„Die Summe unserer Teile“ von Paola Lopez

Monika Wrzosek-Müller

So ein Titel, so ein Name der Autorin; man könnte meinen: sehr exotisch alles. Doch dann stellt sich heraus, dass der Stoff des Buchs mich direkt betrifft, mir nahe ist. Wo immer ich im Text im weiteren Kontext auf das Thema Polen stoße – die Menschen und das Land – wird die Erzählung für mich sehr emotional; sie bewegt mich, zieht mich mit.

Das Buch habe ich in meiner Bibliothek ausgeliehen, per Zufall; es stand in dem Regal mit der Rubrik „Aktueller Roman“. Vielleicht brüte ich deshalb so lange über dem Buch, weil es genau die Art von von Familiengeschichte oder Geschichte darstellt, die ich auch immer erzählen wollte, das aber bis jetzt nicht geschafft habe – aus Scham, aus Unvermögen, aus Angst, aus Unsicherheit.

Zurück zum Buch. Die Autorin ist noch jung, geboren 1988 in Wien, derzeit angestellt als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Bremen. Als Mathematikerin arbeitet sie gerade an einer Doktorarbeit über KI, aber in interdisziplinärer Sicht. Schon diese kurze Information über die Verfasserin machte mich auf den Roman aufmerksam und neugierig.

Jetzt kommt die Geschichte: Sie spielt zwischen 1944 und 2014, die Schauplätze sind Beirut, München, Berlin, Sopot. Am Anfang kommt auch noch Cieszyń/Polen ganz kurz vor. Ist der Titel ein Programm, eine These? Sind wir die Summe unserer Teile, auch wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, anders zu leben als unsere Vorfahren? Es ist die Geschichte dreier selbständiger Frauen aus drei Generationen, die unter unterschiedlichsten Bedingungen leben und lebten, doch vieles gemeinsam haben. Es geht um das Nachdenken über die Leerstellen, die wir immer wieder im Leben antreffen und die wir uns nicht erklären können, die uns aber auch nicht loslassen, die wir weitertransportieren, weitergeben.

Die Handlung kurz zusammengefasst: Die Großmutter flieht aus dem von den Deutschen besetzten Polen und landet ausgerechnet in Beirut. Sie ist allerdings im Fliehen geübt; schon als kleines Mädchen ist sie einmal alleine nach Sopot zu ihrer Tante getürmt. Wer Polen kennt, dem ist klar, was für eine Entfernung das Mädchen da zurückgelegt hat: vom südlichsten Zipfel Polens (Cieszyn) bis fast zum nördlichsten, bis nach Sopot an der Ostsee.

Die Großmutter will Chemikerin, Forscherin, Wissenschaftlerin werden, so eine wie Marie Curie-Skłodowska, also tut sie sich mit drei anderen, älteren Mädchen zusammen und während des Kriegs fliehen sie im Winter über die grüne Grenze nach Tschechien. Nach zahlreichen Irrwegen kommt sie schließlich nach Beirut und wird wissenschaftliche Assistentin eines libanesischen Professors, heiratet ihn und geht mit ihm dann nach Deutschland (Göttingen) als Ehefrau. Der Professor erhält da eine befristete Gastprofessur, sie bekommt ein Kind, ihre Tochter Daria.

Diese Daria, später aufgewachsen in Beirut, geht wiederum nach München, um Medizin zu studieren und sie bleibt dort, heiratet, baut eine Praxis auf, bekommt ihrerseits ein Kind, das die ganze Geschichte erzählt. Lucy – eigentlich Lyudmiła, nach der Oma benannt, lebt in München. Zum Studium geht sie nach Berlin, um Informatik zu studieren, wohnt in einer WG, einer derer, die in Berlin damals noch bezahlbar waren. Eines Tages bekommt sie von ihrer Mutter, aus München, einen Flügel geliefert. Auf dem Flügel steht der Name Krawczyk. Der große schwarze Flügel, ein schwerer Gegenstand, lastet ihr in der Wohnung und auf ihrem Herzen, sie kann kaum Polnisch, sie weiß so wenig über ihre Geschichte, und auch darüber, woher dieser durchaus polnische Name kommt.

Der Weg der Rekonstruktion ist mühsam und kompliziert, denn die Frauen haben es in sich. Jede versucht sich zu profilieren, ihr Ding durchzuziehen; erzählt wird nur das, was sie preisgeben wollen, was sie an Information zulassen, was ihnen für ihre Selbstdarstellung wichtig erscheint. Doch Lucy erfährt viel und bleibt nicht bei dem, was sie aus den Erzählungen erfahren hat. Sie besucht die für die Familie wichtigen Orte, sucht selbst weiter.

Vielleicht ist der Text etwas zu schnell zusammengeschrieben, vielleicht an manchen Stellen etwas kitschig, doch auf jeden Fall aufrichtig und emotional. Die drei Frauen stehen wie gemalt da, auch wenn wir nicht wissen, wie sie aussehen, hinterlassen sie den Eindruck starker Persönlichkeiten. Sie lassen sich durch keine äußeren Umstände von ihren Zielen abbringen. Ein Generationenroman, autofiktional bestimmt – zum Verdruss derjenigen, die den Begriff schon nicht mehr hören können.

Ein schönes Buch, das der Autorin wahrscheinlich gutgetan hat, mir übrigens auch.

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