Frauenblick: Drei Kriminalromane

Monika Wrzosek-Müller

Ganz untypisch für mich habe ich letztens viele (also eigentlich drei) amerikanische Kriminalromane hintereinander gelesen. Was mich an ihnen berührt und interessiert hat, waren allerdings nicht die ausgesprochen ausgeklügelten Kriminalfälle, sondern die fast ethnographisch anmutenden, sehr kritischen Beschreibungen der Gesellschaft. Der Schmelztiegel, die Mischungen, die Extreme in den Landschaften, in der die Romane spielen, lassen das Zusammenleben vielleicht spannend aber auch unendlich schwer erscheinen; der blühende Rassismus gegenüber allen people of color ist unerträglich und macht, so sehe ich es, das Hauptthema der Bücher aus. Es handelt sich um das nordöstliche Texas, an der Grenze zu Louisiana, und um Louisiana selbst, mit Städten wie Lafayette, Baton Rogue, New Orleans. Es geht konkret um zwei Romane der schwarzen Schriftstellerin Attica Locke, Bluebird, Bluebird und die Fortsetzung Heaven, My home, und einen von James Lee Burke, aus seiner vielbändigen Serie mit Detektiv/Leutnant Dave Robicheaux, nämlich den 15. Band mit dem Titel Dunkle Tage im Iberia Parish.

Den beiden sehr ungleichen Schriftstellern (Attica Locke ist 49 und James Lee Burke 86 Jahre alt!) ist die Liebe zu ihrer Heimat, ihren Leuten gemeinsam. Bei Locke hat man fast den Eindruck, die Kriminalgeschichte diente nur als Vorwand, um die Gegend mit ihren Menschen, Missständen zu porträtieren. Doch bei allen Schreckensgeschichten dominiert die Wärme, der warme, wohlwollende Blick auf die Landschaft und die Bewohner. In beiden Fällen gibt es Detektive; den schwarzen Texas Ranger Darren Mathew und den berüchtigten Dave Robicheaux französischer Abstammung, die gerecht und bis zum letzten Tropfen Blut ermitteln, um die Wahrheit aufzudecken. Doch die Wahrheit erschließt sich nicht leicht, sie ist zu vielschichtig und zu kompliziert, als dass man sie irgendwo finden könnte, und je mehr sie nach ihr suchen, desto weniger können sie sie finden. Letztendlich hat dann auch die Wahrheit wenig mit Gerechtigkeit zu tun. Doch der Weg der beiden Cops auf der Suche danach zeigt uns das ganze Kaleidoskop der Gesellschaft. Bei Locke ist es die Gegend um den Lake Caddo, wo Native Americans, Indianer, die Hasinai, die teilweise ihre Sprache und ihre Traditionen noch erhalten haben, neben den Nachkommen der reichen Sklavenhalterfamilien leben, die weiterhin Macht ausüben. Sie leben wiederum neben den Nachkommen der füheren Sklaven, die meistens in Armut geblieben sind; nur einige wenige haben es zu etwas gebracht. Es ist eine explosive Mischung und sie alle leben unweit der Sümpfe des Lake Caddo, die symbolisch für diese Verhältnisse stehen. Da sind die Immobilienhaie, die sich bereichern wollen und die Natur nicht respektieren, und eben reiche Weiße aus alten Familien, die weiterhin Geld riechen und reich bleiben wollen – und es auch sind – ohne auf andere Rücksicht zu nehmen. Alle lügen oder erzählen ihre Version des Lebens, der Geschichte zu ihrem Vorteil. Dazwischen macht sich eine Organisation breit, deren Existenz ich mir nicht hätte träumen lassen – eine Nachfolgerin des Ku-Klux-Klans, die sog. Arische Bruderschaft. Sie funktioniert ähnlich und hat ähnliche Ziele wie ihre Vorgängerin. Das schlimme ist, dass auch die gerade vergangene Ära Obama offenbar nichts an dieser Situation geändert hat; paradoxerweise scheint sich der Konflikt eher noch verschärft, zugespitzt zu haben.

Unlängst hörte ich von einem Kenner der Gegend, dass es für die Städte in Louisiana wie Lafayette, New Orleans oder Baton Rouge besondere Karten der no go areas gibt, die alle meiden sollten, auch die schwarzen Einwohner.

Bei Locke blüht der Rassismus und gedeiht; das Land der Sümpfe ist damit getränkt bis an die Wurzeln der riesigen Bäume, die an dem Ufer wachsen. Die einen neiden den anderen ihren Erfolg, ihre gute Ausbildung, ihr Geld, ihren Wohlstand. Die Moose verdecken nur, lassen alles leise und im Verborgenen passieren, sie bedecken nicht nur den Boden, sondern hängen auch von den Ästen der Bäume. Da sind Kneipen oder auch Cafés, die nur von Weißen oder nur von Schwarzen frequentiert werden, die Grenzen sind säuberlich markiert durch all die Jahre, die Tradition, letztendlich auch den Willen der Menschen. Dazu kommt der Drogen- und Waffenhandel, der quer durch die Gesellschaft blüht und ganze Dörfer und junge Leben vernichtet. Es sind leider immer noch die jungen Schwarzen die diesen Handel betreiben, oft ohne sich der Folgen bewusst zu sein und ohne damit wirklich richtig Geld zu verdienen.

Ich las den Roman von James Lee Burke und dachte mir, das spielt in einem früheren Jahrhundert. Der Rassismus bestimmt das Leben von so vielen Menschen, auch derjenigen, die ihn nicht leben wollen, die ihn eigentlich besiegt glaubten. Doch dann kommt die Brutalität der Banden und des sich immer weiter entwickelnden Drogenhandels und das Leben von vielen wird vernichtet. Der Autor versteckt nicht die Schwächen des Detektivs, seinen Alkoholismus. Auch der Wunsch der Menschen nach einer autokratischen Führung, um dem seelischen Elend zu entkommen, ist manchmal nach den besonders harten Beschreibungen sogar verständlich. In der Person des Haupthelden Robicheaux kommt die Vielschichtigkeit der Gesellschaft zum Ausdruck, diesmal ist das auch die weiße Population, die hier noch französisch geprägt ist; die Liebe zu den französisch angehauchten Orten ist im Text spürbar:

„New Orleans glich mehr einem Sonett von Petrarca als einem von Shakespeare. Die Grundstimmung in der Stadt hatte mehr von der mittelalterlichen Welt im besten Sinn als von der Renaissance-Zeit. Im Frühling 1971 wohnte ich in einem Cottage beim Ursulinenkloster und besuchte jeden Sonntagmorgen die Messe in der St. Louis Cathedral. Danach schlenderte ich über den Jackson Square und über schattige Gehsteige, während Straßenmaler ihre Staffeleien an dem Zaun aufstellten, der von den Palmwedeln und Eichenästen überragt wurde. Draußen vor dem Café du Monde saß ich dann bei beignets und Kaffee mit heißer Milch und beobachtete, wie der Tag im Quarter Fahrt aufnahm. Vor der Kathedrale drehten Einradfahrer ihre Pirouetten, Jongleure warfen ihre Holzbälle in die Luft, Straßenmusiker spielten den Tin Roof Blues und Rampart Street Parade. Die Balkone entlang der Straßen ächzten unter dem Gewicht der Topfpflanzen, die Bougainvilleen an den Eisengittern leuchteten wie Blutstropfen im Sonnenlicht. Die von italienischen Familien betriebenen Lebensmittelläden hatten noch hölzerne Ventilatoren an den Decken und verkauften Boudin-Wurst und Poorboy-Sandwiches. Davor, im Schatten der Kolonnade, wurden Zucker- und Wassermelonen, Bananen und Erdbeeren angeboten. An der Ecke, in diesem wunderbaren Duft, der wie ein Hauch des alten Europas war, stand ein Schwarzer mit seinem Handwagen und verkaufte Snowballs. Die Eissplitter dafür schabte er von einem großen Block, den er in ein Tuch gewickelt hatte.

Das traditionelle New Orleans war wie ein Stück Südamerika, das vom Kontinent abgetrennt, von Passatwinden über die Karibik herübergeweht worden war und am Südrand der Vereinigten Staaten angedockt hatte. Die Straßenbahnen, die von Palmen gesäumten Plätze, die alten Cottages mit belüfteten Fensterläden, die Katz-Drugstores, deren Neonlichter im Nebel wie violetter und grüner Rauch aussahen, die irischen und italienischen Akzente, die einen Dialekt hervorbrachten, der nach Brooklyn oder der Bronx klang, die exzentrische Atmosphäre, die Tennessee Williams, William Faulkner und William Burroughs anzog – das alles wurde für immer verändert, als die Stadt mit Crack überflutet wurde.“ […]

„Doch in meinem Traum ging es nicht um die verheerenden Auswirkungen des Drogenhandels auf die Stadt, die ich liebte. Ich sah Clete und mich, kurz nachdem wir aus Vietnam zurückgekommen waren, als Streifenpolizisten die Canal Street entlanggehen, vorbei am alten Pearl Restaurant, wo die Straßenbahn hielt und unter einer grün gestrichenen Kolonnade Fahrgäste einsteigen ließ. Ein frischer Wind blies vom Lake Pontchartrain herüber, der Abendhimmel war von pinkfarbenen Wolken überzogen, die Luft pulsierte vor Musik. Schwarze Männer spielten Craps, Kinder verdienten sich ein paar Cent mit Stepptanzen – kurz gesagt, es waren Augenblicke, von denen man vergeblich hofft, dass Zeit und Vergänglichkeit ihnen nichts anhaben könnten.“

Ich denke, es ist ein sehr interessantes Landausschnitt. Attica Locke hat es in einem Interview so formuliert: „Ich bin schwarze Amerikanerin. In unserer Geschichte gibt es noch so viel, das gar nicht erzählt wurde“.

Travelling and speaking languages


Alma Karlin’s
travelling book, The odyssey of a lonely woman, was edited in English, by Victor Gollancz, London, 1933, it consists of reports about her journeys out of America, in the Far East and through Australia.

She was an Austrian, so it is why some her titles were published in German first, then translated into Slovenian. Many of them have not yet been published; they are kept in the National and University Library of Slovenia and in the Berlin State Library (according to Wikipedia in a building in Unter den Linden).


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Das beste Buch letzter Jahre

Ulrike Edschmid, Levys Testament, Suhrkamp 2021

Es beginnt in den 70ern in Berlin, führt über London in den 20ern letztes Jahrhunderts, ab den Nulle geht es immer wieder nach Polen, und dann noch nach Bulgarien. Es ist interessant, gut und schlicht geschrieben. Der Hauptprotagonist hat keinen Namen, er ist Engländer. Man braucht Zeit um plötzlich einzusehen, dass es ein ungewöhnliches Buch ist, dass die Geschichten erzählt, von denen wir am liebsten schweigen.

Immer wieder ist der narrative Strang mit kleinen Nebengeschichten gespickt. Ich zitiere hier einen der letzten Kapitel, der mit dem Hauptthema des Buches nicht zu tun hat, und gerade deshalb einen regelrecht umhaut.

Kapitel 47, Seiten 139-140

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Frauenblick: Milan Kundera

Monika Wrzosek-Müller

Wir alle haben seinen Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gelesen, darüber diskutiert und uns ereifert. Das Schicksal, das die Tschechoslowakei mit der gewaltsamen Beendigung des „Prager Frühlings“ erleiden musste, hat uns alle beeinflusst und bewegt. Alle, die aus Polen dann später in die Emigration gingen, aber auch alle, die in ihrem Land gegen den Kommunismus kämpften. Kunderas persönliches Schicksal spiegelte die Zerrissenheit der Menschen in jenen Zeiten in der Heimat und im Exil nur allzu genau wider.

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Dzień Węża i Mały Książę

Wczoraj pochowaliśmy naszego Małego Księcia, Beniaminka. Dziś, 16 lipca jest Światowy Dzień Węża. Sięgam więc po Małego Księcia Antoine de Saint Exupéry, myśląc o Beniaminku i najsłynniejszym wężu literackim:

I

Gdy miałem sześć lat, zobaczyłem pewnego razu wspaniały obrazek w książce opisującej puszczę dziewiczą. Książka nazywała się “Historie prawdziwe”. Obrazek przedstawiał węża boa, połykającego drapieżne zwierzę. Oto kopia rysunku:

W książce było napisane: “Węże boa połykają w całości schwytane zwierzęta. Następnie nie mogą się ruszać i śpią przez sześć miesięcy, dopóki zdobycz nie zostanie strawiona”.

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Salmon Rushdie via live stream

Samstag, 10. September 2023, 16.00 Uhr I Berliner Ensemble – Großes Haus, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin

Salman Rushdie zu Gast beim internationalen literaturfestival berlin

Wir freuen uns, dass Salman Rushdie im Herbst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird! In der Begründung des Stiftungsrats heißt es:

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Frauenblick: Arno Geiger

Monika Wrzosek-Müller

Das glückliche Geheimnis oder eher die Veränderungen in der Zeit

Meistens begleitet einen ein nicht so glückliches Geheimnis durchs Leben, doch wahrscheinlich jeder trägt eines mit sich; auf Polnisch sagt man auch: „Co chatka to zagadka“, was ungefähr so viel bedeutet wie: „In jedem Häuschen gibt es ein Geheimnis“.

Schön, dass der Schriftsteller Arno Geiger ein glückliches Geheimnis mit sich trägt und uns es auch mitteilt. Besonders für Menschen, die immer wieder schreiben, ist das Buch sehr empfehlenswert. Das eigene Geheimnis als Quelle für die Themen, die man dann bearbeitet, ist auch nicht zu verachten. Worum geht es? Der junge, aufstrebende Arno kommt auf die Idee, in Papiercontainern nach brauchbarem Material zu suchen. Einerseits bessert er seine damals noch bescheidenen Einkünfte als ewiger Student damit auf, dass er einige der unter dem Abfallpapier gefundenen Bücher und Postkarten auf Flohmärkten verkauft. Manchmal findet er auch richtige Schätze, die er entweder für seine Romane verwendet oder auch wirklich gewinnbringend verkauft. Denn immer wieder entledigen sich die Menschen ihrer Sammlungen nicht nur von Büchern, sondern auch von Briefen oder Tagebüchern, die ihrerseits dem angehenden Schriftsteller helfen, neue Themen, neue Geschichten zu finden. Er beschreibt auch die Aufarbeitung dieses Materials als die eigentliche Schule für seine Schriftstellerei; dabei lernt er, bescheiden und ehrlich mit sich und den Themen umzugehen, versteht, dass das geschriebene Wort wirklich das meint, was es besagt, dass da Vorgänge beschrieben werden, die es gegeben hat, Emotionen, Zustände, die die Menschen erlebt haben. Im Laufe der Zeit entwickeln sich seine Erkundungen, Suchen, die Runden, wie er es nennt, zu einem regelrechten Ritual. Er durchforstet bei seinen Fahrradtouren immer mehr Papiercontainer, seine Funde werden immer interessanter.

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Vertreibung aus der Hölle

Monika Wrzosek-Müller

Das Buch von Robert Menasse und der Gedanke als solcher

Ein Film, ein Buch in so kurzer Zeit zu einem ähnlichen Thema, ein Zufall?

In Cannes wurde der neue Film Rapito [die Entführung] von Marco Bellocchio gezeigt. Der Film erzählt die Geschichte eines jüdischen Kinds, das 1858 in Bologna – die Stadt gehörte damals noch zum römisch-katholischen Kirchenstaat – von der päpstlichen Obrigkeit entführt wurde. Die Familie, wohlhabend und nach jüdischen Bräuchen lebend, konnte nichts dagegen unternehmen. Das Kind, Edgardo Mortara, war von einem katholischen Kindermädchen getauft worden, da diese dachte, das Kind liege im Sterben und sie müsse seine Seele durch eine Nottaufe retten. Naiv, wie sie war, erzählte sie diese Geschichte leider auch weiter. Zu Zeiten von Papst Pius IX. war dies ein zureichender Grund für die päpstlichen Milizen, das Kind zu verschleppen und nach Rom in eine päpstliche Schule zu verbringen. Diese sehr malerisch inszenierte Geschichte steht für viele ähnliche Schicksale in der Zeit des Kirchenstaats. Die katholische Kirche versuchte, die Ausbreitung des jüdischen Glaubens mit allen Mitteln zu verhindern. Die Methode, Kinder zu entführen und sie dann im anderen Glauben zu erziehen, findet leider auch in unserer Zeit Nachahmer (siehe die Entführungen ukrainischer Kinder durch die Russen, was den Regisseur zu einer Äußerung in der Reppublica veranlasste: „Ich habe mich der Geschichte verpflichtet gefühlt, ohne zu verurteilen. Aber wenn dann jemand politische Reflexionen über die Gegenwart anstellen sollte, würde ich ihm zuhören“). Der Film zeigt auch, wie empfänglich doch Kinder sind, sie werden durch Geschenke und autoritäre Erziehung folgsam gemacht; der junge Mortara will nach der Befreiung Roms 1870 nicht zu seiner Familie zurückkehren. Er bleibt dem Katholizismus treu bis zu seinem Tod 1940. Immerhin versucht sein Vater noch einmal, sein Recht vor Gericht zu erstreiten, was ihm aber misslingt. Der Fall Mortara scheint sehr gründlich untersucht und in Archiven dokumentiert zu sein.

In dem Buch Die Vertreibung aus der Hölle von Robert Menasse las ich: „Der harmoniesüchtige Diplomat Manasseh und der machtbewusste Politiker Aboab. Nur einer von ihnen konnte Oberrabbiner werden, Nachfolger ihres Lehrers. Einer von ihnen sollte es trotz ihrer Jugend werden. Die anderen, älteren Rabbiner steckten freiwillig zurück: Herschkowicz, der Rabbi der kleinen Schar armer Ostjuden in Amsterdam, hatte zu wenig einflussreichen Anhang; ebenso Goldstücker aus Glückstadt, der von der erst in Aufbau befindlichen deutschen Gemeinde nach Amsterdam berufen worden war; Rabbi Saul Levi Mortara, ein profunder Gelehrter und Wissenschaftler ohne rhetorisches Talent oder politisches Interesse, wollte nichts als die Leitung der Yeshiva, die der Schriftgelehrte auch bald zugesprochen bekam…“ so war die Familie Mortara wohl sehr gläubig und wirklich bekannt. Damit habe ich einen Übergang zu dem wirklich faszinierenden Buch von Robert Menasse gefunden.

Es werden zwei Biographien parallel erzählt, die von Viktor Abravanel, 1955 in Wien geboren, wo er auch aufwuchs und weiterhin lebt, einem Historiker und Spinoza-Forscher, und die von Samuel Manasseh bin Israel, geboren 1604 in Portugal, dann mit seinen Eltern nach Amsterdam geflüchtet, und dort als Yeshiva-Lehrer, Gelehrter und Autor tätig. Der Einband zeigt das bearbeitete Porträt des Rabbi Menasse nach dem berühmten Gemälde von Rembrandt.

Das Interessante und fast geniale dabei: diese beiden Lebensläufe gleichen sich immer wieder, obwohl zwischen ihnen etliche Jahrhunderte liegen und die Helden ganz unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Sie werden auch so erzählt, dass man den Eindruck hat, sie überschneiden sich, und oft gelten oder passen die ersten Sätze eines Abschnitts für beide Geschichten. Noch interessanter: Viktor Abravanel scheint ein Nachkomme des Rabbiners Manasseh zu sein.

Das Buch beginnt mit einer Szene in dem Städtchen Vila dos Comecos in Portugal; da findet gerade ein Trauerzug statt, bei dem aber niemand trauert. Es wird nämlich eine Katze zu Grabe getragen, die vorher an einem Holzkreuz gekreuzigt worden war. So werden wir in die Szenerie des Kampfes gegen die Ketzer und Häretiker und das Wirken der Inquisition eingeführt. Den kleinen Manoel lernen wir mit der Schar der Kinder kennen, die in den Gassen herumlaufen und nach „Kryptojuden“ suchen. So wird die Atmosphäre des Terrors und der Angst sichtbar; dabei weiß der kleine Manoel offensichtlich nicht, dass er selbst zu den Verfolgten gehört.

Das nächste Bild oder Abschnitt beginnt genial mit einer Beschreibung eines Festessens zum fünfundzwanzigsten Abiturjubiläums der Klasse von Viktor. Wir lernen ihn also als erwachsene Person kennen. Das Essen sollte in dem renommierten Wiener Restaurant „Zum Goldenen Kalb“ unweit des Gymnasiums stattfinden. Doch Viktor verursacht willentlich einen Skandal, auf den er sich sogar vorbereitet hat. Alle sind gekommen: „vierzehn Burschen, acht Mädchen […] sieben ehemalige Lehrer und der Schuldirektor“. Alle sollen nun über ihr Leben in den letzten 25 Jahren erzählen, Viktor aber konfrontiert die ganze Lehrerschaft mit ihrer Nazi-Vergangenheit, indem er ihnen ihre NSDAP-Mitgliedsnummer vorliest. Daraufhin löst sich die ganze Gesellschaft auf; die Lehrer flüchten schneller als man sich hätte vorstellen können, auch die ehemaligen Schüler verlassen empört das Restaurant. Viktor bleibt mit Hildegunde, seiner ehemaligen Angebeteten zurück. Sie essen zusammen das bestellte Festmenü und fahren anschließend mit einem Taxi durch Wien. In der Retrospektive erfahren wir dann seine Lebensgeschichte. Auch er ist sich seiner jüdischen Herkunft lange nicht bewusst gewesen. Detailliert lernen wir Viktors Lebensweg kennen, seine Kindheit zwischen den geschiedenen Eltern und den Großeltern und seine Studienzeit mit einem unglücklichen Intermezzo mit seiner Jugendliebe Renate und dessen Folgen. Manche Kritiker werfen dem Schriftsteller eine allzu zwanghafte Komposition des Buches vor. Ich persönlich finde gerade diese Verstrickung und Ähnlichkeit der Empfindungen beider Helden sehr gelungen. Sie werden auf so geniale Weise erzählt, dass oft die ersten Sätze des nachfolgenden Abschnittes für beide Geschichten gelten und man am Anfang nicht weiß, zu welcher Geschichte sie gehören.

Denn wovon handelt das Buch eigentlich; das Leben der jüdischen (und vielleicht aller anderen Migranten, wenn auch weniger drastisch) Helden, die nicht einmal wissen, dass sie jüdisch sind, weil die Eltern, um sie zu schützen, ihnen das vorenthalten, von ihrer Einsamkeit und einem Kampf um Weiterkommen und Anerkennung. An keiner Stelle dieser beiden Schicksale hat man den Eindruck, dass der Held angekommen sei; weder in Portugal, noch in Amsterdam, noch, in Viktors Fall, in Wien, obwohl er dort geboren wurde. Im polnischen gibt es den Begriff des „Żyda tulacza“ [des ewig wandernden Juden – des Ahasver]. Ich denke, darüber erzählt das Buch, von dem ewigen Suchen und den Versuchen, eine eigene Identität, Souveränität zu finden; es liefert keine Lösungen, doch es macht sehr eindringlich deutlich, welche Schranken, Barrieren sie überwinden und mit welchen Ängsten und Unsicherheiten sie leben müssen. Das ist mehr als genug.

An einer Stelle gibt es auch ein paar Sätze über Don Quijote, in einem Gespräch zwischen Manoel und Estrela, zwischen Bruder und Schwester: „Oder denk an den Don Quijote de la Mancha. An wen? Don Quijote. Nicht gelesen? Hat das keiner bei euch hineingeschmuggelt ins Konvikt? Das neue Buch, über das jetzt alle Welt spricht. Jeder liest es. Eine Mitschülerin im Kloster hatte plötzlich ein Exemplar. Wir haben das Buch zerlegt in lauter einzelne Seiten, damit jede gelesene Seite gleich zur nächsten Mitschülerin weiterwandern konnte. Das ist ein Roman über einen Hidalgo, einen Altchristen, der natürlich alles wörtlich nimmt, was er liest. Und so und nur deshalb wird er zur lächerlichen Gestalt. Ein typischer Christenmensch. An seiner Seite einer, der es, wenn auch unbedacht, besser versteht: Samuel, genannt Sancho! Er weiß, wir wissen: Große Worte – lächerliche Taten! Ganz große Worte – mörderische Taten! Und wer hat dieses Buch geschrieben? Miguel de Cervantes Saavedra, wieder ein getaufter Jude!“ Ein Geschenk an Ewa.

Don Quijote, who comes from the VR

EMS: Look, what I found in still opened links in my computer. Did I open it and forget to close? Or did it opened itself?

John Hunt

My Joyce Project

In addition to the more obvious literary models for the protagonists of Ulysses found in the Greek Odyssey, the English Hamlet, and the Italian Divine Comedy, it may make sense to ponder also the Spanish Don Quixote. In a stray remark in Scylla and Charybdis, someone suggests that “Our national epic” will be written by drawing inspiration from this hugely influential early novel. Stephen, who has been thinking about how Shakespeare exemplifies the creative process, may well take the hint if he becomes the artist he aspires to be.

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Spaziergang im Stehen

Ewa Maria Slaska

Für Ela K., Kasia K. & Julita B.

Versuch nach Georges Perec


Georges Perec, einer der wichtigsten Schriftsteller der Französischer Literatur-Gruppe OuLiPo, und vielleicht auch einer der wichtigsten Schriftsteller der Weltliteratur nach dem 2. WK und Holocaust, ist vor allem für seine Sprachexperimente bekannt. Diesmal hat er aber einen Gehexperiment gewagt. Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen, ist eine Probe, eine Antwort zu finden auf die ganz ungewöhnliche Frage:

Was passiert, wenn nichts passiert?

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