Spaziergang im Stehen

Ewa Maria Slaska

Für Ela K., Kasia K. & Julita B.

Versuch nach Georges Perec


Georges Perec, einer der wichtigsten Schriftsteller der Französischer Literatur-Gruppe OuLiPo, und vielleicht auch einer der wichtigsten Schriftsteller der Weltliteratur nach dem 2. WK und Holocaust, ist vor allem für seine Sprachexperimente bekannt. Diesmal hat er aber einen Gehexperiment gewagt. Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen, ist eine Probe, eine Antwort zu finden auf die ganz ungewöhnliche Frage:

Was passiert, wenn nichts passiert?

Der Redakteur des Diphanes Verlags oder vielleicht auch der Übersetzer, Tobias Scheffel, schrieb im Ansage-Text:

An drei Tagen im Oktober 1974 notiert Georges Perec an der Pariser Place Saint-Sulpice alles, »was man im Allgemeinen nicht notiert, das, was nicht bemerkt wird, was keine Bedeutung hat, das, was passiert, wenn nichts passiert außer Zeit, Menschen, Autos und Wolken.«
Das Ergebnis dieses spielerischen Alltagsexperiments ist ein ebenso umherschweifender wie konzentrierter Text, ein Text, der nicht nur das bei Perec stets präsente »Infra-Gewöhnliche«, scheinbar Un­­bedeutende ins Zentrum stellt, sondern auch die in seinem Werk so charakteristische Verschränkung von Autobiographischem und Ort bezeugt. Und wie immer bei Perec ist auch dieses kleine Buch bedeutende Literatur und luftiger Zeitvertreib zugleich.

Während des Berliner Drift-Festivals erzählte der Berliner “Spaziergang-Autor”, David Wagner, über seinen Versuch, an dem Buch Perecs basierend, das, was auf dem Rosenthaler Platz in Berlin nicht passiert, in Worte zu fassen. Er las ein paar Texte darüber vor und lud die Interessierten zum Erkunden des Rosenthaler Platzes, indem man dort steht oder, ganz nach Perecs Vorgabe, in einem Café sitzt. Bei solchen Experimenten muß man sich eine strenge Regeln aufsetzen, sonst verwassert sich das Ganze. Wagner stand oder saß auf dem Platz, bis Jemand gekommen ist und ihn grüßte.

Versuch, einen Berliner Standort auszureizen. Psychogeografisches Experiment nach George Perec

David Wagner
6. Mai | 11:00 | Walk | Außenprogramm / Treffpunkt: Rosenthaler Platz (Litfaßsäule vor der Apotheke)

David Wagner unternimmt den Versuch, den Rosenthaler Platz zu erschöpfen, in einem kollektiven Herumstehen, Driften und ja, in einer Besetzung des Platzes, den es ja, wer schon mal da war, weiß es, eigentlich gar nicht gibt. Am angegeben Ort befindet sich nur eine lebensgefährliche Kreuzung. Der Titel ist natürlich ein Zitat von George Perec, Perec war (…) ein großer Psychogeograph.

Wir trafen uns also am Samstag. Es nieselte und rieselte ein Bißchen. Ich war (wie fast immer) die Erste. Und (auch wie immer) hatte ich keinen Regenschirm dabei. Ich stand vor der Apotheke und schaute mir diesen Nicht-Platz an. Ich kann nicht fotografieren. Mein Handy hat sich gerade ausgeladen. Auch wie immer. Egal, Perec hatte in den Siebzigern auch kein Handy.
Als ob es gerade für David Wagner inszeniert wurde, war die Kreuzung von allen Seiten mit den rot-weiß gestreiften Zäunen umzingelt. Zwei Männer in orangenen Westen öffneten und schloßen diese Barrieren für fahrende Straßenbahne. Nur für sie. Alle andere Vehickel wurden ausgesperrt. Die Männer bewegten sich sehr harmonisch, fast als ob ein Choreograph ihre Schritte genau vorgeplant hätte.

Ich erinnere mich, dass es doch hier jahrelang die Stodiecks Buchhandlung gab, und darin seit 1979 eine Polnische Abteilung, gegründet und geführt von polnischen politischen Exilanten, Wojciech Drozdek. Es war ein feststehender Punkt in unserem Leben in Westberlin. In Stodiecks Buchhandlung gab es Autorentreffen mit allen wichtigen polnischen oppositionellen Schriftstellern, falls sie in Berlin waren. Und es gab von denen viele, weil DAAD (Deutscher Akademischer Auslandsdienst) einen ganzen Programm hatte, bei dem sie alle zu einem Aufenhaltsstipendium nach Berlin eingeladen waren. Zagajewski, Kornhauser, Krall, Kapuściński und viele viele Andere. Und da waren sie alle da, in Stodiecks Buchhandlung bei Wojtek Drozdek. Darüber werde ich der Gruppe erzählen. Aber dies erst später.

Jetzt stehe ich weiter. Ein Mann mit einem Fahrrad kommt fast zu mir. Er hat kurze Hose an, seine Knie sind rot. Na ja, es ist kalt. Er steht nicht weit von mir und raucht. Dann fährt er wieder. Vier Asiatische Frauen, alle nicht besonders groß und ziemlich, na ja, “kompakt”, gehen über die Kreuzung. Alle vier haben hellgrüne Hütchen an. Die Farbe ist unglaublich. Ich wußte nicht, dass man überhaupt etwas Anziehbares in dieser Farbe bekommen kann. Für den Strand vielleicht, aber für einen Stadtbesuch, nie!

Sie gehen.

Dann erinnere ich mich daran, dass ich hier auch ab und zu in einer Siebdruckerei war, irgendwelche Aufträge abzugeben. Ich dachte, die Druckerei hieße Metzgerei, Alex korrigiert mich später – Fleischerei hieß die Location. So oder so wurde sie in einer alten Fleischerei eingerichtet. Die weißen Kacheln waren immer noch an der Wand. Die sind weg, die ganze Einrichtung ist weg. Statt dessen ist da eine typische moderne Berliner Kneipe – glatte Betonwände und Holztische aus sehr dicken Holz.

Es gab hier auch Back Factory und eine Kneipe, die man des nachts besuchte, wenn man von dem ersten Klub der Polnischen Versager in der Tor Straße am Morgendämmerung zu U-Bahn kam. Die Kneipe ist weg, die Back Factory ist weg, auch die wunderbare Post in der Tor Straße ist einer schicken Ostheopathie-Praxis gewichen.

Plötzlich erscheinen um mich herum viele Menschen, fast alle mit Regenschirmen (und Handys, wie ich vermute). David Wagner ist auch da und Alex, also Jemand, der mich kennt, kommt auch und begrüßt mich. Nach Wagnerischen Prinzipien hätte ich schon gehen können. Ich bleibe jedoch.

Dreht Euch um, sagt plötzlich Wagner und sehet, was Ihr sieht. Ich drehe mich um und sehe diese Litfass-Säule, vor der ich vorher fast eine Halbestunde stand. Nicht desto trotzt sehe ich das, was ich sehe, erst jetzt.

Foto: Alex

Also das erste, was ich sehe, wenn ich schon an dem Steh-Spaziergang teilnehme, ist ein polnisches Thema, ein 2. Weltkrieg und die Veranstaltung über das Massaker von Wola.

Als Massaker von Wola (polnisch Rzeź Woli) wird der von der deutschen Besatzungsmacht begangene Massenmord an polnischen Zivilisten des Warschauer Stadtteiles Wola während des Zweiten Weltkrieges bezeichnet. (Genauer gesagt, während des Warschauer Aufstands – Anm. EMS).

Kurz nach Ausbruch des Warschauer Aufstandes im August 1944 wurde die im Wesentlichen aus SS-Einheiten und Abteilungen der Ordnungspolizei bestehende „Kampfgruppe Reinefarth“ zum Sturm auf das von der Polnischen Heimatarmee besetzte Wola befohlen. Im Verlauf der Kämpfe kam es – vor allem zwischen dem 5. und 7. August – neben brutalen Übergriffen vielfach zu Massenexekutionen an der Bevölkerung. Die Zahl der in diesen drei Tagen ermordeten polnischen Zivilisten wird auf etwa 30.000 geschätzt. Bis zum 12. August 1944 verloren (…) bis zu 50.000 Einwohner Wolas ihr Leben. Die von Adolf Hitler bestimmte Aktion sollte den Kampfwillen der polnischen Aufständischen brechen, ihnen den Rückhalt durch die Bevölkerung entziehen und so den deutschen Einheiten erwartete Verluste im Häuserkampf ersparen. Dieses Ziel wurde nicht erreicht.
Das Wola-Massaker war, gemessen an den Opferzahlen, das größte Kriegsverbrechen auf europäischem Boden im Zweiten Weltkrieg.

Was aber noch schlimmer war, war die Tatsache, dass der Heinz Reinefarth, der also, der die ganze Aktion angeordnet und koordieniert hat, zwar nach dem Kriege drei Jahre in Gefängniss sass, danach aber fast zwanzig Jahre, von 1959 bis 1978, ein Bürgermeister von der Stadt Westerland auf Sylt war und es hat NIEMANDEM gestört.

Ich erzähle es Alex. Wir schweigen. Was kann man eigentlich darüber sagen? Schreiben vielleicht.

Meine Schwester, Katarzyna Krenz, hat vor ein paar Jahren mit Julita Bielak ein Roman darüber geschrieben. Und ich habe hier auf dem Blog darüber berichtet, weil das ganze Buch von einem Satz herzuleiten war, die ich auch hier auf diesem Blog geschrieben habe. Es war die 2 Uhr nacht.

Der Mond der Jäger.

One thought on “Spaziergang im Stehen

  1. Dziękuję, Ewo Mario, że zabrałaś i mnie na przechadzkę, ciekawą, pełną interesujących treści. Aż trudno Ci kroku dorównać. Przypomniałaś mi nasze sopockie spotkanie autorskie, pojawił się na nim wojenny wątek, bo “Księżyc…”, choć z pogranicza snów i wyobrażeń, odkrywa też tajemnice. Postacie, jak i miejsce, do którego przynależą – pisze Kinga Młynarska – posiadają dwie twarze. https://dajprzeczytac.blogspot.com/2015/12/ksiezyc-mysliwych-katarzyna-krenz.html.

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