Barataria oder was passiert mit unseren Utopien

Für Christine anhand von Auszügen aus einem fabelhaften Buch, das ich von ihr bekommen habe; es wäre auch für Konrad, der aber noch kein Deutsch kennt

Klappentext:

Orient und Okzident, Einwanderer, Auswanderer, Aussteiger, Islam, Christentum, Kapitalismus und die Suche nach dem Glück: Michael Kleeberg erzählt Geschichten und Schicksale in einer globalisierten Welt. Mühlheim bei Frankfurt. Ein Kreis von Freunden trifft sich und versucht, über Freundschaft und Gesellschaft nicht nur nachzudenken, sondern auch Utopien eines anderen Zusammenlebens zu verwirklichen.
Dabei: Hermann, einst Doktorand der Philosophie, dann Aussteiger, jetzt Lehrer in Frankfurt. Maryam, eine iranische Sängerin, die auswandern musste, weil ihr das Singen verboten wurde. Ausserdem: Younes, ein libanesischer Pastor, Zygmunt, ein polnischer Handwerker, Bernhard, ein Ex-Sponti, der lange einen Verein für Jugendsozialarbeit leitete, Ulla, seine Frau, Kadmos, ein arabischer Lyriker.
In einem kaleidoskopischen Roman in zwölf Büchern (angelehnt an Goethes West-Östlichen Divan und Nezamis Leila und Madschnun) erzählt Michael Kleeberg ihre Geschichten und Geschichten um sie herum und begibt sich zu den Wurzeln ihrer Kulturen. Kleebergs Buch spielt in Deutschland, Iran, im Libanon und im Reich der Mythen.


»Die Fundamentalisten wie die Materialisten sind sich ja darin einig, dass wir an gar nichts glauben, was nicht stimmt, wie wir wissen. Aber die Rückbindung ist das eine, wie jedoch steht es mit der Zukunft? Wollen wir etwas bewahren, oder wollen wir etwas schaffen?
Eine Utopie? Muss es dann nicht, wie alle Utopien, eine mosaische sein? Ein Ausblick? Eine Hoffnungskarotte? Ein Vorgefühl von höchstem Gliick? Wir blicken darauf wie Muse hinunter ins Gelobte Land (…). Betreten kann man sie immer nur kurzfristig, denn alle Utopien verwandeln sich zu totalitärem irrsinn, wenn sie sich konsolidieren. (…)«

(…)
»Liest du was Neues? Oder ist das hier aus dem Bestand?«
»Was Neues. Judith Shklar. Der Liberalismus der Furcht. Kennst du sie?«
Ernst nickt. ››Sie ja. Das Buch noch nicht. (…) Aber warum Furcht?«
»Es geht um die Sicherheit vor Grausamkeit als Grundbedingung für die individueile Freiheit. Die Grausamkeit jeglicher Machtausübung. Ihr großes Thema. Und woran arbeitest du?«
»Ich habe mich für den Bachelor gerade an einer Analyse der Spontibewegung versucht.«
Hermann lacht. »Eine geistige Herleitung deines Vaters. Hast du ihn gelöchert?«
»Ja, aber da kriege ich nur Anekdoten über Fußball und Äppelwoi zu hören.«
»Dabei gehört Bernhard zu den wenigen, die sich ihre ideale nie haben korrumpieren lassen«, sagt Hermann.
»Ja, leider«, erwidert Ernst. »Sonst könnte er vielleicht heute auch von seinem Management 50000 pro Vortrag verlangen lassen wie Joschka Fischer.«
»Na komm, es reicht doch auch so. Wobei, du hast insofern recht, als wenn wir alle auf Hartz IV wären und nur unsere Armut zu teilen hätten, auch dieser Ort hier nicht existieren würde. Die innere Freiheit ist und bleibt bis zu einem gewissen Punkt eine Funktion der Mittel, die du dir erwirtschaftet hast.«
»Notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung«, sagt Ernst.
»Ja, und da wären wir bei dem ›überschüssigen Bewusstsein‹ von Marcuse oder Bahro oder beiden. Den humanen Kapazitäten, die übrigbleiben, nachdem du für dein materielles Überleben geschuftet hast. Die beiden haben zwar geglaubt, dass nur im Sozialismus so ein geistiger Mehrwert herauskommt, aber das wissen wir ja nun besser.«
»Wie war das nochmal?« fragt Ernst.
»Es werden Bedürfnisse freigesetzt, und zwar entweder kompensatorische oder emanzipatorische? (…) Willst du Erstere befriedigen, um dich für die Arbeiterei zu entschädigen, kaufst du Autos, machst Kreuzfahrten und spielst Golf. Die emanzipatorischen dagegen ließen in die Bildung, die Kultur, die Schönheit, die Menschlichkeit und die Gerneinschaft. Und genau darin, lieber Ernst, bist du groß geworden. Wenn Ulla und Bernhard ihr Geld lieber für sich ausgeben würden, dann gäbe es diesen Ort nicht,wo wir leben, lieben, denken und trinken können.« (…)

Und weiter:

Um ein offenes Haus führen zu können, braucht man ein Haus. Das Essen, das jeder, der hereinschneit, vorgesetzt bekommt, muss eingekauft werden (…). Großzügigkeit braucht Mittel, und Großherzigkeit kommt aus der Selbstachtung, die wiederum daher rührt, dass man Arbeit hat und angemessen dafür bezahlt wird. Das Gefahr ist immer, dass man solch einen Ort für selbstverständlich nimmt, für gegeben und unveränderlich, und ausschließlich am Wesen der Gastgeber festmacht anstatt an den komplizierten und unsichtbaren Mechaniken des Lebens, die die Existenz dieser Gastgeber bedingen.

Und so ist es auch im Divan. Der Gastgeber, Bernhard oder TK genannt, verliert gerade seine Existenzgrundlage, was von seinem früheren Freund verursacht wird, aber doch letztlich an ihm selbst liegt und seinen Prinzipien, aud die er nicht verzichten will. TK und sein Kumpel Krüger unterhalten sich darüber beim Jogging. Krüger möchte wissen, was sich in der Sache gerade tut.

TK antwortet nicht.

»Mit einem Wort«, sagt Krüger, „du hast nie die Machtfrage gestellt.«
»Nein, warum hatte ich auch sollen. Der ganze Verein war doch über all die Jahre auf flache Hierarchien und den gedanken kollektiver Gemeinschaftsentscheidungen ausgerichtet.«
»Und das ist genau der Punkt, wo du dich täuschst! (…) Wenn nicht explizit in festen Hierarchien, dan implizit in Form von individueller Exzellenz.«
»Exzellenz, hör auf«, lacht TK.
»Und vor allem füllt sich Machtvakuum immer sofort. Wenn einer die macht abgibt oder ausschlägt, ist ein anderer da, der si übernimmt. Aber denk doch mal nach: Wessen Idee war dieser Verein?«
»Meine.«
»Und wer hat ihn aufgebaut und ausgeweitet?«
»Ich. Aber nicht nur.«
»Und wer hatte die Ideen dazu?«
»Die kamen aus gemeinsamen Diskussionen.«
»Schon. Aber wer hat solche Diskussion eingefordert, angeregt und ihnen eine Richtung gegeben? Sei ehrlich!«
»Ich«, sagt Bernhard (…).
»Und wer hat die Richtungsentscheidungen gefällt?«
»Immer gemeinsam im Kollektiv. Aber stimmt schon, ich habe die anderen schon meist in die Richtung gelenkt, die mir am besten vorkam.«
»Und deshalb bist du ja auch der Vorsitzende des Vereins gewesen.«
»Nie. War ich nie. (…) War mir nie wichtig.«
»Aber was für eine Position hast du denn dann innegehabt?«
»Gar keine. Mitarbeiter.«
»Aber du hast den Verein doch nach außen repräsentiert. Gegenüber der Stadt, dem Sozialamt, dem Jugendamt, was weiß ich?«
»Naja sicher, ich kenne die ja alle.«
»Bernhard, du bist naiv!«
»Mag schon sein. Aber warum ist es naiv, sich nicht in den Vordergrund zu drängen, wenn sowieso alle wissen, dass man den Laden schmeißt?«
»Genau deshalb, mein Lieber. Weil sich sonst jemand dahin drängt, der ihn eben nicht schmeißen kann, oder der ihn auch schmeißen kann. aber anders als du. Ich nehme doch an, dass dein Freund und Mitgründer, der dich jetzt rausgeekelt hat, der Vorsitzende des Vereins ist.«
»Ja, für den war das wichtig. (…) Die Probleme hatten ganz unscheinbar begonnen. Vielleicht damit, dass A.S. vor einigen Jahren neben dem Verein eine eigene Entrümpelungs- und Umzugsfirma gegründet hat, die jugendliche Alkoholiker und Straftäter resozialisierte. Eigentlich ein tolles Projekt. Nur dass er, als im ersten Jahr die Liquidität fehlte, in die Vereinskasse griff, um das auszugleichen. Sie hatten das durchdiskutiert und die Summe dann in ein offizielles Darlehen umgewandelt.«
»Kein Wunder, dass er einen Rochus auf dich hat!« sagt Krüger.
»Wieso denn er auf mich?«
»Weil er in deiner Schuld steht. Und weil du seine Schwäche und sein Fehlverhalten kennst und gerade nicht öffentlich gemacht hast. Und natürlich, weil er die Gelder hätte ganz bequem und legal verschieben können, wenn es alles sein Laden gewesen wäre.«
»Es war aber so lange alles gut. Bis er mit der Überwachung anfing. Effizienzsteigerung. Monitoring! Wo dann kein Platz für Vertrauen und Selbstverantwortung bleibt.«
»Die gewiss jeder bis ins letzte Glied in jeder Minute geübt hat …«
»Krüger, jetzt wirst du zynisch. Wir sind alle Menschen und machen Fehler. Und das muss auch erlaubt sein. Jedenfalls fing A.S. dann mit Stichprobenkontrollen an, und es gab die ersten Abmahnungen statt eines Gesprächs. Und dann kam er mit der Idee, den Verein in eine GmbH umzuwandeln. Und erst dagegen habe ich offen opponiert«
»Ohne dir die Machtmittel gesichert zu haben«, sagt Krüger. »Ich nehme mal an, da hast du dann auch deine erste Abmahnung bekommen. Aber weißt du, wenn du von der Wut und der Enttäuschung abstrahieren kannst, wird dir Folgendes auffallen: Dass die entscheidende Rolle bei alledem nicht der gewiss schäbige Charakter deines früheren Freundes spielt (…), sondern der Zeitpunkt und das Alter. (…) Der natürliche Weg aller jugendlichen, idealistischen Gründungen und Unternehmen ist gleich. Sie fangen alle mit der alleinigen Konzentration aufdie Sache an. das Ziel, den Stern am Horizont. Einigkeit herrscht.Jugend herrscht, da können die Hierarchien flach bleiben, die Einkünfte symbolisch, und die Diskussionen finden schnell zu einem gemeinsamen Ergebnis, und Macht ist ein Zwangsmittel, das nur Alte und Analneurotiker brauchen, und gleich sind wir sowieso und können im Kollektiv entscheiden, denn alle leitet uns die Vernunft.
Aber irgendwann merkt der Klügste oder Arbeitssamste oder Ehrgeizigste, dass es immer schon er war, der die Sache entscheidend vorangebracht hat. Und jetzt wird er älter und will endlich auch persönlich etwas von dem Ganzen haben. Dass die Gleichheit aller Beteiligten eine fromme Illusion und Lüge ist und immer war, das fällt ihm jetzt langsam wie Schuppen von den Augen. Das machen das Alter und die Erfahrung und der Blick nach rechts und links. Irgendwann stellst du fest, du bist ein Individuum geworden, das ganz anders ist als die anderen. Und du sagst dir: Jetzt muss es aber auch endlich mal um mich und meine Meriten gehen. Und mit Alter und Erfahrung steigt auch die Verachtung für die Mitläufer und Profiteure und die Nichtskönner und Faulenzer und Durchmögler. Oder wenn dir Verachtung ein zu scharfes Wort ist, dann die Unduldsamkeit für Schlamperei und Dummheit. Es wächst einem ein Bewusstsein für Rangunterschiede zu. Wir reden nicht von Menschenrechte, Achtung! Es geht nicht darum, einen netten Versager auszupeitschen, aber muss er unbedingt das Gleiche verdienen wie ich? Du bekommst ein Gefühl dafür, dass Gerechtigkeit, von der immer so viel die Rede ist, eigentlich das wäre, wenn der Bessere und Klügere und Fleißigere, derjenige, der die Verantwortung trägt und auf sich nimmt, auch den größeren Teil des Kuchens für sich beanspruchen dürfte. Nochmal: Nicht dass die anderen darben sollen. Nie und nimmer. Aber mitreden sollen sie nicht, wenn sie nichts verstehen und sich im Grunde ihrer Seele auch nicht dafür interessieren, gottverdammt!«
»Ja, so ungefahr hat A.S. wohl gedacht«, sagt Bernhard.
»Und zweifellos hättet ihr die GmbH zusammen gründen können, euch zu Geschätsführern machen, die Gewinne teilen und der Realität endlich eine adäquate Struktur geben. Teilen und herrschen.«
»Ja«, sagt TK schweratmend. »Ja, aber das wollte ich nicht. Das kam mir wie Verrat vor an dem Grundgedanken der Unternehmung. Außerdem haben wir alle sehr ordentliche Gehälter bekommen, und ich hab’ auch beizeiten für eine erstklassige betriebliche Altersvorsorge gesorgt. Mehr brauche ich nicht.«
»Klassischer Denkfehler aller Utopisten der Machtlosigkeit. Zu glauben, es gebe einen endlichen Bestand an Bedürfnissen und alles, was darüber hinausgeht, sei Gier.«
»Ich will gar nicht mit dir darüber streiten, dass die Dinge die Tendenz haben, größer werden zu wollen, und dass nichts schwieriger ist, als sich mit einem Status quo zu begnügen. Worurm‘s mir geht, sind die menschlichen Schäden dieser Vergrößerungs- und Optimierurıgs- und Effizienz- und Kontrollwut. Weil sie so zutiefst unnötig sind. Weil wir fast dreißig Jahre bewiesen haben, dass man gute und sinnvolle Arbeit eben auch ohne Macht leisten kann.«
»Was du sagst«, meint Krüger, »erinnert mich an Utopia von Thomas Morus. Aber der logische Fehlschluss daran lässt sich in einen Satz fassen: There is no free lunch. Sowas wie kostenloses Mittagessen gibt es nicht.«
»Ich kann dir gleich das Gegenteil beweisem, erwidert Bernhard.«
»Ja, aber warte ab, wie du reagierst, wenn ich Geschmack daran finde und jeden Mittag bei euch vor der Tür stehe und es einfordere. Es gibt ein Grundprinzip, das überall wirkt, wo der Versuch gemacht wird, die Macht auszublenden. Es mag gelingen, Hierarchien, Eigentum und Geld abzuschaffen. Aber in dem Maße, in dem die Macht aus den hierarchischen Ungleichheitsverhältnissen verschwindet, kehrt sie durch die Hintertür zurück als strukturelle Gewalt. Es braucht ein rigides System der Überwachung, um sicherzustellen, dass alle sich an die Regeln der Gleichheit, Besitzlosigkeit und Briiderlichkeit halten. Das utopische System kommt nicht ohne drakonischen Strafenkatalog aus. Strafen zu können ist aber einer der Grundpfeiler von Macht. Und eine Quelle permanenter Gewalt. Deshalb lieber eine GmbH mit einem Chef als ein Kollektiv mit einem Revolutionstribunal, das den Eierdieb dann irgendwann einen Kopf kürzer macht, um ein Exempel zu statuieren. Der vermeintliche Verzicht auf Macht kann eine perverse Sache sein.«

Sie kommen ins Haus zurück, wo man gerade für alle, es sind acht oder zehn Personen da, free lunch vorbereitet. Der Hermann, derselbe, der Judith Shklar liest, lauscht dem Gespräch des Joggers und füg seinen Senf hinzu:

»Ich verstehe, was du meinst, Krüger«, sagt er, »aber auf Bernhard bezogen, also auf den Einzelnen bezogen, will das nicht viel heißen. Gewiss, er hätte die Umwandlung des Vereins in eine GmbH zustimmen können, er hätte der Hierarchisierung des Betriebs zustimmen können, aber dazu hätte er ein anderer Typus sein müssen als er ist. Der Bernhard, der diese Dingeaus betriebswirtschaftlicher Logik und Eigeninteresse getan hätte, wäre eben ein anderer Mensch, eine andere Weseneinheit als die, die hier sitzt. Oder besser: Bei der wir sitzen. Und jener Bernhard wäre eben vielleicht niemand, dem andere Werte durch den Kopf gehen als macht und Effizienz. Mit der Konsequenz, dass beispielweise ich hier nicht sitzen würde bei diesem Bernhard. (…) Die richtige Frage ist also nicht die, ob unser Bernhard naiv gehandelt hat und letztendlich selbst Schuld an seinem Schicksal ist, sondern die, welche sonstige Auswirkungen auf das Leben anderer jener Bernhard hätte. Und da scheint die Waage doch sehr zugunsten des Unsrigen auszuschlagen.«


Galiani-Berlin
ISBN: 978-3-86971-139-3
Erschienen am: 16.08.2018
464 Seiten, gebunden mit SU
Preis 24,00 €

Michael Kleeberg, geboren 1959 in Stuttgart, lebt als Schriftsteller und Übersetzer (u.a. Marcel Proust, John Dos Passos, Graham Greene, Paul Bowles) in Berlin. Sein Werk (u.a. Ein Garten im Norden, Vaterjahre) wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Zuletzt erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis (2015), den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2016) und hatte die Frankfurter Poetikdozentur 2017 inne.

Reblog: Unser Staubsauger! Wer hätte es gedacht?!

Internet der Dinge

Das verrät Ihr kaputter Staubsauger noch alles über Sie.

Ausrangierte Smarthome-Geräte landen auf eBay-Kleinanzeigen, dem Flohmarkt oder im Müll. Oft haben sie noch viele Daten über ihren Vorbesitzer gespeichert. Ein Hacker hat Dutzende gebrauchte Geräte gekauft – und Erstaunliches gefunden.

Von Judith Horchert, Zehdenick

Alles fing damit an, dass Dennis Giese sich im Jahr 2017 einen Staubsaugerroboter kaufen wollte. Der sollte Gieses kleine Wohnung in Darmstadt säubern, aber weil Giese Spezialist für IT-Sicherheit ist, interessierte ihn nicht nur, ob sein Gerät ordentlich Wollmäuse entfernt. Er wollte wissen, welche Informationen so ein Roboter über seine Nutzer sammelt und an den Hersteller weitergibt. Und das war nicht wenig, wie er später in einem Vortrag auf einem Hackerkongress zeigte.

Doch wie viele der gesammelten Informationen verbleiben auf den Geräten selbst – und was kann man noch auf alten Gadgets finden, die beispielsweise im Internet gebraucht verkauft werden? Giese begann einzukaufen.

Die Geräte von deutschen Nutzern kaufte er auf Onlineportalen. In Boston, wo er ebenfalls zur Cybersicherheit forscht, begab er sich auch offline auf Shopping-Touren: “Da gibt es Technik-Flohmärkte, da findet man einiges. Das meiste habe ich aber in Deutschland gekauft”, sagt er.

Dennis Giese hat inzwischen mehr als 200 smarte Geräte auf Datenreste untersucht

(c) Thorsten Schröder CC-BY 2.0

Rund 200 smarte Geräte besitze er inzwischen, neu oder gebraucht. Staubsauger und Überwachungskameras, Media Player und Drohnen, Kühlschränke, Router, Waschmaschinen und Geschirrspüler sind dabei. “Oft werden die kaputt angeboten, zum Beispiel mit einem Wasserschaden oder einem defekten Motor”, so Giese. “Das ist mir völlig egal, ich will eh nur an die Hauptplatine.” Und die hat es mitunter in sich.

WLAN-Passwörter im Staubsauger, Pornos auf der Playstation

Giese hat zum Beispiel Geräte erworben, die von ihren Vorbesitzern gar nicht zurückgesetzt worden sind. Auf einem Media Player fand er etwa nicht nur eine umfangreiche Porno-Sammlung, sondern auch die E-Mail-Adresse des früheren Besitzers, die mit Googles Play Store verknüpft war.

Als er in der Uni von dem Fund berichtete, erzählte ihm ein Kommilitone, auch er habe auf einer gebrauchten Playstation 3 einmal jede Menge “Erwachsenenfilme” gefunden. Gieses Professor riet ihm, sich nicht durch die Daten des fremden Nutzers zu wühlen, sondern es beim bloßen Fund zu belassen. Das sah Giese auch so.

Dass auf alten Geräten – etwa gebrauchten Festplatten, Rechnern oder Handys – oft noch jede Menge Daten schlummern, ist nicht neu, schon gar nicht in der Hackerszene, bei deren Sommercamp Giese seine Funde vorstellt. Doch gerade bei Smarthome-Geräten bleibt die Gefahr für die Nutzer oft abstrakt: Was kann ein Haushaltsgerät schon über mich wissen?

Auf smarten Kameras fand Giese Videoschnipsel, auf Staubsaugerrobotern Karten der zuvor gesaugten Wohnung. Und weil es sich um smarte Geräte handelt, kam er mindestens an die WLAN-Zugangsdaten – womit sich manchmal viel anfangen lässt. “Viele Menschen benutzen ihr Passwort für mehrere Dienste, und dieses Passwort habe ich dann”, sagt Giese. “Und wenn man eine smarte Glühbirne in den Müll wirft, sollte man dran denken, dass ein technisch versierter Nachbar darüber theoretisch an die WLAN-Zugangsdaten kommen könnte. Und damit hätte er Zugang zum Heimnetzwerk.” Schließlich arbeite er selbst mit bekannten Methoden, im Grunde sei das alles nichts Neues – nur würde die Anzahl der vernetzten Geräte in den Haushalten zunehmen.

WLAN-Daten führten den Hacker zur alten Wohnung des Staubsaugers

In manchen Fällen war es Giese sogar möglich, anhand der WLAN-Zugangsdaten herauszufinden, wo der vorherige Besitzer wohnt. Ein Staubsaugerroboter kam aus Magdeburg, einer aus Hanau. “Bei dem aus Hanau waren zwei WLANs registriert. Mithilfe der Google-Lokalisierungs-API konnte ich bis auf 13 Meter genau herausfinden, wo die Wohnung sein musste”, sagt der Forscher. Das habe sich dann leicht verifizieren lassen, weil im Namen des WLANs ein Teil der Adresse auftauchte.

Keineswegs ist es immer die Schuld der Nutzers, dass auf den Geräten noch viele Daten liegen. Laut Giese ist es oft so, dass ein “sauberes Löschen” für den Nutzer gar nicht möglich ist. Das hänge damit zusammen, welcher Speicher in dem Gerät verbaut sei. “Wenn ich Geräte kaufe, treffe ich meistens auf eine dieser drei Möglichkeiten: Entweder wurde gar nichts zurückgesetzt oder die Nutzer haben es zwar versucht, aber nur oberflächlich etwas gelöscht, beispielsweise die WLAN-Daten. Im dritten Fall haben die Hersteller geschludert, weil sie eine komplette Datenlöschung unmöglich machen”, so Giese.

Den Betroffenen hilft diese Einsicht wenig – schließlich ist jede dieser Varianten unangenehm. Und auch Giese hat keine Lösung für das Problem: “Es wäre aber schon ein erster Schritt, wenn sich die Leute bewusst wären, was so ein Gerät speichert und dass darauf noch einiges zu finden sein kann.”

Er rät davon ab, gebrauchte smarte Haushaltsgeräte zu verkaufen oder weiterzugeben, sofern der Nutzer keine Vorstellung davon habe, welche Informationen sich darauf noch befinden. Oder wenn man nicht mehr in der Lage ist, die Daten zu löschen: “Oft geht das ja gar nicht, weil das Gerät defekt ist.” Da sollte sich jeder Nutzer überlegen, ob er es wirklich “an Bastler” verkaufen möchte – denn “Bastler” sind eben auch so Leute wie Giese. Nur nicht immer mit guten Absichten.

Heute / Dziś

Stadtführung – Wycieczka po Berlinie

Auf den Spuren von Tschechen, Russen, Bulgaren und Polen im Berliner Bezirk Rixdorf (Neukölln)

Wycieczka śladami Czechów, Rosjan, Bułgarów i Polaków w berlińskiej dzielnicy Rixdorf (Neukölln)

Explore Berlin’s East Europe Now: Rixdorf/Neukölln

Organizatorzy / Organisatoren: Osteuropa-Tage Berlin

  • Niedziela / Sonntag,
    15. September /  września 2019
    14:00 – 18:00
  • Neuköllner Oper

    Karl-Marx-Straße 131-133, 12043 Berlin
    Neukölln ist heute ein Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen leben und arbeiten. Und auch Flüchtlinge und Übersiedler aus dem heutigen Osteuropa fanden hier ihre neue Heimat – ob die tschechischen Protestanten aus Böhmen, die hier im 18 Jh. kamen, polnische Exilsuchende der 80er Jahre, bulgarische Arbeitssuchende im vereinigten Europa. Unser Rundgang mit dem aus Stettin stammenden und seit über 20 Jahren in Berlin lebenden Stadtführer Martin Januszewski führt uns auf den Spuren des alten und neuen Rixdorfs, wie Neukölln noch vor etwas über 100 Jahren hieß. Wir gelangen zu dem kirchlichen Arbeitslager, wo meist russischen Zwangsarbeiter arbeiteten, zu der bulgarisch-orthodoxen Kirche, einem polnischen Restaurant mit italienischem Einfluss und zu einem böhmischen Dorf, das noch heute einige Traditionen aus der Heimat pflegt und hegt.
    Im Restaurant Bona machen wir eine lunchpause und bitten alle Teilnehmer ca. 10 Euro in der Tasche zu haben für wunderbares Essen (mit selbstgebackenem Brot) und ein Getränk. Somit bedanken wir uns bei der Gastronomen, die an dem Tag zwischen 16 und 17 Uhr nur für uns geöffnet sind.
    Bitte melden Sie sich HIER verbindlich an.
    14:00
    Treffen am Neuköllner Oper
    14:00 – 15:30
    Besichtigung im Rixdorf mit kleiner Pause im Comenius Garten
    15:30 – 16:00
    Gang über Körnerpark und Thomasstraße zu polnisch-italienischen Restaurant Bona Kollektiv (Lunchpause)
    16:00 – 17:00
    Essen und Gespräch mit einem Priester von der Bulgarischen Kirche
    17:00 – 17:30
    Besichtigung der Bulgarischen Orthodoxe Kirche
    17:30 – 18:00
    Spaziergang durch den Friedhof zu dem kirchlichen Zwangsarbeiter Lager
    18:00
    Besuch bei dem Denkmal für Zwangsarbeiter auf dem Thomas-Friedhof

    Neukölln to dzielnica Berlina, gdzie spotykają się ludzie z całego świata a więc i z Europy Wschodniej, którzy dziś tu wspólnie mieszkają i pracują. Przybywali tu zarówno emigranci, jak uciekinierzy, jak ludzie sprowadzeni tu przymusowo.  W XVII wieku przybyli tu czescy protestanci z Moraw, w XX wieku robotnicy z Bułgarii i robotnicy przymusowi z Rosji, w latach 80 pojawili się Polacy tzw. emigracji solidarnościowej. Wycieczkę prowadzi Martin Januszewski, profesjonalny przewodnik, pochodzący ze Szczecina, który od 20 lat mieszka w Berlinie. To on poprowadzi nas najpierw do dawnego Rixdorfu, czeskiej wioski, w które do dziś pielęgnuję się pamięć przybyszów. führt uns auf den Spuren des alten und neuen Rixdorfs, wie Neukölln noch vor etwas über 100 Jahren hieß. Pokaże nam kościelny obóz pracy przymusowej, gdzie pracowali przede wszystkim Rosjanie, bułgarską cerkiew i polsko-włoską restaurację, gdzie zjemy spóźniony lunch (koszt około 10 euro wraz napojem – prosimy, żeby uczestnicy wycieczki wsparli ten świetny lokal polsko-włoski, który od 16 do 17 będzie otwarty tylko dla nas).
    Zgłoszenia TU.
    14:00
    Spotkanie przy wejściu do Neuköllner Oper
    14:00 – 15:30
    Zwiedzanie Rixdorf (krótki odpoczynek w Comenius Garten)
    15:30 – 16:00
    Spacer przez Körnerpark i Thomasstraße do polsko-włoskiej knajpki Bona Kollektiv
    16:00 – 17:00
    Lunch i rozmowa z księdzem z kościoła bułgarskiego
    17:00 – 17:30
    Zwiedzanie kościoła bułgarskiego
    17:30 – 18:00
    Przejście do kościelnego obozu pracy przymusowej
    18:00
    Odwiedziny Miejsca Pamięci na cmentarzu św. Tomasza – kamień i wystawa przypominają losy robotników jedynego w Europie kościelnego obozu pracy przymusowej

Der Comenius Garten

In zwei Tagen laden wir zu einer Stadtbesichtigung in Rixdorf ein. Heute möchten wir über einen Garten berichten, den wir an dem Tag besuchen werden. Der Comenius Garten.

Alles beginnt mit einer Überraschung. Man geht die Richardstrasse entlang, die Hauptstrasse des sog. Bömischen Dorfes in Berlin. Auf einer Seite der Strasse kleine Häusschen, die so typisch für Rixdorf sind, auf der anderen – das sieht man an jeder Stadtteilkarte – der Comenius Garten. Eine nicht besonders spektakuläre Grünanlage, rechts Büume, daneben Rasen, der Kiesweg, ein paar Banken, kleine Greenoase, die von der Strasse von einem Holzzaun getrennt ist. Holzzaun, kleines Tor. Zu. Man schaut irritiert, findet die Infotafel mit Öffnungszeiten, prüft nach. Ja, es ist geöffnet. Ist aber zu.

Und wenn man es nicht weiß, kommt man nicht rein. So einfach ist es. Man muss wissen, um etwas zu erreichen. Lernen, Infos sammeln, nachdenken… Ganz im Sinne des Comenius, der ein Pädagoge war.

Johann Amos Comenius
(Komensky)

* 28. März 1592 in Nivnice, Südostmähren; † 15. November 1670 in Amsterdam, war ein tschechischer evangelischer Philosoph, Theologe und Pädagoge sowie Bischof der Unität der Böhmischen Brüder aus der Markgrafschaft Mähren.

Bild von Comenius (gemalt zwischen 1650 und 1670 bei Jürgen Ovens) im Rijksmuseum in Amsterdam.

 
Der Garten befindet sich eigentlich hinter der kleinen Grünanlage, die man von der Strasse sieht und ist ganz nach Comenius Idee omnes omnia omnino excoli angelegt, was ungefähr bedeutet, dass wir unser ganzes Leben lernen. Wir beginnen schon als Embryos und Enden im Moment des Todes.

Wie man in den Garten docht reinkommen kann und wie er aussieht, dies erzählen wir in zwei Tage.

See you am 15. September um 14 Uhr vor der Neuköllner Oper.

Für alle andere kommt die Erklärung heute nacht 🙂

 

 

Wiedźmin czyli nowa Gra o Tron

Czyta: Michał Żebrowski

Nie wiem, czy jeszcze to dziś zobaczymy, w końcu nie mam tego teasera na stronie, tylko linkuję się do Youtuba. Taki zwiastun pojawił się na oficjalnej stronie Netflixa i po kilkunastu godzinach został usunięty. Większość fanów była przekonana, że zajawkę wpuścili do sieci tacy sami jak oni – freaki Sapkowskiego. Niektórzy nie rozpoznali nawet, że w zajawce nie ma dubbingu, a wszystko czyta lektor. Muszą być bardzo młodzi.
Zobaczcie sami: TU.

Wiedźmina gra Henry Cavill i mnie wydaje się, że jest trochę za stary na Geralta i ma zbyt zniszczoną twarz, ale znowu – ten film na pewno robią ludzie młodzi, dla których każdy człowiek po 30 jest po prostu stary i dlatego Geralt jest stary.

Zresztą sam Cavill urodził się w roku 1983, ma zatem 36 lat i wygląda naprawdę dobrze. To  twórcy filmu uznali, że ma wyglądać jak stary dziad.

Przypomina mi to pewną anegdotę rodzinną. Moja cioteczna babka, Karolina Lubliner-Mianowska, była przed wojną harcerką i to w pewnym momencie w stopniu harcmistrzyni. Urodziła się w roku 1899, w latach 20 miała więc niespełna trzydziestkę.

Któregoś lata pojechały z koleżanką na inspekcję jakiegoś obozu dla dziewcząt, a oprowadzała je jedna z uczestniczek, panna w dorodnym wieku lat 15. W pewnym momencie dziewczę zwróciło się do nich bezpośrednio: “Bo wy stare zaraz macie jakieś wątroby albo dzieci”.

Wiem, wiem, to się zmienia. Z wiekiem, ale też historycznie. Ötzi, człowiek z lodowca, który żył ok. trzech tysięcy lat przed naszą erą, miał około 45 lat, gdy umarł i jak na owe czasy był naprawdę stary. Stary i samotny. Podobno nauka i to potrafiła odczytać z przebadanych szczątków. Ale był też bardzo sprawny i zamożny, nosił odzież zszytą starannie z kawałków futra i miał siekierę wykonaną z miedzi. Zresztą nie umarł śmiercią naturalną, tylko został zabity strzałą z łuku.

Tak miał wyglądać. Stary był. Wydaje mi się nawet podobny do filmowego Geralta.

A tak naprawdę wygląda Cavill – mógłby zostać nowym ulubieńcem kobiet, tak jak Jon Snow, szkoda, że zrobili z niego takiego Ötziego.

Frauenblick: Klimawandel

Monika Wrzosek-Müller

Als letztes Jahr die Trockenheit und Hitze Berlin beherrschten, wäre sie fast krank geworden. Die Trockenheit breitete sich wie eine Heuschreckenplage in den Parks, über die Wiesen aus, es war alles gelb und staubig, sah kränklich aus, ohne Saft und Leben. Sie trauerte um jeden Baum, jeden Strauch, der einging. Besonders Bäume haben es ihr angetan, alte, hundertjährige Bäume, deren Äste herunterfielen, erschienen ihr wie Lebewesen, die daran litten, was um sie herum geschah. Auch die Luft war trocken, es brannte in den Augen und kratzte im Hals.

Jetzt, in diesem Jahr saß sie in Warschau und sah die großen, neu angelegten, aber schon vergilbten Rasenflächen, die Blätter der Bäume, die jetzt schon, wie im Herbst, abfielen und auf dem Boden lagen. Die Weichsel konnte man durchwaten, sie war angeblich nur noch 40 cm tief. Die Schifffahrt war eingestellt. Die Trockenheit war überall sichtbar, in der Luft spürbar, auch im grünen Speckgürtel der Stadt sah man sie überdeutlich.

Schon letztes Jahr spürte sie, dass es ernst um die Welt war, um ihr Leben und dass es darum ging, wirklich etwas zu unternehmen, sollten wir noch weiter existieren wollen, vor allem die Generationen nach uns, unsere Kinder und dann deren Kinder. Doch weder die Grünen stellten für sie eine Alternative dar noch die Bewegung Fridays for future, die vielleicht zu jung war, zu sehr auf die Person von Greta Thunberg fixiert. Es war wirklich etwas, worum man kämpfen sollte, oder gar musste. Es war nicht ausgedacht, nicht künstlich zum Politikum gemacht, nicht durch die Medien kreiert; es geschah so überdeutlich und mit fortschreitender Konsequenz, dass man blind sein musste, es nicht zu sehen. Manchmal machten die Politik und die Politiker sie wütend mit ihrer Beschränktheit und Gehemmtheit, auch Langsamkeit, ihrer Abhängigkeit von der Großindustrie. Sahen sie nicht, dass es wirklich  höchste Zeit war zu handeln? Seit den 80er Jahren, seitdem sie nach Deutschland gekommen war, hörte sie ständig von der Verlegung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene, doch es passierte genau das Umgekehrte; die Autobahnen wurden immer breiter, zwei Spuren reichten schon lange nicht mehr aus und die Staus und der Verkehr nahmen rasant zu. Jetzt war Osteuropa auch den Gesetzen der Autoindustrie unterworfen, immer mehr, immer schneller,  scheinbar immer bequemer, also immer größer. Mitten durch kleine Dörfer und Städtchen in der Uckermark rollten riesige Laster mit Anhängern, alles rollte und verpestete die Luft, und die Sonne brannte unermüdlich und gnadenlos.

Zum Glück gab es doch noch die Kunst als einen großen Befreier, als Epigonen, Vorreiter dessen, was passieren sollte, konnte und nicht dürfte. Schon immer war die Kunst Vorbote der großen Themen, von Veränderungen; die Künstler spürten als erste Bedrohungen und bearbeiteten ihre Ängste in ihren Werken, sie entwickelten Visionen, die von der Realität betroffen waren.

So sah sie auch die Ausstellung in Warschau, im Zentrum für Gegenwartskunst (CSW) im Ujazdowski-Palais, sie handelte genau davon; schon der Titel war bezeichnend: Menschenleere Erde im Rahmen des Projekts Plastizität des Planeten. Das Wort Plastizität bezog sich sowohl auf die Möglichkeiten der Veränderung als auch auf die ungeheuren Mengen von Plastik, die der Mensch produziert und den Planeten damit zumüllt. Die Künstler versuchen ihre Sorge um den Planeten global auszudrücken. Sie gingen von einem Buch von Alan Weisman aus,  Die Welt ohne uns: Reise über eine unbevölkerte Erde, in dem spekuliert wird, was passieren würde, wenn die Menschen verschwänden. Könnten die Wälder sich wieder in Urwälder verwandeln, würden fast ausgestorbene Tiergattungen sich wieder vermehren, würde die Luft wieder sauber werden und das Abschmelzen der Gletscher aufhören? Als Beispiel nennt er auch den Urwald von Białowieża in Polen und mehrere andere unberührte Orte der Welt. Doch die Menschen werden nicht verschwinden und all die Auswirkungen ihrer Existenz werden bleiben. Das Buch des US-Autors erschien 2007, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erreichte große Popularität, stand auch monatelang auf den Bestsellerlisten.

Die Künstler schlagen vor: bei den Problemen zu bleiben, aktiv zu werden, bei sich selbst anzufangen. Nicht darauf vertrauen, dass irgendwo, irgendjemand eine neue technische Revolution startet und CO² verwandelt, die Gewässer säubert etc… darauf sollte man nicht vertrauen und sich damit abfinden. Die Künstler versuchen in ihren Arbeiten zu zeigen, wie dramatisch die Konsequenzen der Veränderungen in der Natur sind, die den Plastikmüll absorbiert hat, integriert hat und sich dadurch auch endgültig verändert hat. Sie zeigen, wie in den Organismen Plastik weiter existiert und etwas neues, nicht Natürliches, Unnatürliches schafft. Es ist eben diese Plastizität des Planeten, die neue Formen schafft, neues Leben herstellt, doch ob der Mensch darin noch überleben kann, ist fraglich.

Die Arbeiten sind ganz verschieden und haben mit der KUNST, wie ich sie früher verstanden habe, wenig zu tun; sie zeigen eine Art Sensibilität für die Probleme, die auftreten, eine sehr gezielte und unheimlich akribische Umgangsweise mit verschiedenen Materialien wie Pilze, Wasser, Steine, Grünpflanzen. Es sind Video-Installationen, Objekte die an etwas erinnern, das mal war und jetzt verwandelt weiter existiert, was darin schön ist, denn KUNST ist immer irgendwo mit Schönheit verbunden, muss man in fragilen und ganz zufälligen Momenten suchen. Und doch sind diese Arbeiten wichtig und richtig, denn sie beschäftigen sich mit dem wichtigsten Problemen, vor die unsere Welt gestellt worden ist.

Ein kleiner Teil der  Ausstellung konfrontiert den Betrachter mit  dem gezielten und bewussten Handeln der Menschen, die zur ökologischen Katastrophen (wie Entwaldung und Verwüstung) führen und meistens als Folge nach Kriegshandlungen auftreten.  Forensic Architecture ist eine Gruppe an der London University, Menschen aus unterschiedlichen Berufen: Architekten, Künstlern, Filmemacher, Journalisten, Archäologen, Programmierer, Juristen und anderen Wissenschaftlern; sie alle beschäftigen sich damit, Beweise zu sammeln und zu bearbeiten, so dass sie an internationalen Foren vorgestellt werden können. Im CSW werden zwei Aspekte vorgestellt: Herbizide-Krieg in Kolumbien und Palästina. In Kolumbien dachte man, mit den Unkrautbekämpfungsmitteln der Drogenproduktion Herr zu werden, es wurden ganze Waldgebiete vernichtet; in Palästina haben die Israelis um den Gaza Streifen alle grünen Pflanzen weggesprüht. Es entstanden Streifen von wüstenähnlichen Gebieten, auf denen jede Bewegung der Menschen sichtbar wird. Es sind eigentlich eher Dokumentationen der Prozesse der Veränderungen, die Bilder vorher, nachher veranschaulichen, was wirklich passiert ist und welch schreckliche Wirkung solche Anwendungen mit sich bringen.

Beide Ausstellungen habe ich mit großem Interesse aber auch mit Traurigkeit angeschaut; unheimlich, dass so viel Wissen auch nicht weiter hilft und die Welt sich weiter in den einmal eingeschlagenen Bahnen bewegt.

Heute vor 80 Jahren

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir laden Sie herzlich ein zum

Gedenken aus Anlass des 80. Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen
und des Beginns des Zweiten Weltkriegs
am Sonntag, 1. September 2019, um 13 Uhr auf dem Askanischen Platz in Berlin
auf der Rückseite der Ruine des Anhalter Bahnhofs

Es werden sprechen:
Prof. Dr. Dieter Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts
Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble und Sejmmarschallin Elżbieta Witek (angefragt)
Prof. Dr. Zbigniew A. Kruszewski, Teilnehmer des Warschauer Aufstands

Der Deutsch-Polnische Chor „Spotkanie“ wird das Gedenken begleiten.

Der Einladung schließen sich an:
die Bundestagspräsidenten a.D. Prof. Dr. Rita Süssmuth und Dr. h.c. Wolfgang Thierse,
der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors Prof. Dr. Andreas Nachama und
der Präsident des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung a.D. Florian Mausbach.

Wir freuen uns sehr, wenn Sie vorzugsweise weiße und rote Blumen (bitte keine Kränze)
mitbringen und im Anschluss an das Gedenken am dafür bestimmten Ort niederlegen.

ACHTUNG: Das Gedenken findet als Versammlung unter freiem Himmel statt – für die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer können leider keine Sitzplätze bereitgestellt werden.

Mit freundlichen Grüßen
Dieter Bingen

Anmeldungen sind nicht nötig.

Warum Askanischer Platz?
Im November 2017 hatte eine zivilgesellschaftliche Initiative den Aufruf zur Errichtung eines Denkmals in der Mitte Berlins für die Opfer der deutschen Besatzung in Polen 1939-1945 veröffentlicht und als Gedenkort den Askanischen Platz vorgeschlagen.
Seitdem wird über diese Empfehlung, eine Leerstelle deutscher Erinnerung zu füllen, in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert. Das war für das Deutsche Polen-Institut der Anlass einzuladen,  auf dem leeren Askanischen Platz als einem temporären Gedenkort an den deutschen Überfall auf Polen vor 80 Jahren zu erinnern.

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Streifzüge durch Berlin: Gradiva

Heute vor 1940 Jahren

Ewa Maria Slaska

Fotos oben: Regine Lockot

Ich schlendere durch Berlin, habe Zeit, das Wetter ist schön, auf dem Mittelstreifen von der Kurfürstenstrasse sehe ich vom Weiten eine weisse antike Frauenfigur. Ich gehe hin, schaue mir eine schöne Skulptur an und denke, dass sie mich irgendwie an diese ebenso schöne Fresco von Flora in Stabie, Schwesterstadt von Pompei und Herkulanum erinnert. Diesselbe ungezwungene und fröhliche Atmosphäre, diesselbe schöne, sicher auftretende junge römische Frau.

Ich lese den Text auf der anderen Seite des Reliefs:

GRADIVA

Vom 25. Bis 27. September 1922 fand hier, in der Kurfürstenstraße 115/116, im „Haus des jüdischen Brüdervereins gegenseitiger Unterstützung” der 7. Internationale Psychoanalytische Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) statt. Er war der letzte, an dem Sigmund Freud persönlich teilnahm.

Nach einer Blütezeit der Psychoanalyse im Berlin der 20er Jahre wurden ab 1933 alle jüdischen Psychoanalytiker durch die Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft mußte 1938 aufgelöst werden.

Zum Thema „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten in Psychoanalyse und Kultur heute” kamen zum ersten Mal nach dem 2. Weltkrieg wieder Psychoanalytiker der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung nach Berlin, um hier vom 25. bis 29. Juli 2007 den 45. Internationalen Psychoanalytischen Kongress abzuhalten.

Bis zu seiner erzwungenen Emigration 1938, hing ein Gipsabdruck der „Gradiva” neben Sigmund Freuds Couch in Wien. Seine Interpretation der Gradiva-Novelle von Wilhelm Jensen ist die erste größere psychoanalytische Untersuchung eines literarischen Werkes.

Sigmund Freud fand in London Exil.
Dort starb er am 23. September 1939.


Schöne Idee. Schöne Art einen Kongress und einen großen Mann zu erinnern. Im Internet finde ich auch das Buch.

Gradiva: Ein pompejanischen Phantasiestück
von Wilhelm Jensen
mit Vorwort von Sigmund Freund

Dresden/ Leipzig 1903

Beim Besuche einer der großen Antikensammlungen Roms hatte Norbert Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so daß er sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen vortrefflichen Gipsabguß davon erhalten zu können. (…)  Ungefähr in Drittel-Lebensgröße stellte das Bildnis eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indes augenscheinlich keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der Zwanziger-Jahre eingetreten. (…) Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? (…) Um dem Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte Hanold es für sich ›Gradiva‹ benannt, ›die Vorschreitende‹.

Der Relief weckt in einem jungen Archäologen, der sie als Abguss in seinem Arbeitszimmer stellte, endlich Mal, würde man sagen, das Interesse an lebendigen Frauen. Genauer gesagt an deren Gangart, denn  er Versuchte unter seinen Zeitgenössinen eine zu finden, die den Fuß so anmutig und fast senkrecht beim Gehen  hielt wie eben die Gradiva.
Dann träumte es ihn, dass er sich in Pompei befände, wo er einige Male zur Forschungzwecke schon weilte. Im Traum war es grade der 24. Augusttag des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort ließen durch eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von blutrotem Licht Übergossenes erkennen.

Er träumte immer noch, als er plötzlich Gradiva sah. Und wie es  im Traum oft passiert, schien es ihn normal, dass die Skulptur aus seinem Arbeitszimmer hier als lebendige Frau voranschreitet, in Gedanken versunken und somit noch nicht ahnend, was ihr und der ganzen Stadt bevorsteht. Bis dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei. (…) Dann indes, ihn jählings überfallend, kam ihm zum Bewußtwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriß seinem Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm entgegen. (…) Sie schritt jedoch weiter, noch bis zum Portikus des Apollo Tempels hinan, wo sie sich zwischen den Säulen legte, von der Schwefeldünsten des Vulkans erstickt. Hanold wachte auf und erst nach langer Weile erkannte er, dass er nicht wirklich vor fast zwei Jahrtausenden dem Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe.

Plötzlich, und zwar nich im Traum, sondern Diesseits, erkannte er eine junge Frau, die drunten auf der Straße ging (…) leicht elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fußes für einen Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Er lief ihr nach. Vergeblich.

Sie war nicht zu finden und ihm war es in Berlin ohne sie unerträglich geworden. Er reiste sofort ab. Zuerst nach Rom, dann nach Neapel und letztendlich nach Pompei. Egal aber, wo er sich befand, störte ihn sofort alles, bis er sich selbst zugeben müsste, daß er mißmutig sei, weil ihm etwas fehle, ohne daß er sich aufhellen könne, was. Und diese Mißstimmung brachte er überallhin mit sich. Alles war zweck- und sinnlos, er selbst: taub und blind (…) auch die Natur war außerstande, ihm zu bieten, was er um sich und in sich vermißte. Nicht Mal der Besuch in Pompeji half ihn, seinen Spleen zu lindern. Sogar hier bemächtigte sich seiner Augen und geistigen Sinne eine entschiedene Gleichgültigkeit. Ja, sogar Pompeji war nichts mehr als außerordentlich nüchterner Schutthaufen. Als die Touristen zum Tisch gingen und herr Hanold alleine in der toten Stadt blieb, herrschte dort plötzlich vollkommene Reglosigkeit. Alles stand still, nur über den Vesuv hing eine wie eine Pinie geformte dunkle Rauchwolke. Es war unheimlich still und heiß, alles badete in der Sonne, als ob sich der große Pan zum Schlafen hingelegt hat. (…) Dann aber löste die Sonne die Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die Toten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben. Mit geöffneten Augen blickte Hanold die Straße entlang, doch war’s ihm, als tue er’s in einem Traum. Darin trat plötzlich (…) etwas hervor, und über die Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin. Ganz zweifellos war sie’s; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und genauso im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. (…) Zugleich mit dem Anblick aber war’s Hanold hell im Gedächtnis aufgewacht, daß er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh’n, in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung zusammen kam ihm noch etwas anderes zum erstenmal zum Bewußtwerden: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart mußte sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen hinterlassen haben. (…) Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort (…) und begab sich in das Haus des Meleager.

Hanold wußte nicht, nicht ob er wache oder träume.

Er ging ins Meleagers Haus, das, da es Mai war, voller wilder blühender Mohnblüten war, wie alle Häuser in der Totenstadt. Träumte es ihm, als er – nur etwa fünf Schritte von ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten gebliebenes Oberstück des Saalportikus herabwarf, zwischen zweien der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche Gestalt sitzen sah, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob? (…) Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewußt nach Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen Geisterstunde noch fort und saß hier vor ihm, so wie er sie im Traum sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren Knien lag etwas Weißes ausgebreitet, das sein Blick klar zu unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrosblatt schien’s zu sein, und eine Mohnblüte hob sich mit rotem Scheine von ihm ab.

Er spricht sie zuerst Griechisch und dann auch Lateinisch an. Und sie antwortete auf Deutsch. Es wunderte ihn aber keineswegs. So musste es gewesen sein. Dann aber stand sie auf, ging ein paar Schritte fort und verschwand. Die Mittagsgeisterstunde war vorüber.

Am nächsten Tag ging er wieder hin, diesmal aber heimlich, durch einen unbewachten Eingang, zu Mittagsstunde ins Meleagers Haus. Unterwegs sah er eine ganz mit weißen Glockenkelchen behängte Asphodelos-Blütenschaft, die er abbrach und mitnahm. Wenn die Mittagsstunde endlich kam, sah Hanold sie wieder zwischen zwei Säulen sitzend. Da fragte sie: Bringst du mir die weiße Blume?

Dann sprechen sie miteinander, und stellen fest, dass sie sich schon einmal, vor fast zwei Tausend Jahren gesehen haben müssten. Er erzählt ihr von seiner Suche nach einer Frau, die genauso einen Gangart hat als sie auf dem Relief in Rom. Nach einer Weile nimmt sie die Blume und geht in die Unterwelt zurück, sie vereinbaren aber noch ein Treffen am nächsten Tag. Diesmal lies Gradiva, die übrigens Zoë – Leben heissen sollte, ein kleines Skizzenbuch zurück, in dem Pompeji von heute abgebildet ist – Ruinen, Steine, wilde Blumen.

Hanold weiss, dass er krank ist, dass ihm entweder sein Kopf oder sein Herz Spielchen spielen. Er trink zu viel Wein, er läuft den ganzen Nachmittag hin und her, trifft einen alten vermeintlich leicht verrückten Zoologen, der Eidechsen fängt, und versucht nicht darüber nachzudenken, was ihm geschehen ist. Er wandert ziellos, kauft irgendwo eine pseudo-antike Spange, von der er denkt, sie gehörte Zoë vor zwei Tausend Jahren, ließ sich eine (damals unglaubwurdige sogar für einen Archäologen) Geschichte erzählen, dass man in Pompeji ein Liebespaar ausgegraben hat, zwei Leichen, die sich eng umschlungen um zusammen, in den Tod zu schreiten, und stellt sich vor, die junge Fraue wäre eben Zoë-Gradiva. Mit keinem Gedanken würdigt er die Tatsache, dass wenn er Zoë das zweite Mal sieht, trägt sie helle Lederschuhe und nicht Sandalen, wie auf dem Relief.

Weitere Nacht geht vorbei. Diesmal pflückt Hanold unterwegs ein paar rote Rosen und geht ganz normal, seinen Eintritt zahlend, in die Pompeji-Stadt. Erst als er wieder vor dem Eingang zur Casa di Meleagro steht, fällt ihn ein, die liebende Frau hätte Zoë sein können und dies hätte bedeuten müssen, sie hätte einen Liebhaber, den in diesem Moment Hanold regelrecht hasst. Sie ist jedoch allein gekommen, wie auch gestern und vorgestern. Er gibt ihr Rosen und ihr Skizzenbuch zurück, fragt auch, ob die antike Spange Mal ihr gehörte. Sie verneint aber. Überhaupt benimmt sie sich, als ob sie ein modernes Weib wäre. Sie teilen sich ihr zweites Frühstück, dass sie in Kleidertasche mithatte. Sie assen schweigend, bis die Gradiva sagte: »Mir ist’s, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brot gegessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?«

Aber dann ist sie doch ganz gegenwärtig und dazu noch kennt sie seinen Namen. Du bist doch offenbar verrückt, Norbert Hanold, sagt sie und in denselben Moment kommen ins antike Haus ihre Bekannte.

Er flüchtet. Ihm ist es klar, dass er, völlig ohne Sinn und Verstand zu glauben versuchte, dass er sich seit drei Tagen mit einer wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin traff.

Er flüchtet und daher ist nur der Leser und nicht auch Hanold, der erfährt, dass Zoë mit ihrem Vater, dem alten Zoologen, in der abgelegenen Albergo del Sole wohnt.

Da sehen sie sich wieder in einem anderem alten pompejanischen Haus. Ein leicht verrückter junger Archäologe und eine junge Dame vor Welt. Sie ist Tochter eines bekannten Zoologen Richard Bertgang und wohnt mit ihrem Vater in Berlin dem Haus, wo Hanold wohnt, schräg gegenüber. Sie kennt ihn also und zwar seit eh, er sie nicht mehr, weil er ein typischer Wissenschaftler geworden ist – zerstreut. Sie gesteht, dass sie, als sie entdeckte, was er im Kopf hat, mit ihm gespielt hat.

Daher also die Schuhe statt Sandalen. Und daher kennt sie seinen Namen.

Und am Ende werden sie heiraten!

🙂


Was der Freud darüber denkt? Lesen Sie HIER.