Frauenblick: Klimawandel

Monika Wrzosek-Müller

Als letztes Jahr die Trockenheit und Hitze Berlin beherrschten, wäre sie fast krank geworden. Die Trockenheit breitete sich wie eine Heuschreckenplage in den Parks, über die Wiesen aus, es war alles gelb und staubig, sah kränklich aus, ohne Saft und Leben. Sie trauerte um jeden Baum, jeden Strauch, der einging. Besonders Bäume haben es ihr angetan, alte, hundertjährige Bäume, deren Äste herunterfielen, erschienen ihr wie Lebewesen, die daran litten, was um sie herum geschah. Auch die Luft war trocken, es brannte in den Augen und kratzte im Hals.

Jetzt, in diesem Jahr saß sie in Warschau und sah die großen, neu angelegten, aber schon vergilbten Rasenflächen, die Blätter der Bäume, die jetzt schon, wie im Herbst, abfielen und auf dem Boden lagen. Die Weichsel konnte man durchwaten, sie war angeblich nur noch 40 cm tief. Die Schifffahrt war eingestellt. Die Trockenheit war überall sichtbar, in der Luft spürbar, auch im grünen Speckgürtel der Stadt sah man sie überdeutlich.

Schon letztes Jahr spürte sie, dass es ernst um die Welt war, um ihr Leben und dass es darum ging, wirklich etwas zu unternehmen, sollten wir noch weiter existieren wollen, vor allem die Generationen nach uns, unsere Kinder und dann deren Kinder. Doch weder die Grünen stellten für sie eine Alternative dar noch die Bewegung Fridays for future, die vielleicht zu jung war, zu sehr auf die Person von Greta Thunberg fixiert. Es war wirklich etwas, worum man kämpfen sollte, oder gar musste. Es war nicht ausgedacht, nicht künstlich zum Politikum gemacht, nicht durch die Medien kreiert; es geschah so überdeutlich und mit fortschreitender Konsequenz, dass man blind sein musste, es nicht zu sehen. Manchmal machten die Politik und die Politiker sie wütend mit ihrer Beschränktheit und Gehemmtheit, auch Langsamkeit, ihrer Abhängigkeit von der Großindustrie. Sahen sie nicht, dass es wirklich  höchste Zeit war zu handeln? Seit den 80er Jahren, seitdem sie nach Deutschland gekommen war, hörte sie ständig von der Verlegung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene, doch es passierte genau das Umgekehrte; die Autobahnen wurden immer breiter, zwei Spuren reichten schon lange nicht mehr aus und die Staus und der Verkehr nahmen rasant zu. Jetzt war Osteuropa auch den Gesetzen der Autoindustrie unterworfen, immer mehr, immer schneller,  scheinbar immer bequemer, also immer größer. Mitten durch kleine Dörfer und Städtchen in der Uckermark rollten riesige Laster mit Anhängern, alles rollte und verpestete die Luft, und die Sonne brannte unermüdlich und gnadenlos.

Zum Glück gab es doch noch die Kunst als einen großen Befreier, als Epigonen, Vorreiter dessen, was passieren sollte, konnte und nicht dürfte. Schon immer war die Kunst Vorbote der großen Themen, von Veränderungen; die Künstler spürten als erste Bedrohungen und bearbeiteten ihre Ängste in ihren Werken, sie entwickelten Visionen, die von der Realität betroffen waren.

So sah sie auch die Ausstellung in Warschau, im Zentrum für Gegenwartskunst (CSW) im Ujazdowski-Palais, sie handelte genau davon; schon der Titel war bezeichnend: Menschenleere Erde im Rahmen des Projekts Plastizität des Planeten. Das Wort Plastizität bezog sich sowohl auf die Möglichkeiten der Veränderung als auch auf die ungeheuren Mengen von Plastik, die der Mensch produziert und den Planeten damit zumüllt. Die Künstler versuchen ihre Sorge um den Planeten global auszudrücken. Sie gingen von einem Buch von Alan Weisman aus,  Die Welt ohne uns: Reise über eine unbevölkerte Erde, in dem spekuliert wird, was passieren würde, wenn die Menschen verschwänden. Könnten die Wälder sich wieder in Urwälder verwandeln, würden fast ausgestorbene Tiergattungen sich wieder vermehren, würde die Luft wieder sauber werden und das Abschmelzen der Gletscher aufhören? Als Beispiel nennt er auch den Urwald von Białowieża in Polen und mehrere andere unberührte Orte der Welt. Doch die Menschen werden nicht verschwinden und all die Auswirkungen ihrer Existenz werden bleiben. Das Buch des US-Autors erschien 2007, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erreichte große Popularität, stand auch monatelang auf den Bestsellerlisten.

Die Künstler schlagen vor: bei den Problemen zu bleiben, aktiv zu werden, bei sich selbst anzufangen. Nicht darauf vertrauen, dass irgendwo, irgendjemand eine neue technische Revolution startet und CO² verwandelt, die Gewässer säubert etc… darauf sollte man nicht vertrauen und sich damit abfinden. Die Künstler versuchen in ihren Arbeiten zu zeigen, wie dramatisch die Konsequenzen der Veränderungen in der Natur sind, die den Plastikmüll absorbiert hat, integriert hat und sich dadurch auch endgültig verändert hat. Sie zeigen, wie in den Organismen Plastik weiter existiert und etwas neues, nicht Natürliches, Unnatürliches schafft. Es ist eben diese Plastizität des Planeten, die neue Formen schafft, neues Leben herstellt, doch ob der Mensch darin noch überleben kann, ist fraglich.

Die Arbeiten sind ganz verschieden und haben mit der KUNST, wie ich sie früher verstanden habe, wenig zu tun; sie zeigen eine Art Sensibilität für die Probleme, die auftreten, eine sehr gezielte und unheimlich akribische Umgangsweise mit verschiedenen Materialien wie Pilze, Wasser, Steine, Grünpflanzen. Es sind Video-Installationen, Objekte die an etwas erinnern, das mal war und jetzt verwandelt weiter existiert, was darin schön ist, denn KUNST ist immer irgendwo mit Schönheit verbunden, muss man in fragilen und ganz zufälligen Momenten suchen. Und doch sind diese Arbeiten wichtig und richtig, denn sie beschäftigen sich mit dem wichtigsten Problemen, vor die unsere Welt gestellt worden ist.

Ein kleiner Teil der  Ausstellung konfrontiert den Betrachter mit  dem gezielten und bewussten Handeln der Menschen, die zur ökologischen Katastrophen (wie Entwaldung und Verwüstung) führen und meistens als Folge nach Kriegshandlungen auftreten.  Forensic Architecture ist eine Gruppe an der London University, Menschen aus unterschiedlichen Berufen: Architekten, Künstlern, Filmemacher, Journalisten, Archäologen, Programmierer, Juristen und anderen Wissenschaftlern; sie alle beschäftigen sich damit, Beweise zu sammeln und zu bearbeiten, so dass sie an internationalen Foren vorgestellt werden können. Im CSW werden zwei Aspekte vorgestellt: Herbizide-Krieg in Kolumbien und Palästina. In Kolumbien dachte man, mit den Unkrautbekämpfungsmitteln der Drogenproduktion Herr zu werden, es wurden ganze Waldgebiete vernichtet; in Palästina haben die Israelis um den Gaza Streifen alle grünen Pflanzen weggesprüht. Es entstanden Streifen von wüstenähnlichen Gebieten, auf denen jede Bewegung der Menschen sichtbar wird. Es sind eigentlich eher Dokumentationen der Prozesse der Veränderungen, die Bilder vorher, nachher veranschaulichen, was wirklich passiert ist und welch schreckliche Wirkung solche Anwendungen mit sich bringen.

Beide Ausstellungen habe ich mit großem Interesse aber auch mit Traurigkeit angeschaut; unheimlich, dass so viel Wissen auch nicht weiter hilft und die Welt sich weiter in den einmal eingeschlagenen Bahnen bewegt.

Heute vor 80 Jahren

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir laden Sie herzlich ein zum

Gedenken aus Anlass des 80. Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen
und des Beginns des Zweiten Weltkriegs
am Sonntag, 1. September 2019, um 13 Uhr auf dem Askanischen Platz in Berlin
auf der Rückseite der Ruine des Anhalter Bahnhofs

Es werden sprechen:
Prof. Dr. Dieter Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts
Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble und Sejmmarschallin Elżbieta Witek (angefragt)
Prof. Dr. Zbigniew A. Kruszewski, Teilnehmer des Warschauer Aufstands

Der Deutsch-Polnische Chor „Spotkanie“ wird das Gedenken begleiten.

Der Einladung schließen sich an:
die Bundestagspräsidenten a.D. Prof. Dr. Rita Süssmuth und Dr. h.c. Wolfgang Thierse,
der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors Prof. Dr. Andreas Nachama und
der Präsident des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung a.D. Florian Mausbach.

Wir freuen uns sehr, wenn Sie vorzugsweise weiße und rote Blumen (bitte keine Kränze)
mitbringen und im Anschluss an das Gedenken am dafür bestimmten Ort niederlegen.

ACHTUNG: Das Gedenken findet als Versammlung unter freiem Himmel statt – für die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer können leider keine Sitzplätze bereitgestellt werden.

Mit freundlichen Grüßen
Dieter Bingen

Anmeldungen sind nicht nötig.

Warum Askanischer Platz?
Im November 2017 hatte eine zivilgesellschaftliche Initiative den Aufruf zur Errichtung eines Denkmals in der Mitte Berlins für die Opfer der deutschen Besatzung in Polen 1939-1945 veröffentlicht und als Gedenkort den Askanischen Platz vorgeschlagen.
Seitdem wird über diese Empfehlung, eine Leerstelle deutscher Erinnerung zu füllen, in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert. Das war für das Deutsche Polen-Institut der Anlass einzuladen,  auf dem leeren Askanischen Platz als einem temporären Gedenkort an den deutschen Überfall auf Polen vor 80 Jahren zu erinnern.

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Streifzüge durch Berlin: Gradiva

Heute vor 1940 Jahren

Ewa Maria Slaska

Fotos oben: Regine Lockot

Ich schlendere durch Berlin, habe Zeit, das Wetter ist schön, auf dem Mittelstreifen von der Kurfürstenstrasse sehe ich vom Weiten eine weisse antike Frauenfigur. Ich gehe hin, schaue mir eine schöne Skulptur an und denke, dass sie mich irgendwie an diese ebenso schöne Fresco von Flora in Stabie, Schwesterstadt von Pompei und Herkulanum erinnert. Diesselbe ungezwungene und fröhliche Atmosphäre, diesselbe schöne, sicher auftretende junge römische Frau.

Ich lese den Text auf der anderen Seite des Reliefs:

GRADIVA

Vom 25. Bis 27. September 1922 fand hier, in der Kurfürstenstraße 115/116, im „Haus des jüdischen Brüdervereins gegenseitiger Unterstützung” der 7. Internationale Psychoanalytische Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) statt. Er war der letzte, an dem Sigmund Freud persönlich teilnahm.

Nach einer Blütezeit der Psychoanalyse im Berlin der 20er Jahre wurden ab 1933 alle jüdischen Psychoanalytiker durch die Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft mußte 1938 aufgelöst werden.

Zum Thema „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten in Psychoanalyse und Kultur heute” kamen zum ersten Mal nach dem 2. Weltkrieg wieder Psychoanalytiker der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung nach Berlin, um hier vom 25. bis 29. Juli 2007 den 45. Internationalen Psychoanalytischen Kongress abzuhalten.

Bis zu seiner erzwungenen Emigration 1938, hing ein Gipsabdruck der „Gradiva” neben Sigmund Freuds Couch in Wien. Seine Interpretation der Gradiva-Novelle von Wilhelm Jensen ist die erste größere psychoanalytische Untersuchung eines literarischen Werkes.

Sigmund Freud fand in London Exil.
Dort starb er am 23. September 1939.


Schöne Idee. Schöne Art einen Kongress und einen großen Mann zu erinnern. Im Internet finde ich auch das Buch.

Gradiva: Ein pompejanischen Phantasiestück
von Wilhelm Jensen
mit Vorwort von Sigmund Freund

Dresden/ Leipzig 1903

Beim Besuche einer der großen Antikensammlungen Roms hatte Norbert Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so daß er sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen vortrefflichen Gipsabguß davon erhalten zu können. (…)  Ungefähr in Drittel-Lebensgröße stellte das Bildnis eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indes augenscheinlich keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der Zwanziger-Jahre eingetreten. (…) Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? (…) Um dem Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte Hanold es für sich ›Gradiva‹ benannt, ›die Vorschreitende‹.

Der Relief weckt in einem jungen Archäologen, der sie als Abguss in seinem Arbeitszimmer stellte, endlich Mal, würde man sagen, das Interesse an lebendigen Frauen. Genauer gesagt an deren Gangart, denn  er Versuchte unter seinen Zeitgenössinen eine zu finden, die den Fuß so anmutig und fast senkrecht beim Gehen  hielt wie eben die Gradiva.
Dann träumte es ihn, dass er sich in Pompei befände, wo er einige Male zur Forschungzwecke schon weilte. Im Traum war es grade der 24. Augusttag des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort ließen durch eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von blutrotem Licht Übergossenes erkennen.

Er träumte immer noch, als er plötzlich Gradiva sah. Und wie es  im Traum oft passiert, schien es ihn normal, dass die Skulptur aus seinem Arbeitszimmer hier als lebendige Frau voranschreitet, in Gedanken versunken und somit noch nicht ahnend, was ihr und der ganzen Stadt bevorsteht. Bis dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei. (…) Dann indes, ihn jählings überfallend, kam ihm zum Bewußtwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriß seinem Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm entgegen. (…) Sie schritt jedoch weiter, noch bis zum Portikus des Apollo Tempels hinan, wo sie sich zwischen den Säulen legte, von der Schwefeldünsten des Vulkans erstickt. Hanold wachte auf und erst nach langer Weile erkannte er, dass er nicht wirklich vor fast zwei Jahrtausenden dem Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe.

Plötzlich, und zwar nich im Traum, sondern Diesseits, erkannte er eine junge Frau, die drunten auf der Straße ging (…) leicht elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fußes für einen Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Er lief ihr nach. Vergeblich.

Sie war nicht zu finden und ihm war es in Berlin ohne sie unerträglich geworden. Er reiste sofort ab. Zuerst nach Rom, dann nach Neapel und letztendlich nach Pompei. Egal aber, wo er sich befand, störte ihn sofort alles, bis er sich selbst zugeben müsste, daß er mißmutig sei, weil ihm etwas fehle, ohne daß er sich aufhellen könne, was. Und diese Mißstimmung brachte er überallhin mit sich. Alles war zweck- und sinnlos, er selbst: taub und blind (…) auch die Natur war außerstande, ihm zu bieten, was er um sich und in sich vermißte. Nicht Mal der Besuch in Pompeji half ihn, seinen Spleen zu lindern. Sogar hier bemächtigte sich seiner Augen und geistigen Sinne eine entschiedene Gleichgültigkeit. Ja, sogar Pompeji war nichts mehr als außerordentlich nüchterner Schutthaufen. Als die Touristen zum Tisch gingen und herr Hanold alleine in der toten Stadt blieb, herrschte dort plötzlich vollkommene Reglosigkeit. Alles stand still, nur über den Vesuv hing eine wie eine Pinie geformte dunkle Rauchwolke. Es war unheimlich still und heiß, alles badete in der Sonne, als ob sich der große Pan zum Schlafen hingelegt hat. (…) Dann aber löste die Sonne die Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die Toten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben. Mit geöffneten Augen blickte Hanold die Straße entlang, doch war’s ihm, als tue er’s in einem Traum. Darin trat plötzlich (…) etwas hervor, und über die Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin. Ganz zweifellos war sie’s; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und genauso im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. (…) Zugleich mit dem Anblick aber war’s Hanold hell im Gedächtnis aufgewacht, daß er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh’n, in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung zusammen kam ihm noch etwas anderes zum erstenmal zum Bewußtwerden: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart mußte sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen hinterlassen haben. (…) Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort (…) und begab sich in das Haus des Meleager.

Hanold wußte nicht, nicht ob er wache oder träume.

Er ging ins Meleagers Haus, das, da es Mai war, voller wilder blühender Mohnblüten war, wie alle Häuser in der Totenstadt. Träumte es ihm, als er – nur etwa fünf Schritte von ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten gebliebenes Oberstück des Saalportikus herabwarf, zwischen zweien der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche Gestalt sitzen sah, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob? (…) Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewußt nach Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen Geisterstunde noch fort und saß hier vor ihm, so wie er sie im Traum sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren Knien lag etwas Weißes ausgebreitet, das sein Blick klar zu unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrosblatt schien’s zu sein, und eine Mohnblüte hob sich mit rotem Scheine von ihm ab.

Er spricht sie zuerst Griechisch und dann auch Lateinisch an. Und sie antwortete auf Deutsch. Es wunderte ihn aber keineswegs. So musste es gewesen sein. Dann aber stand sie auf, ging ein paar Schritte fort und verschwand. Die Mittagsgeisterstunde war vorüber.

Am nächsten Tag ging er wieder hin, diesmal aber heimlich, durch einen unbewachten Eingang, zu Mittagsstunde ins Meleagers Haus. Unterwegs sah er eine ganz mit weißen Glockenkelchen behängte Asphodelos-Blütenschaft, die er abbrach und mitnahm. Wenn die Mittagsstunde endlich kam, sah Hanold sie wieder zwischen zwei Säulen sitzend. Da fragte sie: Bringst du mir die weiße Blume?

Dann sprechen sie miteinander, und stellen fest, dass sie sich schon einmal, vor fast zwei Tausend Jahren gesehen haben müssten. Er erzählt ihr von seiner Suche nach einer Frau, die genauso einen Gangart hat als sie auf dem Relief in Rom. Nach einer Weile nimmt sie die Blume und geht in die Unterwelt zurück, sie vereinbaren aber noch ein Treffen am nächsten Tag. Diesmal lies Gradiva, die übrigens Zoë – Leben heissen sollte, ein kleines Skizzenbuch zurück, in dem Pompeji von heute abgebildet ist – Ruinen, Steine, wilde Blumen.

Hanold weiss, dass er krank ist, dass ihm entweder sein Kopf oder sein Herz Spielchen spielen. Er trink zu viel Wein, er läuft den ganzen Nachmittag hin und her, trifft einen alten vermeintlich leicht verrückten Zoologen, der Eidechsen fängt, und versucht nicht darüber nachzudenken, was ihm geschehen ist. Er wandert ziellos, kauft irgendwo eine pseudo-antike Spange, von der er denkt, sie gehörte Zoë vor zwei Tausend Jahren, ließ sich eine (damals unglaubwurdige sogar für einen Archäologen) Geschichte erzählen, dass man in Pompeji ein Liebespaar ausgegraben hat, zwei Leichen, die sich eng umschlungen um zusammen, in den Tod zu schreiten, und stellt sich vor, die junge Fraue wäre eben Zoë-Gradiva. Mit keinem Gedanken würdigt er die Tatsache, dass wenn er Zoë das zweite Mal sieht, trägt sie helle Lederschuhe und nicht Sandalen, wie auf dem Relief.

Weitere Nacht geht vorbei. Diesmal pflückt Hanold unterwegs ein paar rote Rosen und geht ganz normal, seinen Eintritt zahlend, in die Pompeji-Stadt. Erst als er wieder vor dem Eingang zur Casa di Meleagro steht, fällt ihn ein, die liebende Frau hätte Zoë sein können und dies hätte bedeuten müssen, sie hätte einen Liebhaber, den in diesem Moment Hanold regelrecht hasst. Sie ist jedoch allein gekommen, wie auch gestern und vorgestern. Er gibt ihr Rosen und ihr Skizzenbuch zurück, fragt auch, ob die antike Spange Mal ihr gehörte. Sie verneint aber. Überhaupt benimmt sie sich, als ob sie ein modernes Weib wäre. Sie teilen sich ihr zweites Frühstück, dass sie in Kleidertasche mithatte. Sie assen schweigend, bis die Gradiva sagte: »Mir ist’s, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brot gegessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?«

Aber dann ist sie doch ganz gegenwärtig und dazu noch kennt sie seinen Namen. Du bist doch offenbar verrückt, Norbert Hanold, sagt sie und in denselben Moment kommen ins antike Haus ihre Bekannte.

Er flüchtet. Ihm ist es klar, dass er, völlig ohne Sinn und Verstand zu glauben versuchte, dass er sich seit drei Tagen mit einer wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin traff.

Er flüchtet und daher ist nur der Leser und nicht auch Hanold, der erfährt, dass Zoë mit ihrem Vater, dem alten Zoologen, in der abgelegenen Albergo del Sole wohnt.

Da sehen sie sich wieder in einem anderem alten pompejanischen Haus. Ein leicht verrückter junger Archäologe und eine junge Dame vor Welt. Sie ist Tochter eines bekannten Zoologen Richard Bertgang und wohnt mit ihrem Vater in Berlin dem Haus, wo Hanold wohnt, schräg gegenüber. Sie kennt ihn also und zwar seit eh, er sie nicht mehr, weil er ein typischer Wissenschaftler geworden ist – zerstreut. Sie gesteht, dass sie, als sie entdeckte, was er im Kopf hat, mit ihm gespielt hat.

Daher also die Schuhe statt Sandalen. Und daher kennt sie seinen Namen.

Und am Ende werden sie heiraten!

🙂


Was der Freud darüber denkt? Lesen Sie HIER.

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Entschuldigen Sie bitte, meine lieben Leser. Aus den Gründen, die ganz und völlig nur von mir hingen, ist der heutige Beitrag entfernt worden und der neue – ein Reblog – kommt erst jetzt. Dafür aber sehr interessant. Aber – Achtung! es ist ggf. ein Spoiler. Dh. geht ihr zuerst ins Kino, um den neuen Tarantino Film zu sehen (Once upon the time in Hollywood) und erst dann kommt ihr zurück hier, um die Antworten auf die Fragen zu lesen, die Sie sich die ganze Zeit schon im Kino gestellt haben. Was ist das, ist es ein echter Western von damals, ist es eine Parodie, sollten wie es gesehen haben, macht sich Tarantino über uns lustig?

Unbedingt hingehen! Super Kino-Spass und 160 Minuten Intelligenz-Quiz!

Spiegel Online

“Once Upon a Time in Hollywood” Bei diesen Filmen und Serien hat Tarantino geklaut

Perfekte Imitationen, falsche Zitate: Tarantino verweist in “Once Upon a Time in Hollywood” auf etliche Vorbilder – die er zum Teil recht eigenwillig interpretiert. Hier die wichtigsten Kino- und TV-Bezüge.

Von

Leonardo DiCaprio in “Once Upon a Time in Hollywood”: Reminiszenz an die Serie “The F.B.I.”

Die Anzeigetafeln vor den Kinos preisen die Kinohits des Jahres 1969, aus den Fernsehapparaten lärmen die Western- und Krimiserien der Zeit. Für sein Filmbusiness-Panorama “Once Upon a Time in Hollywood” folgt Quentin Tarantino einem abgehalfterten Westerndarsteller (Leonardo DiCaprio) sowie dessen Stuntdouble (Brad Pitt) durch die Filmmetropole und träumt sich in eine zentrale Umbruchzeit der US-Unterhaltungsindustrie zurück: Als die jungen Wilden des New Hollywoods die Studios umkrempelten und die Langhaarigen die in Gut und Böse geordneten Fernsehverhältnisse mit ihren ordnungsgemäß frisierten Sheriffs und Detectives auf den Kopf stellten.

Tarantino zitiert, imitiert und imaginiert sich dabei seine ganz eigene Version von Hollywood zusammen. (Hier mehr). Viele der Kinofilme und Fernsehproduktionen, die in seinem 160-Minuten-Opus vorkommen, gibt es wirklich, andere existieren nur in der Fantasie des Film-Verrückten. Hier sind fünf Werke, bei denen sich Tarantino auf die eine oder andere Weise bedient hat.

Sharon Tate und Dean Martin in “The Wrecking Crew”

“The Wrecking Crew” (Deutscher Titel: “Rollkommando”)

In einer zentralen Szene von “Once Upon a Time in Hollywood” sieht man die junge Schauspielerin Sharon Tate, die in Wirklichkeit später von den Manson-Jüngern ermordet wurde, wie sie ihren eigenen neuen Film an einem ganz normalen Nachmittag im Kino sieht. Ein Moment von leiser Poesie: Tarantinos Tate-Darstellerin Margot Robbie schaut der echten Tate auf der Leinwand zu, wie sie in einer Hotellobby mit Filmpartner Dean Martin zusammenstößt. Das ganze Kino lacht, Robbies Tate schaut glücklich.

Die Spionage-Komödie “The Wrecking Crew” wirkte 1968 wie ein letzter, überdrehter Gruß des alten illusionistischen Hollywood. Dean Martin spielt darin ein Abziehbild seiner selbst und gibt das unverwundbare und unwiderstehliche Testosteron-Turteltäubchen. In einer besonders schönen Szene wird er von Damen in knappen Schürzchen und kecken Accessoires umsorgt und umtanzt. Eine der Damen trägt einen Hut, aus dem Feuer flammt, und beugt sich devot zum Agenten-Geck hinunter, auf dass er seine Zigarette an ihrem Haupt entzünden kann. Hier ist das alte Männer-Hollywood noch voll intakt, Tarantino darf selig seufzen.

Burt Reynolds (als Quint Asper) 1963 in “Gunsmoke”

“Gunsmoke” (Deutscher Titel: “Rauchende Colts”)

Tarantinos Filmheld, der Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), war Mitte der Sechziger der Star der Westernserie “Bounty Law”, jetzt muss er sich mit Schurken-Nebenrollen über die Runden bringen. “Bounty Law” gab es nicht wirklich, sondern ist eine aus verschiedenen TV-Produktionen zusammengemixte Tarantino-Kreation. Neben “The Rifleman” ist hier vor allem der einstige Dauerbrenner “Gunsmoke” wiederzuerkennen. Unter dem Titel “Rauchende Colts” wurden in den Siebzigern auch wir Kinder des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch “Gunsmoke” mit dem Genre des Wohnstubenwestern sozialisiert.

Die Serie, für die Duelle und bedrohliche Situationen meist inhäusig in Szene gesetzt wurden, existierte mit wechselnden Hauptdarstellern von 1955 bis 1975. Tarantino dürfte sich vor allem von der Phase mit Burt Reynolds als von Komantschen abstammender Revolverheld Quint Asper (1962 bis 1965) inspiriert gefühlt haben. Wie Tarantinos fiktiver Held Dalton war auch der reale Reynolds durch den Fernsehpart berühmt geworden, beide haben eine ähnlich kompakte Körperlichkeit. Trotz der Parallelen fantasiert sich Tarantino mit “Bounty Law” aber auch seine ganz eigene Serie zurecht: Die Kaltschnäuzigkeit des von Dalton gespielten Kopfgeldjägers erinnert eher an spätere nihilistische Italo-Western als an die an Moral und Ordnung appellierende US-Fernsehwesternwelt der Sechziger.

Steve McQueen in “The Great Escape”

“The Great Escape” (Deutscher Titel: “Gesprengte Ketten”)

Katastrophen, Fehlschläge und verpasste Chancen prägen den Werdegang von Tarantinos strauchelndem Revolverheldendarsteller Dalton. Dessen größte historische Schmach: 1963 war er zu Probeaufnahmen zu dem Weltkriegs-Epos “The Great Escape” eingeladen, doch der Part ging nicht an ihn, sondern an Steve McQueen, der dann eben mit der Rolle des aufsässigen und aufrechten prisoner of war Captain Virgil Hilts endgültig zum Superstar aufstieg.

“The Great Escape” gibt es wirklich, der Film handelt von Kriegsgefangenen, die 1944 in einem deutschen Lager einen Massenausbruch planen, Regie führte John Sturges (“Die glorreichen Sieben”), der den Western und den Action-Film modernisierte. Tarantino nutzt Sturges’ Dreistundenepos, um eine Vermischung von wahrer und fantasierter Filmgeschichte zu betreiben: Er zeigt seinen fiktiven Held Dalton bei Probeaufnahmen zu einer Szene, die für den echten Film genauso vom echten McQueen gespielt wurde. Der kommt in “Once Upon a Time in Hollywood” nicht so gut weg: Immer wieder lässt Tarantino seinen Film-McQueen (gespielt von Damien Lewis) auf Partys zerknirscht davon erzählen, wie er vergeblich versucht hat, Sharon Tate ins Bett zu kriegen.

Szene aus “The F.B.I.” mit Efrem Zimbalist Jr.

“The F.B.I.”

Einmal Cowboy, immer Cowboy. Eine weitere Bösewicht-Nebenrolle ergattert Tarantinos Dalton in einer Krimiserie: Er springt in seiner kleinen Szene mit Gewehr aus einem Wagen raus, so wie ein gun man, der sich vom Pferd stürzt. Es ist eine kleine Rolle, die sein Agent für ihn in der Serie “The F.B.I.” ergattern konnte, die tatsächlich zwischen 1965 und 1975 lief.

Der einflussreiche Fernsehproduzent und Autor Quinn Martin, der für das US-Fernsehen auch TV-Klassiker wie “The Fugitive” und “The Streets of San Francisco” entwickelte, arbeitete für die Serie mit dem FBI zusammen. Die Ermittlungsbehörde gab Informationen zu realen Fällen, die Martin dann nachstellen ließ. Kein Wunder, dass die FBI-Agenten immer recht heroisch wegkamen und die Schurken, wie Dalton einen darstellt, am Ende jeder Folge dingfest gemacht werden konnten. Tarantino ahmt für die Verfolgungsjagd und den Überfall der “F.B.I.”-Passage in seinem Film gekonnt den schnörkel- und atemlosen Matter-of-fact-Tonfall der Originalserie nach.

Bruce Lee in “The Green Hornet”

“The Green Hornet”

In einer Szene trifft der von Brad Pitt verkörperte Stuntman während einer Drehpause auf einen unsympathischen, klugscheißenden, prätentiösen Kampfkunstfatzken, den er schließlich in einer aberwitzig choreografierten Szene drehunfähig haut. Es ist der junge chinesisch-amerikanische Schauspieler Bruce Lee, der später als König des Martial-Arts-Kinos für Furore sorgen wird. Bei Tarantino wird er mit lustigen Springmesserbewegungen vom Schauspieler Mike Moh verkörpert.

Die “Once Upon in Hollywood”-Szene mit Bruce Lee spielt auf dem Set der Superhelden-Serie “The Green Hornet”, in dem Lee als Sidekick dem Titelhelden mit Chauffeurdiensten und Handkantenschlägen den Job erleichtert. Die Serie lief nur in der Fernsehsaison 1966/67 und wurde dann abgesetzt. Zweifel bezüglich des Bruce-Lee-Parts stammen von dessen Tochter, die sich darüber beschwerte, ihr Vater sei in Wirklichkeit gar nicht so ein Arschloch gewesen. Aber mal ehrlich: Die Wirklichkeit ist für Tarantinos Hollywood-Träumerei nun wirklich keine Bezugsgröße.

Woodstock vor 11 Jahren (Reblog/Reprint)

Jacek Slaski

TIP Berlin

Auch 39 Jahre nach dem berühmtesten Musikfestival der Popgeschichte wird im
idyllischen Woodstock der Mythos der Hippiebewegung liebevoll gepflegt.

Die andere Stadt: Woodstock

Tatsächlich war „Woodstock“ gar nicht in Woodstock. Jenes drei­tägige Ereignis, das vom 15. bis 18. August 1969 durch die Kombination aus schlechtem Wetter, schlechten Drogen, einer chaotischen Organisation und einer halben Million Hippies zum Schlüsselmoment der 60er Jahre wurde, musste wegen des riesigen Andrangs auf Max Yasgurs Felder in der Nähe der Kleinstadt Bethel verlegt werden, ganze 69 Kilometer von Woodstock entfernt.

Doch das hat dem Ort nicht geschadet. Heute sieht das malerische Städtchen am Fuße des Cat­skill-Mountain-Naturschutzreservats immer noch aus wie ein am Leben erhaltener Hippietraum. Die beschauliche Stadt bietet alles, was langhaarige Freaks, liberale Aussteiger und Künstlerseelen zum Leben brauchen. Eine entspannte Atmosphäre, viel Natur und frische Luft, gesundes Essen und nicht zuletzt ausreichend Rockmusik. Kleine Läden mit Kunsthandwerk, bunten Hemden und selbst gemachtem Schmuck prägen den Ort, dazu gesellen sich Galerien, Plattenläden, Cafés und Restaurants mit vegetarischen Spe­­zialitäten.

Künstler ohne Ende

„Drei Vier­tel der Leute hier sind entweder vollständig oder zumindest teilweise künstlerisch tätig“, sagt Barry Samuels, der Vorsitzende der Handelskammer in Woodstock. Der kleine Mann mit verwuscheltem grauen Haar und Nickelbrille steht vor einer bunten Holzhütte mit Peace-Zeichen auf dem Dach, dem Hauptsitz der hiesigen Händlergilde, und sinniert über die Geschichte dieses besonderen Ortes.
Die weltoffene und kreative Stimmung, die Woodstock seit jeher umgibt, war schon früh für die New Yorker Bohemiens attraktiv. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog es sie in diese abgeschiedene Gegend mit Wäldern, Bergen und Flüssen. Der Engländer Ralph Whitehead gründete um 1903 die Byrdcliffe Arts Colony, die noch heute von dieser Tradition zeugt. Viele der damals errichteten Holzhäuser, in denen Künstler, Schauspieler, Dichter und Journalisten lebten und arbeiteten, sind noch heute zu besichtigen.

Später folgten die Beatniks, die Folkszene und die Hippiebewegung. „David Bowie, Thelonious Monk, Lee Marvin, Van Morrison und Ethan Hawke haben hier alle eine Zeit lang gelebt“, sagt Samuels nicht ohne Stolz. Bob Dylan zog sich 1966, nach seinem tragischen Motorradunfall, dorthin zurück. In Woodstock erschuf er gemeinsam mit The Band in einer rosafarbenen Scheune namens Big Pink seine Vision einer uramerikanischen Musik. Nachzuhören sind die Ergebnisse auf den Alben „The Basement Tapes“ oder „Music from Big Pink“. Wer sucht, kann Big Pink entdecken, allerdings befindet sich das Anwesen in Privatbesitz, außer der Erinnerung ist wenig geblieben. Besser man kehrt gleich bei dem 68-jährigen The-Band-Schlagzeuger Levon Helm ein. Der lebt immer noch in diesen Wäldern und organisiert gelegentlich in seiner Scheune die „Midnight Ramble“-Konzerte. Für Musikfans eine einmalige Gelegenheit, den alten Geist von Woodstock zu spüren.

Ausgeglichener Wallfahrtsort

„Früher, vor dem legendären Festival, trafen sich Bands aus der Umgebung auf einem leeren Feld und spielten Blues, Country und Folk, aber auch Kammermusik und klassische Werke, und die Bewohner holten ihre Picknick­körbe raus“, erinnert sich Samuels. 1969 sah aber alles anders aus. Die musikalische Revolution war im vollen Gange und das geplante Woodstock Music and Art Fair Festival drohte den überschaubaren Rahmen zu sprengen. Darum muss­ten Jimi Hendrix, Janis Joplin und Santana bei Bauer Yasgur spielen.
Woodstock wurde trotzdem als Symbol der Hippiebewegung zum Wallfahrtsort. Alles strahlt Ausgeglichenheit aus. Die Hotels heißen Harmony House oder Dharma Guest House, im Woodstock Farm Sanctuary leben Kühe und Schafe, die vor dem Schlachthaus gerettet wurden, und in vielen Fens­tern hängt das freundliche „Freaks Welcome“-Schild. Das zeugt nicht nur von der friedlichen Philosophie der Hippies, sondern auch von ihrem Geschäftssinn. Mag die Bewegung in den 60ern an­ti­ka­pi­ta­lis­tisch gewesen sein, heute wis­sen die Freidenker von einst durchaus, wie man sich aus den Ideen der Vergangenheit ein angenehmes Leben in der Gegenwart einrichten kann. Und das allein ist schon bewundernswert.

Anreise
Von New York City etwa zweiStun­den mit dem Auto. Mietwagen am besten in Deutschland reservieren, das ist günstiger als vor Ort, z.B. www.billiger-mietwagen.de/Autovermietung-new-york.html

Woodstock_Jacek Slaski

Ansehen
Byrdcliffe Arts Colony Die um 1903 errichteten Holzhäuser der ersten Künstlergeneration in Woodstock, Upper Byrdcliffe Road, www.woodstockguild.org;
Artist Cementary: Auf dem kleinen Friedhof wurden berühmte Bewohner Woodstocks beerdigt.
Buddhistisches Kloster: Oberhalb des Stadtzentrums, am Ende der Meads Mountain Road. Dort beginnen auch die Wanderwege in die Catskill Mountains.

Midnight Ramble Konzertreihe in der Scheune von Levon Helm, Schlagzeuger von The Band, Infos unter www.levonhelm.com

Essen und Trinken
Joshua’s Restaurant im Zentrum (51 Tinker Street) ist seit 30 Jahren eine Institution. Das „Gourmet Magazin“ nennt das Bear Café (295 Tinker Street) als beste Adresse.

Übernachten
Zentral: Phoenicia Belle (73 Main Street, http://www.phoeniciabelle.com, ab 90 Dollar/Nacht) und Twin Gables Guest House (73 Tinker Street, www.twingableswoodstockny.com, ab 84 Dollar/Nacht)


Zugabe vom Sommer 2019: Zum 50. von Woodstock: 100 beste Hippie-Songs

30 lat temu upadł Mur Berliński (5)

– a dziś mija 58 rocznica rozpoczęcia jego budowy

Ela Kargol

Kaplica Pojednania w Berlinie

Jest godzina 12:00. Codziennie o tej porze w Kaplicy Pojednania przy Bernauer Straße w Berlinie odprawiane jest krótkie nabożeństwo – wspomnienie w intencji jednej z ofiar berlińskiego muru. Muru, który nie miał prawa powstać i, którego, jak zapewniał pierwszy sekretarz SED, Walter Ulbricht, „nikt nie miał zamiaru budować“, muru, który podzielił jeden naród, jedno miasto i jedną Europę. Rozdzielił rodziny, przyjaciół, ulice, dzielnice i parafie.

Jest 9 sierpnia 2019 roku, godzina 12.00, dzisiejsze modlitewne wspomnienie w Kaplicy Pojednania poświęcone jest Christianowi Buttkusowi, któremu zabrakło kilku metrów, żeby znaleźć się po drugiej stronie muru. Urodzony w Tylży w roku 1944, uciekał z rodziną z Prus Wschodnich do Niemiec. Zatrzymali się Berlinie, w Niederschönhausen, w strefie sowieckiej. Buttkus nie uznał nigdy NRD za swoją ojczyznę, a karta powołania do wojska przyspieszyła decyzję ucieczki. 4 marca 1965, trafiony 25 kulami w klatkę piersiową, zmarł na „pasie śmierci“, gdzieś między Kleinmachnow a Berlinem-Zehlendorfem.

Od 13 sierpnia 2005 roku odprawiane są w Kaplicy Pojednania nabożeństwa w intencji ofiar muru. Organizatorem ich jest ewangelicka Parafia Pojednania i Fundacja Mur Berliński.

Kościół Pojednania został wybudowany w Berlinie w 1894 roku.

Ciekawe, że był też inspiracją dla gdańszczan – kilka lat później w Gdańsku-Oliwie powstał bardzo podobny kościół pod tym samym wezwaniem i stoi do dziś, zmienił tylko gospodarza.

Ten w Berlinie działał prężnie w dzielnicy, w której musiał borykać się z wieloma problemami społecznymi. Przetrwał I Wojnę Światową, z drugiej wyszedł, choć zniszczony, ale obronną ręką.W 1950 roku odremontowany, podjął duszpasterską działalność i do roku 1961 regularnie odprawiane były tu msze. Budynek miał jednak pecha, znalazł się bowiem dokładnie na granicy sektora francuskiego i sowieckiego. Większa część parafii znajdowała się po stronie francuskiej, mniejsza wraz z kościołem  – po radzieckiej. 13 sierpnia 1961 roku odprawiono w kościele ostatnią mszę, dostępną tylko dla mieszkańców ze wschodniej części Berlina.

Kościół znalazł się w niedostępnym pasie granicznym, na obszarze tzw. „pasa śmierci.“ Nie eksploatowany, bez parafian, bez remontów, niszczał. Tylko wieża kościoła służyła długie lata żołnierzom strzegącym granicy niemiecko-niemieckiej jako punkt obserwacyjny i świetne miejsce strzelnicze.

Jednak w roku 1985 dla “zwiększenia bezpieczeństwa, porządku i czystości na granicy państwowej z Berlinem Zachodnim” kościół został zrównany z ziemią. Wysadzono go w dwóch etapach, 22 stycznia – nawę kościoła, 28 stycznia – wieżę.

Mieszkałam już wtedy z rodziną w Berlinie i pamiętam opowieść sąsiada, bardzo zaangażowanego w kościele ewangelickim, który pojechał specjalnie w pobliże Bernauer Straße, żeby być świadkiem tego haniebnego czynu. Nie bardzo mnie to wtedy interesowało. Szukanie jakiejkolwiek pracy i przedłużanie „duldungu” były ważniejsze.

Niecałe pięć lat później upadł mur berliński. Jak najszybciej próbowano pozbyć się śladów “muru hańby” i śladów podziału. I wtedy Parafia Pojednania podjęła decyzję o wybudowaniu kaplicy na miejscu zburzonego kościoła i zachowaniu części muru i innych pozostałości po niechlubnym podziale miasta ku przestrodze i pamięci dla potomnych.

Kamień węgielny pod budowę kaplicy położono 23 maja 1999 roku. Budynek składa się z dwóch części owalnych. Część wewnętrzna wybudowana jest z ubitej gliny, w której umieszczono gruz ze zburzonego kościoła, część zewnętrzną tworzą drewniane pale.
9 listopada 2000 roku, w jedenastą rocznicę upadku muru, Kaplica Pojednania została uroczyście otwarta.

Wrócił do niej ołtarz, z ostatnią wieczerzą, do której Jezus i kilku innych apostołów zasiadło bez twarzy. Wróciły trzy dzwony, krzyż z kościelnej wieży i kilka innych zachowanych fragmentów. Kapitele, które wieńczyły kolumny empory, zdemontowano przed wysadzeniem kościoła, „Baranek Boży” znajdujący się w portalu wejściowym został wydobyty z gruzów świątyni.

Wokół kaplicy zasiano żyto. I tak pole śmierci zamieniło się w pole uprawne.

Jedna z przypowieści Salomona głosi:

„Kto uprawia swoją rolę, ma dosyć chleba; lecz kto się ugania za marnościami, jest nierozumny”.

W 25 rocznicę upadku muru berlińskiego Stowarzyszenie Chleb Pokoju (FriedensBrot) zaprosiło 11 krajów ze środkowej i południowej Europy, nowych członków Unii Europejskiej, do udziału w projekcie wypieku europejskiego chleba pokoju. Ziarno pozyskano z pola przy berlińskiej Kaplicy Pojednania. Zboże trafiło do jedenastu państw Unii Europejskiej, w Polsce do Suchowoli, miejsca skąd pochodził ksiądz Jerzy Popiełuszko i miejsca, gdzie znajduje się geograficzny środek Europy. W sierpniu 2014 roku odbyły się w Suchowoli żniwa. Z ziarna zmieszanego ze zbożem z innych państw wypieczono Europejski Chleb Pokoju. I tak jest co roku.

Nowym projektem Parafii Pojednania było założenie Ogrodu na „Ziemi Niczyjej” (Der Garten im „Niemands Land“), czyli znowu symbolicznej zamiany nieużytku, wcześniej pasa śmierci, w ogród uprawny. Teren należy do Cmentarza św. Elżbiety. Podczas budowy muru część cmentarza zlikwidowano, przenosząc groby w inne miejsca. I właśnie tutaj kwitną teraz słoneczniki, malwy, a wokół nich brzęczą pszczoły. I wielu ogrodników różnych wyznań lub niewyznań pielęgnuje swoje zagony.

W polu żyta umieszczono krzyż ze starego Kościoła Pojednania, który pracownicy cmentarza odnaleźli i przechowali do czasu, gdy w 1995 roku wrócił do parafii.

Parafia od roku 1999 należy do Wspólnoty Krzyża z Gwoździ z Coventry.

28 sierpnia 2019 zegar z Kościoła Pojednania znowu zacznie odmierzać czas, po 58 latach milczenia.

Bardzo trafnie, nie tylko o zegarze, ale o bezsensownym podziale miasta, napisała w 1961 roku Milly Hilgenstock:

Die Kirche steht leer und verlassen

Es liegt an der Bernauer Straße
Inmitten der Stadt Berlin
Die Kirche, die jetzt verlassen,
Es steht eine Mauer darin.
Es mahnten so viele Stunden
Versöhnungsglocken die Stadt.
Sie klagten über die Wunden
Die Krieg uns geschlagen hat.
Nun sind die Glocken verklungen,
Vermauert die Kirchtür, das Tor.
Und wo Lieder gesungen
Schweigt jetzt Gemeinde und Chor.
Die Uhr am Kirchturm blieb stehen
Bevor es Mitternacht schlug.
Wohin Herr sollen wir gehen?
Wann ist des Wartens genug?
Was will der Zeiger uns sagen,
Der fünf vor 12 blieb stehn?
Die Mauer hat uns zerschlagen,
wir können uns nicht mehr sehn.
Wir grüßen drüben die Brüder,
Die jetzt durch die Mauer getrennt.
Wir wissen, wir sehen uns wieder,
Der Herr die Seinen doch kennt.
Die Kirche steht leer und verlassen,
Kein Licht, kein Orgelton mehr.
Und an der Bernauer Strasse
Die Steine klagen so schwer.
Die Zeit mag das Kreuz verhöhnen,
Es bleibt, wenn die Mauer zerfällt.
Dann wird uns wieder versöhnen
Gott über den Mauern der Welt.

http://uhr-der-versöhnung.de/
(Tłumaczenie: Bernauer Strasse w Berlinie)

Warto zajrzeć na stronę internetową Kaplicy Pojednania, ponieważ parafia oferuje nie tylko msze i modlitwy, ale również koncerty, teatr, wykłady, spotkania z książką i jest pomysłodawczynią wielu społecznych inicjatyw.

https://www.versoehnungskapelle.de/

Verlorenes Geheimnis unserer Identität oder wie es begann

Irgendwo in Deutschland (West!) vor fast 40 Jahren. Wie frei wir noch waren, wie unabhängig 🙂

Maria Hel

Das Abenteuer, ein Inserat aufgeben zu Wollen

Hannover, Anzeigerhochhaus, Mittwoch, den 29. Oktober 1980, nachmittags – eine große Halle mit mehreren Schaltern, über denen die Art der Dienstleistung geschrieben steht, die gegen Bezahlung in Anspruch genommen werden kann. Ich gehe an den Schalter Anzeigenannahme, denn ich will ein Stellengesuch aufgeben. Weil ich vorhabe, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen – besser gesagt, ich will Geld verdienen. Zur Zeit arbeite ich zwar auch – als Hausfrau – diese Tätigkeit wird aber, seit sie erfunden wurde, nicht entlohnt, bestimmt nicht mit Bargeld, im besten Falle mit Anerkennung und Zuwendung der Familienangehörigen.

Am Schalter stehen zwei Datensichtgeräte – für jede Angestellte ein Bildschirm – auf dem infolge Hineintippens von Zeichen dieselben auf diesem Bildschirm erscheinen. Ich lege ein weißes Blatt vor die Frau hin, darauf habe ich den Text meiner Anzeige geschrieben – mit Schreibmaschine – vier Zeilen – die Zeilen genau nach den Vorbild der Zeitung – die ersten beiden Wörter betont, die anderen Zeilen um drei Buchstaben eingerückt, also eine voll gebrauchsfertige Anzeige:

xxxxxxxxxxxxxxxxxxFrühere Verwaltungsangestellte, 49 Jahre,
xxxxxxxxxxxxxxz. Zt. Hausfrau, su. halbt. Erwerbstätig-
xxxxxxxxxxxxxxxxkeit außer Haus. Schreibmaschine perfekt,
xxxxxxxxxxxxxxxxStenokenntniese vorh. Chiffre . . . . . . .

Die Frau liest die Zeilen. Sie sagt: “Weshalb schreiben Sie ‘Erwerbtätigkeit außer Haus’ und nicht einfach Halbtagstätigkeit?” Ich sage, daß es für mich einen Unterschied darstellt, ob ich nun eine Tätigkeit ausübe oder ob ich erwerbstätig bin. Denn ich übe jetzt auch eine Tätigkeit aus, diese ist aber keine Erwerbstätigkeit. Außerdem soll sie “außer Haus” stattfinden, denn zur Zeit bin ich im Hause tätig und ich will das ändern. Ich nehme aber an, daß mich diese Frau nicht verstanden hat, weil sie meine Problem nicht kennt. Ich bitte die Frau um einen Kostenvoranschlag dieser formulierte Anzeige. Bevor ich diese aufgebe, will ich wiseen, was ich dafür hinlegen muß. Die Frau fängt also an, den Text in den Bildschirm zu tippen, um dieses zu errechnen. Nun verlangte sie von mir, daß ich ihr meinen Nemen sage. Ich weigere mich, dies zu tun: “Wie komme ich denn dazu” und überhaupt, ich will die Anzeige ja noch gar nicht aufgeben, sondern erst mal erfahren, wieviel sie kostet. Die Frau holt ihre Kollegin und fragt, was sie tun soll, eine dritte Kollegin kommt hinzu. Ich merke, die drei haben ihre Schwierigkeit mit mir. Ich merke auch noch, daß ich etwas gegen diese Automaten habe, die mich “schlucken” wollen und ich wehre mich. Die Frauen können nicht begreifen, daß da jetzt ein Mensch ist, der sich nicht den Maschinen anpassen will. Ich kann nicht begreifen, warum die Frauen nicht verstehen wollen, daß eine Maschine für die Menschen da sein soll, also den Menschen angepaßt und nicht umgekehrt. Die Frauen werden patzig und aggreseiv mir gegenüber. Eine der Frauen gibt nun der anderen den Rat, sie solle einfach ihren eigenen Namen in das Gerāt tippen, damit der Endpreis errechnet werden kann. Ich weiß, daß ich übertrieben reagiere. In mir ist eine ungewisse Angst davor, daß meine Daten für andere zugänglich werden und diese dann Macht über mich bekommen. Das alles spielt während dieses Vorgangs eine Rolle. Nun, da ich den Preis habe, er ist hoch, über DM 40,-, will ich die Anzeige nicht mehr aufgeben, ich bin aber immer noch empört über dieses Verhalten der Frauen. Ich sage ihnen, daß ich sie unfreundlich empfunden habe. Die Frauen wissen sich nicht mehr zu helfen und holen einen älteren Herrn, der nebenan hinter einem Schalter steht. Dieser ruft dann heraus, daß ich recht hätte und sie hätten ihre Ruhe. Ich habe ihm dann noch was von “Monopol” vor die Fuße geworfen und bin frustriert gegangen. Und das alles, weil ich meinen Namen nicht preisgeben wollte, nur weil ich einen Kostenvoranschlag haben wollte. Warum hat mich das so viele Nerven gekostet? Weil ich mich nicht einer Norm angepaßt habe – ich habe ihre Erwartungen nicht erfüllt und wurde deshalb bestraft.

3. November 1980

Reblog. Ist Venus die andere Erde?

Freitag, der Tag von Freia, in vielen anderen Sprachen – Venustag, daher ein passender Reblog

M. Darby Dyar, Suzanne E. Smrekar, Stephen R. Kane

Die Venus

Die Venus ist so groß wie die Erde und begann unter ähnlich lebensfreundlichen Bedingungen. Heute ist sie eine felsige Gluthölle. Forscher versuchen intensiv, die unterschiedliche Entwicklung zu verstehen – denn die Erkenntnisse weisen weit über unser eigenes Sonnensystem hinaus.

© NASA/JPL (Ausschnitt)

Als 1982 die neu gewählte US-Regierung um Präsident Reagan umfangreiche Kürzungen bei der US-Weltraumforschung beschloss, gehörte die geplante NASA-Mission Venus Orbital Imaging Radar zu den Opfern. Doch die Abteilung für Planetologie am Massachusetts Institute of Technology griff zu unkonventionellen Methoden: Schnell kratzten die Wissenschaftler von anderen Missionen übrig gebliebene Teile zusammen und konstruierten daraus eine preiswertere Raumsonde. Nur noch 680 Millionen US-Dollar kostete der so konzipierte Magellan-Orbiter, der 1989 zur Venus startete.

Venus: Lange vernachlässigt, jetzt wieder ein Astrotrend (Hyperraum TV) – ein von der Medienwissenschaftlerin und Wissenschaftshistorikerin Susanne Päch betriebener Spartensender für Wissenschaft und Technologie.

1990 war er am Ziel. In den darauf folgenden fünf Jahren lieferten die Instrumente Radarbilder der gesamten Planetenoberfläche, Daten über Schwerkraftanomalien und eine topografische Karte der Venus. Magellan war die jüngste in einer langen Reihe sowjetischer und US-amerikanischer Missionen zu unserem Nachbarplaneten. Nachdem die Sonde 1994 planmäßig auf die Oberfläche der Venus gestürzt war, endete mit ihr allerdings auch das Interesse der NASA an weiteren Flügen zu dem erdgroßen Himmelskörper. Seither haben Planer gut zwei Dutzend Vorschläge für neue Missionen eingereicht – genehmigt wurde keiner. Die von Magellan gesammelten Daten liefern bis heute das beste Kartenmaterial.

In der Zwischenzeit haben die europäischen und japanischen Raumfahrtagenturen mit erfolgreichen Missionen zur Venus das Spielfeld betreten. Diese führten zu Durchbrüchen beim Verständnis der Atmosphäre und brachten zusammen mit neuen Analysen der Magellan-Messungen Erkenntnisse, auf Grund derer einige Lehrbücher umgeschrieben werden müssen. Die Venus scheint vulkanisch aktiv zu sein, und es gibt sogar Hinweise auf eine beginnende Plattentektonik. Solche Vorgänge halten viele Wissenschaftler für eine Voraussetzung für die Entstehung von Leben. Theoretische Modelle deuten auch darauf hin, dass die Venus relativ lange flüssiges Wasser auf ihrer Oberfläche gehalten hat.

Diese Erkenntnisse fallen mit einer weiteren erstaunlichen Entwicklung in der Astronomie zusammen: der Entdeckung von Tausenden von Exoplaneten in anderen Sonnensystemen. Viele sind etwa so groß und so weit von ihren Sternen entfernt wie die Venus. Alles, was wir über den Planeten nebenan erfahren, könnte das Verständnis solcher unzugänglich fernen Welten verbessern. Wenn wir herausfinden, ob und wann auf der Venus lebensfreundliche Bedingungen geherrscht haben, können wir auch die Chancen auf Leben auf den venusähnlichen Himmelskörpern in der übrigen Milchstraße besser einschätzen.
Die meisten der bisher entdeckten Exoplaneten wurden mit der Transitmethode gefunden. Dabei untersuchen Astronomen verräterische Helligkeitsschwankungen von Sternen, die auftreten, wenn Planeten vorbeiziehen. Die Technik liefert deren Größe, aber die allein sagt noch nicht viel aus. Würde ein außerirdischer Beobachter unser Sonnensystem mit der Transitmethode betrachten, erschienen Venus und Erde fast identisch. Dabei ist Erstere zumindest für uns bekannte Lebensformen völlig unbewohnbar, während die Erde seit rund vier Milliarden Jahren komplexe Ökosysteme beherbergt.

Wir können zwischen ähnlich großen Planeten näher differenzieren, indem wir ihre Abstände zu ihren Sternen messen. Die »habitable Zone« ist die Region, in der ein felsiger Planet zumindest theoretisch flüssiges Wasser auf seiner Oberfläche haben könnte. Bei der Erde ist das offensichtlich der Fall. Doch auch die Venus befand sich früher in jenem Bereich – womöglich sogar eine ganze Weile. Die Grenzen der habitablen Zone verschieben sich mit der Zeit nach außen, weil die Sonne mit zunehmendem Alter intensiver leuchtet. Inzwischen liegt unser ungleicher Zwilling in der nach ihm benannten Venuszone. In dieser Region eines Sternensystems verursacht verdampfendes flüssiges Wasser einen »galoppierenden Treibhauseffekt«, der letztlich die Ozeane zum Kochen bringt und völlig verschwinden lässt.
Heißes Ende nach viel versprechendem Start
Ursprünglich entstanden Venus und Erde unter sehr ähnlichen Bedingungen. Wahrscheinlich brachten Kometen Eis auf die Oberflächen beider Planeten. Simulationen der frühen Venus zeigen, dass es hier wohl eher flüssiges Wasser gab als auf der Erde. Es könnte sich bis vor etwa einer Milliarde Jahren dort gehalten haben. Heute ist die Venus jedoch äußerst unwirtlich. Wie kam es dazu? Ist die Venus vielleicht sogar der Endzustand aller bewohnbaren Planeten dieser Größe, oder repräsentiert sie lediglich eines von vielen möglichen Schicksalen solcher Himmelskörper?

Unsere Suche nach Antworten wird zum Teil durch die dicke, nahezu undurchsichtige Atmosphäre des Planeten behindert. Hoch oben liegen Wolken aus Schwefelsäure, und am Boden ist der Luftdruck vergleichbar mit dem Wasserdruck einen Kilometer unter der Oberfläche irdischer Ozeane. Die weitaus überwiegend aus Kohlendioxid bestehende Atmosphäre ist hier so dicht, dass das Gas zu einem so genannten überkritischen Fluid mit Eigenschaften sowohl eines Gases als auch einer Flüssigkeit wird.

Im Gegensatz zu unserer Welt hat die Venus kein Magnetfeld als Schutz vor dem Sonnenwind. Dieser stete Strom energiereicher Teilchen dürfte über die Äonen hinweg das verdampfte Wasser des Planeten in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten haben. Der leichte Wasserstoff entwich schnell ins All. Gleichzeitig konnte sich mangels Oberflächenwasser das ständig aus dem Planeteninneren entweichende Treibhausgas Kohlendioxid nirgends lösen. Es sammelte sich darum in der Atmosphäre an. Heute sind die Temperaturen auf Grund des Treibhauseffekts durch das CO2 auf der Venus mehr als 400 Grad Celsius höher als auf der Erde.

Die einzigen Daten, die wir direkt von der Oberfläche der Venus haben, stammen von sowjetischen Venera-Lande­sonden aus den 1970er und 1980er Jahren. Diese überlebten unter den extremen Bedingungen nur wenige Minuten, aber in der kurzen Zeit übertrugen sie immerhin einige Informationen über die chemische Zusammensetzung ihrer Umgebung. Darüber hinaus beruht unser mineralogisches Wissen vor allem auf umstrittenen Interpretationen von Radarmessungen aus dem Orbit und auf Spekulationen über chemische Reaktionen zwischen den Gesteinen und den Gasen des Planeten bei den dort herrschenden Drücken und Temperaturen.

© Kevin Gill / JAXA/ISAS/DARTS/Kevin M. Gill / Venus – May 17 2016 / CC BY 2.0 CC BY (Ausschnitt)

Die Venus im ultravioletten und infraroten Licht | Betrachtet man unsere innere Nachbarin Venus im Teleskop, so zeigt sich der Planet dem Auge als grellweiße Sichel ohne jegliche weitere Merkmale. Die permanente Wolkendecke der Venus, die überwiegend aus konzentrierter Schwefelsäure besteht, reflektiert im sichtbaren Licht den größten Teil der auf sie treffenden Sonnenstrahlung zurück ins All. Fotografiert man die Venus dagegen im infraroten oder ultravioletten Licht, so enthüllt sich dem Kameraauge eine hochdynamische und wechselhafte Atmosphäre mit ausgeprägten Wolkenstrukturen und Stürmen. Dieses Bild wurde aus Daten der japanischen Raumsonde Akatsuki vom US-amerikanischen Amateurbildbearbeiter Kevin Gill zusammengesetzt. Es kombiniert Bildinformationen im ultravioletten (weiße und blaue Farbtöne) mit Bilddaten aus dem infraroten Spektralbereich (bräunliche Farbtöne). Die Kombination zeigt die Venus am 17. Mai 2016 und erlaubt einen Einblick in die Struktur der Venusatmosphäre.

Inzwischen fanden Forscher jedoch heraus: Es ist möglich, die Gesteine auf der Venus von der Umlaufbahn aus zu kartieren. Dazu muss man gewissermaßen durch geeignete Fenster im elektromagnetischen Spektrum schauen, bei denen Strahlung nicht vom Kohlendioxid in der Atmosphäre absorbiert wird. Glücklicherweise lassen sie gerade in Bereiche blicken, wo sich die für Vulkangestein typischen Minerale Olivin und Pyroxen bemerkbar machen. Vielleicht könnten wir so endlich die Zusammensetzung des Planeten genauer bestimmen.

Die europäische Raumsonde Venus Express, die von 2006 bis 2014 den Planeten untersucht hat, nutzte eines der Fenster. Damit erstellten Forscher für einen Großteil der Südhalbkugel die erste Übersicht der von der Oberfläche ausgestrahlten Wärme. Die Daten enthalten auch spektrale Informationen, das heißt charakteristische Ausschläge in den Intensitätskurven, mit denen sich Minerale im Boden identifizieren lassen.
Auf der Karte fallen zudem zahlreiche so genannte Hotspots auf. Solche Gebiete geben so viel Wärme ab, dass die wahrscheinlichste Erklärung dafür ein junger Vulkanismus ist. Die Venus ist also wohl noch geologisch aktiv, im Gegensatz etwa zum Mond, der in dieser Hinsicht seit langer Zeit ruhig ist, und zum Mars, wo Vulkanismus bestenfalls vereinzelt vorkommt.

Vielleicht zeigt die Venus gerade, wie Plattentektonik ihren Anfang nimmt
Auf der Erde hängt der Vulkanismus mit der Plattentektonik zusammen, also der Bewegung von Teilen der Kruste gegeneinander. Sie ist für die vielen geologischen Formationen auf unserem Planeten verantwortlich und hat außerdem langfristige Klimazyklen stabilisiert. Das hat höher entwickeltes Leben auf der Erde begünstigt oder gar erst ermöglicht. Tektonische Vorgänge bilden neue Kruste an den mittelozeanischen Rücken der Erde und schieben an anderen Stellen Teile zurück in den Mantel. Beide Prozesse erlauben es unserem Planeten, Wärme und chemische Verbindungen zwischen seinen inneren und äußeren Bereichen auszutauschen. Vulkanismus bringt Wasser an die Oberfläche, hält die Atmosphäre in einem gewissen Gleichgewicht und schafft Lebensraum oberhalb des Meeresspiegels. Aus diesen und weiteren Gründen ist die Frage, ob die Venus solche Phänomene aufweist – und warum oder warum nicht –, für viele Forscher so wichtig.

Spärlichen Daten zufolge begann die Plattentektonik auf der Erde vielleicht schon vor vier Milliarden Jahren. Nur wenige Spuren haben sich bis heute erhalten. Jedenfalls wissen wir nicht wirklich, wie ein mit Basalt und möglicherweise bereits mit Ozeanen bedeckter Planet zu einem komplizierten System beweglicher Platten übergeht. Eine Hypothese lautet: Heißes Material aus dem Inneren dringt nach oben, was die Kruste und den äußeren Mantel (zusammen Lithosphäre genannt) schwächt. Die Oberfläche bricht auf, und die unter Druck stehende Gesteinsschmelze kann zu heftigem Vulkanismus führen, wie er sowohl auf der Erde als auch auf der Venus vorkommt. Die Last des ausgetretenen Materials auf der gerissenen Lithosphäre kann die betroffenen Teile absinken lassen und eine Subduktion herbeiführen, wobei eine Schicht unter eine andere gleitet. Wenn der Prozess oft genug stattfindet, stößt das die Plattentektonik an.

Eventuell geschieht das gerade auf der heutigen Venus. Die Lithosphäre auf der Venus ist heiß und dünn – wohl wie seinerzeit bei der Erde. Gewisse Regionen erinnern frappierend an terrestrische Subduktionszonen. Ein Beispiel ist Artemis Corona, eine kreisartige Formation in der Nähe des Venusäquators. Ihre Größe entspricht etwa der des Aleutengrabens, einer Vertiefung des Meeresbodens vor der Küste Alaskas. Solche Merkmale könnten Stellen auf der Venus kennzeichnen, an denen Material aus dem Mantel an die Oberfläche steigt und auf die Kruste drückt. Auch Laborexperimente und Computersimulationen deuten darauf hin, dass es sich hier um Subduktionszonen handelt.

Die bislang vorliegenden Bilder haben eine zu geringe Auflösung, um das sicher zu beurteilen. Aber anscheinend befindet sich die Tektonik auf der Venus im Anfangsstadium ihrer Entwicklung. Die Magellan-Bilder zeigen keine Hinweise auf miteinander verbundene Platten – vielmehr sehen wir vereinzelte Stellen, an denen die Subduktion beginnt, jeweils um solche kreisförmigen Regionen mit aufsteigendem Material. Doch warum kam es nicht früher dazu, und wie wird es weitergehen?

Sofern sich die Venus im Lauf der Zeit abkühlt, können die jetzt entstehenden Verwerfungen überdauern, und der Planet durchliefe vielleicht den gleichen Übergang zur Plattentektonik wie damals die Erde. Möglicherweise sind dieser Prozess und die damit verbundene Stabilisierung der Atmosphäre nicht nur in unserem Sonnensystem üblich, sondern auch bei Exoplaneten. Es gibt also gewichtige Gründe für weitere Missionen zum Nachbarplaneten. Mit genaueren Bildern und Spektren könnten Wissenschaftler zentrale Fragen zum Vulkanismus und zur Plattentektonik der Venus beantworten.

Die NASA entscheidet im Rahmen ihres Discovery-Programms regelmäßig über kleine, verhältnismäßige kostengünstige Missionen. Zwei von uns (Smrekar und Dyar) sind an der Planung einer vorgeschlagenen Raumsonde namens VERITAS beteiligt (Venus Emissivity, Radio Science, InSAR, Topography, and Spectroscopy). Sie würde die Oberfläche viel detaillierter erfassen und hätte neben einer Kamera auch ein Spektrometer an Bord. Weitere Arbeitsgruppen erstellen ebenfalls Konzepte. So könnte eine neue Generation von Planetologen die Chance bekommen, besser zu verstehen, warum unsere Nachbarin einen so anderen Weg gegangen ist als die Erde, und mehr über die Entwicklungen in Erfahrung zu bringen, die solche Himmelskörper lebensfreundlich machen.

Erinnerungen einer Betreuerin

Das Thema ist plötzlich “in” geworden, obwohl es schon seit Jahren gang und gäbe ist, dass die Polinnen, die vorher als beste Putzfrauen galten (je besser ausgebildet, desto intelligenter putzten sie auch), sind in Deutschland heutzutage vor allem als Betreuerinnen (opiekunki) von alten und kranken arbeiten. Seit ein paar Jahren berichtet unsere Autorin, Łucja Fice, darüber, wie es ist, in Deutschland als “opiekunka” zu arbeiten.

Łucja Fice

Seit meinem ersten Auslandsjob sind zwei Jahre vergangen. Ich spürte alle diese Tage, Wochen, Monate, diese in fremden Häusern langsam verstreichende Zeit in den Knochen. Meine Wirbelsäule neigte sich wie ein angebranntes Streichholz. Zuweilen hatte ich den Eindruck, dass mir durch das schwere Schleppen ein Buckel wächst und ich genauso einschrumpfe, wie meine Pfleglinge. Die Sehnsucht nach Hause ließ nicht nach.
Als ich im Bus die verschiedensten Geschichten über die Probleme der Pflegerinnen anhörte, die ganz Deutschland auf der Suche nach Arbeit durchquerten, war ich heilfroh, dass ich fähig bin, mich an jede Familie anzupassen und dass mir Krankenpflege Freude bereitet.

In der Nähe von Augsburg

Begrüßt wurde ich von einer sympathischen Koordinatorin, die zusammen mit der Frau, die ich pflegen sollte, zum Bahnhof kam. Evelyn, so hieß die Frau, reichte mir einen Strauß bunter Feldblumen. Das war unsagbar rührend, das gab es noch nie, dass mich jemand so zum Arbeitsbeginn willkommen hieß. Nach der offiziellen Vorstellungszeremonie hat Evelyn die Koordinatorin und mich zum Mittagessen in ein Restaurant eingeladen. Ich begriff nicht, warum eine Siebzigjährige, die in guten Restaurants verkehrt und sich ohne Krücke oder Rolli bewegen kann, eine Betreuerin benötigt. Aber ich dankte dem Himmel
dafür und betrachtete es als einen Glückssegen. Ich fühlte mich, als ob dicht hinter mir Engel mit Rundschildern und Säbeln an der Seite stünden. So gegen fünfzehn Uhr kamen wir dann in Evelyns Haus an. Wir fuhren zuerst einige Haltestellen mit der Straßenbahn und nahmen dann den Bus in eine Vorstadtsiedlung. Unterwegs wurde ich über Ausgehmöglichkeiten und Sehenswertes in Augsburg informiert.
“Das ist das Mozart-Museum” – sagte Evelyn – “und hier, sieh’ mal das Denkmal des Stadtgründers Kaiser Octavius Augustus. Du kannst jeden Tag in die Stadt fahren.”
Die Stadt hat mich bezaubert. Ich dachte: “Ich möchte länger hier bleiben.” Die Aprilsonne, die vielen Menschen auf den Straßen, lächelnde und lebensfrohe Deutsche. Das alles machte mich neugierig, ich wollte mehr sehen und länger an diesem Ort bleiben.

Deutsches Pflegeheim

Mit der Vier waren es vom Augustus-Denkmal nur drei Haltestellen. Ich sollte am renaissance-barocken Dom vorbeigehen, dann an der Gefängnismauer links und dann rechts abbiegen, das Pflegeheim sollte sich am Ende der Straße befinden. Wie soll ich es finden, wie komme ich hin? Meine Angst wuchs. Ich hatte Recht, die Häuser waren mit geraden Zahlen nummeriert und das Pflegeheim hatte die Nummer neunzehn. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite zog sich eine Parkanlage. Um das richtige Gebäude zu finden, musste ich eine Frau ansprechen, die gerade vorbeilief.
“Ich will auch dahin. Das Haus hat zwei Nummern. Die Achtzehn ist vorne, die Neunzehn steht daneben, das täuscht.”
Da ist es. Ein großes, rotes Backsteinhaus. Die Tür hatte eine Photozelle und ging geräuschlos auf. Ich betrat die Eingangshalle, die in einen großen Salon überging, der beinahe das gesamte Erdgeschoss einnahm. Auf dem hellen Parkett lag ein bunter Teppich. Alles andere, die Wände, die Sessel und die Sofas waren schneeweiß. Ich fühlte mich, als besuchte ich einen Palast. Hinter den riesigen Fenstern sah ich eine Terrasse und einen Rasen. Dann vernahm ich ein piepsendes Mäusestimmchen:
“Sei uns willkommen Königin, sei willkommen”.
“Mama!” – erklang eine andere Stimme hinter meinem Rücken. – “Das ist keine Königin”.
Die Demenz der alten Dame tat, dass ich mich wieder in der reellen Welt einfand. Ich nahm den Fahrstuhl und fuhr in den vierten Stock. Im Betreuerzimmer, das grausig grellgelb angestrichen war, fragte ich eine Frau im blauen Kittel nach Evelyn und ihrem Mann. Sie trank Kaffee. Den Becher hielt sie in beiden Händen, als würde sie sie wärmen wollen. Ich hätte in diesem Moment eine Handvoll abstumpfender Medikamente gebraucht, um mir die Angst zu nehmen. Ich hörte: “Einen Moment.” Die Frau drehte sich um und trat an eine andere, junge, brünette Frau, deren Ohr am Handy klebte. Ihren Hinterkopf schmückte ein charakteristisch geflochtener Dutt. Sie hatte einen strahlend weißen Kittel mit einem dunkelblauen Kragen und genau solchen Manschetten an. An ihrer Brust steckte ein Namensschild. Sie stach von den anderen ab. Sie war schlank wie eine Gerte und wirkte sehr vornehm. Die Frau, sie war knapp dreißig, unterbrach das Gespräch sofort. Unsere Blicke kreuzten sich. Einen Moment kurz war ich konsterniert, ich wusste nicht, worum es geht.
Die Frau ging in den Flur, reichte mir ihre Hand und stellte sich auf Polnisch
vor:
“Ich heiße Alicja. Ich bringe Sie zu Evelyn.”
Sie hatte regelmäßige Gesichtszüge, war sehr hübsch und der Kittel kleidete sie.
Sie sah schick aus. Unterwegs erfuhr ich, dass sie seit neun Jahren in Augsburg wohnt.
“Ich bin gleich nach dem Abi hierhergezogen, als ich erfuhr, dass junge Polinnen in Pflegeheimen eingestellt werden. Ich wollte ein Jahr arbeiten und dann hier studieren. Augsburg ist für Studenten DER Ort in Deutschland. Ein Paradies. Wirklich! Und so blieb ich bis heute hier und habe keine Lust, nach Polen zurückzukehren. Es ist ein exklusives Pflegeheim und der Verdienst ist ebenso exklusiv.”
Ihre Stimme klang wohl. Sie war sozusagen eine Ergänzung ihres guten Aussehens.

“Sie konnten also Deutsch, als sie herkamen” – stellte ich fest.
“Ja. Ich habe schon als Kind Deutsch und Englisch gelernt. Meine Klassenkameradinnen sind nach England und ich habe mich für Deutschland entschieden. Und ich habe es nie bereut. Als ich hier zu arbeiten begann, war mein Deutsch gut, aber nicht perfekt. Ich bekam aber den Job. Für ein halbes Jahr haben sie für mich die Warmmiete übernommen.
“Mein Gott! Die Polen sind überall in Europa. Auf der Straße habe ich auch die polnische Sprache vernommen. Es ist nett, aber auch beängstigend, wir sind ja nicht im Urlaub hier” – entgegnete ich.
“Und Sie arbeiten hier seit neun Jahren?”
Die Frau lächelte.
“Nein! Ich habe meinen Traum verwirklicht, nur ein wenig anders.” Ich sah in ihr
junges, hübsches Gesicht. Es strahlte Wärme und Güte aus, aber ich machte mir
keine genaueren Gedanken darüber, ich konzentrierte mich mehr auf ihre Antwort.
“Ich wollte Betriebswirtschaft studieren, habe aber meine Pläne schon nach einem Jahr Arbeit mit den Seniorinnen geändert. Ich habe Medizin, Fachrichtung Geriatrie studiert und bin hierher zurück. Ich bin Ärztin. Seit einem Jahr” – fügte sie hinzu.
Erst jetzt verstand ich, warum sie einen andersfarbigen Kittel trug und sah auf
ihr Namensschild: „Alicja Augustyn – Ärztin für Geriatrie”. Ich lächelte. Ich
begriff, woher die Sympathie für diese Stadt stammen könnte, ich fragte jedoch
nicht nach dem Zusammenhang.
Wir hielten vor der Tür zum Zimmer 402, wo auf einem goldfarbenen Schild der
Vor- und Nachname eingraviert war und die mit einem Foto versehen war.
Doz. Dr. habil. Rudolf Hankel.
“Das ist Evelyns Ehemann” – sagte Alicja und schaute mich an. Erst da bemerkte ich das zarte Makeup, das ihre natürliche Schönheit unterstrich.
“Ja. Ich weiß.”
Bevor sie die Tür öffnete, legte sie den Finger auf die Lippen. Ich sollte mich
still verhalten.
“Evelyn kommt sehr oft her. Seit zwei Jahren schon” – flüsterte sie.
“Schauen Sie sich das an. Evelyn schläft auf dem Sofa. Sie ist Diabetikerin, sie nimmt es aber mit den Medikamenten nicht besonders genau. Wenn sie besuchsweise hier ist, sorgen wir auch für sie. Ihr wurde der Vorschlag gemacht, dass sie zusammen mit ihrem Mann hierher ziehen kann, sie würden dann ein größeres Apartment bekommen, aber sie wollte es nicht. Abends fährt sie immer nach Hause” – Alicja sagte das alles flüsternd.
Und dann ließ sie mich allein.

Ich passierte den Flur mit einem großen Spiegelschrank und betrat das Zimmer. Die Sonnenstrahlen spendeten dem Raum Helligkeit. An einer der Wände stand ein Krankenbett und daneben eine Kommode mit Schubfächern. Auf der anderen Seite – ein bequemes Sofa aus braunem, echtem Leder, auf dem unter einer Decke Evelyn schlummerte. Am Fenster stand ein recht großer Tisch mit vier Stühlen. Auf einem der Stühle saß ein noch gar nicht so alter Mann mit warmem Blick und dem Lächeln eines
zweijährigen Kindes. Er legte Knöpfe aus einer Schachtel in die andere. Früher las er Theologie an der Augsburger Uni. Die Demenz verwandelte diesen riesigen Mann in einen hilfslosen Jungen. Sie schnappte ihn sich, als er in die wohlverdiente Altersrente ging und endlich entspannen hätte können.
Ich hatte das Gefühl, als ob die WAHRHEIT auf der Seite der parallelen Welt läge und als ob die Realität, die ich sah, überhaupt nicht existieren würde, als wäre es nur ein Produkt der wuchernden Phantasie.
“Mein Gott! Wie wehrlos dieser Mensch doch ist. Du hast ihm ja den Verstand genommen. Tust du mir dasselbe an? Du hast mich doch nicht mit Willen, Gewissen und Moral beschenkt, um sie mir wieder wegzunehmen. Wie dringt man zur WAHRHEIT vor? Ich bin in mich gegangen, um die Antwort auf die quälende Frage zu bekommen: Warum ist diese WAHRHEIT immer unbekannt?
Ich überlegte, warum ich immer noch die Lust hatte, nach ihr zu suchen. Ich erinnerte mich an die Worte meines Mannes: „Weib, du zerkloppst dir irgendwann den Kopf bei dieser ewigen Wahrheitssuche”. Ich erinnere mich auch, was ich ihm darauf entgegnete: “Aber ich habe eine Tür in dieser Mauer gefunden und versuche, sie jetzt aufzumachen und habe keine Absicht, die Freude durch Schlüsselsuche entbehren zu müssen. Ich riskiere doch nichts, wenn ich es probiere.”
“Warum stehen wir Krankheiten und Tod alle so hilflos gegenüber?” – dachte ich, als ich mich in dem Spiegel über dem Tisch ansah. Dieser Spiegel machte, dass ich wie seelenlos dastand und mein Spiegelbild anglotzte: Ich sehe ziemlich menschlich aus. Ich bin ein Homo sapiens, obwohl ich mich nicht viel vom Homo erectus unterscheide. Ich bin wie ein fellloser Fleischfresser, wie ein sprechender Affe, der Gedichte schreibt. Wie viel Mensch und wie viel Tier steckt in mir? Jedenfalls ist meine Gattung merkwürdig. Wer bin ich in Wirklichkeit? Was ist mit dem freien Willen? Mit der Moral? Ein lautes, langgezogenes Aufschnarchen Evelyns riss mich aus diesen Gedanken und ich landete wieder in der Realität.
Ich hatte so meine Bedenken, als ich mir den spielenden Doktor habil. ansah. Vielleicht sollte man ihm einige Astroglia einflechten und das Erinnerungsvermögen blüht wieder auf, wie nach der Berührung von ET und die Neuronen wachsen nach? Die Astroglia, die Gliazellen im zentralen Nervensystem, in welchen unsere Gedanken, unser Erinnerungsvermögen und unsere Vorstellungskraft stecken, sind doch die Grundlage für das Überleben unserer Gattung. Warum bin ich keine Wissenschaftlerin? Diesem Genre würde ich gern mein Leben widmen – philosophierte ich. Ich wandte mich von dem
Spiegel ab und sah auf den Mann. Gut, dass du nicht mehr verstehst, dass das Leben eine sehr gefährliche Beschäftigung ist und die Todesrate bei 100 Prozent liegt – sagte ich, halb zu ihm, halb zu mir, selbstverständlich auf Polnisch.

Ich habe es nicht einmal bemerkt, dass am Fenster ein Patientenlifter, am Sofa eine weitere hohe Kommode mit einem Flachfernseher und Rähmchen mit Bildern standen. An der Wand mit dem Bett hing eine Reproduktion der “Sonnenblumen” van Goghs. Das Bad war ganze fünfzehn Quadratmeter groß und mit allen möglichen Geräten ausgestattet, die alten, kranken, gebrechlichen Menschen das Leben erleichterten. Die Sauberkeit war bestechend. Hier herrschte bereits das 22. Jahrhundert. Ich dachte an das polnische staatliche Pflegeheim, wo ich kurz gejobbt hatte. Dort gab es keine Patientenlifter. Unsere
Pflegeheime unterscheiden sich leider von den deutschen. Aber was soll’s. Ich kann es nicht ändern und ich verfüge auch über keine göttliche Macht, um dem Ehemann Evelyns seinen Verstand zurückzugeben. Also soll wenigstens sein Herz unter den Rippen pochen, soll er doch frische Luft atmen und möge ihm das Essen schmecken – ich bemühte mich um reine Gedanken.
Ich weckte Evelyn. Wir fuhren nach Hause. Vier Haltestellen mit der Straßenbahn, einige mit dem Bus und ein Stück zu Fuß. Wir begegneten ihren Bekannten, die uns mit Grüß
Gott grüßten. Nicht etwa mit guten Abend, sondern genauso, wie die Katholiken in Polen einander grüßen. Im Süden Deutschlands ist es so üblich. Finde ich nett. Sogar Kinder grüßten uns inzwischen so. Obwohl es noch gar nicht schwer war, legte sich Evelyn nach dem Abendessen und nachdem sie eine Handvoll Medikamente und eine Dosis Insulin nahm, ins Bett.
Ich hatte frei. Ich strickte bis in die späte Nacht. Ich begann, den Pflegerinnen aus dem Bus zu glauben, dass es doch angenehme und leichte Verträge gibt. Ich erinnerte mich an einen Traum, in dem mich mein verstorbener Bruder besuchte und sagte: „Setz dich hin und entspanne”. War es etwa an der Zeit? Sollte sich auch dieser Traum bewahrheiten? Ich habe es noch nicht ganz geglaubt, da ich mir alles im Leben schwer erkämpfen musste. Dieses Gesetz bewährte sich immer. Das ist Gabis Satz, übrigens nachgewiesen.

Anfänge

In Deutschland fühle ich mich wie in der Schule, wo man mir das Bügeln, Einräumen, Saubermachen, Putzen und Kochen aufs Neue beibringt, aber diesmal auf Deutsch. Die Häuser, in welchen ich arbeite, dienen mir als Vergrößerungsgläser, mit welchen ich die letzten Lebenstage meiner Schützlinge beobachte. Ich entdecke immer diesen Fremden in mir. In vielen Häusern fühlte ich mich wie ein Schatten, den die Familie einfach passierte, ohne ihn wahrzunehmen, jedoch habe ich überall die Spuren meiner Arbeit zurückgelassen. Momentan klettere ich immer noch nach oben und versuche, den Weg nicht zu verfehlen. Ich sehe mich um. Sehe Spuren vor mir und hinter mir. Nach fünf Jahren Arbeitstourismus in Deutschland fühle ich mich wie ein abgebranntes Stück Kohle. Meine Wärme schenkte ich den Alten, den Leidenden. Die Notwendigkeit, Geld für ein würdiges Leben zu verdienen, hat meinen Charakter geschliffen. Ich weiß! Meine Taten haben keine Bedeutung.
Diese Reisen, um jemanden zu pflegen, waren auch Reisen ins UNBEKANNTE, denn ich bin immer nach etwas Neuem aus. Meine Wanderungen durch die deutschen Länder, vom Norden nach Süden, sind wie das Suchen eines Brunnens am Ende der Welt. Ich möchte diese Welt bewundern. Reisen bilden nicht nur. Reisen machen auch müde.

Als ich in Gedanken die fernen Erinnerungen aus der Kindheit ins Gedächtnis rief, sah ich, wie im Spiegel, ein fünfjähriges Mädchen mit einem Näschen voller Sommersprossen und mit Zöpfen mit großen Schleifen. An diesem merkwürdigen Tag hatte es ein dunkelrotes Samtkleidchen mit einem weißen, bestickten Kragen an. Das Mädchen kniet in der Küche auf einem mit Erbsen gefüllten Säckchen. Ihre erhobenen Hände lehnen an der Wand. In der auf ihrer Kopfhöhe befindlichen Spüle hört man das Wasser tropfen. Sie rezitiert ein
Gedicht:
”Ich bin eine kleine Christin. Ich soll gut, sanftmütig, ehrlich, einfach und heiter sein. In jedem Wort aufrecht in jeder Tat geduldig, denn der liebe Gott schaut mir zu und erfährt, was ich denke und was ich tue.”– Was ist Zeit. Wie lange dauert das Jetzt? Wie lang ist ein Augenblick?
Ich höre die Fragen des Mädchens und erinnere mich an das Wunder der Harmonie in ihrem Kopf, wo sich die Realität mit der Wendeseite des Bewusstseins vermischt. Ich sehe erneut die Wand, wie auf Märchendias, Bilder erscheinen – ein Waldfriedhof. Alle Bäume flüstern, als sprächen sie mit den Vögeln. Sie erzählen Geschichten über die Kraft, die alle Wesen auf der Erde, auch die Menschen haben. Der Wald hütet irgendwelche Geheimnis und die fliegenden, sich wie im Tanz erhebende Vögel verraten einander die Geheimnisse der Welt, von welchen die Menschen nicht einmal geträumt haben. Ich sehe erneut die Gesichter der lachenden Bäume und meine Nase spürt außerirdische Gerüche. Ich tauche ein in diese Träume, die mir einst wie Wirklichkeit vorkamen.
“Nein! Nein! Auf der Wand sind doch ein Wald und fliegende Vögel. Mach’ das Licht aus! Welcher Wald? Welche Vögel?”
“Marta, hier! Die Wand singt. Verzauberte Vögel. Die Bäume sprachen miteinander. Sie hatten Augen und Nasen und eines sagte zu mir: “Du bist ein Geheimnis.”

War das ausschließlich kindliche Phantasie? Oder ein kindlicher Blick auf die Kehrseite des Lebens? Ich hatte bereits als kleines Kind das nebulöse Gefühl, dass die Welt nicht wirklich so ist, wie wir sie wahrnehmen. Vielleicht habe ich damals unbewusst vermutet, dass alles um uns herum, diese ganze Materie, nur ein Spiel der blauen Schatten ist? Bereits als Kind verstand ich, dass sich das Licht mit der Finsternis verflicht, die sein fester Faktor ist. Als ich erwachsen wurde, überzeugte ich mich, dass sich das Licht mit der Finsternis verflicht, die ihr festes Pendant ist. Und als ich erwachsen wurde, überzeugte ich mich, welchen brutalen Preis man dafür bezahlen muss. Die Worte “Du bist ein Geheimnis”, die der Baum sagte, quälten mich und brannten meine Eingeweide das ganze erwachsene Leben lang.

Heute erkläre ich es mir so: Vielleicht ist das Leben ein geheimnisvolles Spiel, ein verborgener, tieferer Sinn? Und durch das Denken, das wie eine Welle fungiert, bereiten wir unsere Körper auf chemischer Ebene durch die Erfahrungen unseres Lebens für eine andere Bewusstseinsform vor, welche wir in diesem Leben nicht einmal erahnen. Ich verstehe es jetzt so, dass ich nicht aus der Materie allein bestehe. Ich bin als Mensch ein multidimensionales Wesen und deswegen ist das, was in meinem Kopf geschieht, für mich so wichtig.

Vielleicht kann ich selbst ein Zauberer sein und meine Welt kreieren, in meinem Kopf sind ja die Möglichkeiten zur Realitätsschöpfung vorhanden. Hinweise bekam ich von jenem kleinen Mädchen, das ich einst gewesen bin und dessen Verstand frei von Anschauungen und Ideen war.

Der erste Job in Deutschland

Als ich mich von meinem Mann verabschiedete, war ich nicht wirklich traurig. In den letzten Wochen, die voller üblicher banaler und zuweilen grotesker Missverständnisse waren, sammelte sich in mir viel Zorn an und ich wartete sehnsüchtig auf den Abreisetag um mich von ihm zu befreien. Ich wusste, dass ich eine krebskranke Frau, nach einer Mastektomie betreuen werde. Und die Angst wegen der dürftigen Sprachkenntnisse stärkte die Unruhe, sie ließ mich nicht vernünftig denken. Die Familie, zu der ich fuhr, war damit einverstanden, dass ich mit der Patientin englisch spreche. Und ich konnte doch gut Englisch, die Angst war also völlig unbegründet. Einerseits hatte ich eine Riesenangst, andererseits freute ich mich, dass ich Geld verdienen und Deutsch lernen kann.

Während der ganzen Reise habe ich verschiedene Märchen ins Gedächtnis geholt, sowohl die, die ich ‘mal gelesen als auch jene, die ich selbst erdichtet habe. Als “Märchen” bezeichnete ich auch wahre Begebenheiten, die immer mit “Es war einmal…” anfingen. Wie damals als mein Mann wahnsinnig in mich verliebt war, und alles tat, um für meine Gunst zu werben. Eben während dieser Reise wurde es mir klar, dass es ein völlig normaler Kampf eines Männchens um ein Weibchen war. Wie eine Werbung emittierte er seine Informationen, dass er über gute Gene verfüge… und ich habe es als wahre Münze genommen. Die Erinnerungen flammten in mir auf wie schnell einander folgende Blitzlichter eines Fotoapparates. Ja, das stimmt! Reisen begünstigt die Reflexionsbereitschaft. Zeit zum Nachdenken hatte ich genug, um Platz für andere Märchen zu finden. Die Mitreisenden waren nicht besonders sympathisch. Obzwar ich das Wort “Meute” nicht sonderlich mag, habe ich meine Reisekumpanen so klassifizieren müssen. In mentaler Hinsicht war ich doch ein wenig anders als sie. Ich kann mich nicht mit Leuten unterhalten, deren Wortschatz keine tausend Wörter überschreitet, von denen auch noch die Hälfte nicht durch die Zensur käme. Und mit solchen Leuten musste ich mehr als zehn Stunden im Auto verbringen.

Was tu ich denn überhaupt? Kaum, dass ich mich nach meinem mehrjährigen Aufenthalt in Großbritannien zuhause eingelebt habe, schon nehme ich das nächste Risiko auf mich. Diesmal geht es nach Deutschland. Ich werde alte Menschen in ihren Wohnungen betreuen. Ist das Altruismus oder die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, um finanziell etwas auf die Reihe zu bekommen? Es tat mir leid, dass mein Mann nicht gefragt hat: “Wie kommst du ohne Deutschkenntnisse zurecht. Bei deinem Gestammel schicken sie dich doch im Handumdrehen wieder nach Hause.” Ja! Das stimmt. Dieses Gestammel machte mich einem Hund ähnlich, mit dem man sich ja auch verständige, ja sowohl anfreunden kann.

Die Erinnerungen, die fast die ganze Reise über meinem Gedächtnis entsprangen, machten sie irgendwie angenehmer. Ich vermochte es, in einen parallelen Raum und in eine völlig andere Zeit zu entrücken. Dann kehrte ich wieder in die Gegenwart zurück und konnte selbst nicht begreifen, wie es kam, dass ich mich, von niemandem dazu gezwungen, entschied, mein Land zu verlassen, ohne genau zu wissen, wohin mich das Schicksal verschlägt. Ich konnte ja stolz auf mich sein – ich habe die Schulden abbezahlt, die ich des bequemeren Lebens willen gemacht habe und dank mir wohnte mein Mann nicht mehr in der Dachbodenwohnung. Wenn ich traurig bin, dass ich mich erneut von ihm verabschieden musste, kehre ich schnellstens zu meinen Märchen zurück.

Und wo bleibt das Frühstück?

An meinem Ziel kam ich um acht Uhr morgens an. Der Fahrer wartete nur, dass ich schnell aussteige und die Tür zumache und sauste sofort los. Ich zündete mir eine Zigarette an und sah mich um, neugierig, wohin mich der flatterigste Beruf, und zwar der einer Pflegerin, diesmal hinbrachte. Ich schaute mir die in ihrer Morgenruhe traurig wirkende Gegend, das Haus, vor dem ich stand und die Reihe der kleinen Häuser auf der anderen Straßenseite lange an, irgendwie hatte ich Angst, anzuklopfen. Meine Intuition gebot mir Vorsicht. Und sie hatte Recht, vom Garten aus kam mir ein Mann im Arbeitsanzug und schmutzigen Schuhen entgegen. Seine unrasierten, schmuddeligen Wangen und die dunkle Brille auf seiner Nase beunruhigten mich. Ich überlegte, ob er sie wohl aufgesetzt hat, damit ich das nicht erblicken kann, was man einem Fremden nicht einzublicken gewährt. Sein Äußeres stimmte mich misstrauisch, ich fasste aber meinen ganzen Mut zusammen und stellte mich kurz vor. Ich fragte, ob die Adresse richtig sei, lobte die ruhige Gegend und das große Haus. Der Mann bejahte meine Frage und mein Lob schien ihm zu gefallen, da er sogar lächelte. Ich fragte ihn sogar, ob wir Englisch sprechen könnten. Er nahm meinen Koffer und ich trabte hinterher, sah mir seine schweren Schuhe an und wunderte mich, dass er trotzdem lange, leichte Schritte machte. Als ich mir seine ganze Gestalt ansah, erinnerte er mich an einen Galeerensträfling. Und das ganze Haus und die Umgebung – an einen Gulag.

Er führte mich in den ersten Stock und gab mir kurz Auskunft, was ich zu tun habe und wie die Arbeitsbedingungen sind. Ich fühle mich danach keinen Deut besser. Die Perspektive, an diesem Ort bleiben zu müssen, erschreckte mich. Er stellte meinen Koffer ins Zimmer, wo ich während meines Aufenthalts wohnen sollte. Es war ein heller, trockener Raum mit einem Fernseher. Dann brachte er mich zu seiner kranken Frau. Im Wohnzimmer saß auf einem Ledersofa eine Frau im Morgenmantel. Sie war ein paar Jahre älter als ich. Mit der einen Hand streichelte sie einen kleinen Welpen, der auf ihrem Schoß saß, in der anderen hielt sie einen Schoppen Wein. Zu ihren Füßen, auf dem Teppich lagen vier holländische Bassethunde. Sie saß so, in Gedanken versunken, mit halbgeschlossenen Augen. Wir haben uns eine ganze Weile angeschwiegen. Als ich an sie herantrat, machte sie die Augen auf und lächelte. Sie musterte mich von Kopf bis Fuß und zeigte mit dem Finger auf einen Stuhl. Ich setzte mich etwas schräg hin und wartete ungeduldig und gespannt, was jetzt käme. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten soll, ich wollte mich doch zunächst vorstellen. Ihr Mann stand unbeweglich an der Tür, wie ein Lakai.

“Es ist eine Freude für mich, bei Ihnen arbeiten zu können” – irgendetwas musste ich ja sagen, wo die Frau so gar keine Anstalten machte, ein Gespräch zu beginnen. Nach einer Weile, als weiterhin nichts zu hören war, als ihr Atem, stellte ich mich vor und informierte sie, dass ich gut Englisch sprechen kann. Sie hat mich eines Blickes gewürdigt, sie war weiterhin mit dem Streicheln des Hundes beschäftigt. Ich fühlte mich wie ein Schatten. – “Ich muss an ihre Gedanken herankommen” – dachte ich.
Die Frau schien eine Xanthippe zu sein. Ich habe nicht ein einziges Anzeichen einer Krankheit bemerkt. Die Gefühle, die mich in diesem Moment überwältigten, ließen mich ihren Namen vergessen, der ja im Vertrag gestanden hat. So blieb sie für mich vorübergehend namenlos. Ich bat um einen Tee. Als ich mich vom ersten Schock erholte, merkte ich, dass der Morgenmantel der Frau recht verschlissen war. Die Bilder, die meine Phantasie produzierte, veränderten sich, als stammten die vorherigen aus einer anderen Zeit und Dimension. Mir schien, als wäre ich vorher in einem dreidimensionalen Raum eingetaucht und erst jetzt in die Realität zurückkäme. Oder waren es vielleicht keine Wahrnehmungsfehler sondern eine andere Betrachtungsweise, ein anderer Blick auf diese Frau?
Ich kramte alle deutschen Wörter aus dem Gedächtnis, die ich noch in der Schule gelernt habe. Ich konnte mich auch an einige Sprüche und Ausdrücke meiner Mutter entsinnen. – Ja! Ich habe Erfahrung. Ja, ich müsste zurechtkommen.
– Gartenarbeit gehört nicht zu den Pflichten einer Pflegerin.

– Wir stammen aus Holand, wir wohnen seit fünfzehn Jahren hier – die Frau taute endlich auf. Das Gespräch stockte. Ich war müde, hungrig und von der langen Autoreise erschöpft. Ich wusste nicht, wie ich mich zu verhalten habe.

“Bin ich eine Detektivin, die die Geheimnisse fremder Gedanken erforschen muss? Was soll ich jetzt machen?” – nur solche Fragen entsprangen meinem gedämpften Geist. Die vier Hunde wechselten ihren Lagerplatz. Alle vier, bis auf den Welpen, lagen nun zu meinen Füßen und beschnupperten mich. Nach so einer langen Reise duftete sicherlich nicht nach Frische, also war ich verlegen und fühlte mich unwohl, auch vor den Hunden. Auf meiner weißen, ärmellosen Bluse prunkte meine Lieblingshalskette mit einem Bernstein. Ich streckte die Brust raus und nahm einen olympischen Gesichtsausdruck an, als wäre dieser Bernstein mindestens eine Olympiamedaille. Ich fühlte den Unterschied, der zwischen mir und dieser Frau lag, die in ihrem alten Morgenmantel, mit zerzaustem Haar mit ihrem Körper das halbe Sofa vereinnahmte. Ich mochte nicht einmal ihre Stimme.

– Heute ist Sonntag, die Arbeit beginnt ab morgen.

Sie bedachte mich mit einem erhaben Blick und gedämpften Lachen, in dem ich ihren Unwillen mir gegenüber und meinem Aufenthalt hier spürte. Ihr dunkelhäutiges Gesicht blieb unbetrübt ruhig, wären da nicht die leicht bebenden Lippen.

– Du kannst auf dein Zimmer gehen und dich nach der Reise erholen – sagte schließlich der Hausherr.

Und wo bleibt das Frühstück? – dachte ich, als ich das Wohnzimmer verließ.
Ich fragte aber nicht.


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