Frauenblick oder…

Monika Wrzosek-Müller

…nochmal über Emmanuel Carrère

An mir nagt das Gefühl, jemandem Unrecht getan zu haben. Ich habe Emmanuel Carrères Buch Yoga hier zerrissen, ohne mich über seine anderen Werke und über seine Person gründlicher informiert zu haben. So fühle ich mich verpflichtet, seine außergewöhnliche Biographie eines russischen – ja nun, wie soll man sagen – Schriftstellers, Terroristen, auf jeden Fall eines Typen, der alle Grenzen überschritt, die Begriffe aufmischte, sein Leben immer wieder neu erfand und in den jeweiligen Rollen auch exzellent auftrat, eher eines Delinquenten als Dissidenten, nämlich über Eduard Limonow, zu würdigen und zu empfehlen. Es geht hier um Eduard Venjaminowitsch Sawenko, der sich selbst Limonow nannte, geb. 1943 in der Ukraine, in der Nähe von Charkiw, gest., 2020 in Moskau.

Natürlich gewinnt die Biografie jetzt, nach dem brutalen Angriff Russlands auf die Ukraine, eine besondere Aktualität und Scharfsicht. Hätten wir mehr solche Bücher gelesen, dann wüsten wir besser über Russland, über die Zerrissenheit der Einwohner dieses riesigen Landes, über ihre Gefühls- und Emotionslage Bescheid. Dass sie die Perestroika und Glasnost nicht immer begrüßt haben und dass es oft im Innern kochte und Widerstände gab.

Für mich ist faszinierend, wie nah der Autor eigentlich seinem Helden ist: ähnlich egozentrisch und auf sich fixiert. Das ist auch, was ihn an der Figur, an dem Menschen Limonow fesselt. Auch die Tatsache, dass er in seinen fast ausschließlich autobiografischen Büchern „ehrlich bis zur Ekstase“ ist. Da ähneln sich die beiden Helden sehr, doch lebt Carrère seine Sehnsüchte und Träume nicht so exzessiv aus. Als Sohn einer französischen, aber russischstämmigen Historikerin, Helene Carrère d´Encausse, die als eine der ersten den Untergang und Zerfall der Sowjetunion vorhersagte, hatte er schon einen besonderen Zugang zu dem Land. Limonow selbst traf er in den 80er Jahren auch persönlich in Paris; der Autor, als junger Spund, nahm damals alles in sich auf – das intellektuelle Leben der französischen Elite; das Sich-Treffen, Mischen, Austauschen, Feiern. Über den Limonow jener Tage schreibt er: „Die Freiheit seines ganzen Auftretens und seine abenteuerliche Vergangenheit imponierten uns jungen Bürgerlichen. […] Er liebte Prügeleien und hatte unglaublichen Erfolg bei Frauen.“ Der Held des Buchs, Limonow, damals in Paris gefeierter Skandalautor, gerade aus New York angekommen, und sein Buch Fuck off, Amerika, gerade auf Französisch erschienen. Ich denke, das ist auch das, was das Buch so lebendig und unterhaltsam macht. Der Autor schwankt bei der Figur zwischen Begeisterung und Ekel, sie zieht ihn an und stößt ab; er beschreibt dabei auch manchmal sich selbst, und während wir das lesen, unterliegen wir auch diesen Schwankungen, das macht auf jeden Fall den Text authentisch und überaus spannend.

Erst viel später, 2007, fährt Carrère nach Moskau, um eine Reportage über Limonow zu machen; er trifft jetzt viele Oppositionelle, die erstaunlich positiv über Limonow sprechen: „Er ist mutig!“, das ist der Tenor. Deswegen fängt auch die Biografie damit an, dass er mit den Leuten um Anna Politkowskaja sprechen will, um die Umstände ihres Todes aufzuklären, und wir lernen eine breite Szene von Moskauer Menschenrechtsaktivisten kennen; da tummelt sich dann auch der ihm schon bekannte Limonow. Schön ist auch das Eingeständnis des Autors, dass sein Held in keine eindeutige Beschreibung passt und dass „sein new wave-artiges Dissidententum erfrischend war“; er schreibt die Biografie auch anhand von dessen Büchern, interviewt ihn eigentlich nie. Er sammelt Informationen über ihn von anderen Menschen, er führte mit über dreißig Personen Gespräche über Limonow.

Der Lebenslauf des inzwischen verstorbenen Helden liest sich wie ein Krimi und ist wirklich voller Überraschungen und Wenden, die eigentlich nicht in ein „normales“ Leben reinpassen, so prall ist es gefüllt. Geboren wurde also er irgendwo in der Nähe von Charkiw; da schon als herumlungernder Poet aufgefallen, geht er nach Moskau, wo er eigentlich studieren will, aber hauptsächlich rebelliert, für Bekannte aus der Szene Hosen schneidert und gut lebt. Dann wird er 1974 aus der UdSSR ausgewiesen, heiratet ein Model und geht zusammen mit ihr nach Amerika, wo er hofft, eine große Kariere zu machen. Er gerät aber in Umstände, die alles andere als rosig sind und die er dann in dem Buch It´s Me, Eddie (auf Deutsch ziemlich schräg übersetzt als Fuck off, Amerika) beschreibt; er wird zum Dissidenten gegen das Dissidententum. So verhält er sich aber sein Leben lang. Mit seinem Buch landet er in Paris und wird dort gefeiert, kann in den besten Zeitschriften und Verlagen veröffentlichen; aber dieses bequeme bürgerlich-intellektuelle Leben passt ihm nicht und so verschwindet er dann wieder nach Moskau, wo nach dem Zusammenbruch des Kommunismus „die Dinge in eine seltsame Richtung zu laufen begannen“. Er verschwindet auf den Balkan, wo er an der Seite von Radovan Karadzic (wie der bekannte polnische Filmregisseur Pawel Pawlikowski in einem Dokumentarfilm „Serbisches Epos“ gezeigt hat), eindeutig für die Serben optiert und sogar auf Menschen im belagerten Sarajevo schießt. Entsprechend setzt er sich später für die Tschetschenen ein, dann in Abchasien gegen die Georgier, und letztendlich wird er 2001 verhaftet und verbringt einige Jahre im Gefängnis, die er auch produktiv nutzt – wo er Bücher schreibt und meditieren lernt. Dazwischen gründet er die Nationalbolschewistische Partei, gibt die Zeitschrift „Limonka“ – die Handgranate – heraus. Er umgibt sich zunächst mit Punks, dann mit faschistoiden Typen, Elementen, die mit kahlrasierten Schädeln und schwarzer Kleidung mit erhobenem Arm, oder aber auch geschlossenen Faust skandierend durch die Straßen Moskaus ziehen. Das alles tut er aber sozusagen augenzwinkernd; gleichzeitig verbandelt er sich auch mit Garri Kasparow und Boris Nemtsow gegen Putin, organisiert sogar „Märsche der Dissidenten“; auf jeden Fall ist er immer ein Star und starker Typ, immer umgeben von Frauen, immer ein Extremist, nie in Ruhe, auch nicht in der Abgeschiedenheit, in der tiefsten Provinz. Er meint, Krieg sei ein existenzielles literarisches Erlebnis und Extremismus seine persönliche Wahrhaftigkeit.

Das Buch erzählt von Limonow, aber auch von Russland und von dem Autor selbst, von dem Durcheinander und der Schnelligkeit der Ereignisse, die diese Zeit bestimmt haben, von den Wechselwirkung des Schicksals einer Persönlichkeit mit den Geschehnissen rundherum, und da sich das so leicht und beschwingt liest, meint man manchmal, es könnte erfunden sein. Am Schluss des Buches sprechen Carrère und Limonow doch direkt miteinander. Limonow: „Ich liebe den Irrsinn. Mein ganzes Leben beweist das. Ich kultiviere nicht Logik, sondern Ekstase. Meine morbiden Empfindungen verschaffen mir Freude“; da kommt es Carrère die Einsicht: „Ich denke, er könnte eine Art Guru in Zentralasien werden“.

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