Walderdbeere Poziomka Fragaria

Monika Wrzosek-Müller

Meine Oma machte herrliche Konfitüre – oder war das Marmelade, oder überhaupt etwas anderes? Die ganzen Früchte waren in einer Art von sehr süßem und dickflüssigem Sirup eingekocht. So kochte sie Erdbeeren, aber auch Walderdbeeren ein, wenn es welche gab. Sie wurden von der ganzen Familie mit Andacht verzehrt, nur zu besonderen Anlässen und für besondere Gäste auf den Tisch gebracht.

Ein Wunder ist dieses Jahr geschehen. Überall wachsen Walderdbeeren und tragen wunderbare, himmlisch schmeckende Früchte in unserem kleinen Waldgrundstück in der Uckermark. Das ist wirklich etwas ganz Neues, vorher musste man sie mit der Lupe suchen und fand dabei eher nur Pilze.

Das mit den Walderdbeeren ist eine heikle Sache. In jeder Epoche blickte man anders auf sie und benutzte für ganz verschiedene symbolträchtige Darstellungen. Unsere Wahrnehmung auch für Luxus ist eben ständigem Wandel unterworfen. Doch die Walderdbeere diente seit eh und je als Nahrungsmittel, sowohl für Tiere als auch für Menschen. Da sie sich relativ einfach durch lange Ausläufer ausbreitete die auf dem Boden kriechen und sich dann verwurzeln, wurde sie in letzter auch Zeit als Bodendecker in Stadtgärten häufig benutzt. Unsere Erdbeere stammt auch direkt von ihr und ist eine Kreuzung aus zwei verschiedenen wilden Sorten. Trotzdem würde ich sagen, dass die Ausbreitung in den Wäldern in den letzten Jahren eher abgenommen hat; Grund dafür ist Klimawandel, verbunden mit Trockenheit und Dürre und immer kleineren Flächen geschlossener Wälder.

Wenn ich an die Walderdbeere, poziomka, denke, dann fallen mir verschiedene Darstellungen in der Kunst ein. Im Mittelalter findet man sie sogar in Marienaltären; sie symbolisiert hier Reinheit und Jungfräulichkeit. Die dreifaltigen Blätter sollen die Dreifaltigkeit repräsentieren: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die kleinen weißen Blüten standen eben für die Reinheit. Die roten Früchte sollten damals das Blut der Märtyrer symbolisieren. Im „Paradiesgärtlein“ des sogenannten Oberrheinischen Meisters, einer Miniatur von 26 x 33 Zentimetern, aus der Spätgotik, ist sie neben dem Maiglöckchen dann die Pflanze des Himmelsparadieses. Da sie am Boden kriecht, symbolisiert sie Demut und Bescheidenheit. Auch bei Hieronymus Bosch, im „Garten der Lüste“ aus dem Madrider Museo del Prado, bestechen einen die überdimensionalen Wald-Erdbeeren, neben Himbeeren und noch anderen Früchten durch ihre Fleischlichkeit, Wollust nach dem Paradies, und zugleich zeigen sie die Vergänglichkeit aller irdischen Verlockungen. Wie anders wird sie dann später, schon in der barocken Zeit wahrgenommen; mir fallen die verschiedenen holländischen Stillleben ein, vor allem „Das Stillleben mit Walderdbeere“ aus dem Jahr 1705 von Adriaen Coorte, das im Mauritshuis in den Haag hängt. Sie wird da in ganzer Pracht dargestellt. Die roten Früchte sind mit einer solchen Präzision gemallt und sehen so echt aus, dass man gewillt ist, sie in die Finger zu nehmen und in den Mund zu führen. Auch noch spätere Darstellungen, die man unter botanische Illustrationen zusammenfügen kann, wie bei Sydenham Teast Edward zeigen sie mit botanischer Präzision, sie werden exakt dokumentiert, fast seziert, mit allen Blüten, Früchten und Wurzelwerk gezeichnet, aquarelliert, gemalt und sehen wie eine gute und genaue Fotografie aus.

Auch in der Literatur hat die Walderdbeere ihren Platz; schon bei den antiken römischen Dichtern Ovid oder Vergil kommt sie zusammen mit der Beschreibung der unberührten Natur vor und bleibt somit als ein Zeichen für das goldene Zeitalter. Interessant fand ich, dass auf Sizilien die Walderdbeeren aus den Wäldern um Noto kamen, wo immer wir sie gekauft haben. Noto, eine wunderschöne, altbarocke Stadt, die wie eine Kulisse für Theateraufführungen auf den Hügeln über dem Meer liegt. Sie wussten, was gut schmeckt, so wie sie gebaut haben; die ganze Altstadt aus hellem Kalktuff gebaut, ist schon lange UNESCO-Weltkulturerbe. Mir fallen bei Walderdbeeren noch Kinderbücher und Märchen ein. Es gibt tatsächlich ein Märchen der Brüder Grimm, wo die Walderbeeren explizit vorkommen: „Drei Männlein im Walde“ ein eher unbekanntes Märchen, in dem es hauptsächlich um Bestrafung und Belohnung und natürlich um das Gute und das Böse geht. Die Stiefmutter schickt das kleine, brave Mädchen im Winter in den Wald, sie soll Erdbeeren suchen. Sie sucht im Schnee, völlig verfroren und entkräftet danach, und findet ein Häuschen, wo drei Männlein wohnen, und sie helfen ihr. Durch ihre magischen Kräfte wachsen dann tatsächlich die Walderdbeeren hinter dem Häuschen für sie. Natürlich ist das kleine Mädchen liebevoll und voll Güte, sie wird von den Männlein dafür auch noch entlohnt mit wunderbaren Dingen. Daraufhin schickt die böse Stiftsmutter ihre eigene Tochter auch dahin, nun ist das Mädchen aber weder nett noch hilfsbereit und sie wird dafür von den Männlein bestraft. Abgesehen davon, dass es das Bild der schlechten Frau verfestigt und der guten, gebenden Männlein einführt, gibt es doch die Walderdbeere als unerreichbares Luxusgut, nach dem sich alle sehnen.

Im Internet habe ich noch ein Gedicht: „Walderdbeeren“ gefunden:

Walderdbeeren müßt ihr ohne Zucker, ohne Zimt genießen/ laßt sie in der süßen Schale/Roter Lippen halb zerdrücken/Um sie dann zum zweiten Male/ Noch mit einem Kuß zu pflücken.“

Wie viele Hinweise auf die Walderdbeere ich auch finde, sie sind fast immer mit Erinnerungen aus der Kindheit verbunden, sind mit einem nostalgischen Schleier der vergangenen Zeit verdeckt. Nun traf mich unerwartet dieses Bild unserer Walderdbeeren ausgerechnet in einem Wald, der vor meiner Haustür steht und den ich eher als ziemlich unfruchtbar und mit schlechten, sandigen Böden assoziiere. Es war wie ein plötzlicher Traum, der in Erfüllung ging. Dann tauchten andere Bilder auf, die alles vermischen und aber in denen die Walderdbeere für etwas Flüchtiges, Magisches und Exquisites steht, das in unseren Zeiten eher selten vorkommt.

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Von der Red.: Walderdbeeren gab es schon ein paar Mal auf diesem Blog:

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