Übersetzer Workshop 2

Plamena Maleva

Zitate von mir als Koordinatorin:
– Der Workshop war ein großer Erfolg und das Team der Osteuropa-Tage ist sehr froh, dass wir es trotz der aktuellen Umstände geschafft haben, einen digitalen Raum für Austausch und Zusammenarbeit zwischen Übersetzer*innen zu schaffen.

– Dieses Jahr lag der Fokus des Workshops auf publizistischen Texten und wir hatten vier sehr unterschiedliche, jeweils sehr spannende Texte dabei, die vor allem für die Bevölkerung der jeweiligen Länder geschrieben sind. Die vier Gruppen, die jeweils aus dem Polnischen, Bulgarischen, Tschechischen und Russischen übersetzt haben, standen also vor der Herausforderung, gewisse kulturelle Kontexte, sowie landerspezifisches Hintergrundwissen, welches für das Verständnis der Texte notwendig ist, möglichst verständlich ins Deutsche zu übertragen, ohne dass dabei zu viele Fußnoten entstehen. Wenn man sich die entstandenen Übersetzungen anschaut, sieht man, dass alle Gruppen diese Herausforderung erfolgreich gemeistert haben.

Atmosphäre und Austausch:
Am Ende des Workshops haben sich alle Gruppen zusammengetan und sich über den Übersetzungsprozess ausgetauscht. Dabei konnte z.B. die bulgarische Gruppe, in der es keine deutschen Muttersprachler*innen gab, bei der Suche nach einem passenden Begriff wertvolle Tipps bekommen. Die Teilnehmenden konnten einen Teil von jeder Übersetzung hören und einen Eindruck von den jeweiligen spachrlichen Besonderheiten in jedem Text bekommen.

Ein besonderer Dank geht an die Referent*innen: Katarzyna Hajduk (PL), Evdokia Stoyanova-Kostova (BG), Anastasia Myasina (RU) und Ruben Höppner (CZ) für die tolle Arbeit an den Rohübersetzungen und beim Moderieren der Gruppenarbeit. Sie haben von den Workshop-Teilnehmer*innen auch viel Lob bekommen und es freut uns, als Veranstalter des Events, dass die Betreuung der Gruppen in sicheren Händen war.

Wypierdalać!

Ewa Maria Slaska: To nie mój wpis. Jest niczyj, czyli wszystkich. To my go piszemy. Wy, oni.

Aktywistka feministyczna, Anna Krenz podczas demonstracji pod Instytutem Polskim w Berlinie 24.10.2020 / Foto: Javier Pimentel

Wybieram tylko ikony, foty-memy! Ich publiziere hier nur die echten Ikonen der neuen Freiheitsbewegung in Polen. Wkurwione kobiety. Es sind Frauen, die jetzt kämpfen. Es ist Wut und Mut. To jest wojna. Es ist Krieg.

Wypierdalać! bedeutet verPISst euch und verschwindet, fuck off, weg mit Euch, Arschlöcher! Ihr könnt uns mal und brav sein war gestern. Fuck you, fuck you, fuck you.

https://images.app.goo.gl/9PZDBeYXwU8LKu1NA

Leer und sauber / Puste i czyste

Lutz Bauman fotografiert U-Bahn in Berlin / fotografuje metro w Berlinie

u-bahnhof halemweg benannt nach einem widerstandskämpfer der in brandenburg ermordet wurde / nazwany ku czci działacza ruchu oporu podczas II wojny światowej zamordowanego w brandenburgii

u-bahn moritzplatz

u-bahn hallesches tor


u-bahn prinzenstraße

u-bahn rosenthaler platz

???

Frauenblick: Europa in der Coronazeit

Monika Wrzosek-Müller

Wissen wir, was wir mit unserer EU in der Zukunft vorhaben?

Die Coronavirus Pandemie zwingt uns über viele Sachen nachzudenken, über Solidarität, Toleranz, Freiheit, Individuum, Rechte, Pflichten natürlich auch über finanzielle Risiken und Bürden, usw., die sie mit sich bringt. Es herrscht Unsicherheit und ja, doch auch etwas Angst, wie die Zukunft sein wird, danach. Wäre es nicht angebracht, über unsere Vorstellungen, quasi einen neuen Anfang für EU nachzudenken und vielleicht eine Umfrage starten in allen EU Ländern und bei allen Bürgern, mit einem breiten Fragenkatalog, sich vergewissern, was wir eigentlich von diesem doch künstlichen Gebilde wollen, wie wir es weiter entwickeln, lenken sollen.

Als in Polen die oppositionelle Bewegung entstand und daraus dann später auch Solidarność, als unabhängige Gewerkschaft wurde, wusste sie ganz genau, auf welcher Seite sie stand. Es war wie ein Imperativ, mobilisierte alle ihre Kräfte und Gedanken. Sie kämpfte dafür ohne Wenn und Aber, ohne viel zu überlegen, was passiert, wenn…

Die Entwicklung zeigte, dass das auch richtig war; es war der richtige Kampf, der richtige Weg. Natürlich mit vielen Mäandern, doch die Richtung stimmte. Es hat vieles verändert, auf einen guten Weg gebracht.

Lange blieb sie danach unpolitisch, es ging auch eigentlich nicht anders, sie zog nach Deutschland um und bis sie politisch hätte tätig werden können, vergingen Jahre. Die deutsche Staatsangehörigkeit nahm sie erst 2009 an. Eigentlich begleitete sie nur ein politischer Gedanke, dass wir Europäer zusammen kommen sollen, unabhängig von allen regionalen Unterschieden, sich zusammentun und eine bessere Welt vorleben. Vielleicht war das auch die andere Seite ihres Lebens, die Umzüge und Änderungen des Standortes haben sie offen und positiv neugierig für das andere gemacht, aber zugleich auch gezeigt, wie viel man gewinnt, wenn sich die Länder unterstützen und einige Herausforderungen gemeinsam meistern.

Die Gründung der EU am 1. November 1993 empfand sie mehr als richtig, sie war begeistert. Doch schnell kamen die Krisen, die Unterschiede machten sich allzu sehr bemerkbar. Trotzdem wuchs die EU, zu den sechs Gründungsländern kamen weitere hinzu. Immerhin schaffte es die Union, eine einheitliche Währung zu etablieren; der Bewegungsfreiheit innerhalb Europas waren kaum mehr Grenzen gesetzt. 1999 waren elf Staaten in der europäischen Währungsunion verbunden, bis 2015 traten weitere acht Staaten bei. Die Europäische Zentralbank wacht über die Preisstabilität und, mal und mehr mal weniger erfolgreich, über die Haushaltsdisziplin der einzelnen Mitglieder. Die Finanzkrise von 2008 überstand Europa weitgehend unbeschadet, doch es wurde schnell deutlich, dass es sogenannte „bessere und schlechtere“ Länder in Europa gab, und diese Aufteilung wurde eigentlich nicht mehr aufgehoben.

Dann kam 2015 die Flüchtlingskrise und die Spaltung oder das Auseinanderdriften der Staaten war nicht mehr zu übersehen. Europa konnte sich auf keine gemeinsame Vorgehensweise einigen, viele Staaten respektierten die europäischen Institutionen nicht. Die Risse zeigten sich natürlicherweise während der Krisen deutlicher; so ging es mit gemeinsamen Aktionen nach der Flüchtlingskrise immer mehr bergab. Einige der Länder spielten ihre eigene Musik ganz für sich und wurden arrogant und beleidigt, wenn man sie zurechtzuweisen versuchte. Manche Kritik an der Art und Weise, wie die EU funktionierte, war vielleicht auch angebracht, und so trieb die Uneinigkeit in der EU ihr Unwesen.

Das Referendum in Großbritannien von 2016 fiel knapp zugunsten des Austritts aus der EU aus; für den Verbleib hatten immerhin 48,11% der Bürger gestimmt. Trotzdem war es wie eine Ohrfeige für die EU, England entschied sich für den Brexit und der Austritt erfolgte im Januar 2020. Da war aber ganz Europa schon mit einem neuen Problem beschäftigt, mit dem es bis heute kämpft und das es auf seine größte Probe stellt. In März befiel ganz Europa, die ganze Welt die Virus-Pandemie, die sich bis heute weiter ausbreitet und in vielen Ländern riesige Problemen schafft.

Sie hat diese Zeit nicht in Berlin verbracht; während der dunklen winterlichen Monate war sie in der wunderschönen Stadt an der Moldau, in Prag. Sie erlebte dort den totalen lock-down und eine leere Stadt mit geschlossenen Geschäften, Restaurants, Cafés, Bars, Museen, Konzerthäusern, Theatern, Kinos. Praktisch das ganze Leben stand still in dieser sonst so von Touristen überlaufenen Stadt. Sie war angetan, wie diszipliniert und verantwortungsvoll die Tschechen mit den Maßnahmen umgingen und sich ihnen fügten.

Doch eines stach in dieser Zeit für sie ganz deutlich ins Auge: es gab praktisch keine gemeinsame Aktionen seitens der EU. Jeder Staat versuchte schleunigst, für sich eine Strategie zu entwickeln, kapselte sich mehr oder weniger ab; manche schlossen die Grenzen, andere ließen ihren Bürgern mehr Freiheit und wollten die sogenannte Herdenimmunität durch höheres Infektionsaufkommen herstellen, wieder andere waren einfach hilflos gegenüber der sich ausbreitenden Krankheit. Sie wartete vergeblich auf Signale aus Brüssel, einen Weg, einen Vorschlag seitens der europäischen Kommission. Es wäre doch möglich gewesen, einen Rat für die Erarbeitung eines Maßnahmenkatalogs zu bilden und, wenn nicht praktisch, dann doch wenigstens symbolisch, Geschlossenheit zu zeigen. Es war wie ein Schlag, nach dem die Schleier fielen, sah man ganz deutlich: die Länder lebten ihre nationalen Gefühle und Gebärden, ihren Stolz wieder aus; es kam zur Konkurrenz, wer es warum und wie besser machte. Das war ihr unverständlich und schmerzhaft, doch die Meldungen übermittelten eindeutig dieses Bild: jeder Staat agierte für sich allein. Irgendwann erst taten sich die Staatschefs zusammen und finanzielle Hilfe für ganz Europa wurde vereinbart. Das war ein gutes und richtiges Signal.

Doch für sie war der Traum ausgeträumt, die ersten Impulse hatten gezeigt, dass sich spontan alles wieder klar in Richtung Nationalstaat; dieser Reflex steckt weiterhin ganz tief in den Köpfen.

So denke sie, dass die EU nach der Corona-Krise einen neuen Anfang machen muss, etwas mehr Gewicht auf moralische, ethische Probleme legen, sich von bloß finanziellem Kalkül weg bewegen. Vielleicht würde, wiederhole ich noch einmal, eine allgemeine Umfrage helfen, in der Bürger aller EU-Staaten aufgerufen wären, sich über die Zukunft der EU, deren Aufgaben, Ziele, Pflichten auszusprechen. Dann könnte man sie (die Bürger und die Staaten) beim Wort nehmen und mit neuen Schwung die Einigung, den Fortschritt weiter vorantreiben, auch in den Bereichen, wo die Stimme der EU gefehlt hat, und bei allen Unterschieden und Interessengegensätzen zwischen den Länder.

Osteuropa-Tage 2020 Übersetzerworkshop

Die Osteuropa-Tage Berlin 2019/2020 werden seit 2019 von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert. Beim Festival stehen Künstler*innen, Autor*innen und Aktivist*innen im Mittelpunkt, die wegen ihrer pro-demokratischen und pro-feministischen Ansichten in ihren Herkunftsländern oft auf Kritik stoßen. In Berlin kommen Protagonist*innen aus Polen, Bulgarien, Tschechien und Russland in einem Polylog zusammen, um die Kooperation und Entwicklung gemeinsamer Methoden zu fördern, mit denen Feminismus & Demokratie den Mittelpunkt dieser Gesellschaften (wieder) erreichen.

Das Programm richtet sich an Interessierte an der Kultur der vier mittel-/osteuropäischen Länder, aber auch an diejenigen, die offen sind, zum ersten Mal damit in Berührung zu kommen.

Alle Veranstaltungen finden online statt.

Übersetzungsworkshop “Voices to be heard”

Wann:  24 und 25. Oktober, 10-16 Uhr (CET)
Wo: online, Anmelden via Eventbrite
Preis: kostenlos

Quo vadis, Osteuropa?

Polnische Städte erklären sich zu LGBTQ-freien Zonen, in Bulgarien protestieren Menschen gegen die Ratifizierung der sog. “Istanbul-Konvention” zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, die russische Regierung beschließt die Errichtung eines eigenen Internets unter kompletter Staatskontrolle… Solche Geschichten dominieren die deutsche Nachrichtenlandschaft in Bezug auf osteuropäische Länder. Wie ist es eigentlich, alles das “live” als Teil einer dieser Gesellschaften zu erleben? Unsere Autor*innen berichten. Sie schildern Kontexte, Zusammenhänge und Umstände für ihre Landesleute, so wie wir sie hier selten erleben können. Genau das wollen wir bei diesem Übersetzungsworkshop ermöglichen.

Zwei Tage lang werden wir in kleinen Gruppen publizistische Texte zu den aktuellen gesellschaftlichen Themen aus Polen, Bulgarien, Tschechien und Russland ins Deutsche übersetzen, um ihren Botschaften eine (weitere) Stimme in Deutschland zu geben. Die Gruppen werden von erfahrenen Übersetzer*innen geleitet, die die Teilnehmer*innen bei der Arbeit an den Texten unterstützen.

Es werden Texte von Monika Tichy (Polen, Vorstandsmitglied beim Stettiner LGBTQ+ Verein Lambda Szczecin), Nadezhda Dermendjieva (Bulgarien, Geschäftsführerin des Bulgarian Fund for Women), Jiří Přibáň (Tschechien, Juraprofessor an der Universität Cardiff) und Alexey Kovalev, Anna Vilisova & Ilya Schevelev (Russland, Investigativ-Ressort des unabhängigen Nachrichtenportals Meduza) übersetzt.

Alle Übersetzungen werden im Anschluss am Workshop lektoriert und voraussichtlich Ende 2020 veröffentlicht.

Du kannst dich für diese Veranstaltung auf Eventbrite registrieren.

***Der Zoom-Link zur Online-Veranstaltung wird innerhalb einer Woche vor dem Event an alle Teilnehmer*innen per Mail zugeschickt.***


So viel findet sich auf der offizieller Seite der OET. Ich werde hier noch meine Bemerkungen zufügen. Mindestens zwei Themen sind für mich persönlich interessant: die Werkstatt und Monika Tichy, Autorin aus Stettin.

Die Werkstatt haben wir uns vor 20 Jahren ausgedacht. 1994 gründeten wir den WIR e.V., Verein zur Förderung der Deutsch-Polnischen Literatur. Primärer Zweck des Vereins war es, Bücher herauszugeben. Inzwischen und danach gab es ganz viele andere Tätigkeiten, Lesungen, Performances, Festivals. Irgendwan junge Autoren, die mit WIR zusammen gearbeitet hatten, kamen zu den Vorstand mit der Frage, ob wir bereit wären, für junge Dichter aus Deutschland und Polen, einen Übersetzer-Werkstatt zu organisieren, um danach ein Buch mit deren Texten in beider Sprachen herauszugeben. Wir sagten zu, ohne zu wissen worauf wir uns ranlassen. Es gab insgesamt sechs wunderbare Workshops, mehrere Veranstaltungen, eine gemeinsame Fahrt auf der Oder und am Ende drei Bücher. Ca. 100 junge Dichter*Innen nahmen an all diesen Events teil. Manche sind danach sehr erfolgreich geworden und wir sind stolz, dass sie, als noch unbekannt, bei uns waren. Michał Witkowski, Alexander Gumz, Daniela Seel, Radek Wiśniewski, Janusz Gabryel, Łukasz Kaniewski sind inzwischen feste Bestandteile der Literaturszene in beiden Ländern.

Alexander Gumz, Jan Kettner und Jacek Slaski (die Gruppe nannte sich Arte Nova), die Initiatoren der Workshops, haben intuitiv eine wunderbare Methode ausgearbeitet, wie man an die Texten rangehen soll. Man wollte keine von oben herab vorbereitete Übersetzungen, die sehr oft die Themen, Worte, Ideen verfehlten. Die Übersetzungen sollten in einer gemeinsamer Arbeit der polnischen und deutschen Autoren entstehen. Jede(r) sollte mit jeder/m über seine / ihre Texte reden können, Ratschläge bei anderen suchen, immer wieder neu ausprobieren. Fachübersetzer sollten nur im Ernstfall eingreifen, meistens hielten sie sich am Rande der Workshops und dienten nur als Berater.
Junge Menschen bereiteten nicht nur Texte und Abschlußveranstaltungen vor, aber redigierten auch ihre eigene WIR-Bücher.

Irgendwann ging die Idee vom Autoren-Workshop in die Welt. Vor ein paar Jahren brachte ich sie in die Osteuropa-Tage und seitdem freue ich mich immer, dass sie sich so konsequent und erfolgreich entwickelt :-).

Bei der ersten Werkstatt, 2017, war mit uns noch Joanna Trümner, die in der Gruppe, die mit den Gedichten von Marek Maj, eines Dichters aus Stettin gearbeitet hat, mitübersetzte. In letztem Jahr wollte sie wieder dabei sein, als (Vor)Übersetzerin eines Texts von Frau Prof. Inga Iwasiów und eine Gruppenleiterin, aber die Krankheit war schon schneller als sie. In diesem Jahr weilt sie nicht mehr unter uns.

***

Monika Tichy traf ich schon ein paar Mal, einmal in Februar 2020, als wir, Berliner vor dem Polnischen Institut gegen Anti-LGBT-Politik der polnischen Regierung protestierten und Monika eine fantastische, sehr persönliche Rede hielt. Sie war auch vor einem Monat bei einem Protestmarsch aus Słubice nach Frankfurt / Oder, an dem ca. 1000 Deutsche und Polen teilnahmen (ich berichtete HIER). Ela Kargol und ich diskutierten HIER über einen Mural in Stettin, dessen Initiatorin Monika war. Ich finde, sie ist eine wunderbare Frau und ich werde gern erfahren, was sie schreibt und was hier übersetzt wird. Das aber erfahren wir erst am Tag des Workshops bei dem Workshop oder (hier) ein paar Tage später 🙂

Nach Marienfelde

Wanderung in der Zeiten der Seuche. Muss man sehr nah Wandern. Berliner Umgebung habe schon längst Entscheidung getrofen, man wünscht sich uns, die Berliner überhaupt nicht. Dan kam gestern weitere harte Corona Entscheidung, Leute die aus fünf polnische Voivodschaften nach Berlin kommen, werden in die Quarantäne geschickt. Darunter ist auch Danzig, Hart, hart, hart geht die Corona an uns zurück.

Text: Christine Ziegler, Fotos: Martin Cames

Ein neues Kapitel aus der Geschichte: Da war ich ja noch nie!

Die Pandemie hat genügend Schattenseiten, die sind auch des längeren beklagt und nicht so leicht auszuhalten. Desto wichtiger ist es, auch den Gewinn sich vor Augen zu führen. Seit März sind Martin und ich unterwegs im eigenen Kiez und darüber hinaus und probieren neue Wege aus. Nur ein Schritt zur Seite und schon öffnet sich eine unbekannte Welt. Wie verblüffend das immer wieder ist!

Nun sind wir aufgrund eines freundschaftlichen Tipps bis Marienfelde gefahren, das war mit hinreichender Sicherheit ein Ort, an dem wir Beide noch niemals waren. Anlass ist das 800 jährige Bestehen des Ortes.

Das wurde natürlich angemessen gefeiert und in diesem Zusammenhang hat das Künstlerduo Maria Vill und David Mannstein mit haushohen Fotos an wichtige Stationen und Personen der Marienfelder Geschichte herausgehoben.

Was haben wir gefunden?

Gleich zu Beginn stoßen wir auf eine freundliche Parole: Die Barmherzigkeit erhebt sich über das Gericht. Wo sind wir gelandet? Wir stehen in der Beyrodtstraße 4 vor der Kirche St. Alfons.

Was hat es damit auf sich? Wir lernen aus dem Begleittext: Der Heilige Alfons war bereits mit 16 Jahren promovierter Jurist. Weil er der Gerechtigkeit noch stärker dienen wollte, studierte er zusätzlich Theologie. Als Seelsorger widmete er sich den Ärmsten, als Theologe entwickelte er eine auf der göttlichen Barmherzigkeit gegründete Moraltheologie, die noch heute aktuell ist.

Da hab ich mich schon gewundert, dass jemand mit 16 Jahren promovierter Jurist sein kann, doch da reden wir auch vom 18 Jahrhundert.

Weiter gings und wir standen gleich darauf an der Marienfelder Allee 6 vor einem Haus, an das nichtwenige unserer Mitberliner:innen eine wahrscheinlich bittersüße Erinnerung haben werden. Marienfelde im geteilten Berlin: Eine Familie ist aus der DDR geflohen und findet Unterkunft im Notaufnahmelager. Das Bild erinnert uns, dass es eine Zeit gab, in der auch Deutsche Flüchtlinge waren – und schafft eine Nähe zu den geflüchteten Menschen, die heute hier aufgenommen sind.

Wir Frühaufsteher:innen waren noch vor der Öffnungszeit angekommen und so ging es gleich weiter zur Kaiserallee 33.

Das alte Preußen lässt grüßen. Aber was ist die Profession der Herren? Das Fahrrad bringt mich auf die richtige Spur, es sind die Männer von der Poststelle. Das Gebäude befindet sich gegenüber vom früheren Kaiserlichen Postamt, Kaiserallee 32. Die Postbeamten aus der Kaiserzeit waren so, wie sie hier stehen, 1905 in einem Gruppenportrait vor dem Postamt positioniert. Wäre es noch da, würden die Beamten von hier aus ihre Post betrachten.

Ok, statt des sicher stattlichen Postamts steht da ein eher unansehnlicher Zweckbau aus den 1970er Jahren und wir machen uns schnell wieder auf, um ein paar Meter weiter auf die Bibliothek zu treffen.

Das Mädchen scheint zu träumen. Es symbolisiert den Zustand der Ruhe, den wir brauchen, um uns von der Muse küssen zu lassen – in Form von Literatur, Musik, Kunst. Erst wenn man die Rückseite des Gebäudes betrachtet, sieht man eine fliegende Eule, Symbol der Weisheit und Tiefgründigkeit. Dem Nachtvogel haftet etwas nicht Greifbares an, so wie es auch in der Literatur immer einen unbegreiflichen „Rest“ gibt.

Von der Marienfelder Allee 107 geht es weiter zu einem Bild, das auch das Fliegen zum Thema hat. Hier hat leider der Zahn der Zeit schon am Motiv genagt.

Über das Motiv am Haus an der Budesstraße 101, am südlichen Einfallstor nach Berlin: Durch den nahen Flughafen ist hier nicht nur der Straßen-, sondern auch der Flugverkehr sehr lebendig.
Das Bild stellt unseren gewohnten Fortbewegungsmöglichkeiten auf humorvolle Weise klimafreundliche Alternativen zur Seite. Wie die Leute das wohl so finden, dass der Flugverkehr sehr lebendig ist? Schade um den Kranich, von dem nur noch der Kopf zu ahnen ist.
Also schnell weiter zu diesen zwei ehrwürdigen Personen. Wir sind ganz ratlos, wer das sein könnte.

Und lernen: Das Ehepaar Adolf und Emilie Kiepert prägte Marienfelde wie kaum jemand anderes. Adolf Kiepert erwarb das Rittergut Marienfelde 1844, baute einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb auf und schaffte Erwerbsmöglichkeiten für viele Menschen. Er engagierte sich
vorbildlich für das Gemeinwohl in Marienfelde. Wir finden Adolf und Emilie am Gutshof klebend und alles gehört heute zum Bundesinstitut für Risikobewertung.

So langsam kriegen wir Hunger, doch noch sind nicht alle Stationen gesehen und Vollständigkeit ist
schließlich angestrebt. So finden wir den Weg zur Alten Feuerwache, Al ‐Marienfelde 36.

Das Bild finde ich wunderbar skurril.

Das helle Feuer oben, was mir der Turm der Feuerwache suggeriert ist in Wirklichkeit ein Koi und die Menschen der Räuberleiter findet ihn oben statt unten im Wasser. Was schreiben uns die Künstler:innen?
Ein Motiv mit hohem symbolischem Charakter: Die Räuberleiter steht als Bild für das Zusammenspiel im Sport. Wie so oft im Leben sind es nicht zuletzt soziale Kompetenzen wie Teamgeist und Zuverlässigkeit, die auch Ziele erreichbar machen, die alleine unerreichbar sind.

Ein Schluck Tee zum Aufwärmen, die Augen schon auf dem Weg nach nettem Unterschlupf fahndend, doch noch sind zwei Stationen zu finden:

Herrn Jacobsohn fehlt schon der Kopf, auch da hat das Wetter schon einen Teil der Kunst geraubt. Wenn es nur das Wetter wäre, an diesem Ort wurde schon ganz anderes geraubt: Das Bild zeigt einen durch einen Riss in der Fassade verschwindenden Arzt. Es symbolisiert den Riss im Leben Moritz Jacobsohns, der hier sein Zuhause und seinen Wirkungskreis hatte. Er war in Marienfelde verwurzelt und hoch angesehen. Mittellose Patient_innen behandelte er stets kostenlos, und er und seine Frau unterstützten Hilfesuchende, wo immer sie konnten. Wegen seiner jüdischen Herkunft waren er und seine Familie 1938 zur Flucht in die USA gezwungen.

Noch einmal am Weiher vorbei durch eine kleine Grünanlage stehen wir vor einer Schule. Doch da ist noch mehr zu entdecken. Szenen aus dem Klosterleben: Das Kloster Vom Guten Hirten nahm viele Mädchen und junge Frauen auf, die Opfer von Armut, Kriminalität, Prostitution oder Obdachlosigkeit waren. Durch Fürsorge, Schule und Ausbildung wurden sie auf einen Neuanfang im Leben vorbereitet.

Was ich erst aus begleitendem Material erfahre: Die schwarz gekleidete Schwester macht grad Sport. Turnmutter Hildegard statt Turnvater Jahn?

Heute ist hier noch immer eine Schule.

Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen Pfad nachzugehen, wir hoffen, dass die Bilder noch eine Weile erhalten bleiben.

Noch einen Grund haben wir, euch vorzuschlagen, den Weg nach Marienfelde zu suchen. Unsere Rast haben wir bei „Erna und Else“ gehalten, dem Café vom Bauernhof Lehmann. Köstlicher Pflaumenkuchen, das wissen wir schon. Alle anderen Sorten müssen noch probiert werden! Sahen aber schon mal gut aus. Das alles gegenüber der alten Dorfkirche.

https://www.berlin.de/ba‐tempelhof‐schoeneberg/ueber‐den‐bezirk/veranstaltungen/800‐jahre‐ marienfelde/artikel.965959.php

https://www.berlin.de/ba‐tempelhof‐schoeneberg/ueber‐den‐bezirk/ortsteile/marienfelde/

Circa van Gogh und die Künstliche Intelligenz

Meistens finde ich, irgendwo in der Stadt, Bücher oder Bücherseiten, diesmal war es eine alte Zeitung in einem Café, eine Seite vom Bild, auf die ich aufmerksam geworden bin, weil das, was man sofort sah, ein Selbstbildnis von van Gogh war. Die Buchstaben der Titel sind jedoch viel größer als das Bild. Ich, hmmm, entwand die Seite und erst später stellte ich fest, dass ich am 9. Oktober die Zeitung vom 1. September fand und entwand.

Echtheit mit künstlicher Intelligenz bewiesen

Computer löst van-Gogh-Rätsel

 

 

Van Gogh oder nicht van Gogh? Das Hamburger Auktionshaus Dechow versteigerte am Dienstag 1. September 2020 online ein Gemälde zum Ausgangspreis von 500 000 Euro, das eines der frühesten Werke von van Gogh sein soll, die „Mühle von Wijk“, eine Kopie des berühmten Bilds von Jacob van Ruisdael aus dem 17. Jahrhundert. Einige Experte hielten diese Kopie für “echt Vincent”. Das Amsterdamer Van-Gogh-Museum erkennt das Bild jedoch nicht als eigenhändig an, zumal auch die Unterschrift des Künstlers anders ist als sonst. Van Gogh unterschrieb seine Werke immer als Vincent, hier gibt es jedoch einen verschnörkelten van Gogh.

Jetzt hat angeblich ein Computer das Rätsel gelöst: Wolfgang Reuter (55) von der Münchner Data-Firma „Alexander Thamm“ ließ das Gemälde ohne Auftrag des Besitzers mit Künstlicher Intelligenz (KI) untersuchen. Das Ergebnis: Es stammt mit 89 % Wahrscheinlichkeit von der Hand des van Gogh (1853-1890). Reuter sollte für 20 Künstler einen Klassifizierungs-Alghorithmus gespeichert haben, Rembrandt, Leonardo da Vinci, van Gogh. Jeder Künstler hat eigene Stilelemente und Muster, die der Alghorithmus selbst erkennt und lernt. Es ist, sagt Reuter, ein digitaler Fingerabdruck des Malers, den ein Fälscher nicht hundertprozentig nachahmen kann.

Der Alghorithmus wurde mit 1878 Werken von van Gogh trainiert.

Bei mir im Kopf klingelt es Alarm Stufe A1! 1878 Werke! Wie das? Ich glaubte zu wissen, VvG hatte 300 Bilder gemalt. Ich lag allerdings falsch, bei Wikipedia fand ich die Information, es waren 864 Gemälde und über 1000 Zeichnungen. Nun also: der Alghorithmus wurde mit allen Werken von Vincent trainiert. Bei Testen des Bilds speisste man ihm mit ca. 100 zufällig ausgewählten Bildfragmente von Mühle von Wijk. Er verglich dies mit seinem eingespeicherten Fundus und entschied: Es ist echt!

Juristisch bindend ist der Urteil nicht. Nicht desto trotz hat jemand das Bild gekauft. Das Aktionshaus sagt der Öffentlichkeit nicht, wer der Käufer war.

Wenn das Bild aber nun echte van Goghs Kopie ist, wieso bezeugt man es nur 89%ige Echtheit?

Weil es mathematisch bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung so ist. Mein Vater, der Ingenieur war, brachte mir irgendwann bei, wie man mit einem Rechenschieber rechnet.
Das erste, was wir gemeinsam ausgerechnet haben, war fantastisches Ergebnis:
2 x 2 ist ca. 4.
Circa? fragte ich.
Circa, stimmte mein Vater zu.

Circa van Gogh wurde für 550.000 Euro erworben.

ARU

AutonomeRepublikUtopia

Ewa Maria Slaska

Kurz bevor die Deutsche Demokratische Republik Geschichte sein würde, wurde am 2. Oktober um 23.53 Uhr am Kollwitzplatz die Autonome Republik Utopia ins Leben gerufen. „Das war für uns ein symbolischer Akt“, sagt eine der Initiatoren, Julia Dimitroff heute. „Wir traten aus der DDR aus, aber wir traten nicht der Bundesrepublik bei. (…) Wir haben das Klettergerüst erklommen, ein weißes Bettlaken mit einem Loch in der Mitte gehisst und die Unabhängigkeitserklärung verlesen“.

Für eine Nacht gab es weder Zeit noch Raum. Utopia halt.

In der Erklärung der ARU (Autonome Republik UTOPIA) hieß es: „Wir sind unabhängig von Staaten und Staatsbürgerschaften, unabhängig von der Politik der Parlamente und Parteien. Die Unabhängigkeit aber fängt im Inneren jedes Kindes, jeder Frau und jedes Mannes an. So wie die Freiheit und so wie der Widerstand. In jedem Herzen steckt eine revolutionäre Zelle.“

So begann der Tag, den viele willkomen hießen, viele aber zutiefst ablehnten. Nicht umsonst hiess damals der Tag der Deutschen Einheit auch der Tag der deutschen Gemeinheit oder der deutschen Depression. Es gab einen Riesenfeier vor dem Brandenburger Tor, aber viele von uns wollten nicht hin. „Alle Hoffnung auf Veränderung wurde an diesem Tag eingefroren, die Aufbruchstimmung, die das Land im Herbst 1989 erfasst hatte, war schon lange hin.” sagte Uwe Rada, dem taz-Publizist, einer der damaligen Oppositionellen aus der DDR.
Die Zeit der Utopie ist sehr kurz gewesen. Symbolisch dauerte sie nur eine Nacht. Wie lange dauerte sie praktisch? Na ja, nicht viel länger als der Sancho Pansa auf seiner Insel Barataria regierte. Bei ihm dauerte es zehn Tage. Und bei uns? Für viele war es, obwohl doch nicht symbolisch, auch nur eine Nacht, allerdings nicht die der Vereinigung, sondern für die aus der DDR wahrscheinlich nur diese eine Nacht als sie am 9. November ungehindert an Kontrollpunkte der DDR in die freie Welt kamen. Für uns, Leute aus Westberlin, war es die Nacht, als der erste Teil Mauer runterfiel (gefallen von den DDR-Grenzsoldaten! – man muß es vollschmecken). Es war ein Freitag mit unglaublich großen Vollmond, es war fürchterlich kalt, aber die Stimmung auf den beiden Seiten der Mauer war unglaublich!

Das Beste, was die deutsche Literatur bis heute über diese Zeit hervorgebracht hat, ist, meine Meinung nach, der langatmiger, langweiliger, grandiöser Roman von Günther Grass – Das weite Feld. Grass äußere sich darin vehement gegen die deutsche Wiedervereinigung und dies hat vielen uns damals sehr gut gefallen. Wir glaubten nicht daran. Wir sehnten uns auf unsere Westberliner-Insel zurück. Der Rausch war vorbei, der Sommer der Anarchie, die Zeit zwischen Noch und Schon – endgültig vorbei.

Ganz im Sinne von Grass gingen wir an dem Tag Pilze sammeln, um sie am Abend gemeinsam zu braten und essen, und Scrabble spielen. Bloss nicht darüber zu denken, was jetzt beginnen wird.

In der Stadt ging aber interessant vor sich, was wir, Parasole essend, nicht wahr nahmen (und nicht wahr nehmen wollten). Am Alexanderplatz sammelten sich 15.000 Leute zur großen Anti-Wiedervereinigungs-Demo. Es flogen Steine, die West-Polizei, die das erste Mal den Ostdeutschen-Boden betrat, knüppelte, die Demo wurde aufgelöst. Es war die erste gesamtdeutsche Straßenschlacht in Berlin. Schaufenster wurden geschlagen, 200 Leute festgenommen. Die taz, schrieb Rada, titelte: „Glassplitter auf deutscher Einheitstorte“.

Die ARU – Autonome Republik UTOPIA – ist zerstört worden, bevor sie überhaupt entstehen konnte.

Reblog+: Gegen das Klischee der Steinzeit

Annika Bangeter

Jagen war nicht nur Männersache

Der Mann war Jäger, die Frau hütete Kinder: Dieses Bild der Urzeitmenschen wird oft herangezogen, um­­­ Familienmodelle oder Sexualtriebe zu rechtfertigen. Archäologin Brigitte Röder räumt mit Klischees auf.

Bis heute werden die Unterschiede der Geschlechter mit den Steinzeitmenschen erklärt. Was ist da dran?

Brigitte Röder: Die Idee, dass Männer «von Natur aus» Jäger seien, ist ein Klischee. Das Bild vom mutigen Jäger, der einem Mammut auflauert, finden wir in vielen Schulbüchern, Museen, Romanen oder Filmen. Der Mann soll seit Urzeiten die Familie ernährt haben, während sich die Frau um Kinder und Haushalt gekümmert habe.

Was spricht dagegen?

Um dieses Klischee rankt sich die Vorstellung von der gefährlichen und heldenhaften Grosswildjagd, die Männersache gewesen sei. Sie fand zwar statt, aber ihre Bedeutung wird massiv überschätzt. Das zeigen moderne archäologische Untersuchungen. Dank feinerer Grabungsmethoden finden wir an Fundstellen aus der Altsteinzeit inzwischen auch Skelettreste von kleinen Tieren und sogar Fischschuppen. Daher wissen wir, dass der Fischfang eine grosse Rolle spielte, ebenso die Jagd auf Kleinwild und Vögel. Das Bild der heldenhaften Grosswildjagd muss also überdacht werden. Das Nahrungsspektrum war viel breiter.

Wer hat denn tatsächlich gejagt?

Einem Speer oder einem Bogen sieht man nicht an, ob ein Mann oder eine Frau ihn benutzt hat. Wer in der Urgeschichte gejagt hat, ist nicht mit letzter Sicherheit zu entscheiden. Dafür bräuchte man Schriftquellen, die jedoch fehlen. Deshalb ziehen wir Vergleiche aus historischen Zeiten heran. So haben Ethnologen Gemeinschaften beschrieben, in denen auch Frauen gejagt haben. Bekannt ist auch, dass bei den Inuit Mädchen zur Grosswildjagd ausgebildet wurden, wenn der männliche Nachwuchs in der Familie fehlte. Kurz: Es gibt keinen Grund auszuschliessen, dass Frauen auch in der Urgeschichte gejagt haben.

Weshalb besteht dann dieses Bild vom Mann als Jäger und der Frau als Sammlerin?

Die Geschlechterrollen, die für die gesamte Urgeschichte gezeichnet werden, sind ungemein stereotyp. Stets erscheinen die Männer als Ernährer, die mobil waren, Handel oder Bergbau betrieben und sämtliche Innovationen kreierten. Ihnen stehen die ewigen Hausfrauen und Mütter am Herdfeuer gegenüber. Diese Rollenteilung geht auf Idealvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts zurück. Damals wurde das Geschlechter- und Familienmodell neu konstituiert und für universal erklärt. Es wurde auch festgelegt, welchen «Geschlechtscharakter» Männer respektive Frauen haben. Noch heute gilt dieses bürgerliche Geschlechtermodell vielfach als ursprünglich – und wird auf die Urgeschichte projiziert.

Wie lebten die damaligen Menschen wirklich?

Historisch und ethnografisch ist eine unglaubliche Vielfalt an Geschlechtermodellen, Familien-, Verwandtschafts- und Haushaltsformen belegt. Wer für archäologische Befunde Analogien sucht, müsste also ein breites Spektrum in Betracht ziehen. Interessanterweise fokussieren die meisten Interpretationen aber auf das, was wir von der bürgerlichen Gesellschaft kennen. Etwa die Idee, dass in jedem Pfahlbau eine Kernfamilie wohnte. Studien der Universität Basel zeigen jedoch, dass diese Idee falsch ist. Die Siedlungen waren erstaunlich kurz bewohnt, manche nur acht oder zwölf Jahre. Die Gruppen müssen sich immer wieder aufgeteilt und neu zusammengesetzt haben. Die Vorstellung von Bauernfamilien, die über Jahrhunderte im selben Dorf gelebt haben, muss aufgegeben werden.

Haben die Steinzeitväter auch mal den Brei vorgekaut oder die Kinder betreut?

Mit archäologischen Funden können wir das nicht beantworten. Wie auch? Wir haben Hausruinen, materielle Kultur und darunter ganz wenige Objekte, die wir mit Kindern in Verbindung bringen können. Ohne Schriftquellen ist völlig offen, wer sich um sie gekümmert hat. Das sieht man auch einem Skelett nicht an. Die Wissenslücken werden deshalb leider häufig mit ­Vorstellungen gefüllt, die uns ­vertraut sind und die wir für ursprünglich halten. Deshalb er­scheinen sie plausibel und werden nur selten hinterfragt.

Wann begann die Archäologie, die angebliche Rollenteilung zu hinterfragen?

Vor etwa dreissig Jahren. Seither gibt es diverse Beispiele, die bisherige Bilder auf den Kopf stellen. Sehr interessant finde ich Hallstatt, eine Fundstelle in Österreich. Dort gab es in der Eisenzeit sowohl ein Salzbergwerk als auch den dazugehörigen Friedhof. Anhand markanter Unterschiede an den Skeletten von Männern und Frauen liess sich eine geschlechtsspezifische Ar­beitsteilung rekonstruieren. Ergänzt durch die Funde im Berg, liess sich zeigen, dass die Männer das Salz mit Bronzepickeln geschlagen und die Frauen es nach oben getragen haben. Ein sehr überraschendes Ergebnis brachte auch die Untersuchung der Kinderskelette: Sie zeigte, dass auch Kinder in den Bergbau involviert waren und sehr schwer gearbeitet haben.

Wie alt waren diese Kinder?

Im Bergwerk fand man neben Kinderschuhen auch eine Babykappe. Die Kinder waren also von klein auf dabei und sind in die Arbeit buchstäblich reingewachsen. Nach Ausweis der Skelette müssen die Kinder etwa ab dem Alter von fünf bis sieben Jahren hart gearbeitet haben. Das sprengt all unsere Vorstellungen von einer behüteten Kindheit. Die Bergleute von Hallstatt waren zudem enorm reich. In ihren Gräbern fanden sich kunsthandwerkliche Spitzenprodukte aus kostbaren Rohmaterialien, darunter importiertes Elfenbein und Bernstein. Auch das sprengt gängige Klischeevorstellungen.

Wieso?

Wir nehmen ja an, dass Menschen, die so reich waren wie jene in Hallstatt, andere – beispielsweise Sklaven – für sich arbeiten liessen und sich darauf beschränkten, den Reichtum abzuschöpfen. Doch selbst bei ganz reich bestatteten Individuen sieht man anhand der Skelette, dass sie von frühster Kindheit an hart gearbeitet haben. Das passt nicht zu den gängigen Vorstellungen von Reichtum und gesellschaftlichen Hierarchien.

In Hallstatt waren die Menschen bereits sesshaft. Gibt es Skelette, die Aufschluss über noch frühere Zeiten geben?

Für die ganz frühen Zeiten gibt es nur Fossilien, und zwar meist nur Fragmente, so dass eine Geschlechtsbestimmung oft gar nicht möglich ist. Erst aus den letzten 40000 Jahren gibt es dann auch vermehrt komplette Skelette, die im Hinblick auf Tätigkeiten, Gesundheitszustand oder Lebenserwartung von Frauen und Männern untersucht werden können. Neue geschlechtsgeschichtliche Erkenntnisse liefern auch forensische Methoden. Etwa zur Höhlenmalerei. Bis vor kurzem ging man ganz selbstverständlich davon aus, dass sie das Werk von Männern war.

Das stimmt nicht?

Das Bild von den altsteinzeitlichen Männern, die die Kunst erfunden haben, bekommt Risse, weil man an Handabdrücken sehen kann, dass auch Frauen ihre Hände auf den Höhlenwänden verewigt haben. Ebenso Kinder. Wir müssen davon ausgehen, dass Männer, Frauen und Kinder vermutlich gemeinsam in Höhlen rituelle Praktiken durchführten. Nicht zuletzt deshalb ist zu hinterfragen, weshalb die figürlichen Darstellungen ausschliesslich von Männern stammen sollten. Dafür gibt es keinen Beweis – und auch keinen Grund. Was für Männer selbstverständlich und ohne wissenschaftliche Grundlage gesetzt wird, braucht für Frauen umgekehrt eine hieb- und stichfeste wissenschaftliche Beweisführung – etwa, dass sie auch einen Beitrag zur Ernährung, zur Kunst oder zu Innovationen geleistet haben.

Ärgert Sie das?

Ich finde es unsinnig – und obendrein unwissenschaftlich, denn hier wird methodisch mit zweierlei Mass gemessen. Das Denken verändert sich, aber sehr langsam. Als Prähistorikerin, die auf zweieinhalb Millionen Jahre Menschheitsgeschichte zurückblickt, bin ich an das Denken in langen Zeiträumen jedoch gewöhnt.


Anmerkungen der Administratorin:


Frau und Mann (unten) aus Dolni Vestonice, einer paläolithischen Siedlung der Mammutjäger in Möhren; Dolni Vestonice ist wichtigste archäologische Ausgrabungsstelle in Tschechien.

Es ist interessant, dass die, sagen wir es so, “westlichen” Archäologinnen diese Erkenntnisse erst vor 30 Jahren und sehr mühsam, mit viel Widerstand seitens der Arbeitskollegen UND Kolleginnen ansammeln könnten. Ich habe selber Archäologie in kommunistischen Polen 20 Jahre früher als Brigitte Röder studiert und kann mich auf gar nichts so einseitiges erinnern, als das, was hier Frau Röder als große Errungenschaft der mutigen Wissenschaftlerinnen in der Schweiz erinnern. Die Archäologie, die uns in den 60/70 beigebracht wurde, war zwar auf keinen Fall als modern feministisch zu bezeichnen, war aber auch kein nach Hinten projieziertes Bild der bürgerlichen Verhältnisse. Ich glaube seit eh zu wissen, dass die Frauen mit den Männern zusammen für Ernährung der Familien sorgten vor allem aber, dass diese (auch hier) hochgepriesene Jagd auf großes Wild, diese berühmte Jagd mit einem Speer in der Hand, im Paläolithikum kein Muster war. Man hat entweder kleine Tiere gegessen, Frösche, Fische, Wasserratten, Muschel und Schnecken, die quasi auf Sammlerweise aufgesammelt wurden, oder machte man eine Großjagd auf große Tiere, die man laufend in eine Falle, höher Kliff, eine Schlucht forttrieb. An der Laufjagd hinter einer Herde (oder deren Teil) beteiligte sich der ganze Stamm, Männer, Frauen, Alte, Kinder. Als die Tiere in der Falle lagen, wurden sie erst mit großen Steinen beworfen und letztendlich könnte es sein, dass man mit einem Speer einem Tier einen Gnadenschlag verabreicht hat.
All das wussten wir Archäeologen eigentlich von Anfang an, vielleicht schon, bevor wir angefangen haben zu studieren.

Und woher? Aus einem Buch :-). Lovci mamutů. Ein Jugendroman.

Sein Autor, Edward Štorch, war ein Tscheche; Archäologe und Schriftsteller; er schrieb seinen “paläolithischen Roman” 1918; auf Polnisch ist das Buch 1949 erschienen; auf Deutsch (Die Mammutjäger) in Globus-Verlag Wien, 1953 (Übersetzung Felix Rausch) und Kinderbuchverlag Berlin, 1958. Nun ja, Kinderbuchverlag war ein Ost-Berlin Verlag… In Polen wurde das Buch gern und viel gelesen. Kann aber sein, dass Frau Röder in der Schweiz keine Romane gelesen hat, die in einem jämmerlichen Ostberlin-Verlag herausgegeben wurden. Dazu noch Jugendromane :-). Wissenschaftler lesen wissenschaftliche Abhandlungen…