Ewa Maria Slaska
Gestern ging ich einkaufen. Neben dem Laden auf der Straße habe ich eine vergilbte Buchseite gefunden. Ein ziemlich kleines Buch musste es gewesen sein. Seite 15 /16. Nummer 15 nach oben. Ich hebe es auf und lese: “Ja, ja” entgegnet er. “Wißt ihr noch, ich habe doch vorhin gesagt, dass ich hier in Berlin nur zu Besuch bin. Ich lebe heute in Amsterdam. Aufgewachsen bin ich in Polen.”
Im Stehen lese ich weiter. Zuerst, was vorher war. Zwei junge Menschen kommen aus dem Praxiszimmer in den Warteraum. Sie sehen wie nach einer Schlägerei aus und so ist es auch. Man hat sie behandelt und bandagiert. Eine Ärztin sagt, sie sollen eine Anzeige machen. Zeugen habt ihr, behauptet sie und zeigt die drei, die im Raum sitzen. Einen alten Mann und zwei jüngere. Das sind die, die der Alte anspricht, wenn er es sagt, das über Amsterdam und Polen.
Auf Seite 16 sollen sie ihn besuchen. Inzwischen weißt man, dass alle vier, ausser vielleicht dem alten Mann, Homosexuelle sind. Irgendwie hat es der Autor schnell hinbekommen. Und somit ist es auch möglich, dass der Alte auch ein Homosexueller ist. So ist die Logik des Schreibens. Da macht auch Amsterdam Sinn, obwohl wozu, wenn Berlin jetzt das neue Amsterdam ist. Aber vielleicht ist es eine Geschichte aus alten Zeiten.
Zwei Monate später, aber immert noch auf Seite 16 sind die beiden schon in Amsterdam und der Alte holt sie vom Bahnhof ab.
Ich drehe mich um und sehe noch eine Seite liegen. 9. Das heißt auch 10. Ach iwo?! Es ist eine doppelte Seite! Jubilation. Einführung. “Berlin – Amsterdam” lautet der Titel. Ich lese: “Berlin Dezember 1989. Zur Vorweihnachtszeit am Haupteingang des KaDeWe, größtes Kaufhaus am Platze.” Also doch die alte Geschichte, und sofort zwei Gedanken dazu: Ich war schon da und es war schon nach dem Mauerfall, was dem Autor auch nicht entgangen ist. “Vor gut fünf Wochen entstand das erste Loch in der Mauer zwischen den beiden Deutschlands.” Der Ich-Erzähler steht vor dem Eingang und wartet auf ihn, der hier in der Sport-Abteilung arbeitet. Sie haben sich in einer Disco kennengelernt.
Ich lebte damals zusammen, obwohl doch nie richtig zusammen, mit einem Homosexuellen. Ich weiß sogar nicht ob er sich schon erzwungenermaßen sozusagen schon geoutet hat oder nicht. Dies passierte zu Ostern, aber ob es vor dem Fall der Muer war oder erst danach, weiß ich nicht mehr. Ich vermute, dass es erst kommen wird.
Aber es kann sein, dass wir beide, die Ich-Erzählerin und ihr Freund, beide aus Polen, wie der Alte, uns auch an diesem Abend vor dem KaDeWe treffen. Dies taten wir ziemlich of. Ich war damals eine Kreuzberger-Schlampe, wie er meinte, und kleidete mich in den Second-Hand-Läden in der Bergmannstraße, er war ein eleganter Dandy und wollte einen Anzug im KaDeWe kaufen. Eben. Er hätte auch die beiden aus derselben Disco kennen können, was ich noch nicht wissen konnte. Oder doch schon.
Sie sind also in der Disco. Es ist spät. “Ich muß morgen früh raus!”, hat er noch gerufen. Und: “Habe um halb sieben Feierabend. Wollen wir uns dann treffen?”
Nein, es war der Wintermantel. Der Winter war immer noch sehr warm. “Wie letztes Jahr ist es viel zu warm für die Jahreszeit”. Wir sollen uns die Wintermäntel für ihn anschauen. Ich stehe und warte, er verspätet sich. Bald ist es aus mit dem Einkauf heute. “Jetzt ist es bereits halb sieben durch. Nur noch vereinzelte Kunden werden von blassen Verkäuferinnen wie Schafe aus dem Stall herausgetrieben. Dann dreht ein uniformierter Wachmann seinen Schlüssel in der verdeckten Alarmvorrichtung – schwere Glastüren schließen sich, ein eisernes Gitter schwebt herunter. Das war es dann wohl…”
Ende der Seite 10. Ich bin durchgefroren. Durch und durch. Mein Freund ist nicht angekommen. “Suchend schaue ich mich um.” Man hatte noch keine Handys, unglaublich, aber wahr. Seite 11: “In diesem Moment drückt mir jemand von hinten einen warmen Kuß auf den Hals – ich fliege herum und werfe dabei um ein Haar meine Brille zu Boden: Er ist es!”
Ja, der da, der seine, der ist schon gekommen. Meiner nicht. Zuhause lege ich mich ins Bett hin. Mich fröstelt es. Wenn er endlich kommt, zische ich nur durch die Zähne, dass wir ihm keinen Mantel gekauft haben, und ab morgen soll es sehr kalt werden, der Winter halt. Und wenn er sich erkältet, weil er nicht warm genug angezogen ist, werde ich ihm keinen Tee reichen. Er soll in seiner blöden Krankheit krepieren. Schluss.
Sie gehen essen und geraten in eine Schlägerei. Ende der Seite 11. Auf Seite 12 ganz oben schreit jemand: “<<Schwule hat bestimmt AIDS. Paß auf, daß du kein Blut von dem abbekommst!!>> Wir erschrecken gleichzeitig.” Es ist dunkel. “Etwa sechs oder sieben junge Männer, keineswegs als Skins oder Nazis erkennbar, schlagen auf zwei Jungen ein…”
Die beiden wollen Polizei verständigen (kein Handy! Man muß eine Telephonzelle finden und passende Münzen parat haben!), da erscheint doch doch der Alte… “… bestimmt eine Ecke über sechzig, drängelt sich energisch nach vorne und fährt die Schläger… ” Und so weiter. Das wissen wir schon. Wir waren schon auf der Seite 15. Mal. Alle gehen. Die Geschlagenen gehen zur Polizei, die beiden aus der Disco gehen essen, der Alte geht weg. Ich bin krank. Habe Fieber. Mein Freund bringt mir eine Tasse heissen Tees und Aspirin. Er lächelt ganz böshaft. Man darf nicht mit bösen Zauberworten gedankenlos um sich werfen. Es kann immer passieren, dass sie abbiegen, von der Wand abspringen, sich unerwartet drehen und plötzlich den treffen, der sie geworfen hatte.
Zum Beispiel mich.
Ich habe im Internet gesucht und das Buch gefunden. Links: ein Foto daraus. Der Stefan K. ist der Alte, der später in Berlin den jungen Schwulen hilft und in Amsterdam wohnt. Als ich die gefundenen Seiten las, dachte ich, ach, noch so ein Roman für Jugendliche mit toleranter Botschaft. Notwendig, klar, aber nicht aufregend. Dagegen fand ich eine stark beletrisierte wahre Geschichte, wo das Deutsch-Polnische eine wichtige Rolle spielt.
Wenn mich die Logik des Schreibens nicht irreführt, ist es kein Buch über junge Homosexuelle aus Berlin oder Amsterdam, sondern über den Alten, der während des Krieges die Pubertät durchmacht. Es wird also die Geschichte einer homosexuellen Liebe in Polen während des Krieges sein. Eine Story über jemanden, der Alles und Alle gegen sich hatte, die eigene Familie, sich selbst, die Kirche, Tabus, Hormonen und die Deutschen obendrauf.
Ich habe mir das Buch bestellt, ich werde es lesen und nachprüfen, ob meine schriftstellerische Intuition etwas ist, worauf ich mich verlassen kann. Danach gebe ich den Roman als Preis für die Rätselösung weiter.
Rätsel: Was ist das für ein Buch? Antwort von Anne Schmidt: Lutz van Dijk, Verdammt starke Liebe.
PS.
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