein. Ich schwöre, dieser Duft war schöner als der Beschauung des aufgetischten Fleischs, Käses und anderer Leckereien, Kuchen und Desserts. Der Anblick dieses voll gestellten Tisches wirkte auf mich wie Feuer auf Wachs.

Ilona erhob sich sofort als sie mich erblickte. Lächelnd bot sie mir einen Platz am Tisch an. Der Mann, den ich ungefähr auf fünfundsechzig schätzte, stand auf, reckte sich stolz und reichte mir seine Hand, die mir bei seinem starken Händedruck wie eine trockene Banknote vorkam. Er war groß und gut gebaut. Ein Kerl wie ein Baum. Sein Körper unter dem aufgeknöpften Hemd war fest wie eine biblische Eiche. Um diese Figur hätte ihn ein junger Bursche beneiden können. Nur seine Haare waren wie Holzsplitter. Intelligenter Gesichtsausdruck, regelmäßige Gesichtszüge, strahlende blaue Augen und ein sicherer Blick. Ich dachte an einen griechischen Gott, der mit einem Streitwagen auf der Erde ankam. Er strahlte ungewöhnlichen Reiz, Magnetismus und Energie aus. Die Zeremonie dauerte eine Weile.
“Nehmen Sie bitte Platz.” Seine Stimme klang freundlich.

Ich setzte mich hin und legte meine Hände auf die Knie. Erst da bemerkte ich eine elegante Frau. Sie trug eine Jeans, eine cremefarbene Seidenbluse und eine Goldkette mit einer Gemme. Ihr Haar war sorgfältig frisiert, ihr Gesicht dezent geschminkt. Ich betrachtete sie neugierig.
“Es ist Linda, Hugos Frau”, sagte Ilona.
Ich fand nicht den Mut, der Frau die Hand zu reichen. Sie schien es übrigens gar nicht zu erwarten. Ihre mattgrauen Augen bewegten sich unentwegt, sie schaute mich aber nicht ein einziges Mal an. Sie zappelte spastisch, als würden ihre Arme und Beine ein separates Leben führen. Sie hatte mollige Wangen und war hellhäutig. Eine gepflegte, ältere Frau eben. Bei ihrer Krankheit war es eine unheildrohende Schönheit.

“Setzen Sie sich an den Tisch, essen Sie mit uns zu Mittag, bitte.” Die Stimme der Kranken klang kalt und kreischend. Jedes Wort war ein Obsidianbrocken.
“Verdammt seien alle Gehirnschläge und Gehirnblutungen! Mein Gott! Behüte doch die Welt von diesen verfluchten Krankheiten”, diese Gedanken schwirrten in meinem Kopf wie Fledermäuse. Ich verglich diese Frau mit einem Blumenstrauß, der sich zur Sonne wendet, um die nötige Energie zu speichern und weiterleben zu können. Sie will bestimmt leben”, dachte ich.

Schönheit und Geld gehen doch nicht mit der Gesundheit einher. In Gedanken vertieft, schaute ich noch einmal auf den Tisch. Ich hatte einen Wolfshunger. “Mein Gott! Fleisch und Wurst vom Grill und so viel Kuchen!” Das muss begeistert geklungen haben, denn Ilona sagte mit einem spöttischen Lächeln: “Gabi, es ist nur Fraß und keine Schatztruhe.” Mir kam es vor, als säße ich an einer Hochzeitstafel. Ich wusste, dass ich mich satt essen kann, ich wurde direkt dazu angehalten. Es war so bunt, dass ich am liebsten nur die Farben und das reflektierende Sommerlicht (um nicht zuzunehmen) essen und dann vor Wonne zerfließen würde. Ich griff zum Teller und holte mir die besten Leckerbissen, ein bisschen Wurst, Schinken, kalten Fleischbraten und Käse. Ich bedankte mich bei dem Architekten mit einem Lächeln und er füllte mein Glas mit Wein. Erst da bemerkte ich die perfekt gepflegten Fingernägel. Scheinbar spielte Maniküre bei ihm die größte Rolle beim Achten auf die Figur. Er schaute mich recht merkwürdig an, dann lugte er vielsagend zur Ilona und sagte etwas, was mir Nachdenkstoff für meine abendlichen, einsamen Stunden bot. Auf alle Fälle knisterte es zwischen den beiden, das war nicht zu übersehen. Der Mann stellte dutzende Fragen zu meiner Arbeit als Pflegerin bei Frau Schultz und ich kramte nach höflichen Worten und gab mir Mühe, eloquent zu antworten. Er erzählte auch kultivierte Witze. Wir brachen immer wieder in Lachen aus. Ich beobachtete diesen kräftigen, lebensfrohen Mann mit Interesse. Wir unterhielten uns auf Englisch.

“Was? Du kannst nicht mehr? Hau rein, bei deiner Hexe kriegst du so was nicht”, Ilona lachte laut und verschlang ihr Eis.
“Gabi! Morgen beginnt das Weinerntefest. Da ist erst was los! Der Event startet im großen Saal, im Zentrum, gleich neben dem kleinen Kaufhaus. Wir sind alle schon um neunzehn Uhr dort” , sagte sie. “Scheiße, ich muss dann wieder den Rollstuhl schleppen und die Alte zurechtmachen. Ich hab die schon so satt. Du denkst wohl, dass es in diesem Haus keine Arbeit gibt?” Ihr Ton verhieß nichts Gutes.

Ich schaute zu, wie sie aufstand, um die Frau vom Rollstuhl auf den Stuhl zu setzen, ich wollte wissen, wie sie das macht. Da war kein Geschick oder Mitgefühl für die gelähmte Frau zu bemerken, sondern nur Rumgeschubse und Gezerre, das konnte keinem entgehen.
“Vorsicht!”, rief ich.
“Misch’ dich nicht ein! Hier regiere ich! Wenn ich will, schmeiß ich sie auf den Boden und sage, sie ist mir entglitten. Die kranken Alten braucht ja sowieso keiner”, sie schaute mich nicht an, als sie das sagte.
“Setzt dich, du alte Kuh”, sagte sie gedehnt auf Polnisch. Gleichzeitig lächelte sie die Kranke an. Linda verstand nichts.
“Sie lebt doch nur für die Pharmaunternehmen, ganz sicherlich nicht für ihren Mann. Guck dir ihn doch an, ein echtes Prachtexemplar. Wo er doch sein ganzes Leben fremdging, wird er sich erst jetzt nicht für sie interessieren”. Sie sagte das in einem Ton, dass ich den Eindruck hatte, einem Computerausdruck zur Gesundheitszustand zuzuhören. Sie hüllte Linda in eine Decke uns streichelte ihre Wange.
“So, nun bleibst du so sitzen, bis der Abend anbricht!” Sie stand hinter ihr, strich ihr über den Kopf und lachte krächzend. Mir blieb die Spucke weg.

Mein Gott! Sie ist ja schlimmer als Judas. Ihre Haltung, ihre unverblümte Art, sich zu äußern, hatte etwas Kühles und Glitschiges. Ich stellte sie mir als eine gefahrlose Kreuzotter vor, die in dieses Haus hineingekrochen ist, und die, als sie hier heimisch wurde, in eine andere Haut schlüpfte und alles mit ihrem Gift verseucht. Dieses Kabarett war extra für mich gedacht. Ich stand steif und gerade da, as hätte ich einen Stock geschluckt. Ich konnte kaum fassen, dass das alles wirklich geschieht.

“Komm mit. Ich zeig’ dir die Bude”, lud sie mich mit einer Handbewegung ein. Auf ihrem Gesicht malte sich Zufriedenheit und Wohlgefühl. “Hugo”, wandte sie sich an den Ingenieur, der zum Sessel rüberwechselte, fernsah und uns keines Blickes würdigte. “Darf ich der Gabi das Haus zeigen?”
“Selbstverständlich. Warum nicht.”
“Möchtest du den Pool und die Sauna sehen?”, sie sah mir in die Augen, als wollte sie sich darin spiegeln.
Ich antwortete nicht, ich war immer noch darüber entsetzt, was ich sah und hörte. Ich bekam Angst vor dieser Außerirdischen aus Schlesien.

***
Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und… es stellte sich raus, dass die Alte die Tür von Innen abgeschlossen hat und den Schlüssel stecken ließ.
“Was soll ich jetzt tun?”, fragte ich mich.
Ich ging zur Tür, die zum Hof führte und klingelte. Zu meinem Erstaunen öffnete sie mir. Ich war beunruhigt und fühle mich wie ein Teenager, das heimlich aus dem Haus geschlichen ist. Der Krach lag in der Luft. Ich täuschte mich nicht. Die Seniorin stand breitbeinig da und hielt ein Scheuertuch in der Hand.
“Momentchen. Was soll denn das?”
“Du bist auf Arbeit. Ich bezahle dich.”
“Das ist doch meine Freizeit. Es ist nach dreiundzwanzig Uhr. Um diese Zeit brauchst du mich nicht und dein Mann schläft bereits wie ein Engel”, wehrte ich mich.
“Deine Freizeit hast du auf deinem Zimmer zu verbringen, mit Lesen oder Fernsehen.”
“Die alte Kiste taugt nichts mehr.”
“Ich zeig dir gleich die alte Kiste!” Das Scheuertuch landete erneut auf meinem Nacken.

Das wurde mir zu viel. Wer bin ich denn hier? Ich konnte mich gerade noch beherrschen, Facon halten, aber der Strang drohte zu reißen. Ich fühlte, ich explodiere gleich wie eine Granate, wenn ich mich nicht in meinen Kabuff verziehen kann, wie ein geschundener Hund.
Ich lief nach oben. Ich dachte, das Alter hat den Vorteil, dass man sich gehen lassen kann. Ich schwoll regelrecht an vor Gram. Ich begann meine Vorgängerin zu verstehen, die diesen Drill dank Beruhigungspillen drei Wochen lang ausgehalten hat. Ich war schon vier Wochen hier.
“Wie soll ich es hier aushalten, ohne in tausend Stücke zu zerfallen?”, fragte ich mich. Die Frau hat Macht über mich und badet in Selbstzufriedenheit. Ich legte mich ins Bett. Ich wollte nur schlafen. Ich fühlte mich wie ein kleines, einsames Mädchen, das sich nach seiner Mutter sehnt. Ich rief verzweifelt nach ihrer Hilfe.

Ich wachte auf. Obwohl ich wieder in der realen Welt war, kam es mir vor, als ob ich immer noch in diesem Albtraum eingefangen wäre. Ich hielt die Augen geschlossen und schärfte mein Gehirn, wie mit einer Schleifmaschine. Ich wusste, wo ich bin. Ich wusste, wer ich bin und was ich hier tue. Ich bin eine Pflegerin, eine peanut für die Welt. Ich bedeutete hier rein gar nichts. Ich machte die Augen auf, griff nach einem Zettel und einem Kuli und schrieb TRAUM: “Ich bin inmitten eines transparenten Gefäßes. Ich glaube, es ist eine Flasche. Ich überlege, wie ich da raus kann. Ich habe kein Telefon, so versuche ich mich telepatisch bemerkbar zu machen. Jemand kommt, hebt die Flasche auf, trägt sie zur Brücke und legt sie aufs Geländer. Ich falle gleich runter! Vom Geländer aus sehe ich auf dem Bürgersteig, auf der gegenüberliegenden Seite, Flaschen herumliegen. Sie haben unterschiedliche Formen und Größen. Die darin gefangenen Menschen flehen um Hilfe. Über dem Fluss kreist ein riesiger Vogel. Ich wollte den gefangenen Menschen helfen. Wie komme ich nur aus dieser Flasche raus?”

Ich wachte auf. Das war vermutlich eine Botschaft, die von einer anderen, unbekannten Ebene die symbolische Deutung meiner und nicht nur meiner Lage verkündete.
“Mein Gott! Sieben Uhr dreißig.” Ich war spät dran. Ich zog mich schnell an und betrat hastig das Zimmer des alten Ehepaares.
“Es ist Sieben Uhr vierzig”, brüllte Elvira und kroch aus ihrem Bett.
“Das macht doch nichts, wir kommen ja nirgends zu spät”, antwortete ich ruhig. “Wir frühstücken doch um acht Uhr dreißig”.

Diesen deutschen Pünktlichkeitsdrang der älteren Menschen, denen die Uhrzeit doch nichts anhaben konnte, begriff ich nicht. Ich fühlte mich getadelt und unwohl mit mir selbst. Ich machte kleine Fehlgriffe bei Opas Morgentoilette. So wirkte sich eben die Mahnung für die paar Minuten Verspätung auf mich aus. Ich kniete vor ihm und rubbelte sein Bein mit dem Waschlappen ab. Anscheinend zu fest, denn ich hatte auf einmal seine geballte Faust vor meiner Nase. Er hat mich beinahe geschlagen. Ich hatte es satt. Ich beendete die Toilette, zog ihn an, setzte ihn in den Rollstuhl und brachte ihn in die Küche. Keine Verspätung1 ich war zufrieden mit mir. Der Senior schaute zur Uhr über dem Tisch. Sie tauschten Blicke aus.
Es stimmte alles. Leben nach der Uhr. Sekundengenau. Ich aß die mir zustehende Stulle und konnte kaum die Tränen beherrschen. Ich wollte nicht, dass diese Frau sich daran ergötzt.

“Das Leben. Ich liebe es sowieso über mein Leben. Geh’ noch nicht, ich habe noch nicht mit meinem Gewissen abgerechnet”, sagte ich laut auf Polnisch.

Nach dem Frühstück stand ich auf, räumte den Tisch ab, wusch ab, putzte, trocknete ab, bis alles glänzte. Plötzlich trat Elvira an mich heran, schubste mich und zeigte auf den Herd.
“Gabi! Du machst alles flüchtig. Der Herd glänzt nicht richtig.”
“Doch, er glänzt!”, erwiderte ich stolz, und in Gedanken fügte ich zu: “Wie dem Hund seine Eier.”
“Was ist das überhaupt für ein Vorname? Willst du uns hier die heilige Gabriele vormachen? Wer hat denn so einen scheußlichen Vornamen für dich ausgewählt?”
“Meine Schwestern”, diese zwei Worte enthielten meinen ganzen Stolz.
“Hätten sie dich nicht irgendwie polnischer nennen können?”
“Wie denn?”
“Ich weiß nicht, jedenfalls nicht Gabriela.”
“Gefällt dir mein Vorname nicht?”
“Er passt nicht zu dir. Er ist ungeeignet für eine polnische Pflegerin und Putzfrau.”
“Dann nenne mich, wie du willst.”
“Ich werde mir schon einen Vornamen für dich ausdenken. Und wieso hast du heute eigentlich ein Kleid an? Das ist keine angemessene Arbeitskleidung. Du bist alt und wirst auch bald sterben. Dieses Kleid macht dich auch nicht jünger”, neckte sie mich.
“Na klar! Und du lebst ewig, da der Tod sich nicht trauen wird, dir zu sagen, dass es dein Ende ist”, revanchierte ich mich gehässig. “Und dieses Kleid ist ein Arbeitskleid”. Ich modulierte meine Stimme, um ihren Vortrag zu unterbrechen, aber Elvira war wie aufgedreht.
“Meine Liebe, die Jugend ist trügerisch, wie transparente, feine Morgenwolken. Bevor du dich umgesehen hast, werden sie dunkel, ziehen sich zusammen und verdecken die Sonne.”
“Ich weiß, was du damit sagen willst!”, unterbrach ich sie.
Elvira nahm eine Haltung an, die darauf hindeutete, dass sie ihre senile, krumme Wirbelsäule aufrichten wollte, um mir damit ihre Lebenskraft zu beweisen.
“Nachmittags gehst du in den Garten! Bohnen und Gurken müssen gepflückt werden. Morgen wecken wir ein. Das ist Arbeit für vier Tage.”

Das war unerträglich, die unbegründeten Ermahnungen taten weh. Warum musste ich gerade diese Stelle erwischen?
“Ja, Gabi! Wir bekommen das, wovor wir Angst haben!” Diese Gedanken begleiteten mich während der gesetzlichen Pause. Ich fühlte mich hier wie in einem Gefängnis, und jetzt führte ich mich selbst Gassi, an einer unsichtbaren Leine. Na ja, eine Portion Euro, reich an Vitaminen der finanziellen Sicherheit.